Burgtheater: Macbeth

Juni 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Grausamkeit als gruseliges Gedankenspiel

Die drei Hexen schlüpfen in die Rollen von Macbeth, seiner Lady und Duncan: Christiane von Poelnitz, Merlin Sandmeyer und Ole Lagerpusch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Ein Märchen ists erzählt von einem Irren …“, sagt Macbeth in seinem Schlussmonolog. Dies beherzigend hat Regisseur Antú Romero Nunes deren drei für seine Interpretation des schottischen Stücks auf die Bühne des Burgtheaters gestellt, untote Geister, die drei Hexen, möchte man meinen, die das grausame Geschehen als gruseliges Gedankenspiel wiedergeben. Um nicht weniger geht es, als um die Frage nach Gut und Böse, und wie man die Welt in beidem täuschen kann.

Nunes‘ auf 90 Minuten sehr klug verknappte Kurzfassung kommt mit einer Handvoll Rollen aus, Ole Lagerpusch spielt den Macbeth, Christiane von Poelnitz dessen Lady, Merlin Sandmeyer schlüpft in die Figuren Duncan und Banquo, um die Quintessenz des Shakespeare’schen Stoffs über politischen Ehrgeiz, der zum Machtrausch wird, wiederzugeben.

Los geht es, da ist das Saallicht noch an, dieser im Bühnenbild von Stéphane Laimé gleichsam gespiegelt als wär’s der Mittelrang, Balkon, Kristallluster, roter Samt, auf dem Boden ein Pentagramm, da laufen laut kreischend Mädchen in weißen Nachthemden, flüchten vor den Nachtmahren, die gleich auftreten werden. Der Kinderchor „The Vivid Voices“, angetan wie im Horrorfim „The Ring“, bereitet so schauderhaft das gewitternde Erscheinen der Hexen auf der Heide vor. Die kommen in von Adern und Knochen überzogenen Bodysuits, darüber blutige Kleider, und lang-zerrauften Haaren (Kostüme: Victoria Behr). So wird Atmosphäre vorgegeben, auf seltsame Art archaisch wirkt das Spiel der Darsteller, so als wär’s bereits entrückt von einem längst vergangenen Gemetzel.

„Heil dir, Macbeth, der König wird, danach!“ Ihrer verstörenden Prophezeiung folgend übernehmen die Hexen nun die Parts der angesprochenen Charaktere. Merlin Sandmeyer tritt zunächst als Duncan auf, lasziv tänzelnd in angedachter Heerpauke und leicht trottelig verkündet er Macbeths Sieg über den Aufständischen Macdonwald und darf vom Bühnenbalkon aus auch einmal kalauern: „Die Burg ist … schön gelegen.“ Alldieweil besprechen die Gastgeber die Ermordung ihres hohen Herrn, uneinig darüber, wie ernst die Weissagung zu nehmen ist. Zwar wird sich geküsst und innig umarmt, doch ist klar, dass Christiane von Poelnitz‘ Lady Macbeth die Starke im Team ist. Sie wird mit Duncans Blut die Wachen beschmieren, während Ole Lagerpuschs Macbeth vergeblich versucht, sich die besudelten Hände an den Wänden sauber zu wischen.

Merlin Sandmeyer als Banquo. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kinderchor, Merlin Sandmeyer und Christiane von Poelnitz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Schließlich wird auch Sandmeyers Banquo ein Opfer von Macbeths immer angstverzerrteren Mordtaten werden. Nunes inszeniert das effektvoll, indem er Banquo minutenlang durch Bodennebel hasten und stolpern lässt, dabei auf der Drehbühne doch immer auf der Stelle bleibend. Es sind derlei Einfälle, die den Abend mit einer Sogwirkung ausstatten, der man sich nicht entziehen kann: das synchrone Keuchen der Macbeths nach dem Morden, das Türklopfen, das wie ein Herzschlag klingt …, am Ende Tusch und Donner von der Post und Telekom Musik Wien. Da holt die Lady „The Vivid Voices“ noch einmal heraus, wird sie, während sie „Central Park“ von Woodkid singen, eine nach der anderen in den Tod reißen. Die Aufführung endet mit Lady Macbeths Selbstmord, eine ganze Flasche Theaterblut muss dafür daran glauben, und großem Applaus.

