Sunset

Juni 17, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wohl behütet in den Weltuntergang

Juli Jakab als Írisz Leiter. Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Eine Theorie hat man wohl, was den Verbleib von Kálmán Leiter betrifft, den seine Schwester Írisz immerhin 142 Minuten lang sowohl sucht wie scheut, eine Theorie, die mit einem Wechsel von Frauen- zu Männerkleidung und zurück zu tun hat, und mit einem grausigen Beinah-Lächeln zum Ende. Folgt man diesem Gedankenspiel, dann bedeutet László Nemes‘ neuer Film „Sunset“ nicht, dass es

Pseudoschizophrenie als Krankheitsbild, sondern, dass es tatsächlich das Böse in der Welt gibt. Allerdings, seit Freitag in den Kinos, kann sich jeder selbst zur Interpretation des enigmatischen und in seiner Langsamkeit gewollt enervierenden Thrillers aufmachen, in dem Nemes das Budapest der K.u.K.-Monarchie im Sommer 1913 beschwört. Wobei sich der ungarische Regisseur einer ähnlich radikalen Ästhetik, erneut des klaustrophobischen Stils von Kameramann Mátyás Erdély bedient, wie bei seinem Oscar- und mit weiteren 40 Preisen prämierten Erstling, dem aufsehenerregenden „Son Of Saul“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18149) über das Schicksal eines Auschwitz-Häftlings. Wie vor drei Jahren das Gesicht von Géza Röhrig rückt er nun das von Juli Jakab in den Mittelpunkt, ihre keine Regung zeigenden Züge, ihre dafür umso beredteren Augen fotografiert in sepiafahlem Licht auf 35-mm-Material.

Rund um sie eine Ahnung der Prachtfassaden und Prunkplätze der Donaumetropole, zur Protagonistin in Unschärfe gehaltene Darsteller, schwüle Hitze, schweißnasse Haut, von Kutschen aufgewirbelte Staubwolken. Bald wird es an diesen Bildrändern zu Morden, Mädchenhandel und Sadomaso-Hingabe kommen, wobei all das seltsam schlafwandlerisch (siehe Christopher Clarks Sachbuch, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6715) und ergo mit einer eigentümlich hypnotischen Schönheit abläuft, die Endzeit im Habsburgerreich ein Ausharren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Blut wird diese Woche hier fließen“, sagt einer der sinistren Männer, die Írisz ab ihrer Ankunft in der Stadt umkreisen, und deren Dämonie die Décadence der besser situierten Kreise konterkariert, deren Verkommenheit aber auch die Verheißung einer gesellschaftlichen Veränderung in sich trägt. „Du bist es, die uns geweckt hat“, raunt ihr jemand zu.

Die Handlung von „Sunset“ ist ein verwinkeltes Labyrinth, an dessen Ausgang alle Fragen offen sind. Nemes treibt sein Spiel mit dem Ausschnitt weiter, von bildlich zu sinnbildlich, und ebenso bruchstückhaft und doppeldeutig, wie er die Historie preisgibt, so auch die Geschichte seiner Heldin, von der man so gerne glauben möchte, sie sei ein Backfisch, den es in eine gefährliche, brutale Gesellschaft verschlägt. Doch Írisz Leiter ist selbst geheimnisumwittert. Von Triest, wo sie in einem Waisenhaus aufwuchs, nach Budapest gekommen, bewirbt sie sich als Modistin in edelsten Hutsalon für die High Society – Leiter, denn das Luxuskaufhaus gehörte einst ihren Eltern, die bei einem Brand um Leben kamen, als Írisz ein Kleinkind war.

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Bild: 2018 Laokoon Filmgroup – Playtime Production

Nach vergeblichen Versuchen des nunmehrigen Inhabers Oskar Brill, Vlad Ivanov als blasiert-besorgter Großbürger, die junge Frau loszuwerden, arrangiert man sich. Mehr und mehr gerät Írisz aber in den Bannkreis ihres älteren Bruders Kálmán, von dessen Existenz sie bis dato nichts wusste, und der ihr gegenüber als „Wilder“, als eine Art Räuberhauptmann, der eine Schar meuchelnder Krimineller um sich versammelt hat, ausgewiesen wird. Schwer schwebt im Raum, bei der Gruppe könnte es sich um anarchistische Umstürzler, um Revolutionäre gegen Österreich-Ungarn oder um Nationalisten handeln. Dass sich da Dinge vorbereiten, die als Synonym für die kommende europaweite Katastrophe stehen, ist schnell klar.

