Sommerspiele Melk: Bartholomäusnacht

Juli 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pariser Hochzeit als Schlachtfest an den Hugenotten

Das großartige Ensemble in der prächtigen Kulisse: Giuseppe Rizzo als Admiral Coligny, Christian Kainradl als Karl IX., Otto Beckmann als Heinrich von Navarra, Dagmar Bernhard als Frau von Sauve, Thomas Dapoz als Herzog Guise, Kajetan Dick als Kardinal von Notre Dame, Sigrid Brandstetter als Herzogin von Nevers, Sophie Pruza als Margot von Valois und Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“ Dies letzte Wort, der letzte Satz gehört Heinrich IV. von Navarra, da ist er längst auch König von Frankreich und hat mit dem Edikt von Nantes den Hugenotten in seinem Reich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte gewährt. „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ ist ein historisch belegtes Zitat. Besser gesagt ein Buchtitel. Er stammt vom französischen Journalisten Antoine Leiris, dessen Ehefrau 2015 in der Pariser Konzerthalle Bataclan im Maschinengewehrfeuer von IS-Terroristen starb.

Als Heinrich ihn spricht, ist es 1610 und der religiöse Fanatiker François Ravaillac hält ihm eine Pistole an den Kopf (tatsächlich fuhr er ihm mit einem Messer in die Rippen). Es ist diese Art von Brückenschlag in die Gegenwart mit der Autor Stephan Lack, Intendant und Regisseur Alexander Hauer und ihr Schauspiel „Bartholomäusnacht“ in der Wachauarena Melk reüssieren. Hauer hat seinen Stil, monströse Stoffe auf die Bühne zu heben, mit den Jahren zur Meisterschaft gebracht, und Lack ihm zum 500-jährigen Reformationsjubiläum ein opulentes Historiendrama mit aktuellem Zeitbezug verfasst. Lack hat die Fakten klug mit Fiktion unterfüttert, hat die Figuren fein psychologisiert, so dass ein saftiges Bühnenstück entstanden ist.

Es braucht keinen erhobenen Zeigefinger, um zu begreifen, dass er über die Ereignisse der Nacht vom 23. zum 24. August 1572 hinaus auf Irlands „Bloody Sunday“, auf den Genozid in Ruanda, die derzeitige Lage in Syrien … verweist. Für Connaisseurs gibt’s dazu Sentenzen vom berühmten „Paris ist eine Messe wert“ Heinrichs, das hier aber Königin Margot spricht, über Stalins „Den Feind aufspüren, schlagen und vernichten, und dann schlafen gehen. Was gibt es Schöneres?“, hier von Herzog Guise gesagt, bis zu „Die katholische Kirche ist ein Geniestreich des Satans“ – kein Calvin’sches Wort, sondern eines von Baptistenpastor Robert Jeffress im Jahr 2010. Reverend Jeffress leitete die religiöse Zeremonie in der St.-John’s-Kirche, die der Vereidigung von US-Präsident Donald Trump vorausging.

Die Bartholomäusnacht, also. Eines der schrecklichen und unverständlichen Massaker der Geschichte. Im seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Frankreich tobenden Religionskrieg Katholiken gegen Hugenotten, strebte Katharina von Medici anscheinend eine Art Frieden an, indem sie ihre Tochter Margot mit König Heinrich von Navarra vermählte. Sämtliche militärischen und politischen Führer der Hugenotten folgten der Einladung nach Paris. Und liefen dort ahnungslos in die Falle. Denn der Mob war von der Kette gelassen und meuchelte „die Ketzer“ auf grausamste Weise. Frankreichweit sollen an die 30.000 Menschen getötet worden sein. Die Tatkräftigsten unter den Mordenden kommen aus dem Herzogsgeschlecht der Guisen; das prominenteste Opfer ist Admiral Gaspard de Coligny. Katharinas Sohn, König Karl IX., sieht in ihm eine Vaterfigur – und ist doch seelisch zu labil, um das Blutbad zu verhindern …

Ein Wort unter Männern: Giuseppe Rizzo, Christian Kainradl, Thomas Dapoz. Bild: Daniela Matejschek

Und eine Frau, die alle Fäden in der Hand hält: Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Bild: Daniela Matejschek

In Melk fließt kein Blut. Auf derlei Effekte kann Hauer verzichten. Ein Aufstampfen des Chors „Bühne frei“, Hauer arbeitet erstmals mit diesem Kulturvermittlungsprogramm, in dem – wie er sagt – nach Melk aus dem Salzkammergut bis aus Syrien Zugezogene agieren, genügt, schon ist der Gegner gefällt. Was Hauer interessiert, ist die Frage nach der Auseinandersetzung mit und der Möglichkeit zur Aussöhnung nach einer solchen Wahnsinnstat. Neun Schauspieler verkörpern die Protagonisten beider Glaubensrichtungen und zeigen mit ihren Seitenwechseln den Riss, der durch die Gesellschaft geht.

