Larry Beinhart: American Hero

September 26, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Buch zur US-Wahl: Wag The Dog – reloaded

Die Filmsatire mit Dustin Hoffmann und Robert De Niro kennt man, „Wag The Dog“ aus dem Jahr 1997, da war Bill Clinton US-Präsident, Operation Desert Fox und Monica Lewinsky noch ein bisschen hin – und das Demokraten-freundliche Hollywood nicht wirklich gewillt, seinem Kandidaten auf die Füße zu treten. Herauskam also eine vergnügliche schwarze Komödie über Macht und Medien und ein Staatsoberhaupt in Sex-Nöten. Brillant, zweifellos.

Aber: The Times They Are a-Changin‘, per 3. November bedroht Donald Trump die Welt damit, wiedergewählt werden zu wollen, und der Westend Verlag nahm dies zum Anlass, Larry Beinharts Roman und sehr frei verwendete Filmvorlage „American Hero“ 27 Jahre nach Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe neu aufzulegen. Ein in jeder Hinsicht starkes Buch, von Beinhart versehen mit neuem Vorwort, dem neuen Schlusskapitel „Verschwörung“ und beachtlichen 30 Seiten Anmerkungen, Fußnoten, Erläuterungen, Hintergrundinformationen und Beinharts Reflexionen übers Selbstverfasste.

To cut a long story short: Gegen die Urfassung ist die Leinwandadaption ein Ausflug auf den Ponyhof. Beinhart – Nomen est omen. „Die Wahrheit zu sagen ist harte Arbeit. Und wird schlecht bezahlt. Und oft will sie niemand wissen“, sind die ersten Sätze des Journalisten und Autors, bevor er die Leser im Michael-Moore-Modus über die Person John Yoo aufklärt, einst jener Justizminister unter George W. Bush, dessen Memoranden die Anwendung von Folter rechtfertigten, Guantanamo, Abu Ghraib und diverse Black Sites, nunmehr Autor von Gastkommentaren wie dem in der New York Times: „Hütet euch vor einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump.“

„Wir leben in einer Welt mit zu wenig Wahrheit und zu vieler institutionalisierter Lügen. Das wiederum hat den Weg bereitet für Donald Trump, Boris Johnson, Viktor Orbán und ihresgleichen“, schreibt Beinhart. Und dies Andocken ans Topaktuelle ist wichtig, denn der politische Antiheld des Buches ist George Bush senior, der zum Ende der Amtszeit Nr. 51 um die Nr. 52 bangt. Die Umfragewerte des 41. Präsidenten der Vereinigten Staaten sind im Sturzflug, die Wiederwahl in Gefahr, der smarte Billy schon an der Schwelle zum Weißen Haus – und in der gemeinsamen Schlafkabine der Air Force One zeigt Außenminister Jim Baker seinem BFF „Bushie“, was er für einen schlechten Scherz hält. „Es war der Beginn einer zotigen Geschichte. Beide mochten sie Zoten“.

Die Obszönität ist ein letzter Brief des am Gehirntumor dahinsichenden Politberaters Lee Atwater, Macher von Ronald Reagan und George Bush senior und Mentor von Jim Baker und George W., und was er Bushie senior als Notfallplan vom Sterbebett aus vorschlägt, ist nichts Geringeres als ein Krieg. Ein Krieg als Medienereignis, ein siegreicher selbstverständlich, „den Amerika lieben kann – im Fernsehen“, geführt nicht von Generälen, sondern von einem Filmregisseur: „Zieh in den Krieg. Das ist die klassische Antwort auf unlösbare Probleme im Inland.“ Ein Schelm, wer nun an der Bushens liebsten Gegenspieler, den Irak, denkt, der im Roman tatsächlich seine Rolle bekommen wird, und auch wenn in den Trump-USA „nur“ rundumschlagende Verbalattacken und diese hierzulande gegen Asylwerber et al geritten werden, klar ist: ein Feindbild fürs Stimmvolk muss her.

