Last Shelter

November 24, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Seele ist ein kaltes Land

Last Shelter Bild: © Stadtkino Filmverleih

Last Shelter
Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ein Mann und eine Frau sind auf der Flucht. Ein Land ist von einer fremden politischen Macht besetzt, die gegen religiöse Fanatiker Krieg führt; Leben werden bedroht. Es ist bald Weihnachten, doch das wissen die beiden jetzt noch nicht. Sie suchen eine Herberge, aber niemand will ihnen Unterschlupf geben, denn Maria ist schwanger … Entschuldigung, die falsche Geschichte, zu viel Adventkranz inhaliert … 2012, im Dezember, da war das ganz anders. Da waren die Flüchtlinge in der Votivkirche ausschließlich Männer, also, diese gefährlichen allein reisenden. Waren weder devot noch dankbar, sondern forderten ihr Recht auf Mitmenschlichkeit ein. Ihr Recht?! Seit wann hat ein …? Hat denen eigentlich jemand auf gut Deutsch etwas über Werte erzählt? Etwas von Recht auf Leben, Recht auf Freiheit und Sicherheit, und welchen Wert die Würde eines Menschen hat?

In der Votivkirche ist es dunkel. Links riesige Glasbilder, auf denen sich die Habsburger heldenhaft von den Türken abschlachten lassen, links der NS-Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, in der Mitte geht Jesus mit KZ-Häftlingen auf ihrem Leidensweg. In der Mitte ist ein Matratzenlager. 63 Flüchtlinge haben sich darauf versammelt. Sie haben Österreich erreicht und wollen nun bleiben. Wazir singt ein pashtunisches Lied, es klingt wie ein Gebet. „Nach unendlich langer Zeit fern der Heimat / bekam ich einen Brief / ich bekam einen Brief aus meiner Heimat.“

Filmemacher Gerald Igor Hauzenberger befasst sich nach seiner kafkaesken Tierschützerdoku „Der Prozess“ erneut mit den Untiefen der heimischen Innenpolitik. „Last Shelter“ kommt am 27. November in die Kinos. Drei Jahre begleitete er die jungen Afghanen und Pakistani des „Votivkirchenstreiks“. Entstanden ist so ein zeitloser Film, ein brisantes Dokument über komplexe gesellschaftliche Verstrickungen und die allgemeine Überforderung bei der Suche nach adäquaten Lösungen. Lösungen sind meist eilig gefunden. In Schnellverfahren haben die Flüchtlinge negative Asylbescheide erhalten, obwohl sie unter denkbar prekären Bedingungen geflüchtet sind: Das Abbrennen von Schulen und Kopfabschneiden durch selbsternannte Gutgläubige haben sie miterlebt, Familienmitglieder sind ermordet worden. Bei Null Grad harren die Flüchtlinge monatelang und phasenweise im Hungerstreik aus. In ihrer letzten Zuflucht. Trotz öffentlicher Proteste werden einige von ihnen abgeschoben. Die Seele ist ein kaltes Land.