Umso unangenehmer für Brill, der kaiserliche Hoheiten (Tom Pilath und Susanne Wuest) zum Einkauf erwartet – von Hüten für die Damen bis einer Auserwählten unter seinen Angestellten für die Herren. Deren letzte, den „Unfall Fanni“ sieht Írisz ebenso kurz, wie die verrückt gewordene Gräfin Rédey (Julia Jakubowska), deren Ehemann Kálmán getötet hat. Bei ihren Nachforschungen nach diesem stolpert Írisz durch bizarre Abendgesellschaften, die in Chaos und Gewalt versinken und bei denen Lehárs „Da geh‘ ich ins Maxim“ mal in ungarischer Sprache zu hören ist, wird Modell bei einer skurrilen Hutanprobe vor barfüßigen Würdenträgern und schließlich Zeugin des Überfalls auf das Schloss der Rédey.

Wobei sich der noch immer von niemandem gesehene Kálmán als Retter der zur Schändung freigegebenen Mädchen entpuppt. „Er hat schon als Kind den Schrecken in der Welt gesehen, aber er kam aus ihm selbst“, heißt es über den im Verborgenen Agierenden an einer Stelle. Derart istSunset“ ein Film voller Ambivalenzen und Allegorien, Metaphern und Mehrdeutigkeiten. Nicht nur die ausladenden, überladen verzierten Hüte stehen für einen von wenigen gepflegten Pomp, der ein Weltreich schlussendlich zerschlug. Es ist nicht neu, in einem Europa vor 1914 – nach außen reich und glanzvoll, doch dessen Tanz auf dem Vulkan längst Wirkmacht  destruktiver Kräfte – eine Warnung für die heutige Zeit zu sehen. László Nemes‘ Statements zum Film legen dies einmal mehr nahe.

Die Meisterschaft seines Films liegt aber nicht in historischer Analyse, sondern im Schaffen einer Mystery-Atmosphäre, die den Betrachter an den Rand seiner Nervenleistung bringt. Herausragend ist Juli Jakab, die dem bohrenden Blick von Mátyás Erdélys Kamera mit all der Anstrengung standhält, die einem eine solche kräftezehrende Aufgabe abverlangt. Den in Flammen aufgehenden Familiensitz der Rédey wird ihre Írisz klar und kraftvoll und mit einem merkwürdig triumphalen Lächeln verlassen. In der letzten Einstellung von „Sunset“ hat die Kamera sie verloren, muss sie erstmals suchen, da bewegt sie sich durch einen Schützengraben, Bombeneinschläge sind zu hören, Verwundete zu sehen. Und dann Írisz in einem Unterstand in Schwesterntracht. Und wieder spielt dieser irritierende Ausdruck um ihre Lippen …

www.sonyclassics.com/sunset

  1. 6. 2019

László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr

Februar 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Besuch des alten Herrn

Angesichts der Aufgabe nur keine Angst zeigen. Auch wenn die Kritikerrunde um Raoul Schrott, der den Roman im SRF-Literaturclub euphorisch vorstellte, von nicht zum Derlesen sprach. Der erste Satz geht über sechs Seiten, ohne Absatz, ohne Punkt, zwar mit Komma, ein Vorspiel zum Wahnsinn. Eine „Warnung“, so die Überschrift unter der ein blasierter Impresario seine Herren Musici gleichsam abkanzelt und zu höchster Detailgenauigkeit auffordert. Nichts dürfe ihm verschwiegen, alles müsse ihm erzählt werden. Schon wird klar, hier maßregelt der Autor seine erst zu erschaffenden Geschöpfe, nimmt an die Kandare, was er über die kommenden fast 500 Seiten ohnedies frei galoppieren lassen wird.

Um die Spannung abzukürzen: Raoul Schrott hat recht mit seiner Begeisterung. „Baron Wenckheims Rückkehr“ vom ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai entwickelt einen Sog, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann, die schöne, elaborierte Prosa zieht einen in ihren Bann, die Sprache, seltsam altertümlich, obwohl die Geschichte zweifellos in der Jetztzeit angesiedelt ist, mäandert durch die Geschehnisse. Die Rede ist eine indirekte, Beiseitegesprochenes und Vor-sich-hin-Gedachtes.