So weit, so „Wag The Dog“. Der Dummie im Seehund-Pyjama, der Trumpisch lamentiert, dass ihm kein Respekt erwiesen werde, ist erst entsetzt, sieht bald aber: „Extremismus bei der Verteidigung hoher Werte ist keine Untugend.“ Schnitt. Und ein Wechsel der Schrifttypen von Böse zu Gut. Denn die beinhart erzählte Realsatire ist auch ein Krimi noir mit einem abgefuckten Privatdetektiv als Ich-Erzähler, ein Vietnamkriegsveteran, der sich in eine Love Story mit einem Hollywood-Vamp verstrickt, Joe Broz ♥ Magdalena Lazlo, „Maggie“, das ist wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall, und hervorragend ist, wie Beinhart zwischen seinen Parallelerzählungen im Tonfall wechseln kann,

Zum Ganzen kommt’s, weil der Star wissen will, was es mit einem aus fadenscheinigen Gründen abgesagten Filmprojekt mit ihr in der Hauptrolle auf sich hat, und warum sie seit ihrem Nachfragen von unbekannt in Furcht versetzt und eingeschüchtert wird. Der Leser weiß es mittlerweile, Regisseur John Lincoln Beagle wurde von oberster Stelle abgezogen, um sich dem größeren Projekt „Krieg“ zu widmen. Großartig ist nicht nur Beinharts enormer Rechercheaufwand, die Fakten, mit denen er seine Fiktion – wenn’s denn eine ist, erdet. Er entwirft ein Sittenbild der USA seit 1898, seit „Tearing Down the Spanish Flag“ von Blackton und Smith, malt es zum opulenten Schlachtengemälde aus, und verknüpft seine Heerschar an Nebenfiguren an ihren Nebenschauplätzen zum amerikanischen Quilt.

Strahlende Hollywood-Galas, düstere Spelunken, unglamouröse Bespitzelungen, Schauspiel- und Doppelagenten, Studiobosse, Namedropping ohne Ende – am schönsten ein Party-„Platoon“-Gespräch mit Tom Berenger, der Joe als „echt“ erkennt und von Maggies neuem Lover und „Manager“ hingerissen ist, fabelhafte Charaktere wie Maggies mürrische irische Haushälterin Mrs. Mulligan, Joes afroamerikanischer Frontfreund Steve und dessen halbwüchsiger Maggie-Fan-Sohn Martin, von Beinhart beißend o-tönend hingerotzte Klatschkolumnen und Politanalysen, Unterkapitel mit der Überschrift „Propaganda“.

Bild: pixabay.com

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Die WASPs, die Skull and Bones, die Golf spielenden Golfkriegsbetreiber, ein ganzes Geheimdienstgeschwader aus Bushs CIA-Zeiten, Panama-Intervention, Stichwort: Noriega, von den USA erst gemacht, dann gestürzt, der US-Sparkassenskandal von 1990, damals noch „die größte Pleite der Weltgeschichte“ genannt und George W. mutmaßlich darin involviert, texanischer Südstaatenspirit vs Denkmalstürmer, Skrupellosigkeit, Präpotenz, Geschichtsunwissenheit, Geschichtsklitterung – es ist eine Farce, die bis ins Heute reicht.

Von mehreren Seiten und einander immer wieder in die Quere kommend wird um John Lincoln Beagle ein umfassender Überwachungsapparat aufgebaut, der zum Schutz seiner neuen Aktivität auch vorm Äußersten nicht zurückschreckt, was seine Sekretärin Kitty zwar knapp überlebt, seinen Videothekar Teddy Brody allerdings zum Kollateralschaden macht. Alldieweil arbeitet Beagle am politisch Problematischen. Wer könnten die Schurken, der Schurkenstaat sein? „Vielleicht waren Terroristen die Lösung … Die Terroristen waren meistens Araber … Die Terroristen waren meistens Moslems. Die reaktionären Kräfte des Aberglaubens und der Unterdrückung des Ostens … Szenario: Der Präsident wird von Terroristen gekidnappt … Das Land zur Hysterie aufpeitschen … Wenn sie sich in Libyen verstecken, marschieren wir in Libyen ein. Syrien. Dann Syrien … Christen gegen Moslems! Voilà – Titel des Projekts: Die Kreuzzüge.“

