Schauspielhaus Wien: F for Factory

Oktober 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Halte die Verzweiflung privat und kurz …

Bei Maximilian Brauer geht’s um die Wurst. Bild: © Matthias Heschl

Zum vermuteten Ende hin verliest Maximilian Brauer eine Art Manifest, in dem unter Punkt sechs, oder war es sieben?, aufgelistet steht: „Halte die Verzweiflung privat und kurz“. Nun denn, sie sei in diesem einen Wort formuliert: entbehrlich; ebenso möglich: Zeitvernichtung. Das Schauspielhaus Wien eröffnete die Saison, nachdem das ursprünglich dafür vorgesehene Projekt des Duos Vinge & Müller verschoben werden musste, mit der Stand-up-Anarchie „F for Factory“.

Eine Aktion, die Vinges Stammschauspieler Maximilian Brauer tonangebend ausführte. Dies natürlich eingedenk des norwegischen Theatermachers, und völlig neben der Spur, lässt man sich von der Schauspielhaus-Seite dazu verleiten, irgendetwas von/über/mit Andy Warhol und seinem legendären New Yorker Studio zu erwarten. Die ganze Irreleitung hält sich vielmehr für so impulsiv, dass das Schauspielhaus nicht einmal eines seiner sonst stets inhaltsreichen Programmhefte für angebracht erachtete; statt eines solchen gibt’s einen Vierseiter mit vielen Fotos und ein bisschen Werbung.

„Gleich beginnt der Theaterabend“, verkündet Brauer bereits im Foyer, und als er dies zum x-ten Male tut und eine Dreiviertelstunde „Werkeinführung“ verstreicht, hat man begriffen, dass diese Verabredung nicht eingehalten werden wird. Und düster steigt die Ahnung auf, hier geschieht nichts Wesentliches mehr, hier findet die Komplettverweigerung statt. Theater kann von der Mode also tatsächlich nicht nur zertrümmert, sondern auch zu Tode gequatscht werden, mit dem Ergebnis eines diffusen post-post-post … postfaktisch, und weil dieses bekanntlich schon gestern war, postintellektuell, jedenfalls aber post jeden Inhalts.

Unter Ausschluss von großen Teilen der nicht einmal seinen Haarschopf sehenden Zuschauer kaspert sich Brauer durch den Schauspielhaus-Vorraum, verteilt Sekt und Schokobananen, versucht sich an „Malen nach Zahlen“ und einen Diaprojektor in Gang zu bringen, und gibt einem vorbeifahrenden D-Wagen Regieanweisungen: „Etwas leiser bitte!“ Um Klamauk und Kalauer keine Sekunde lang verlegen, setzt sich das Geduldsspiel schließlich doch im Bühnensouterrain fort, an drei Seiten um die Spielfläche sind Podien fürs Publikum aufgestellt, in der Mitte verspricht Brauer, inzwischen angetan mit einem Quarterback-Kostüm und Runde um Runde übers Parkett drehend, diesem „eine Art Zaubershow ohne Tricks“.

Jesse Inman gibt alles, was immer das auch sein mag. Bild: © Matthias Heschl

Kurz noch die Handgelenke in der ersten Reihe per Handblitz „gescannt“ und auf einer Personenwaage „das Gewicht des Abends“ ermittelt (Brauers 71 Kilo), dann geht’s auch schon los mit dem … Einsudeln mit Ketchup und Schlagobers und Dosenbohnensuppe und dutzendfachen Auslegen desselben Posters als „Siebdruck-Serie“. Brauers „Es geht um Reproduktion“ ist in diesem Moment ohnedies eh klar, heiliger Pop-Art-Artist, bitte für uns …

Wozu, und wirklich: wozu?, Vera von Gunten die Rumpelstilzchen-Litanei „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Andy Warhol heiß‘!“ zum Besten gibt. Und apropos, Bestes, darum bemüht sich auch Jesse Inman als Was-auch-immer. Höhepunkt der krausen Gedankencollage sind zwei Gastauftritte, ein Pizzabote, der bemitleidenswert irritiert ins Tohuwabohu stolpert, bis man ihn aufklärt, wer die beiden Margarithas bestellt hat, und ein Rosenverkäufer mit deutlich mehr Entertainerqualitäten, der – Applaus-Verbeugung-Applaus – beinah nicht wieder aus dem Saal zu kriegen ist.

