Carlos Ruiz Zafón: Das Labyrinth der Lichter

August 7, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Furioses Finale im Friedhof der vergessenen Bücher

Es war nicht anders zu erwarten: „Das Labyrinth der Lichter“ erstürmt in allen Erscheinungsländern mit Siebenmeilenschritten die Bestsellerlisten. Das ist seit 2003 so, seit Erfolgsautor Carlos Ruiz Zafón mit „Der Schatten des Windes“ den ersten Teil seiner Barcelona-Tetralogie vorlegte, sich ein verzücktes Stammpublikum zulegte – und dieses über die Jahre mit immer neuen Geschichten rund um den „Friedhof der vergessenen Bücher“ wohlig erschauern ließ. Ach, träumt man sich gern in seine sepiafarbene Stadt, durch die dämonische Verleger mit rotglühenden Augen geistern, Engel auch, und wo eine grassierende Bibliomanie in gruseligen Villen für mehr als einen Toten verantwortlich ist.

Die Friedhofssaga rund um eine nur Eingeweihten bekannte, geheimnisumwitterte Bibliothek, ist allerdings mehr als Fantasy. Der Autor entwirft in den vier Bänden ein Geschichtsbild Spaniens seit den 1950er-Jahren, der Franco-Zeit und ihrer Foltergefängnisse; seine fein gedrechselten Figuren sind von dessen Diktatur und den Nachwirkungen des Bürgerkriegs geprägt, und Ruiz Zafón versteht es erschreckend gut noch die größten Gräuel, das Grauen per se, in poetischsten Worten zu schildern.

Die Übersetzung ins Deutsche von Peter Schwaar ist exzellent und sorgt für höchsten Lesegenuss. Für viele Stellen muss das Prädikat „unerträglich schön“ gelten.

Nun also das Ende. Ruiz Zafón lädt zum furiosen Finale, und zwar nicht nur seine Leser, sondern auch beinah alle seiner in den vergangenen 14 Jahren erschaffenen Charaktere. Es ist meisterlich, wie er Handlungsstränge, Schicksalsschläge, Lebensentwicklungen aufgreift, keinen Faden fallen lässt und endlich alles zu einem Ganzen fügt. Viele Rätsel werden gelöst, viel einstmals Übersinnliches enttarnt – und das „Labyrinth der Lichter“, durch das Helden wie Antihelden stolpern, entpuppt sich – was sonst? – als Buch, bei dem jeder, der damit je in Berührung kam, übel endete. Es empfiehlt sich, sein Herz an keinen noch so guten Menschen zu hängen, denn der Autor killt seine Geschöpfe nach Belieben. Freund wie Feind.

Im Mittelpunkt der Handlung, es ist nun 1959/1960, steht einmal mehr die Buchhändler-Familie Sempere, diesmal vertreten durch den Sohn des Hauses, Daniel, seine junge Frau Beatrice und seinen Sprössling Julián – und natürlich kommt ihrem Faktotum Fermín wieder eine tragende Rolle zu. Er nämlich hat im Bürgerkrieg einem Mädchen das Leben gerettet, und nun kehrt diese Alicia, damals in den Friedhof der verlorenen Bücher gestürzt, wie ihre Namensvetterin ins Wunderland, als düstere Geheimpolizistin zurück. Als „Nachtgeschöpf“ beschreibt sie ihr Vorgesetzter, immerhin als „Wesen aus Licht und Schatten“ ein weiteres Exekutivorgan: „Ihr Geist funktioniert anders als der der anderen. Wo alle eine verschlossene Tür sehen, sieht sie einen Schlüssel. Wo die anderen die Fährte verlieren, findet sie die Spur. Das ist eine Gabe, um es mal so zu sagen. Und das Beste ist, dass keiner sie kommen sieht.“

Bild: pixabay.com

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Alicias Auftrag ist ein Himmelfahrtskommando: Minister Mauricio Valls ist verschwunden, ist mutmaßlich entführt worden, und sie soll ihn finden. Valls, man erinnert sich, der Politemporkömmling war in „Der Gefangene des Himmels“ (Band drei) Direktor des berüchtigten Gefängnisses im Kastell auf dem Montjuic über Barcelona. Und mit ihm tauchen altbekannte Gespenster wieder auf: die regimegegnerischen Schriftsteller David Martín, Victor Mataix und Julián Carax – man wird erfahren: nicht von ungefähr hat Daniels Kind den selben Vornamen. Sebastian Salgados, der nachdem ihm Valls bei der Folter die linke Hand abtrennen ließ, nun eine aus weißem Porzellan trägt, ist wieder da. Und Valentin Morgado, der Mann mit dem halben Gesicht, nunmehr Chauffeur eines Rechtsanwalts, der für höchste Kreise höchst unangenehme Angelegenheiten erledigt.

Anonyme Briefe werden versendet, deren Inhalt ist brisant: Auch Fermín war auf dem Montjuic inhaftiert, Valls soll Daniels Mutter Isabella bis zum Wahnsinn geliebt und ergo ermordet haben … Wer also ist es, der an ihm eine derart alttestamentarische Rache nimmt? Die Szenen aus der Zelle, in der Valls festgehalten wird, sind nichts für schwache Magen/Nerven. Auge um Auge, Hand um Hand lässt man ihn in der Kälte vermodern. Gibt es die Unschuld überhaupt? Es macht Ruiz Zafón offensichtlich diebische Freude, in diese intrigenbehaftete Welt der Politiker und ihrer Schergen einzudringen, schwelgerisch legt er Fährten aus, führt den Leser in Sackgassen und lässt ihn dort schmoren, nur um ihm Seiten später doch noch den Ausgang zu zeigen.

Und die Gewaltspirale dreht sich, sie ist ein schwarzes Loch, das alles in seinem Umfeld ansaugt und verschwinden lässt. „In diesem Land gibt es Leute, die nicht eher Ruhe geben, bis die einen die anderen massakriert haben. Wenn hier die Leute den Verstand verlieren, was oft geschieht, sind sie imstande, sich in den Fuß zu schießen, weil sie glauben, so den Nachbarn zum Hinken zu bringen“, sagt einer der Protagonisten. Ruiz Zafón zeigt, wie das Lügen um sich greift, wenn die Angst regiert. Wie Dummheit und Duckmäusertum schlimmste Folgen haben.

Bild: pixabay.com

Die Lösung letztlich hat mit Spaniens verlorenen Kindern zu tun. Geschätzte 250.000 wurden in der Franco-Ära ihren zu politischen Gegnern erklärten Eltern weggenommen, kamen zur Umerziehung in Kinderheime oder wurden an regimetreue, kinderlose Ehepaare verschachert. Auch im „Labyrinth der Lichter“ werden Figuren erfahren, dass sie nicht sind, wer sie zu sein glaubten.

Die vergiftete Isabella hat es schriftlich festgehalten: „Das Niveau der Barbarei einer Gesellschaft misst sich an der Distanz, die sie zwischen die Frauen und die Bücher zu bringen versucht.“ Ruiz Zafóns Gruppenbild mit Dame Alicia liest sich süffig. Ihre Katalysatorfunktion, mit der sie in Schreck- oder Todesstarre Gefallenes in neuen Gang setzt, ist unübersehbar. Zudem wird über sie, den Neuling der Geschichte, aufgedröselt, was bisher geschah. Denn Verlag und Autor plädieren selbstverständlich dafür, dass man Band vier ohne Kenntnis der vorherigen konsumieren könne. Das mag stimmen. Aber: Warum sich um das Vergnügen bringen?

Über den Autor:
Carlos Ruiz Zafón begeistert mit seinen Barcelona-Romanen um den Friedhof der Vergessenen Bücher ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt. „Der Schatten des Windes“, „Das Spiel des Engels“, „Der Gefangene des Himmels“ und „Das Labyrinth der Lichter“ waren allesamt internationale Bestseller. Auch „Marina“, der Roman, den er kurz vor den großen Barcelona-Romanen schuf, stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Seine ersten Erfolge feierte Carlos Ruiz Zafón mit den drei phantastischen Schauerromanen „Der Fürst des Nebels“, „Mitternachtspalast“ und „Der dunkle Wächter“. Carlos Ruiz Zafón wurde 1964 in Barcelona geboren und lebt heute vorwiegend in Los Angeles.

Verlag S. Fischer, Carlos Ruiz Zafón: „Das Labyrinth der Lichter“, Roman, 944 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Peter Schwaar.

www.fischerverlage.de

www.carlosruizzafon.de/zafon/start

5. 8. 2017

Gert Voss in seiner letzten Kinorolle

November 5, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Labyrinth des Schweigens

Alexander Fehling Bild: © CWP Film/ Universal Pictures/ Heike Ulrich

Alexander Fehling
Bild: © CWP Film/ Universal Pictures/ Heike Ulrich

Ende der Woche startet ein Film über ein wichtiges Stück Zeitgeschichte: Regiedebütant Giulio Ricciarelli erzählt – basierend auf den wahren Begebenheiten – vom schwierigen Zustandekommen der Auschwitzprozesse, die erst 1963 begannen. Ricciarelli wirft einen ganz eigenen, besonderen Blick auf das Lebensgefühl der Wirtschaftswunderjahre – die Zeit von Petticoat und Rock’n Roll, in der die Menschen Vergangenes vergessen und lieber nach vorne blicken wollten. Das schamhafte Verdrängen und Verschweigen des Holocausts sind kennzeichnend für die frühen Jahre der Adenauer-Regierung. Da gibt es beispielsweise eine unglauliche Szene, die im Gebäude der Staatsanwaltschaft Frankfurt spielt. Ein Jurist behauptet, „die Leute auf der Straße“ hätten nie von Auschwitz gehört. Zufällig wählt er ein paar Aktenträger aus und – keiner weiß was. Oder will was wissen …

Deutschland 1958 – Wiederaufbau, Wirtschaftswunder. Johann Radmann (Alexander Fehling) ist seit Kurzem Staatsanwalt und muss sich wie alle Neulinge um Verkehrsdelikte kümmern. Als der Journalist Thomas Gnielka (André Szymanski) im Gerichtsgebäude für Aufruhr sorgt, wird er hellhörig: Ein Freund Gnielkas hat einen Lehrer als ehemaligen Auschwitz-Wärter erkannt, doch niemand will seine Anzeige aufnehmen. Gegen den Willen seiner direkten Vorgesetzten beginnt Radmann sich mit dem Fall zu beschäftigen – und stößt auf ein Geflecht aus Verdrängung, Verleugnung und Verklärung. Nur Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss, diese Rolle ein Beleg mehr, wie sehr er fehlt) unterstützt seine Neugier, er selbst möchte die dort begangenen Verbrechen seit Langem an die Öffentlichkeit bringen, für eine Anklage fehlen ihm jedoch die Beweise. Als Johann Radmann und Thomas Gnielka Unterlagen finden, die zu den Tätern führen, erkennt Bauer sofort deren Brisanz – und beauftragt Radmann offiziell mit der Leitung weiterer Ermittlungen. Der stürzt sich nun vollends in seine neue Aufgabe und setzt alles daran, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. Er befragt Zeugen, durchforstet Akten, sichert Beweise und lässt sich so sehr in den Fall hineinziehen, dass er für alles andere blind wird – selbst für Marlene Wondrak (Friederike Becht), in die er sich gerade erst Hals über Kopf verliebt hat. Johann Radmann überschreitet Kompetenzen, überwirft sich mit Freunden, Kollegen und Verbündeten und gerät auf seiner Suche nach der Wahrheit immer tiefer in ein Labyrinth aus Schuld und Lügen. Doch was er schließlich ans Licht bringt, wird das Land für immer verändern ..

Emotional,  packend, aufwühlend rekonstruiert der Film ein fast unbekanntes Kapitel dieser Jahre, das aber den Umgang mit der eigenen Vergangenheit grundlegend veränderte. Eine fesselnde Geschichte über Mut, Verantwortung und den Kampf um Gerechtigkeit. Übrigens: Wie der „Spiegel“ kürzlich in einer Titelgeschichte schrieb, beträgt der Anteil der SS-Angehörigen, die in Deutschland (BRD) verurteilt wurden, 0,48 %.

In weiteren Rollen sind Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von Bülow und Robert Hunger-Bühler zu sehen.

www.imlabyrinth-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=I4sYpRbeTAM&list=PL91B6CC8769B413C9?autohide=2?showinfo=0?wmode=transparent

www.imlabyrinth-film.de/literatur : „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“ und „Als Kindersoldat in Auschwitz. