Academy Awards: Thomas Vinterbergs „Der Rausch“

April 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Trinkerdrama ist nominiert für zwei Oscars

Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3 ApS, Zentropa Sweden AB, Topkapi Films B.V. & Zentropa Netherlands B.V.

Der prominenteste Name auf der Liste der Anwärter für den Academy Award in der Kategorie Bester internationaler Film 2021 ist wohl der dänische Regisseur und Autor Thomas Vinterberg. Dem österreichischen Publikum sowohl vom Burgtheater (Rezension „Die Kommune“: www.mottingers-meinung.at/?p=1330) als auch vom Theater in der Josefstadt bekannt, wo er sich an dessen Kammerspielen schon einmal

dem Thema Alkohol widmete (Rezension „Suff“: www.mottingers-meinung.at/?p=28211), ist Vinterberg außerdem mit einer Nominierung in der Kategorie Beste Regie bedacht. Unter den Mitbewerbern um den Auslands-Oscar: die österreichische Koproduktion „Qua vadis, Aida?“ von Jasmila Žbanić (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45395). „Der Rausch“ kommt voraussichtlich am 23. April in die heimischen Kinos.

Ein berauschender Blick auf Männer in der Midlifecrisis

Als der norwegische Psychiater und Philosoph Finn Skårderud vor etwa zwanzig Jahren die gewagte These aufstellte, dass Menschen mit einem um ein halbes Promille zu niedrigen Blutalkoholwert geboren werden, weshalb ihnen ewiges Glück und Zufriedenheit versagt sind, gingen die Wogen der Empörung höher als jede Schampus-Pyramide – und verebbten, weil Skårderud, der seine Theorie aus den bedeutenden Leistungen bekannter Trinker aus Kunst und Politik sog, nie zum Selbstversuch antrat.

Das Experiment holen nun in Thomas Vinterbergs aktuellem Film „Druk“, deutsch: „Der Rausch“, vier dänische Gymnasiumpädagogen nach. Frank und frei nach dem Thomas-Stipsits-Manuel-Rubey-Song „Für Alkohol gibt es immer einen Grund“. Vinterbergs provokanter Film hat überall dort, wo er im letzten Jahr laufen konnte, Zuschauerrekorde gebrochen und praktisch jeden Preis gewonnen, für den er nominiert war. Dabei begann die Arbeit am 12. Spielfilm des Dogma-95-Mitbegründers mit einer persönlichen Katastrophe:

Vinterbergs 19-jährige Tochter Ida sollte in „Druk“ als Mads Mikkelsens Schülerin ihr Filmdebüt geben, Drehort ihre Schule, Freunde von ihr wurden als Schüler gecastet, da kam sie auf der belgischen Autobahn bei einem Verkehrsunfall ums Leben, der andere Fahrer durch sein Mobiltelefon abgelenkt. Co-Drehbuchautor Tobias Lind- holm und Hauptdarsteller Mikkelsen brachten den trauernden Vater zum Weitermachen, das Ergebnis: weder eine Ode an den Alkoholkonsum noch ein Problemfilm über die Folgen desselben, sondern Vinterberg vom Feinsten.

Heißt: der schon mehrmals angetretene und hier einmal mehr gelungene Beweis, dass man hochkomplexe gesellschaftliche, „moralische“ Zusammenhänge um den Faktor Mensch ergänzen und somit jedwede emotionale Demarkationslinie einreißen kann. Da steht also Mads Mikkelsen als Martin vor seiner Klasse und reißt die Schüler mit seiner Art den Stoff vorzutragen von den Stühlen. Eben noch war er ein Burnout-geplagter Langweiler, der sich von der Elternversammlung vorwerfen lassen musste, im Unterricht gleichgültig und interesselos zu sein, ein geistig abwesender, lethargischer Mittfünfziger, dessen Frau mit ihrem Job und die Söhne mit den Smartphones beschäftigt sind – und jetzt sprüht er vor Esprit.

Eine feuchtfröhliche Geburtstagsfeier mit den Freunden und um nichts weniger desillusionierten Kollegen Tommy, Thomas Bo Larsen als Sportlehrer, Nikolaj, Magnus Millang als Musikprof, und Peter, Lars Ranthe als der für Psychologe, alle drei hervorragend in ihrer wirkmächtig zurückhaltenden Performance, bewirkte den Umschwung. Einer erzählt von Skårderud, und als treue Diener des Dionysos begibt man sich auf dessen Spuren, streng wissenschaftlich, versteht sich, mit Versuchsprotokoll und Dokumentation und nichtsdestotrotz absurden Regeln.

Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Ein Mann in der Midlifecrisis und das Meer: Thomas Bo Larsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Als trinkfester Psychologie-Professor Peter: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Thomas Bo Larsen, Mads Mikkelsen, Lars Ranthe und Magnus Millang. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Die vier wollen zukünftig während der Schulstunden konsequent bei 0,5 Promille stehen – und Erkenntnisse über verbalmotorischen Auswirkungen in einem Studienpapier darlegen. Schon in der Eingangsszene sieht man die Maturantinnen und Maturanten beim Post-Prüfungsstress-Sport: einmal um den See laufen, dabei einen Kasten Bier trinken, kotzen. Vinterberg kann sich diesbezüglich Bemerkungen sparen, er braucht keine Kritik an der Gesellschaftsdroge zu üben, er muss nur die Kamera aufs Kulturgut Alkohol halten.

Fast wie eine Persiflage mutet’s dennoch an, wenn der Sommelier im Nobelrestaurant Glas um Glas kredenzt, vom Frischgezapften zum Champagner, Martin da noch beim Soda, schließlich zum Kaviar einen exquisiten Wodka mit samtenen Worten beschreibt, dass der Zar seine Freud‘ dran hätte. Der Kulinarik-Trendsetter liebste Götzen Haute Cuisine und Château irgendwas hochpreisig vereint, im Königreich der Gourmets sind punkto Brombeeren am Gaumen und Butter im Abgang der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

„Das Leben ist schön“, soll der Lehrer neues Motto werden. Man wünscht sich mehr Selbstbewusstsein, mehr „Spirit“, die vom Alltagsstress erschlagenen, von der Midlifecrisis gebeutelten Männer, Nicolaj mit den vielen Kindern, der geschiedene Tommy, der seinen todkranken Hund fürs Gassi nach draußen trägt – und schon sieht man Martin auf dem Schul-Klo beim Stoli-Kippen; Peter hat’s Hochprozentige sogar in der Thermoskanne bei sich; der Schulwart findet im Turnkammerl halbleere Flaschen; die Schuldirektorin verdächtigt selbstverständlich die ihr anvertrauten Teenager.

Und siehe: Des Quartetts Verschwörung gegen die Vernunft, ihr Feuerzangenbowle-Streich gibt Anlass zur Euphorie. Nie war Lehren befriedigender, der eheliche Sex schon lange nicht mehr heißer. Ausgelassen wie die Kinder lässt Vinterberg seine Protagonisten sich austoben, ihre soziale Kompetenz hat sich gesteigert, Tommy macht den verspotteten Brillenträger „Specs“, Max Kaysen Høyrup, zum Goleador.

Dazu eine Videomontage: Boris Jelzin, Boris Johnson, Jean-Claude Juncker, der Donald Tusk und Viktor Orbán in eine Umarmung zwingt, Jelzin tanzend und eine Abgeordnete zwickend, Sarkozy bei einer Pressekonferenz, Jelzin und Bill Clinton, alle, alle volltrunken. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: Einen ständig saufenden Egomanen? Oder einen abstinenten Tierfreund? Zweiteren! Somit siegt Adolf Hitler gegen Winston Churchill – die Zynismusfalle ist zugeschnappt.

Wie jeder gute Drogenfilm will „Druk“ die Zuschauerin, den Zuschauer erst einmal verführen, im Wortsinn berauschen – und das gelingt zum einen hervorragend, weil die vier Charaktere trotz ihrer Ambivalenz so sympathische Jedermänner sind, zum anderen, weil Kameramann Sturla Brandth Grøvlen zum dräuenden Absturz immer wieder sonnendurchflutet-sommerliche, verheißungsvoll-unbeschwerte Bilder einfängt, etwa den Bierkastenlauf der Oberstufler um einen malerischen See. Das Trinken darf in „Druk“ beides sein, nobler Genuss und schäbiger Kontrollverlust, elegante Geste und erbärmliches Schauspiel.

Thomas Bo Larsen mit Max Kaysen Høyrup. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Martin sprüht im Unterricht vor Esprit: Mads Mikkelsen. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Beim Dreh: Mads Mikkelsen und Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Peter lässt die Maturantinnen tanzen: Lars Ranthe. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Denn der Absturz kommt. Der Alkohol lässt es nie bei dem einen Gläschen bleiben. Beim Pantschen von Supercocktails aus allem, was sich in Peters Hausbar findet, sind die vier zwar überzeugt: „Wir sind keine Alkoholiker!“ Nach einer Tanzeinlage à la Boy Group, überhaupt lässt Vinterberg Mads Mikkelsen seine acht Jahre als Profitänzer oft und gern zur Schau stellen, einem „We need to get higher! – 1.2 – 1.5 – 1.8 ‰, stilistisch amüsant werden Uhrzeit und Promille-Pegel eingeblendet – und einem desaströsen Supermarkteinkauf, findet sich Peter nackt hinterm Klavier im Stammlokal wieder. Martin wird vor der Haustür liegend von den Nachbarn aufgegabelt. Peinlich. Auch das blaue Auge.

