Akademietheater: Frank Castorf inszeniert Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“

September 7, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur das Schwein war nicht in Spiellaune

Marie-Luise Stockinger, Andrea Wenzl und Dörte Lyssewski. Bild: © Matthias Horn

Schweinereien ortet Elfriede Jelinek in Pandemie-Zeiten allüberall. Welch ein Symbol, das Borstenvieh – von Homer zu Jesus‘ Wundertaten, von Glücks- zu Sparschwein, „Männer sind Schweine“ von Die Ärzte, von Poe zu Hofmannsthal zu Orwell und dessen „alle sind gleich, aber manche sind gleicher“. Ein Blick. From pig to man, and from man to pig, but already it was impossible to say which was which. Hier knüpft die Jelinek mit ihrer am

Akademietheater als Höllenritt vorgetragener Textkaskade an, Frank Castorf hat die österreichische Erstaufführung inszeniert, und Mehmet Ateşçi, Marcel Heuperman, Dörte Lyssewski, Branko Samarovski, Marie-Luise Stockinger und Andrea Wenzl agieren, agitieren in dieser Tour de Farce dreieinhalb Stunden lang, als ginge es um ihr Leben. Die Jelinek’sche Assoziationsmatrix clustert diesmal Kirke, Zauberin der griechischen Mythologie und Verwandlerin von Odysseus‘ Gefährten in einen Stall voll Eber, mit Covidleugnern, Lockdown-Lagerkoller, Impfparanoia, Gerüchteköchen und anderweitigen Quer“denkern“, mit den Beschwichtigungs- und Vertuschungsversuchen der Politik.

Sebastian „Für jeden, der geimpft ist, ist die Pandemie vorbei“ Kurz kommt nicht zu … kurz, ebenso wenig wie der Superspreader-Après-Skiort Ischgl, und zum Schluss der wortgewaltigen Perlen-vor-die-Säue-Reihe kriegt auch noch die tierquälerische Fleischindustrie ihr Fett weg. Derart mäandert der 80-Seiter von den Mächtigen zu den Mitläufern zu den Ohnmächtigen. Aleksandar Denić hat dazu neben Geldausgabe- und Cola-Automat eine raumfüllende Eisenmaske auf die Bühne gestellt, die sowohl die eines antiken Kriegers als auch jene von Ludwig XIV. geheimnisvollem Staatsgefangenen sein könnte. „Un pour tous, tous pour un“ dreht sich in Leuchtschrift ums eherne Haupt, womit in diesem Fall wohl die 99,4%-Parteitags-Musketiere gemeint sind.

Marie-Luise Stockinger vor der eisernen Maske. Bild: © Matthias Horn

Watschenmann-Bumsti, Mehmet Ateşçi̇ und Andrea Wenzl. Bild: © Matthias Horn

Marie-Luise Stockinger und Marcel Heuperman. Bild: © Matthias Horn

Adriana Braga Peretzki kleidet das Ensemble in allerlei ikonische Kostüme, von der katholischen Jungfrau Maria/Andrea Wenzl bis zum afrikanischen Voodoo-Wächter Zangbeto/Mehmet Ateşçi. Marcel Heuperman erscheint mal als Monsterhand, die Lyssewski weist sich mit blonder Haartolle und leuchtendem Lippenrot als Autorin-Alter-Ego aus und ist auf der Suche nach denen, Achtung: Kalauer, „die sich auseinandersetzen“. Anhebt ein Versteckspiel in einem Labyrinth misszudeutender Sinnbilder und Nonsens-Sprüche, und glaubt man den Code endlich entschlüsselt zu haben, ist der längst ums nächste Satzzeichen gebogen, um sich dort in seine Gegenaussage zu verkehren. Eine Irrfahrt, wie weiland die der Ithaker.