Krasznahorkai wechselt ohne alle Rücksicht mitten in den Sätzen und mehrmals Perspektive und Erzählposition. Nur da jeder Charakter seine eigene Ausdrucksweise hat, entschlüsselt sich allmählich wer spricht, und wenn auf Seite 95 erstmalig das Wort „naturgemäß“ fällt, weiß man, in wessen Verwandtschaft man sich befindet. Apropos, Verwandtschaft: Diese, eine Wienerische, hat es mit dem Protagonisten des Buchs nicht leicht. Sie musste Baron Béla Wenckheim, einem steinalten, österreichisch-ungarischen Kleinadeligen, Namensvetter des Ministerpräsidenten von 1875, was die „Rückkehr“ irgendwie doppeldeutig macht, bei der Flucht aus seiner Wahlheimat Argentinien helfen. Casino-Schulden, diesen Skandal, auf den bereits Gefängnis drohte, wollte der Familienkreis nicht hinnehmen – und so wird der Baron eingeflogen, ein spindeldürrer, kauziger, verschüchterter, wohlerzogener Mann, bettelarm, ergo vom markigen Clanchef mit bester Garderobe und etwas Geld ausstaffiert, und in den nächsten Zug nach Ungarn gesetzt. Wo es von Vorvätern noch ein Schloss geben soll.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

„… es tue ihm unendlich leid, so viele Ungelegenheiten bereitet zu haben, obwohl er gerade das, Ungelegenheiten bereiten, gerade ihnen, keinesfalls wolle, sagte er mit gesenktem Kopf, er bitte nur um eines, man möge ihn keinesfalls berühren, wenn man ihm Maß nehme, er wisse, dass er ihnen damit die Sache erschwere, aber er ertrage es leider nicht, habe es nie ertragen, weder in der Kindheit noch jetzt, da er, in Ordnung, sagte der Sekretär lächelnd, er würde mit Mr. O’Donoghue reden und mit ihm besprechen, wie er Maß nehmen solle, völlig unmöglich, rief der Schneider erzürnt aus, als sie dann anfingen und er beim ersten Maßnehmen aus Versehen den Nacken des Barons berührte …“, so liest sich beispielsweise die vergleichsweise noch überschaubare Stelle über die Kleideranprobe. Ein Beispiel, das belegt, dass „Kapellmeister“ Krasznahorkai nicht nur über eine hohe Sprachmusikalität verfügt, sondern auch ein Händchen für scharfsinnige Satire hat. Zum ersten Mal, möchte man sagen, ist der Meister witzig.

Dieser Witz findet einen Gipfelpunkt in der grandios grotesken Szene der Ankunft des Barons in seinem Geburtsstädtchen. Den Medien nämlich ist die Reise Wenckheims nicht unentdeckt geblieben, in diversen Schundblättern wird der Mensch zum Mythos und, weil man’s glauben will, glaubt alles die Story vom schwerreichen Südamerikaner, der seiner Heimat eine Schenkung machen will. Der Besuch des alten Herrn, sozusagen, doch ohne die Öl-Milliarden. Am festlich beflaggten Bahnhof steht aufgereiht ein Ort, vom Bürgermeister abwärts, Polizeihauptmann in Habtachtstellung, Gymnasiumsdirektor, ein Frauenchor aus überforderten Bäuerinnen, der gegen den Lärm der Menge vergeblich „Wein nicht um mich, Argentinien“ brüllt.

Die Gemeinde braucht Geld wie ein Erstickender Sauerstoff, deswegen hat deren Oberhaupt schon vorab die Waisenkinder und die Obdachlosen vertrieben und möglichen kritischen Stimmen den Mund verboten, „denn das hier ist, dem Himmel sei Dank, keine ,Demokratie‘ mehr, … das hier ist ein Besitztum, dessen Herr nach so vielen Jahrzehnten … endlich wiedergekommen ist.“ Krasznahorkai zeichnet die Kleinstädter als hinterfotzige Hinterwäldler, eine brutale, durch und durch korrupte Bande, in der jeder seine eigenen Ziele verfolgt. Doch weil die glanzvolle Zukunft lang und länger auf sich warten lässt, wird aus dem warmen Empfang eine eiskalte Atmosphäre der Vermutungen, Verdächtigungen, Vernaderung, des latent und am Ende des akut Bedrohlichen.