Die Saufgelage von Martin, Tommy, Nikolaj und Peter sind Symptom einer existenziellen Malaise Europas. Laut WHO trinkt kein anderer Kontinent mehr Alkohol, die ÖsterreicherInnen beispielsweise aktuell durchschnittlich 11,6 Liter reinen Alkohol pro Person und Jahr. Damit liegt Österreich im Ranking der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum weltweit auf Platz 13. Alle zehn Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Erde ein Mensch an den Folgen seiner Alkoholabhängigkeit.

Sturla Brandth Grøvlen vermag mit der Ruhelosigkeit der Handkamera, durchs Verschwimmen von Tönen und dem Verlust der Bildschärfe Zeichen der Instabilität zu schaffen. Schnapsleichen in Zeitlupe, heimkommen und nicht mehr ins Bett finden, streitende Frauen als Spielverderberinnen, bellende Hunde, weinende Kinder. Aggressionen und eine Schuldirektorin, der dämmert, wer an ihrer Anstalt tatsächlich dem Alkohol zuspricht. Tommy im Lehrerzimmer nicht mehr Herr seiner Sinne, Martin, dem dies die Augen übers Ausmaß der Probleme seines Freundes öffnet. Peter, der die Prüfungsangst seines Schutzbefohlenen Sebastian, Albert Rudbeck Lindhardt, mittels Flachmanns kurieren will. Ein Suizid.

Dass keiner die Fahne riecht! Dass Wodka nicht wahrzunehmen ist, ist ein Gerücht! Ein Fazit? Im höchsten Fall das kontroverse, dass Alkohol nur ein Brandbeschleuniger für schwelende Konflikte und ungelöste Krisen ist. „Druk“ ist weder ein Bacchusgesang noch eine Verteufelung des Genussmittels Alkohol, sondern eine komplexe Abhandlung darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme der Gesellschaft widerspiegelt. Dies könnte einen mit dem Appell an eine „gesunde“ Einstellung zu Wein, Bier und Co. in die Realität entlassen.

Doch Vinterberg setzt mit einer fulminant furiosen Finalszene noch eins drauf. Wieder ist Sommer, wieder ziehen erfolgreiche Maturantinnen und Maturanten ans Wasser, wieder gibt es ein Besäufnis, die Lehrer mittendrin und Martin, Mads Mikkelsen so brillant wie lange nicht mehr, beim ekstatischen Tanz im Champagner-Regen. Was hat sich geändert? Einer weniger ist anwesend. Was hat sich geändert? Nichts.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BQyIaFreaQA&t=2s            www.weltkino.de/filme/der-rausch           www.facebook.com/DerRausch.DerFilm

9. 4. 2021

Salzburger Festspiele: Lars Eidinger ist der Jedermann

Dezember 4, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Gespannt auf die Fragen, die er mir stellen wird“

Lars Eidinger. Bild: © Nils Mueller

Der Nachfolger von Tobias Moretti steht fest: Lars Eidinger wird der neue Jedermann, Verena Altenberger seine Buhlschaft. Beide standen schon gemeinsam vor der Kamera, in David Schalkos Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Das Traumpaar ist nicht die einzige Neubesetzung in der Inszenierung von Michael Sturminger, die kommendes Jahr grundsätzlich bestehen bleibt.

So übernimmt Edith Clever, die zuletzt vier Jahre Jedermanns Mutter gespielt hatte, von Peter Lohmeyer kommenden Sommer die Rolle des Tod. Neue Mutter wird Angela Winkler – und Mavie Hörbiger der erste weibliche Teufel. Nach „Die Blumen von gestern“ (www.mottingers-meinung.at/?p=23768, www.mottingers-meinung.at/?p=23779) und „Persischstunden“ (www.mottingers-meinung.at/?p=41521) – Lars Eidinger im Gespräch:

Worin liegt der Reiz der Rolle Jedermann?

Lars Eidinger: Das ist eine Erkenntnis, die ich in der Auseinandersetzung mit „Brecht’s Dreigroschenfilm“ gewonnen habe: Dass die Räuber laut Brecht keinem romantisch

verklärten Bild einer Gangsterbande entsprechen dürfen, sondern die Bürger selbst sind. Wir sind die Räuber. Wir sind Jedermann. Diese Herangehensweise fordert mich heraus. Ich hatte insgeheim immer gehofft, irgendwann für die Rolle des Jedermann angefragt zu werden, – und die Tatsache, dass ich mich damit nun in die Ahnengalerie der größten deutschsprachigen Theaterschauspieler einreihe, ist eine große Ehre, die mir zuteilwird. Es ist ein Lebenstraum, der in Erfüllung geht.

