Landestheater NÖ – Luk Perceval & NTGent: Yellow. The Sorrows of Belgium II: Rex

Oktober 1, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Front- und Fluchtbriefe auf dem Billardtisch

Vabanquespiel auf dem Billardtisch: Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys, Oscar Van Rompay und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Ab 8. Oktober zeigt das Landestheater Niederösterreich LIVE im Großen Haus Luk Percevals Uraufführung von „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“, LIVE hier besonders großgeschrieben, da es COV19-bedingt im Frühjahr bereits eine Filmversion zu streamen gab. Hier zum Einlesen die Rezension dazu: Mit dem Verlesen eines Artikels einer neuen rechtsradikalen französischsprachigen Zeitung, der vor den neuen rechten Schlagwörtern nur so strotzt, großer Austausch, Kulturmarxismus vs. christliche Werte,

die Linke unterstützt den Islam, um mit der Frustration der Minderheiten die westliche Zivilisation zu zerstören …, legt Luk Perceval den Finger in eine Wunde, die längst noch nicht vernarbt ist. Nationalsozialismus in Belgien, darüber weiß man hierzulande wenig. Belgien war neutral, doch griffen im Mai 1940 die nazideutschen Truppen an; nach der campagne des 18 jours ergab sich die belgische Armee bedingungslos. In „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“ beschäftigt sich Perceval nun mit der Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten und damit gleichsam mit dem bis heute schwelenden Konflikt der Wallonen mit den Flamen.

Yellow“ ist der zweite Teil von Percevals nach den Farben der belgischen Nationalflagge benannten Trilogie, Teil eins „Black“ befasst sich mit den Kolonialverbrechen Belgiens im Kongo, Teil drei „Red“ wird von den aus Brüssel stammenden IS-Attentätern handeln. Zwei alte Männer also, der eine sitzt an einem Billardtisch mit abgesägten Beinen und studiert Fotos, Briefe, verlesen, gelesen wird viel in dieser Produktion, der andere hinter ihm sagt etwas, unhörbar, seine Stimme geht im melancholischen Yellow Waltz von Sam Gysel unter. „Jef? Jef?”, stammelt der Mann am Tisch, Peter Seynaeve als dessen Vater Staf, gleich wird er mit sich überschlagender Stimme Parolen deklamieren, man ist in den 1940ern – bei jenen Flamen, die sich als Deutsche sehen, als Teil der „germanischen Rasse”.

Nach dem Text von Autor Peter van Kraaij verfolgt Perceval das Schicksal der von Hitlers Reden entflammten flämischen Familie Goemmaere. „Der Führer lässt Flandern wieder an der Geschichte teilnehmen”, ist man überzeugt. Wallonen gegen Flamen, das hat was von Kain und Abel, die Französischsprachigen werden seit Jahrhunderten, genauer seit 1302 als ein bäuerliches Infantrieheer einer französischen Ritterarmee gegenüberstand, als Unterdrücker betrachtet. Jetzt ist der Glaube an Gott und das Tausendjährige Reich geweckt. Staf hat Sohn Jef mit der Flämischen Legion, Freiwilligen der Waffen-SS, in den Kampf gegen die Sowjets geschickt. Staf selbst ist Mitglied der Dietse Militia des Rechtsnationalisten Jef François, Tochter Mie bei den Dietse Meisjesscharen und Priester-Onkel Laurens ein fanatischer Faschist.

Einzig Stafs Bruder Hubert hält sich von der Hurra-Stimmung fürs NS-Regime fern, eine Hurra-Stimmung, eine Kriegsbegeisterung, die im Laufe der kommenden zwei Stunden mehr und mehr zu Kadavergehorsam wird, geschildert dies alles ohne moralische Gehässigkeit, das „Heil!” auf dem Heldenplatz kam den Menschen um nichts weniger enthusiastisch über die Lippen als hier den Flamen, alldieweil sich Mutter Marije, Chris Thys, um ihren Sohn, der qua einer Andeutung auch Huberts sein dürfte, die Augen ausweint. Ein sphärischer Soundtrack wabert durch den Theaterraum, der Billardtisch ist bald eine zweite Spielebene; die Fahnen, die wehen, sind weiß wie die der ethischen Kapitulation, die Rekapitulation einer historischen Desillusionierung – im emblemlosen Flaggenwald geht’s so zackig zu, „Deutscher Gruß” und deutsche Disziplin, dass keine Fragen offenbleiben.

Fast schon wähnt man den Regisseur in satirischer Distanz zu seinen Figuren; wie in einem abstrakten Leo erscheinen Valéry Warnotte als Léon Degrelle, Gründer der faschisten Bewegung Rex – siehe Stücktitel – und Aktiver in der Wallonischen Legion, Warnotte als Demagoge und Phrasendrescher der Inszenierung, und als Österreich-Import Obersturmbannführer Otto Skorzeny, dem der Mythos der Mussolini-Befreiung zu einiger Berühmtheit verhalf. An diesen real existiert habenden Charakteren dokumentiert Perceval scheint’s die absurde Groteske von Geschichte.

Seynaeve, Van Rompay, Wildemeersch, Kelz und Thys, vorne: Luk Perceval. Bild: © Maria Shulga

Strammer „Deutscher Gruß“: Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz und Valéry Warnotte. Bild: © Fred Debrock

Seynaeve, Van Rompay, vorne: Wildemeersch und Kelz, Warnotte und Thys. Bild: © Maria Shulga

 

Die beiden Alt-Nazis werden einander später im Spa, nicht Belgien, sondern mit Bademantel und Wellnesscocktail in Spanien begegnen. Der nunmehrige „José de Ramirez Reina” und der Firmenvertreter für Nivea und die Voest haben sich vom gefallenen „Führer” unter Francos Fittiche gerettet, um dem Diktator beim Machterhalt zu helfen und in Skorzenys Fall – „Ich will doch nicht enden wie Eichmann!” – Waffengeschäfte mit dem Mossad zu machen. Eine Episode, unglaublich, doch historisch belegt, die zu den besten des Abends gehört; die Freunde überbieten sich in Hitler-Anekdoten: „He was such a nice guy!”

Doch noch ist es nicht so weit. Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied des Landestheaters, agiert, agitiert sich als Otto Skorzeny in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit dem Laurens von Oscar Van Rompay übt er ein Burschenschafter-Duell, das ins Homoerotische entgleitet, bei einem lasziven Tänzchen wird er sich an die Mie von Lien Wildemeersch schmiegen, Kelz ganz Stimmungsmacher, Spielmacher, geschmeidig wie die Schlange der Versuchung – er, der offensichtlich weiß, was gewesen sein wird, und seine Schilderungen in Vergangenheitsform setzt.

Wenn er als „überzeugter Europäer” von „sozialer Gerechtigkeit” spricht, werden die Floskeln aus der falschen Ecke zeitgemäß. In diesem vielschichtigen Spiel, in dem sich keiner schont, fügt sich Kelz mit seiner starken, in schönster Verschmitztheit das Österreichertum ausstellenden Performance nahtlos ins Genter Ensemble ein. Der Flamen-Clan saugt Skorzenys Heilsversprechen gierig auf, der Kamerazoom zeigt die Gesichter erwartungsvoll, stolz, euphorisch, Marijes unter Tränen – und hassverzerrt wie die Fratzen in Hieronimus Boschs „Christus trägt das Kreuz”, das im Museum für Schöne Künste in Gent hängt.

Vor allem Lien Wildemeersch als Mie schafft es, dass man auf deren blindwütige Gläubigkeit zunehmend zornig wird, und Oscar Van Rompays Laurens mit seinen vor religiöser Extase aufgerissenen Augen. Der Russlandfeldzug, er ist ein Heiliger Krieg, die Soldaten Kreuzritter für „unsere Zivilisation”. „Flandern frei! Und für Belgien nix!” wird skandiert. Bis das nationalistische Narrentreiben und sein schwärmerischer Rassismus von ersten Frontberichten gestört werden.

Chris Thys, Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Maria Shulga

Oscar Van Rompay, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Gleich Eva und der Schlange der Versuchung: Philip Leonhard Kelz und Lien Wildemeersch. Bild: © Maria Shulga

Van Rompay, Seynaeve, Warnotte, Thys, Shulga und Wildemeersch. Bild: © Fred Debrock

Die Briefe also. Sie kommen von Jef, dem stillen Bücherwurm, der nach Stafs Willen im Schützengraben zum Mann geschmiedet werden soll, und Aloysius, der Mie von den Meisjesscharen als Korrespondenz-Kamerad zugeteilt wird, eine Nahebeziehung in Worten, die von Kelz und Wildemeersch mit Körpernähe und Mut zur Initimität als elegische Liebesfantasie ausgelebt wird. Jefs Post spricht eine andere Sprache, weit und breit kein flämischer Offizier und die Flamen von der Herrenrasse auf Französisch angebrüllt; Grausamkeiten, Gräueltaten und die Abstumpfung dagegen kriegen beim Lautlesen eine seltsame Intensität – eine Poesie des Schreckens.

Briefe kommen auch von Bert Luppes’ Hubert. Der hat die geflohene Wiener Jüdin Channa, Maria Shulga, versteckt, wird entdeckt und entkommt mit ihr nach Antwerpen. Gleich Skorzeny erzählt auch Channa Vergangenes, das charmante, leichtlebige Wien, das sich nicht er- sondern hingegeben hat, ihr Verlobter, dessen Mutter sie anflehte ihn freizugeben, damit er nicht in die Fänge der Gestapo gerät, Hubert in seinen Schreiben von Zerstörung, Hunger und der Polizei, die „für eine neue Aufgabe” ausgebildet wird. Channa wird deportiert werden, „nach Osten, Jef hinterher”, kommentiert Hubert zynisch.

Da hat Familie Goemmaere ihre Verblendung längst erkannt. Schnee fällt auf Front und Familiengeheimnisse, ein unbekannter Fronturlauber bringt Nachricht von dort – und der Wahnsinn greift um sich. „Yellow”, diese bedächtige, andächtige Aufführung, deren Melancholie eben noch in Lethargie kippte, wird von Geschrei und Sirenengeheul zerschnitten. Kelz kiert konsonatenknatternd im Hitler-Ton, Mie, als Krankenschwester im Lazarett, schnappt angesichts der vielen Versehrten allmählich über.

Szene um Szene montiert Luk Perceval zu seiner Collage, diese teils pathetisch, teils bizarr, immer leidenschaftlich, mit stilisierter Action und den Mitteln des Körpertheaters, didaktisch – Prädikat: wertvoll. Seine extrem präsenten, expressiv agierenden Darstellerinnnen und Darsteller schultern mit Verve das Paradoxon ein Chor monologierender Stimmen zu sein. Ihr Spiel ist im besten Sinne der Bedeutung sinnlich.

Zum Schlussakkord gehört Hubert, der nach dem Krieg Wien besucht, Museum rein, Museum raus, und raus zum Zentralfriedhof, dem jüdischen Teil. Dutzende Grabstätten, aber sehr viel freie Fläche. Ein Symbol. Hier sei von jüdischen Familien Land gekauft worden für Gräber, die es nun nicht mehr gibt, meint Hubert. Zum Schlussakkord gehört Laurens im Gefängnis. „Geduld”, sagt er. „Geduld, meine Seele, die Saat keimt noch nicht.” Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44919

Trailer: www.youtube.com/watch?v=pOC9NaqoKYA           vimeo.com/519872206           Interview mit Dramaturgin Margit Niederhuber: www.youtube.com/watch?v=D-aHuHj_VpI            www.ntgent.be/en          www.lukperceval.info

www.landestheater.net

1. 10. 2021

Landestheater Niederösterreich streamt: Demian

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dann frag halt Dr. Sommer!

Ein Spazierstock für den Pfad der Selbsterkenntnis: Philip Leonhard Kelz als Emil Sinclair und dessen Lebenshilfe Max Demian. Bild: © Alexi Pelekanos

„Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise …“, liest der Knabe mit groß-erstaunten Augen. Jaja, schon gut, der alte Schinken vom Hermann Hesse liegt auch auf seinem Tisch, aber woran sich Emil Sinclairs zehnjähriges Perplex-Sein grad festsaugt, dass ist die Bravo, die Dr.-Sommer-Seite – Aufklärung, eh klar. Im Web-Kapitel über Selbstliebe steht aktuell: Ändere dich nicht, um anderen zu gefallen! Mach dich nicht kleiner als du bist! Versuche

dich an neuen Dingen! – und schließlich: Nur Mut! Na, das passt doch wie der Faust aufs Gretchen zum „Demian“, Hermann Hesses Erzählung, heut‘ würd‘ man sagen: die Coming-of-Age-Story des Emil Sinclair, und dieser Name auch das Pseudonym unter dem der Schriftsteller seine „Geschichte einer Jugend“ 1919 erstmals veröffentlichte, in der’s heißt: „Es ist falsch, der Welt etwas geben zu wollen. Ich bin ein Wurf der Natur, um nichts als mich selbst zu suchen, um zu mir selbst zu kommen.“

Regisseurin Anna Marboe hat das mehr als 100 Jahre alte Werk am Landestheater NÖ klug und einfühlsam an der Jetztzeit angedockt; Ensemblemitglied Philip Leonhard Kelz, eben erst in Luk Percevals „Yellow: The Sorrows of Belgium II: Rex“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44919) höchst positiv aufgefallen, gestaltet den Protagonisten und seine Mit- wie Gegenspieler. Von Johannes Hammel für die Online-Premiere der hauseigenen #wirkommenwieder-Reihe neu verfilmt, ist Marbos Inszenierung nun bis Sonntagabend auf www.landestheater.net als kostenloser Stream zu sehen – das Ganze von der Theaterpädagogik um eine Materialmappe ergänzt.

Da sitzt er nun mit rosa Holzkarussell. Aus der Spieluhr tönt’s kitsch-lieblich, ein Symbol für die schöne, heile Mama-Papa-Welt, doch erspürt Emil schon die dunkle, die um die Ecke lauert. Hesse-Kenner wissen es: der erpresserische Franz Kromer, den Kelz mit Hoodie und Gold-Crown-Brille gibt, der den Vogerltanz pfeift und der alsbald Emils rosa – what else? – Mini-Drachen-Sparbüchse schlachtet. „Nun hielt der Teufel meine Hand“, bangt Emil, während Philip Kelz von Rolle zu Rolle switcht.

Mit Verve schlüpft er in die verschiedenen Charaktere rund um seinen Ich-Erzähler, dessen Bericht er gleich einer Beichte ablegt – Kelz ganze Emil-Performance wie ein Bußgang, doch eigentlich ein Spaziergang, denn flugs ist der dazugehörige Stock zusammengeschraubt. Die Szenerie färbt sich rot, Auftritt Max Demian mit seiner denkbar unkonventionellen Definition von Gott und der Welt, Demian, der sinnbildlich gesprochen Sinclairs Gehhilfe zum Erwachsenwerden wird …

Bild: © Alexi Pelekanos

Kelz als Kromer. Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Anna Marboe hat den Text fürs Format auf die Quintessenz dessen reduziert, was einen jungen Menschen umtreibt, den es, wie’s im Text steht, „in hundert Dingen frühreif, in hundert Dingen unreif“ hin und her reißt. Die Quintessenz, Emils Weg zu sich selbst, geht interessanterweise auf Kosten der Frauenfiguren, Beatrice fehlt, leider auch die dämonische Muttergöttin Frau Eva und mit ihr all die Mystik und Magie. Selbst aus Pistorius‘ Sätzen: „Ich weiß, dass Sie Träume haben müssen, die Sie mir nicht sagen …“ sind die Straßendirnen entfernt.

[Pistorius ist ein Kirchenorganist, den Sinclair im Kapitel „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei“ kennenlernt, ein verhuschter, aber intellektueller Sonderling, den Kelz mit rosa Blasharmonika und mittelschwerem Augentick ausstattet, und dem Hesse großartige Sätze zugeschrieben hat: „,Halt‘, rief Pistorius. ‚Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß die Welt in sich tragen oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern.“  – „Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie verlernen.“ – „,Kommen Sie‘, rief er nach einer Weile, ,wir wollen jetzt ein wenig Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauch liegen und denken.‘“]

An Requisiten in der Theaterwerkstatt genügen Tisch, Stuhl, ein paar Schachteln, aus denen Kelz allerlei Zeug hervorkramt, Kelz, der die kahle Spielfläche allein mit seiner Präsenz füllt. Als Soundtrack dienen Songs von Anna Marboes erstem Album „die oma hat die susi so geliebt“, erschienen unter ihrem Singer-Songwriter-Namen Anna Mabo bei Ernst Moldens „Bader Molden Recordings“ (www.badermolden.com/anna-mabo), und ihrem zweiten Album „Notre Dame“, das am 7. Mai ebendort veröffentlicht wird.

So geht’s durch den demianischen Kosmos, von den beiden Schächern, von denen Demian eindeutig nicht den „weinerlich bekehrten“, sondern den mit Rückgrat bevorzugt, über Jakobs Kampf zum Anfang vom Ende – die Aufführung ist in dem Sinne ein Erklärstück, dass sie lehrreich ist. Was Hesse zu dogmatischer Starrheit, bigotter Moral und bildwütigem Nationalismus zu sagen hat, ist gesellschaftspolitisch nach wie vor relevant. „Demian“ erschien, als eine traumatisierte Jugend gerade aus dem Ersten Weltkrieg – in den auch Sinclair und Demain als Soldaten hineingezogen werden – zurückkam, und Hesse von den Polemik-Attacken der Presse wegen seiner Ablehnung von Hurra-Patriotismus und Kadavergehorsam zutiefst verletzt war.

Im Zweiten Weltkrieg gehörte „Demian“ zur im Dritten Reich verpönten Literatur, gefolgt von einem Verlegestopp für die Bücher Hesses, gefolgt von einem Hesse-Boom durch die erneute Selbstsuche der desolaten Kriegsheimkehrer. Genau dies der (Spreng-)Stoff, den der Literaturnobelpreisträger in seinem Werk auslegt: die Suche nach sich selbst, im „Siddharta“ und dessen Entwicklungsstufen vom Brahmanen zum Samana zum Erleuchteten vielleicht noch deutlicher gemacht.