Bild: pixabay.com

Gleich den Stimmen einer Partitur lässt Krasznahorkai einzelne Figuren erst für sich stehen, bevor er deren Klang zu einem Ganzen fügt. Rund um Wenckheim gibt es eine Vielzahl eigentümlicher Episoden, von denen etliche im Nichts verebben, ebenso wie Krasznahorkai Charaktere, so plötzlich wie er sie eingeführt hat, auch wieder fallen lässt. In seinem Panoptikum an zynischen, weltverlorenen, gescheiterten, in ihrem Schicksal unentrinnbar verstrickten Gestalten sind wenige sympathisch. Ans Herz wächst einem maximal Wenckheims Jugendliebe Marika, die er schlichtweg nicht wiedererkennt, sondern der er, mit der Bitte um Hilfe bei der Suche, ihr eigenes Jugendfoto zeigt. Womit er die einsame, resignierte Frau, der er vorher aus der Ferne glühende Liebesbriefe geschickt hatte, aufs Tiefste demütigt. Was sich so tragi- wie -komisch liest.

Zum Personal des Romans gehören außerdem ein zivilisationsflüchtiger Professor, der in einem Outlaw-Viertel, genannt „der Dornbusch“, vor sich hin vegetiert, eine faschistoide Motorradgang, Schlägertypen in Lederkluft, die sich als „Ortswache“ ausgeben, ein sich selbst zu diesem ernennender Sekretär Wenckheims, das geschwätzige Schlitzohr Dante, getauft nach dem brasilianischen Fußballgott, nicht nach dem Dichter der Divina Commedia, sowie unsichtbare Insassen eines Konvois dunkelscheibiger Limousinen. Mit ihrem Erscheinen wird die Farce über den schweigsamen Baron zunehmend schwärzer. Der Dornbusch muss natürlich ein brennender werden, sich darin eine zerschossene Leiche finden, und auch mit Wenckheim endet’s im Fiasko. Mag sein, dass der Schöpfer des „Satanstango“, so heißt Krasznahorkais bekanntestes und auch verfilmtes Buch, am Ende den Teufel persönlich schickt.

So kann man sie deuten, diese sich jeder Deutung entziehende Zeitgeschichtsparabel, die ohne Frage vom heutigen Ungarn handelt (wieder über sechs Seiten geht ein „anonym verfasster Artikel“, eine Beschimpfung, die ihresgleichen sucht, in der sogar verlangt wird, das DNS-Molekül, welches die Ungarn ausbilde, solle sich zurücknehmen), von einem jener geisterhaft toten Winkel Europas, in dem die Gespenster der Geschichte als Wiedergänger aus den Gräbern steigen. Dazu gilt es, aufmerksam die Kapitelüberschriften zu lesen, sie lauten aneinandergereiht: TRRR / RAM / PAM / PAM / PAM / HMMM / RARIRA / RI / ROM … Das klingt nach Trauermarsch. Nach Tanzmusik auf dem Vulkan. Nach allgegenwärtiger Kakophonie von Chaos und Gewalt. Zuletzt folgen Notensammlung, Tanzkarte und ein sich für Auskenner aufs Gesamtwerk beziehendes Da capo al fine. Fabelhaft, was László Krasznahorkai da wieder komponiert hat.

Über den Autor: László Krasznahorkai wurde 1954 in Gyula in Ungarn geboren. 1993 erhielt er für „Melancholie des Widerstands“ den Preis der SWR-Bestenliste. 1996 war er Gast des Wissenschaftskollegs Berlin. Béla Tarr verfilmte unter anderem „Satanstango“ und „Melancholie des Widerstands“ unter dem Titel „Werckmeisters Harmonien“. Zuletzt erschienen „Krieg und Krieg“ und „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss“. „Seiobo auf Erden“ wurde 2010 mit dem Brücke-Berlin-Preis sowie dem Spycher Literaturpreis Leuk ausgezeichnet. 2014 wurde Krasznahorkai der Vilenica International Literary Prize und der America Award zuerkannt, 2013 und 2014 der Best Translated Book Award. 2015 erhielt er den Man Booker International Prize.