Wie gesagt, eine literarische Farce – wenn’s denn eine ist. Wie viele sich todernst nehmende Filme in der Art es doch gibt: „White House Down“, „Air Force One“, „Olympus Has Fallen“, sogar Ben Kingsley in „Iron Man 3“ als Terroristen-Darsteller Trevor alias Mandarin. Sorgen um billige Statisten und teure Spezialeffekte hat Beagle nicht, sein Krieg wird wirklich sein, weiß er, „Menschen würden dabei sterben. Die Vorstellung erfüllte ihn mit einem Gefühl von Macht, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte.“ Und während Beinhart die Beziehung von Joe und Maggie zunehmend in den Filmeinstellungen eines Romantic Dramas schildert, und Joe endlich auf die Gleichung „John Lincoln Beagle arbeitet an einem Kriegsfilm minus Niemand wird für einen Film ermordet ist gleich John Lincoln Beagle arbeitet an einem Krieg“ kommt, der Leser längst auf dem Wissenstand eines Sachbuchs ist, fallen herrlich gruselige, zum Lachen, wenn’s nicht so wäre – Sätze:

„Auf den Krieg“, sagte Bush. „Auf einen guten Krieg.“ „Eines wüsste ich gern“, sagte Baker. „Gegen wen ziehen wir in den Krieg?“ „Ich weiß nicht. Das ist noch in Entwicklung.“ / „Amerika braucht einen Krieg, um sich daran zu erinnern, wie es ist zu siegen. Die nächste Generation muss in der Schlacht geprüft werden, muss siegen und weitermachen, mit Zuversicht und Stolz.“ © Medienmogul David Hartmann. Man kreiert ein Szenario à la Super- bowl, Phase des Anheizens, Play-offs, reingehen, den Feind schlagen, heimkehren, Siegesparade. Und weil die USA so wirklich siegreich nur im Zweiten Weltkrieg waren, soll ein zweiter Hitler aus dem Hut gezaubert werden.

„Das Schlachtfeld sollte im Nahen Osten oder in Nordafrika sein, sagte Beagle und erläuterte wieso. Dort gäbe es eine anständige Auswahl von Hitlers: Muammar al-Gaddafi, Hafiz alAssad, Saddam Hussein, Rafsandschāni oder – auch das muss man in Erwägung ziehen – ein neuer Ayatollah.“ „… genau, Saddam Hussein. Er ist ein Freund von mir“, sagte der Präsident verschmitzt. „Wir können zu Saddam Hussein sagen: ,Wie wär’s, wenn du z.B. Kuweit besetzt – du wirst in der arabischen Welt wie ein Held dastehen, so groß wie Hitler.‘ Dann gibt es Krieg, und möge der Beste gewinnen. Er mag einen guten Kampf.“ Deckname der Militäroperation: American Hero. Der Krieg, ein Medienrauschen, das wie ein zäher Brei alle Wahrheit erstickt.

Ein Wahlkämpfer, der andere der Fake News bezichtigt, während er selbst auf alternative Fakten setzt. Das ist so gut, das kann kein hardboiled Thriller erfinden. Larry Beinharts Abhandlung darüber, wer wen in der Hand hat, und wie Deutungshoheit die Machtverhältnisse bestimmt, ist das Buch zur Stunde. „Dies ist eine frei erfundene Geschichte“, endet Beinhart sein Buch, um dann eine Liste von 39 Ungereimtheiten anzufügen. Ob’s für Joe Broz – seine Name übrigens, das sei hier noch erwähnt, von Josip Broz Tito inspiriert – und Magdalena Lazlo ein Happy End gibt? Daumen drücken! Ebenso Wien am 11. Oktober und der Welt am 3. November.

Über den Autor: Larry Beinhart, geboren 1947, wuchs im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf und lebt heute in Woodstock. Er arbeitet derzeit als Journalist für den englischsprachigen Ableger von Al Jazeera und hat 2015 einen neuen Roman geschrieben: „Zombiepharm“, eine ausgesprochen witzige und kluge Satire auf das öffentliche und private Erziehungs(un)wesen nicht nur in den USA. Manipulation, PR, Propaganda in Wirtschaft und Politik sind als Themen all seiner Bücher stets im Hintergrund präsent.