Bild: © Alexi Pelekanos

Demian, „kein Schüler, sondern ein Forscher der eigenen Probleme“, führt Sinclair in einen diesem unbekannten Gedankenraum, wobei Kelz im Zwiegespräch zwischen dem ernsten, dominanten und dem verlegen grinsenden wechselt. Er spricht – der Lesbarkeit halber erspare man sich hier den kompletten Abraxas-Komplex, der gnostische Gott, der Gut und Böse in sich vereint, und der als Aufforderung an Sinclair auch seine Schattenseiten anzunehmen gedeutet werden kann – Demian also redet dem Individualismus das Wort, jenem natürlichen Feind der Gesellschafts(zuge)hörigkeit, jenem Ausfallschritt aus dem Stechschritt der

Uniformgeher, der die Masse Richtung Demokratiefeindlichkeit und Diktatur zu lenken pflegt. Besser mit seinen Dämonen kämpfen, als den Götzen der Konvention anzubeten, sagt Kelz‘ Demian, doch weiß er: „Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt.“ „,Gemeinsamkeit‘, sagte Demian, ‚ist eine schöne Sache. Aber was wir da überall blühen sehen, ist gar keine.’“ Welch ein Spruch, denkt man an die Beschwörungsformeln der heutigen Heilsversprecher. Wir sind auf einem guten Weg! Alles kein Weltuntergang! Genug ist genug … Vom Konfirmationsunterricht übers Internat zur Universität, immer wieder manifestiert sich Demian just dann, wenn Emil Sinclair eine Sinnkrise hat, wenn sich unter ihm seelische Abgründe auftun, wenn er einen Freund braucht.

Demian, beim ihm im Traum erschienenen Namen mag Hesse an Sokrates‘ Daimonion gedacht haben, der warnenden inneren Stimme, die den griechischen Philosophen von falschen Entscheidungen abhielt, und Sinclair glaubt tatsächlich, „dass in uns drinnen einer ist, der alles weiß“. Und dementsprechend spielt Philip Kelz das auch, nach einem persönlichen Exkurs über einen Freund, der seinen ungeliebten Job hinwarf, um spätberufener Schauspielschüler zu werden, „cooler Typ“, sagt Kelz, sein Gleichnis ein zeitgemäßer Ankerpunkt in Hesses Aphorismenansammlung. So also spielt Kelz, so wie der Mephisto schon als zweites Ich des Faust gezeigt wurde, denkt man, und schon zitiert Kelz aus der Studierstube: Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht.

„Ein Faustschlag ins Gesicht der Pietät gehört zu den Taten, ohne welche man nicht von der Schürze der Mutter loskommt“, das Zitat ist von Hesse. Man denkt an Freuds ÜberIch-Ich-Es, aber nein, Hesses Freund war C.G. Jung, die Formel lautet daher wie folgt: Das Ich + das Selbst = die Ich-Werdung. Das Ideal der Masse = die Anpassung minus der Angst vorm eigenen Inneren = der Aufbruch zur Ich-Werdung. „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören“, steht auf einem Zettel, den Demian Emil in die Schulmappe steckt.

Das alles geschieht Sinclair schließlich im Krieg, in dem es gilt, für ein Ideal zu sterben, das nicht frei gewählt, sondern ein gemeinsam übernommenes ist. Emil wird verwundet, landet im Lazarett, wo auf der Pritsche neben ihm Demian liegt – um sich zu verabschieden: „Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich vielleicht einmal wieder brauchen. Wenn du mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten oder mit der Eisenbahn. Du musst dann in dich hineinhören, dann merkst du, dass ich in dir drinnen bin.“

Da schaut Sinclair und den Spiegel und zurückschaut „… der Blick Demians. Ich sehe mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund …“ Anna Mabo singt: Ich bin noch nicht, was ich bin, aber ich glaub‘ ich bin am Werden … und Anna Marboe sagt: „Erwachsen klingt immer so fertig. Ich denke, das bin ich noch nicht. Maximal: erwachsend. Und das hoffentlich noch lange.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Wo-bidDiPy4           www.landestheater.net

Zur Materialmappe: www.landestheater.net/de/theatervermittlung/schule-und-kindergarten/materialmappen/materialmappen-19-20/mm-demian

Anna Mabo auf dem Donauinselfest 2020: www.youtube.com/watch?v=5587bbBAKrQ           www.badermolden.com/anna-mabo

  1. 4. 2021

Landestheater NÖ streamt – Name: Sophie Scholl

April 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die lebenswichtige Loyalität zu sich selbst

Bettina Kerl als Sophie Scholl. Bild: © Alexi Pelekanos

„Ich heiße Sophie Scholl. Ja, und? Das ist ein Zufall, weiter nichts“, mit diesen Worten beginnt Bettina Kerl ihr Soliloquium. Scholl, dieser Name, er steht für Zivilcourage und Mut zum zivilen Ungehorsam, für eine Beherztheit und ein Heldinnen- tum, die Sophie in sich zu finden hofft. Die Jus-Studentin nämlich, auf deren Schultern die Bürde der Namens- gleichheit mit der Ikone des Widerstands schwer lastet.

„Name: Sophie Scholl“ heißt folgerichtig das Stück von Rike Reiniger, in dem die Berliner Autorin die beiden jungen Frauen einander gegenüberstellt. Vom Landestheater Niederösterreich als Klassenzimmertheater angedacht, ist die Inszenierung von Jana Vetten nun bis Sonntagabend auf www.landestheater.net als kostenloser Online-Stream zu sehen. Die Produktion wurde eigens für die #wirkommenwieder-Reihe neu verfilmt, die Protagonistin ist nach „Gandhi – Der schmale Grat“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44780) einmal mehr Ensemblemitglied Bettina Kerl – und das Ganze von der Theaterpädagogik um eine Materialmappe ergänzt.

Die Brillanz des Textes liegt naturgemäß in der Doppelfigur. Da ist die eine, die heute vor Gericht aussagen soll, lange weiß man nicht was und warum, die auf den Aufruf in den Zeugenstand wartet, und sich derweil allerhand Gedanken macht – bis dahin, auf ihrem Recht zu schweigen zu beharren. Eine Sophie Scholl, ausgerechnet! So führt das Grübeln zur anderen, zu deren letzten Tagen im Februar 1943. Eben haben Bruder Hans und Mitstreiter Alex Schmorell das sechste Flugblatt abgezogen, nun soll die Schrift, da bei Postzustellung die Briefe [und wie wunderbar wär’s gewesen, hätte man das Wort „eintüten“ gegen „kuvertieren“ ersetzt] meist bei der Gestapo abgegeben wurden, per Hand verteilt werden.

Rike Reiniger verwebt die Parallelführung der beiden Sophies klug und leichthändig, und in der Regie von Jana Vetten spielt Bettina Kerl wie stets unprätentiös und klar. Eindringlich, eindrücklich ist ihre Performance sowieso, und Kerl bräuchte auch nicht auf die darstellerische Tube drücken, denn die Sophie-Scholl-Sätze schneiden tief ins staatsbürgerliche Schuldbewusstsein. Wenn sie fragt: „Warum duldet ihr, dass diese Gewalthaber Schritt für Schritt, offen und im Verborgenen, eine Domäne eures Rechts nach der anderen rauben?“ Wenn sie davor warnt, dass „Selbstdenken und Selbstwerten im Nebel hohler Phrasen erstickt werden“. Wenn sie von der „sittlichen Pflicht“ spricht gegen das System aufzubegehren.

„Freiheit!“, sagt Bettina Kerl, hätten Hans, Alex und Willi Graf mit Teerfarbe an die Wände geschrieben, sie selber sprayt. Der Balkon, das Stiegenhaus, die Gasse vorm Theater, alles ist ihr Spielort, in dem sie die Pamphlete der Weißen Rose auslegt. Welch ein Bild vom Theatersaal, ein Sinnbild – die leeren Sitze im Parkett, körperlich abwesend, abtransportiert die einen, geistig und moralisch nicht vorhanden die anderen, und bemerkenswert, was Kerl alles aus dem Peter-Brook‘schen leeren Raum der Theaterwerkstatt rausholt.

Hausmeister Jakob Schmid schließlich hält die Geschwister Scholl nach ihrer Uni-Aktion fest. Gestapo-Haft wegen Hochverrats, Kriminalobersekretär Robert Mohr will mit Sophie um ihr Leben schachern. „Ich bereue nicht“, sagt sie im Verhör, und verlangt nur die Hinrichtungsart zu wissen. Ein Schauprozess am Volksgerichtshof unter Richter Roland Freisler. Aufrecht, sagt Sophie, sei Sophie zur Guillotine geschritten, und: „Ich will, dass mein Name die Geschichte anders erzählt, anspruchsloser, heutiger.“

Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Gesagt, getan. Bettina Kerl bringt einem die Antifa-Kämpferin näher, indem sie sie aus der Walhalla [Gedenkstätte, in der ihre Büste steht, Anm.] holt. Mehr und mehr wird der Monolog zur Zwiesprache, mehr und mehr überlappen die Charaktere. Welche Sophie raucht auf der Studentenparty? Welche der zwei tanzt mit ihrem Verlobten Fritz? Was sie gemeinsam haben, ist: beide sind sie Mädchen vom Land, die in der Stadt studieren, etwas bewirken wollen.

Nun enträtselt es sich – Achtung: Spoiler! Die Sophie der Jetztzeit ist in einen Prüfungsbetrug verwickelt. Justament jener Professor, der ihr schwuppdiwupp einen der begehrten Plätze in seinem Einser-Kurs beschaffte, hat um teures Geld mit den Prüfungsaufgaben gehandelt. Einmal aufgeflogen will er Sekretärin Frau Mühl zur Täterin abstempeln, und Sophie, die deren Unschuld beweisen kann, findet sich als Entlastungszeugin der Verteidigung wieder. Worauf ihr der Herr Professor ein unsauberes Geschäft vorschlägt …

Derart wird die unbeabsichtigte Namensverwandtschaft zum Prüfstein für Sophie Scholls Gewissen. In die Enge getrieben zwischen Gerechtigkeit und der persönlichen Zukunft im Rechtswesen, in der Zwickmühle zwischen der Aussicht auf einen Job mit astronomischem Einsteigergehalt und ihrem Glauben an den Rechtsstaat, muss sich die Studentin fragen, was es wert ist, „die Löschtaste fürs eigene Leben zu drücken“. Soll sie „aufrecht gehen“ und damit ihre Existenz zu Grabe tragen.

„Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“, formulierte Hannah Arendt, und dass man einen harten Geist und ein weiches Herz haben müsse, meinte die historische Sophie Scholl. Freilich könne man deren Situation im Nationalsozialismus nicht mit der ihrigen vergleichen, erklärt Bettina Kerl als Sophie II, extrem gelungen ist das, dieser Ansatz wichtige gesellschaftspolitische Ansichten zu vermitteln, ohne „pädagogisch“ zu werden. Das Damen-Trio Reiniger, Vetten und – welch ein(e) – Kerl! hat das Thema fürs Klassenzimmertheater gekonnt auf die Realität seines jugendlichen Publikums heruntergebrochen. Entstanden ist daraus ein Filmprojekt für Zuschauerinnen und Zuschauer ab 14 Jahren bis 120.

Die StudentInnenbewegung der sich Sophie II gegenübersieht, hat statt Guerilla die Karriere im Sinn. „Sei ehrlich“, sagt eine Freundin. „Wir hätten die Flugblätter damals nicht einmal angefasst.“ „Das stimmt nicht“, erwidert Sophie. „Wir haben die Maßstäbe für unser Handeln in uns selbst.“ Die letzten sechs Sekunden vom 22. 2. 1943 fehlen. Als Scharfrichter Johann Reichert das Fallbeil auslöste. Was empfand Sophie Scholl während dieses Wimpernschlags? Panik? Reue? Eine innere Leere? Sophie Scholl glaubt: „Glück!“ Entscheidend ist, sagt Bettina Kerl, „die Loyalität zu sich selbst“. Ein bedeutsamer, auf den Nägeln brennender, unter die Haut gehender Abend!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_o7nZlDjap0&t=1s           www.landestheater.net

Zur Materialmappe: www.landestheater.net/de/theatervermittlung/schule-und-kindergarten/materialmappen/materialmappe-sophie-scholl

  1. 4. 2021

Landestheater Niederösterreich online: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

April 2, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Felix Hafners Inszenierung für Ostern neu verfilmt

Tobias Artner als Felix Krull. Bild: Alexi Pelekanos

Das Landestheater Niederösterreich hat im Rahmen seines Digitalformats #wirkommenwiederBekenntnisse des Hochstaplers Felix Krullvon Thomas Mann in der von Pulikum wie Presse heftig akklamierten Inszenierung von Felix Hafner als Osterspecial neu verfilmt. Die Online-Premiere ist am 3. April, 19.30 Uhr, der Stream frei für 48 Stunden bis 5. April, 19.30 Uhr. Hier noch einmal die Rezension der Bühnen-Premiere vom vergangenen September:

Die Welt, die will betrogen sein

Ein letztes Abendmahl des Messias, der Heiland der Hochstapler umringt von seinen Jüngern, die an seinen Lippen hängen und ihn lernbegierig hochleben lassen, so beginnt Felix Hafner seine Bühnen-Fassung der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Landestheater Niederösterreich. „die wellt die will betrogen syn“ schrieb Sebastian Brant 1494 in seiner Moralsatire „Das Narrenschiff“, und Hafner filtert aus der Thomas Mann’schen Vorlage zum Stück die Frage, wie’s heut‘ um jenen blinden Fleck der Selbst- und Fremdwahrnehmung steht, an dem der Schein wichtiger wird als das Sein.

