Lampedusa im Winter

November 2, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Das Leben endet nicht, nur weil Asylwerber kommen“

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

„Hallo, wir sind auf See, unser Boot ist beschädigt. Hier sind Frauen und Kinder an Bord“, sagt eine Stimme in die Finsternis. Die Lösung wäre so einfach: Europa holt die Flüchtlinge ab, bevor sie in die seeuntüchtigen, wie nur zum Kentern gebauten Nussschalen steigen. Einfach. Menschlich. Ohne Lagermentalität, ohne bauliche Barriere, heißt: Zaun im Kopf. Mehr als 3200 Menschen kamen dieses Jahr bei ihrer gefährlichen Reise ums Leben, die meisten von ihnen Kinder. Der kleine Syrer Ailan Kurdi lag tot am Strand wie eine Puppe. Offenbar fällt es den Politikern schwer, die humanitäre Pflicht gegenüber Hilfesuchenden in Einklang zu bringen mit ihrer Wahltagspanik vor rechtspopulistischen Schreihälsen, die sich als Vox Populi an den von ihnen erfundenen „kleinen Mann“ anbiedern.

Die, die Europa erreichen, erreichen Lampedusa. Der Name längst ein Symbol, ein Synonym, eine Metapher für die Tragödie, denn wer kennt ihn schon, diesen nackten Felsen im Meer. Vom Norden, vom wohlhabenden Teil Europas aus betrachtet, scheint er wie eine Achillesferse, die Sorgen bereitet. Vom Süden aus ist er ein Tor der Hoffnung für unzählige Menschen auf der Flucht, für Verfolgte, die Rettung suchen. Man liest von Frontex und dazu die Worte suspekt und Abschottungsaktion. Man liest „mehr Flüchtlinge als Einwohner“. Bernd Liepold-Mosser hat dazu einen Theaterabend gestaltet: www.mottingers-meinung.at/?p=12669 Und noch einer hat genauer hingesehen. Der Wiener Filmemacher Jakob Brossmann. Er zeigt in seinem Film „Lampedusa im Winter“, der am 6. November in die Kinos kommt, sozusagen eine dritte Seite der Medaille, die vielen Grauschattierungen, die zwischen Schwarz und Weiß liegen, wenn Menschen zusammenleben. Brossmann hat mit großer Sensibilität beobachtet und dokumentiert, sein Blick als Regisseur ist behutsam und unaufdringlich.

„Lampedusa ist wahrscheinlich der am meisten von Migration und Flucht betroffene Ort der Welt“, sagt Brossmann im Interview. Für Tausende Flüchtlinge ist der Name ein Versprechen, für viele die Insel die Rettung, ihr erster Eindruck von Europa. Für 4500 Lampedusani aber bedeutet das ein Leben als Zeugen eines permanenten Scheitern Europas. Seit Jahren kämpfen sie mit dem Ausnahmezustand. Die winzige Insel am Rande des Kontinents ringt verzweifelt um ihre Würde – und um Verständnis für die Bootsflüchtlinge, obwohl viele sie für den Grund der andauernden Krise halten. „Ich wollte wissen, was das in einer Gemeinschaft verschiebt. Ich wollte“, so Brossmann, „diese Lebensrealität beschreiben. Ich entschied während des Winters zu arbeiten, wo die Insel in dem Zustand der ,Insularità‘ auf sich zurückgeworfen ist, wo die Touristen und die Medien verschwunden sind, und existentielle Fragen sichtbar werden. Sehr schnell stellte sich heraus, dass nicht die Flüchtlinge das Problem der Insel sind. Ich entdeckte auf Lampedusa, dass die dortige Situation nicht, wie man als europäischer Medienkonsument meinen möchte, ein Nährboden für Rassismus und Xenophobie ist. Im Gegenteil: Es findet hier eine Form von Solidarität statt – die nicht immer zum Zug kommt, aber grundsätzlich vorhanden ist. Denn die Inselbewohner sehen sich als Opfer derselben zynischen Politik wie die Flüchtlinge. Daher nimmt der Film nicht nur eine Perspektive auf Lampedusa ein, sondern zeigt vor allem eine lampedusanische Sicht der Dinge.“

Und so sieht man den friedlichen Aufstand der Fischer gegen das inkompetente Fährunternehmen, das seinen Auftrag verschlampt, die Verbindung mit dem Festland zu gewährleisten. Beobachtet das Juniorenfußballteam, das gewissenhaft trainiert, um sich auf die Saison vorzubereiten. Erhält Einblick in das Museum der Meerestragödien, eröffnet von jemandem, der mit Herzblut gefundene Habseligkeiten von Schiffsbrüchigen einsammelt, von Briefen bis zu Rettungswesten. Da ist die kämpferische Bürgermeisterin Giusi Nicolini, die sich für alle einsetzt, Einheimische wie Migranten. Einer der Kernmomente des Films ist, wie sie sich mit ausgebreiteten Armen vor 25 Flüchtlinge stellt und sich für die in Europa herrschenden Gesetze entschuldigt. Sie hat die Regeln nicht gemacht. Da ist eine Gruppe Flüchtlinge, die protestiert, weil ihr die Weiterreise nach Portugal durch Bürokratie verunmöglicht wird. Der Film gibt auch der Institution Küstenwache eine menschliche Dimension und zeigt, was die Einsätze auf dem Meer mit diesen Menschen machen und von ihnen fordern. Der Film begleitet das winterliche Leben vieler Leute, die in ihrem Dialekt, der aus der Zeit der Piraten stammt, alle Ankömmlinge einfach als „Türken“ bezeichnen. Doch dann versuchen sie, diese mit großer Wärme aufzunehmen. Die Lampedusani erleben aus nächster Nähe, wie eine kleine Gesetzesänderung plötzlich unermessliches Leid bringt und wie als „natürliche Phänomene“ Verkauftes auf politischer Ebene dazu gemacht wird. Brossmann: „Die risikoreichen Überfahrten sind ein direktes Resultat der Zäune von Ceuta und Melilla, und ähnlicher Anlagen, die man überall errichtet. Sie sind unmittelbare Auswirkungen von Gesetzestexten. Die Lampedusani haben selbst erlebt, wie ihre Insel instrumentalisiert wurde, um Bilder einer ,Invasion‘ zu erzeugen“.

„Lampedusa im Winter“ enthält abseits der Beschreibung konkreter Zustände auch eine essayistische Komponente über das Wollen im Kleinen und das Nichtkönnen(wollen?) im größeren Zusammenhang. Er ist eine Ohrfeige für Brüssel. Und den Rest einer Welt, von der nicht zuletzt unbeweglich und wenig bewegt die USA und Kanada überzeugt sind, nicht dazuzugehören und ergo mit deren Problemen nichts zu tun zu haben. Außer, in ersterem Fall, einem Konflikt kann mit Bombardements begegnet werden. Brossmann überschreitet nie die Grenze des Darstellbaren, des Fassbaren, der Pietät. Er setzt nicht auf Effekt. Wodurch er die Effekthascherei anderer durchschaubar macht. „Lampedusa im Winter“ transportiert eine klare Gegenstimme zum Diskurs, der im medialen Mainstream herrscht. Lampedusa ist klein, so klein, dass den Einwohnern das Wegschauen unmöglich gemacht ist. Sie müssen sich mit Leid und Tod und Elend auseinandersetzen, müssen selber verarbeiten, was den Flüchtlingen passiert und passiert ist, bevor sie angekommen sind. Sie erleben beinah täglich, wie sich das Glück des Geretteten in blanke Verzweiflung über das europäische Asylwesen verwandelt. Und sie leben trotzdem weiter. „Eines der Dinge, die einem Lampedusa geben kann, ist Zuversicht“, sagt Brossmann. „Die Botschaft für uns ist: Das Leben endet nicht, weil 70.000 Asylwerber nach Österreich kommen. Ich frage mich seit diesen Dreharbeiten immer wieder, wie diese Annahme überhaupt aufkommen kann“. Bleibt zu wünschen, dass dieser Film und seine Botschaft nicht nur einen eingeschworenen Kreis an Dokumentarfilm-Connaisseuren erreicht, sondern ein möglichst großes Publikum.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=drXnFXhjYSo

lampedusaimwinter.derfilm.at

Wien, 2. 11. 2015

Viennale mit Woody Allen, Nanni Moretti & Todd Haynes

Oktober 9, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Österreich ist im Programm stark vertreten

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“ Bild: Viennale

Cate Blanchett und Rooney Mara in Todd Haynes’ „Carol“
Bild: Viennale

Das Wichtigste zuerst: Der Kartenvorverkauf beginnt am 17. Oktober, die Viennale selbst am 22. Oktober. Am Freitag stellte Direktor Hans Hurch das Programm 2015 mit dem Satz „So viel Film war noch nie!“ vor. So gibt es neben dem Tribute für Tippi Hedren, in dessen Rahmen „Die Vögel“ und „Marnie“ gezeigt werden, der Hitchcock-Star wird dazu Wien beehren, weitere große Namen und die Preisträger der diesjährigen Filmfestivals, die den Hauptabend im Gartenbaukino behübschen:

Cate Blanchett und Rooney Mara als lesbisches Liebespaar in Todd Haynes’ elegantem Drama „Carol“  machen den Auftakt. Der in Cannes uraufgeführte Film erzählt die Liebesgeschichte zwischen einer Frau der gehobenen Gesellschaft und der jungen Warenhausverkäuferin Therese. Basierend auf einer Geschichte von Patricia Highsmith ist „Carol“ eine subtile melodramatische Studie über Geschlechterbeziehung und Klassenverhältnisse im Amerika der frühen Fünfzigerjahre. Von Woody Allen wird „Irrational Man“ gezeigt.  Des Altmeisters neuen Film macht vor allem die schauspielerische Leistung von Joaquin Phoenix zu einem lichten und souveränen Moment. Mit subtiler Selbstironie und verzweifelter Coolness spielt Phoenix einen schäbigen und depressiven Philosophie-Superstar, der auf einer amerikanischen Elite-Uni zu Besuch ist und dem die Frauen hysterisch verfallen. Es wäre nicht der alte Fuchs Allen, wenn die simple Geschichte nicht unversehens zu einer spannenden und doppelbödigen Crime-Story geriete. Auch „Mia Madre“ von Nanni Moretti ist zu sehen. Der Film ist so italienisch und so Moretti, wie er nur sein kann. Es geht um Familie, um alle Generationen, die Tochter und den Bruder und die alte und kranke Mama und mittendrin die großartige Margherita Buy als Regisseurin in der Midlife-Crisis, die vergeblich versucht, es allen Recht zu machen, alles zu schaffen und für alle da zu sein. Dazu kommen noch die aktuellen Dreharbeiten für ihren neuen Film und dessen unerträglicher, amerikanischer Star – eine Traumrolle für John Turturro. Und Moretti selbst ist der brave Sohn der alten Mama in einem seiner besten Filme seit Jahren.

Mit Liev Schreiber, Michael Keaton, Mark Ruffalo und Stanley Tucci ist Thomas McCarthys „Spotlight“ eine weitere hochkarätig besetzte US-Produktion im Programm. Inhalt: Ein Redaktionsteam des „Boston Globe“ erhält den Auftrag, einen etwas älteren Fall von angeblichem Kindesmissbrauch durch einen Pater zu recherchieren. Was sich wie journalistische Routine anlässt, wird zu einem Skandal ungeahnten Ausmaßes innerhalb der amerikanischen Kirche, der alle nur möglichen politischen Mächte und Widerstände mobilisiert. „Spotlight“ beginnt als „kleine“ Story und steigert sich zu einem Thriller von ziemlicher Ungeheuerlichkeit. Ein feiner Ensemblefilm. In „99 Homes“ von Ramin Bahrani geht es um Zwangsräumungen. Am Höhepunkt der US-amerikanischen Immobilienkrise 2010 können viele Familien die Hypotheken auf ihre Häuser nicht mehr bezahlen und verlieren das Dach über dem Kopf. Einmal mehr untersucht Bahrani jene Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft, die zur Ausgrenzung und Marginalisierung ihrer Mitglieder führen. Ein zorniges moralisches Lehrstück mit Andrew Garfield, Michael Shannon und Laura Dern.

Österreich-Premiere haben mit „Dheepan“ von Jacques Audiard der diesjährige Preisträger der Goldenen Palme, mit „Right Now, Wrong Then“ von Hong Sangsoo der Gewinner von Locarno sowie mit „Me and Earl and the Dying Girl“ und „The Diary of a Teenage Girl“ zwei Sundance-Publikumslieblinge. Als Gast geplant war die vergangenen Dienstag völlig überraschend verstorbene belgische Filmemacherin Chantal Akerman, deren letzter Film, ein sehr persönliches Porträt ihrer Mutter und damit ihrer selbst mit dem Titel „No Home Movie“, nun neben den letzten, nachgelassenen Werken von Direct-Cinema-Pionier Albert Maysles und denen des 106-jährig verstorbenen Regiegenies Manoel de Oliveira läuft.

Filme aus Österreich: „Last Shelter“, „Lampedusa im Winter“, „Einer von uns“

Aus dem Schaffen der heimischen Filmemacher hat Hurch sieben Lang- und zahlreiche Kurzfilme ausgewählt, darunter zwei gesellschaftskritische Dokumentarfilme: Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“ zeigt in hoher Verdichtung die klaustrophobische Situation in dieser kontaminierten geopolitischen Zone. Die Einwohner von Lampedusa sind überfordert vom permanenten Andrang und von einer allgemeinen Mangelsituation, die Asylsuchenden wiederum kämpfen verzweifelt um ihr Recht und ihre Würde. Ein Close-up auf jenes Problem, das die EU nun schon seit Monaten bis zur Kenntlichkeit entstellt. Gerald Igor Hauzenbergers „Last Shelter“ holt das Flüchtlingsthema noch näher heran. Bis vor die Haustür. Es ist noch in lebendiger Erinnerung, dass vor nicht allzu langer Zeit eine Gruppe von Asylwerbern die Votivkirche besetzte, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und die drohende Abschiebung zu verhindern. Von großem medialem Echo begleitet, harrten die Menschen in der Kirche aus. Doch was wurde aus ihnen? Dieser Frage geht „Last Shelter“  nach und schlägt einen Bogen zur aktuellen, sogenannten Flüchtlingskrise. Beide werden, wie Hurch ihn „ein bisschen keck“ nennt, am „Internationalfeiertag“, am 26. Oktober, gezeigt. Auch dem einzigen österreichischen Langspielfilm im Programm liegen wahre Begebenheiten zugrunde: Stephan Richter arbeitet mit „Einer von uns“ den Tod eines 14-jährigen Einbrechers in einem Kremser Supermarkt durch die Schüsse eines Polizisten „sehr unspektakulär, genau und auf feine Weise und ohne Kapital aus dieser Geschichte zu schlagen“ auf, so Hurch. In einem eigenen Schwerpunkt für heimische Kurzfilme ist unter anderem der in Cannes uraufgeführte Found-Footage-Film „The Exquisite Corpus“ von Peter Tscherkassky erstmals in Österreich zu sehen.

Und, so Hurch weiter, habe die Viennale bisher davon abgesehen, „anlassbezogen auf politische Entwicklungen unmittelbar“ zu reagieren, so gibt es heuer neben dem Flüchtlingsthema gleich noch einen brandaktuellen Programmpunkt. Unter dem Titel „Griechenland – Noch einmal mit Gefühl“ wird mit griechischen Filmen der vergangenen zehn Jahre die Frage gestellt, „wie das Kino über die ökonomische, politische und gesellschaftliche Entwicklung eines Landes“ erzählen kann.

www.viennale.at

Mehr zur Viennale: www.mottingers-meinung.at/?p=14433

Wien, 9. 10. 2015

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf im Gespräch

September 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ganymed Dreaming“ im Kunsthistorischen Museum

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf Bild: wennessoweitist

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf
Bild: wennessoweitist

Mit „Ganymed Dreaming“ startet das Theaterkollektiv wennessoweitist ab 23. September das nächste große Projekt im Kunsthistorischen Museum. Regisseurin Jacqueline Kornmüller und Lebens- wie Bühnenpartner Peter Wolf setzen diesmal den besonderen Schwerpunkt auf Musik. Sieben musikalische Kompositionen und sechs literarische Texte, inspiriert von Meisterwerken der Gemäldegalerie, werden direkt vor den Gemälden aufgeführt und eröffnen so neue Sichtweisen auf Alte Meister. Schauspieler, Musiker und Tänzer erwecken die Bilder zum Leben. Mit dabei: Star-Sopranistin Angelika Kirchschlager, Burgtheaterschauspielerin Sylvie Rohrer, Pianist Marino Formenti und Die Strottern. Ein Gespräch mit Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf über „Ganymed“, Flüchtlinge und Theater, das politischer Widerstand ist:

MM: Nach „Ganymed Boarding“ und „Ganymed goes Europe“ ist „Ganymed Dreaming“ das dritte Projekt der Reihe. Entwickelt sich „Ganymed“ zur Marke?

Peter Wolf: „Ganymed“ hat eine bestimmte Bekanntheit erreicht, ja. Aber es ist keine Marke, denn Coca Cola schmeckt seit 40 Jahren gleich. Wir versuchen immer etwas Neues zu entwickeln, es soll sich immer weiter streuen. In alle Richtungen. Entstanden ist die Idee in Hamburg. Wir haben ein Buch des Dichters Mark Strand in die Hand bekommen, der über die Gemälde von Edward Hopper geschrieben hat. Wir haben damit herumexperimentiert – und sind so auf die Idee gekommen: Wenn man über Bilder assoziiert, erschließt sich das Gemälde neu. Wir haben dann ein Museum gesucht, das mit uns arbeiten würde. Es war in Wien das Kunsthistorische Museum. Sabine Haag hat es ermöglicht – nun schon zum dritten Mal. Die Ausformulierung erfolgt diesmal mit Musik, Tanz und Schauspiel. Es gibt 13 Stationen.

MM: Diesmal geht es um die Schönheit und Gewalt der Träume. Es ist mehr Musiktheater als bisher. Inwieweit haben die Künstler Mitsprache- und Auswahlrecht?

Wolf: Das Thema Träume ist inspiriert von einem Film Akira Kurosawas, „Yume“, der die ganze Bandbreite an Träumen zeigt. Die Tänzerin Maria Teresa Tanzarella führt seit drei Monaten Traumtagebuch und wird danach ihren Beitrag gestalten, erzählen und tanzen. Der Künstler hat volle Verantwortung für seine Station. Beispielsweise Angelika Kirchschlager geht mit Jacqueline Kornmüller durch die Gemäldegalerie, schaut sich mal grundsätzlich die Bilder an, sieht ein Frauenporträt und sagt: Die sieht ja aus, wie Putin. Das nimmt Jacqueline Kornmüller auf, fragt Martin Pollak, ob er eine Art Rede für Putin schreiben könnte. Johanna Doderer vertont das Ganze. Und weil Angelika Kirchschlager einmal Schlagwerk studiert hat, hängen wir ihr einen großen chinesischen Gong dazu. Um das einmal zu beschreiben: So entwickelt sich eine Station.

MM: Sie selbst machen „Der beste Ort auf Erden“, ein Text von Viktor Martinowitsch vor „Alter Mann am Fenster“ von Hoogstraten.

Wolf: Martin Pollak hat uns bekannt gemacht. Martinowitsch ist ein außergewöhnlicher Mensch, eine große Begabung in der europäischen Literatur. Er hat eine sehr schwierige Situation ist Weißrussland, wo ihm das veröffentlichen verboten ist. Er hat das fantastische, überbordende Buch „Paranoia“ geschrieben, das ich in einem Atemzug mit Houellebecqs „Unterwerfung“ nennen möchte. Wir haben ihn gefragt, ob er für „Ganymed“ einen Text beisteuern möchte. Es ist eine wahnsinnig schöne Geschichte geworden, in der er seine Lebenssituation, seine Ängste umlegt auf ein Glücksthema. So eine schöne Arbeit habe ich seit Längerem nicht gemacht.

MM: Dann gibt es die „Lampedusa“-Station von Esther Balfe und Emmanuel Obeya zum „Traum des Hl. Josef“ von Daniele Crespi …

Wolf: Jacqueline hat sich diese Station ausgedacht. Es geht um Flucht. Das Thema verfolgt uns künstlerisch seit fünf, sechs Jahren. Aber es wird sehr anders, als man sich es vielleicht denken möchte.

Jacqueline Kornmüller: Es war mir ganz wichtig, dass das Thema Flucht hier vorkommt. Von sich aus ist keiner der Künstler auf das Thema zugegangen, so habe ich den heiligen Josef ausgesucht und Emanuel Obeya kennen gelernt. Er ist ein fantastischer Tänzer und Leadsänger der Sofa Surfers. Er hat ein Lied geschrieben über das Gefühl der Scham eines Flüchtlings, ein Gefühl, das ganz schwer abzuschütteln ist. Es geht um die Frage, wann hört ein Flüchtling auf, Flüchtling zu sein und wird Einwanderer und wird sogar Mitbürger. Wann darf er den Flüchtlingsstatus abschütteln? Seine Frau tanzt daneben in einem goldenen Kleid – sie ist der Blick des Westens auf das, was da auf uns zurollt.

MM: „Das was da auf uns zurollt“ haben Sie in anderen Projekten wie „Die Reise“ (www.mottingers-meinung.at/?p=1313) und „fly ganymed“ (www.mottingers-meinung.at/?p=860) schon vorweggenommen. Haben Sie prophetische Eingebungen?

Kornmüller: Mir erschien die Situation eben damals schon sehr brisant. Heute ist es viel schlimmer, heute würde ich ein Stück machen über die Menschen, die auf der Flucht sterben, eine verschärfte Form, die von den Toten erzählt. Denn viele lassen wir im Stich. Natürlich kommen auch viele zu uns durch – und da finde ich es fantastisch, wie ihnen geholfen wird. Es gibt das andere Europa, ganz viele Menschen, die ihre Türen öffnen, die dringend Notwendiges zum Westbahnhof tragen …

Wolf: Ich bin überzeugt davon, dass „Die Reise“ einen Teil der Stimmung in der Stadt verändert hat. Aber der künstlerische Weg läuft nicht gleich mit politischen Entwicklungen. Manchmal sieht man etwas voraus, manchmal bewegt man sich auch fernab der politischen Diskussion, weil einem das die Intuition sagt.

MM: Sind die Menschen den Politikern im Kopf voraus?

Kornmüller: Empathisch auf jeden Fall. Die Grenzen dicht machen, das sind für mich hilflose Schritte. Man muss nach vorne losgehen, man muss seine Fantasie anstrengen, überlegen, was man jetzt machen kann. Ich glaube, da gibt es ganz viele Lösungen, auf die man gemeinsam kommen kann. Das Letzte, was man machen sollte, ist sich abschotten. Das geht nach hinten los. Das wird uns auch auf Dauer nichts bringen. Nein, wir müssen uns öffnen. Juncker muss sich durchsetzen und Europa überzeugen, Flüchtlinge in viel größerem Maße aufzunehmen, als es bisher passiert. Ich glaube, er schafft das.

MM: Ihr Engagement entstand auch durch die Begegnung mit Ute Bock.

Wolf: Wir haben direkt im Haus daneben gewohnt, haben täglich die Traube von Menschen gesehen, die in ihr Büro wollten, haben uns gewundert was das ist – und sind reingegangen. Ute Bock ist ja sehr erzählfreudig und hat uns alles genau erklärt. Das hat sich uns ein Thema, das uns bis dato nicht so sehr nahe gegangen ist, erschlossen. Wir haben drei Jahre bei ihr Postdienst gemacht und erkannt, wie wichtig die Arbeit ist und wie weit sie geht. So ging das los.

MM: Sie haben so Menschen, die in Österreich Zuflucht gesucht haben, kennengelernt. Was kann unsere Gesellschaft von ihnen annehmen, was können sie uns geben?

Kornmüller: Ich habe mit Menschen aus Somalia und Syrien in drei Werkstätten gearbeitet: Fahrrad, Tischlerei, Nähen. Da kam ein unglaublicher Reichtum, Ideen, auf die wir nie gekommen wären. Die Menschen sind liebevoll, bringen neue Geschichten mit zu uns – und sie können Partys feiern. Ich bin am Ende des Tages immer glücklich nach Hause gegangen. Flüchtlinge sind nicht so „unglaublich fremd“. Sie haben die gleichen Sorgen wie wir, sie wollen ihre Familien ernähren und ein gesellschaftliches Leben führen. Sie müssen sich in Österreich immer wieder gegen eine Form von Rassismus wehren, aber momentan habe ich ein gutes Gefühl. Es ist alles auf einem guten Weg. Die Politiker, die auf diese Angstschiene setzen, deren Wahlkampf wird als Schuss nach hinten losgehen. Diese Politiker stemmen sich gegen etwas, das derzeit in der Bevölkerung passiert – Solidarität.

Wolf: Das ist ein Projekt, dass Jacqueline in der VinziRast von Cecily Corti entwickelt hat, es nennt sich VinziChance. Die Arbeit hatte Pole. Es war auch emotional sehr aufwühlend. Es wurde uns da so klar, wie das attische Ideal von Theater ist. Die Theater, die wir haben, sind, bei aller großer Qualität der Aufführungen, Amüsierbuden für Großbürgerliche. Das Theater meint aber auch etwas anderes, es ist auch eine pädagogische Lehranstalt, ein Ort, wo Gesellschaft sich bespricht. Theater ist die große Chance der Gesellschaft, sich zu bewegen. Wir haben in Lunz gearbeitet, das Projekt „Die Wahl“ gemacht. Fünf Jahre war es ein Hin- und Herziehen, die Lunzer waren sehr zögerlich, aber dann haben alle mitgemacht, sich besprochen, ob ein Asylwerber sich eine Wohnung nehmen darf oder nicht. Tatsache ist, dass nun, fünf Wochen nach dem Projekt, die erste syrische Familie eine Bleibe gefunden hat. Das ist das Wesentliche: Theater ist der Besprechungsort des Volkes.

MM: Theater als Ort der gesellschaftspolitischen Veränderung?

Kornmüller: Das ist ganz wichtig und es wird mir immer wichtiger. Meine Inszenierungen waren nie unpolitisch, aber je älter ich werde, desto wichtiger wird mir Theater als Ort, an dem es um politische Statements geht. Ich finde, es ist wichtig, dass Künstler politisch Stellung beziehen. Es gibt so viele Angsthasen unter den Künstlern und das nervt mich eigentlich. Da verschanzt man sich hinter einem Stück und hinter einem Text und sagt, die Interpretation allein muss uns schon genügen, und im Publikum weiß keiner, was gemeint ist. Das ist mir nicht deutlich genug. Kultur muss konkret werden, unsere Welt braucht konkrete Lösungsansätze. Beim Film schafft man das schon lange, beim Theater ist es höchste Eisenbahn. Beim „Weltdorf“ beim Forum Alpbach hatte ich wieder einmal das Gefühl, wir sind am Kern. Wir haben die Teilnehmer körperlich, als prozentuale Masse, erfahren zu lassen, wie ungleich Geld auf dieser Welt verteilt ist, was es heißt, Analphabet zu sein. Das haben wir mit ihnen gespielt.

Wolf: Das war eine schöne Anregung, man könnte auch sagen: Provokation. Wir wollen Leute anpieksen. Immer mehr. Das Spielen ist schön, ich habe in Deutschland viele große Rollen gespielt, aber Leben bedeutet, dass man Einfluss nimmt. Ob ich jetzt Schauspieler, Musiker oder Gärtner bin, man muss es versuchen. Das ist auf jeden Fall wichtiger, als den 500. Hamlet zu spielen.

MM: Hauptberuflich Denkanstoßgeber?

Kornmüller: Naja, das machen viele. Wir versuchen es halt auch.

MM: Wie weit ist „Ganymed Dreaming“ die Möglichkeit, in hochkulturellem Rahmen mit den hochkulturellen Mitteln klassischer Musik und Tanz die Themen zu transportieren, die Ihnen wichtig sind?

Kornmüller: Die sind in den Bildern eingeschrieben: Lynchjustiz, Mord, Totschlag. Das ist in fast jedem Bild drin. Und die familiären Themen, die Liebe. Die Künstler nähern sich den Bildern schon auf radikale Weise. Nicht jedem ist das Recht. Manche sagen, das Kunsthistorische Museum ist eine Kirche, hier sollte so etwas nicht passieren. Unser Ansatz ist, dass durch das Projekt eine Lebendigkeit, eine Forschheit, eine Inhaltstiefe reinkommt, die dem Raum eigentlich gut tut. Wir haben gemerkt, dass das Projekt sich sehr verändern kann. Das ist toll. Wir bauen mit den Strottern eine Szene, die mit Musik beginnt und fast clownesk endet. Mit einem Sprung ins Nichts. Klemens Lendl und David Müller machen das eins zu eins auf sich bezogen und sind doch ganz beim Bild „Opfertod des Marcus Curtius“ von Veronese. Da ergeben sich sehr schöne Konstellationen. Das Bläserensemble Federspiel hat sich die „Hirschjagd“ von Lucas Cranach vorgenommen, die treiben die Zuschauer durch den Saal und schlachten musikalisch einen Hirsch. Was wir diesmal präsentieren können, eröffnet dem Publikum ganz neue Sichtweisen auf die Bilder.

MM: Haben Sie Berührungsängste?

Wolf: Nein, das gesellschaftliche Leben, das wir haben, ist auch das, das wir verdienen. Wie Cecily Corti sagt, ich kann sehr wohl als einzelner einwirken, dann wird sich auch was ändern. Bis dahin ist das, was an Gesellschaft vorhanden ist auch das, womit ich leben muss.

Kornmüller: Ich habe keine Berührungsängste. Ein Mensch ist ein Mensch. Wir haben ein sehr unterschiedliches Publikum. Zu uns kommen Leute aus den unterschiedlichsten Ecken, Studenten, Kinder, viele, die einen Pass von „Hunger auf Kunst und Kultur“ haben, viele, die Stammbesucher des Kunsthistorischen Museums sind. Das ist eine gute Mischung. Die Leute haben viel Freude miteinander und aneinander. Die Leute kommen gerne in unsere Projekte, weil sie da auf andere treffen, mit denen sie sonst keinen Abend teilen. Es sind die kleinen Schritte, die kleinen Gesten, die uns zusammenführen. Ich finde es gut, wenn Bundespräsident Heinz Fischer nach Traiskirchen fährt, traurig nur, dass es dazu eines Amnesty-International-Berichts bedurft hat. Da wundert man sich schon, warum von sich aus keiner nachschauen geht. In Traiskirchen ist eine private Sicherheitsfirma schwer überfordert. Die scheinen’s nicht zu packen. Man müsste sie von ihrer Verantwortung entbinden. Wäre das bei Siemens oder am Burgtheater, dass jemand einen schlechten Job macht, dann wird er rausgeschmissen. In Traiskirchen müssen neue Lösungsansätze her, so wie es ist, kann’s nicht bleiben.

MM: Ist die Würde des Menschen antastbar?

Wolf: Das ist eine der Fragen, über die jeder einmal nachdenken sollte. Grundsätzlich, ja. Aber ich bin immer für das positive Bild. Und daher sehr dankbar für die derzeit so positive Stimmung der Menschen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele vernünftige Menschen in Österreich gibt. Da hört man plötzlich im Fernsehen einen Polizeihauptmann, der „normale“ Sätze sagt! Ich finde, das straft alle anderen Lügen. Das wird sich auch schnell wieder ändern, fürchte ich. Wenn es so bliebe, könnten wir vielleicht aufhören, Theater zu machen.

MM: Bis es soweit ist 😉 : Wo wollen Sie sich als nächstes einmischen?

Kornmüller: Da geht uns einiges im Kopf um. Auch darüber, wie wir uns als Kollektiv verändern müssen. Für mich ist wichtig, dass wir nicht festfahren, dass wir nicht wieder in die konventionelle Schiene reinkommen. So gerne ich manchmal an einem festen Theater arbeiten würde, so sehr muss ich mir dann immer wieder sagen, lass’ es bleiben, bleib’ auf diesem freien Feld, auch wenn es schwer ist, dafür Finanzierungen aufzustellen. Was Themen betrifft, gehen sie uns nicht aus. Ganz vorne natürlich, dass Europa Einwanderungsland wird. Die Begegnung mit der Angst wäre für mich auch ein großes Thema.

Wolf: Wenn wir theatrale Kunst machen, dann soll es immer mehr Richtung politischer Widerstand gehen. Es ist nicht in Ordnung, wie wir uns in Europa verhalten. Wir haben Möglichkeiten und man muss daran arbeiten, dass diese Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Das ist der Motor aus dem heraus wir Theater machen. Wir versuchen immer wieder Formen zu finden – und „Ganymed“ ist dafür eben ein wunderbar bewegliches Tool.

MM: Wie würden Sie dem Publikum empfehlen, „Ganymed Dreaming“ anzugehen?

Wolf: Wir haben diesmal sehr darauf geachtet, dass man alle 13 Stationen an einem Abend sehen kann. Meine Empfehlung ist, sich für den Eindruck Zeit zu nehmen.

MM: Sie waren mit „Ganymed“ auch in Ungarn, haben sogar einen Kritikerpreis bekommen.

Wolf: Ich bin sehr froh, dass wir dort waren, weil ich nun weiß, dass es auch das andere Ungarn gibt. Nicht nur das des Herrn Orbán. Es gibt ein wundervolles, reiches Ungarn, das voll innerer Schönheit ist. Jetzt hätte es keinen Sinn, ein Projekt wie unseres zu machen. Die Sache hat sich zu verroht. Wir haben viele Freunde in Ungarn, die darüber sehr unglücklich sind.

www.khm.at/ganymed-dreaming/

www.wennessoweitist.com/

Wien, 16. 9. 2015

Landestheater Niederösterreich: Lampedusa

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gastspiel von Bernd Liepold-Mosser

2495544784_f963ec1167Es hat neben und hinter einem und bei sich selbst mindestens ein Taschentuch verbraucht, das Gastspiel „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser, das am Donnerstag am Landestheater Niederösterreich zu sehen war. Weniger wegen des Live-Bühnengeschehens, dazu später, sondern wegen der Original-Filmaufnahmen (Video: Philip Kandler), die auf der Hintergrund-Leinwand liefen. Verzweifelte Menschen, die versuchen, den Strand zu erreichen, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Verzweifelte Menschen, die es geschafft haben, und nun versuchen aus den beiden Flüchtlingslagern der Insel, die für sie wie die Gefängnisse ihrer Herkunftsländer sind, „auszubrechen“, über den Zaun zu klettern, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Prügel. Die Küstenwache, die Boote aufbringt, um sie zurückzuschicken zu Folter und Todesurteil. Oder die nur noch Tote findet. Oder Kleider. Und nackte Tote, die im Meer treiben, weil sie dachten ohne etwas an, könnten sie leichter schwimmen. Kindersärge.

Lampedusa. Davon hat man schon genug. Jeden Tag Meldungen über x Ertrunkene, x Illegale. Liepold-Mosser hat nun Texte gesampelt, die europäische Sichtweisen über das Thema reflektieren, von der touristischen Bewerbung bis zu Frontex-Strategien, von hässlichen Postings aus Internet-Foren bis zu erschütternden Kommentaren der Lampedusani, der allein gelassenen und überforderten Inselbevölkerung. Dazu lässt die Wiener Singakademie unter der Leitung von Heinz Ferlesch klassische Chöre erklingen, die von Erniedrigung, Vertreibung und Flucht erzählen. Magdalena Kropiunig, Nina Horvath, Maximilian Laprell, Alexander Meile und Kai Möller schlüpfen in unzählige Rollen. Herwig Zamernik, Frontmann der Kultband „Naked Lunch“, singt zwischendurch melancholisch Lieder wie „Seemann, lass‘ das Träumen …“

Der ganze Abend ist eindringlich schmerzhaft, sarkastisch bis es weh tut, so ernst, dass Platz fürs Lachen bleibt. Sofern man über die Blödheit der Bürokratie lachen kann. In Lampedusa hat Europa die Humanität zum Teufel geschickt. So beginnt denn auch die resolute Bürgermeisterin: „Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden.“ Leichen, das ist kein Scherz, werden bereits nach Sizilien ausgelagert. Gräber ohne Namen, schnell, schnell, was unter der Erde ist, ist weg von der Bildfläche. Eine Schande für den Friedensnobelpreisträger Europa. Oder soll das vielfache Sterben eine Abschreckung für die Nachkommenden sein? Die Flüchtlinge verflüchtigen sich von selbst. Doch Millionen warten noch darauf, den Massakern in ihren Ländern zu entkommen. Allein aus Afrika wollen 160 Millionen Menschen nach Europa.

Weg mit der Bürgermeisterin. Nun wird der Urlaubsort Lampedusa beworben. Antike Stätten, Sonne, Strand und azurblaues Meer. Während im Hintergrund Boatpeople die Arme schwenkend um Hilfe flehen. Chor und ein Schlauchboot kommen auf die Bühne. „Patria oppressa“ aus Verdis „Macbeth“. Aber Spaß kann sein. Paragliding über dem Meer. Tolle Restaurants. Kinderprogramm. Infos über die Buslinie und die Fähre … und darüber, dass es auf Lampedusa keine Trinkwasserquelle gibt. Regenwasser wird gesammelt. Und der Chor singt „O welche Lust“, Beethoven: „Fidelio“. Die Darsteller basteln dazu Papierschifferl. Und die alten Diskussionen gehen los: Kostenexplosion wegen der zusätzlichen Sicherheitskräfte; „unsere“ Werte und Traditionen vs deren Bildungsmanko und Beschneidungsrituale. Eine Fremde-Kultur-Invasion! Die sollen lieber ihre Länder auf Vordermann bringen! Wir haben zu wenig Kinder, aber die aus Afrika wollen wir nicht. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, wurde zurückgepfiffen.Flüchtlinge aus dem Senegal beschrieben am 5. Oktober 2009 wie ihr Boot auf See aufgebracht wurde: „Wir hatten nur noch drei Tage zu fahren, da hat uns ein Polizeischiff aufgehalten. Sie wollten uns kein Wasser geben. Sie haben gedroht, unser Boot zu zerstören, wenn wir nicht sofort umkehren. Wir waren fast verdurstet und hatten auch Leichen an Bord. Trotzdem mussten wir zurück nach Senegal.“ Amnesty International, Pro Asyl und der Evangelische Entwicklungsdienst bestätigen übereinstimmend solche Berichte. Frontex-Direktor  Ilkka Laitinen gab zu, dass Frontex jährlich mehrmals Flüchtlingsboote im Mittelmeer abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt ohne Asylprüfungsverfahren abgeschoben hatte. Nun werden Roboter, Drohnen, entwickelt, die selbsttätig „Illegale“ aufspüren sollen. Und der Chor trägt Brahms „Selig sind, die da Leid tragen“ vor.

Liepold-Mosser haut einem die Gegensätze nur so um die Ohren. Aus dem beliebten Trainingslager der besten italienischen Fussballmannschaften wurde ein einziges großes Flüchtlingslager. Erschütternd auch die O-Töne einiger Lampedusiani. Ein Fischer, dessen Broterwerb dahin ist. Ein Souvenirverkäufer, der einpacken kann. Eine Menschenrechtsaktivistin, die sagt: „In mein Büro kommen Touristen, die fragen, wo man die Flüchtlinge am besten fotografieren kann. „Va Pensiero“ (Verdi: „Nabucco“) und Beethovens „Ode an die Freude“, immer freudloser, immer konfuser, obwohl sich im Publikum viele bemühen, die Stimme zu halten. Mit lautem Knall fliegt ein Schlauchboot vom Himmel. Erschrecken, aufschrecken allerorts.

Bernd Liepold-Mosser hat ein Projekt geschaffen, dem man den Weg durch Europa wünscht. Von Skandinavien bis zu den Mittelmeerländern. Was wiegt der Mensch? Glaubt einer wirklich, dass einer (mit Frau und Kind)  einfach drauflos die Heimat verlässt, weil’s in Europa so lustig zugehen soll? Es ist noch nicht  lange her, dass Europa Flüchtlinge, Vertriebene, vom Tod Bedrohte hatte, die um Aufnahme in ein freundliches Land bettelten. Vergessen? Niemals vergessen. Also: Brüssel: Bitte, melden!

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/bernd-liepold-mosser-im-gespraech/

Wien, 12. 12. 2014

Bernd Liepold-Mosser im Gespräch

Dezember 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Lampedusa“ am Landestheater Niederösterreich

Lampedusa  Bild: (c) Philip Kandler. Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug

Lampedusa
Bild: (c) Philip Kandler. Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug

Am 11. 12. ist am Landestheater Niederösterreich „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser zu sehen. Ein Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug. Jährlich landen mehrere zehntausend MigrantInnen vor den Küsten Italiens. Der größte Teil der Boote aus Afrika und dem Nahen Osten erreicht auf Lampedusa italienisches Hoheitsgebiet. Die Pelagische Insel ist längst zur Chiffre geworden – für ein unvergleichliches Massenschicksal und für die größte Problematik der europäischen Einwanderungspolitik. Wenn Europa so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei er unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist. Gezeichnet: Giusi Nicolini. Bürgermeisterin von Lampedusa.

Die Paradoxie, dass ausgerechnet jene Werte und Standards der Humanität, die an den Grenzen der „Festung Europa“ verteidigt werden sollen, ebendort abgeschafft werden, steht im Zentrum der theatralen Intervention von Bernd Liepold-Mosser. Mit einer vielstimmigen Textcollage aus Textsamples, Reportagen und kleinen Szenen untersucht ein Schauspielteam sowohl die Zustände und Befindlichkeiten an den Küsten Italiens als auch den technokratischen Apparat dahinter. Die kostspielige Verwaltung, die die Verteidigung der Grenzen Europas in Stand hält, sowie das nur in Opferzahlen vermittelte Leid werden blitzlichtartig personalisiert und greifbar gemacht. Da der in Frage gestellte europäische Humanismus seine stärkste künstlerische Ausprägung in der Oper findet, bilden Chöre aus der klassischen Opern- und Oratorienliteratur, die von Flucht und Heimatlosigkeit erzählen, den musikalischen Rahmen.

Der Klagenfurter Theatermacher Bernd Liepold-Mosser ist in dieser Spielzeit auch als Regisseur und Autor unserer Eigenproduktion Traummaschine. Freud-Projekt am Landestheater Niederösterreich tätig. Der Musiker Herwig Zamernik, der als Fuzzman und mit der Band Naked Lunch auftritt, und der Videokünstler Philip Kandler haben bereits mehrfach mit Bernd Liepold-Mosser zusammengearbeitet.

Es spielen Katrin Hauptmann, Nina Horvath, Magda Kropiunig, Maximilian Laprell, Alexander Meile, Kai Möller, Wiener Singakademie. Bernd Liepold-Mosser im Gespräch:

MM: Es gibt einen Kinofilm, in dem die Festung Europa fällt, weil die MigrantInnen aus Afrika sie überrennen. Wäre das auch Ihre Vorstellung einer Lösung für das Flüchtlingsproblem? Sturm auf die Bastille?

Bernd Liepold-Mosser: Das mit dem Sturm auf die Festung ist natürlich eine apokalyptische Vision. Allerdings haben vor einigen Jahren in den Pariser Banlieues die Autos gebrannt, und es gibt Umfragen, wonach zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben, nach Europa zu gehen, und in Tripolis warten bereits Hunderttausende auf ihre Überfahrt. Mein Projekt soll zeigen, dass es da ein brennendes Problem gibt, und dass wir – das wohlhabende, situierte Europa – gefordert sind. Mit den überfüllten Booten und der Tragödie, die sich im Mittelmeer abspielt, stehen die Grundlagen unseres Wohlstands in Frage.

MM: Denn das Problem ist ja eines von den ehemaligen Kolonialmächten zurückgelassenes. Wann hat der Mensch die Humanität aufgegeben? Als er im anderen Menschen nur noch ein „Objekt“ sah (übrigens ein Ausdruck, den Folterer verwenden, wenn man sie nach dem Warum fragt)?

Liepold-Mosser: Die Aporie ist meiner Meinung nach, dass der Humanität immer auch eine Inhumanität eingeschrieben ist. Unser westlicher Lebensstil mit seinen Standards von Demokratie und sozialer Sicherheit verdankt sich, um es auf einen Begriff zu bringen, der „Ausbeutung“. Das hat natürlich politische und historische Gründe, vielleicht sogar anthropologische. Gerade deshalb sind wir dazu aufgerufen, an dem Projekt der Chancengleichheit und Gerechtigkeit festzuhalten. Wenn Habermas sagt, dass der Telos von Philosophie schlussendlich immer ein emanzipatorischer sein muss, so möchte ich das auch für das Theater beanspruchen. Es macht – bei aller Verschiedenheit der Ansätze, Stile, Verfahrensweisen – letztendlich nur Sinn, wenn es sich in diesen Kontext stellt.

MM: Sie haben für Ihre Schauspieler Textsamples aus Reportagen, von der Tourismuswerbung bis zu Frontex-Strategien zusammengestellt. Was soll, was muss der Zuschauer begreifen, wenn er aus Ihrem Theaterabend in die St. Pöltener Winternacht hinausgeht?

Liepold-Mosser: Der Abend ist wie eine Reise durch das Herz der Finsternis, beginnend von Tourismus-Texten, in denen eine Mittelmeer-Kreuzfahrt angepriesen wird über die berührenden Kommentare der „lampedusani“, also der InselbewohnerInnen, die mit dem täglichen menschlichen Katastrophen vor ihren Augen überfordert sind und sich allein gelassen fühlen, bis hin zu den übersättigten und selbstgefälligen Fratzen des Wohlstands, wie sie sich in Internet-Postings artikulieren. Ich hoffe, der Abend eröffnet neue Sichtweisen und regt an, über bequeme Selbstverständlichkeiten nachzudenken und ein Bewusstsein für die prinzipiell ungerechte Privilegiertheit der eigenen Position heraus zu bilden.

MM: Es gibt Musik, passende Chöre, die von Flucht und Heimatlosigkeit erzählen, die Gefangenenchöre aus „Fidelio“ und „Nabucco“ – instrumentalisiert à la Naked Lunch?

Liepold-Mosser: Nein. Die Chöre, diesmal gesungen von der Wiener Singakademie unter Heinz Ferlesch, werden im klassischen Original mit Klavierbegleitung gesungen. Man findet in der Oper ja immer wieder die von ihnen genannten Motive. Für mich stehen diese Chöre stellvertretend für den Anspruch europäischer Kultur und Humanität, ein Anspruch, den man vor den Toren der Festung Europa mit Füßen tritt gerade indem man glaubt, ihn zu verteidigen.

MM: Waren Sie selbst auf Lampedusa, um sich ein Bild zu machen? Haben Sie Bürgermeisterin Giusi Nicolini getroffen? Lampedusa ist längst ein „Medienschlagwort“ – wofür steht es für Sie?

Liepold-Mosser: Ich selbst war noch nie auf Lampedusa. Für mich steht Lampedusa als Chiffre für die Problematik und Herausforderung der europäischen Zuwanderungspolitik, die wiederum direkt mit der Zukunft Europas zusammen hängt.

MM: Im Jänner inszenieren Sie dann am Haus „Traummaschine“. Wie kam Ihnen die Idee zu diesem Freud-Projekt? Was fasziniert Sie an ihm?

Liepold-Mosser: Ich habe in den späten 80er Jahren in Wien Philosophie studiert und gelehrt und habe in dieser Zeit die zeitgenössischen Theoriebildungen – Frankfurter Schule, vor allem dann aber den französischen Poststrukturalismus – aufgesogen. Das Besondere war, das keiner dieser Ansätze, die sich kritisch mit der Subjektphilosophie auseinandergesetzt und nicht nur theoretisch, sondern auch künstlerisch und lebensweltlich völlig neue Perspektiven für mich eröffnet haben, ohne Freud ausgekommen ist. So habe ich mit Freud begonnen – vermittelt über Adorno, Lacan, Foucault, Derrida. Ich hatte sogar einmal ein Stipendium bei der legendären Lacan-Schule rund um Slavoj Zizek in Ljubljana! Und so ist, mehr als zwanzig Jahre später, die Idee entstanden, mich am Theater mit Freud zu beschäftigen und sein Universum mit all seinen grotesken Figuren zu erschließen.

MM: Ich fand Freud ja schon in der Maturaklasse überholt, das diskriminierende Wort „Hysterie“ wird in der heutigen Psychoanalyse nicht mehr verwendet. Was wollen Sie zeigen? Das Fin de Siècle am geistig-seelischen Abgrund? Bitte erzählen Sie ein bisschen von dem Projekt.

Liepold-Mosser: Die Textur besteht aus Montagen aus Freuds Werk, wobei ich mich neben den Träumen sehr stark auf Fallgeschichten konzentriert habe: die so genannten Hysterikerinnen, den Wolfsmann, Rattenmann, den kleinen Hans. Freud gehört ja quasi zum geistigen Weltkulturerbe, und in der direkten Wiederbeschäftigung mit ihm war es für mich erstaunlich, wie beharrlich und obsessiv Freud in seinem Erkenntnisinteresse voranschreitet. Neben der starken Behauptung des Unbewussten ist es wohl die Tatsache, dass Freud die Möglichkeit eröffnet hat, über persönlichen Nöte zu sprechen, die ihn für uns noch immer bedeutsam machen. Nach Freud schreiben wir uns doch alle auf irgendeine Weise in die Internationale der NeurotikerInnen ein. Er gehört, trotz seiner Irrwege und aus heutiger Sicht unhaltbaren Ideologeme, zu unserem selbstreflexiven Inventar.

MM: Wenn ich den Pressetext lese – Familienaufstellung, assoziativer Theaterabend – werde ich das Gefühl nicht los, wir werden da gemeinschaftstherapiert 😉 Gehen sich denn im Landestheater genügend Couchen für alle aus?

Liepold-Mosser: Freuds Texte sind, auch weil sie nicht für das Theater gedacht sind, schon – oder vielleicht müsste man sagen „noch immer“ – eine Art „Zumutung“. Genau das finde ich spannend: die Thesen, Vorgangsweisen und Grenzüberschreitungen Freuds in einen neuen Kontext zu stellen und zu sehen, was für uns dabei heraus kommt. Das Tragische und Groteske werden sich wohl die Waage halten dabei.

MM: Wie reagieren Sie persönlich, wenn es Ihnen das Unterbewusste ins Bewusste spült? Wehren Sie ab, lassen Sie zu? Hören Sie mehr auf Ihr Über-Ich oder auf Ihr Es?

Liepold-Mosser: Keine leichte Frage … Eine der Herausforderungen des Lebens ist es wohl, diese verschiedenen Kräfte jeweils für sich in eine produktive oder zumindest erträgliche Balance zu bringen.

MM: Ihre nächsten Pläne? In Klagenfurt oder anderswo?

Liepold-Mosser: Mein Kalender ist ziemlich voll: nach Traummaschine mache ich ein großes Orwell-Projekt „1984“ am Vorarlberger Landestheater, im Herbst komme ich zur Saisoneröffnung fast gleichzeitig mit zwei großen Projekten heraus: „Faust“ am Theater Regensburg (Premiere 26.9.) und „Lavant“ – ein Projekt zum 100. Geburtstag der Dichterin, geschrieben von meiner Frau Ute Liepold und mir – am Klagenfurter Stadttheater (Premiere 08.10.), dann folgen eine Oper und zwei weitere Inszenierungen in Deutschland.

www.landestheater.net

Wien, 10. 11. 2014