Zu unterscheiden sind die Lager leicht: die Kostüme von Julia Klug und Nina Holzapfel haben Glanz und Glitter, wenn’s um die Katholiken geht, oder sind schlicht und freudlos puritanisch bei den Hugenotten. Daniel Sommergruber hat eines der legendären Melk-Bühnenbilder erdacht, eine Louvre-Skulptur aus 9000 Plastikflaschen. Ein Zeichen für die Dekadenz des Hofes, und, so Hauer, weniger als ein Mensch heute pro Jahr verbraucht. Die wuchtige Musik von Gerald Huber-Weiderbauer deutet die kommende Gewalt an.

Königin in diesem Reich voller Intrigen und Intoleranz ist Katharina Stemberger als Katharina von Medici. Wie ein lauerndes Reptil singsangt sie sich im Falsettton durch ihre Manipulationsspielchen, lässt hie und da ihre blindwütige Grausamkeit aufblitzen, und ist nur einmal wirklich erschüttert: als ihr nach der Bartholomäusnacht die anderen gekrönten Häupter Europas die Hochachtung verweigern. Ein wenig wirkt sie wie die böse Hexe aus einem Märchen, und ist, weil eine Medici, natürlich Giftmischerin. Christian Kainradl überzeugt als ihr Sohn Karl IX., ein Muttersöhnchen, zögerlich und zaudernd, das letztlich daran zerbricht, dass es seine Ideale verraten hat. Kainradl lässt gekonnt den Irrsinn nach seinem Karl greifen. In diesen Zuständen stellt sich Sophie Prusa, als Margot erst ein leichtlebiges Flittchen, politisch mehr und mehr auf die Seite ihres Mannes.

Als dieser brilliert Otto Beckmann mit draufgängerischem Errol-Flynn-Appeal. Er hat den Schalk im Lächeln, und wenn er die Glaubensrichtung öfter wechselt, als manch anderer Mann die Wäsche, weiß man, wer tut es letztlich für die gerechte Sache. Unter den Damen des Hofes wickelt er vor allem Frau von Sauve (Dagmar Bernhard agiert in der Rolle mit großer Leidenschaft) um den Finger, bis seine eigentliche Aufpasserin für ihn sogar in den Tod durch toxischen Lipgloss geht. Hauer lässt Szenen parallel ablaufen, setzt auf schnelle Szenenwechsel, um all dieser Dramatik Tempo zu verleihen.

Die Königin und ihre Hofdamen: Sigrid Brandstetter, Katharina Stemberger, Sophie Prusa und der Chor „Bühne frei“. Bild: Daniela Matejschek

Heinrich bekennt sich zur Abwechslung wieder einmal zum Katholizismus, Selbstgeiselung inklusive: Katharina Stemberger, Sophie Prusa, Christian Kainradl, Otto Beckmann, Kajetan Dick und Dagmar Bernhard. Bild: Daniela Matejschek

Drei, die deshalb mitunter auf der Bühne von einem Wams ins andere schlüpfen müssen, sind Giuseppe Rizzo, Kajetan Dick und Thomas Dapoz, alle drei in Melk bereits feste Größen. Rizzo gibt als Admiral Coligny gleichsam auch den Erzähler, und als George La Mole den Hauptmann der königlichen Garde – zwei Ehrenmänner, rechtschaffen und fest im Glauben und bemüht über diesen hinweg das Beste zu tun. Dapoz wechselt zwischen La Moles protestantischem Bruder Bernhard – er der einzige, der eine echte Liebesgeschichte mit Hofdame Herzogin von Nevers (aufrichtig leidend: Sigrid Brandstetter), freilich ohne Happy End hat -, und dem machthungrigen Herzog von Guise. Als solcher hat er nicht nur den Thron, sondern auch Margot im Auge; auf der Frosthochzeit sind die beiden die einzigen, die füreinander glühen. Sehr schön sein Kostüm: ein Nietenkreuz auf einer Lederjacke.

Kajetan Dick schließlich gibt mit sieben Rollen alles; er spielt Geistliche, Arzt, Wirt und Auftragsmörder, doch mit Karls jüngerem Bruder Heinrich III. gelingt ihm ein Kabinettstück. Wie er als Liebhaber von Badestuben und in ihnen anzutreffenden jungen Burschen Mutter Katharina in Rage versetzt, ist sehenswert. Klar, dass auch er gewaltsam abtreten muss, womit der Weg endlich frei ist für Navarra. Lack und Hauer ist es gelungen, aus dem, was eine Geschichtslektion hätte werden können, spannendes Theater zu machen. Sie beleuchten mit Verve die offenbar ewig gültigen Themen von der Nutzbarmachung von Religion und „Fremden“-Hass zur Aufwiegelung von Völkern.