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  1. 6. 2018

Akademietheater: Die Welt im Rücken

März 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Joachim Meyerhoff stemmt einen dreistündigen Kraftakt

Im Wortsinn „Blutrausch“ in einer manischen Phase. Joachim Meyerhoff hebt Thomas Melles bipolare Störung auf die Bühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Wie erzählt man von sich selbst als einem Idioten?“, diese Frage stellt die Figur ganz zum Schluss. Da ist auf der Bühne schon das riesige Gehirn erschienen, dies Wahnbild eines weißen Wals, und macht den Protagonisten zum Ahab; er reitet das Biest, wird an es gefesselt und schließlich von ihm verschlungen. Ein gewaltiges, ein überwältigendes Bild, eines mit dem sich die Diagnose „seelisch behindert“ erklärt.

Bipolare Störung sagt man heute, dem Mann dort oben ist der alte Begriff manisch-depressiv lieber. Drei Stunden lang hat er erzählt, hat er vorgespielt, was das heißt, ein Mensch in Geiselhaft der Krankheit zu sein … Am Akademietheater brachte Jan Bosse eine Bühnenfassung von Thomas Melles Buch „Die Welt im Rücken“ zur Uraufführung. Der Text ist erst im vergangenen September erschienen, er ist ein Tatsachenbericht, eine Biografie in Form eines „gescheiterten Bildungsromans“. Sagt sein Autor. Genauso anstrengend, kräfteraubend, entnervend – lohnend wie die Lektüre dieses Falls, ist nun sein Ansehen. „Fall“, weil unvorstellbar tief. Melle erzählt von Freuden, die sich nach und nach verabschieden, von Frauen, die an Rettungsversuchen zerschellen, vom Verlust von Job, Wohnung, Konto, Selbstbestimmtheit. Von himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Schulden- und Prozesslawine wegen boshaften Verhaltens. Exzess, bis Blut fließt. Und immer wieder Psychiatrie. „Weg sein“ wünscht er sich sehr. Das kann nur verstehen, wer darauf hofft.

Dass das auch am Theater unter die Haut geht, liegt an Joachim Meyerhoff, der sich die Melle’schen Krisen überstreift wie eine zweite Haut. Mag sein, sein Aufwachsen auf einem Anstaltsgelände hat ihm die existenzielle Einsicht in die Rolle ermöglicht. Meyerhoff jedenfalls stemmt den Kraftakt, Melles Psyche zu durchstreifen mit Bravour. Die Energie, die er in den Abend legt, wird am Ende mit Standing Ovations bedacht. Meyerhoff switcht zwischen Größenwahn und Kleinmut, „die eigene Katastrophe auszustellen, hat immer etwas Aufdringliches“, weiß er und tut’s doch. Er lockt „the elefant in the room“ aus seiner Deckung, und das hat durchaus auch Unterhaltungswert. Weil Meyerhoff nicht nur Ausnahmedarsteller komplexer Charaktere, sondern auch ein begnadeter Showmaster im Spiel mit Emotionen ist. Die Figur, die er gestaltet, ist ein Verzweiflungsclown, ein Schalk mit Melancholie im Nacken.

Die Körpermitte soll bei der Vervielfältigung vergrößert werden. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der fotokopierte Messias: Meyerhoff als Schmerzensmann Melle. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was den Voyeurismus der Situation betrifft, braucht man sich im Publikum nicht zu schämen. Meyerhoff stellt sich bereitwillig aus. Aufs Schwadronieren – in der Manie besteht Melle auf seinem Sex mit Madonna, sieht er Thomas Bernhard bei McDonald’s oder kippt Picasso Rotwein in den Schoß – folgt schmerzhafteste Selbstausschürfung. Da legt er sich im Badezimmer die Kabelschlinge um den Hals und lässt sich hineinfallen, bis er die Abba-Schnulze „Fernando“ im Kopf hört. Das rettet ihn, wie peinlich ist das! Galgenhumor ist das unpassend adäquateste Wort, für die Weise, in der Melle/Meyerhoff dieser Episode auf den Leib rückt.

