Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

  1. 9. 2018

Bronski & Grünberg: Kabale & Liebe

April 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Schiller in neuen Rollenbildern

Bild: © Philine Hofmann

Nach seinem überragenden Vorjahrs-„Philoktet“ am Volx/Margareten inszenierte Calle Fuhr nun im Bronski & Grünberg Theater Friedrich Schillers „Kabale & Liebe“.  Und die kleine, feine Bühne, die sich immer mehr zum Wiener Must See mausert, kann auch mit dieser Produktion ihre Erfolgsgeschichte beim Publikum fortschreiben. Fuhr versammelt eine Handvoll hervorragender junger Schauspieler um sich: Johannes Nussbaum, bekannt aus den ORF-„Vorstadtweibern“, „Chucks“-Entdeckung Anna Posch, Luka Vlatkovic, Nanette Waidmann und Laura Laufenberg. Ihnen zur Seite steht Patrick Seletzky als Präsident von Walter.

Mit seinem sehr klaren ästhetischen Konzept setzt Fuhr ganz auf die Wirkmacht des Wortes – und auf die seines Ensembles. Er hat Schiller ins Heute weitergedacht, ein paar Änderungen vorgenommen, so ist Vater Miller, dargestellt von Nanette Waidmann, nun eine liebevoll-emanzipierte Mutter, und immer wieder schleichen die Figuren durch die finsteren (Gedanken-)Gänge der Handlung, die ihnen nur eine Lichtschnur erhellt. „Bösewicht“ gibt es dennoch keinen.

Fuhr arbeitet stattdessen fein differenziert die Zwänge und Nöte von Menschen heraus, die sich ins Umfeld von Staatsgewalt begeben haben, und dort nun ums Überleben, zumindest aber ums eigene Fortkommen kämpfen müssen. So ist Luka Vlatkovic als Sekretare Wurm kein sinistrer Unmensch, sondern ein von Liebe und anderen Dämonen in die Intrige Getriebener, einer davon der Präsident, der ihn deutlich als Werkzeug für seine Machenschaften verwendet. Der Lady Milford darf Anna Posch den großen „Wohltäterin des Volkes“-Monolog angedeihen lassen, auch sie eine Art Gefangene des Hofes, an dem sie um die Reste ihres Rufes rittert. Intensiv ist dieses Spiel, und dass nicht jeder Schillersatz sitzt und sticht, mitunter Emotionen in hysterische Schreierei münden, dann wieder manches wie aufgesagt klingt, wird durch Momente großer Wahrhaftigkeit mehr als wett gemacht.

Für diese sorgt neben Vlatkovic allen voran Johannes Nussbaum als Ferdinand, dessen Verstörtheit ob der Umstände berührt, der Vater-Sohn-Konflikt noch mehr als sonst betont durch die herzliche Beziehung Luises – Laura Laufenberg – zur Mutter Miller. Dass Fuhr dabei niemals moralisch wertet, sondern die Zuschauer behutsam durch ein ambivalentes Figurentableau navigiert, dass er Friedrich Schiller darob mit neuen Rollenbildern versieht, macht den Abend zu einem besonderen. Diese „Kabale & Liebe“ kann wärmstens empfohlen werden.

www.bronski-gruenberg.at/

  1. 4. 2018

Volkstheater: Höllenangst

September 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volk kommt nicht die Halfpipe hoch

Familie Pfrim fürchtet sich vorm Leibhaftigen: Günter Franzmeier, Claudia Sabitzer und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für die einen ist es ein Schutzwall, für die anderen eine sturmreife Barrikade, oben sind der Freiherr und der Staatssekretär, unten die Schusterfamilie, die Kammerjungfer, die Bedienten. Immer wieder nehmen sie Anlauf, laufen gegen die Mauer der „Mehrleister“ an, rutschen ab – und landen erneut am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchien. Mit diesem starken Bild beginnt Regisseur Felix Hafner seine Inszenierung von Johann Nestroys „Höllenangst“ am Volkstheater.

Er wiederholt es im Laufe des Abends mehrmals, dieses Anrennen gegen die metallisch-graue Halfpipe zur Einhaltung der Hackordnung, die Camilla Hägebarth als Bühnenbild erdacht hat. „Höllenangst“ ist Nestroys politischstes Stück. Verfasst rund um das Revolutionsjahr 1848, 1849 schließlich auf die Bühne gebracht, stellt es den Machtapparat der Reichen und Privilegierten bloß. Die Dinge werden deutlicher als in anderen Possen beim Namen genannt: ein Minister liegt im Sterben, Adel und Politik bemächtigen sich des Vermögens einer Waise, deren unliebsamer Onkel wird ins Gefängnis verfrachtet – und wenn am Ende, nachdem alles aufgeklärt, die ganze Stadt ob der Wahl eines neuen Ministers „illuminiert“ ist, lässt Nestroy offen, ob vor Freude oder weil’s schon wieder brennt.