Westend Verlag, Larry Beinhart: „American Hero“, Roman, 458 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Peter Torberg und Jürgen Bürger.

www.westendverlag.de          Aktueller Kommentar von Larry Beinhart: www.westendverlag.de/kommentare/krieg-als-inszeniertes-medienereignis

BUCHTIPP zum Thema: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269 oder wie der Observer schrieb: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

  1. 9. 2020

Burgtheater: Dies Irae – Tag des Zorns

Dezember 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction Apocalypse

Vor der Apokalypse ist postapokalyptisch: Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Florian Teichtmeister. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, wie um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s ganz gut, bis hierher lief’s ganz gut, jusqu’ici tout va bien, so far so good …“ So beginnt der französische Spielfilm „La Haine“ von Mathieu Kassovitz, so begann gestern die Endzeit-Oper „Dies Irae – Tag des Zorns“ am Burgtheater. Felix Rech, brillant als Pentheus in den „Bakchen“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=34408), saust entlang einer Fensterfassade steil bergab und zählt die Sekunden bis zu seinem Aufschlag, sein Gesichtsausdruck dabei gelassen, denn wie gesagt … Der Sturzflug des Schauspielers via Vidiwall ist nur einer der Wow-schau!-Effekte, den die Materialschlacht zum Thema Weltuntergang in knackigen zwei Stunden zeigt.

Kay Voges, designierter Volkstheaterdirektor, der sich mit dieser Arbeit erstmals dem Wiener Publikum präsentiert, Komponist und Tastenvirtuose Paul Wallfisch, Volkstheater-Voges‘ zukünftiges musikalisches Mastermind, und Dramaturg Alexander Kerlin sind angetreten, um der Eschatologie das von ihr erzeugte Entsetzen wie einen maroden Zahn zu ziehen. Dies mittels einer Pulp Fiction Apocalypse. Als würde der Sterbensschreck grundlos überbewertet, als wäre der Totentanz ein Rock’n’Roll samt Sex & Drugs, und auch Rech darf später, statt auf dem Erdboden sein Ende zu finden, mit Andrea Wenzl Liebe machen, und zwischen diesen Bezugspunkten kleiner Tod, Todestrieb, Todesangst changiert der ganze Abend.

Honi soit, der angesichts dieser Uraufführung denkt, Hausherr Martin Kušej klammere sich einmal mehr an sein Konzept vom männlich-martialisch-dunkelmetallischen Maschinentheater, wiewohl die Bühne von Daniel Roskamp derlei Bildern ähnelt. Anarchie, Kakophonie, das Chaos der Schöpfung sind bei dieser freien Assoziation Programm. Vom Labyrinth der Schauplätze, das über schmale Treppen und Durchgänge ins Innere eines Flugzeugrumpfes, einen Operationssaal, einen Love-Room und ein mit Zivilisationsresten zugemülltes Schlachtfeld reicht. Vom Samplen von Klassik, Rock und Pop, Schubert, Strauss, Britten, Prince – bis zu Carole Kings „I Feel the Earth Move“ als einer Art Leitmotiv.

Katharina Pichler und Mavie Hörbiger. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech fällt und fällt und … Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Mit Zitaten von – selbstverständlich und mit Quellenangabe versehen – der Offenbarung des Johannes und des Buchs Hesekiel über Friedrich Nietzsche und Karl Kraus bis Kassandra und Greta Thunberg – Sinnsprüche unzähliger Weltuntergangspropheten entlarvt, ernstgenommen, als Erheiterung gedacht. Die „Rede des toten Christus“ von Jean Paul gibt dem Nihilismusgedanken gehörig Zunder, Hugo von Hofmannsthals „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“ aus dem Rosenkavalier passt auch perfekt, all die gesungenen und gesprochenen Brocken aus dem literarischen Steinbruch. Erzählt werden keine einzelnen Geschichten, vorhanden sind weder Plot noch Protagonisten, vielmehr ereignet sich ein Knäuel an Dramen gleichzeitig. Kaleidoskopisch dreht sich ein Panoptikum, dreht sich die Bühne, Voges‘ und Wallfischs Doomsday-Loop gilt für alles und jeden. Man wolle, so Voges im Programmheft, so den „Moment vor dem Ende“ porträtieren, ohne dass der Moment selbst ein Ende finde. Mission accomplished!