„Anstatt sich mit unbequemen, komplexen Realitäten auseinanderzusetzen, entscheidet man sich gerne für den einfachen Schein, der unseren Wünschen entspricht, unser Handeln bestätigt und uns eine simple Wirklichkeit liefert“, schreibt Hafner im Programmheft über den „weltweiten Aufstieg zahlreicher Populisten“. Ansonsten lässt der Regisseur seine Arbeit von Tagesaktuellem unangetastet. Hafners Inszenierung ist so gescheit wie gewitzt. Man versteht auch so.

Da steht er also, Tobias Artner im schwarzglänzenden Artistendress mit dem tiefen Herren-Dekolleté, und legt Zeugnis ab, dieser Felix Krull, der „aus edlerem Stoff gebildet, aus feinerem Holz geschnitzt und von Natur aus bevorteilt und vornehm“ ist. Jede Geste eine Pantomime seiner Präpotenz, und gelingt ein Schwindel ganz besonders elegant, legt er zum Triumph einen Ecstatic Dance aufs Parkett, heißt: auf die lange Tafel. Was kann ein Sonntagskind dafür, dass es vom Schicksal bevorzugt wird?

Tobias Artner ist brillant als aalglatter Verführer, sein Krull ist ein Gaukler, ein Illusionist, ein Schelm, der sich mit Ehrgeiz und Selbstdisziplin, das muss man ihm lassen, in die Höhe pusht. Mit einer auch körpersprachlichen Geschmeidigkeit steigt er auf, dass es einem den Atem nimmt. Sein Charme und Charisma und die bestätigende, einschmeichelnde Rede sind seine effektivsten Waffen. Seine Tür- und Toröffner. Artner, mit diesem spitzbübischen Unschuldsgesicht, kann alles sein, was sein Gegenüber will, wie seine Figur Felix Krull ist er ein famoser Schauspieler.

Thomas Manns Roman beschreibt eine Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen, und wie sich die Bilder gleichen. Mit viel Fingerspitzengefühl hat Hafner daraus für Artner des Hochstaplers Krull großartig hochgestochene Wortwahl destilliert, verschnörkelte Satzkonstruktionen und zum Schönreden gelegentlicher sprachlicher Patzer und Verirrungen im eigenen Lügengespinst Krulls en passant aufgeschnapptes Halbwissen. Doppelbödigkeiten, die dessen Darsteller nun mit Verve darbietet.

Tilman Rose, Nanette Waidmann, Laura Laufenberg, Michael Scherff und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Laura Laufenberg, Tobias Artner und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

Laura Laufenberg, Nanette Waidmann, Tobias Artner, Michael Scherff und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Tilman Rose, Michael Scherff, Tobias Artner, Laura Laufenberg und Nanette Waidmann. Bild: Alexi Pelekanos

In Manns Mémoire-Parodie sind es die Leserinnen und Leser, die Felix Krull zu seinen Vertrauten macht, auf der Bühne schlüpfen als Gefolgsleute Laura Laufenberg, Tilman Rose, Michael Scherff und Nanette Waidmann in die verschiedensten Rollen, die Hafner sich aus dem üppigen Personal des Buches entliehen hat.

Geplant war die Premiere schon für März und in der Theaterwerkstatt, #Corona-bedingt kam’s anders und zur Aufführung im Großen Haus, doch die übersiedelte Reduziertheit der Ausstattung von Anna Sörensen tut der Sache gut. Mit wie wenig Schnickschnack man doch hervorragendes Theater machen kann! Und so geht’s episodisch entlang der Lebensstationen des bankrotten Schaumweinfabrikanten Sohns, der mit seinen Lügen völlig im Reinen ist, von der mittels einer Epilepsie-Täuschung unbeschadet überstandenen Musterung übers Hotelleriegewerbe bis zur Aristokratenfälschung.

Dass all diese Übungen bei „Kroppzeug“ wie „Elite“ gelingen, liegt an jenen, die selbst und in doppeltem Sinne anstandslos vorgeben mehr zu sein, als da tatsächlich ist, und Krull, laut Mann von der Ungleichwertigkeit der Menschen und der bestehenden hierarchischen Ordnung zutiefst überzeugt (jede Ähnlichkeit mit wahlwerbenden Politikern ist …), bedient die Degouts und Ressentiments der High Society bis zur Prostitution – siehe Klosettschüsselfabrikantengattin Madame Houpflé, Nanette Waidmann intensiv wie stets, die Felix erst bestiehlt, bevor sie ihn, und das spielt Waidmann genüsslich aus, in irgendwas Sadomaso-Artiges zieht.

Unter rum sind die Damen und Herren ohnedies schon ohne, Krull, dies Objekt vielfältiger Begierden, hat ihnen längst die Hosen runtergezogen, Michael Scherff als gestrengem Stabsarzt und Suppe schlürfenden Schwyzer Hoteldirektor, Laura Laufenberg, die als kleinkrimineller, instinktiv seinesgleichen erkennender Küchengehilfe Stanko ein Pumphöschen und als portugiesischer König ein Wählscheibentelefon trägt, Tilman Rose als leicht trotteligem, standesdünkelnden Marquis de Venosta. Die fantastischen Vier machen aus jeder Figur eine Type, aus jedem Auftritt ein Kabinettstück, sie sind Artners clowneske Mit- und Gegenspieler, mehr Scherenschnitte als Charaktere, doch passt das wie der sehr ausagierte Spielstil zum Zirzensischen der Inszenierung.