Wie stets bei Frank Castorf ist das Wesentliche nur durchs Live-Kameraauge von Videodesigner Andreas Deinert sichtbar, ein Folter-/Kerker im Keller, ein prunkvolles Boudoir oder die Schaukel im Fleur-de-Lys-tapezierten Eisenschädel, allesamt sind sie Schau-Plätze für die lautstark lärmenden Wortgefechte, und als wäre Jelinek allein nicht genug Denksport, schleust der Großmeister des deutschsprachigen Diskurstheaters wie selbstverständlich wieder Fremdtexte ein. Die Schweinereien der Fleischindustrie werden mit Fahim Amirs kontraromantischem Karl-Marx-Preis-Bestseller „Schwein und Zeit“ zur Pein und Hierarchien durch Philosoph Max Horkheimers gesellschaftlichen Querschnitt „Der Wolkenkratzer“ zur Wesensschau. Via Daniel Defoes fiktiven Dokumentarberichts „Die Pest zu London“ geht’s ebendorthin, und – apropos, Folter: durch Auguste Villiers de L’Isle-Adam grausame Novelle „Die Marter der Hoffnung“ nach Saragossa.

Tatsächlich ist die häppchenweise von der Wenzl erzählte Parabel eines Rabbis, den der spanische Großinquisitor nach einem Jahr der Qualen mittels Gluteisen langsam zu Tode befördern will, und den kurz vorm Ende ein Lichtstrahl des Entkommens blendet, eines der spannendsten Momente des Abends, eine Folie für vieles: fürs Konstrukt Wahrheit, die diverse divergierende Meinungskreise jeder für sich gepachtet haben wollen, für alternative Realitäten, Parallelwelten ohne Berührungspunkte, für die trügerische Chance auf Befreiung, Freiheit, Impf-Freispruch. Zu den Stoßgebeten der Verschwörungstheoretiker „Herr, lass‘ uns von der Spritze nicht chipen“ erscheint Sebastian Kurz, mal als Riesen-Pappmaché-Kopf ein Watschenmann-Lookalike, mal in vervielfachter Videoform, um die Erlöserworte zu sprechen.

Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Lyssewski, Ateşçi̇, Stockinger, Heuperman. Bild: © M. Horn

Mehmet Ateşçi̇ und Dörte Lyssewski. Bild: © Matthias Horn

Marie-Luise Stockinger und Edmund. Bild: © Matthias Horn

Castorf fokussiert aufs Österreichertum, er nimmt den „Menschenblock in Türkis“ (Ateşçi sagt: Türk-is) und dessen Messias-Medienstar mit Hang zu Un-/Heilsbotschaften aufs Korn, verknüpft seine Regie-Einfälle zum Gordischen Knoten, und so deichselt er’s, dass es dem – nebenbei bemerkt – hochamüsierten Publikum überlassen ist, den Splint aus der Deichsel zu ziehen. Wie Odysseus von Aiolos mit einem Schlauch heißer Luft getäuscht wurde, so lässt nun Kirke Wenzl Branko Samarovski an der Sauerstoffmaske zappeln. Die Atmosphäre ist aufgescheucht und aufgeregt, eine fiebrige Meute tummelt sich da auf der Bühne, Stockinger stöckelt über diese, skandiert immer wieder „ORF III“.

„So sind wir. Wir spielen für Österreich“, tönt’s aus dem Ensemble, „Fahren Sie her, sobald Sie es dürfen!“, „Habt’s scho Mittag g’essen?“, „Sind’S schon geimpft“, fährt Wenzl die erste Reihe an, und spätestens als das Wort vom Jung-Schar-Führer fällt, kippt die Satire in den Sarkasmus. Castorf, ein Schelm! Seine Inszenierung ist Schmierentheater auf allerhöchstem Niveau, in vielerlei Hinsicht eine Peepshow, in der die Darstellerinnen und Darsteller zwischendurch auch aus der Rolle platzen, um sich gegenseitig anzugiften, Mehmet die Marie-Luise wegen ihrer oberflächlichen Art, Dörte den Branko wegen einer längst verwehten Liebesgeschichte an der Schaubühne: „Du hast mir sooo auf die Beine gestarrt“ – „Das stimmt nicht, da hast du mir aufs falsche Auge geguckt!“ Tschingderassabum, was ein Lacher!