Was macht den „Jedermann“ in Salzburg so erfolgreich?

Eidinger: Er ist ein Klassiker. Was einen Klassiker ausmacht, ist die Tatsache, dass die Konflikte, die verhandelt werden, immanent sind. Es sind Konflikte, die für den Menschen unüberwindbar bleiben, die ihn ausmachen. Sie sind universell und elementar. Der Mensch wird in all seinen Facetten und Abgründen durchleuchtet. Das Stück ist ein Spiegelkabinett oder -labyrinth, an dessen Ende der Spiegel selbst in den Spiegel sieht. „Jedermann“ lädt die Zuschauer ein sich darin zu erkennen. Darum geht es in der Kunst – um Selbstreflektion und Erkenntnis.

Hat Sie einer der bisherigen Darsteller inspiriert?

Eidinger: Obwohl es viele herausragende Schauspielerpersönlichkeiten in der Reihe der Jedermann-Darsteller gibt, ist für mich Gert Voss der Größte. Ich hatte das Glück, ihm in Thomas Ostermeiers Inszenierung von „Maß für Maß“ zu begegnen (die 2011 bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte, Anm.). Er war ein Jahrhunderttalent. Der Begriff „Genie“ ist sehr abgedroschen, doch auf Gert Voss passt er. Er hatte eine ungeheure Kraft im Ausdruck, etwas von dem man glaubte, es sei unerschöpflich. Immer hatte man das Gefühl, so intensiv seine Darstellung auch war, man bekomme nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Und er hatte, so wie ein Musiker über das perfekte Gehör verfügen kann, das absolute Gespür für das Verhältnis von Aufwand und Wirkung. Das verlieh ihm seine unbedingte Glaubwürdigkeit.

Fängt man bei so einer Rolle, in der es um Leben und Tod geht, an über das eigene Leben nachzudenken?

Eidinger: Darauf freue ich mich tatsächlich am meisten. Das ist ja eines der größten Privilegien, die man als Schauspieler hat, dass man sich diesen Fragen stellt. Ich habe jetzt über 350 Mal „Hamlet“ gespielt und immer wieder die Frage „Sein oder nicht sein“ aufgeworfen. Es gibt keine elementarere. Ich würde sogar so weit gehen, dass es das erste Zitat ist, das einem einfällt, wenn man an Kunst im Allgemeinen denkt. Es gibt darauf im Leben keine Antwort, außer „Sein oder nicht sein“. Leben heißt diesen Widerspruch aushalten. Das macht die Bewegung des Lebens aus.

Mit Gert Voss in „Maß für Maß“. Bild: © Salzburger Festspiele

Als Bert Brecht im „Dreigroschenfilm“. Bild: © Wild Bunch

Mit Nahuel P. Biscayart in „Persischstunden“. Bild: Alamode Film

Mit Adèle Haenel in „Die Blumen von gestern“. Bild: © Dor Film

Und der Tod?

Eidinger: Der Tod ist Stillstand. Daher lautet Hamlets letzter Satz auch „Der Rest ist Stille“ – nicht „Schweigen“ wie es bei Schlegel fälschlicherweise übersetzt ist. „Silence“ braucht keine Anwesenheit im Gegensatz zu „Schweigen“. Mit Stille ist ein paradiesischer Zustand gemeint. Das sind Gedanken und Erkenntnisse, die ich mit „Hamlet“ gewonnen habe – und ich bin sehr gespannt, was mir der Jedermann erzählt, gespannt auf die Fragen, die er mir stellen wird.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Mal Salzburg?

Eidinger: Ich erinnere mich, wie Birgit Minichmayr mich in brütender Hitze auf den Domplatz eingeladen hat, wo Nicholas Ofczarek den Jedermann gab. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Frau „Immer noch Sturm“ auf der Perner-Insel gesehen habe – mit dem einstündigen Monolog von Jens Harzer am Ende – und wie wir im Gewitter in die Stadt zurückgeradelt sind. Ich erinnere mich, wie ich Anna Prohaska auf der Straße kennengelernt habe. Wie ich mit meiner Tochter Fiaker gefahren bin. Hans-Christian Schmid mich besucht hat. Dieses Jahr war für mich so intensiv und voller unvergesslicher Erlebnisse, dass ich es immer in meinem Herzen tragen werde.

Ihre Buhlschaft ist Verena Altenberger. Sie kennen einander bereits. Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit?