Hafner macht im Wahljahr 2017 deutlich, wie bestürzend aktuell, eigentlich: wie zeitlos, dieses bissige Spiel ums Auf und Ab, ums Oben und Unten ist. Zwar sind aus feudalen Abhängigkeiten neoliberalistische geworden, doch ob Ausbeutung oder Selbstausbeutung bleibt sich letztlich gleich. Der Kapitalismus steht in Hochblüte; wer zahlen kann, schafft an. Mit Hafners Interpretation der „Höllenangst“ setzt das Volkstheater den von Direktorin Anna Badora beschrittenen Weg fort, in Theaterklassikern Konflikte der Gegenwart zu spiegeln.

Tauschhandel mit dem „Teufel“: Thomas Frank als Wendelin und Christoph Rothenbuchner als Oberrichter Thurming. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Sturm auf die Barrikaden wird bei Felix Hafner zur Rutschpartie: Kaspar Locher und Stefan Suske (oben), Luka Vlatković, Isabella Knöll, Valentin Postlmayr, Günther Franzmeier und Claudia Sabitzer (unten). Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Pfrims haben für Reichthal wichtige Papiere aufbewahrt: Günter Franzmeier, Gábor Biedermann und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Tempo der Aufführung ist hoch. Unerwartet freigelegte Schlupflöcher in der Halfpipe erlauben rasante Auftritte und Abgänge. Es wird geschlittert, gestolpert, geflutscht, drei Meter rauf-runter-rauf, der Körpereinsatz der Schauspieler grenzt ans Akrobatische,und mehr als einmal fragt man sich, ob’s gerade Absicht war oder gerade noch Glück gehabt? Die Plätze in bester Höhenlage, dort, wo sich die Wohlhabenden vorm Volk absetzen, sind besetzt. Stefan Suske steht als Bösewicht Freiherr von Stromberg über seinem Besitz wie ein Kapitän an der Schiffsreling.

Später wird sich sein Spezi, Kaspar Locher als der in Unschuldsweiß gewandete Staatssekretär Arnstedt dazugesellen. Die beiden haben die Erbschaft von Strombergs Mündel, der Baronesse Adele (Laura Laufenberg), eingezogen – und sonnen sich nun im Glanz des erbeuteten Geldes.

Auftreten nun Christoph Rothenbuchner als ehrlicher, ob der Verhältnisse leicht amüsierter Oberrichter Thurming, seit drei Wochen Adeles geheimer Ehemann, und Gábor Biedermann als Adeles ehrenwerter Onkel, der inhaftiert gewesene Freiherr von Reichthal. Dass die beiden in die Bredouille kommen, ist klar. Auch, dass es beide mit der Schusterfamilie Pfrim zu tun bekommen werden. Die Pfrims, Günther Franzmeier als Familienoberhaupt, Claudia Sabitzer als Ehefrau Eva und Thomas Frank als Sohn Wendelin, sind das Herzstück der Aufführung. Vor allem Franzmeier und Frank agieren wie entfesselt.

Wendelin, der sich als Gefängniswärter anheuern ließ, um Reichthal zur Flucht zu verhelfen, hält den durchs Fenster eingestiegenen Oberrichter für den eben erst von ihm um Hilfe angerufenen Teufel – und hält sich daher im weiteren Verlauf als Schützling des Leibhaftigen für unantastbar. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Mutter Eva wiederum, Adeles ehemalige Amme, hat von deren Mutter wichtige Papiere, die Reichthal erhalten muss.

Und schon ist der Intrigen-Spiel perfekt. Franzmeier und Frank, bereits in „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Dreamteam, setzen ihr Zusammenspiel aufs Feinste fort, die beiden können Nestroy, und vor allem, da Hafner dessen ausgeklügelte Sprache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, die Charaktere, ihre Eigenschaften und Handlungen über die Nestroy’schen Wortverdrehungen und Satzspielereien erklärt, sind zwei so präzise Sprecher wie die beiden unerlässlich. Franzmeier brilliert als Vater Pfrim, dessen Fatalismus ihn nicht davon abhält, sich die Welt schön zu trinken. Wunderbar die Szene, in der er im Haus des Oberrichters um seinen irrtümlich inhaftierten Sohn kämpft, und die allgemeine Verwirrung bis zum äußersten treibt.