Im Schweinsgalopp geht es von Szene zu Szene. Jelinek-Lyssewski als blinde Seherin, die statt von falscher Kunde betrogen zu werden, empfiehlt sich selber kundig zu machen, Odysseus Samarovski als Seuchenbekämpfer, die drei Damen mit tollkühnem Kopfputz, darunter Wenzl im Mutter-Gottes-blauen EU-Umhang, von dem die güldene Mammonin Stockinger die Sterne reißt. Grandios ist diese Ischgl-Szene, in der diese versucht-feministische Dreifaltigkeit fassungslos die dokumentarischen Fotografien von Lois Hechenblaikner studiert. Hütten-Porn-Gaudi, Alkohol und andere schweinische Exzesse, Wenzl kippt Wodka, Stockinger Bier, Lyssewski peitscht den mit einem Hammer alles zu Brei schlagenden Ateşçi zwischen ihre Schenkel. Vulgär ist das, wie das Virus. Castorf stellt die Verrohung als autoaggressiven Akt, die sich steigernde Mitgefühllosigkeit als die schlimmste Menschenseuche aus.

Branko Samarovski und Andrea Wenzl. Bild: © Matthias Horn

Dörte Lyssewski und Brank Samarovski. Bild: © Matthias Horn

Branko Samarovski und Mehmet Ateşçi̇. Bild: © Matthias Horn

Wuchtiger geht es nach der Pause weiter, wenn Castorf zu den wohlfeilen Witzen die Assoziationsstränge zu einer groß angelegten Zivilisationskritik bündelt. Marcel Heuperman holt als menschliche Hand zum kapitalismuskritischen Monolog aus, das Schwein vorm Bolzenschussgerät ist ein Opfer dieses schlachtreifen Ausbeutersystem. Zwischen Strohballen kauert er im Schweinekoben, die arme Sau, und wettert gegen die Gier nach unendlichem Wirtschaftswachstum und die Schönschreibung schlechter Arbeitsbedingungen. Der Bankomat wird geschlachtet, man mästet sich am Geld. Sie trifft ins Schwarze, diese Sauerei. Castorf kann’s eben.

Und weil Österreich bekanntlich zwei Höchstgeehrte anzubieten hat, ist diesen Herbst ein Castorf-Doppel in Sachen Literaturnobelpreisträger angesagt: In seiner Inszenierung hat am 18. September Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ am Burgtheater Premiere … Ach ja, das echte Schwein. Es heißt laut Programmheft Edmund und ist ein vietnamesisches mit Hängebauch, war aber am Premierenabend als einziges nicht spielfreudig, blieb, statt zum Bankomaten links zu laufen, rechts grunzend und im Stroh rüsselnd stehen, und trat alsbald wieder ab. Von wegen – Rampensau! Trotzdem: Szenenapplaus.

www.burgtheater.at           Teaser: www.youtube.com/watch?v=G1NrIC-caX8

  1. 9. 2021

Volkstheater: Viel Lärm um nichts

März 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Captain.in Hook und die Schneeschnupfer

Sie liebten und sie schlugen sich: Jan Thümer als Benedikt und Isabella Knöll als Beatrice. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dass der Souffleur einer der wortdeutlichsten Sprecher ist, ist eine Angelegenheit, die es eingangs zu besprechen gilt. Der Mann, Jürgen M. Weisert, kam auch überproportional zum Einsatz, hat Schauspieler Stefan Suske doch erkältungsbedingt seine Stimme verloren und konnte so als Leonato nur agieren, synchronisiert sozusagen von unten, von Weiserts Platz in der ersten Reihe. Dass die beiden Herren die Aufgabe mit Bravour und viel Applaus meisterten ist eine Sache.

Dass etliche andere auf der Bühne den Text verhaspeln und verschlucken eine andere, ebenso wie die Tatsache, dass das alles keine Rolle spielt, weil Sebastian Schugs Inszenierung vor allem lärmend lustig ist. Zwischen-, Unter- und leise Töne – Fehlanzeige.