„Das Hirn stürzt herrenlos davon“ eine Beschreibung jenes Zustands, in dem man ver-rückt ist. Aus der Mitte, aus der Balance ins Ungleichgewicht. In die neuronale Schieflage. Melle – Meyerhoff – Schmerzensmann. Zu Darsteller und Regisseur gesellt sich als Dritter Bühnenbildner Stéphane Laimé. Seine Visionen, seine überbordende Bildsprache erweitern die Fakten zur Fiktion. Im Klimax des Abends tackert Meyerhoff ein fotokopiertes Kruzifix an die Wand – das Geschlecht auf 200 Prozent zu vergrößern misslingt, weil Streik des Kopiergeräts.

Da hält sich Melle in einer manischen Phase gerade für den langersehnten Messias. Mit Pingpongbällen als Dornenkrone. Eine Unzahl von ihnen werden zu lustig hüpfenden Psychopharmaka, ein Zuschauer wird zum Match mit ihnen eingeladen – Tischtennis mit Smileyschläger. Dann Publikumsbeschimpfung, dann „Diebstahl“ eines Zuschauerschals und dessen Anheftung über dem reproduzierten Gemächt. „Lass’ du, der du eintrittst, alle Selbstbilder fahren“, sagt Melle über die Geschlossene. Er wird Studenten vorgeführt, längst mehr Studie als Mensch; ein selbstgespanntes Spinnennetz aus Nylonschnüren hält ihn gefangen. Wie besser könnte man die Isolation im eigenen Ich beschreiben? Den beigen Overall, den Meyerhoff trägt, kennt man aus der Psychiatrie. Man bekommt ihn, wenn einen die Polizei „ohne alles“ einliefert …

Am Ende ein Opfer des eigenen Gehirns: Joachim Meyerhoff macht sich Richtung oben davon. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Posttraumatisch“ nennt Melle seinen Versuch, Theater zu machen. Denn, merke: Theater ist der Ort, an dem Wahn noch den meisten Sinn ergibt. An dem oft und oft eines Menschen Trauma zum bejubelten Drama wird. So auch hier. Auf dem Weg seiner Selbsterkundung lässt Melle sich vom Publikum mal streicheln wie ein Plüschteddy, mal fällt er über es her wie ein Raubtier. Viele seiner Sätze haben Zähne und Klauen. Bosse und Meyerhoff haben erkannt: Es soll weh tun.

Die Krankheit, im Buch etwas Katastrophisches, erlebt auf der Bühne allerdings Katharsis. „Es geht besser, immer besser, seit zwei Jahren“, sagt der Mann zwischendurch hoffnungsvoll. Seine in einer Stimmungsschwankung veräußerte berühmte Bibliothek ist zwar auf immer dahin, aber er hat begonnen, eine neue anzulegen. Sie wird sie ihm wieder werden: „Die Welt im Rücken.“

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Wien, 21. 3. 2017

Akademietheater: Bella Figura

April 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Unterhaltungswert der Langeweile

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Der Abend gestaltet sich zäh: Sylvie Rohrer, Joachim Meyerhoff, Caroline Peters, Kirsten Dene und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist schon so. Wenn sich alle ein wenig mehr angestrengt hätten, hätte das eine runde Sache werden können. Eine berührende Tragikomödie, und das wäre aus der Feder der Yasmina Reza schon was gewesen. Doch der Ansatz verreckt im Ansatz. Dieter Giesing hat am Akademietheater „Bella Figura“ inszeniert, zweifellos eines der schwächeren Stücke der Erfolgsautorin.

Was weniger daran liegt, dass sie einmal mehr more of the same serviert, das war ja abzusehen, sondern daran, dass sich dieses same nicht entwickelt. Die Exposition ist gleichsam der Handlungshöhepunkt, danach herrscht Stillstand. Der Welt größte Dramatikerin hat sich diesmal zu sehr auf die Kraft ihrer geschliffen witzigen Dialoge verlassen, und in diesem Sinne ist der Abend doppelt zum Lachen, weil sich trotz der üblichen Perlenreihenkette an Bonmots die Langeweile ausbreitet. Über deren Unterhaltungswert kann man geteilter Meinung sein.