S. Fischer, László Krasznahorkai: „Baron Wenckheims Rückkehr“, Roman, 496 Seiten. Übersetzt aus dem Ungarischen von Christina Viragh.

www.fischerverlage.de           www.krasznahorkai.hu

  1. 2. 2019

Son Of Saul

März 16, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und der Zorn verwandelt sich in ein Versprechen

Géza Röhrig. Bild: Laszlo Nemes Photo © Thimfilm

Géza Röhrig. Bild: Laszlo Nemes Photo © Thimfilm

Der Schrecken, er ist da. Das Schreien und Schlagen, das Stöhnen und Sterben. Die Gaskammer, sie muss da irgendwo nebenan sein, der Mensch entmenschlicht, ein nackter Leib, nackte Leiber über den Fußboden geschleift in Richtung der Öfen. Unscharf bleibt das alles, wie am Rande, und das treibt einen in den Wahnsinn. Mitten hinein in diesen Wahnsinn. Nervös möchte man endlich sehen, was man doch weiß – und trotzdem: man will erkennen, was da passiert.

Doch László Nemes ist unerbittlich. Beinah zwei Stunden lang lässt er die Kamera rund um seinen Hauptdarsteller Géza Röhrig kreisen. Seinen Kopf, seine Schultern, diese stoische Haltung. Der Mann hat eine Mission und man möchte ihn packen und schütteln und schreiend fragen: Was tust du?, oder wie seine Mithäftlinge: Warum opferst du die Lebenden für einen Toten? Und Saul Ausländer wird antworten: Wir sind alle schon tot. Und daraufhin muss man den Zorn in ein Versprechen verwandeln. Niemals vergessen. Niemals wieder zulassen. Gerade jetzt, da sich die rechten Schreihälse wieder formieren und marschieren, Hautfarbe, Herkunft und Religion wieder zum Alleinstellungsmerkmal von „unsere Werte“ vs „unwert“ machen …

Am 18. März läuft „Son Of Saul“ in den heimischen Kinos an. Das Spielfilmdebüt des ungarischen Regisseurs Nemes ist ein Meisterwerk. Ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury in Cannes, mit einem Golden Globe und zuletzt mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Der Film erzählt zwei Tage im Oktober 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Saul Ausländer ist Mitglied eines sogenannten Sonderkommandos, jüdische Häftlinge, die gezwungen waren, die Massenmordmaschinerie der Nazis am Laufen zu halten. Saul treibt die neu Angekommenen und „Selektierten“ in die „Duschen“, sortiert während der Vergasung deren Kleidung und Wertsachen, transportiert schließlich die Leichen ins Krematorium. Während das Sonderkommando einen Aufstand plant, glaubt er in einem toten Buben seinen Sohn zu erkennen. Nun setzt er alles daran, dem Kind ein Begräbnis zu ermöglichen; er macht sich auf die Suche nach einem Rabbi, der das Kaddisch sprechen soll, eine scheinbar sinnlose Geste als Symbol einer letztverbliebenen Menschlichkeit, und bringt dabei beinah den Anschlag zum Scheitern. Den Aufstand hat es tatsächlich gegeben. Am 7. Oktober 1944. Weibliche Gefangenen hatten Sprengstoff aus einer Waffenfabrik eingeschmuggelt, mit dem das Krematorium IV teilweise zerstört wurde. 451 Häftlinge wurden deshalb von der SS hingerichtet.

„Son Of Saul“ ist radikal in seiner Reduziertheit. In einem klaustrophobisch-quadratischen Bildausschnitt, der Film ist von Mátyás Erdély im alten 1,33:1-Stummfilmformat gedreht, sieht man unerträglich nah kaum mehr als Saul Ausländer. Nemes behandelt den Holocaust nicht als multiperspektivisches Historiendrama, und welch große Namen sind nicht schon an der Unmöglichkeit, das Grauen entweder durch allzu explizites Zeigen oder allzu offensives Nichtzeigen zu verdeutlichen, gescheitert, sondern als Kammerspiel. Die mit flacher Schärfe konzipierten Bilder, die ständige Präsenz von Off-Screen-Elementen in den langen Einstellungen und die begrenzten visuellen und faktischen Informationen zeigen eine Hölle in Fragmenten. Es sind nur Schemen in einer apokalyptischen Staublandschaft, dieser institutionalisierten und anonymisierten Unterwelt, zu erkennen. Der große Rest wird der Vorstellungskraft des Zuschauers überantwortet. Man muss erahnen, welcher Arbeit der Mann im Bild gerade emotionslos nachgeht, und doch ist das Vernichtungslager omnipräsent. Auf der Tonspur. KZ zum Hören, nicht zu sehen. Dazu ein regungsloses, versteinertes, in sich gekehrtes Gesicht.

