Akademietheater: Bunbury

Mai 25, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Missglückte Groteske mit grüner Knopfloch-Nelke

In den Fängen von Tante Augusta: Florian Teichtmeister, Regina Fritsch als Lady Bracknell-Bissgurn, Mavie Hörbiger und Tim Werths. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Lasset uns denn beim Kardinalfehler beginnen, einem Regisseur, der Oscar Wilde inszenieren will, doch dessen scharf geschliffener Sprache nicht vertraut. Einem Regisseur, der dies noch dazu in Wien tun will, doch nicht auf die Elfriede Jelinekischen Wortperlenreihen setzt. Rainer Kohlmayers alphabetischer Anarchismus, seine akademischen Tiefspringer mögen freilich dann und wann amüsant sein, aber, ich mein‘, die Jelinek … ? … Akademietheater also.

„Bunbury“ in einer Inszenierung von Antonio Latella, und das Beste an diesem Abend ist, dass der neapolitanische Theatermacher seinen Schauspielerinnen und Schauspielern Raum gibt. Viel Raum, weil: wieder einmal ist die Bühne (von Annelisa Zaccheria) nackt bis zur Feuermauer, nur ein paar Requisiten treiben sich, geschoben oder ferngesteuert, verschämt herum. Das bereits Zweitbeste ist Latellas ausgezeichneter Musikgeschmack, der von Jeanne Moreaus „Each Man Kills The Thing He Loves“ über „I Move On“ aus dem Musical „Chicago“ bis zu Michelle Gurevichs „Party Girl“ reicht, und mittels dessen er jedem und jeder im Ensemble den großen Moment verschafft.

Was das alles mit Oscar Wilde zu tun hat? Äh, ja. Sicher ist immerhin, dass sich die Aufführung alles andere als „Ernst“ nimmt. Latella setzt in dieser von Francesco Manetti durchchoreografierten Arbeit auf Klamauk, Schweiß und Slapstick, mit tausend und einem Regieeinfall – und man weiß um deren Gefährlichkeit – übersteigert er den Spleen der Wilde-Figuren zum Superlativ. Szenen werden wiederholt und wiederholt, Fast Forward und Rewind, und in diesem langatmigen Dauerlauf von Gag zu Gag belegt den letzten Platz – die Pointe. Unter ferner liefen: Wildes spitzzüngiger Sarkasmus, seine wie mit dem Florett ausgefochtenen Dialoge, seine süffisant-spöttische Gesellschaftskritik. Dass die einzige Kulisse die Geräusch-K… ist, macht‘s in jeder Bedeutung dieses Begriffes nicht verständlicher.

Das heißt, verstanden hat man es schon: Latella glaubt, er habe quasi die Gender-Comedy erfunden, weshalb die Butler Lane und Merriman auch die „Gay Moments“ jedes Aktes verlautbaren müssen. Von Miss Prisms Exercises bis zur offenbarten „Ficktion“ ist alles eh-schon-wissen. Mädel küsst Mädel, Mann küsst Mann. Ach, ist das lovely, so eindeutig zweideutig, das Bunburysieren stammt ja auch vom Slang der Londoner Schwulenbordells, für jene, die „The Happy Prince“ mit Rupert Everett nicht gesehen haben (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28996), ein feiner Herr, der etwas ins Semmelchen stecken möchte.

Die Wenzl beim Chicago-Charleston. Bild: © S. Hassler-Smith

Großer Mann, kleine Torte: Marcel Heuperman. Bild: © S. Hassler-Smith

Mavie Hörbigers Gwendolen im Cecily-Kleidchen. Bild: © S. Hassler-Smith

Latella verlegt solche Feinheiten vom diskreten Konversationston in die deutliche Geste. Elégance und Esprit – perdu. Er macht Theater auf dem Theater, im Sinne von: anderen etwas vorspielen, etwas vortäuschen, seine überspannten High-Society-Maskierten bleiben zueinander auf Distanz. Verliebt-verlobt-verheiratet ist nur eine Farce, das hat man schon subtiler gesehen. Aber ein Glück: Marcel Heuperman, im Programmheft aufgeführt als „ein Gentleman“, gibt die beiden Butler. Seine mit grüner Tinte gefärbte Knopfloch-Nelke, Wilde trug eine ebensolche bei der „Bunbury“-Uraufführung, weißt ihn als Alter Ego des Autors aus, dem es selbstverständlich zusteht, seine Regieanweisungen höchstselbst vorzulesen. „Zieh‘ die Handschuhe aus!“, befiehlt er Florian Teichtmeister, der sich mindestens eines Dutzends davon entledigt, um zu Jack Worthing zu werden.