Dazu Hildegard Knefs „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, Laurent Pellissier, kann aber auch Franz Beil sein, als Old Shatterhand für Ärmere, während Brauer einen Rucksack mit der Aufschrift „Verantwortung“ schultert und palettenweise Cola und Gummibonbons ins Publikum schleudert. Auch die Pizzen wurden brüderlich-schwesterlich geteilt. So ist immerhin der Bauch voll, wenn schon der Rest sinnleer. Die Berliner Band Goshawk, zwei E-Gitarren, ein Schlagzeug, schrammelt, als ob ihr Leben daran hänge. Menschen gehen und sind gegangen, andere kommen mit Bier oder nach der Toilette zurück. Zwei Frauen lassen sich selbst durch einen Brauer-Strip nicht zum Bleiben bewegen.

„Ich hoffe es stört euch nicht, wenn ich bis zur nächsten Vorstellung durchspiele“, soll Brauer noch gedroht haben, aber da hörte man selber das Schwermetall von Goshawk schon vom Usus aus – Stichwort: Seelentrösterzweigelt. Was man nach „F for Factory“ fühlt, ist wie Pädagogen-Burn-out. Nach stundenlanger Beobachtung von Zappel-Mäxchen hat einen dessen mit blinkenden Dinosauriern und einem ferngesteuerten Auto ausgelebte Hyperaktivitätsstörung doch ziemlich ermüdet. Wie schrien dereinst Country Joe & The Fish & die Community in Woodstock? „What’s that spell?“ – „F***!“ „F for Factory“ ist jedenfalls was für Sitzfleischmalträtierer und Gehirnmasochisten.

www.schauspielhaus.at

  1. 10. 2019

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Sich einfach in den Film fallenlassen“

Der Mann mit dem Messer. Philipp Hochmair spielt den Koch Nick. Bild: © Polyfilm Verleih / Wojciech Sulezycki

Freitag lief in den heimischen Kinos „Tiere“ mit Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr an. Als Nick und Anna wollen die beiden eine Auszeit in der Schweiz nehmen. Doch nach einem Unfall mit einem Schaf kommt alles anders. Der Tod des Tieres wird zum Ausgangspunkt einer schwarzen Komödie der Irrungen über die Rätsel von Liebe und Täuschung.

Und zu einem raffinierten Mindgame zwischen Wien und den Alpen. Seltsame Dinge geschehen im Ferienhaus, die scheinbar nur Anna wahrnehmen kann. Liegt es an dem Autounfall, den sie mit Nick hatte? Bildet sie sich das alles nur ein? Oder ist das alles nur ein Traum – und falls ja: Wer träumt ihn eigentlich? Dem in der Schweiz lebenden polnischen Regisseur Greg Zglinski ist mit „Tiere“ ein sehr besonderer Film gelungen; in den Nebenrollen brillieren Michael Ostrowski, Mona Petri und Mehdi Nebbou. Philipp Hochmair im Gespräch:

MM: Ehedrama, Psychothriller, Horrormärchen – wie würden Sie „Tiere“ beschreiben?

Philipp Hochmair: Der Film ist das alles, er entzieht sich vor allem jeder Kategorie, er ist also Drama, Komödie, Heimatfilm – alles gleichzeitig. Und das macht ihn für mich so besonders.

MM: Dies ist eigentlich ein unmöglich zu führendes Interview, denn man darf nicht ein Wort zu viel sagen, um die Pointe von „Tiere“ nicht zu verraten.

Hochmair: Genau … Mir haben aber auch schon Leute gesagt, sie hätte in dem Film nichts verstanden. Wir werden in diesem Interview dazu ermuntern, dass es nicht darum geht, den Film zu verstehen, sondern sich einfach in den Film fallenzulassen und ihn auf sich wirken zu lassen.

MM: Ich nehme an, all diese Vielschichtigkeiten haben Sie in dieses Projekt geführt?

Hochmair: Der Regisseur Greg Zglinski hat Birgit Minichmayr und mich als das zentrale Paar ausgewählt. Der Autor und ursprüngliche Regisseur des Films Jörg Kalt hat sich tragischer Weise vor zehn Jahren das Leben genommen. Damals stand das Projekt schon einmal vor Drehbeginn. Das zentrale Paar Anna und Nick gibt es auch in seinen anderen Filmen. In „Richtung Zukunft durch die Nacht“ waren es Simon Schwarz und Kathrin Resetarits. Simon Schwarz war also schon vor mir Nick, und Kathrin Resetarits Anna. Dieser Nick und diese Anna verkörpern bei Jörg Kalt  den Mann und die Frau die aneinander scheitern. Die sich suchen aber nicht finden. Weil sie vielleicht trotz ihrer Liebe nicht in der gleichen Welt leben …

MM: Das ist eine schöne Linie

Hochmair: … und dass immer wieder andere Schauspieler dieses Paar spielen, hat mich interessiert. „Richtung Zukunft durch die Nacht“ ist mehr eine Komödie, die Manie und Heiterkeit. Hier in „Tiere“ haben wir die Depression als Gegenstück. Die Beschäftigung mit dem Menschen Jörg Kalt ist sicher auch ein wichtiger Zugang zu dem Film „Tiere“.