Sie zeigen auf, wie diese Mechanismen der Macht funktionieren. Und wie Liebe und Mitmenschlichkeit dabei auf der Strecke bleiben. Kurz vor seinem Ende bricht Admiral Coligny die vierte Wand und befragt das Publikum: „Wann war das erste Mal, dass sie wahrgenommen haben, wozu der Mensch fähig ist?“ Ja, wann?

www.wachaukulturmelk.at/de/sommerspielemelk

  1. 7. 2017

Sommerspiele Melk: Odyssee

Juni 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt - die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: DanielaMatejschek

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt – die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: Daniela Matejschek

Inmitten oranger Rettungswesten schwemmt es einen letzten Überlebenden an. Er sei dem Krieg entronnen, sagt er, aber war es nicht „nur“ der Hunger, der den schmutzigen Bettler an die Küste trieb? Die Bewohner derselben wollen den Parasiten, der sich ins Land schleicht, um ihre Luft zu atmen, jedenfalls nicht haben – und das machen sie ihm unter Schlägen und Fußtritten klar.

Was so beginnt, ist Alexander Hauers Inszenierung der „Odyssee“ bei den Sommerspielen Melk. Mit Autor Stephan Lack hat der für seine innovativen Arbeiten bekannte Intendant Homers Epos in ein Schauspiel verwandelt – und es ist sein bisheriges Meisterstück geworden. Der Theatermacher, den bekanntlich Vorlagen unter 1500 Seiten oder in diesem Fall 12.000 Hexameterversen gar nicht erst reizen, folgt der vom antiken Dichter vorgegebenen Vielschichtigkeit in vielerlei Hinsicht. Wie er haben Lack und Hauer eine komplexen Erzählweise mit ineinander verflochtenen Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschüben und Perspektivwechseln für ihre Geschichte entwickelt. Das Ganze wird nicht chronologisch geschildert, sondern setzt mit der Rückkehr des Odysseus in Ithaka ein. Wo er seinem ihn erkennenden Vater Laertes und seinem ihn verkennenden Sohn Telemach von seinen Irrfahrten berichtet.

Die Zeiten- und Seitenwechsel funktionieren am Beispiel der Kalypso-Episode erklärt so: Während Odysseus Vater und Sohn aus seiner Sicht die Geschehnisse beschreibt, unterhält die Magd Melantho die Freier Penelopes mit der ihren, der weit weniger heroischen, dafür umso erotischeren. Derweil trauert die treue Ehefrau hoch oben im Gemach um den Gemahl und klagt im Bühnenvordergrund die Nymphe den Liebhaber an, was er durch die Flucht von ihrer Insel denn gewonnen hätte. Odysseus steigt zu ihr aufs Felsenpodest, umarmt sie in der Vergangenheit wie im Jetzt, aber Telemach sieht sich gegenwärtig schon mit einer anderen seiner Geliebten, der Zauberin Kirke, konfrontiert … Dass sich das alles ausgeht, dass man dem allen zu folgen vermag, dass so eine aberwitzige Spannung aufgebaut und aufrechterhalten wird, ohne durch Video- oder andere Künste den Polyphem oder Skylla und Charybdis oder die Sirenen-Vogelfrauen zu generieren, dass statt dessen der ganze Abend aus einer Beschwörung der gemeinschaftlichen Fantasie entsteht, ist ein großartiges Geschenk an das Publikum. Und wurde zum Schluss mit entsprechend tosendem Applaus bedankt.

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit "Iro" Thomas Dapoz, "Telemach" Matti Melchinger und "Laertes" Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit „Iro“ Thomas Dapoz, „Telemach“ Matti Melchinger und „Laertes“ Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Königstochter Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus' Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus‘ Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Viel Verdienst an dieser Umsetzung hat das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das mit Sockeln, Rampen, einem kippbaren Tunnel und einer Kemenate dieses Spiel auf mehreren Ebenen erst möglich macht. Die Kostüme von Julia Klug dazu sind angedacht antik-orientalisch mit Ausflug in eine opulente Zeitlosigkeit. Der Text holt das Homer’sche Pathos ins Heute. „Du mich auch, Antinoos“, darf etwa Telemach auf den Gruß eines Penelope-Belagerers erwidern.

Und Lack und Hauer tun mehr. Sie reichern die Odyssee mit Feuerbach, der Aufklärung und einem Schuss Feminismus an. Penelope ist die Starke; die ständigen Seitensprung-Storys, denn der Zauberinnen, Nymphen und Prinzessinnen waren ja nicht wenige, längst leid, dieses sich immer wiederholende „Halb zogen sie ihn, halb sank er ihn“, fällt ihr Empfang schließlich entsprechend kühl aus. Doris Schretzmayer gestaltet die Königin mit einer angewiderten Würde.

Nicki von Tempelhoff ist Odysseus. Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom, ein zerrütteter, wütender, um sein Leben betrogener Mann. Wie er die Gräuel von Troja schildert, weist er die Griechen nicht nur als grausame Kriegsherren aus, sondern verweist auch auf die Sinnlosigkeit dieses, wie jedes blutig ausgetragenen Konflikts.

Doch der Listenreiche wird von den Theaterautoren jeglichen Opfermythos‘ entkleidet, nicht die Götter haben, seine Hybris hat sein Schicksal verschuldet. Bei Lack und Hauer ist Odysseus nicht weniger ein Schwein als seine verwandelten Kameraden, und gejagt von den Geistern seiner Vergangenheit dem Wahn näher als dem Sinn. Tempelhoff ist ein Kraftfeld, das die Aufführung an sich zieht, ein Naturschauspiel, das für sich Aufmerksamkeit einfordert. Wie gebannt folgt man seiner expressiven Darstellung, wie es ihn innerlich schindet und schilt und zerreißt ob der begangenen Taten, wie er sein tatsächliches Ich verbergen und auf seinen Moment der Rache warten muss. Für ihn haben Schlacht und Schlachten noch kein Ende, wird man noch erfahren, für War Pigs gibt es keinen Frieden, das war 1200 vor Christus so wahr, wie es das 2016 nach ist.

Eine ganz bemerkenswerte Erscheinung ist Matti Melchinger, der einen trotzigen, mutigen, jugendlich ungestümen Telemach spielt, dessen Lebensziel es ist, möglichst nicht so zu werden wie der Heldenvater. Er ist in dieser Inszenierung die Lichtgestalt einer hoffentlich aus der patriarchalen Alleinherrschaft aufbrechenden Generation. Melchinger, einerseits „erst“ seit zwei Jahren Schauspielstudent, andererseits mit dem Jungen Theater Wien bereits Compagnie-Chef (mehr: jungestheaterwien.wix.com/junges-theater-wien) gibt eine beachtliche Probe seines Könnens ab. Christian Preuß und Beatrice Fago gestalten Laertes und die Amme Eurykleia mit der ihnen eigenen Prägnanz und Brillanz. Unter den Freiern sticht Giuseppe Rizzo als Eurymachos ebenso hervor, wie Kajetan Dick als Seher Teiresias; Dagmar Bernhard ist eine bösartig-bissige Magd Melantho.

Nicki von Tempelhoff als Odysseus. Bild: © Daniela Matejscheck

Odysseus, umringt von zuviel Weiblichkeit. Bild: Daniela Matejscheck

Im zweiten Teil des knapp dreistündigen Abends entwickelt sich die tiefenpsychologische Betrachtung der antiken Abenteuer zur schnellen Action. Nachdem Odysseus mehrmals aus seiner Bettler-/Rolle fällt, als ihn die Zuhörer auf Ungereimtheiten in seinen fantastischen Ausführungen hinweisen, auch das eine schöne, weil Ungeheuer befreite Idee von Lack und Hauer, steht der ultimative Kampf mit den Freiern an. Doch kaum wieder die Oberhand gewonnen, ist Odysseus ein Despot, wie er früher einer war. Nicht anders als Achill dem Hektor verweigert er den von ihm Geschlagenen ein ehrenvolles Begräbnis, muss, um deren Familien zu entgehen, erneut in die Ferne aufbrechen. Aber ein ihm unbekannter Knabe steht da, sein mit Kirke gezeugter Sohn Telegonos, dessen mütterlicher Arbeitsauftrag in der Telegonie des Eugamon von Kyrene nachzulesen ist …

Der Mensch kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne beginnt. „Soll Griechenland zum Lager der verlorenen Seelen werden?“, fragt der alte Laertes. In diesem Sinne ist die „Odyssee“ in Melk über eine gelungene Theaterproduktion hinaus die Beschreibung eines europäischen Krisenzustands und ein Beispiel dafür, wie einer die Kyklopen, die er rief, nicht mehr los werden kann. Bravo.

www.sommerspielemelk.at

Wien, 17. 6. 2016

Theater in der Josefstadt: Die Schüsse von Sarajevo

April 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer und Julia Stemberger brillieren

als verzweifelt Liebende in Zeiten des Krieges

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten Bild: © Sepp Gallauer

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten
Bild: © Sepp Gallauer

Regisseur Herbert Föttinger lässt seinen Abend mit den Jugoslawienkriegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen. Zerfall, Tod, der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Mitten drin, aus der Zeit gefallen, Erwin Steinhauer als Leo Pfeffer, der einen Feldpostbrief an seine Geliebte Marija Begovic‘, Julia Stemberger, schreibt. Die Donaumonarchie hat sich am Untersuchungsrichter bitter gerächt, weil er nicht die gewünschten Geständnisse brachte. Das Ende ist der Anfang. Die Front.

Föttinger inszeniert (im Gefängnisbühnenbild von Walter Vogelweider, das gleichzeitig Wohnung und Büro ist) nüchtern, kühl, sachlich. Es geht auch nur um eine Sache: der serbischen Regierung die Täterschaft am Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar nachzuweisen. Das kann Pfeffer im juristischen Sinne aber nicht. Atemlos rasch werden ihm die Verdächtigen vorgeführt: Gavrilo Princip (Josef Ellers), Nedeljko Cabrinovic‘ (Alexander Absenger), Danilo Ilic‘ (Matthias Franz Stein), Kaffeehausrevoluzzer, Provokateure, drei „dumme Buben“, die man für die Kriegshetzerei verheizt hat. Ilic‘, der einzige Volljährige, der Lehrer, wird Glück gehabt haben, er wird durch Erhängen am Würgegalgen hingerichtet. Cabrinovic‘ und Princip, die minderjährigen Studenten, lässt man bei 20 Jahren schwerem Kerker bei lebendigem Leib verfaulen. Bei Princip stimmt das tatsächlich: ein abgetrennter, toter Unterarm wird ihm einfach mit Draht am Ellenbogen befestigt.

All das zeigt die Uraufführung „Die Schüsse von Sarajevo“ von Milan Dor und Stephan Lack nach Motiven des Romans „Der letzte Sonntag“ von Milo Dor nicht. Es sollte nur einmal festgehalten werden. Die Autoren zeigen die Überheblichkeit eines Systems, das sein eigenes Sterben noch nicht erkannt hat, Dilettantismus gepaart mit Brutalität. Iwasiuk, Polizeichef von Sarajevo, Toni Slama, lässt gern foltern. Mit ihm wiehern die Amtsschimmel Gerichtspräsident Chmielewski, Heribert Sasse, Franz Graf von Harrach, Adjutant des Thronfolgers, Alexander Strobele, und Außenministeriumsbeamter Wieser, Michael Schönborn. Ein Quartett des Grauens. Wie immer erweist sich die Josefstadt (mit dabei: Eva Mayer als Kellnerin, Peter Scholz als Chauffeur, David Jakob als Gerichtsschreiber) als ausgezeichnetes Ensembletheater. Auf der Seite der Guten eigentlich nur Siegfried Walther als Arzt Dr. Sattler, der als Figur mittelprächtig naiv eine fabelhafte Leistung abliefert.

Steinhauer gibt sich am Anfang noch süffisant, selbstgefällig, aufmüpfig. Meine Herren, so kann Gerechtigkeit doch nicht funktionieren. Gerechtigkeit? Den Verdächtigen gegenüber ist er streng, aber korrekt, verbietet sich blutige Köpfe und zerschlagene Rippen. Er ist ein moderner Profiler, der sich Gedanken notiert und überprüft, die Sätze der Aufwiegler über ein neues Jugoslawien, ihre politischen Ideen, mit Kreide an die Wand schreibt, bevor er sie als Jubeldepesche nach Wien schickt. Doch: Cherchez la femme! Seine Marija und vor allem ihr Sohn Miloš sind so unschuldig vielleicht nicht, heißt: so weit weg von den serbisch-nationalistischen Ideen. Stemberger lässt in grandiosen Szenen die Rebellin durchblitzen, die Österreich-Hasserin, eine geheimnisvolle Frau, motiviert durch die Verhaftung ihres Kindes. Ist sie anfangs noch neckisch-verliebt, überredet Pfeffer zum Liebesspiel, wofür er den Thronfolgerempfang sausen lässt, wird sie zunehmend verbittert und hart.

Das bringt Pfeffer/Steinhauer in Zugzwang. Und zu einer außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Die Emotionen brechen durch. Der Pokerspieler sucht die Asse in seinen Ärmeln. In dieser neuen Welt muss man zu seinem eigenen Vorteil handeln. Und Pfeffer glaubt eine Möglichkeit zu finden. Man will ihn erpressen, einen abschließenden Bericht an den Kaiserhof zu unterzeichnen. Da wird er selbst zum Erpresser. Zu der Art Schurke, die er niemals werden wollte. Miloš wird freigelassen – und sofort eingezogen.

