Landestheater NÖ: Das Programm der Saison 2019/20

September 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Highlights der startenden Spielzeit

Präsentierten das Programm der Spielzeit 2019/20: Ludwig zur Hörst, Julia Engelmayer, Marie Rötzer und Olivia Khalil. Bild: Franziska Liehl

Eröffnet wird die vierte Spielzeit von Marie Rötzer am Landestheater Niederösterreich am 12. September im Großen Haus mit der Premiere von Friedrich Schillers Der Parasit. Der große klassische Dramatiker Schiller erweist sich auch in dieser Komödie als Meister des Spannungsaufbaus und der Figurenzeichnung. Die Handlung des Stücks stammt aus der Feder von Louis Benoît Picard. Bei Schiller ist der Parasit auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter zu finden.

Dort siedelt er im gehobenen Beamtenmilieu sein furioses Lustspiel an, das mit feinstem Komödienbesteck die Winkelzüge des titelgebenden Parasiten Selicour und die Mechanismen von Manipulation und Machtgewinn filetiert. Der junge Schweizer Regisseur Fabian Alder inszeniert die überraschende, in „schillernder“ Sprache verfasste Komödie als Koproduktion des Landestheaters Niederösterreich und des Stadttheaters Klagenfurt. Als Gäste im Ensemble sind unter anderen Heike Kretschmer und Tobias Voigt zu sehen.

Am 27. September steht im Großen Haus die Premiere von William Shakespeares Hamlet auf dem Spielplan. Der junge Prinz erlebt seine Wirklichkeit wie einen bösen Traum, in dem sämtliche Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt sind. Denn wie kann es anders sein, wenn seine Mutter den Mann heiratet, der seinen Vater ermordet hat? Und Claudius, nun der Stiefvater Hamlets und neue König, den Mord tief und fest verleugnet? Wie kann Gerechtigkeit herrschen, wenn die Welt auf Lügen aufgebaut ist? Der junge britische Regisseur Rikki Henry war Teilnehmer des Marstallplan-Festivals 2018 für junge Regie am Residenztheater München und früherer Mitarbeiter der Theaterlegende Peter Brook. In seiner ersten Arbeit am Landestheater Niederösterreich inszeniert er Shakespeares rätselhafte Tragödie als modernen Mythos über Macht und Moral.

Der Parasit: Heike Kretschmer, Tobias Artner, René Dumont und Tobias Voigt. Bild: Alexi Pelekanos

Hamlet: Tim Breyvogel übernimmt die Rolle des dänischen Prinzen. Bild: Alexi Pelekanos

Scharfsichtig und mit witzigen Dialogen spiegelt Ödön von Horváth in seiner abgründigen Komödie Italienische Nacht die politischen Verhältnisse der 1930er-Jahre und ihre Folgen. Noch während die Proben zur Uraufführung in Berlin liefen, sprengten im Februar 1931 Nationalsozialisten eine Versammlung der Sozialdemokraten. Horváth war Zeuge der Massenschlägerei, die 26 Verletzte und mehr als 100 kaputte Bierkrüge hinterließ. Nach „Das goldene Vlies“, „Dantons Tod“ und „Ödipus / Antigone“ inszeniert die spanische Regisseurin Alia Luque erneut einen hochpolitischen Theaterstoff am Landestheater, Premiere ist am 30. November.

Am 30. Jänner findet im Großen Haus die Uraufführung von Figaros Hochzeit (Aber nicht die Oper!) – Die Geschichte eines revolutionären Friseurs nach Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte statt. Gemeinsam mit seinem Schauspiel-Ensemble begibt sich der Regisseur Philipp Moschitz lustvoll auf eine musikalisch-theatrale Entdeckungsreise in die unbekannten Regionen des Mozart’schen Kosmos. Moschitz hat in der vergangenen Spielzeit mit seiner Inszenierung der Komödie „Um die Wette“ für Begeisterung gesorgt und wurde damit zum renommierten internationalen Regie-Festival „Radikal jung“ in München eingeladen.

Es ist die Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als Thomas Mann mit Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seinen erfolgreichsten Roman beginnt. Mit der ihm eigenen Ironie und Doppelbödigkeit schildert er seine „Helden des Zeitalters“, die gespaltenen Figuren, die am Widerspruch zwischen Schein und Sein, zwischen äußerer Geltung und innerer Einsamkeit leiden. Regisseur Felix Hafner, der zuletzt sehr erfolgreich am Landestheater Stefan Zweigs „Flucht ohne Ende“ inszeniert hat, nimmt die Geschichte des gerissenen Kriminellen und Phantasten zum Anlass, um die Frage „Will die Welt betrogen werden?“ neu zu stellen. Premiere ist am 14. März in der Theaterwerkstatt.

Als der Entdecker und Seefahrer Christoph Kolumbus 1492 in See sticht, um die Weststrecke nach Indien zu erkunden, befindet sich Europa mitten in extremen Umbrüchen. Es ist der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die Erde keine Scheibe ist, verändern den Kontinent in all seinen Gewissheiten. Was für die einen den Weltuntergang bedeutet, ist für die anderen der Weg in eine strahlende Zukunft. Der kroatische Dramatiker Miroslav Krleža, 1893 in Zagreb geboren, gilt als einer der großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In seinem 1917 entstandenen Stück Christoph Kolumbus verdichtet er die Ideale des Sozialismus mit der Botschaft aus der katholischen Heilsgeschichte.

In starken, expressionistischen Bildern erzählt Krleža von Kolumbus’ abenteuerlicher Seefahrt und zieht Parallelen zwischen der Epoche der Renaissance und der revolutionären Aufbruchsstimmung Kroatiens vor dem Ersten Weltkrieg. Der kroatische Regisseur Rene Medvešek hat das Kolumbus-Projekt bereits 2014 in Zagreb als großes, formstarkes Musiktheater mit Schauspielern inszeniert. Mit den Ensembles des Landestheaters Niederösterreich und der Vereinigten Bühnen Bozen kommt es nun zu einer Neuinszenierung, deutschsprachige Erstaufführung ist am 20. März.

„Einer für alle, alle für einen!“ Diese Losung war eine politische Proklamation, denn die berühmte Soldatentruppe der Musketiere kämpfte im frühen 17. Jahrhundert mit ihren schnellen Degen im Dienst des französischen Königspaares Ludwig XIII. und Anna von Österreich. 200 Jahre später, im Jahr 1840, verband Alexandre Dumas die historischen Ereignisse mit erfundenen Geschichten rund um den jungen Gascogner Soldaten D’Artagnan. Entstanden ist mit Die drei Musketiere eines der berühmtesten Abenteuerepen über Treue und Tapferkeit, Liebe und Freundschaft. Eingebettet in einen stimmungsvollen Hintergrund, inszeniert Regisseur Robert Gerloff den Mantel-und-Degen-Stoff mit viel Humor, Live-Musik und packenden Kampfchoreografien für Jung und Alt. Premiere ist am 10. Juni.

Alex, ein junger Vater, erzählt von seinem privaten Familienglück, den alljährlichen Urlaubswochen in Südfrankreich, von einem idyllischen Sommertag. Schwimmen im Meer, Tauchen zu den Unterwasserklippen an der Steilwand, Sonnenbaden am Strand. Völlige Harmonie – bis das Entsetzliche passiert und eine kleine Unachtsamkeit Alex’ Leben für immer erschüttert. Simon Stephens, einer der wichtigsten britischen Dramatiker der Gegenwart und vielfach ausgezeichnet, stellt in Steilwand die universale Frage nach Schuld und Erlösung. Tim Breyvogel, seit 2016 Ensemblemitglied am Landestheater Niederösterreich, wird den dichten Monolog nicht nur schauspielerisch, sondern mit einem rhythmisch-klangvollen und vielstimmigen Sound aus seinem DJ-Pult als multimediales Erlebnis an unterschiedlichen Orten und Plätzen in St. Pölten auf die Bühne bringen. Die Orte und Termine werden noch bekannt gegeben.

Caligula: Ben Becker. Bild: Christina Baumann-Canaval

Schiller Balladen: Philipp Hochmair. Bild: Heike Blenk

An Gastspielen sind unter anderem angekündigt:

Schiller Balladen mit Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes. Feinste deutsche Lyrik meets Elektro-Beats: Philipp Hochmair und seine Band verwandeln Schillers berühmte Balladen in ein exzessives Rockkonzert. Die mehr als zweihundert Jahre alten Verse sind dem Schauspielerstar absolutes Lebenselixier, sie haben für ihn nichts mit Schulzwang und Bildungsbürgertum zu tun, sondern mit Techno, Industrial und Ekstase. Am 23. November. Mit Konfrontation!

NT Gent: Black/The Sorrows of Belgium I: Congo. In seiner Trilogie „Black“, „Yellow“ und „Red“, den belgischen Nationalfarben, verarbeitet Regisseur Luk Perceval die Geschichte und Identität Belgiens. Der erste Teil „Black“ befasst sich mit dem kolonialen Erbe im Kongo. Bei der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 wurde dem belgischen König Leopold II. der Kongo als Privatbesitz zugesprochen. Damit begann für die Bevölkerung des rohstoffreichen Landes ein Martyrium schrecklichen Ausmaßes: mit ungeheurer Brutalität wurde die gesamte Bevölkerung für die Kautschukernte herangezogen. Leopold II. war verantwortlich für grausamste Menschenrechtsverletzungen. Im Mittelpunkt der bildstarken und musikalischen Inszenierung steht der afroamerikanische Missionar William Henry Sheppard, der dies dokumentierte und Aufmerksamkeit schuf für ein Verbrechen, das in Belgien bis heute weitgehend verdrängt wird. Österreich-Premiere ist am 14. Februar.

Salzburger Landestheater: Caligula von Albert Camus. Die Sehnsucht nach dem Amoralischen treibt diesen tyrannischen Herrscher an – und der Wunsch, einmal den Mond zu besitzen. „Caligula“ ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weiter treibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe. Ich lebe.“ Eine Paraderolle für Ben Becker, Inszenierung John von Düffel und Marike Moiteaux. Gastspielpremiere ist am 22. April.

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2. 9. 2019

Landestheater NÖ: Quasi Jedermann

Januar 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Verschluckt an der österreichischen Seele

Herr Karl hoch fünf: Michael Scherff, Tobias Artner, Tim Breyvogel , Hanna Binder und Josephine Bloéb teilen sich den Qualtinger-Monolog. Bild: Alexi Pelekanos

Wer ist denn dieser Querulant im Publikum? Zuschauer drehen sich zu dem Mann in der Reihe hinter ihnen um, dem’s nicht passt, dass da vorn nix weidageht, und der sich ausdauernd darüber beschwert. Lauta Weiba, sagt er mit Blick auf die Besetzungsliste, und drei Piefke, des haaßt deutscher Humor gegen unsan Schmäh, und erklimmt auch schon die Bühne, steigert sich hoch, vom Privaten ins Politische, und steigert sich rein, von Voreingenommenheit zum Vorurteil zur Verurteilung.

Weil, auch wenn St. Pölten nicht Wien ist, da kennt sich einer aus mit Frühaufstehen und Wachsein. „Mir brauchen se gar nix erzählen.“ Mit diesem Satz beginnt Helmut Qualtingers „Der Herr Karl“ und nun auch der Abend zu seinen Ehren – „Quasi Jedermann“ am Landestheater Niederösterreich. Für den sich Schauspieler Michael Scherff eben jenen brillant beckmesserischen Prolog verfasste. Regisseurin Christina Tscharyiski, die zuletzt mit der Stefanie-Sargnagel-Collage „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ im Rabenhof überzeugte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24674), hat zum 90. Geburtstag des Satiregenies Qualtinger etliche von dessen in Zusammenarbeit mit Carl Merz entstandenen Texte zu einem Ganzen verbunden.

Als Klammer dient selbstverständlich die Lebensbeichte des berühmt-berüchtigten Feinkost-Lageristen, und es überrascht, wie neu diese klingt, man hat ja das Original „quasi“ im Ohr, wenn die Widersprüche, in die sich der ewige Raunzer verstrickt, auf mehrere Stimmen aufgeteilt gleich einer Vox populi werden. Mit Scherff spielen Tobias Artner, Hanna Binder, Josephine Bloéb und Tim Breyvogel, und die fünf verstehen es meisterlich ein Herr-Karl-Gefühl aufkommen zu lassen, wenn sie einen weit hinunter in dessen österreichische Seele blicken lassen, so dass man sich am Lachen über deren Abgründe schnell einmal verschluckt.

Burschenschafter am Würstelstand: Tim Breyvogel und Tobias Artner. Bild: Alexi Pelekanos

Rosen für die Trottoirschwalbe: Josephine Bloéb und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Die Darsteller wissen die Pointen treffsicher zu setzen, sie bringen Qualtingers schwarzhumorigen Tiefsinn, seine bitterböse Verzweiflung ob herrschender Verhältnisse, seine urkomischen Dialoge angetan als Burschenschafter, Rosenverkäufer oder Heurigenbesucher, die Kostüme sind von Miriam Draxl, auf den Punkt. Als Bühnenbild hat ihnen Sarah Sassen einen Pflock hingestellt, der durch Drehung zu Blumen- oder Würstelstand wird, aber auch wie eine Bunkeranlage wirkt.

Tscharyiskis Text-Auslese reicht vom Travnicek-Sketch über „Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben“ und „Jahrhunderte blicken herab“ bis zur Striptease-Familie. Und wie sie sich bei „Ja, eh!“ Liedermacher Voodoo Jürgens als musikalischen Zeremonienmeister holte, sind diesmal die Wienerlied-Beatboxer Wiener Blond mit von der Partie.

Verena Doublier und Sebastian Radon, unterstützt vom Kontrabassisten Navid Djawadi, sind in hohem Maße mitverantwortlich für diesen gewissen anderen, den lapidaren Tonfall der Aufführung. Verkleidet als Country-Duo animieren Doublier und Radon das Ensemble zum „Vereinsmeier Bossa“ und verleiten es bei „Da liegt ana, da pickt ana“ zum Can Can.

Und weil Wiener Blond wissen, wo das goldene Wienerherz schlägt, geht’s liedtechnisch auch in den „Gemeindebau“ oder lassen sie in „I kumm ned weida“ wissen „Lieber das Krügerl vuam Gsicht, ois die Hackn im Kreuz. Lieber a Leber voi Gift, ois a Pantscherl des eh kaan mehr gfreut“. Das passt zum Qualtinger wie Arsch auf Eimer, um noch mal auf die Nachbarn zu sprechen zu kommen. Hanna Binder berlinert sich mitunter durchs heimische Idiom, sagt sie Hitler, wird daraus ein Schluckauf-Hicks, will sie „Die Bürgschaft“ rezitieren, wird ihr das Aufsagen von Terroristenlyrik so lange verboten, bis sie beim Gabalier’schen „Hulapalu“ landet. Dessen Hodi odi ohh di ho di eh auf klassische Art vorgetragen, das hat was … Michael Scherff wiederum mutiert zu St. Pöltens Antwort auf Charles Aznavour und erläutert seinen migrantischen Mitspielern, dass Lavendel nicht zwangsläufig eine lila Pflanze ist. Und apropos, Lippenblütler, geschüttelt, heißt: gereimt, wird auch. Auf Teufel komm‘ raus und tief unter der Gürtellinie.

Wiener Blond im Country-Look und mit Kontrabassist: Verena Doublier, Navid Djawadi und Sebastian Radon. Bild: Alexi Pelekanos

Josephine Bloéb singt als Trottoirschwalbe mit hinreißender Hingabe das Leopold/Werner-Lied „I schupf alles nur mit l’amour“, und erklärt Tobias Artner Tim Breyvogel, er habe vor der nächsten Wahl eine Operation vor, meint er damit keinen politischen Rechtsruck, sondern seinen Leistenbruch. Mit ihrer Hommage „Quasi Jedermann“ gelingt Christina Tscharyiski politisch-poetisches Volkstheater, das sich dem großen Vorbild als durchaus würdig erweist.

Sie treibt den Stachel, den Qualtinger einst einer geschichtsverleugnenden Nachkriegszeit ins Fleisch bohrte, der neu aufkommenden Kleingeistigkeit ins Gehirn. Eine Tiefenbohrung, die bei allem Freilegen gesellschaftlicher Tatbestände trotzdem auch Riesenspaß macht. Zum Schluss servieren Wiener Blond endlich, worauf alles gewartet hat: Qualtingers Greatest-Hits-Medley, vom „G’schupften Ferdl“ übern „Bundesbahnblues“ bis zum Papa, der’s schon richten wird.

Vorstellungen am Landestheater bis 9. März, zu Gast an der Bühne Baden am 23. August.