Eidinger: Ich habe sie bei den Dreharbeiten zu David Schalkos Adaption von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ kennengelernt und das Gefühl gehabt, wir suchen nach dem gleichen. Sie ist eine sehr freie Spielerin, die sehr über den Partner geht. Auch ich bin immer stark vom Gegenüber abhängig, und ich glaube, dass man mit ihr sehr weit gehen kann, weil wir uns vertrauen.

Oft wird die Buhlschaft mit Sinnlichkeit, Verführung und Erotik assoziiert. Was ist die Buhlschaft für Sie?

Eidinger: Georg Trakls Ideal war die Gleichgeschlechtlichkeit. Die Theorie, dass der Grund allen Übels auf der Welt die Trennung in zwei Geschlechter ist. Deshalb ist der Begriff „sex“ im Englischen so treffend, weil er sowohl die Unterscheidung in die Geschlechter beschreibt, als auch den Geschlechtsakt. Ich glaube, dass die Buhlschaft und der Jedermann ein Ganzes ergeben.

Was erwarten Sie von der Zusammenarbeit mit Michael Sturminger?

Eidinger: Er ist ein ungeheuer freier Geist und hat einen sehr zugewandten, offenen und liebevollen Blick. Für mich ist das ganz wichtig, denn nur dann kann ich mich auch zeigen. Es macht großen Spaß, sich mit ihm auszutauschen, weil er viel weiß, aber sein Interesse am Gegenüber nicht verloren hat. Ich schätze ihn so ein, dass er mutig im Ausprobieren ist und empfänglich für Neues. Darauf freue ich mich.

Mit welchen Ideen gehen Sie in diese Inszenierung?

Eidinger: Es gibt ein schönes Zitat von Helene Weigel: „Hast du eine Idee, vergiss sie“.

www.salzburgerfestspiele.at           www.instagram.com/larseidinger

  1. 12. 2020

Lars Eidinger als KZ-Koch in „Persischstunden“

September 24, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sprache ist mächtiger als die SS

Gilles‘ Ankunft im Konzentrationslager: Nahuel Pérez Biscayart. Bild: Alamode Film

Anta – Mutter, Radß – Brot, Tsvajn – Schwein. Nein, das ist nicht einmal im Ansatz Farsi, das ist eine von Reza erdachte Fantasie, Reza, der eigentlich Gilles heißt und in Vadim Perelmans Berlinale-2020-Highlight „Persischstunden“, das ab Freitag in den Kinos läuft, um sein Leben lügt. Schon das erste Bild umreißt die ganze Story, Nazi-Akten, die beim Verbrennen bluten, es ist 1942 und der junge belgische Jude Gilles wird mit anderen von der SS in einen Lastwagen gepfercht.

Nächste Station, man ahnt es, Erschießung. Doch knapp vor der Waldlichtung erbettelt ein Mitgefangener Gilles‘ letztes Stück Baguette. Im Tausch gegen ein Buch, „Die Mythen der Perser“, Literatur als Überlebensmittel, denn als die anderen im Kugelhagel sterben, kaum auszuhalten ist dies Geräusch: Baby weint, Baby schweigt, gibt sich Gilles als Halbperser aus. Der Beweis dafür in seinen Händen, der Name wie auf dessen erster Seite vermerkt: Reza Joon.

Nun stutzen die Schergen, sucht doch der Verpflegungsoffizier im Konzentrationslager einen „echten Perser“, bei dem er Sprachunterricht nehmen will. Der Lohn fürs Finden eines solchen sind zehn Dosen Fleisch. Mehr ist ein Menschenleben nicht wert, und allemal mehr wert ist etwas zu Essen. Da braucht Rottenführer Max Beyer nicht lang nachzudenken, und Reza-Gilles ist fürs Erste gerettet.

Wolfgang Kohlhaases Kurzgeschichte „Erfindung einer Sprache“ ist Perelmans Film nachempfunden, das Drehbuch von Ilya Zofin, eine außergewöhnliche Arbeit, die so entstanden ist, eine Erinnerung, eine Würdigung, ein Gebet, Schutz vor dem Vergessen. Das ans Durchgangslager Natzweiler-Struthof gemahnende Set verströmt eine Atmosphäre der Klaustrophobie und Angst, ein Vorhof zur Hölle in Polen – wobei es zeitgeschichtlich Bewanderte doch irritiert, dass überm Tor „Jedem das Seine“ steht.