„Es war reiner Zufall, der mich in die Votivkirche geführt hat“, erzählt Hauzenberger. „Es hieß, dass die Kirche geräumt wird. Die Flüchtlinge starteten daraufhin einen Aufruf des ,solidarischen Schlafens‘: Man sollte bei ungefähr 4° Celsius eine Nacht in der Kirche bleiben. So sollte ein Polizeieinsatz verhindert werden und unter denen, die mitgemacht haben, waren Susanne Scholl, Marina Grzinic oder Elias Bierdel. Als ich eine Nacht drin war, haben die Refugees gefragt, wer ich bin.“ Hauzenberger, damals gerade für den Österreichischen Filmpreis nominiert, erklärte, und die Männer sagten: „Wenn du das nächste Mal kommst, bring‘ deine Kamera mit.“
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Es entstand ein Dialog. Mit dem ehemaligen Oppositionspolitiker Adalat, der unfassbar sachlich über Blutbäder berichten kann. Mit Jean Ziegler und Christoph Schönborn. „Mustafa, der vorher Fotograf war, gaben wir eine kleine Kamera und baten ihn, mitzufilmen.“ – „Ausgerechnet zu Weihnachten!“, wird eine der prominentesten Stimmen im Film rufen. „When we were putting our mattresses here, we got some worst sayings from the priest. He said: You are Muslims, why are you not going inside your mosque? Why you come inside the church?“ Gott ist so groß, wie die Menschen ihn sein lassen.
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Über allem schwebt ein drohender Orgelklang. Andauernd, überdauernd. Ein Mann wird festgenommen, weil er keine Aufenthaltserlaubnis hat. Er kommt in Schubhaft. Widerstand gegen die Staatsgewalt. Schönborn sagt den Hungerstreikenden: „We cannot assume the responsibility that some of you die here. Then I go to prison“. Eine Stimme, ein Verrückter oder ein Weiser, antwortet: „Then better that we all go on the road and then we die all together.“ Die Polizei, die Behörden schweigen in diesem Film. Sie haben keine Worte wie diese, die mit der Poesie eines Faustschlags treffen.  Einmal sprechen die Offiziellen von der „Kenntnis“, die alle über alles hätten. Die Votivkirche wird umzingelt …
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Zum Ende führt der Film bis zur ungarischen Grenze, wo 2015 an trennenden Zäunen gearbeitet wird. Die Beschränkung baut sich ihre Schranken selbst. Hauzenberges Film scheint teilweise von den Schrecken dieser Tage überholt und ist doch ein wichtiger Prolog zum aktuellen Geschehen. Noch nach dem Abspann laufen die Bilder weiter. Menschen wandern Richtung einer sich für sie zunehmend verdüsternden Zukunft. In seinen Augen, sagt Hauzenberger, sei das große Problem, dass Haltung in der Politik sich von positiven Umfragewerten und Boulevardmedien abhängig mache. „Wie der Bürgermeister von Traiskirchen, Andreas Babler, sagt: Es ist eine Schande für die Demokratie, dass auf dem Rücken von Flüchtlingen Alltagspolitik gemacht wird. Und ich hoffe, dass sich das jetzt bessert.“ Hat da nicht kürzlich jemand etwas über unsere Werte erzählt?
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Wien, 24. 11. 2015

Viennale mit Woody Allen, Nanni Moretti & Todd Haynes

Oktober 9, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Österreich ist im Programm stark vertreten

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“ Bild: Viennale

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“
Bild: Viennale

Das Wichtigste zuerst: Der Kartenvorverkauf beginnt am 17. Oktober, die Viennale selbst am 22. Oktober. Am Freitag stellte Direktor Hans Hurch das Programm 2015 mit dem Satz „So viel Film war noch nie!“ vor. So gibt es neben dem Tribute für Tippi Hedren, in dessen Rahmen „Die Vögel“ und „Marnie“ gezeigt werden, der Hitchcock-Star wird dazu Wien beehren, weitere große Namen und die Preisträger der diesjährigen Filmfestivals, die den Hauptabend im Gartenbaukino behübschen:

Cate Blanchett und Rooney Mara als lesbisches Liebespaar in Todd Haynes’ elegantem Drama „Carol“  machen den Auftakt. Der in Cannes uraufgeführte Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer Frau der gehobenen Gesellschaft und der jungen Warenhausverkäuferin Therese. Basierend auf einer Geschichte von Patricia Highsmith ist „Carol“ eine subtile melodramatische Studie über Geschlechterbeziehung und Klassenverhältnisse im Amerika der frühen Fünfzigerjahre. Von Woody Allen wird „Irrational Man“ gezeigt.  Des Altmeisters neuen Film macht vor allem die schauspielerische Leistung von Joaquin Phoenix zu einem lichten und souveränen Moment. Mit subtiler Selbstironie und verzweifelter Coolness spielt Phoenix einen schäbigen und depressiven Philosophie-Superstar, der auf einer amerikanischen Elite-Uni zu Besuch ist und dem die Frauen hysterisch verfallen. Es wäre nicht der alte Fuchs Allen, wenn die simple Geschichte nicht unversehens zu einer spannenden und doppelbödigen Crime-Story geriete. Auch „Mia Madre“ von Nanni Moretti ist zu sehen. Der Film ist so italienisch und so Moretti, wie er nur sein kann. Es geht um Familie, um alle Generationen, die Tochter und den Bruder und die alte und kranke Mama und mittendrin die großartige Margherita Buy als Regisseurin in der Midlife-Crisis, die vergeblich versucht, es allen Recht zu machen, alles zu schaffen und für alle da zu sein. Dazu kommen noch die aktuellen Dreharbeiten für ihren neuen Film und dessen unerträglicher, amerikanischer Star – eine Traumrolle für John Turturro. Und Moretti selbst ist der brave Sohn der alten Mama in einem seiner besten Filme seit Jahren.

Mit Liev Schreiber, Michael Keaton, Mark Ruffalo und Stanley Tucci ist Thomas McCarthys „Spotlight“ eine weitere hochkarätig besetzte US-Produktion im Programm. Inhalt: Ein Redaktionsteam des „Boston Globe“ erhält den Auftrag, einen etwas älteren Fall von angeblichem Kindesmissbrauch durch einen Pater zu recherchieren. Was sich wie journalistische Routine anlässt, wird zu einem Skandal ungeahnten Ausmaßes innerhalb der amerikanischen Kirche, der alle nur möglichen politischen Mächte und Widerstände mobilisiert. „Spotlight“ beginnt als „kleine“ Story und steigert sich zu einem Thriller von ziemlicher Ungeheuerlichkeit. Ein feiner Ensemblefilm. In „99 Homes“ von Ramin Bahrani geht es um Zwangsräumungen. Am Höhepunkt der US-amerikanischen Immobilienkrise 2010 können viele Familien die Hypotheken auf ihre Häuser nicht mehr bezahlen und verlieren das Dach über dem Kopf. Einmal mehr untersucht Bahrani jene Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft, die zur Ausgrenzung und Marginalisierung ihrer Mitglieder führen. Ein zorniges moralisches Lehrstück mit Andrew Garfield, Michael Shannon und Laura Dern.

Österreich-Premiere haben mit „Dheepan“ von Jacques Audiard der diesjährige Preisträger der Goldenen Palme, mit „Right Now, Wrong Then“ von Hong Sangsoo der Gewinner von Locarno sowie mit „Me and Earl and the Dying Girl“ und „The Diary of a Teenage Girl“ zwei Sundance-Publikumslieblinge. Als Gast geplant war die vergangenen Dienstag völlig überraschend verstorbene belgische Filmemacherin Chantal Akerman, deren letzter Film, ein sehr persönliches Porträt ihrer Mutter und damit ihrer selbst mit dem Titel „No Home Movie“, nun neben den letzten, nachgelassenen Werken von Direct-Cinema-Pionier Albert Maysles und denen des 106-jährig verstorbenen Regiegenies Manoel de Oliveira läuft.