Diesen gibt Frank als Revolutionär und Aufbegehrer, nicht gegen die weltliche, sondern gegen die höhere Ordnung, die ihm so einen schlechten Platz auf Erden zugedacht hat. Franks Wendelin ist mit wehleidigem Pathos voll bis zum Überlaufen, ein Verkannter auf Lebzeiten. Wie er aber um die Aufmerksamkeit eines ehemaligen Gefängniswärterkollegen (Mario Schober) buhlt, indem er in bester Monty-Python’s„Ministry of Silly Walks“- Manier vor diesem auf und ab patrouilliert, das ist große Klasse. Das Metaphern-Monster der Bühnenkonstruktion kommt auch in den Pfrim’schen Momenten zum Einsatz: Als der Schuster endlich seinen Trumpf ausspielt, nämlich, dass die Gattin Beweismittel gegen Stromberg und den Staatssekretär in der Hand hat, erklimmt Franzmeier den höchsten Punkt der Halfpipe und jagt die Betrüger nach unten.

Isabella Knöll, seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, beweist als Rosalie, Wendelins Geliebte und Adeles Kammerjungfer, Talent fürs Komödiantische bis hin zum Slapstick. Wie sie immer wieder gegen Thomas Frank anrennt, erst unfreiwillig, dann mit zunehmendem Zorn, das ist im Wortsinn umwerfend. Auch, wie sie temperamentvoll beteuert: „Ich bin eine stille, sanfte Person, aber aufbringen muss man mich nicht“, bringt das Publikum zum Lachen. Knöll hat Feuer, ihre Streitszene mit Wendelin (Er: „Dich erwartet die Hölle an meiner Seite.“ Sie: Gibt ihm eine Watschn.) gehört mit zum Unterhaltsamsten des Abends. Valentin Postlmayr und Luka Vlatković, ersterer Bedienter bei Stromberg und mit dem Mantra: „Er zahlt halt gut“ ausgestattet, zweiterer Bedienter und Pizzabote bei Thurming, komplettieren das Ensemble.

Die Couplets sind hochpolitisch: Luka Vlatković, Thomas Frank und Günter Franzmeier als Nestroy-Boyband. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Couplets hat Peter Klien neu getextet und Clemens Wenger neu vertont. Das Musikalische reicht von Tango-Anklängen bis zum sperrigen, schwer zu bewältigenden Rap, der Inhalt ist tagespolitisch brisant, vom Brexit bis zu mangelnden Frauenrechten, von falschen Wahlversprechen bis zur obligatorischen Social-Media-Schelte. Wendelins Aberglauben-Song darf natürlich nicht fehlen, gesungen von Thomas Frank, Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier.

Und auch Luka Vlatković greift zum Mikrophon. Am Ende bleiben zwei arme Teufel, Vater und Sohn Pfrim, denen die Freiheit ausgegangen ist, und die ausgegangen sind, um sie wiederzuerlangen. Als Pilger nach Rom wollen sie den Beelzebub abschütteln, werden freilich eingeholt und über ihre Irrtümer aufgeklärt. Das Premierenpublikum im Volkstheater zeigte sich ob Felix Hafners Inszenierung begeistert und dankte mit Jubel und Applaus. Der junge Theatermacher, der am Haus schon mit Thomas Köcks „Isabelle H.“ und Molières „Der Menschenfeind“ überzeugte, setzt mit diesem Abend seinen Erfolgskurs fort.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2017

Schauspielhaus Graz: Iris Laufenberg wird Intendantin

Juni 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Folgt 2015/16 Anna Badora nach

Iris Laufenberg Bild: Bettina Keller

Iris Laufenberg
Bild: Bettina Keller

Iris Laufenberg wird ab der Spielzeit 2015/16 die Nachfolge von Anna Badora antreten, die als Intendantin an das Volkstheater Wien wechselt.

Für das zweite Auswahlverfahren im Zuge der Intendantensuche für das Schauspielhaus Graz haben sich 30 Kandidatinnen und Kandidaten beworben. Um eine endgültige Entscheidung über die Nachfolge von Anna Badora zu treffen gab es nach dem Hearing ausführliche Diskussionen. Nach einer langen Abwägung der Argumente einigte sich die Jury einstimmig darauf, Iris Laufenberg dem Lenkungsausschuss vorzuschlagen.