Die Welt als Varieté, und ja: sie will betrogen sein. Felix Krulls „stilisierte Einzigartigkeit ist paradoxerweise die Grundlage seiner Wandlungsfähigkeit. Diese Selbst-Ikonisierung ist zentraler Gegenstand der Inszenierung“, so Hafner. Und da lacht das Publikum, wenn zum Schluss über Felix orakelt wird – wird er nun Wirtschaftsboss oder populistischer Politiker? Karriere-Journalist oder Motivationscoach, gar ein TED-Talker? Das gülden durchwirkte Sakko passt jedenfalls schon einmal wie angegossen. Am Ende endlich die Apotheose – ein letztes Erscheinen mit Heiligenschein. Da muss man den Schwindler doch ins kollektive Gebet einschließen.Awakening Austria“ oder: Österreich, erwache!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IYSr0lcZY_g           www.landestheater.net           www.facebook.com/58966698433/videos/265433107928633

2. 4. 2021

Landestheater NÖ online / Luk Perceval & NTGent: Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex

März 12, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Front- und Fluchtbriefe auf dem Billardtisch

Vabanquespiel auf dem Billardtisch: Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys, Oscar Van Rompay und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Mit dem Verlesen eines Artikels einer neuen rechtsradikalen französischsprachigen Zeitung, der vor den neuen rechten Schlagwörtern nur so strotzt, großer Austausch, Kulturmarxismus vs. christliche Werte, die Linke unterstützt den Islam, um mit der Frustration der Minderheiten die westliche Zivilisation zu zerstören …, legt Luk Perceval den Finger in eine Wunde, die längst noch nicht vernarbt ist. Nationalsozialismus in Belgien, darüber weiß man hierzulande wenig. Belgien war neutral, doch griffen im Mai 1940 die nazideutschen

Truppen an; nach der campagne des 18 jours ergab sich die belgische Armee bedingungslos. In „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“ beschäftigt sich Perceval nun mit der Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten und damit gleichsam mit dem bis heute schwelenden Konflikt der Wallonen mit den Flamen.

„Yellow“ ist der zweite Teil von Percevals nach den Farben der belgischen Nationalflagge benannten Trilogie, Teil eins „Black“ befasst sich mit den Kolonialverbrechen Belgiens im Kongo, Teil drei „Red“ wird von den aus Brüssel stammenden IS-Attentätern handeln. Und weil der flämische Regisseur die Koproduktion des NTGent mit dem Landestheater Niederösterreich nicht vor leeren Sitzreihen streamen wollte, hat er sein Theaterprojekt in einen Film verwandelt, zu sehen noch bis Sonntagabend und wieder ab 19. März auf www.landestheater.net oder www.ntgent.be/en. Gesprochen wird flämisch, französisch, deutsch und englisch; mit deutschen Untertiteln.

Zwei alte Männer also, der eine sitzt an einem Billardtisch mit abgesägten Beinen und studiert Fotos, Briefe, verlesen, gelesen wird viel in dieser Produktion, der andere hinter ihm sagt etwas, unhörbar, seine Stimme geht im melancholischen Yellow Waltz von Sam Gysel unter, die Kamera von Daniel Demoustier ist hart daran, die Gesichter zu rammen. „Jef? Jef?”, stammelt der Mann am Tisch, Peter Seynaeve als dessen Vater Staf, gleich wird er mit sich überschlagender Stimme Parolen deklamieren, das Bild wird schwarzweiß, man ist in den 1940ern – bei jenen Flamen, die sich als Deutsche sehen, als Teil der „germanischen Rasse”.

Nach dem Text von Autor Peter van Kraaij verfolgt Perceval das Schicksal der von Hitlers Reden entflammten flämischen Familie Goemmaere. „Der Führer lässt Flandern wieder an der Geschichte teilnehmen”, ist man überzeugt. Wallonen gegen Flamen, das hat was von Kain und Abel, die Französischsprachigen werden seit Jahrhunderten, genauer seit 1302 als ein bäuerliches Infantrieheer einer französischen Ritterarmee gegenüberstand, als Unterdrücker betrachtet. Jetzt ist der Glaube an Gott und das Tausendjährige Reich geweckt. Staf hat Sohn Jef mit der Flämischen Legion, Freiwilligen der Waffen-SS, in den Kampf gegen die Sowjets geschickt. Staf selbst ist Mitglied der Dietse Militia des Rechtsnationalisten Jef François, Tochter Mie bei den Dietse Meisjesscharen und Priester-Onkel Laurens ein fanatischer Faschist.

Einzig Stafs Bruder Hubert hält sich von der Hurra-Stimmung fürs NS-Regime fern, eine Hurra-Stimmung, eine Kriegsbegeisterung, die im Laufe der kommenden zwei Stunden mehr und mehr zu Kadavergehorsam wird, geschildert dies alles ohne moralische Gehässigkeit, das „Heil!” auf dem Heldenplatz kam den Menschen um nichts weniger enthusiastisch über die Lippen als hier den Flamen, alldieweil sich Mutter Marije, Chris Thys, um ihren Sohn, der qua einer Andeutung auch Huberts sein dürfte, die Augen ausweint.

Seynaeve, Van Rompay, Wildemeersch, Kelz und Thys, vorne: Luk Perceval. Bild: © Maria Shulga

Strammer „Deutscher Gruß“: Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz und Valéry Warnotte. Bild: © Fred Debrock

Seynaeve, Van Rompay, vorne: Wildemeersch und Kelz, Warnotte und Thys. Bild: © Maria Shulga

Perceval lässt die Kamera seinen Schauspielerinnen und Schauspielern die meiste Zeit eng auf den Leib rücken, arbeitet mit Close-ups und Intercuts; mit allen ästhetischen Mitteln will Perceval, dass sich sein Film von der für nach Corona geprobten Bühnenfassung unterscheidet; ein sphärischer Soundtrack wabert durch den Genter Theaterraum, der Billardtisch ist bald eine zweite Spielebene; die Fahnen, die wehen, sind weiß wie die der ethischen Kapitulation, die Rekapitulation einer historischen Desillusionierung – im emblemlosen Flaggenwald geht’s so zackig zu, „Deutscher Gruß” und deutsche Disziplin, dass diesbezüglich keine Fragen offenbleiben.

Fast schon wähnt man den Regisseur in satirischer Distanz zu seinen Figuren; wie in einem abstrakten Leo erscheinen Valéry Warnotte als Léon Degrelle, Gründer der faschisten Bewegung Rex – siehe Stücktitel – und Aktiver in der Wallonischen Legion, Warnotte als Demagoge und Phrasendrescher der Inszenierung, und als Österreich-Import Obersturmbannführer Otto Skorzeny, dem der Mythos der Mussolini-Befreiung zu einiger Berühmtheit verhalf. An diesen real existiert habenden Charakteren dokumentiert Perceval scheint’s die absurde Groteske von Geschichte.