 

Gilles also trifft den Mann, von dem im Weiteren seine Existenz abhängt, und es ist dieses dichte, intensive Zusammenspiel des Argentiniers Nahuel Pérez Biscayart – er bekannt geworden mit dem Aidsdrama „120BPM“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27800) – als Gilles mit Lars Eidinger als Hauptsturmführer Klaus Koch, das Perelmans Kammerspiel in die Nähe von László Nemes Meisterwerk „Son of Saul“ rückt. Das Publikum lernt Koch, der im Zivilberuf tatsächlich einer ist, als zwänglerisch aufbrausenden Befehlsbeller kennen, der seine Buchführerin Elsa zusammenstaucht, weil’s ihr am Talent zur Schönschrift mangelt.

Doch kaum kommt Koch in Gilles‘ Nähe, offenbart sich auch des gefährlich auf einen Fehler Rezas lauernden Raubtiers menschliche, seine allzu menschliche Seite. Aus Opfer und Täter werden Lehrer und Schüler, Eidinger spielt das mit einer unvermuteten Zärtlichkeit, die Poesie der Grausamkeit, einen schüchternen Wissbegierigen, der sich dem bisherigen Objekt seiner Mordgier mit sinnbildlich geneigtem Kopf nähert – und in jeder Sekunde spielt Eidinger mit, dass dieser Koch im Innersten weiß, dass er betrogen wird. Noch eine Nuance bringt Eidinger ein: Koch, Typ Beamter der Todesmaschinerie, ist kein Kadavergehorsamer. Die Farsi-Stunden sollen ihm, wenn Schluss ist mit lustig, das Auswandern nach Teheran ermöglichen, wo er ein Restaurant eröffnen will. Welch eine Idee: ein deutscher Asylwerber im Iran.

Viel lebt der Film von Kohlhaases speziellem Tonfall, seinem feinen Blick für menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten, seinem Sinn für punktgenau komödiantische Wendungen und überraschende Twists. Ilya Zofin vermag es, der Vorlage auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Schelmenstück zu folgen. Reza-Gilles erdenkt ein ganzes Wörterbuch, je dicker es wird, umso mehr droht ihm der Überblick übers Fake-Vokabular abhanden zu kommen. Bei der Arbeit als Küchengehilfe, beim Abwaschen und Abfälle entsorgen, trichert er sich leise vor sich hinmurmelnd seinen Schwindel ein, denn ein Fehler ist tödlich.

Lars Eidinger als Klaus Koch. Bild: Alamode Film

Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger. Bild: Alamode Film

Gilles teilt Essen aus: Nahuel P. Biscayart. Bild: Alamode Film

Lars Eidinger und Nahuel Pérez Biscayart. Bild: Alamode Film

Nahuel Pérez Biscayart mit seinem charmanten Deutsch gibt sich als Reza so dreist, sein Erfindungsreichtum so überbordenden, seine Improvisationen so blitzschnell, seine Finten so gefinkelt und frech, dass man nicht umhinkann, dem kleinen Mann Bewunderung zu zollen. In Gilles übergroßen, stets wie tränennassen Augen und eingegraben in dessen Gesichtszüge spiegelt Biscayart den Zwiespalt, die Zerrissenheit seiner Figur. Den akkuraten Todeskarteischreiber Reza, der jetzt statt Elsa die Neuzu- und Abgänge und die „unterwegs Verstorbenen“ notiert, und die ersten Silben von deren Namen für sein Farsi verwendet. Den Suppe an halbverhungerte Häflinge ausschenkenden Gilles, der aus relativer Sicherheit die Vernichtung seines Volkes sieht.

Es sind diese komplexen Fragen nach Schuld, die „Persischstunden“ verhandelt. Wie weit geht der Mensch im Extrem? Wo beginnt das Überlebens-Ich, wo endet die Solidarität mit anderen? Wie wirksam ist Sprache als Machtinstrument? Hat, wer die Sprache beherrscht, auch die Wahrheit für sich gepachtet? Um all das zu illustrieren, gibt es frei nach Kohlhaase etliche Nebenschauplätze. Leonie Benesch als zur Küchenaufsicht degradierte Elsa tut sich mit Max, Jonas Nay als strammer Bursche, zusammen. Der wegen Reza, an dem er, wie er Koch mitteilte, „den Juden riechen kann“, ebenfalls einen Anschiss bekommen hat. Per Kochs in Worte gefasster Überheblicheit: „Sie wollen wohl klüger sein als ich!“ Die beiden rachsüchtigen Luder legen‘s ergo drauf an, Reza zu endlich zu enttarnen.

Max will Elsa, Jana liebt Max, wird aber wegen des Versprechers, der Lagerkommandant, dem sie zuweilen im Bett aushilft, habe einen kleinen Penis, an die Ostfront befördert. Während unter den Nazis Kabale und Liebe freudlose Urständ‘ feiern, bleibt den Gefangenen oft nicht mehr als rohe Gewalt. Als Max bei den britischen Kriegsgefangenen einen Engländer mit wahren persischen Wurzeln findet, tötet jenen ein italienischer Kommunist, dessen fragilen Bruder Gilles mit Küchenresten versorgt.