MM: Wie ist denn dieser Nick, den Sie spielen?

Hochmair: Wir befinden uns in einem Zwischenraum zwischen Tod und Leben. Eine Autofahrt Richtung Zukunft durch die Nacht in eine Auszeit, die eine Ehekrise lösen soll. Zwischen Lüge und Wahrheit. Nick ist mit seiner Beziehung zu Anna in einer Krise, und die beiden steuern auf eine Katastrophe zu. Er müsste sich ehrlich verhalten, aber das schafft er nur bedingt. Vieles, was passiert, kann auch nur in seinem oder ihrem Kopf passiert sein.

MM: Wie waren bei so einem verrätselten Film die Dreharbeiten?

Hochmair: Eigentlich ganz klassische Filmarbeit. Wir haben jede Situation ganz konkret genommen. Aber die Dreharbeiten waren in jeder Hinsicht besonders: ein besonderes Drehbuch, mit einem sehr besonderem Team, in besonderer Landschaft. Und es hat mir Spass gemacht, einen Koch zuspielen.

In der Schweiz soll es beschaulich werden: mit Birgit Minichmayr Bild: © Polyfilm Verleih

Doch es kommt ganz anders: mit Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Weil?

Hochmair: Ich leidenschaftlich koche. Jörg Kalt angeblich auch, das merkt man ganz deutlich an seinem Drebuch … Eine kleine Anekdote: Jörg Kalt, hat der Coop 99 – der Produktionsfirma des Filmes – einmal angeboten bei einem anderen Projekt, dem Film „Die Fetten Jahre sind vorbei“ als Koch das Film-Catering zu machen. Und hat, vor allem ohne sich als Regisseur oder Filmemacher aufzutreten, das Team ganz liebevoll bekocht. Das war für mich sicher auch ein Schlüssel zur Rolle „Nick“. Ich habe mich mit diesem Nick gut gefühlt. In Lausanne auf dem Berg leben, das Kochen, seine undurchsichtigen Wege … das konnte ich gut nachvollziehen. Ich habe selbst kurz davor auch in Lausanne gelebt und gearbeitet, habe dort meinen Werther-Monolog am Théâtre de Vidy auf Französisch produziert. Sicher auch deswegen ist die Rolle Nick trotz aller Verwirrung und trotz aller Fremdheit der zeitlichen Verwirrungen für mich sehr nachvollziehbar, konkret und persönlich.

MM: Apropos, Theater: Sie sind nicht nur mit „Werther“, sondern auch mit Ihrem „Jedermann Reloaded“ und mit Schiller-Monologen unterwegs, haben im Berliner Gropius-Bau Kafkas „Prozess“ gemacht. Am Theater lieber Solist?

Hochmair: Die Organisation von Staatstheatern, die oft Jahre im Voraus ihren Spielplan festlegen müssen, und von TV-Serien, wie zum Beispiel den „Vorstadtweibern“, oder internationalen Filmproduktionen, die sehr spontan planen,  lässt sich schwer vereinen. Das lässt sich im Moment für mich leider nicht so gut verbinden. Meine eigenen Produktionen wie „Jedermann-Reloaded“ oder „Werther“ sind da wie kleinen Ruderboote, die ich alleine ganz gut lenken kann. Ich war zum Beispiel gerade ein Monat in Kapstadt um zu Drehen, das wäre so mit einem fixen Theatervertrag nicht möglich.

MM: Aber Sie könnten Burgtheater und „Vorstadtweiber“ machen.

Hochmair: Das wäre natürlich eine gute Kombination … Aber so spiele ich an den Toren Wiens, nicht weit weg vom Burgtheater, in Bad Vöslau, im „Schwimmenden Salon“ von Angelika Hager jedes Jahr …

MM: Die „Presse“ hat Sie nach einem Auftritt dort einen „Bildungsbürgerpunk“ genannt. Passt das?