Derart auf Turbo geschaltet üben sich Teichtmeister – mit besonderer „Ernst“-haftigkeit –  und Tim Werths als flirrender lanky Algernon im Ennuyieren und der seltenen Gabe des Ignorierens. Auftritt Regina Fritsch als Lady Bracknell, Tante Augusta doppelzüngig zwischen ihrem schrillen Hexenlachen und ihrer Zuckerlsüßheit, ihre Tournüre allein (Kostüme: Graziella Pepe) kennzeichnet sie als Königin der Nacht, eine gefürchtete Keifzange, die die sie Umgebenden in ebendiese nimmt, die Fritsch mit der üblichen darstellerischen Urkraft. Kräftig hat Latella hier die Schreckschraube angezogen.

Durchchoreografierte Szenen: Regina Fritsch, Marcel Heuperman und Tim Werths. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Der gesungene Bunbury-Orgasmus: Gindorff, Teichtmeister, Wenzl und Ateşçi. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Diese Tasche konnte wohl niemand übersehen Mehmet Ateşçi als androgyne Miss Prism. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Die Tante hält das Ensemble auf Trab: Regina Fritsch scheucht Tim Werths über die Bühne. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Doch das Kabinettstück schafft Mavie Hörbiger als deren kameratauglich grinsende Tochter Gwendolen, auf zwei Theatersesseln auf der Bühne sind stets die einen der anderen Publikum, als sie den Namen „Jack“ auf seine Eignung von Flirt über ersten Tanz bis schließlich Sex ausprobiert. Auf dem Lande hingegen ist Andrea Wenzl als Worthings Mündel Cecily eine aggressiv psychotische, verzogene Göre, warum, man weiß es nicht, jedenfalls bricht sie mit Max Gindorff als Pastor Chasuble, Mehmet Ateşçi als Gouvernante Miss Prism, beide in Paillettenanzügen, und den Gästen aus der Großstadt in ein opernhaftes Orgasmus-Quintett aus, als wäre man nicht in großbürgerlichem Salon, sondern auf Schloss Almaviva.

Überhaupt: Mehmet Ateşçi. Er ist mit seiner lasziven Körpersprache, seinem „Party Girl“ und seinem nach Spotlights sortierten Nervenzusammenbruch ob Miss Prisms wiedergefundener Tasche einer der Lichtblicke des Abends. „Text!“, fordert er immer wieder von Souffleur Heuperman. Schließlich werden die Zuschauerinnen und Zuschauern dazu angehalten, das furiose Finale von Tafeln abzulesen. Eine Übung, die würdevoll über sich ergehen gelassen wurde. So reiht sich Zirkusnummer an Zirkusnummer, ohne dass sie sich jemals zu einem Ganzen zusammenfügen, wie etwa viele kleine Feuerwerksraketen auf- und genauso schnell wieder verglühen, ohne dass ein irgend gedankensprühendes Strahlenmeer zustande kommt.

Die Moral von der Geschicht‘, abgesehen von der, dass Geld die Welt regiert, ist die, dass es niemals gelungen ist, der schriftstellerischen Satire durch Versatzstücke aus dem Regiefundus noch eins draufzusetzen. Die Sache mit dem Elativ ist nicht relativ, und weniger in der Regel mehr. Und wenn Butler Lane als Gay Moment Nr. 3 die beatgeboxte Zerlegung des titelgebenden Bunbury durchs Ensemble ankündigt, dann versteht man, wie wichtig es ist, Ernst zu sein.

www.burgtheater.at           Teaser und Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=sgPm6fjg0Ug           www.youtube.com/watch?v=560S0TxOdCI

  1. 5. 2021

Schauspielhaus Wien Die Wohlgesinnten

Oktober 7, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Auenland

Thiemo Strutzenberger, Steffen Höld, Maurizio Rippa Bild © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Thiemo Strutzenberger, Steffen Höld, Maurizio Rippa
Bild © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Das Schauspielhaus Wien brachte Jonathan Littells Roman Die Wohlgesinnten in einer von Antonio Latella, der auch als Regisseur am Werk ist, und Federico Bellini dramatisierten Fassung zur Urauffuhrung. Littell, Amerikaner mit französischem Pass, verfasste im Jahr 2006 dieses heiss diskutierte, 1400 Seiten lange Buch, dessen Titel von Aischylos Eumeniden entliehen ist, und das mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Seit Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker hat kein Buch, das sich mit der Shoa beschäftigt, für so viel Aufsehen gesorgt wie Littells. Hymnischer Beifall begleiten das Erscheinen des Werks  ebenso wie vernichtende Kritik. Was die Gemuter so erregte … Littell schrieb seinen Roman über den deutschen Vernichtungsfeldzug in Osteuropa aus der Sicht eines Täters. Es ist der zynische Jurist Dr. Max Aue, der als Mitglied des Sicherheitsdienstes und SS-Offizier bei den schlimmsten Verbrechen des Nationalsozialismus zusieht. Littell mixt Fakt und Fiktion. „Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist.“ So beginnt der Prolog („Toccata“) des Autors, der zugleich den antik/philosophischen Anspruch des Werkes definiert – bereits mit diesem ersten Satz hat sich Littell den Vorwurf der Hybris strenger Kritiker eingehandelt. Der Erzahler selbst nennt sich  „Erinnerungsfabrik“. Er beteuert, dass die Aufzeichnungen „frei von jeglicher Reue sein werden … Ich habe meine Arbeit getan, mehr nicht“ – ein Schlag in die Magengrube anderer Rezensenten. Akribisch flicht Littell die organisatorischen Strukturen von Wehrmacht, Reichssicherheitshauptamt, KZ-Lagerverwaltungen, Befehlsketten der SS und vieles mehr in sein Epos ein.  „…ihr seid nicht besser“, deklamiert schließlich der spätere Spitzen-Fabrikant Aue. Aua.

Die szenische Erfassung dieses Monstrums kann nun als Vieles bezeichnet werden. Als mutiges Unterfangen. Als Neu/Andersinterpretation. Als Missverstandnis. Dies alles beginnt beim Hintergrundvideo. Eine Auenlandschaft. Die Banalitat des Buhnenbilds. Drei Schauspieler, Thiemo Strutzenberger als Max Aue, Steffen Hold als Thomas Hauser, Barbara Horvath als Una und in anderen Rollen, spielen um ihr Leben. Seltsam. Noch nie hat man die fabelhaften Darsteller Strutzenberger und Horvath so wortundeutlich erlebt. Wer uber den Roman nicht dissertiert hat, bleibt auf der Strecke. Wer ist jetzt wann genau wo … „Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“, der Satz aus Dantes Inferno passt zum Buch wie zur Aufführung, er wird auch zitiert wie vieles andere … Dazu begleitet der italienische Countertenor Maurizio Rippa das Spiel mit einer Art barockem Psychogesang – und hat seinen unheimlichsten Moment, als er leise ins Mikro zischt: Gas. Ausserdem schiebt er einen Scheinwerfer kreuz und quer uber die Buhne. Auch das wird seinen Grund haben. Ein bisschen Verhorlampe, um das Publikum zu blenden, muss schon sein.

Strutzenberger, dessen Theaterstuck Queen Recluse uber die Schriftstellerin Emily Dickinson im November am Haus uraufgefuhrt wird, und Hold spielen Aue und Hauser wie Faust und Mephisto. Wie Wladimir und Estragon des Grauens. In ubergrossen Sakkos. Warten auf Wolf. Hold, wie immer punktgenau, ist ein begnadeter Pragmatiker, verkorpert die zynische Beamtenmentalitat des Dritten Reichs. Tanzelnd unterstreicht er die Kunstlichkeit des Buches. Fabelhaft sein Temperamentsausbruch, als sich die Wehrmacht verbietet an den SS/Totungsaktionen teilzunehmen. Da will sich wer jetzt schon reinwaschen und ihn am Schluss im Regen stehen lassen … Gottes einzige Entschuldigung ist, dass er nicht existiert. Fur Strutzenbergers uber weite Strecken des dreieinhalbstundigen Abends regungs/teilnahmslos sitzenden Aue, diese nicht anders als allegorisch zu verstehende Figur, hat sich die Regie was einfallen lassen. Und das kann bekanntlich gefahrlich sein. Weshalb Strutzenberger mit Fieberblick, am Rande des Wahnsinns, den Moralisten gibt. Und genau das ist Aue nicht. Er ist ein Philosoph des Bosen, Fleisch gewordenes Zitatenschatzkastlein, ein belesener Pseudointellektueller, ein Feigling, ein Raushalter, ein Bonvivant. Kein Humanist. Nicht einmal, als er vorschlagt, die Essensrationen in den KZs zu verbessern, tut er das aus Menschlichkeit, sondern, um die Arbeitsleistung der Geschundenen zu erhohen. Und wenn er bei Massenexekutionen wegschaut, dann nicht aus Mitleid, sondern, weil ihm graust. Warum mussen die sich auch anscheissen, bevor sie gemeuchelt werden.

Pfui, also wirklich. Ob diese Auffuhrung zum Aushalten ist, muss jeder Zuschauer fur sich entscheiden. Klingt jetzt nach Ausrede ist aber so. War auch beim Roman nicht anders. Ein Experiment ist auf alle Falle zu erleben. Ein Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ausser in der Pause zu gehen, was der eine oder andere tut. Eine Grenzerfahrung. Und eine solche sollte man sich ab und zu vielleicht gonnen.

www.schauspielhaus.at

Wien, 6. 10. 2013