Die vorletzten Worte hat Gideon Singer als Rabbi: Es gibt keine ganze Wahrheit außer der des Todes. Die letzten Worte sind ein Brief von Marija: „Lieber Leo, komm‘ gesund aus dem Krieg zurück …“

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c8uAR101ulA&feature=youtu.behttp://youtu.be/c8uAR101ulA

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech

www.mottingers-meinung.at/herbert-foettinger-im-gespraech

Wien, 4. 4. 2014

Erwin Steinhauer im Gespräch

März 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schüsse von Sarajevo

Bild: © Nancy Horowitz

Bild: © Nancy Horowitz

Am 3. April wird am Theater in der Josefstadt „Die Schüsse von Sarajevo“ uraufgeführt. Milan Dor hat gemeinsam mit Stephan Lack den Roman seines Vaters Milo Dor, „Der letzte Sonntag“, für die Bühne adaptiert. Im Mittelpunkt der Handlung steht der von Erwin Steinhauer dargestellte Untersuchungsrichter Leo Pfeffer, hin- und hergerissen zwischen seiner Wahrheitspflicht als Jurist, jener Wahrheit die die Donaumonarchie bevorzugt, und der Verpflichtung gegenüber seiner serbischen Geliebten, deren Sohn in die Ereignisse verstrickt scheint. Die Kriegshetzer rufen laut, Leo Pfeffer ist ein Leiser – und wird doch zum Erpresser aus Leidenschaft und Verzweiflung… Mit Steinhauer spielen u. a. Julia Stemberger, Toni Slama, Siegfried Walther, Heribert Sasse, Alexander Strobele, Peter Scholz und Gideon Singer. Die Attentäter sind: Josef Ellers als Gavrilo Princip, Alexander Absenger als Nedeljko Cabrinovic und Matthias Franz Stein als Danilo Ilic. Regie führt Herbert Föttinger.

MM: Sie spielen nicht nur an der Josefstadt „Die Schüsse von Sarajevo“, Sie waren auch bei Andreas Prohaskas Sarajevo-Filmprojekt dabei. Sie haben sich mit dem Thema also sehr auseinandergesetzt. Welchen Bezug haben Sie zu Sarajevo?

Erwin Steinhauer: Ich bin von meinem Vater in den 60er-Jahren in Gavrilo Princips in den Asphalt gegossene Fußstapfen auf der Lateinerbrücke gestellt worden. Die gab’s damals noch, die heutige Regierung von Bosnien und Herzegowina hat sie planiert; es gibt auch kein Denkmal, das an Princip erinnert. Mein Vater hat mir die Geschichte erklärt. Das ist mein einer Zugang zur Historie. Der andere ist mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg Soldat an der Isonzo-Front war, der hat nur von den Grausamkeiten erzählt, den haben diese Bilder ewig verfolgt. Seine grauslichen Schilderungen sind Teil meiner Kindheit. Ein sehr aktueller Bezug ist: Wir haben Bühnenarbeiter aus den jugoslawischen Folgestaaten, für die ist der Name Princip ein Begriff, die diskutieren gleich lautstark mit, wenn wir Schauspieler uns bei den Proben etwas erarbeiten. So aktuell ist es für diese Menschen! Mein Gemüsehändler ist auch von dort. Ich habe ihm erzählt, woran ich arbeite, und scherzhaft gefragt: Hearst, was habt ihr denn mit unserem Thronfolger aufgeführt? Darauf er: Was habt ihr bei uns auch verloren gehabt? Hab’ ich ihn gleich zur Premiere eingeladen.

MM: Und welche Schlüsse ziehen Sie über die Schüsse?

Steinhauer: Die Frage ist: Welchen Einfluss hatte Belgrad in der Sache? Bestimmte Kreise in Serbien wussten von der Planung dieses Attentats. Aber Ministerpräsident und König wussten sicher nichts! Der ranghöchste Mitwisser war Dragutin Apis, Chef des serbischen Geheimdienstes und der Schwarzen Hand!

MM: Sie spielen nun den Untersuchungsrichter Leo Pfeffer, der die Attentäter Princip, Cabrinovic und Ilic verhört. Wie ist der? Ein Kroate …

Steinhauer: Oder wie Leo Pfeffer zu Marija, seiner serbischen Geliebten sagt: Ich habe das ganze nationalistische Gefasel so satt, in meinen Adern fließt weder slawisches, noch deutsch, noch jüdisches, noch ungarisches Blut, in meinen Adern fließt ausschließlich Blut der Blutgruppe AB positiv. Einer der schönsten Sätze im ganzen Stück! Wir müssen die historische Figur Pfeffer von der Figur Pfeffer im Stück trennen. Es gibt über ihn auch zwei historische „Wahrheiten“. In der einen hat er den Ersten Weltkrieg – er soll ja „freiwillig“ als Soldat an die Front geschickt worden sein, weil er seine Aufgabe im Sinne der Habsburger-Monarchie nicht erfüllt und die „Schuld“ der serbischen Regierung nicht bewiesen hat – überlebt, ist zu Marija und der gemeinsamen Tochter zurückgekehrt, in der anderen ist er gefallen. Man weiß es nicht. Er war offenbar zu „unwichtig“, als dass sich die Geschichte weiter mit ihm gefasst hätte.