Hochmair: Gutes Stichwort. Ich versuche zwar wildes, innovatives, Theater zu machen, aber die Zuschauer sind lustiger weise doch das klassische Theaterpublikum, und nicht die 15- bis 18-Jährigen aus der Rapperszene. Ich habe gerade meinen „Jedermann“  im Linzer Posthof gezeigt, einem Ort für Rockkonzerte und ich dachte, da werden die jungen Massen strömen. Aber nein … trotz Rockband, trotz Techno bleibt es ja klassische Literatur, also auch bildungsbürgerliches Theater … Daher wahrscheinlich der „Bildungsbürger Punk“. Ich irritiere und animiere mit Mitte 40 eben eher meine Generation als ganz junge Leute.

MM: Wenn Sie nun so leicht verzweifelt die „Mitte Vierzig“ murmeln, wohin geht Ihr Wollen und Werden und Wirken?

Hochmair: Den Weg weitergehen, den ich gerade gehe. „Vorstadtweiber“ möchte ich gerne noch ein paar Staffeln machen, will als „Joachim Schnitzler“ noch so richtig auf den Putz hauen! Am 8. Jänner wird’s in der dritten Staffel so richtig krachen. Dann schauen wir weiter …

Die Frage bleibt, ob und was Nick im Schilde führt: Philipp Hochmair. Bild: © Polyfilm Verleih

MM: Einen weiteren Film haben Sie kürzlich abgedreht: „Candelaria“. Der kommt 2018 ins Kino?

Hochmair: Das hoffe ich. Eine kolumbianisch-kubanisch-deutsche Koproduktion. Wir befinden uns in den 90er-Jahren in Kuba. Im Zentrum steht ein sehr altes Ehepaar. Das Land befindet sich in der grossen Kries und die Leute sind sehr, sehr arm.

Ich spiele einen deutschen Krisengewinner, eine Art Unterweltskönig. „Candelaria“, die Frau, findet durch Zufall eine Vidokamera und ihr Mann beginnt sie damit unter anderem beim Duschen zu filmen. Das alte Paar entdeckt darüber auf sehr rührende Weise seine Sexualität wieder. Nur landet aber dummerweise dieses sehr private Filmmaterial bei mir, und ich will dann damit Geld machen. Daraus spinnt sich ein sehr anrührender Film in einer ganz anderen Kultur.

MM: Bis wir den sehen können, was wünschen Sie sich für „Tiere“?

Hochmair: Ich wünsche mir dass sich viele Zuschauer auf dieses filmische Experiment einlassen und auf die Reise, die auf den ersten Blick vielleicht etwas wirr erscheint, einlassen. Ich denke, es ist ein gelungenes Experiment. Wie schon gesagt: Gleichzeitig Komödie, Drama, Thriller und Liebesfilm.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26976

www.tiere.film

20. 11. 2017

Viennale 2017: Tiere

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schwarze Katze kündigt Mord an

Anna und Nick haben sich auseinander gelebt: Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair agieren im Psychothriller „Tiere“ ganz großartig. Bild: © Polyfilm Verleih

Ein Autounfall ändert das Leben von Anna und Nick radikal. Gerade war man noch unterwegs ins Schweizer Bauernhaus, das man für ein halbes Jahr gemietet hatte, als Aussteiger-Domizil für den Haubenkoch und die Kinderbuchautorin – und dann ein Schaf auf der Straße, ein Peng, Auto hin, Schaf tot, Frau im Krankenhaus …

„Tiere“ heißt der Film von Greg Zglinski, der am 30. Oktober Österreich-Premiere bei der Viennale hat, am 17. November in den Kinos anläuft, und in dem Birgit Minichmayr und Philipp Hochmair als Anna und Nick in gewohnter Weise begeistern. Es ist – zumindest vordergründig – die Geschichte einer Ehekrise, die der polnisch stämmige und in der Schweiz aufgewachsene Filmemacher Zglinski nach einem Drehbuch des 2007 verstorbenen Jörg Kalt in seiner ersten internationalen Produktion erzählt. Die beiden Wiener Bobos haben sich in ihrem sehr stylischen Leben nämlich längst auseinandergelebt. Ihre Beziehung ist durch seine Untreue, ihre Eifersucht und berufliche Selbstzweifel auf beiden Seiten ramponiert, die Schweiz hätte es richten sollen, aber ach! Zum Glück nur eine Platzwunde an Annas Schläfe.

