Akademietheater: Joachim Meyerhoffs „Land in Sicht“

April 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichten aus den 280 Kladden des Ignaz Kirchner

Joachim Meyerhoff zeigt Erinnerungen von seinem und an seinen großen Schauspielkollegen Ignaz Kirchner. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Drei Stunden Theatermonolog sind für gewöhnlich etwas, das sowohl dem Sprecher als auch dem Publikum an die Substanz geht. Außer freilich, es ereignet sich Außergewöhnliches, wie nun am Akademietheater, wo Joachim Meyerhoff unter der Überschrift „Land in Sicht“ eine theatrale Gedenkfeier für Ignaz Kirchner gestaltet. „Weiter, weiter“ steht als Motto des Meyerhoff’schen Projekts vorne auf dem Programmheft, und so geht’s einem beim Anhören dieser Erzählungen, Erinnerungen, Erläuterungen.

Wenn ein grandioser Schauspieler vom anderen schwärmt, dann will man noch jenseits jedes Zeitlimits mehr erfahren. Man habe, eingedenk der fulminanten Burgzerlegungsfarce „Robinson Crusoe“, längst schon vorgehabt, gemeinsam ein Stück zu machen, sagt Meyerhoff, und weiß von mindestens drei fehlgeschlagenen Versuchen, deren fertige Bühnenbildmodelle er auch herzeigt. Eine neue Idee war in Arbeit, aber es kam nicht mehr zur Ausführung. Ignaz Kirchner verstarb vergangenen September. Doch da waren diese Notizbücher, die schwarzen mit den roten Ecken, „Ignaz‘ Farben“, so Meyerhoff, von denen er bei Gelegenheiten einige als Geschenk erhalten hatte. Vierzig Jahre hat Kirchner in diese Hefte Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften geklebt, dabei Kurioses, Fatales, Skurriles, das Abgründige im Alltäglichen wild gemischt festgehalten, Erich Honecker samt Frau neben dem Bild einer Fließbandschlachtung, und jede seiner Entdeckungen mit mal ironischen, mal nachdenklichen Bemerkungen versehen.

Die Welt ein Menschenleben lang mit Verwunderung, auch Fassungslosigkeit betrachtet. Wie viel Geschichte und G’schichten in ein solches passen, erfuhr Meyerhoff, als ihm Kirchners Kladden von dessen Frau zur Verfügung gestellt wurden, 280 an der Zahl, aufgeteilt auf vier Kartons, aus denen er in Komplizenschaft mit einem Auditorium voll Kirchner-Fans Auszüge präsentiert. Dass Meyerhoff dies begnadet gut tut, wird jedem einleuchten, der die irrwitzigen Lesungen seiner autobiografischen Bücher kennt. Dem verehrten, jähzornig liebevollem, vergrübelt spitzbübischem Kollegen nähert er sich mit einem ähnlich dreisten Mix aus Unverfrorenheit und Hochachtung, wenn er frech über dessen Vorliebe für Frauen-in-Dessous-Fotos und Schuhfetischismus feixt.

Die 280 Kladden aus den vier Kartons hinten …: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… werden auf die Bühne gestapelt: Mirco Kreibich, Fabian Krüger und Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

All diese Aufnahmen, von Frank-Patrick Steckel „Wichsvorlagen“ genannt, natürlich welche fürs Rollenstudium. Wie nebenbei plaudert Meyerhoff aus dem Nähkästchen großer Schauspielkunst, er ist der geborene Entertainer, und wie stets, wenn eine Parentation gehalten wird, befasst sich der Vortragende über weite Strecken mit sich. Eine Form charmanter Selbstinszenierung, die dem Charismatiker weder fremd noch irgend unangenehm ist, und so karikiert er ungeniert seine mimischen Anfänge, als er, gefangen im magischen Dreieck Stein – Castorf – Dorn und darob an seiner Berufswahl bereits ver-/zweifelnd, eine Aufführung mit Gert Voss und Ignaz Kirchner gesehen habe.

Ewigkeiten vorm persönlichen Kennenlernen. Und um festzustellen, dass man am Theater nicht nur heiligen Bierernst haben müsse, sondern trotz „intellektueller Durchdringung“ kauzigen Spaß haben kann. Später wird er von der Garderobenhackordnung bei Hartmanns Einstandspremiere „Faust“ berichten, als Tobias Moretti lieber auf die Damenseite wechselte, wo „Gretchen“ Katharina Lorenz das Feld räumen musste, als sich Gert Voss im Kampf um die „Einser“ geschlagen zu geben, während Kirchner, zufrieden im Komparsenkämmerchen, der Bühne ohnedies am nächsten war.

Dann wiederum prahlt er bescheiden über sein Einspringer-Erlebnis als Mephisto nach dem Voss’schen Beinbruch, ein Parforceritt, Europas besten Schauspieler zu ersetzen, der belohnt wurde, als ihn zu des Meisters Rückkehr dessen Anruf ereilte, mit der Frage, ob er ein, zwei Einfälle zur Figur von Meyerhoff entlehnen dürfe. Derart Anekdoten, die Einblicke hinter die Kulissen, die augenzwinkernd bloßgelegten Eitelkeiten, erfreuen selbstverständlich das Zuschauerherz. Meyerhoff zur Seite stehen Mirco Kreibich und Fabian Krüger als sprachlose Slapstickdeppen, Bühnenarbeiter-Persiflagen, die hämmern und sägen und hochklettern und herumtollen, als wollten sie das Setting von Jenny Schleif mit Hebemaschine und Motorsäge erst aufbauen.

Wird Meyerhoff politisch, ertränken sie seine Sätze in ihrem Baulärm. Etwa, wenn Meyerhoff etwas zur FPÖ und zum braunen Rand und Kirchners Aversion gegen die neue Regierung sagen will, doch man nur sieht, wie er den rechten Arm streckt und gerade noch hört: „… und das alles also hätte Ignaz gern mit Strache gemacht“. Kirchner liebte solche Narreteien, veranstaltete auf der Bühne mitunter selber eine, und wenn Kreibich und Krüger mit ihren Chaosaktionen die von Meyerhoff dringlich geforderte Konzentration stören, wenn sie dem „Star“ einmal im Wortsinn die Latte hoch hängen, dann sorgt das für eine Luftigkeit, die die allgemeine Rührung samt der dramatischen Musik von Pianistin Johanna Marihart und Keyboarder Philipp Quehenberger tröstlich übertüncht.

Die Störenfriede können auch gut Gitarre: Fabian Krüger und Mirco Kreibich. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Radfahrer-Stück kam nicht mehr zustande; am Klavier: Philipp Quehenberger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stolz auf ihre Seelenverwandtschaft, auf ihre Männerfreundschaft, in der übers Innerste nicht gesprochen werden musste, um sich nah zu sein, zeigt Meyerhoff die Seiten aus Kirchners Notizbüchern, projiziert sie auf einen riesigen Screen, Ausschnitte verhasster Politiker, den grinsenden Kohl, den selbstgefälligen Franz Josef Strauß, den sonnengegerbten „Sonnyboy“ Haider, „Visagenzorn“ hätte Kirchner da getrieben, sagt Meyerhoff. Bilder von Peymann und Tabori und von einem Mann mit einem ausgestopften und zwei lebenden Hunden, Bildtext: „Er liebt sie alle gleich“.

Unter einem Porträtfoto hat der junge Ignaz Kirchner ironisch vermerkt: „Jaja, mein Schweinegesicht, das ist mein Kapital“. Meyerhoff liest das amüsiert vor. In der Pause verteilt ein Clown im Foyer Gedichte, die Kirchner mochte. Zum Höhepunkt strampeln sich ein paar Statisten als Radrennprofis die Seele aus dem Leib, dies wäre das Stück gewesen, dass Meyerhoff für Kirchner nicht mehr fertigen konnte. Der foulende Fahrer gewinnt. Am Ende zieren die Kladden die Brandmauer wie Grabsteine eine Urnenwand, darunter Kostüme zu Kirchners berühmtesten Rollen – der Reliquienschrein zum Requiem.

„Land in Sicht“, behauptet Meyerhoff, sei nur ein Nonsenstitel für seine Séance, weil Karin Bergmann ihn schon nach einem gedrängt und er gerade Rio Reisers Song gehört hätte. Das muss man nicht glauben, wo sich doch die „Robinson Crusoe“-Assoziation geradezu anbietet. Als die aufwendige Produktion aus Kostengründen in Doppelvorstellungen gezeigt werden musste, und Meyerhoff deswegen Befürchtungen hegte, zerstreute sie der Tennis-affine Kirchner mit folgendem „Na und?“: „Federer und Nadal spielen fünf Stunden!“ Weiter, weiter …

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Albertina: Land und Leute

Mai 27, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Vom UdSSR-Wald auf den US-Parkplatz

Peter Paul Atzwanger: An der Ofenbank, ca. 1936, Albertina, Wien. Bild: © Peter Paul Atzwanger

Peter Paul Atzwanger: An der Ofenbank, ca. 1936, Albertina, Wien. Bild: © Peter Paul Atzwanger

Ob als ästhetisierte Kunstfotografie oder im gesellschaftspolitischen Kontext, ob zur wissenschaftlichen Dokumentation oder als idealisierte Heimatfotografie – Landschaften und ihre Bewohner stehen seit jeher im Fokus der Fotografen. Die zweite Sammlungs- präsentation der Fotosammlung der Albertina, die ab 25. Mai im Haus zu sehen ist, widmet sich daher dem Thema „Land und Leute“.

Mehr als 100 Meisterwerke spannen den Bogen von namhaften Künstlern des 19. Jahrhunderts bis hin zu zeitgenössischen Positionen. So entsteht eine abwechslungsreiche Schau, die „Land und Leute“ auf vielfältige Weise beleuchtet. Ein paar Beispiele: Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Fotografie ein völlig neues Medium, das dokumentarisch eingesetzt wird. Es entstehen sowohl detaillierte Aufnahmen der heimischen Alpen wie die großformatigen Aufnahmen des Großglocknermassivs von Gustav Jägermayer als auch malerische Aufnahmen ferner Länder und ihrer Bewohner wie die Fotografien Japans von Raimund Stillfried von Rathenitz.

Mit der Entstehung des internationalen fotografischen Piktorialismus verschiebt sich um die Jahrhundertwende der Schwerpunkt der Fotografie auf die künstlerische Wiedergabe stimmungsvoller Landschaften. Heinrich Kühn oder Hans Watzek verbinden ein starkes Interesse an fotografischen Techniken mit einem an der zeitgenössischen bildenden Kunst geschulten ästhetischen Anspruch. Ihr Hauptanliegen ist es, die Fotografie zu einem künstlerischen Medium aufzuwerten und der Malerei gleichzustellen. Diese Ambition manifestiert sich in großen Formaten sowie einer raffinierten Farbgebung, die durch komplizierte Techniken wie Gummidruck, Gummigravüre oder Ölumdruck ermöglicht werden.

Anfang der 1930er-Jahre rücken die ländlichen, alpinen Gebiete Österreichs in den Fokus: Das thematische Spektrum der österreichischen Heimatfotografie umfasst idyllische Ansichten von schöner Landschaft, traditioneller bäuerlicher Arbeit und Architektur und Menschen in Tracht. Die idealisierten Bilder von Rudolf Koppitz und Peter Paul Atzwanger sollen der jungen Republik Österreich nach dem Zerfall der Monarchie eine Identität geben und werden zur Zeit des Nationalsozialismus, durch die Ideologie des austrofaschistischen Ständestaats unterstützt, als Propagandamittel eingesetzt.

Boris Mikhailov: Ohne Titel (aus der Serie "In der Dämmerung"), 1993 Albertina, Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Bildrecht, Wien, 2016

Boris Mikhailov: Ohne Titel (aus der Serie „In der Dämmerung“), 1993 Albertina, Dauerleihgabe der Österr. Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Bildrecht, Wien, 2016

Politische Umbrüche, Geschichte und Erinnerung sind Themen von Boris Mikhailovs Serie „In der Dämmerung“. Der Künstler zeigt alltägliche Szenen aus seiner Heimatstadt Charkiw, durch die er die gesellschaftlichen Veränderungen der Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einfängt.

Die charakteristische blaue Farbe der Fotos, die er durch Tonung des Negativs erreicht, dient ihm zur Visualisierung seiner subjektiven Erinnerungen an die politische Entrechtung der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges. Die Farbigkeit ist Anspielung auf die sogenannte blaue Stunde nach dem Sonnenuntergang, als der Künstler während des Krieges seine dramatische Evakuierung in den Ural erlebte. Aus der Sowjetzeit haben sich Mikhailov zufolge – auch aus Gründen der Zensur – nur wenige Fotografien von der Ukraine erhalten, weshalb der Künstler den scheinbar „alten“ Charakter der Fotos als Ersatz einbringt.

Joel Sternfeld: Rastplatz im Red Rock State Park, Gallup, New Mexico, September 1982, Abzug 2010 Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Joel Sternfeld; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York

Joel Sternfeld: Rastplatz im Red Rock State Park, Gallup, New Mexico, September 1982, Abzug 2010 Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. Bild: © Joel Sternfeld; Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York

US-amerikanische Fotografen wie Joel Sternfeld, Stephen Shore und William Eggleston erneuern ab den 1960er-Jahren die traditionelle Landschaftsfotografie, die die Natur bis dahin als erhaben und unberührt dargestellt hatte. In der „American Social Landscape“ werden bisher nicht als darstellungswürdig erachtete Sujets wie alltägliche, urbane und vom Menschen geprägte Landschaften fotografiert und dadurch soziale und gesellschaftspolitische Themen der Zeit thematisiert.

Im Zuge dessen entwickelt sich ebenfalls die „New Color Photography“, die die Farbe, bis dahin wegen ihrem Einsatz in Werbung und Mode verpönt, als anerkanntes Stilmittel der künstlerischen Fotografie etabliert. In der Werkserie „Wald“ wiederum setzt sich die Künstlerin Jitka Hanzlová mit ihrer eigenen Geschichte auseinander. In der Tschechoslowakei aufgewachsen, flüchtet sie 1982 nach Westdeutschland und studiert Fotografie in Essen. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes 1989 kehrt sie in ihre Heimat zurück und schafft Fotografien, die ihre Erfahrung und Zugehörigkeiten zu zwei Kulturen und unterschiedlichen politischen Systemen thematisieren. Aufgenommen über einen Zeitraum von fünf Jahren in den Wäldern ihrer böhmischen Heimat nahe den Karpaten, untersucht „Wald“, wie Heimat und das räumliche Umfeld die eigene Identität und kulturelle Zugehörigkeit prägen.

www.albertina.at

Wien, 27. 5. 2016

Schauspielhaus Graz: Lily Sykes im Gespräch

Oktober 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung des Kriegsreporterdramas „Cactus Land“

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber Bild: (c) Lupi Spuma

Cornelia Kempers, Henriette Blumenau, Sarah Sophia Meyer, Jan Brunhoeber
Bild: (c) Lupi Spuma

Die junge englische Regie-Entdeckung Lily Sykes inszeniert am Schauspielhaus Graz „Cactus Land“, eine Uraufführung, die auf der Autobiografie „My War Gone By, I Miss It So“ des britischen Kriegsreporters Anthony Loyd beruht. Premiere ist am 24. Oktober.

Anthony Loyd, 1966 in Guildford geboren, gehört zu den profiliertesten Kriegsjournalisten der Gegenwart. Seit 1993 berichtet er regelmäßig aus den Krisenregionen der Welt, von Bosnien über den Irak und Tschetschenien bis Syrien, wo er 2014 entführt und verwundet wurde. Loyd ist Sohn aus bestem Hause, wurde in der „Folteranstalt Eton“, wie er seine Schule nennt, erzogen und abgerichtet, wie alle Männer seiner Familie in den Krieg zu ziehen. Nur bewaffnet er sich dazu mit einem Fotoapparat. „My War Gone By, I Miss It So“ stammt aus dem Jahr 1999 und schildert die Besatzung Sarajevos während des Jugoslawienkriegs aus seiner Sicht, die Kameradschaft unter den Reportern und den Kick der Gefahr. Doch Loyd beschreibt nicht nur die „Normalität“ des Krieges, sondern auch den ganz persönlichen Krieg eines Menschen mit der Normalität und mit der Familie. Regisseurin Sykes hat ein ganz besonderes Verhältnis zu diesem Thema, da ihre Mutter in den 1990er Jahren für die BBC mehrere Dokumentationen über den Balkankrieg gedreht hat; ihre Reise in die Kriegsgebiete trat sie dabei stets von Graz aus an. Die Erlebnisse, die sie mitbrachte, wurden zum festen Bestandteil des Familiengedächtnisses und fließen in die Arbeit für das Schauspielhaus Graz ein. Die Textfassung stammt aus der Feder von Sykes und Dramaturg Jan Stephan Schmieding. Schauspieler Jan Brunhoeber übernimmt die Rolle von Alexander Lewis; die Figur basiert auf Anthony Loyd.

Lily Sykes im Gespräch:

MM: “Cactus Land“ entstand sozusagen auf Empfehlung Ihrer Mutter?

Lily Sykes: Ich war auf der Suche nach einem neuen Thema, da brachte mich meine Mutter darauf. Auch sie war Kriegsreporterin in Bosnien, sie kannte Anthony Loyd, nur hat sie nach dem Jugoslawienkrieg aufgehört zu arbeiten. Die Journalisten, die vor Ort über den Jugoslawienkrieg berichtet haben, kennen sich ja alle. Es gibt in England den „Frontline Club“, in dem sie sich treffen und austauschen. Man braucht andere Menschen, die das auch erlebt haben, damit man überhaupt über solche Sachen reden kann. Ich habe Loyds Buch gelesen, mit ihm gemailt und Telefonate geführt, zu einem Treffen ist es nicht gekommen, das hat er abgesagt, weil er in den Irak musste. Er ist immer noch Journalist und fährt ungefähr viel Mal pro Jahr in den Krieg. Dass er in seinem Buch das Kriegsthema mit seiner Familiengeschichte verbindet, hat mich von Anfang an interessiert: Warum Menschen sich nicht mehr in der Normalität zurechtfinden können.

MM: Und warum?

Sykes: Krieg ist ein Kick. Einer wie Loyd steht auf Extremerlebnisse, diese Menschen sind kriegsabhängig wie andere drogenabhängig. Kurt Shork zum Beispiel, ein Kollege und großes Vorbild von Loyd, soll nachts auf das Dach des Holiday Inn in Sarajevo gestiegen sein, hat von dort oben rüber geschaut auf die Heckenschützen und sich eine Zigarette oder einen Joint angezündet. Nur so, als Risikospiel. Meine Mutter hat erkannt, wann es Zeit war, weiterzuziehen, sie wollte auch einmal Mutter sein, schließlich hat sie drei Kinder. Loyd ist mittlerweile auch verheiratet und Vater, aber ihn zieht es immer noch raus. Er kann nicht loslassen, da sind viele Journalisten wie Kriegsveteranen, nur dass Journalisten niemanden töten, sondern nur Zuschauer sind.

MM: Trotzdem thematisieren Sie in Ihrem Stück die Verantwortung des Journalisten, die Macht der Bilder, die Wirkung eines Textes auf die Öffentlichkeit.

Sykes: „Cactus Land“ enthält auch Texte und Interviews, die ich mit Journalisten geführt habe. Viele leiden darunter, nichts bewirken zu können, denn die Tätigkeit des Kriegsberichterstatters hat sich geändert. Die Analyse, die menschliche Geschichte, die Hintergrundstory ist heute nicht mehr gefragt, heute muss es schnell und „live“ sein. Die Rolle des Aufdeckers gibt es nicht mehr, in einer Zeit, in der die Terroristen ihr eigenes Marketing machen und Videos posten. Ich denke, die differenzierte Analyse ist nun Aufgabe des Theaters. Nur hier und im Flugzeug muss man das Handy ausschalten, also kann sich der Zuschauer hier aufs Thema konzentrieren und eine andere Perspektive auf die Dinge bekommen. Die „human stories“, die nun wir Theaterschaffende transportieren, sind wichtig als Anknüpfungspunkte für Verständnis und Empathie. Die Leute wollen verstehen, was vor sich geht und was die Auswirkungen dieser oft so komplexen Vorgänge sind. Das merkt man auch in der aktuellen Situation mit den Flüchtlingen.

MM: Heute wie damals im Jugoslawienkrieg ist Erklären kompliziert.

Sykes: Deshalb möchte ich über den Zustand berichten, in den man geworfen wird, wenn man heute vor einem Berg von krassen Bildern und Informationen steht und versucht, daraus eine Nachricht zu machen, die vielleicht etwas ändert. Diese Suche nach Klarheit und Wahrheit – darum geht es mir bei „Cactus Land“.

MM: Neben der Figur des Kriegsfotografen Alex Lewis kommen nur Frauenfiguren vor. Warum?

Sykes: Sie sind die Bezugspersonen. Loyd ist von Frauen erzogen worden, die Männer waren in seiner Kindheit abwesend. Im Stück sitzt Alex Lewis nun zwanzig Jahre nach dem Krieg in einem Hotelzimmer und versucht einem Zimmermädchen seine Geschichte zu erzählen. Doch er wird immer wieder von seinen Erinnerungen gestört, da tauchen die Frauen seiner Vergangenheit wie aus einer Parallelwelt auf.

MM: Sie arbeiten zum ersten Mal in Österreich. Wie empfinden Sie es als neutrales Land? Kriegsbegeisterung als Familienerbe gibt es hier wohl nicht?

Sykes: Im Vergleich dazu wie kriegsbegeistert die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs nach wie vor sind, nein. Dieses Denken „war makes a man of you“ kennt man in Österreich nicht. Man ist hier demütiger, weil man viel erlebt hat, auch, was es heißt, Flüchtling zu sein. Das ist ein Bewusstsein für die Welt, das in Großbritannien fehlt. Ich glaube, bei uns ist die Reflexion über die eigene Geschichte extrem anders als auf dem Kontinent. In England sind wir wie in Watte gepackt, mit der Königin, William, Kate und ihren schönen Babys. Aber es gibt gewisse Dinge, die nicht existieren, nur weil man nicht darüber spricht. Krieg ist hier ein Tabuthema, Krieg ist schlecht. Das ist eine moralische Kategorisierung; ich sehe auch die Faszination des Krieges. Wenn zwei Menschen in einem Raum sind, gibt es Krieg, heißt es. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch. Unsere Gesellschaft basiert heute stärker denn je auf dem Konzept von Gewinnen, von Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit.

MM: Wie haben Sie Ihre Mutter als Kriegsreporterin erlebt?

Sykes: Das war zwischen meinem achten und elften Lebensjahr. In diesem Alter versteht man noch nicht richtig, was Krieg bedeutet. Ich habe einmal „lustige“ Fernsehbilder von singenden serbischen Soldaten gesehen und überhaupt nicht gecheckt, was da los war. Meine Mutter hatte auch einen Schutzhelm, eine schusssichere Weste und ein UNO-T-Shirt, damit habe ich mich verkleidet. Wenn meine Mutter erzählt hat, dann wie über ein Videospiel: Einmal ist sie von einem Scharfschützen angeschossen worden, weil sie auf der englischen, der linken Straßenseite gefahren ist, das klang für mich wahnsinnig aufregend. Auch meine Mutter war erfüllt von diesem Privileg des Berichterstatters, etwas bewirken zu können, heute redet sie anders, auch, wenn ihre Augen immer noch leuchten.

MM: Können Theaterzuschauer etwas bewirken?

Sykes: Versuchen, einfach nett zu den Nachbarn zu sein, wäre schon was. (Sie lacht.) Viele Leute haben heute das Bedürfnis etwas zu tun, viele Menschen bewirken schon mit etwas Kleinem etwas Großes. Das ermutigt mich jeden Tag.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 20. 10. 2015

Theater Nestroyhof Hamakom: Ein Land und zwei Völker

September 15, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Aktionstag der offenen Fragen

Bild: Theater Nestroyhof Hamakom

Bild: Theater Nestroyhof Hamakom

Anlässlich der jüngsten Eskalation des Palästina-Israel-Konflikts lädt das Theater Nestroyhof Hamakom zu einer performativen und diskursiven Auseinandersetzung. Frederic Lion, Künstlerischer Leiter des Theater Nestroyhof Hamakom, ist es im eigenen wie im Selbstverständnis des Theaters ein Bedürfnis vor dem eigentlichen Saisonstart auf den aktuellen Konflikt zu reagieren. Am Sonntag, 21. September, werden ab 15 Uhr in unterschiedlichen Veranstaltungen und einer abschließenden, hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion die Genese dieses Konflikts sowie deren Rezeption thematisiert. Aktuell lässt sich ein besorgniserregender medialer Umgang mit historischen Begrifflichkeiten in der europäischen Öffentlichkeit beobachten, der zu hoch emotionalisierten Populismen in allen politischen Spektren führt. Kaum ein anderer politischer Konflikt polarisiert in diesem Ausmaß die öffentlichen Meinungen hier in Österreich wie international. Jede Meinung führt zu einer Gegenmeinung und jede dieser Meinungen führt zu einer verwirrenden destruktiven und gefährlichen Abwärtsspirale der Vermengung historischer und politischer Begriffe.

Das Theater Nestroyhof Hamakom widmet sich diesem Konflikt ein paar Wochen nach einem Waffenstillstand, der das Thema schon wieder aus dem Fokus der medialen Berichterstattung gespült hat, um es weiterhin auf die Warteliste der ungelösten weltpolitischen Fragestellungen zu setzen. Einen ganzen Tag zeigt das Theater Nestroyhof Hamakom verschiedene Veranstaltungen, um ungelöste Fragen in diesem Konflikt aus verschieden Blickwinkeln in theatralen, sinnlichen und historischen Kontexten zu diskutieren, in der Hoffnung den Zuschauer mit einer verschärften und angereicherten gedanklichen Komplexität zu entlassen.

Sonntag, 21. September, ab 15 Uhr

Ein Land und zwei Völker. Ein Aktionstag der offenen Fragen.
Konzeption: Ingrid Lang, David Maayan, Susanne Höhne, Frederic Lion

15 Uhr: Videoinstallation „East of my middle“ von David Maayan

Diese Videoinstallation ist eine Umstrukturierung der bekannten Tatsachen die uns sprachlos, tonlos machen- abgesehen vom eigenen Herzschlag. „Es muss mein Glaube sein, dass sich das was der jetzigen Generation hoffnungslos erscheint, zu einem neuen Bild dekonstruiert.“ David Maayan.

16 Uhr: Lesung – „Ein Land und zwei Völker. Zur jüdisch-arabischen Frage“ von Martin Buber

Das Dilemma des einen Landes und der zwei Völker stand im Zentrum von Bubers politischer Tätigkeit. Das Leben und Schaffen Martin Bubers ist aufs engste mit der Erneuerung Israels verbunden, was jedoch nicht heißt, dass er die Gründung des heutigen Staates Israel gewollt oder gar vorangetrieben hätte. Sein Kampf für Israel erstreckte sich über mehr als sechs Jahrzehnte. In seinem politischen Engagement erörtert Buber Fragen, die damals wie heute auf die drängenden und ungelösten Probleme im Zusammenleben von Juden und Arabern hinweisen.

18 Uhr: Konzert-Lesung mit Viola Raheb und Marwan Abado

„Zugvögel – Eine lyrisch-musikalische Reise nach Palästina“. Mit dem Programm „Zugvögel“ wollen Viola Raheb und Marwan Abado auf poetische, musikalische, nachdenkliche wie berührende Art ihre Heimat Palästina nahe bringen. Mit Texten, Gedichten und Liedern nehmen sie den Hörer mit auf eine musikalisch-literarische Reise nach Palästina. Lyrik, Reflexionen und Erfahrungsberichte mischen sich mit sanften orientalischen Klängen der Oud des Marwan Abado, eines Meisters der arabischen Kurzhalslaute. Die Texte, die Viola Raheb neben ihren autobiographischen Texten liest, stammen von Mahmoud Darwish, dem 2008 verstorbenen palästinensischen Nationaldichter und Salman Masalha, einem arabischen Literaten aus Israel.

19.30 Uhr: Lesung – „Sieben jüdische Kinder – ein Stück für Gaza“ von Caryl Churchill

Caryl Churchills Stück “Sieben jüdische Kinder-ein Stück für Gaza“ entstand 2009 als Reaktion der Autorin auf den Einmarsch der israelische Armee in den Gaza Streifen. Von der Idee bis zur Uraufführung im Royal Court Theatre in London verging kaum ein Monat. Das 10 Minuten lange Stück besteht aus 7 Szenen, in denen Erwachsene darüber sprechen wie Kindern, 7 Mädchen zu 7 verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte des jüdischen Volkes, Gewalt zu vermitteln ist, was gesagt und was verschwiegen werden muss. Vom Holocaust, über die Gründung des Staates Israel, bis hin zu den israelischen Militärangriffen 2009 in Gaza, komprimiert Churchill mit großer Radikalität eine lange, schmerzliche und hochkomplexe Geschichte auf sechs Seiten. Ein gewagtes Unterfangen, das große Kontroversen auslöste.

20.30 Uhr: Diskussion – „Was hat das Ganze mit uns zu tun? Antisemitismus in Österreich und Europa im Umgang mit Israel und Palästina“

Moderation:  Peter Huemer
Mit: Eric Frey (Journalist), Michael Pfeifenberger (Filmemacher), Doron Rabinovici (Autor und Journalist), Viola Raheb (Sängerin), Hans-Jürgen Tempelmayr (Österreichisch-Israelische Gesellschaft), Gerhard Scheit (Philosoph und Politikwissenschafter)

Der Eintritt ist frei. Es werden Spendenboxen humanitärer Einrichtungen für palästinensische wie israelische Kriegsopfer bereitgestellt.

www.hamakom.at

Wien, 15. 9. 2014

Lentos Linz: Slapstick!

Februar 27, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Lust am Scheitern

Peter Land: Springtime (Forar), 2010 Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Peter Land: Springtime (Forar), 2010
Bild: Courtesy Galleri Nicolai Wallner

Tortenschlachten, Raufereien, wilde Verfolgungsjagden: Derart zwischenmenschliche Turbulenzen, aber auch die kleinen Fallen des Alltags – wie die tückische Bananenschale – sind zu bekannten Slapstick-Einlagen geworden. Mit dieser großen Kunst der Komik befasst sich die Ausstellung „Slapstick!“, die ab 28. Februar im Lentos Linz zu sehen ist.

Bildende Künstler waren dafür den Meistern, von Charlie Chaplin bis Buster Keaton,  auf den Fersen und machten sich die kulturellen Codes des Slapstick zunutze. Sie spielen in unterschiedlichen Medien gezielt mit Zitaten, Motiven und Konzepten, die dem Genre entlehnt sind. Die Schau stellt zeitgenössische Kunstwerke in den Kontext berühmter Stummfilme. Da korrespondiert etwa Peter Lands unter Ziegeln verschütteter Mann, „Springtime“, mit Harold Lloyds „Safety Last“ aus dem Jahr 1923 (eine Hochhaus-Kletterei, bis der Komiker am Zeiger einer Uhr hängt), Francis Alÿs‘ „Paradox of Praxis 1“ mit Charlie Chaplins Fabrikszene aus „Modern Times“, 1936. Alexej Koschkarows „Tortenschlacht“ ist ebenso zu sehen, wie die „Nose Punch Machine“, der „Fressenpolierer“, von Szymon Kobylarz. Im Mittelpunkt  steht jeweils das Scheitern, auf ganz unterschiedliche und individuelle Weise, mit Humor und auch mit Würde. Das hat natürlich besonderen Charme – vor dem Hintergrund der heutigen Perfektions- und Hochleistungsgesellschaft.

Zu sehen sind Werke von: Francis Alÿs, John Bock, Charlie Chaplin, Clyde Bruckman,  Carola Dertnig, Marcel Duchamp, Robert Elfgen, Peter Fischli/David Weiss, Rodney Graham, Jeppe Hein, Buster Keaton, Szymon Kobylarz, Alexej Koschkarow, Peter Land, Louis Lumière, Gordon Matta-Clark,  Bruce McLean, Steve McQueen, Bruce Nauman,  Fred C. Newmeyer,  Vincent Olinet,  James Parrott, Wilfredo Prieto, Charles Reisner, Edward Sedgwick, Mack Sennett, Timm Ulrichs, John Wood und Paul Harrison.

www.lentos.at

Safety Last: www.youtube.com/watch?v=QEcTjhUN_7U

Modern Times: www.youtube.com/watch?v=tfw0KapQ3qw

Wien, 27. 2. 2014