Florian Teichtmeister kündigt als Flugkapitän der Air Mageddon den Flight to Gomorra an, schaltet dann allerdings auf Autopilot, um über Gottes Willen zu sinnieren, ergo: Panik bei Passagierin Dörte Lyssewski, nicht nur, weil etliche Mitreisende auf rätselhafte Weise spurlos verschwunden sind, siehe Stephen Kings „Langoliers“, sondern auch, weil die Maschine dabei ist, abzuschmieren. In einer Absteige namens Eden/Ende jagt ein Höhepunkt den nächsten, Live-Koitus mit Darstellern aus der heimischen Sex-Positive-Szene war vor der Premiere ja vollmundig angekündigt worden und natürlich kein Aufreger, und sind Wenzl und Resch wie Romeo und Julia Akt I, so Barbara Petritsch und Martin Schwab dieselben Akt V.

Er auf dem Sterbebett sehnlichst auf eine komödiantische, keinesfalls bitte tragödische Erlösung wartend, sie immer noch unterwegs mit Brautkranz, beide sich ihrem Ende entgegen neigend. Exitus ist, wenn man trotzdem lacht. Markus Meyer macht einen versifften Hotelpagen-Riff-Raff, Sopranistin Kaoko Amano singt, dem Aussehen nach eine yūrei aus der Edo jidai, zum Steinerweichen schön, Elma Stefanía Ágústsdóttir, schon in der „Edda“ ein Gesamtkunstwerk (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418), ist eine weitere von Voges‘ stolz-aufrechten Frauengestalten und schreitet als solche bedeutungsschwanger wispernd die Spielflächen ab. Mavie Hörbiger und Katharina Pichler agieren als untote Wladimir und Estragon, die ihr Warten auf … wiedergängerisch treppauf, treppab staksen lässt.

Runa Schymanski, Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir, Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Martin Schwab, Barbara Petritsch, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Materialschlacht auf dem Gräberfeld: Kaoko Amano, Andrea Wenzl und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Runa Schymanski, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Yana Ermilova. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Die beiden haben den besten, weil clownesken Part, jedenfalls das großartigste Zwiegespräch: „Letzte Nacht bin ich dem Heiland begegnet.“ – „Und was hat er gesagt?“ – „Nichts.“ – „Immerhin.“ Wie aus dem Zauberfüllhorn träufeln Voges und Wallfisch immer wieder Neues, Skurriles, Albtraumhaftes in die Augen und Ohren des Publikums, ihr Multimediaspektakel gleichsam ein Absurdes Theater, in dem die Melancholia die Euphoria, erstere nach Lars von Trier, zweitere laut Sam Levinson, umarmt, die Live-Musik von Wallfisch, Percussionist Larry Mullins aka Toby Dammit und Violinist Simon Goff ein ebenso wichtiger Kitt der Collage, wie die Video-Art von Robi Voigt und die Video- und Lichtgestaltung von Voxi Bärenklau und die Castorf’schen Live-Kameras, heißt: innen spielen, nach außen projizieren – ein Teamwork, das dem A und Ω immerhin etwas Burlesque verleiht.

Führt doch der Weg die Figuren weder Richtung Himmel noch Hölle, sie stolpern vielmehr die Möbiusschleife entlang oder stecken zum Schluss wie Happy-Days-Winnie im Dreckshügel fest. Die Wenzl muss lautstark gebären, Lyssewski trägt als Schwarze Witwe den Seherinnen-Monolog aus der Orestie vor, Weihrauchduft wabert durch den Saal, es gibt Krieg und ein eigentlich längst postapokalyptisches Gräberfeld, Hesekiel 37, 1-14, in dem Runa Schymanski mit Space-Odyssey-Affenmaske nach Knochen wühlt, und die einzig weißgewandete Ágústsdóttir unter den von Mona Ulrich krähenschwarz Eingekleideten lädt zur Black Mass. Teichtmeister fragt via Leinwand den Vater nach dessen Verbleib, Schwab lebt Castellucci-gleich ab, Rech, von der Schubumkehr erfasst, fliegt nun hinan. Ob sich so das Volkstheater füllen lässt?