Der Plot ist schnell erzählt. Zwei Seitenspringer rasen im gelben Sportwagen an: Andrea ist alleinerziehende Apotheken-Assistentin mit mittelschwerer Medikamentensucht und einem gerüttelt Maß an Maßlosigkeit, sobald Champagner perlt. Boris kämpft mit Firmenbankrott und Prozesswelle und will dieses Leid durch die Lust einer verbotenen Nacht lindern. Doch vorm Nobelrestaurant fährt er eine ältere Dame über den Haufen. Nix passiert, aber Aufregung. Der Sohn und dessen Lebensgefährtin rauschen an – und sie ist just die beste Freundin von Boris‘ Ehefrau. Der Rest ist Raus- und Rumreden. Mit jeder Sekunde schwindet die Hoffnung auf einen gepflegten Infight der Reza-Bourgeoisie, auf deren kuriose gegenseitige Ausbremsmanöver und ihre bekannt zielsichere Eskalationsdramaturgie mit den bekannt routinierten Tempiwechseln. Giesing setzt nicht mehr und nicht weniger in Szene, als die vorgegebenen dramaturgischen Anweisungen, als wäre seine Arbeit ein Klon der Schaubühnen-Ostermeier-Produktion aus dem Vorjahr – ein Regiereinfall.

Reza selbst setzt diesmal weniger auf skurrilen Krawall und lautstarkes Gedöns, als man’s von ihr sonst kennt, aber sie kann ihre diesbezüglichen Ideen nicht ausführen. Ein Beispiel: Die überrollte Yvonne, angelegt als verdrehte Alte vom Dienst, führt auch ein geheimes Alzheimer-Tagebuch, das zufällig von Andrea geborgen wird. Was hätte sich daraus entwickelt können an zart versteckter Verzweiflung, ein liebevoller Kommentar über das Menschsein und die damit verbundenen Sehnsüchte, über Werden, Wollen und Nicht-Vergehen-Wollen. Doch Reza lässt das Notizheftchen in die Restauranttoilette plumpsen, wohin sich Andrea und Boris zwecks Sex zurückgezogen haben. Beide begrinsen die unzusammenhängenden Einträge und geben ihr feuchtes Fundstück der Besitzerin zurück. Aus. Eine Enttäuschung.

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schon fließen die Nerventropfen: Joachim Meyerhoff und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Auch die Schauspieler machen nicht durchgängig gute Figur. Man hat sich zwar auf die gedrosselte Temperatur eingelassen, doch mit dem sinkenden darstellerischen Thermometer das für den Reza-Boulevard überlebensnotwendige Temperament eingebüßt. Die Bühne ist wie ein Kaltblüterterrarium kurz vor dem Winterkoma. Die Pointe bewegt sich träge vorwärts und, ja, werte Zuschauer, da kommt sie und trifft und sitzt und … uff … erledigt. Mitunter beschleicht einen das Gefühl, man befinde sich in einem Ibsen. Wobei das völlig falsch ist, weil man auf psychologische Feineinstellungen und ausgefeilte taktische Manöver im Geschlechtergrabenkampf vergeblich wartet.

Joachim Meyerhoff gibt den Boris, doch hat sich ihm die wie auch immer geartete „Sexyness“ eines Verkäufers von Veranden mit Seitenwänden nicht erschlossen. Der begnadete Mime hat sich am alterwürdigen Burgtheatervirus angesteckt, es ist mittlerweile wurst, ob er „Ist ein Arzt anwesend?“ nachfragt oder aus einem seiner Bücher vorträgt, er findet für alles Gesagte nur noch genau eine Tonlage. Ach, diese entsetzliche Lücke, auch wenn die militanten Verehrerinnen jetzt eine Fatwa verhängen, wahr muss wahr bleiben: Da ist einer von seiner eigenen Virtuosität besoffen. Joachim Meyerhoff spielt derzeit Joachim Meyerhoff wie er Joachim Meyerhoff spielt. Man glaubt ihm weder blankliegende Nerven noch andere Neurosen.

Caroline Peters hat als Andrea eigentlich den besten Part, das vulgäre Kontrastmittel zum dekadent Meeresfrüchte schmausenden Mittelstand, die einkommensschwache Guerrillera mit dem Herzen am rechten Fleck, und das gelingt ihr auch gut, dieser aufreizende Sarkasmus im Gegenteil zum selbstmitleidigen Mann. Doch, dass da auch eine Mutter ist, die ein Tränen trocknendes Telefonat mit ihrer Tochter führt, deren Teddy in der Waschmaschine ein Beinchen eingebüsst hat, verliert sich zwischen Gags um Schlampenkleidchen und Insektensprays. Trotzdem ist die Peters mit ihrem Gegeneinander-Ausspiel eine der Erfreulichkeiten des Abends.