„Viel Lärm um nichts“ am Volkstheater also. Ist ein Abend, an dem sich die Geister scheiden. An dieser Stelle hat man beschlossen ihn zu mögen. Weil Schug „Volkstheater“ im bestgemeinten Sinne macht. Er hat Shakespeare kunterbunt angemalt, fährt mit ihm und der Bühne Karrussel, alles dreht sich, alles bewegt sich, und das steht dem britischen Barden gar nicht schlecht. Schug beherrscht und kontrolliert das Chaos, das er selber anrichtet. Seine Regie setzt auf Gags und Gimmicks, diesbezüglich scheinen ihm die Ideen nie auszugehen, und wer daran Freude haben kann, kann sich wunderbar amüsieren.

Schug teilt die Welt in zwei Hälften (Bühne: Christian Kiehl). Die weibliche zeigt Leonatos Stammsitz samt Showbühne auf der gerockt, geliebt und gelitten wird, auf der männlichen dahinter wird in Zeitlupe fabelhaft gefochten, Donna Johns Hand abgeschlagen, wird von ihr die Intrige gesponnen. Ja, Donna John, den der Böse- ist eine -wichtin. Steffi Krautz spielt die Don Pedro’sche Halbschwester als eine Art Captain.in Hook mit Dreispitz, Gehrock und Handhaken (Kostüme: Nicole Zielke).

Braut und Jungfer: Isabella Knöll und Nadine Quittner als Hero. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch Akrobatik kommt ins Spiel: Kaspar Locher als Claudio und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auf Verstümmelung folgt ein exzessiver Maskenball. Pater Francis legt eine Riesenline und zieht als erster unter all den Schneeschnupfern, Claudio freit seine Hero mittels Poledance, Benedikt und Beatrice belassen es nicht beim verbalen Schlagabtausch, sondern gehen erst mit Degen, dann beim Liebesgeständnis schließlich mit Fäusten zur Sache. Das ist der Stoff, aus dem Schugs Träume sind. Und man muss ihm zugutehalten, dass all diese Handlungen bis in die kleinsten Nebenfiguren durchdacht und ausgefeilt sind. Keine Sekunde ist auch nur eine von ihnen auf der Bühne, ohne dass sie wüsste, was zu tun ist. Saufen, sich schlagen oder schnackseln.

Diesezüglich ist Jan Thümers Benedikt der Mann der Stunde. Er ist es, den alle Frauen wollen, Evi Kehrstephans frivole Margaret und Claudia Sabitzers Ursula inklusive, und auch Nadine Quittners naiv-lüsterne Hero schmachtet ihn an. Doch der aufrechte Recke hat bald nur noch eine spitze Zunge für Beatrice. Isabella Knöll spielt sie schön kratzbürstig. Sie macht das Eheversprechen Benedikts im Wortsinn zum Ring-Kampf, gemeinsam singen die beiden Elvis‘ „Fools rush in“. Das ist, neben einem vertonten Shakespeare-Sonett, der Teil, der sich erschließt. Warum Schug Richard III.s Anfangsmonolog und Macbeths Hexenszene zitieren lässt, wird ein Rätsel bleiben. Derzeit ist dergleichen offenbar eine Theatermodeerscheinung.

Fabelhafte Fechtszenen: Jan Thümer, Thomas Frank, Kaspar Locher, Steffi Krautz, Sebastian Pass und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank verblödelt den Pater Francis völlig, ihm kommt es auch zu die aufklärenden Worte von Constable Dogberry zu sprechen. Damit ist die Falle von Peter Faschings Borachio aufgeflogen, Kaspar Lochers Claudio und Sebastian Pass‘ Don Pedro können aufatmen, als sich Hero als Un-Tote zu erkennen gibt. Es wäre zu viel verlangt, zu sagen, dass einer der Charaktere bis auf den Grund ausgelotet worden wäre.

