Akademietheater: In Ewigkeit Ameisen

April 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Apokalypse Blau

Die Ameisen fallen über Professor Schneling-Göbelitz und seinen Assistenten Müller her: Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Soundkulisse stammt von den Voyager Golden Records. Da grüßt die Menschheit in 55 Sprachen etwaige Außer- irdische als könne sie kein Wässerchen trüben. Im Programmheft sind die Bilder und Geräusche aufgelistet, die 1977 als Botschaften auf Datenplatten ins All befördert wurden, und das ist anrührend zu lesen, diese Vielfalt der Erde, bedroht durch die Hybris einer ihrer Bewohner. Einer Spezies, die sich, wo sie hin- und was sie angreift, durch die Zerstörung des Planeten und damit ihrer selbst hervortut.

Ein „Fridays for Future“-Foto stellt sich diesem Tun symbolisch entgegen. So weit also die Folie, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von Wolfram Lotz‘ „In Ewigkeit Ameisen“ am Akademietheater unterlegt hat. Das Stück zu dieser Uraufführung hat sich der Regisseur gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker zusammengezimmert, indem er Lotz‘ zehn Jahre alte Hörspiele „In Ewigkeit Ameisen“ und „Das Ende von Iflingen“ ineinander verschränkt. Das macht Sinn, geht es doch in beiden um nichts weniger als den Untergang von allem, und Bosse übersetzt Lotz‘ skurrile Endzeitstimmung in eine drollige, beinah kindlich-märchenhafte Katastrophenkomik. „In Ewigkeit Ameisen“ ist Nonsens mit erhöhtem Monthy-Python-Faktor, sowohl schreiberisch als auch szenisch, eine Dystopie mit Pointe, die Lotz‘ dramatischem Ideal vom „unmöglichen Theater“ den Weg weist.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Christiane von Poelnitz und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auftreten erst Erzengel Michael und Hilfsengel Ludwig, um „Das Ende von Iflingen“ in Angriff zu nehmen, heißt: die Dorfbewohner zwecks Jüngstem Gericht per flammendem Schwert zu richten. Die Akte zum göttlichen Plan haben sie im Heftordner mit dabei, allein, die Häuser sind leer, die Iflinger nirgends zu finden. Alldieweil, die Szenen alternieren und werden zum Schluss parallel über die Bühne gehen, sucht der Formicidaeforscher Professor Schneling-Göbelitz, der sich, da im Rollstuhl sitzend, von seinem Assistenten Müller durch den Dschungel karren lässt, nach der bis dato unentdeckten blauen Ameise.

Durch deren Aufspüren will er sich zumindest akademische Unsterblichkeit sichern, raffen doch die Folgen eines globalen Atomkriegs gerade alles Leben dahin. Ein paar Stunden noch, verlautbart das Kofferradio, dann ist’s aus und vorbei. Apokalypse Blau. Und tatsächlich sieht das Setting von Stéphane Laimé nach einem Tag ohne Morgen aus. Ein leerer Raum, es ist duster, grauschattierte Schaumstofffliesen kacheln die Wände und geben überraschend immer wieder das eine oder andere Schlupfloch frei, die Darsteller schweben von der Decke herab oder erscheinen aus der Versenkung – das ist alles. Und großartig ist es, wie diese Aufführung beweist, dass es für einen außergewöhnlichen Abend nicht mehr braucht, als die überbordende Fantasie eines Regisseurs und eine Handvoll fabelhafter Schauspieler.

Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die in diesem Fall Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Peter Knaack und Klaus Brömmelmeier heißen, die, von Kostümbildnerin Kathrin Plath in Blaumänner oder DDR-blaue Trainingshosen gekleidet, jeweils in jeder Rolle agieren, und Aenne Schwarz, die als diverse Tierwesen, vom empörten, weil beim Laubwühlen unterbrochenen Igel bis zum schlachtungswilligen Schwein, ihren Sinn fürs Absurde demonstriert. Extrafein gelungen ist ihr der melancholische Mauersegler, für den sie nur den Kopf durch die Softplatten steckt, während ein Toneffekt simuliert, der Vogel flöge pfeilschnell über das Publikum hinweg. Sein Wunsch: Die Engel mögen das nach Fäulnis stinkende Ding da unten, die Welt, endlich wegräumen, damit das Elend ein Ende hat. Und während erst von Poelnitz und Lorenz als Überirdische an und in den Seilen hängen, ackern sich Knaack und Brömmelmeier als Professor Schneling-Göbelitz und Müller durchs irdische Unheil.

Wie im Himmel so auf Erden, die Dopplung ist deutlich, hie ist man unterwegs im Auftrag des Herrn, da hat ein Herr einen Auftrag. Hie ein regeltreuer, durchaus blutrünstiger Routinier und sein zartbesaiteter Tollpatsch von Azubi, da ein egomanischer Wissenschaftler und sein ängstlich bemühter Mitarbeiter, Zyniker treffen auf Schwärmer, und derart sind die ungeduldigen Chefs der Überzeugung, dass bei ihren im Wortsinn Nacht-und-Nebel-Aktionen nichts gelingt, eben wegen der Kraftlosigkeit ihrer unfähigen Hilfskräfte. So entstehen wunderbar witzige Momente. Mit Christiane von Poelnitz als martialischem Erzengel Michael und despotischem Schneling-Göbelitz. Mit Katharina Lorenz und Klaus Brömmelmeier, die als Müller die leise Poesie des Texts, als Ludwig die Schlotterknie für sich gepachtet haben. Mit Peter Knaack als kauzigem Gelehrten, später als Michael, der, so dass einem das Lachen im Hals fast steckenbleibt, dem begriffsstutzigen Ludwig Gottes verquere Logik zum Thema Sünde und die Willkür Seiner Schöpfung erklärt. Aenne Schwarz ist sowieso das Highlight des Abends.

Aenne Schwarz als Igel … Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… und als Mauersegler. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bosse erschafft ästhetisch abstrakte Bilder. Etwa, wenn er den Professor und den bis zur Erschöpfung schiebenden Müller auf ein sich anhebendes Laufband stellt, um einen Berg vorzugaukeln. Oder, wenn aus dem Nichts eine beleuchtete Telefonzelle auftaucht, weil Müller doch so dringend seine Frau anrufen möchte. Schließlich wird der Mensch zur Ameise, der Staat fällt über Schneling-Göbelitz her. Da ist’s aus mit dem possierlichen Possenspiel und die grausame Groteske hat das Schlusswort. Ludwig malträtiert seine Posaune, die Iflinger werden schließlich gefunden, in der Kirche, aber in welchem Zustand!, das Publikum, das ausgiebig gelacht hat, ist nun bereit ebenso zu applaudieren.

Mutmaßlich nicht in Wolfram Lotz‘ Sinne wäre es, „In Ewigkeit Ameisen“ mit Bedeutung zu überfrachten, aber dass der Autor damit sein Statement zum Ist-Zustand von Gott und der Welt abgegeben hat, wird man wohl annehmen dürfen. In seiner Golden-Record-Grußbotschaft an die Sternenwesen sagte Jimmy Carter, damals US-Präsident: „Wir versuchen, unser Zeitalter zu überleben, um so bis in Eure Zeit hinein leben zu dürfen.“

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  1. 4. 2019

Akademietheater: Woyzeck

April 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Manege frei für die Maniacs

Woyzeck kauft sich ein Messer, jedoch eines mit versenkbarer Klinge: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf die rotweißgestreifte Zeltplane sind alte Filmaufnahmen projiziert. Raubtier- und Elefantennummern, die Tiere mühsam und nur mit Gewalt unter Kontrolle gehalten, kleine Hunde, die sich zum Affen machen müssen, Trapezkünstler in schwindelnden Höhen, menschliche Pyramiden und Kaskadeure. Gleich darauf, wenn Steven Scharf das Plastik heruntergerissen und die halbe Manege, vom Gittergang für die Großkatzen

bis zur Zuschauertribüne zerlegt haben, wenn nur noch eine armselige Handvoll Akrobaten übrig sein wird, enträtselt sich, worauf Regisseur Johan Simons abzielt. Das heißt, nicht zur Gänze. Denn ob Albtraum, Erbsenirrsinn oder einfach Ausflug in den Surrealismus, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Simons, seit dieser Spielzeit Intendant des Schauspielhauses Bochum und die Aufführung ergo eine Koproduktion mit diesem, zeigt am Akademietheater seine Interpretation des „Woyzeck“. Es ist seine dritte Inszenierung des Dramenfragments, sein Zugriff auf Büchner diesmal als wäre dieser Beckett, der Verfechter eines Bühnenrealismus dargeboten, als wär’s ein Stück absurdes Theater.

Das Setting von Stéphane Laimé und die Kostüme von Greta Goiris verströmen Zirkusluft, wenn auch die eines ziemlich abgetakelten Etablissements, darin die sinnfreie Welt und der orientierungslose Mensch: Steven Scharf als Woyzeck, dressiert, gedemütigt, beglotzt, bestaunt und ob seiner Stärke gefürchtet – so wie’s Dompteure mit den von ihnen geknechteten Kreaturen tun. Und während er Wortfetzen vor sich hin murmelt, wimmert, brabbelt, Koen Tachelet geht in seiner Fassung mit dem Büchner-Text sehr sparsam um, sind die anderen prahlerische Ausrufer der eigenen Person. „Hepp!“ rufen sie, als wäre ihnen gerade ein besonderes Kunststück gelungen, mit großen Gesten wenden sie sich ans Publikum, wenn sie zu ihrer Vorführung wie wild geworden im Kreis herumtoben oder über diverse Gerüste turnen. Marie im zu großen Herrenanzug und überdimensionalen Clownsschuhen, der Tambourmajor als starker August im knappen Trikothöschen, der Hauptmann im grünen Trainingsanzug, der Doctor in Klinisch-weiß mit Gummistiefeln – es wird noch etliches an Regen fallen, darum.

Mit Marie und dem Drahtgestellsöhnchen: Anna Drexler und Steven Scharf. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Tanz um den Tambourmajor: Anna Drexler und Guy Clemens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Simons also hat Büchners dritte Szene, „Buden, Lichter, Volk“, zum Programm erklärt, lässt überhaupt die Szenen wie Nummern ablaufen. Und in der nächsten Abteilung sehen Sie …! Im Mittelpunkt ein Steven Scharf auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkunst, das geschundene Individuum, das seine einstudierten Tricks vorführen muss. Verstörend ist das, wie Scharfs zunehmend besessener Woyzeck in Momenten größter Beleidigung und tiefster Gebrochenheit seinen Stolz zu wahren oder in zahlreichen und langen Sekunden des Schweigens sich als Subjekt zu behaupten sucht, nur um sich dann wieder selbst aufs Korn zu nehmen. Etwa, wenn er sich mit Marie als „das astronomische Pferd“ und dessen Conférencier abwechselt. Das rote Granulat auf dem Boden, auf dem er sich wälzt, wird später auf nackter Haut wie Blutstropfen wirken.

Im expressiven Spiel steht ihm Anna Drexler als Marie in nichts nach. Sie jauchzt und quiekst und überbetont die Worte, als ihr der Tambourmajor ins Auge sticht. Sie produziert sich vor ihm und buhlt ums Publikum, will mit beiden Blickkontakt herstellen, wohingegen sie in der Zwiesprache mit Woyzeck klar und wahrhaftig ist, je mehr Wahnsinn, umso wahrhaftiger. Dass ihr Söhnchen ein fragiles Drahtgestell mit Kinderfüßchen ist, passt ins Bild dieser lieblosen Mutter, die den Kleinen mit allerhand Gruselgeschichten zum Einschlafen nötigt. Drexlers wie Scharfs Performance ist irritierend, irisierend und so, dass an ihren Figuren immer etwas bleibt, ein Dunkel, ein Geheimnis, das man nicht zu fassen bekommt.

Den Einsatz des weiteren Personals hat Simons wie die Handlung auf die Essenz konzentriert. Extrem körperlich legt Daniel Jesch den Hauptmann an, ein Kraft- und Machtmensch, der Woyzecks philosophische Versponnenheiten gar nicht mag. Im Gegensatz zu ihm ist Guy Clemens‘ Tambourmajor ein Möchtegern, der die Gewichte kaum stemmt, die Woyzeck mit einer Hand hebt, und sich lächerlich macht, als er hinter Marie her in Rösselsprüngen die Manege durchmisst. Falk Rockstroh ist als Doctor ein pragmatischer Wissenschaftler, der für sein Versuchsobjekt keine Empathie aufbringt. Und obwohl all diese nicht viel zu agieren haben, bleiben sie die ganze Zeit so bühnenpräsent, dass sei einem nie aus dem Fokus geraten. Bestes Beispiel dafür ist Martin Vischer, der als Großmutter der einzige Zirkusbesucher ist, und der über beinah zwei Stunden nur sitzt, schaut, tonlos gestikuliert, den Mund offen, wie’s bei sehr alten Menschen manchmal so ist, bevor er endlich das Märchen vom armen Waisenkind erzählen darf.

Der Wahnsinn der Erbsendiät: Steven Scharf und Falk Rockstroh. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Im Regen stehen lassen: Falk Rockstroh, Steven Scharf und Daniel Jesch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich tritt Steven Scharf mit Zirkusdirektorenzylinder und Regenschirmchen in die Arena, allein im Scheinwerferkegel sprechen Stimmen zu ihm, verlangen Maries Ermordung. Gespenstisch ist, was Scharf da mit minimalster Mimik und Gestik ausdrückt, an Psychose, an Schizophrenie, an Leid und Elend. Er wird ein Messer kaufen, und es wird ein Theatermesser mit versenkbarer Klinge sein. Denn in Woyzecks Wahn ist Marie nicht zu töten, sondern wird ihm übers Sterben hinaus noch Anweisungen geben. Damit ist der Realitätsverlust besiegelt, die Reise in Woyzecks Kopf am Ende. John Simons‘ Büchner-Umschreibung ist mit all den Fragen, die sie offen lässt, ein Abend, der nachwirkt. Wobei es gerade seine Auslassungen sind, die dies am gewaltigsten tun.

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  1. 4. 2019

Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

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  1. 6. 2018

Akademietheater: Die Welt im Rücken

März 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Joachim Meyerhoff stemmt einen dreistündigen Kraftakt

Im Wortsinn „Blutrausch“ in einer manischen Phase. Joachim Meyerhoff hebt Thomas Melles bipolare Störung auf die Bühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Wie erzählt man von sich selbst als einem Idioten?“, diese Frage stellt die Figur ganz zum Schluss. Da ist auf der Bühne schon das riesige Gehirn erschienen, dies Wahnbild eines weißen Wals, und macht den Protagonisten zum Ahab; er reitet das Biest, wird an es gefesselt und schließlich von ihm verschlungen. Ein gewaltiges, ein überwältigendes Bild, eines mit dem sich die Diagnose „seelisch behindert“ erklärt.

Bipolare Störung sagt man heute, dem Mann dort oben ist der alte Begriff manisch-depressiv lieber. Drei Stunden lang hat er erzählt, hat er vorgespielt, was das heißt, ein Mensch in Geiselhaft der Krankheit zu sein … Am Akademietheater brachte Jan Bosse eine Bühnenfassung von Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ zur Uraufführung. Der Text ist erst im vergangenen September erschienen, er ist ein Tatsachenbericht, eine Biografie in Form eines „gescheiterten Bildungsromans“. Sagt sein Autor. Genauso anstrengend, kräfteraubend, entnervend – lohnend wie die Lektüre dieses Falls, ist nun sein Ansehen. „Fall“, weil unvorstellbar tief. Melle erzählt von Freuden, die sich nach und nach verabschieden, von Frauen, die an Rettungsversuchen zerschellen, vom Verlust von Job, Wohnung, Konto, Selbstbestimmtheit. Von himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Schulden- und Prozesslawine wegen boshaften Verhaltens. Exzess, bis Blut fließt. Und immer wieder Psychiatrie. „Weg sein“ wünscht er sich sehr. Das kann nur verstehen, wer darauf hofft.

Dass das auch am Theater unter die Haut geht, liegt an Joachim Meyerhoff, der sich die Melle’schen Krisen überstreift wie eine zweite Haut. Mag sein, sein Aufwachsen auf einem Anstaltsgelände hat ihm die existenzielle Einsicht in die Rolle ermöglicht. Meyerhoff jedenfalls stemmt den Kraftakt, Melles Psyche zu durchstreifen mit Bravour. Die Energie, die er in den Abend legt, wird am Ende mit Standing Ovations bedacht. Meyerhoff switcht zwischen Größenwahn und Kleinmut, „die eigene Katastrophe auszustellen, hat immer etwas Aufdringliches“, weiß er und tut’s doch. Er lockt „the elefant in the room“ aus seiner Deckung, und das hat durchaus auch Unterhaltungswert. Weil Meyerhoff nicht nur Ausnahmedarsteller komplexer Charaktere, sondern auch ein begnadeter Showmaster im Spiel mit Emotionen ist. Die Figur, die er gestaltet, ist ein Verzweiflungsclown, ein Schalk mit Melancholie im Nacken.

Die Körpermitte soll bei der Vervielfältigung vergrößert werden. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der fotokopierte Messias: Meyerhoff als Schmerzensmann Melle. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was den Voyeurismus der Situation betrifft, braucht man sich im Publikum nicht zu schämen. Meyerhoff stellt sich bereitwillig aus. Aufs Schwadronieren – in der Manie besteht Melle auf seinem Sex mit Madonna, sieht er Thomas Bernhard bei McDonald’s oder kippt Picasso Rotwein in den Schoß – folgt schmerzhafteste Selbstausschürfung. Da legt er sich im Badezimmer die Kabelschlinge um den Hals und lässt sich hineinfallen, bis er die Abba-Schnulze „Fernando“ im Kopf hört. Das rettet ihn, wie peinlich ist das! Galgenhumor ist das unpassend adäquateste Wort, für die Weise, in der Melle/Meyerhoff dieser Episode auf den Leib rückt.

„Das Hirn stürzt herrenlos davon“ eine Beschreibung jenes Zustands, in dem man ver-rückt ist. Aus der Mitte, aus der Balance ins Ungleichgewicht. In die neuronale Schieflage. Melle – Meyerhoff – Schmerzensmann. Zu Darsteller und Regisseur gesellt sich als Dritter Bühnenbildner Stéphane Laimé. Seine Visionen, seine überbordende Bildsprache erweitern die Fakten zur Fiktion. Im Klimax des Abends tackert Meyerhoff ein fotokopiertes Kruzifix an die Wand – das Geschlecht auf 200 Prozent zu vergrößern misslingt, weil Streik des Kopiergeräts.

Da hält sich Melle in einer manischen Phase gerade für den langersehnten Messias. Mit Pingpongbällen als Dornenkrone. Eine Unzahl von ihnen werden zu lustig hüpfenden Psychopharmaka, ein Zuschauer wird zum Match mit ihnen eingeladen – Tischtennis mit Smileyschläger. Dann Publikumsbeschimpfung, dann „Diebstahl“ eines Zuschauerschals und dessen Anheftung über dem reproduzierten Gemächt. „Lass’ du, der du eintrittst, alle Selbstbilder fahren“, sagt Melle über die Geschlossene. Er wird Studenten vorgeführt, längst mehr Studie als Mensch; ein selbstgespanntes Spinnennetz aus Nylonschnüren hält ihn gefangen. Wie besser könnte man die Isolation im eigenen Ich beschreiben? Den beigen Overall, den Meyerhoff trägt, kennt man aus der Psychiatrie. Man bekommt ihn, wenn einen die Polizei „ohne alles“ einliefert …

Am Ende ein Opfer des eigenen Gehirns: Joachim Meyerhoff macht sich Richtung oben davon. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Posttraumatisch“ nennt Melle seinen Versuch, Theater zu machen. Denn, merke: Theater ist der Ort, an dem Wahn noch den meisten Sinn ergibt. An dem oft und oft eines Menschen Trauma zum bejubelten Drama wird. So auch hier. Auf dem Weg seiner Selbsterkundung lässt Melle sich vom Publikum mal streicheln wie ein Plüschteddy, mal fällt er über es her wie ein Raubtier. Viele seiner Sätze haben Zähne und Klauen. Bosse und Meyerhoff haben erkannt: Es soll weh tun.

Die Krankheit, im Buch etwas Katastrophisches, erlebt auf der Bühne allerdings Katharsis. „Es geht besser, immer besser, seit zwei Jahren“, sagt der Mann zwischendurch hoffnungsvoll. Seine in einer Stimmungsschwankung veräußerte berühmte Bibliothek ist zwar auf immer dahin, aber er hat begonnen, eine neue anzulegen. Sie wird sie ihm wieder werden: „Die Welt im Rücken.“

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Wien, 21. 3. 2017

Akademietheater: Bella Figura

April 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Unterhaltungswert der Langeweile

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist schon so. Wenn sich alle ein wenig mehr angestrengt hätten, hätte das eine runde Sache werden können. Eine berührende Tragikomödie, und das wäre aus der Feder der Yasmina Reza schon was gewesen. Doch der Ansatz verreckt im Ansatz. Dieter Giesing hat am Akademietheater „Bella Figura“ inszeniert, zweifellos eines der schwächeren Stücke der Erfolgsautorin.

Was weniger daran liegt, dass sie einmal mehr more of the same serviert, das war ja abzusehen, sondern daran, dass sich dieses same nicht entwickelt. Die Exposition ist gleichsam der Handlungshöhepunkt, danach herrscht Stillstand. Der Welt größte Dramatikerin hat sich diesmal zu sehr auf die Kraft ihrer geschliffen witzigen Dialoge verlassen, und in diesem Sinne ist der Abend doppelt zum Lachen, weil sich trotz der üblichen Perlenreihenkette an Bonmots die Langeweile ausbreitet. Über deren Unterhaltungswert kann man geteilter Meinung sein.

Der Plot ist schnell erzählt. Zwei Seitenspringer rasen im gelben Sportwagen an: Andrea ist alleinerziehende Apotheken-Assistentin mit mittelschwerer Medikamentensucht und einem gerüttelt Maß an Maßlosigkeit, sobald Champagner perlt. Boris kämpft mit Firmenbankrott und Prozesswelle und will dieses Leid durch die Lust einer verbotenen Nacht lindern. Doch vorm Nobelrestaurant fährt er eine ältere Dame über den Haufen. Nix passiert, aber Aufregung. Der Sohn und dessen Lebensgefährtin rauschen an – und sie ist just die beste Freundin von Boris‘ Ehefrau. Der Rest ist Raus- und Rumreden. Mit jeder Sekunde schwindet die Hoffnung auf einen gepflegten Infight der Reza-Bourgeoisie, auf deren kuriose gegenseitige Ausbremsmanöver und ihre bekannt zielsichere Eskalationsdramaturgie mit den bekannt routinierten Tempiwechseln. Giesing setzt nicht mehr und nicht weniger in Szene, als die vorgegebenen dramaturgischen Anweisungen, als wäre seine Arbeit ein Klon der Schaubühnen-Ostermeier-Produktion aus dem Vorjahr – ein Regiereinfall.

Reza selbst setzt diesmal weniger auf skurrilen Krawall und lautstarkes Gedöns, als man’s von ihr sonst kennt, aber sie kann ihre diesbezüglichen Ideen nicht ausführen. Ein Beispiel: Die überrollte Yvonne, angelegt als verdrehte Alte vom Dienst, führt auch ein geheimes Alzheimer-Tagebuch, das zufällig von Andrea geborgen wird. Was hätte sich daraus entwickelt können an zart versteckter Verzweiflung, ein liebevoller Kommentar über das Menschsein und die damit verbundenen Sehnsüchte, über Werden, Wollen und Nicht-Vergehen-Wollen. Doch Reza lässt das Notizheftchen in die Restauranttoilette plumpsen, wohin sich Andrea und Boris zwecks Sex zurückgezogen haben. Beide begrinsen die unzusammenhängenden Einträge und geben ihr feuchtes Fundstück der Besitzerin zurück. Aus. Eine Enttäuschung.

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Auch die Schauspieler machen nicht durchgängig gute Figur. Man hat sich zwar auf die gedrosselte Temperatur eingelassen, doch mit dem sinkenden darstellerischen Thermometer das für den Reza-Boulevard überlebensnotwendige Temperament eingebüßt. Die Bühne ist wie ein Kaltblüterterrarium kurz vor dem Winterkoma. Die Pointe bewegt sich träge vorwärts und, ja, werte Zuschauer, da kommt sie und trifft und sitzt und … uff … erledigt. Mitunter beschleicht einen das Gefühl, man befinde sich in einem Ibsen. Wobei das völlig falsch ist, weil man auf psychologische Feineinstellungen und ausgefeilte taktische Manöver im Geschlechtergrabenkampf vergeblich wartet.

Joachim Meyerhoff gibt den Boris, doch hat sich ihm die wie auch immer geartete „Sexyness“ eines Verkäufers von Veranden mit Seitenwänden nicht erschlossen. Der begnadete Mime hat sich am alterwürdigen Burgtheatervirus angesteckt, es ist mittlerweile wurst, ob er „Ist ein Arzt anwesend?“ nachfragt oder aus einem seiner Bücher vorträgt, er findet für alles Gesagte nur noch genau eine Tonlage. Ach, diese entsetzliche Lücke, auch wenn die militanten Verehrerinnen jetzt eine Fatwa verhängen, wahr muss wahr bleiben: Da ist einer von seiner eigenen Virtuosität besoffen. Joachim Meyerhoff spielt derzeit Joachim Meyerhoff wie er Joachim Meyerhoff spielt. Man glaubt ihm weder blankliegende Nerven noch andere Neurosen.

Caroline Peters hat als Andrea eigentlich den besten Part, das vulgäre Kontrastmittel zum dekadent Meeresfrüchte schmausenden Mittelstand, die einkommensschwache Guerrillera mit dem Herzen am rechten Fleck, und das gelingt ihr auch gut, dieser aufreizende Sarkasmus im Gegenteil zum selbstmitleidigen Mann. Doch, dass da auch eine Mutter ist, die ein Tränen trocknendes Telefonat mit ihrer Tochter führt, deren Teddy in der Waschmaschine ein Beinchen eingebüsst hat, verliert sich zwischen Gags um Schlampenkleidchen und Insektensprays. Trotzdem ist die Peters mit ihrem Gegeneinander-Ausspiel eine der Erfreulichkeiten des Abends.

Kirsten Denes Yvonne ist eine Kautzin, betulich nervig und tendenziell dement, doch versteht sie mehr, als die meisten ihr zutrauen wollen. Mit kleinen Spitzen und staubtrocken vorgetragenen Frechheiten würzt sie das Geschehen. „Ich ertappe mich oft dabei, dass ich so tue, als sei alles friedlich“, sagt sie neckisch ins Streitgespräch der anderen. Oder „Irgendwo lauert immer ein Happy End“, dies der Silberstreif fürs Publikum. Die Dene turnt mit alterskomödiantischer Leichtigkeit über die ihrer Rolle zugeschriebenen Peinlichkeiten hinweg, sie hat sich eine Kunstfigur geschaffen, die jeden Satz mit viel „Huch!“ und „Hach!“ seinem Ende entgegenschraubt. Das heißt: in lichte Höhen schraubt, denn alles Gesagte endet eine Oktave höher als begonnen und damit gleichsam als sei’s eigentlich eine Frage. Über Gott und die Welt und die Menschen darin. Welch eine Performance. Kirsten Dene zeigt märchenhaft schön, wie man Stroh zu Gold spinnen kann.

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sylvie Rohrer ist, als bessere Hälfte der biederen Paarung Françoise und Eric, dagegen seltsam inexistent. Ohne die Ausrede gelten zu lassen, dass ihre Rolle die konturloseste ist, hätte man von ihr mehr erwartet.

Mehr Widerstand, mehr Aufbegehren, mehr Emanzipation, eine Entwicklung dieses erst mutlosen Moralapostels. Doch auch ihre Françoise wurde von ihrer Schöpferin im Stich gelassen: an der einen Stelle, als sich die Frauen allein und unter zunehmendem Alkoholeinfluss, dieses ja das Reza-Motiv, an der Bar sammeln, und man denkt, Andrea setzt ihr nun den Kopf zurecht und Françoise erkennt die Vergeblichkeiten in ihrer vergeudeten Existenz – nichts. Und wieder nichts.

Der Typ gegen den sich Françoise endlich durchsetzen sollte, ist Eric. Und Roland Koch erweist sich einmal mehr als Ausnahmeschauspieler. Kaum einer ist im Burgensemble dieser Tage wandlungsfähiger als er. Er schlüpft, was prinzipiell Grundvoraussetzung wäre, für jede neue Aufgabe in eine neue Haut. Diesmal in die eines selbstgefälligen Klugschwätzers und obergescheiten Muttersöhnchens, das ist brillant und heiter anzuschauen, wie Koch aus der Zuschreibung der immer wieder Stecken-im-A**llerwertesten-Charaktere das Maximum herausholt. Wie er mit Andrea flirtet und bei Auftritt Françoise den Rückwärtsgang einlegt, wie er herumquängelt, weil keiner die sündteure Schneckenplatte aufessen mag, hat schließlich alles Geld, sein Geld gekostet, das ist der Kleingeistbürger, wie man ihn kennt und nicht liebt.

Ansonsten lotet Stéphane Laimé die Abgründe, die sich hier auftun hätten können, am besten aus. Sein hyperrealistisches Bühnenbild besticht mit einem Beinahe-echt-Aquarium und einem Beinahe-echt-Feuerwerk, und zeigt als letztes, als Boris das Wasser endgültig bis zum Hals steht, den Himmel in Unterwasserstimmung. Ein magischer Moment an einem geheimnislosen Abend, an dessen Ausgang man sich bereits beim Ausgang nicht mehr erinnern kann. Nur eines ist sicher: Das waren die längsten 90 Minuten dieser bisherigen Theatersaison.

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Wien, 14. 4. 2016