Filme aus Österreich: „Last Shelter“, „Lampedusa im Winter“, „Einer von uns“

Aus dem Schaffen der heimischen Filmemacher hat Hurch sieben Lang- und zahlreiche Kurzfilme ausgewählt, darunter zwei gesellschaftskritische Dokumentarfilme: Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“ zeigt in hoher Verdichtung die klaustrophobische Situation in dieser kontaminierten geopolitischen Zone. Die Einwohner von Lampedusa sind überfordert vom permanenten Andrang und von einer allgemeinen Mangelsituation, die Asylsuchenden wiederum kämpfen verzweifelt um ihr Recht und ihre Würde. Ein Close-up auf jenes Problem, das die EU nun schon seit Monaten bis zur Kenntlichkeit entstellt. Gerald Igor Hauzenbergers „Last Shelter“ holt das Flüchtlingsthema noch näher heran. Bis vor die Haustür. Es ist noch in lebendiger Erinnerung, dass vor nicht allzu langer Zeit eine Gruppe von Asylwerbern die Votivkirche besetzte, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und die drohende Abschiebung zu verhindern. Von großem medialem Echo begleitet, harrten die Menschen in der Kirche aus. Doch was wurde aus ihnen? Dieser Frage geht „Last Shelter“  nach und schlägt einen Bogen zur aktuellen, sogenannten Flüchtlingskrise. Beide werden, wie Hurch ihn „ein bisschen keck“ nennt, am „Internationalfeiertag“, am 26. Oktober, gezeigt. Auch dem einzigen österreichischen Langspielfilm im Programm liegen wahre Begebenheiten zugrunde: Stephan Richter arbeitet mit „Einer von uns“ den Tod eines 14-jährigen Einbrechers in einem Kremser Supermarkt durch die Schüsse eines Polizisten „sehr unspektakulär, genau und auf feine Weise und ohne Kapital aus dieser Geschichte zu schlagen“ auf, so Hurch. In einem eigenen Schwerpunkt für heimische Kurzfilme ist unter anderem der in Cannes uraufgeführte Found-Footage-Film „The Exquisite Corpus“ von Peter Tscherkassky erstmals in Österreich zu sehen.

Und, so Hurch weiter, habe die Viennale bisher davon abgesehen, „anlassbezogen auf politische Entwicklungen unmittelbar“ zu reagieren, so gibt es heuer neben dem Flüchtlingsthema gleich noch einen brandaktuellen Programmpunkt. Unter dem Titel „Griechenland – Noch einmal mit Gefühl“ wird mit griechischen Filmen der vergangenen zehn Jahre die Frage gestellt, „wie das Kino über die ökonomische, politische und gesellschaftliche Entwicklung eines Landes“ erzählen kann.

www.viennale.at

Mehr zur Viennale: www.mottingers-meinung.at/?p=14433

Wien, 9. 10. 2015

Garage X: Krapp’s Last Tape

Mai 21, 2013 in Tipps

Florentin Groll gratuliert Dieter Haspel zum 70er

Florentin Groll Bild: Peter Rainer

Florentin Groll
Bild: Peter Rainer

Premiere ist am 21. Mai: Mit der Inszenierung des Ein-Personen-Stücks „Das letzte Band (Krapp’s last tape)“ von Samuel Beckett feiert Dieter Haspel von der GARAGE X, dem Haus das er ab 1981 als Ensemble-Theater geleitet hat, bevor die Räumlichkeiten am Petersplatz 2009 von Harald Posch und Ali Abdullah übernommen wurden, seinen 70. Geburtstag. Den kauzigen Einsiedler und erfolglosen Schreiberling Krapp gibt der Burgschauspieler Florentin Groll.Inhalt: Der einsame, alte Schriftsteller Krapp lauscht den Tonbändern, auf denen er alljährlich seine Erlebnisse im vergangenen Jahr aufgezeichnet hat, und kommentiert diese Aufzeichnungen immer von neuem – ein Kreislauf von längst abgeschlossenen Erfahrungen, vergangenen Beziehungen und irreparablen Fehlschlägen. Schon seit über dreißig Jahren führt Krapp dieses „Gespräch“ mit seinem ihm immer fremder gewordenen Tonband-Ich. Verächtlich lacht er über die Selbsteinschätzung des einstigen Krapp, und immer wieder spult er das an seinem 39. Geburtstag aufgenommene Band zurück, um einen glücklichen Augenblick zu rekapitulieren, eine Liebesbeziehung, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Im Anschluss an die Derniere am 18. Juni findet „Ein Fest für Dieter“ statt. Mit dabei sind Freunde, Kollegen und langjährige Weggefährten. Andreas Vitasek, Gregor Seberg, Hilde Hawlicek, Fritz Wendl und viele andere werden dem Jubilar ein paar Worte widmen …

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 5. 2013