Tatsächlich waten die Darsteller punkto Charakterzeichnung eher durch Untiefen. Wie gesagt: Es gilt den Abend anzunehmen als das, was er ist. Das ist ein Mordsspaß. Am Ende gab es viel Jubel für die Darsteller und zwei, drei Buhs für die Regie.

www.volkstheater.at

  1. 3. 2018

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Juli 3, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der perfekte Dreiklang entsteht mit Wodkagläsern

„Schicksal“, schreibt Julian Barnes. „Das ist nur ein großes Wort für etwas, was man nicht ändern konnte. Wenn das Leben ,Also‘ sagte, dann nickte man und nannte es Schicksal.“

Es ist das Jahr 1937, Leningrad. Allabendlich steht ein Mann vor seiner Wohnung neben dem Fahrstuhl und wartet darauf, dass die Geheimpolizei ihn auf Nimmerwiedersehen abholt. Dies will er in Anzug und Krawatte erledigt wissen, nicht im Nachtgewand – und vor allem nicht unter Wehklagen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Der Mann, der da steht, ist der weltberühmte Komponist Dmitri Schostakowitsch. Sein Vergehen: Genosse Stalin verließ vorzeitig eine Repertoirevorstellung seiner „Lady Macbeth von Mzensk“. Samt Molotow, Mikojan und Schdanow.

Man weiß bis heute nicht, was am 26. Jänner 1936 im Bolschoi Theater geschah. Das Orchester jedenfalls hypernervös. Und am nächsten Tag eine vernichtende Kritik in der Prawda – über eine Oper „ohne Sittsamkeit und Bescheidenheit“. Vernichtend, das war zu Zeiten des Großen Führers der Sowjetunion im Wortsinn zu nehmen. Die Rezension, sagt die mangelnde Orthografie, soll Stalin selbst geschrieben haben …

Entlang dieser für ein Menschenleben alles entscheidenden Begebenheit führt Barnes seinen Roman „Der Lärm der Zeit“. Es ist ein dicht komponierter Text, von meisterhafter Knappheit und spartanisch in der Wortwahl, der hier Auskunft über Kunst in Zeiten der Repression gibt. Er ist, viel mehr als eine Künstlerbiografie, die Analyse eines Regimes, in dem Arroganz, Heuchelei und Ignoranz gegen alles, das irgend „anders“/entartet ist, gebündelt werden. Er ist sowohl das Psychogramm eines Menschen als auch eines politischen Systems. Er entlarvt den Irrwitz des Apparats wie der Apparatschiks.

Es ist der Stoff, der Tragödien im Rückblick zu Farcen macht. Schostakowitsch, der sich von diesem Schlag nie wieder erholen wird, sieht sein Leben fortan nicht mehr als große Dichtung, sondern als Gogol’sche Satire, die Realität erscheint ihm schrecklicher als sein Gedankenchaos. Er legt ein Album an, in dem er Schmähartikel sammelt, er geht regelmäßig zu den Verhören ins Große Haus am Liteiny-Prospekt, bis sein dortiger Peiniger selbst verhaftet wird und verschwindet. Schostakowitsch, man weiß es, wurde nicht ermordet, und dennoch zum Opfer des Stalinismus. Er starb 1975 am dritten Herzinfarkt. Nach sehr viel Wodka, die der vorherige Abstinenzler ab 1937 seine Kehle hinunter laufen ließ.

Bild: pixabay.com

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Dazwischen liegen Jahrzehnte des Dauerzitterns, drei Ehen, zwei Kinder. Stalin in seiner Paranoia des Heute-Freund-morgen-Feind verheert die Sowejtunion. Seine Macht lässt sich nie in die Karten schauen, das Nichtvorhersehbare ist ihr Prinzip. Vom Volkshelden zu dessen Verräter ist es nur ein kleiner Schritt. Und Schostakowitsch galt in diesem Konstrukt als „parteiloser Bolschewik“.

Im Zwölf-Jahres-Rhythmus, so will es ihm erscheinen, wird gegen ihn vorgegangen. Seine Fünfte Symphonie nennt die Zensur eine „optimistische Tragödie“ – und erkennt nicht, dass er sich längst in die musikalische Satire gerettet hat: „Sie merkten nichts von der gellenden Ironie des letzten Satzes, diesem Hohn auf den Triumph. Sie hörten nur den Triumph selbst, ein Treuebekenntnis zur sowjetischen Musik, zum Leben unter der Sonne der Stalin’schen Verfassung. Er hatte die Symphonie fortissimo und in Dur ausklingen lassen. Und wenn er sie pianissimo und in Moll hätte ausklingen lassen? Von so etwas konnte ein Leben abhängen.“