Der Schauspieler, der diesen gewagten Kunstgriff eindringlich vorführt, heißt Géza Röhrig. Er ist Waisenkind und Poet und Punk-Rebell, 1967 in Budapest geboren, wegen antikommunistischer Aktivitäten von der Schule gejagt, Student von István Szabó und Absolvent des New Yorker Jewish Theological Seminary, und er ist ausgebildeter Kindergärtner. Er ist der reine Tor in dieser durch Brutalität und Spitzelwesen und Überlebenskampf bestimmten Endzeitgesellschaft. Ein einziges Sujekt unter den zum Objekt Gemachten. Nicht umsonst nannte Nemes seinen Protagonisten Ausländer: Mitleid mit dem Leid anderer ist etwas Grenzenloses. Sauls Gesicht, Spiegel der Gesichter der anderen, ist von atemberaubender Intensität. Die toten und zugleich gehetzten Augen, als ob sie stets die nächsten Prügel erwarteten, man entkommt ihnen nicht. Mit leiser Stimme sagt er die wenigen Sätze des Unsagbaren. Die mehrsprachigen Dialoge verlieren sich in einem babylonischen Stimmengewirr, aus dem das Jiddische und das Deutsche am besten zu verstehen sind – und das eine weitere Perfidie: die Opfer, sie kommen aus Ungarn, Polen, Tschechien, Deutschland, können sich untereinander nur in der Sprache der Täter verständigen. Du hast keinen Sohn, sagen die, die Saul von früher kannten. Doch er glaubt an seine Aufgabe. Dieser Glauben gibt ihm Kraft.

Noch eine Szene im Film ist der Wirklichkeit entnommen. Nemes stellt eine Fotografie nach, eines der wenigen damals von Gefangenen aufgenommenen und aus dem Lager geretteten Bilder, die die Gaskammern zeigen. Im Sommer 1944 gelang es einer Gruppe des Sonderkommandos, in den Besitz einer Kamera zu kommen. Mit dem „bloßen Fotoapparat“ wollten sie festhalten, was ihre Augen täglich sahen. Tatsächlich machten sie vier Aufnahmen, die über eine Angestellte der SS-Kantine „nach draußen“ gebracht werden konnten. Ihre Nahsicht, einem Augenblick extremer Gefahr abgerungen, zeigt zwei Aufnahmen von der Verbrennung der eben Vergasten, eine Aufnahme weiblicher Gefangener, die, gerade entkleidet, auf dem Weg in die Gaskammer sind, und ein Bild, das wegen des Gegenlichts nur noch ein paar Baumwipfel erahnen lässt. Damit war die von der SS verordnete „Entbildlichung“ der „Endlösung“ unterbrochen (was allerdings die Alliierten nicht zur Änderung ihrer Angriffspläne auf Auschwitz und andere Lager bewegte). Von vielen Filmemachern, etwa „Shoah“-Regisseur Claude Lanzmann, wird diese Art der Nachinszenierung als banalisierend und ergo diffamierend abgelehnt. Doch Nemes beweist das Gegenteil. Er beweist, dass Dokumentieren auch fiktional geht.

„Son Of Saul“ ist ein wichtiger, in seiner Ästhetik konsequenter, ergreifender Film über das Menschsein in Zeiten der Unmenschlichkeit. Am Ende, und es kann für Saul kein gutes sein, gibt es was? Hoffnung? Wenn der Kamerablick des ungarischen Ausländer an einen polnischen Buben weitergereicht wird. Zivilisation darf nicht sang- und klanglos an Zäunen verenden. Dafür muss es Zeugen geben. Claude Lanzmann hat „Son Of Saul“ übrigens seinen Segen erteilt.

sonyclassics.com/sonofsaul/

Wien, 16. 3. 2016