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  1. 1. 2019

Landestheater NÖ: Um die Wette

September 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerangel um den nächstgrößeren Fauteuil

Der Großbürgerliche-Welt-Schwindel als gigantisches Sitzmöbel: Martin Brunnemann, Cathrine Dumont, Tilman Rose, Gisa Flake und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Und schon schwebt der nächste von der Decke herab, wieder massiver, wieder wuchtiger als sein Vorgänger. Ein Symbol für den Größenwahn von Kleinbürgern, deren Hang zur Hautevolee hier in immer schwereren und schwerer zu erklimmenden Sitzmöbeln symbolisiert wird. Isabelle Kittnar, zuständig auch für die knallbunten Kostüme, hat sich das köstlich kuriose Bühnenbild einfallen lassen. Für Philipp Moschitz‘ Inszenierung von Eugène Labiches Komödie „Um die Wette“ am Landestheater Niederösterreich.

Die war am Premierenabend ein voller Publikumserfolg. Kein Wunder, lässt Moschitz den Wortwitz und die unzähligen Bonmots des französischen Lustspieldichters von seinen fabelhaften Darstellern doch höchst präzise über die Rampe bringen. Das Tempo der Aufführung ist hoch, das Timing stimmt, und ein wenig Klipp-Klapp darf auch sein, wenn sich die Schauspieler unter den Zuschauern Verbündete für die jeweils eigene Sache suchen. Ein Herr in den vorderen Reihen wird so kurzerhand zum Kutscher, und kommt den Rest des Abends nicht mehr von der Schaufel runter.

In „Um die Wette“ geht es, so bei Labiche üblich, um Schein und Sein des Mittelstands. Emmeline und Frédéric, hoffnungsvoller Nachwuchs der Familien Malingear und Ratinois, haben sich in einander verguckt. Die Eltern stehen der Verbindung grundsätzlich nicht abgeneigt gegenüber, nur: wie ist das mit den finanziellen Verhältnissen? Weil jedes Paar die des anderen als die höheren einschätzt, beginnt ein Wettrüsten, um vermeintlichen Reichtum vorzutäuschen. Mit Fantasie und viel Aufwand werden Ansehen, Wohl- und Bildungsstand großzügig nach oben korrigiert. Doch als es schließlich um die Mitgift für das junge Glück geht, drohen die mühsam errichteten Kartenhäuser zusammenzubrechen …

Die Meister im Rauflizitieren sind Gisa Flake und Michael Scherff als die Malingears und Cathrine Dumont und Tilman Rose als Ehepaar Ratinois. In bis auf einen Spiegelrahmen identen Salons läuft ihr Spiel ab, unter den Schwindlern die Frauen die Drahtzieherinnen, die Männer deren Erfüllungsgehilfen. Wunderbar die Damen im Wettstreit, Dumont, die ihre Constance vom Hausbackenen ins Hochherrschaftliche changieren lässt, Flake als Blanche Malingear von Haus aus mondän im Selbstgenähten. Gisa Flake, die Braunschweiger Schauspielerin und Sängerin, derzeit auch in der Til-Schweiger-Komödie „Klassentreffen 1.0“ im Kino zu sehen, ist einfach eine Wucht, ein über die Bühne tobendes Temperamentsbündel mit einer Röhre, dass die Wände wackeln.

Mit „Money Money Money“ gelingt das Eheschmieden: Michael Scherff, Gisa Flake, Martin Brunnemann, Laura Laufenberg, Anton Widauer, Cathrine Dumont und Tilman Rose. Bild: Alexi Pelekanos

Noch haben die Ratinois den kleineren Fauteuil: Anton Widauer, Tilman Rose und Cathrine Dumont. Bild: Alexi Pelekanos

Überhaupt ist das Ensemble musikalisch wie turnerisch top, singt – auch dies natürlich in Konkurrenz zu einander – Eurythmics, Edith Piaf und Abba, klettert und kraxelt – je nach Vermögen, dies im doppelten Wortsinn – über die prestigeträchtigen Polstersessel. Michael Scherff lässt sich gar einmal einklatschen wie ein Leichtathlet, bevor er die nächste Höhe nimmt. Sein Malingear ist ein gutmütiger Tropf, der sich von Roses im Innersten hasenfüßigem Ratinois über die Hürden jagen lässt.

Laura Laufenberg und Anton Widauer beäugen dies Treiben als Emmeline und Frédéric mit zunehmender Skepsis, sie mit dem Potenzial zum durchsetzungskräftigen Trotzkopf, er schon jetzt in der Spur zum Pantoffelhelden. Wie zur Strafe muss er „La donna è mobile“ im Falsett singen. Martin Brunnemann schließlich macht auf Tausendsassa, gestaltet als diverse Diener und Dienstmädchen ironische Kabinettstücke – und wird am Ende als tatsächlich begüterter Onkel Robert dieses zu einem guten führen.

Philipp Moschitz ist mit dieser Regiearbeit ein wunderbarer Abend mit hohem Spaßfaktor gelungen. Als gleichsam Reverenz an einen ganz Großen der französischen Komödienzunft hat sich Moschitz Louis de Funès‘ legendären Spruch ausgeborgt und in seine Inszenierung eingebaut. Dessen „Nein! – Doch! – Ohh!“ ist als Dialog an Schlagfertigkeit aber auch kaum zu überbieten. Die Produktion ist am Landestheater Niederösterreich bis 22. Jänner zu sehen, Silvestervorstellungen um 16 und 20 Uhr, und zu Gast an der Bühne Baden am 29. und 30. Jänner.

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  1. 9. 2018

Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

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  1. 5. 2018

Landestheater NÖ: Der Zerrissene

März 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerald Votava spielt mit dem Publikum Nestroy

Schrieb auch die zusätzlichen Coupletstrophen: Gerald Votava mit Musiker Helmut Stippich. Bild: Alexi Pelkanos

Dass er auf der Bühne ebenso zu Hause ist, wie auf der Leinwand beweist Gerald Votava immer wieder gern. Nun spielt er am Landestheater Niederösterreich Nestroys „Der Zerrissene“. Die Posse vom fadisierten Millionär, der sich zwecks Nervenkitzel in eine Ehegeschichte und einen Raufhandel verstrickt, so dass er sich auf seinem Gut als vermeintlich „Kriminalischer“ verstecken muss – und dort die wahre Liebe findet.

Votava versteht sich auf ein augenzwinkerndes Spiel mit dem Publikum. Er gibt einen überspannten Herrn von Lips, der sich selbst zum Narren hält, changiert zwischen Süffisanz und Selbstzweifel, und weist darauf hin, dass hier einer in seinem Ennui nur Theater spielt, indem er die Sätze aus dem Nestroy’schen Schatzkästlein als das spricht, was sie längst geworden sind: Zitate. Nie lässt er dabei die Zuschauer aus seinem Blickfeld verschwinden, deren Einverständnis er für seine Taten einholt und die er sich beim Verwirrspiel zu Komplizen machen möchte.

Auch an den zusätzlichen Strophen zu den Couplets „Sich so zu verstell’n“ und „So gibt es halt allerhand Leut‘ auf der Welt“ hat Votava mitgetüftelt. Wie auch Regisseurin Sabine Derflinger, die die Aufführung tempo- und pointenreich inszeniert hat. Da wird eine Auseinandersetzung zwischen dem Herrn von Lips und Gluthammer zum Boxkampf in Zeitlupe und auch die berühmte „Gespensterszene“, in der die beiden sich als bereits Dahingeschiedene gegenüberzustehen glauben, zum Slapstick. Die Musik von Helmut Stippich hat Derflinger neben den Couplets zur Untermalung der Handlung wie in Stummfilmen eingesetzt.

Die vermeintlichen Freunde: Stanislaus Dick, Tobias Artner, Cathrine Dumont und Tim Breyvogel. Bild: Alexi Pelkanos

Krautkopf versteckt Gluthammer: Haymon Maria Buttinger und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelkanos

Neben Votava spielen Tim Breyvogel, Tobias Artner und Stanislaus Dick die unangenehme Dreierbande Stifler, Sporner und Wixer. Cathrine Dumont ist eine geldgierige Madame Schleyer, Josephine Bloéb eine burschikose Kathi. Michael Scherff als rabiater Gluthammer und Haymon Maria Buttinger als Bauernphilosoph Krautkopf dominieren mit ihren Auftritten das Bühnengeschehen.

Die Produktion ist bis 17. 5. am Landestheater Niederösterreich zu sehen und gastiert am 4. und 5. 4. an der Bühne Baden.

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  1. 3. 2018