Laufenberg (*1966 in Köln) war 2001 bis 2002 Kuratorin und Organisationsleiterin des europäischen Festivals Bonner Biennale, leitete von 2002 bis 2011 das Festival Theatertreffen der Berliner Festspiele und ist seit 2012 Schauspieldirektorin am Konzert Theater Bern.

www.schauspielhaus-graz.com

Johannes Silberschneider im Gespräch

Dezember 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Bernhards „Holzfällen“ am Schauspielhaus Graz

Bild: Lupi Spuma

Bild: Lupi Spuma

Das Schauspielhaus Graz startet mit der Premiere von „Holzfällen“ am 10. Jänner ins neue Jahr. Krystian Lupa, Vorstand der Thomas-Bernhard-Privatstiftung, inszeniert seine Bühnenfassung von Bernhards Roman. Johannes Silberschneider wird als „Erzähler“ zu sehen sein. Mit ihm spielen Gerhard Balluch, Sebastian Klein, Florian Köhler, Barbara de Koy, Steffi Krautz, Laurenz Laufenberg, Verena Lercher, Stefan Suske und Franz Xaver Zach. Zum Stück: Das Ehepaar Auersberger lädt zu einem ihrer berühmten künstlerischen Abendessen, dem als Höhepunkt diesmal ein Burgschauspieler beiwohnen soll. Während man auf ihn wartet, spricht man dem Champagner zu und unterhält sich über die Beerdigung einer Dame aus ihrer Runde, auf der man an diesem Tag war. Doch zu bewegen scheint der Verlust nur noch einen der Gäste, der – in einem Ohrensessel versinkend – seinen Gedanken der Verachtung freien Lauf lässt …
Johannes Silberschneider im Gespräch:

MM: Herr Silberschneider, Sie spielen in der Bühnenfassung von „Holzfällen“ den Ich-Erzähler des Romans. Der wird oft als Alter Ego Thomas Bernhards angesehen. Wie sehen Sie die Figur? Und: Wie kann man aus dem „ungezogenen Beobachter im Ohrensessel“ einen Akteur machen? Oder muss man das nicht?

Johannes Silberschneider: Wir versuchen, dass man’s nicht muss, das ist der Weg der Inszenierung: den Bernhard-Teppich aufzutrennen und neu zu knüpfen, die Restauration eines Bernhard-Denkmals von innen. Ich habe selten so interessante, sensible Proben erlebt. Es gibt auch noch keine Bühnenfassung. Das Ganze ist work in progress. Der Dr. Fabian (Thomas Bernhards Halbbruder, Anm.) hat schon gewusst, was er tat, als er Krystian Lupa erlaubte, den Roman zu dramatisieren! Ich selber habe einen besonderen Bezug dazu: „Holzfällen“ war vor 30 Jahren mein erster Bernhard, den haben sie mir beim Moser in Graz unter der Budel verkauft. Ob der Ich-Erzähler Bernhards Alter Ego ist, das ist so eine Sache. Bernhard hat seine Seelenzustände, seine Verfassungen auf alle Charaktere übertragen, natürlich sitzt daher im Erzähler auch eine Hülle von ihm. Bernhard war sich selbst sein Doktor Freud. Er tobt sich in seinen Bühnen- und Prosafiguren mit seinen Schimpftiraden, seiner Verzweiflung, seinem Zorn aus. Doch ich denke, das von ihm beschriebene Kulturpanoptikum, diese Figuren, diese Generation gibt es heute so nicht mehr. Damit ist der Text eine Rückschau aus dem 21. Jahrhundert. Lupa macht mit uns daraus eine Art dramatische Familienaufstellung, er sucht nach Hinweisschildern im Text – und das wichtigste, das wir bisher gefunden haben, ist die verstorbene Joanna, von deren Begräbnis der Ich-Erzähler am Anfang kommt. ER schaut zurück, ER hat überlebt – wie Bernhard Krankheit und Tod überwunden hat.

MM: „Holzfällen“, dieser Rundumschlag auf Kunst und Gesellschaft, Theater und seine Protagonisten,  war bei Erscheinen 1984 „eine Erregung“. Der Komponist Lampersberg inszenierte einen Skandal, weil er sich betroffen fühlte. Haben Sie das miterlebt?