MM: Der Kern des Stücks …

Steinhauer: … ist für mich Pfeffers tragische Liebesgeschichte, die ihm in späten Jahren noch passieren darf. Er will mit Marija aus dem Kaff Sarajevo weg, nach Wien durch eine kleine Beförderung. Da kommt ihm das Attentat entgegen. Doch das war alles eine Fehlkalkulation: Marija würde nie ihren alten Vater in Sarajevo allein zurücklassen, und er, Pfeffer, schafft es nicht, die Verhöre so hinzudrehen, wie man es von ihm verlangte. Für ihn ist Serbien im juristischen Sinne unschuldig. Die serbische Frau an seiner Seite macht Pfeffer erpressbar, aber er wendet das Blatt und wird selbst zum Erpresser …

MM: Milan Dor hat gemeinsam mit Stephan Lack das Stück nach dem Roman „Der letzte Sonntag“ seines Vaters Milo Dor gestaltet. Welche künstlerischen Freiheiten habt ihr euch genommen?

Steinhauer: Die Fiktion von Milo wurde zur Fiktion von Milan. Milo Dor erzählt eine komplett andere Geschichte. Die Rolle Leo Pfeffer ist modifiziert worden, damit sie näher bei mir ist. In Wahrheit war der Mitte Vierzig, aber das geht sich für mich nicht aus. In meinem Alter! Ich hätte nicht diesen Karrieredrang nach Wien, ich wäre in Sarajevo geblieben, am Meer, im Cafe an der Strandpromenade, herrlich! Dann fahr’ ich auf eine Insel raus …

MM: Der Sonne entgegen …

Steinhauer: Damit hat meine Jugoslawienliebe natürlich auch viel zu tun. (Er lacht.) Also haben wir diese letzte Liebe des Leo Pfeffers in den Mittelpunkt gerückt. Es hat nur einen dramaturgischen Sinn, wenn es für ihn schlimm ausgeht, wenn er zwischen Job und Liebe zermahlen wird. Reiner Geschichtsunterricht hätte mich nicht interessiert. Oder, wenn ich mich hätte verbiegen müssen, mir die Haare Schwarz färben hätte müssen, das wäre nicht das Richtige für mich gewesen. Nur einen Schnauzbart habe ich mir wachsen lassen. Meine Frau mag ihn zum Glück beim Küssen – und meine Bühnenpartnerin Julia Stemberger auch.

MM: Ist das auch ein Lehrstück darüber, dass das Private immer politisch ist?

Steinhauer: Und das Politische immer privat. Das ganze Leben ist Politik. Die Frage ist nur, wie lebst du diesen Umstand und wie bekennst du dich dazu? Für mich war immer klar, dass, wenn man sich nicht selbst für gewisse Dinge interessiert, man nicht macht, sondern mit einem gemacht wird. Man muss Stellung beziehen, und das habe ich, glaube ich, mein Leben lang getan. Pfeffer verspürt am eigenen Leib, wie Politik in sein Leben eindringt, und versucht, das Beste daraus zu machen. Nach der heutigen Probe bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob Marija nur eine „kleine“ Revolutionärin war. Was weiß sie von den Aktivitäten ihres Sohnes Milos wirklich? Warum will sie ihn unbedingt nach Serbien bringen? Zur Sicherheit, oder ist er tiefer involviert, als es scheint.

MM: Hat Europa aus dem Weltkriegen etwas gelernt?

Steinhauer: Ja! Ich glaube schon. Das zeigt auch die jetzige politische Situation in der Ukraine. Es hat Zeiten gegeben, wo die Russen nicht lange gefackelt und einen Krieg begonnen hätten. Jetzt sind sie zwar auch in ihrem Hinterhof einmarschiert, aber es gibt Telefonate mit der EU und den USA, wo die Diplomatie Erstaunliches leistet. Das sind schon Fortschritte. Ich bin Optimist. Allerdings, wenn ich weiter weg schaue, wenn ich bis nach Syrien schaue, werde ich zum Pessimisten.

MM: Sie machen an der Josefstadt am 28. und 29. Juni „Die letzten Tage der Menschheit“ als Lesung. Auf den Spuren Helmut Qualtingers?