Fazit: „Dies Irae“ ist mehr Ausstattungs- als Sonstwas-Oper, Schauwert schlägt Story, weshalb sich Sinnsucher sinnlos im Hightech-Dickicht verirren. Die Technikabteilungen des Burgtheaters liefern eine Leistungsschau vom Feinsten, sie halten das Perpetuum mobile gekonnt in Bewegung, und aus dem Off kommt „Was ist los?“ – „Das Ende kommt.“ – „Das Ende?“ – „Vermutlich.“ Und wenn sie nicht gestorben sind, querverweisen sie noch heute.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

Bruseum: Damage Control

November 6, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Body Art and Destruction 1968-1972

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970 Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Günter Brus, Zerreißprobe, 1970
Bild: Klaus Eschen Fotografie, BRUSEUM/Neue Galerie Graz, UMJ

Das BRUSEUM, Neue Galerie Graz, zeigt ab 14. 11. die Schau „Damage Control“. Im Jahr 1970 hat Willoughby Sharp im kurzlebigen Museum of Conceptual Art in Chicago eine Ausstellung kuratiert, die unter dem Namen Body Works erstmals die gerade im Entstehen begriffene Tendenz einer körperzentrierten Kunst – die später unter dem Namen Body Art firmieren wird – einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt hat. Die präsentierten Videoarbeiten von Vito Acconci, Terry Fox, Bruce Nauman, Dennis Oppenheim, Keith Sonnier und William Wegman zeigten im Wesentlichen „the use of the artist’s own body as sculptural material“. Sie zeigten jedoch auch bereits die Dekonstruktion und Destruktion dieses neuen skulpturalen Materials und damit die Selbstverletzung der Künstler als künstlerischen Akt: Acconci brannte sich die Haare von den Brustwarzen, Oppenheim ließ sich durch den Sand schleifen und Wegman steckte sich 11 Zahnstocher in den Gaumen. Als das Museum of Contemporary Art in Chicago fünf Jahre später unter demselben Ausstellungstitel einen erneuten Rückblick wagte, war die Künstlerliste bereits um europäische Protagonisten wie Günter Brus, Joseph Beuys, Gina Pane, Urs Lüthi oder Rudolf Schwarzkogler erweitert.

Aus Anlass der Ausstellung „Damage Control: Art and Destruction Since 1950“, die im Herbst im Kunsthaus Graz gezeigt wird, widmet sich das BRUSEUM jenem Aspekt künstlerischer Zerstörung, den die vom Hirshhorn Museum in Washington konzipierte Schau vernachlässigt: der Body Art in ihrer Anfangszeit unter dem speziellen Blickwinkel der aktionistischen Selbstverletzung. Damit bietet sich die einmalige Gelegenheit, die späten Aktionen von Günter Brus im internationalen Kontext zu verorten und zu überprüfen, ob er wirklich der erste war, der seinen Körper im Rahmen einer Performance verletzte und damit als „Begründer der Body Art“ gelten kann, als der er immer wieder bezeichnet wird. Die Ausstellung nähert sich dem Phänomen selbstverletzender Körperkunst nicht nur aus einer historischen Perspektive, sondern auch unter dem Gesichtspunkt einer „Ästhetik des Erhabenen“, wie dies die Österreichische Akademie der Wissenschaften in einem ihrer jüngsten Forschungsprojekte initiiert hat. Ausgangspunkt der These ist die Annahme, dass sowohl die Body Art als auch die Idee des Erhabenen die Beherrschung des Körpers und der mit ihm assoziierten Gefühlswahrnehmungen ins Zentrum stellen.
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Die Ausstellung zeigt Arbeiten unter anderem von Vito Acconci, Günter Brus, Chris Burden, Terry Fox, Stephen Laub, Barry LeVa, Dennis Oppenheim, Gina Pane, Larry Smith, VALIE EXPORT und William Wegman.

Wien, 6. 11. 2014