 

Es naht der Untergang des Dritten Reichs, die Alliierten, gehen die Gerüchte, rücken vor, die Transporte zu den Gaskammern werden beschleunigt, Koch verkriecht sich in sein Lernheft. Es ist bezeichnend, dass er auf Gilles‘ Frage „Wer bist du?“ in Rezas falschem Farsi nicht „Hauptsturmführer Koch“, sondern „Ich heiße Klaus Koch“, später auf die, was draußen vorgehe: „Ich weiß es nicht, ich bin kein Mörder, ich bin nur ein Koch“ antwortet.

Doch die Krakeeler fordern vom Küchenobersten ein letztes ausgelassenes Picknick, Reza muss bedienen, wird als Kochs „Wunderknabe“ vorgeführt, verlacht in Anzüglichkeiten, wofür der „seinen Perser“ wohl alles ge-/brauche, Reza irrt sich in der Wortwahl – diese Wut in Kochs Gesicht, Lars Eidinger, der tiefrot anläuft – und wird in den Steinbruch zum Tod durch Arbeit abkommandiert. Und Gilles, des Kämpfens müde, begibt sich in den Sterbemodus. Und erst einmal in diesem, kann keine Einschüchterung mehr wirken …

Die Filmgeschichte zeigt, die Innenansicht eines KZ-Alltags birgt vielerlei diskutierte Risiken, mit denen sich auch dieser Film konfrontiert sieht: die nicht zu bebildernden Nazi-Gräuel bei gleichzeitigem Sichtbarmachen des Unbegreiflichen. Was kann, was darf man zeigen, was verletzt die Würde der Opfer, welche Bilder sind obszön? Perelman erweist den Ermordeten die Ehre aus respektvoller Distanz. Selbst in Momenten – siehe Picknick, in denen die Herrenmenschen ihre finstersten Blicke werfen und Eidinger Kochs Gewaltausbrüche genüsslich zelebriert, bleibt das Leitmotiv des Films die Erinnerung.

Bahntrasse Richtung Freiheit: Nahuel Pérez Biscayart. Bild: Alamode Film

Das Ende – Achtung: Spoiler! – ist eine derart perfide Pointe, dass einem das Nichtlachen schwerfällt. Der Weltkrieg ist für die Deutschen verloren, Reza-Gilles‘ und Klaus Kochs Wege trennen sich. Nun sieht man zweiteren bei der Einreise in den Iran, wo er mit Rezas Lehren, und großartig, wie Eidingers Augen immer ungläubiger blinzeln, seine Farsi-Versuche stotternder werden, bei der Polizei naturgemäß nicht punkten kann – und in eine ungewisse Zukunft abgeführt wird.

Die letzte Szene aber gehört Gilles, und sie trägt das stille Pathos mit Stolz: Gilles, endlich in Sicherheit, wird von einem englischen Offizier gefragt, wieviel Gefangene das Lager während seiner Zeit dort passierten. Vielleicht 25.000 oder 30.000, er erinnert sich nicht genau, sagt er, doch die Namen seien ohnedies im Register. Als er von den verbrannten Archiven erfährt, hebt er den Kopf und beginnt sie aufzuzählen: Aaron, Jakob, Ruth, Rebecca. Einem nach dem anderen gibt er den eintätowierten Nummern ihre Namen wieder. Eine Erinnerung, eine Würdigung, ein Gebet. Schutz vor dem Vergessen.

www.alamodefilm.de/kino/detail/persischstunden.html          www.facebook.com/persischstunden.film

24. 9. 2020

Volksoper: Zar und Zimmermann

Oktober 14, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Blau-weißes Bilderbuch unterm Käsemond

Keine Scheu vor der Knallchargigkeit: Carsten Süss als Peter Iwanow, Daniel Schmutzhard als Peter der Erste, Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, Georg Wacks als Ratsdiener und Sulie Girardi als Witwe Browe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sobald der Chor der Zimmermannsgesellen mit seinen Holzschuhen Charlie Chaplins berühmten Brötchentanz imitiert, ist klar, in welche Richtung Regisseur Hinrich Horstkotte mit seiner Inszenierung von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Volksoper zielt. Er nimmt das „Komische“ an der Oper ernst, nimmt dem durchaus vorhandenen schwerdeutschen Pathos die Patina, und nimmt sich ganz den Witz des bühnenwirksamen Verwirrspiels vor.