Steinhauer: Auf meinen eigenen Spuren. Ich habe es 1995 schon mit Franz Schuh in den Kammerspielen gemacht. Nun habe ich es erweitert, musikalisch betreut von meinen Kollegen Josef Pinkl, Schurl Graf, und Peter Rosmanith. Außerdem haben wir uns die Theremin-Spielerin Pamelia Kurstin dazugeholt, die für die von Karl Kraus vorgesehenen Sphärenklänge sorgen will. Wir geben dem Ganzen hoffentlich ein neues Gewand. Es ist wichtig am 28. Juni dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Danach spielen wir’s in Linz in der Oper und in Bad Ischl.

MM: Kommt nach „Feier.Abend“ ein neues Programm?

Steinhauer: „Hand aufs Herz“ im Herbst in den Kammerspielen. Das ist die Geschichte einer Band auf einem Kreuzfahrtschiff. Da spielen wir aber keine Coverversionen mehr, sondern Heli Deinböck schreibt für uns die Lieder.

TIPPS:

Das Theater in der Josefstadt gestaltet zu „Die Schüsse von Sarajevo“ eine Reihe ergänzender Veranstaltungen: Unter dem Titel „Bosnien – Geschichten aus der dunklen Welt“ finden am  7. und 8. April auf der Probebühne Lesungen mit bosnischer Literatur quer durchs 20. Jahrhundert statt. Es lesen  Sandra Cervik, Alma Hasun, Herbert Föttinger und Florian Teichtmeister. www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/Bosnien-GeschichtenausderdunklenWelt.html Von 25. bis 27. April liest Michael Degen ebenda „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, Texte von Karl Kraus bis Bert Brecht.  www.josefstadt.org/Theater/Stuecke/Josefstadt/Probebuehne/MirfaelltzuHitlernichtsein.html Und am 28. (dem Tag des Attentats) und 29. Juni folgen auf der Hauptbühne „Die letzten Tage der Menschheit“, Karl Kraus gelesen von Erwin Steinhauer, musikalisch betreut von Pinkl, Graf, Rosmanith und Kurstin. Weitere Vorstellungen dazu: auf Schloß Wartholz am 15. Juni, am 25. Juni im Salzburger Oval, am 26. Juni in Linz. Und als Nachspiel am 1. Juli Lehartheater Bad Ischl!

www.josefstadt.org

www.erwinsteinhauer.at

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-macht-feier-abend

Wien, 14. 3. 2014

Ein flotter Dreier in St. Pölten

März 1, 2013 in Tipps

Das Landestheater NÖ zeigt

Stella entscheidet sich (endlich)“

Ein Jahr zuvor hatte ihn die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern über Nacht berühmt gemacht: „Werther“. 1775 folgte dann das Drama über einen Mann zwischen zwei Frauen: „Stella“. Der Ausgang: jeweils fatal. Ein Schmalztöpfchen der allerwildesten Sorte. Stella nimmt Gift, Fernando erschießt sich, Cäcilie bleibt mit ihrer Tochter Lucie allein zurück. Das ist der Schluss von 1803, mit der Herr Geheimrat die bürgerliche Ordnung wieder herstellte. Achtundzwanzig Jahre lang nämlich ließ Goethe die Konvention sausen – und seine drei Protagonisten feierten eine Sause zu dritt. Motto: eine Wohnung, ein Bett und ein Grab. Diese  Erstfassung hieß noch  „Stella. Ein Schauspiel für Liebende in fünf Akten“.

Polygamie – das geht doch nie! Zu sagen, Goethes Zeitgenossen wären „entsetzt“ gewesen, ist eine Untertreibung.

Stella-entscheidet-sich-endlich-

Swintha Gersthofer, Tobias Voigt, Marion Reiser, Othmar-Schrat
Bild: Yasmina-Haddad.

Am Landestheater Niederösterreich (Uraufführung ist am 9. März in der Theaterwerkstatt) lassen Regisseurin Barbara Nowotny und Autor Stephan Lack Goethes Utopie wiederauferstehen. Sie entwickeln ihre ganz eigene moderne Stella-Variante. Zwei Frauen und ein Mann unter einem Dach sind ein durchaus reales Modell geworden: Patchwork. Aber: Schaffen sie es, sich von Besitzansprüchen und Eifersucht zu lösen? Welche neuen Hierarchien entwickeln sich? Und welche Entscheidung wird Stella letztendlich treffen?

Der Wiener Autor Stephan Lack gewann 2006 den Dramatiker/innenwettbewerb des Landestheaters Niederösterreich mit seinem Stück „Verschüttet“, das am Haus uraufgeführt wurde. Regisseurin Barbara Nowotny inszenierte 2011 in der Theaterwerkstatt Eugène Labiches Komödie „Die Affäre Rue de Lourcine“. Auf die Zusammenarbeit der beiden darf man gespannt sein. Es spielen: Swintha Gersthofer, Marion Reiser, Othmar Schratt, Tobias Voigt, Olivia Goga und Lisa Rammel.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013