Silberschneider: Ja, der Skandal hat doch zum verbotenen Lesen gehört. Bernhard ohne Skandal war gar nicht denkbar. Ich habe den Lampersberg selber noch seine eigenen Sachen lesen gehört. Rührend verstört. Den Skandal hat er künstlich gemacht, weil sich ein elitärer Künstlerkreis, den er um sich scharte, angegriffen fühlte. Bernhard wusste natürlich, wovon er schrieb, er ging da ja ein und aus. So hat er für „Holzfällen“ die Tirade erfunden, wie ich zu sagen pflege, den „langen Atem“, wobei der Wunsch danach, der Wille dazu bestimmt auch mit seiner Lungenkrankheit zu tun hat. Der Text ist wie ein Klavierhocker, den man immer weiter hinaufschraubt. Man muss tatsächlich aufpassen, dass man nicht ins Kabarettistische kippt. Dieser Versuchung ist letzlich sogar Claus Peymann bei Bernhard ein wenig erlegen, wir sind daher sehr auf der Hut. (Er lacht.) Wir schrauben den Klavierhocker sozusagen wieder runter. Wir haben diese Schimpforgien untersucht – sie haben per se keine Wirkung mehr. Vor 30 Jahren war das vielleicht noch was, heute nicht mehr. Doch Bernhards Wortteppich beinhaltet trotzdem Wahrheit und die gilt es zu entschlüsseln.

MM: Wie weit ist diese Spurensuche gediehen?

Silberschneider: Uns hat sich schon sehr viel erschlossen. Lupa beleuchtet den Text anders als man erwarten könnte. Unsere Hauptfigur ist die tote Joanna, das zentrale auslösende Ereignis ist das Begräbnis. Lupa zeigt das in Rückblenden. Das ist ein reizvoller Weg, der einzig mögliche Weg. Dies ist der Glücksfall einer Arbeit, bei der man noch was lernt, bei der man sich entwickelt. Eine Mischung aus praktischer Vorlesung, Therapie und Gehirnwäsche, Hypnose und Meditation.

MM: Eine spannende Figur ist da der Burgtheaterschauspieler, auf dessen Erscheinen die ganze Abendgesellschaft ungeduldig wartet. Er spricht die titelgebenden Worte „Wald. Hochwald. Holzfällen.“ Ist Ihnen als Schauspieler der literarische Kollege sympathisch?

Silberschneider: Er ist jedenfalls die größte österreichische Theaterfigur, die je geschrieben worden ist. Des Burgtheaters Glück und Ende, um Grillparzer, den Ja-Sager und Beamtendichter zu zitieren. Und wie dessen Werke ist der Burgschauspieler schwierig zu spielen, weil manchmal absichtlich in den sprachlichen Bildern verunglückt. Ein Pathetiker mit wenig Hintergrund.

MM: Ihre Frau Barbara de Koy spielt Jeannie Billroth, eine wie alle anderen unliebenswürdig beschriebene Schriftstellerin, eine ehemalige Geliebte des Ich-Erzählers.

Silberschneider: Das freut mich sehr, weil wir selten gemeinsam spielen, alle zehn Jahre einmal. Unsere Figuren treffen einander beim Abendmahl bei den Auersbergern, dem Zentralstück des Stücks, und der Rückführung zu Lampersberg. Eine seltsame Runde sitzt da: Autoren, Musiker, Schauspieler, Mäzene. Ich kann dazu nur sagen: Mit Menschen, die man nicht mag, soll man nicht essen. Der Ich-Erzähler wird hier zum Opfer seiner eigenen Lüge gegenüber den Auersbergern, er konnte die Einladung also nicht ausschlagen, und wird nun die Geister, die er rief, nicht mehr los. Da zeigt sich Bernhards Zerrissenheit, denn zum Schluss rennt der Erzähler aus dem Haus ins Herz der Stadt. Er legt eine große Beichte ab und will Buße tun, indem er schreibt.

MM: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man – wie schon bei Ihrem Grazer Gödel – eine enge Verbundenheit mit der Rolle vermuten.

Silberschneider: Ich weiß nicht. Ich fühle mich meiner Herkunft verpflichtet, will ein literarischer Diener meiner Heimat sein. Vielleicht ist das so, weil ich ebenfalls aus diesem österreichischen Seelenverstrickungskosmos komme. Bernhard wurde deshalb so gehasst, weil er Wahrheiten ausgesprochen hat. Seine Texte sind eigentherapeutisch und nationaltherapeutisch. Mit dieser Art Oh-du-lieber-Augustin-Schicksal kann ich viel anfangen, wie da einer singend in der Pestgrube überlebte.

MM: Bernhard hat dem Roman ein Voltaire-Zitat vorangestellt: Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von Ihnen glücklich. Auch das scheint zu Ihnen zu passen.

Silberschneider: Ja, das könnte stimmen. Ich will‘s nicht leugnen. (Er lacht noch einmal.)

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 16. 12. 2013