Verbrieft ist Horstkottes Proben-Sager „Vergesst Stanislawski – begrüßt Laurel und Hardy!“, eins von deren Fingerspielen wird zum running gag zwischen Bürgermeister van Bett und seinen Stadtbewohnern, und tatsächlich macht der Regisseur aus Lortzings Figuren Typen und verzichtet zugunsten Spaßfaktor auf psychologische Feinziselierung. Keine Scheu vor Knallchargigkeit dürfen demgemäß die Solistinnen und Solisten haben, Outrieren ist Programm, das gefällt, ist in den beiden Pausen zu hören, nicht jedem, aber wer sich in Horstkottes Werkinterpretation akklimatisiert hat, erfreut sich an einem überaus vergnüglichen Abend.

Saardam ist in diesem Setting mehr als nur ein Zitat. Horstkotte, auch Ausstatter, hebt halb Holland auf die Volksopern-Bühne, er erschafft ein blau-weißes Bilderbuch, von Delfter Kacheln bis zu den typischen Windmühlen, von Fahr- bis Käserädern, selbst der goldgelbe Mond ist eines. Kein Wunder also, dass der Zar sein „Sollte ich entdeckt sein?“ mit gouda-vollem Mund murmelt, bevor im zweiten Bild – der Schauwert dieser Arbeit ist hoch – eine perfekte Kopie des Czaar Peter Huisje angerollt kommt.

Sogar eine Kopie des holländischen Czaar Peter Huisje steht auf der Bühne: Gregor Loebel und Daniel Schmutzhard. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

A-Cappella-Sextett: Carsten Süss, Stefan Cerny, Lars Woldt, Daniel Schmutzhard, Gregor Loebel und Ilker Arcayürek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Des Zaren erste Arie „Verraten! Von euch verraten!“, oft genug gestrichen, haben Horstkotte und Dirigent Christof Prick – er führt das Orchester des Hauses mit wohlklingendem Humor und versteht es, die Sänger unterstützende Akzente zu setzen – belassen. Daniel Schmutzhard als Peter der Erste nützt die Gelegenheit zum Temperamentsausbruch, um den cholerischen Charakter seiner Rolle zu unterstreichen, um ein grimmiges Gesicht, ein aufbrausendes Gefühl ist er nie verlegen, in manch lyrischen Momenten allerdings gelingt es ihm nicht ausreichend, seine Stimme zum Klingen zu bringen.

Horstkotte hat noch kleinste Gesten zur Musik getaktet, das setzt ein sehr spielfreudiges Ensemble voraus, und über ein solches verfügt er glücklicherweise auch. Die Aufführung trägt absolut Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, gesanglich wie darstellerisch. Er gibt im Wortsinn, dafür sorgt Georg Wacks als hinreißend tollpatschiger Ratsdiener mit entsprechender Pumpe, den mit heißer Luft aufgeblasenen, selbstverliebten Politiker, und ist in der dankbaren Partie auch für das eine oder andere Kabinettstück gut – Dideldum! Der Chor, und wie immer ist er eine Freude, begleitet dessen Gehabe mit ironisch-spöttischen Kommentaren.

Die Einstudierung von van Betts Kantate hat Horstkotte in ein Altersheim verlegt, das Warum erschließt sich nur dem, der sein Programmheft-Interview liest …

Regisseur Hinrich Horstkotte holt die Niederlande in die Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für den Holzschuhtanz der Kinder gab’s den größten Applaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Liebespaar sind Carsten Süss und Mara Mastalir als teuflisch eifersüchtiger Deserteur Peter Iwanow und trotzköpfig-kecke Bürgermeistersnichte Marie. Beide überzeugen mit großer Komödiantik, wissen aber auch leise, anrührende Töne anzuschlagen. Mit aller Kraft auf Klischee getrimmt sind Gregor Loebel, als russischer Gesandter Admiral Lefort optisch eine Art Rasputin, Stefan Cerny als spleeniger englischer Gesandter Lord Syndham und – mit Loebel der zweite Volksopern-Debütant in dieser Produktion – Ilker Arcayürek als frauenverführender französischer Gesandter Marquis von Chateauneuf.

Der in Istanbul geborene Tenor bringt nicht nur das Herren-A-Cappella-Sextett zum Flirren, sondern auch Chateauneufs wunderbare Romanze „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“. Den größten Jubel schon während der Vorstellung gab’s für die Kinder, die das Publikum mit dem Holzschuhtanz begeisterten. Danach teilten sich Darsteller und Leading Team den Applaus gerecht auf. Und so endet Hinrich Horstkottes „Zar und Zimmermann“-Interpretation mit Happy End fürs ganze Haus.

www.volksoper.at

14. 10. 2018

Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

www.facebook.com/einsamkeitundsexundmitleid

Wien, 6. 5. 2017