Die beiden Alt-Nazis, so viel zum „Fangen spielen”, werden einander später im Spa, nicht Belgien, sondern mit Bademantel und Wellnesscocktail in Spanien und in Farbe begegnen. Der nunmehrige „José de Ramirez Reina” und der Firmenvertreter für Nivea und die Voest haben sich vom gefallenen „Führer” unter Francos Fittiche gerettet, um dem Diktator beim Machterhalt zu helfen und in Skorzenys Fall – „Ich will doch nicht enden wie Eichmann!” – Waffengeschäfte mit dem Mossad zu machen. Eine Episode, unglaublich, doch historisch belegt, die zu den besten des Films gehört; die Freunde überbieten sich in Hitler-Anekdoten: „He was such a nice guy!”

Doch noch ist es nicht so weit. Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied des Landestheaters, agiert, agitiert sich als Otto Skorzeny in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit dem Laurens von Oscar Van Rompay übt er ein Burschenschafter-Duell, das ins Homoerotische entgleitet, bei einem lasziven Tänzchen wird er sich an die Mie von Lien Wildemeersch schmiegen, Kelz ganz Stimmungsmacher, Spielmacher, geschmeidig wie die Schlange der Versuchung – er, der offensichtlich weiß, was gewesen sein wird, und seine Schilderungen in Vergangenheitsform setzt.

Wenn er als „überzeugter Europäer” von „sozialer Gerechtigkeit” spricht, werden die Floskeln aus der falschen Ecke zeitgemäß. In diesem vielschichtigen Spiel, in dem sich keiner schont, fügt sich Kelz mit seiner starken, in schönster Verschmitztheit das Österreichertum ausstellenden Performance nahtlos ins Genter Ensemble ein. Der Flamen-Clan saugt Skorzenys Heilsversprechen gierig auf, der Kamerazoom zeigt die Gesichter erwartungsvoll, stolz, euphorisch, Marijes unter Tränen – und hassverzerrt wie die Fratzen in Hieronimus Boschs „Christus trägt das Kreuz”, das im Museum für Schöne Künste in Gent hängt.

Vor allem Lien Wildemeersch als Mie schafft es, dass man auf deren blindwütige Gläubigkeit zunehmend zornig wird, und Oscar Van Rompays Laurens mit seinen vor religiöser Extase aufgerissenen Augen. Der Russlandfeldzug, er ist ein Heiliger Krieg, die Soldaten Kreuzritter für „unsere Zivilisation”. „Flandern frei! Und für Belgien nix!” wird skandiert. Bis das nationalistische Narrentreiben und sein schwärmerischer Rassismus von ersten Frontberichten gestört werden.

Chris Thys, Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Maria Shulga

Oscar Van Rompay, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Gleich Eva und der Schlange der Versuchung: Philip Leonhard Kelz und Lien Wildemeersch. Bild: © Maria Shulga

Van Rompay, Seynaeve, Warnotte, Thys, Shulga und Wildemeersch. Bild: © Fred Debrock

Die Briefe also. Sie kommen von Jef, dem stillen Bücherwurm, der nach Stafs Willen im Schützengraben zum Mann geschmiedet werden soll, und Aloysius, der Mie von den Meisjesscharen als Korrespondenz-Kamerad zugeteilt wird, eine Nahebeziehung in Worten, die von Kelz und Wildemeersch mit Körpernähe und Mut zur Initimität als elegische Liebesfantasie ausgelebt wird. Jefs Post spricht eine andere Sprache, weit und breit kein flämischer Offizier und die Flamen von der Herrenrasse auf Französisch angebrüllt; Grausamkeiten, Gräueltaten und die Abstumpfung dagegen kriegen beim Lautlesen eine seltsame Intensität – eine Poesie des Schreckens.

Briefe kommen auch von Bert Luppes’ Hubert. Der hat die geflohene Wiener Jüdin Channa, Maria Shulga, versteckt, wird entdeckt und entkommt mit ihr nach Antwerpen. Gleich Skorzeny erzählt auch Channa Vergangenes, das charmante, leichtlebige Wien, das sich nicht er- sondern hingegeben hat, ihr Verlobter, dessen Mutter sie anflehte ihn freizugeben, damit er nicht in die Fänge der Gestapo gerät, Hubert in seinen Schreiben von Zerstörung, Hunger und der Polizei, die „für eine neue Aufgabe” ausgebildet wird. Channa wird deportiert werden, „nach Osten, Jef hinterher”, kommentiert Hubert zynisch.

Da hat Familie Goemmaere ihre Verblendung längst erkannt. Schnee fällt auf Front und Familiengeheimnisse, ein unbekannter Fronturlauber bringt Nachricht von dort – und der Wahnsinn greift um sich. „Yellow”, dieser bedächtige, andächtige Film, dessen Melancholie eben noch in Lethargie kippte, wird von Geschrei und Sirenengeheul zerschnitten. Kelz kiert konsonatenknatternd im Hitler-Ton, Mie, als Krankenschwester im Lazarett, schnappt angesichts der vielen Versehrten allmählich über.

Szene um Szene montiert Luk Perceval zu seiner Collage, diese teils pathetisch, teils bizarr, immer leidenschaftlich, mit stilisierter Action und den Mitteln des Körpertheaters, didaktisch – Prädikat: wertvoll. Seine filmisch extrem präsenten, expressiv agierenden Darstellerinnnen und Darsteller schultern mit Verve das Paradoxon ein Chor monologierender Stimmen zu sein. Ihr Spiel ist im besten Sinne der Bedeutung sinnlich.

Zum Schlussakkord gehört Hubert, der nach dem Krieg Wien besucht, Museum rein, Museum raus, und raus zum Zentralfriedhof, dem jüdischen Teil. Dutzende Grabstätten, aber sehr viel freie Fläche. Ein Symbol. Hier sei von jüdischen Familien Land gekauft worden für Gräber, die es nun nicht mehr gibt, meint Hubert. Zum Schlussakkord gehört Laurens im Gefängnis. „Geduld”, sagt er. „Geduld, meine Seele, die Saat keimt noch nicht.”

Zu streamen bis Sonntagabend und wieder am 19. März ab 20 Uhr für 48 Stunden. Nach Wahl mit deutschen Untertiteln. Tickets: 12 €. In Gent hofft man die Produktion noch im Mai live zeigen zu können. Vorstellungen im Landestheater Niederösterreich sind für Herbst 2021 geplant.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=pOC9NaqoKYA           vimeo.com/519872206           Interview mit Dramaturgin Margit Niederhuber: www.youtube.com/watch?v=D-aHuHj_VpI            Dreharbeiten: vimeo.com/516221812           vimeo.com/519039163           www.landestheater.net           www.ntgent.be/en          www.lukperceval.info

  1. 3. 2021