Und dann geht sie los, die Suspense-Story oder Die Frage, wer hier verrückt ist oder gemacht werden soll – und vor allem von wem? Denn es gibt nichts, was der eine sagt, das vom anderen nicht in Zweifel gezogen würde. Meint sie, man sei gestern angekommen, erwidert er, es sei zwölf Tage her. Spricht er mit ihr am Esstisch, erscheint sie plötzlich aus dem ersten Stock mit der Frage: Mit wem redest du? Schreibt sie einen neuen Roman in ihr Heft oder sind die Seiten leer? Reist er tatsächlich durch die Region, um neue Rezepte zu sammeln, oder geht er mit einer Eisverkäuferin am Genfer See fremd? Anna traut bald ihrem Verstand nicht mehr. „Ich bin anders als sonst?“, so sie zu Nick. „Irgendwie schon“, antwortet der. – „Das war’s eh, was ich fragen wollte.“

Bei Mischa in der Wiener Wohnung fließt Blut: Mona Petri. Bild: © Tellfilm/Wojciech Sulezycki

Derweil pflegt Anna ihre Schreibblockade: Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Und dann ist da eine schwarze Katze, die französisch spricht, und wie alle ihre Artgenossen den sechsten Sinn hat, und Anna mitteilt, dass Nick sie ermorden will. In der Nacht darauf ersticht sie ihn mit dem Tranchiermesser, erstickt er sie mit einem Kopfpolster, aber alles nur ein Traum – oder doch nicht? So funktioniert Zglinskis Film zwischen real und surreal. Es geht de facto um Leben und Tod. Und auch wenn nicht alle Szenen innerhalb der Logik des Films evident sein werden, sobald der Regisseur seine Lösung fürs Ende präsentiert (Stichwort: Kapuzenmann im Regen), so ist „Tiere“ doch ein gut gemachter Psychothriller mit Horrormärchenelementen. Und reichlich schwarzem Humor.

Zglinskis nimmt sich, unterstützt von Piotr Jaxas an David Lynch geschulter, raffinierter Kameraführung und Laurent Jespersens hartem Sounddesign, vieles, was das Genre zu bieten hat. Immer wieder fährt die Kamera, fährt das Auto durch einen blutroten Tunnel als wäre er eine Metapher für die Wunden, die Anna und Nick einander schlagen. Parallelwelten tun sich auf. Die Korridore, die Vorzimmer sind gleich gestaltet, lange Gänge, über die es zu irren gilt, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Und auch eine geheimnisvolle Tür, die verschlossen bleiben muss, und zum Schluss wie von Geisterhand geöffnet werden wird, gibt es überall. Alle Frauen sind optisch oder tatsächlich? eine.

Schauspielerin Mona Petri als Drolerien-Forscherin Mischa, die sich Anna und Nick im heimischen Altbau als Untermieterin genommen haben, als seine Geliebte Andrea und als Schweizer Eisverkäuferin. Andrea wird in Wien aus dem Fenster springen, ein Vogel wird in der Schweiz durchs Fenster fliegen – ein Doppelselbstmord, und Mischa eine Wiedergängerin? „Ich habe plötzlich das Gefühl gehabt, die seh‘ ich nie wieder“, sagt Anna nachdem sie Mischa/Andrea/oder wem? zum Abschied die Hand quetscht.

Im Schweizer Bauernhaus sollte alles besser werden, doch nicht nur ein Schaf kommt unter die Räder: Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr. Bild: © Polyfilm Verleih

Systematisch zieht Zglinski das Netz der Verunsicherung enger. Er arbeitet mit Verschiebung von Perspektiven, Verwechslungen, falschen Annahmen, falscher Wahrnehmung, Lüge. Virtuos jongliert er mit den enigmatischen Wiederholungen seiner Story, bis der Zuschauer selbst nicht mehr weiß, was er sieht und was er glauben soll.

Blut fließt. Auch Mischa wird sich eine Kopfwunde zuziehen, und nach der Spitalsbehandlung „den Arzt mit dem fehlenden Finger“ erneut in der Klinik besuchen wollen. Nur, dass der den erst Tage später durch Andreas Ex verlieren wird. Mehdi Nebbou und Michael Ostrowski komplettieren in diesen Rollen den Cast. Normal ist in diesem Film keiner. Und zwischen all den Rissen, Zeitsprüngen und Gedächtnislücken brillieren die Minichmayr und Philipp Hochmair. Wie ihr Gesicht zunehmend entgleist, während Hochmairs Nick souverän und freundlich bleibt. Wie ihre Anna mit spitzer Boshaftigkeit und übellaunigen Blicken seiner arrogant-überheblichen Selbstsicherheit Contra gibt. Und gerade, als man von ihrer labilen Unsicherheit und ihrem peniblen Zwänglerisch-Sein genug hat, dreht sich die Handlung ein letztes Mal, ein verwirrender Zeitungsartikel taucht auf – und Nick …

Greg Zglinskis komplex verrätselte „Tiere“ (der Titel auch dem Kinderspiel geschuldet, das Anna und Nick auf Autofahrten spielen) ist eine magische, eine mystische Interpretation eines Daseins, für das es mehr geben muss, als die Schulweisheit sich träumen lässt. Angedockt an den wenigen Meisterwerken von M. Night Shyamalan erzählt er in großer atmosphärischer Dichte von der menschlichen Existenz – und dem letzten Liebesbeweis, den man dieser erbringen kann. Wer aus dem Film geht, hat garantiert Herzklopfen. Entlassen mit der Frage, nicht was, sondern wer Wirklichkeit ist.

Philipp Hochmair im Gespräch über „Tiere“: www.mottingers-meinung.at/?p=27417

www.viennale.at

www.tiere.film

  1. 10. 2017

Tanzquartier Wien: M!M

Oktober 23, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Performance auf dem Ballhausplatz

Mikael Marklund Bild: Tanzquartier Wien

Mikael Marklund
Bild: Tanzquartier Wien

Am 24. Oktober wird auf dem Ballhausplatz getanzt. Der Entwurf des deutschen Künstlers Olaf Nicolai ging 2013 als Sieger des Wettbewerbs für ein Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz hervor.  Ein überdimensionales, liegendes „X“, wird anlässlich der Eröffnung mit einem performativen Akt des Choreografen Laurent Chétouane auf Einladung des Tanzquartier Wien bespielt. Die Choreografie M!M, die sich mit Jacques Derridas „Politik der Freundschaft“ auseinandersetzt,  schreibt sich dabei in das von Nicolai inszenierte Erinnern an Vergangenheiten und seine Hommage an gegenwärtige Zivilcourage ein. Diese auf den Ort bezogene Solovariante von M!M wurde von Laurent Chétouane mit dem Tänzer Mikael Marklund  gemeinsam erarbeitet. Das Stück tritt so in Dialog mit der Inschrift des Denkmals; deren Kombination der Worte „all / alone“, die ein concrete poem des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay zitieren, wird so im Spannungsfeld der möglichen Interpretationen „ganz alleine“ bis „alle alleine“  erfahr- und diskutierbar.

Der Eintritt ist frei.

Zu den Künstlern:

Laurent Chétouane (geb. 1973 in Soyaux/Frankreich) absolvierte nach einem Ingenieurstudium ein Studium der Theaterwissenschaft an der Sorbonne und der Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/M. Seit 2000 zahlreiche Inszenierungen an großen Bühnen u. a. in Hamburg, München, Weimar, Köln, Athen, Oslo, Zürich. Daneben seit 2006 fünfzehn tänzerische Projekte mit internationalen Gastspielen in Frankreich, Italien, Holland, Belgien, Österreich, Schweiz, Türkei, Norwegen, Russland, Japan. Chétouane erhielt 2008 die Wild Card der RUHR.2010 und den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für hervorragende junge Künstler. Kontinuierliche Lehrtätigkeit an diversen Universitäten (Frankfurt, Berlin, Gießen, Bochum, Bern, Hamburg, Leipzig, Bern, Oslo).  Am 1. Oktober wurde BACH/PASSION/JOHANNES  in Hamburg uraufgeführt, u.a. koproduziert vom Tanzquartier Wien, wo es am 12. und 13. Januar 2015 gastieren wird.

2002 – 2004 studierte Mikael Marklund Tanz in Stockholm an der Schwedischen Ballett Akademie. Danach setzte er seine Ausbildung bei P.A.R.T.S. in Belgien weiter fort. Während seiner Ausbildung erarbeitete er drei eigene Projekte: „Untitled Trio“ (2006), „King of my castle“ (2007) und „Deep Artificial Nonsense Concerning Everything“ (2008). Von 2009 bis 2012 war Mikael Marklund Mitglied bei Anne Teresa De Keersmaeker Kompanie Rosas. Das Solo „O“, uraufgeführt beim Festival d’Avignon im Juli 2012, war die erste gemeinsame Arbeit mit Laurent Chétouane.

In Kooperation mit KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien

www.tqw.at

Wien, 23. 10. 2014