Kirsten Denes Yvonne ist eine Kautzin, betulich nervig und tendenziell dement, doch versteht sie mehr, als die meisten ihr zutrauen wollen. Mit kleinen Spitzen und staubtrocken vorgetragenen Frechheiten würzt sie das Geschehen. „Ich ertappe mich oft dabei, dass ich so tue, als sei alles friedlich“, sagt sie neckisch ins Streitgespräch der anderen. Oder „Irgendwo lauert immer ein Happy End“, dies der Silberstreif fürs Publikum. Die Dene turnt mit alterskomödiantischer Leichtigkeit über die ihrer Rolle zugeschriebenen Peinlichkeiten hinweg, sie hat sich eine Kunstfigur geschaffen, die jeden Satz mit viel „Huch!“ und „Hach!“ seinem Ende entgegenschraubt. Das heißt: in lichte Höhen schraubt, denn alles Gesagte endet eine Oktave höher als begonnen und damit gleichsam als sei’s eigentlich eine Frage. Über Gott und die Welt und die Menschen darin. Welch eine Performance. Kirsten Dene zeigt märchenhaft schön, wie man Stroh zu Gold spinnen kann.

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Das Alzheimer-Notizbuch ist in die Toilette gefallen: Caroline Peters, Kirsten Dene, Roland Koch und Joachim Meyerhoff. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sylvie Rohrer ist, als bessere Hälfte der biederen Paarung Françoise und Eric, dagegen seltsam inexistent. Ohne die Ausrede gelten zu lassen, dass ihre Rolle die konturloseste ist, hätte man von ihr mehr erwartet.

Mehr Widerstand, mehr Aufbegehren, mehr Emanzipation, eine Entwicklung dieses erst mutlosen Moralapostels. Doch auch ihre Françoise wurde von ihrer Schöpferin im Stich gelassen: an der einen Stelle, als sich die Frauen allein und unter zunehmendem Alkoholeinfluss, dieses ja das Reza-Motiv, an der Bar sammeln, und man denkt, Andrea setzt ihr nun den Kopf zurecht und Françoise erkennt die Vergeblichkeiten in ihrer vergeudeten Existenz – nichts. Und wieder nichts.

Der Typ gegen den sich Françoise endlich durchsetzen sollte, ist Eric. Und Roland Koch erweist sich einmal mehr als Ausnahmeschauspieler. Kaum einer ist im Burgensemble dieser Tage wandlungsfähiger als er. Er schlüpft, was prinzipiell Grundvoraussetzung wäre, für jede neue Aufgabe in eine neue Haut. Diesmal in die eines selbstgefälligen Klugschwätzers und obergescheiten Muttersöhnchens, das ist brillant und heiter anzuschauen, wie Koch aus der Zuschreibung der immer wieder Stecken-im-A**llerwertesten-Charaktere das Maximum herausholt. Wie er mit Andrea flirtet und bei Auftritt Françoise den Rückwärtsgang einlegt, wie er herumquängelt, weil keiner die sündteure Schneckenplatte aufessen mag, hat schließlich alles Geld, sein Geld gekostet, das ist der Kleingeistbürger, wie man ihn kennt und nicht liebt.

Ansonsten lotet Stéphane Laimé die Abgründe, die sich hier auftun hätten können, am besten aus. Sein hyperrealistisches Bühnenbild besticht mit einem Beinahe-echt-Aquarium und einem Beinahe-echt-Feuerwerk, und zeigt als letztes, als Boris das Wasser endgültig bis zum Hals steht, den Himmel in Unterwasserstimmung. Ein magischer Moment an einem geheimnislosen Abend, an dessen Ausgang man sich bereits beim Ausgang nicht mehr erinnern kann. Nur eines ist sicher: Das waren die längsten 90 Minuten dieser bisherigen Theatersaison.

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Wien, 14. 4. 2016

Burgtheater: Dantons Tod

Oktober 22, 2014 in Bühne

Diese Besprechung bezieht sich auf die Voraufführung am 21. Oktober.

VON MICHAELA MOTTINGER

Duell zweier Theatertitanen

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Joachim Meyerhoff (Georges Danton), Michael Maertens (Robespierre)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Sie mögen von der Bühne gegangen sein, um das eine oder andere noch zu diskutieren. Etwa, wie man es verhindern kann, dass „St. Just“ Fabian Krüger mit dem Stiefel in Dantons am Boden liegender Perücke hängen bleibt – und diese minutenlang nicht los wird. Es war aber auch ein Sinnbild. Oder, dass ein Bühnenarbeiter die Gewänder der Exekutierten zusammenräumen musste, damit eine goldene Wand sich senken kann. Egal. Jan Bosses Inzenierung von Georg Büchners „Dantons Tod“ am Burgtheater ist großartig. Und sie kann bis zur Premiere am Freitag nur noch großartiger werden.

Wer mehr noch nicht wissen möchte, möge hier aufhören zu lesen!

Allein das Bühnenbild von Stéphane Laimé (Kostüme: Kathrin Plath) ist herausragend. Ein sich beinah – bis auf Prozess und Kerkerhaft – ständig drehendes Ringelspiel  mit Treppen wie von M. C. Escher, mit Spiegelkabinetten, Boudoirs für die Liebe, Kammern mit Gerichtsakten, einer Badewanne natürlich, die Guillotine in der Mitte des Raums … und einem Joachim Meyerhoff in der Haupt-Rolle als Danton, der in die Gegenrichtung langstreckenläuft. Gegen die Geschichte. Gegen die Zeit. Gesicht und Oberkörper mit einer weißen Klebmasse beschmiert. Abertausend Ideen scheinen durch Bosses Kopf gerast zu sein. So wie man den Regisseur kennt und liebt. Etwa ein von St. Just „geleiteter“ Kinderchor, der immer wieder die Marseillaise anstimmt – und das „Allons enfants“ wörtlich nimmt, wenn die kleinen Sängerinnen und Sänger als Revolutionäre mitten durchs Publikum auf die Bühne stürmen.

Zwischen all diesen Gimmicks hat Bosse das Wesentliche aber im Blick behalten. „Dantons Tod“ ist ein Lehrstück über Despotismus. Darüber, wie Revolution zu Diktatur führt. Wie es jede seit 1789 tat, was Büchner freilich nicht wissen konnte. Nur 22 Jahre alt fetzte er „Dantons Tod“ in fünf atemlosen Wochen hin. Der Dichter stand damals, 1835, völlig zu Recht unter dem Verdacht des Hochverrats. Er hatte im Hessischen Landboten sein berühmtes Manifest „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ veröffentlicht. „Die politischen Verhältnisse können mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, worauf die Machthaber und die Liberalen ihre Affenkomödie spielen“, formulierte Büchner. All das lässt Bosse in seine Bearbeitung einfließen. Auch, dass George (Danton) von den Mitspielern Georg (Büchner) genannt wird und die beiden so gleichgesetzt werden. Auch, Achtung: Jung-Castorf, Großmutters „Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt … Und war ganz allein, und da hat sichs hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein“ aus Woyzeck, vorgetragen von Ignaz Kirchner. Der auch den Thomas Payne gibt, einen der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, der mit Danton den girondistischen Verfassungsentwurf ausarbeitet, der allerdings nicht in Kraft trat. Er entging durch einen Zufall der Enthauptung. Er glaubte, dass wahre Religion darin bestehe, Gerechtigkeit zu üben, Erbarmen zu haben und seine Mitmenschen glücklich zu machen: „Die christliche Religion ist eine Parodie auf die Sonnenanbetung, in welcher sie eine Figur namens Christus an die Stelle der Sonne setzten und ihm jetzt die Verehrung zukommen lassen, die ursprünglich der Sonne galt.“

Doch mit Sonnenkönig und so hatten die Franzosen ihre Schwierigkeiten, deshalb gibt Michael Maertens den Blutmessias Robespierre, der alle seine alten Freunde und Wegbegleiter, seine Apostel, kopflos macht. Bosse hat Maertens und Meyerhoff wunderbar gegen den Strich besetzt, holt beide aus ihrer Burgschauspielerwohlfühlzone, lässt sie neue Facetten ihres Könnens zeigen. Eine der besten Szenen daher die Auseinandersetzung zwischen den beiden. Meyerhoff legt seinen Danton weniger als Epikureer an; er ist resignativ, politik- und lebensüberdrüssig, mittelschwer irre, aber das ist sicherlich so, wenn man dabei ist, den Kopf zu verlieren, und sich trotzdem in einen trügerischen Kokon der Unverwundbarkeit eingesponnen glaubt: „Mein Name!“ Maertens „Robespierre“ erscheint lange nur auf Leinwand, ein riesiger, via Livekamera gefilmter Kopf, ein jakobinischer Big Brother, der Asket, der mit unangenehm hoher Fistelstimme seine Wahrheit verkündet. Zwei begnadete Redner, der eine vom anderen „Polizeisoldat des Himmels“ genannt, der andere beschuldigt, „die Rosse der Revolution vorm Bordell halten lassen machend“. Robespierre wurde übrigens 1794 ohne vorherigen Prozess durch die Guillotine enthauptet, Saint-Just bestiegt mit ihm gemeinsam das Schafott.

Fabian Krüger spielt St. Just als Intriganten, als unscheinbares Priesterlein seines Herrn, der die „große Leiche“ Danton mit Anstand begraben will, weil sie ihm lebend zu eloquent ist. Seine Rede vor dem Kovent ist ein Gustostück. Seine Worte duften nicht mehr nach Menschenliebe, sondern stinken wie Leichen, aus deren Bergen er neue Lebende schaffen will. Vom Himmel regnet es Pamphlete, Kleidungsstücke … Man kann nicht umhin bei dieser Gewandlawine ans Dritte Reich und seine KZs zu denken …

Auf der anderen Seite stehen Peter Knaack als Camille Desmoulins und Daniel Jesch als Lacroix, die ihren Freund Danton aus seiner hysterischen Lethargie reißen wollen. Die endlich Republik statt Revolution wollen. Die genug haben vom „Köpfen spielen“. Auch ihre werden gemeinsam mit Dantons im Korb landen. Eine gelungene Darstellung! Ebenso wie die von Adina Vetter als Dantons verzweifelter Ehefrau Julie. Eine Verausgabung bis zur Selbstaufgabe. Julie und die von Aenne Schwarz verkörperte Lucile, Desmoulins Frau, werden ihren Männern freiwillig in den Tod folgen. Jasna Fritzi Bauer ist eine herrliche Hure Marion; Stefan Wieland und Hermann Scheidleder zwei blutdürstige Bürger.

Fazit: Eine fabelhafte Voraufführung. Man darf sich zu Recht auf die kommenden Vorstellungen freuen.

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Wien, 22. 10. 2014

Burgtheater: “Lumpazivagabundus”

August 30, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Burgherrn Matthias Hartmanns Inszenierung von „Lumpazivagabundus“, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, hat am 6. September Wien-Premiere. Hier noch einmal die Rezension von der Aufführung auf der Perner Insel und die Burgtheater-Highlights der neuen Saison:

Hartmanns Dreifach-Jackpot kommt nach Wien

Nicholas Ofczarek (Knierim), Florian Teichtmeister (Leim), Michael Maertens (Zwirn) Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nicholas Ofczarek (Knieriem), Florian Teichtmeister (Leim), Michael Maertens (Zwirn)
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Grell, bunt, Punk, Brauchtum. Zauberwesen, die teils Bärte à la ZZ Top tragen, teils langes Blondhaar wie Brad Pitt in “Interview mit einem Vampir”. Ein Feenkönig als EU- Ratspräsident, die Europaflagge hinter sich (Bühne: Stéphane Laimé), eine Fortuna (Maria Happel) mit Angela-Merkel-Frisur, Mavie Hörbiger als Fee Amorosa wie “Natürlich Blond” entsprungen… Und so geht’s weiter. Burgherr Matthias Hartmann inszenierte auf der Perner Insel Nestroys “Der böse Geist Lumpazivagabundus oder das liederliche Kleeblatt”. Im Dreiergespann Leim, Zwirn, Knieriem ist Hartmann der vierte Pflanzenteil. Ohne ihn: kein Glück. Hartmann ist ganz in seinem Element, schüttet ein Füllhorn voll Ideen über Nestroy, kostet jede Pointe wie ein gutes Glas Wein aus, lässt (eigentlich: “Spielmacher” Nicholas Ofczarek als Knieriem) das Publikum bei einer Wirtshaussauferei sogar mitsingen. “Eduard und Kunig-uuun-de” erschallt es zwischen Perlencolliers und Smokingfliegen. Da kommt Stimmung auf. Und Schwung. Gags, Gimmicks, Slapstick am laufenden Band, Musik (Karsten Riedel) von “Bacardi Feeling” über Status Quos “Rockin’ all over the World” bis zu Karel Gotts “Einmal um die ganze Welt”. Untiefen statt Tiefgang. Witz, der nicht zündet, sondern explodiert wie ein Feuerwerk. Und den Zynismus an der Geschicht’ hört man vor lauter Lachen nicht … Das “Kometenlied” kommt übrigens auch vor (zusätzliche Liedtexte: Nicolaus Hagg).

Die Lottosieger, also: Nicholas Ofczarek erinnert an Vorganger wie Paul und Attila Hörbiger oder Helmut Qualtinger und spielt den Alkoholiker bis zum Delirium. Zum Fürchten brutal, voll Pathos über sein durch b’soffene Schlägereien bestimmtes Schicksal nah am Wasser – pardon: Wein beziehungsweise Bier beziehungsweise Schnaps – gebaut. Ohne jeden Kitsch, “ungemütlich”, gar nicht mehr mit bösen, sondern mit bereits leblosen Augen ist er ein Sich-zu-Tode-Trinkender, kommt Nestroys Vorstellung – der die Figur ja weiland selbst verkörperte – so vielleicht am nächsten. Michael Maertens gibt einen überkandidelt-komischen Zwirn – aus Ulm, um sein Nicht-Wienerisch zu erklären, sehr gut! -, hüpfenden wie ein Laubfrosch (auch bei einem Tänzchen mit Ehefrau Mavie), ein Weiberer, ein Gockel, ein Don Juan für Ärmere, ein Geck mit “Goasbort”, dessen meckendes Lachen tatsächlich an einen Ziegenbock erinnert. Mit ganz großer Komik lässt er die Tragödie seiner Gestalt außer Acht, um lieber groß daherzureden. Kein Wunder, dass er sich, reich geworden, auf seinem Gold-Schloss von einer Art Andy Warhol malen lässt … Im Mittelpunkt zwischen den beiden Burg-Titanen: Florian Teichtmeister, der für den verletzten Johannes Krisch einsprang. Der Josefstädter spielt mit wohltuender Zurückhaltung Nestroy. Überzeugt als Leim, den seine Liebe zu des Meisters Tochter Peppi auf Wanderschaft getrieben hat. So rührend, so herzenskrank, so gutmütig und sanft, entfesselt nur durch Amors Amour-Zorn. Als Sieger kehrt er heim, wird zum überheblichen Biedermann, zum Spießbürger im Golferoutfit – und will seine ehemaligen Kameraden mit Geld und einer Türfernbedienung einsperren. Ohne zu outrieren wechselt Teichtmeister sozusagen die “Rolle”. Wird ein ganz anderer. Eine Meisterleistung.

Und dann noch: Max Mayer als Lumpazivagavundus (auch noch verkleidet als Herr von Windwachel und Dorfwirtin). Eine der wichtigsten Kräfte am Schauspielhaus Wien, zeigt er auch Salzburg, was er kann. Wie dämonisch man nackt bis auf  eine dreckige Unterhose sein kann. Er changiert, verrenkt sich sprachlich und körperlich – und ist zum ersten Mal im Wiener Dialekt zu hören. Ein Bravo, wie er mit nur einem schwarzen Stöckelschuh die Bühne für sich in Anspruch nimmt. Wandlungsfähig, wunderbar. Ansonsten kann Hartmann wie stets bis in die kleinste Rolle (und viele stellen mehrere Figuren dar) aus seinem unvergleichlichen Ensemble schöpfen: Branko Samarovski, André Meyer, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Mitglieder der Jungen Burg sind allesamt Haupttreffer. Vor allem aber Publikumsliebling Happel, die neben der Glücksfee auch eine falsche, geldgierige Italienerin samt Arienpotpourri und – wie von Nestroy vorgesehen – eine schwäbische Haushälterin gibt.

Am Ende gehen dem Leim alle auf den – Leim. Aus einem Puppenhaus schauend gaukeln sie Idylle vor. Ein Kapitalist und Arbeitnehmerantreiber, ein zwiderer Zwirn mit Weib und zwei Kindern, und Familienvater Knieriem. Der kippt vor der Abendeinladung beim Leim noch schnell ein Stamperl. So viel Scheinidyll … „Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang.“

Unbedingt sehenswert!

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Salzburg, 2. 8. 2013