Schostakowitsch wird überschwemmt von Selbstekel. Der Komponist ist zum Helden nicht gemacht, er ist mehr Ducker und Anpasser – und Barnes stellt dies dar, ohne jemals den Zeigefinger eines Nachgeborenen zu heben. „Der Lärm der Zeit“ liest sich auch als Parabel über die Unfreiheit der Kunst aufgrund ihrer Vereinnahmung durch Gönner, hieße heute: Sponsoren. Stalins verqueres Verhältnis zu seinen Künstlern ist bekannt – siehe etwa Michail Bulgakow, den er nicht publizieren, aber per wöchentlichem Fresspaket auch nicht verhungern ließ. Auch über Schostakowitsch Überleben gibt es ein Ondit: „Stalin sagt, man soll ihn nicht anfassen.“

Schostakowitsch wird er erst zu einer desaströsen „Friedens“-Konferenz in den USA drängen, wo er – ganz Parteilinie – seinem Idol Strawinsky abschwören muss, dies der Sündenfall, den er sich lebenslang nicht verzeihen wird, später Chruschtschow ihn in die Position des Vorsitzenden des Komponistenverbandes zwingen. Der zweite Frevel. Noch mehr Grauen, noch mehr Alkohol. „Früher hatten sie ausgelotet, wie weit sein Mut reichte. Jetzt loteten sie aus, wie weit seine Feigheit reichte.“ Barnes zoomt sich in die Befindlichkeiten seines Protagonisten, er dreht an dessen geistigem Lautstärkenregler, wenn’s im Hirn gellt: Selbstverrat! „Nun ja, er lügt wie ein Augenzeuge, wie das Sprichwort sagt“, notiert der Autor über den Seelenslalom seiner Hauptfigur. Diese Innen-im-Er-Perspektive ist reizvoll, man muss sie als Leser aber auch aushalten, und wo Barnes Daten und Fakten einfügen muss, hatscht sie ein wenig.

„Insgesamt hatte er den Stalinpreis sechs Mal bekommen, auch den Leninorden erhielt er in regelmäßigen Zehnjahresabständen: 1946, 1956 und 1966. Er schwamm in Ehrungen wie eine Garnele in Garnelen-Cocktailsoße. Und bis 1976 hoffte er, tot zu sein.“ Barnes mag das Garnelen-Cocktailsoßen-Zitat. Er verwendet es mehrmals. Auch Anekdoten und Witze recycelt er bis zum Formalismus. Wie das Gleichnis von der Katze, die den Papagei am Schwanz hinter sich herzieht. Sein Kopf knallt gegen jede Stufe, aber der Papagei sagt … Flaubert lässt grüßen. Barnes zeichnet jenseits des Musikalischen einen Mann, der solche Witze mochte, der Fußballfan war und sich zum Volleyballschiedsrichter ausbilden ließ, der Kandelaber liebte und große Standuhren.

Bild: pixabay.com

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Der Komponist wird zum System-Schulbub. Ihm wird ein Tutor zur Seite gestellt, er muss Zusammenfassungen über Stalins schwülstige Weisheiten verfassen. 1959 entsteht sein 8. Streichquartett; mit der Widmung „Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges“ meint Schostakowitsch sich selbst. 1. Wegen Stalin. 2. Wegen Hitler. Bei der Belagerung durch reichsdeutsche Truppen war Schostakowitsch von einem Schrapnell im Kopf getroffen worden, das nie entfernt werden konnte. Er, der Sohn aus gutbürgerlichem Hause, verabscheut beider Seiten „Rassenwahn“: Den kommunistischen, dem die proletarische Reinheit ebenso wichtig ist, wie dem nationalsozialistischem die arische Reinheit.

„Der Lärm der Zeit“, das sind die Abtransporte während der stalinistischen Säuberungswellen, das ist politisches Krakeelen, die gehobelten Späne des Sowjetsozialismus, und das sind seine Opfer in ihrem letzten Aufseufzen. Schostakowitsch wäre lieber von ihm verschont geblieben. Im Gegenzug – „Kunst“, schreibt Julian Barnes, „ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“ Es ist nur konsequent, dass diese Kunst, die Musik, nicht aber ihre Überlebenskraft, die große unbesprochene Leerstelle des Romans bleibt. Nur an einer Stelle analysiert Schostakowitsch sein Metier: einen perfekten Dreiklang. Da geht’s um einen Bahnsteig, einen weltkriegsversehrten, beinamputierten Bettler und drei Wodkagläser beim endgültigen Anstoßen. Welch ein Abschlussbild für dieses abgründige, tiefgründige Buch.

Über den Autor:
Julian Barnes, geboren 1946 in Leicester, England, ist einer der wichtigsten zeitgenössischen britischen Autoren. Er wuchs in London und Northwood auf. Bis 1968 studierte er am Magdalen College in Oxford Moderne Sprachen und schloss das Studium mit Auszeichnung ab. Drei Jahre lang arbeitete er als Lexikograph für das Oxford English Dictionary supplement, trat dann eine Stelle als Redakteur bei der New Review und dem New Statesman an, bevor er von 1979 bis 1986 erst als Fernsehkritiker für den New Statesman und den Observer tätig war. 1979 heiratete Barnes seine Agentin Patricia Olive Kavanagh, die 2008 den Folgen eines Gehirntumors erlag. Julian Barnes setzt sich mit dem plötzlichen Tod seiner Frau in seinem Buch „Lebensstufen“ auseinander. Er widmet ihr den Großteil seiner Werke. Schon 1980 veröffentlichte Julian Barnes mit „Metroland“ seinen ersten Roman. Mit „Flauberts Papagei, seinem dritten Roman, gelang Barnes 1984 der internationale Durchbruch, mit diesem Titel stand er zum ersten Mal auf der Shortlist des Man Booker Prize, den er 2011 für „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt. Julian Barnes lebt und arbeitet in London.

Kiepenheuer & Witsch, Julian Barnes: „Der Lärm der Zeit“, Roman, 256 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krueger.

www.kiwi-verlag.de

  1. 7. 2017

Burgstar Roland Koch inszeniert Shakespeare

Februar 22, 2013 in Tipps

Anne Bennent macht in St. Pölten „Viel Lärm um nichts“

Es ist schon erstaunlich, aus welchen Stoffen Shakespeare eine Komödie flechten konnte. „Viel Lärm um nichts“ ist diesbezüglich seine „grausamste“. Da wird eine Frischverlobte durch eine Intrige der Untreue bezichtigt, scheidet aus Schmach – wieder ein Schmäh – aus dem Leben. Der Vater nimmt sich aus Gram fast das seine. Aber zum Glück gibt’s einen „Deus ex machina“-Prinzen, der alles zum Guten wendet. Und außerdem neben Claudio und Hero, dem ernsthaften Liebespaar, Benedikt und und Heros Kusine Beatrice, damit neben Duellen mit scharfen Schwertern auch solche mit scharfen Zungen gefochten werden können. Wer den Kinofilm mit Kenneth Branagh, Emma Thompson und Denzel Washington kennt, weiß das eh alles …

Landestheater NÖ

Tobias Voigt, Pascal Gross, Michael Scherff, Benno Ifland
Bild:Sepp Gallauer

Burgtheaterschauspieler Roland Koch, Darsteller in zahlreichen Shakespeare-Stücken, hat am Landestheater Niederösterreich/St. Pölten nun „Viel Lärm um nichts“ inszeniert. Am Burgtheater führte er bereits mit großem Erfolg bei  „Was Ihr wollt“ Regie (er war damals kürzestfristig für die erkrankte Andrea Breth eingesprungen) – diesmal  nahm er sich Kollegen Moritz Vierboom (der ist ab 16. 3. auch in „Mamma Medea“, in der Regie von Philipp Hauß, einem weiteren Burg-Mitglied, zu sehen) als Ränkeschmieder Don Juan mit. Für die Rolle der Beatrice kehrt Anne Bennent nach mehrjähriger Pause wieder ans Landestheater zurück

Das Ergebnis: Ein Erfolg. Allen voran glänzt die Bennent, als bissige, verkrampfte „Männerhasserin“ Beatrice, die mit sich selbst nicht im Reinen ist. Schlägt doch auch in ihrem Busen die Sehnsucht, den Richtigen zu finden, bevor sie als alte Jungfrau endet. Immer wieder greift sie den Männern ans Gemächt, aber da muss das optimale wohl erst noch geschnitzt werden … Ein Glück, dass ihr Widerpart „Benedict“ Tobias Voigt zur Wandlung fähig ist. Der von ihr als Hofnarr beschimpfte Shakespeare-Intellektuelle wird vom Zyniker, vom Sprücheklopfer zum Liebenden. Apropos, Wandlung: Auch Benno Ifland als Leonato legt eine großartige hin. Vom leicht senil-outrierenden Hausherrn, läuft er, als seine Tochter Hero verunglimpft wird, zu Hochform auf. Reißt das Stück vom Tralala in die tragische Tiefe.

Tralala gibt es ohnedies genug. Koch inszeniert schräg und schrill, das Bühnenbild eine Sperrholzwand, in der sich die Darsteller immer wieder verheddern. In dieser Welt der Konventionen findet man nur schwer ein Schlupfloch.  Er hat den Geschlechter“kampf“ zeitgemäß eingedampft, wohl um ihnnicht überzustrapazieren. Dazu gibt’s viel Musik von einer wunderbaren Balkan-Turbofolk-Band (geleitet von Imre Lichtenberger Bozoki), die auch immer wieder schauspielerisch ins Geschehen eingreift. Schöne Idee. Souveräne Arbeit. Noch zu sehen bis 23. März.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger
Wien, 22. 2. 2013

 

Das Volkstheater zeigt: Die Besten aus dem Osten!

Folge 11: Moldawien

Die Kurzfestival-Reihe „Die Besten aus dem Osten!“ der Volkstheater-Dependance „Hundsturm“  ist eine theatrale und literarische Erkundungstour durch unsere Nachbarländer. Seit 2006 waren in mittlerweile 11 Folgen  Rumänien, Polen, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Tschechien, Estland, die Türkei, Serbien und zuletzt der Kosovo  zu Gast.

Nun präsentiert Moldawien am 22. und 23. Februar, jeweils ab 19 Uhr, einen Einblick in die Vielschichtigkeit seiner Theaterszene mit Texten, Performances und zwei Gastspielen in Landessprache mit englischen Übertiteln. Irina Wolf, eine renommierte Kennerin der moldawischen Theaterlandschaft, wird in beide Abende einführen und Lectures zur aktuellen politischen Lage und zur Situation der Theaterschaffenden in Moldawien geben.

Am 22. Februar wird das Dokumentarprojekt „Casam“ von Foosbook gezeigt. Die Produktion wurde erst kürzlich beim rumänischen Theatertreffen in Bukarest ausgezeichnet und nimmt sich dem Tabuthema häuslicher Gewalt an. Der 23. Februar dreht sich um das Teatru Spalatorie. Das Künstler-Kollektiv zeigt mit „Rogvaiv“ eine ebenfalls preisgekrönte Dokumentar-Performance des rumänischen Polit-Aktivisten Bogdan Georgescu, die gegen von Politikern öffentlich artikulierte Intoleranz und gegen jede Form von Diskriminierung polemisiert. Für die  Leitung des Projekts ist die im Westen zurzeit bekannteste moldawische Dramatikerin und Theatermacherin Nicoleta Esinencu verantwortlich. Ihr neuer Text „Gegenmittel“ wird in einer szenischen Lesung von den Volkstheater-Schauspielern Andrea Bröderbauer, Nanette Waidmann, Robet Prinzler und Jan Sabo vorgestellt.

Zum Abschluss gibt es eine aufsehenerregende Performance von Ion Bors auf einer alten sowjetischen Kettensäge – Drujba. Dabei geht es um die Reflektion darüber, wie ein Staat seine Macht über andere Länder via diplomatische Kanäle stülpt und so die Basis von Freundschaft auf ein Element eindampft: Angst. Nach den Vorstellungen gibt es an beiden Abenden DJ-Lines und Party!

www.volkstheater.at

Von Michaela Mottinger
Wien, 22. 2. 2013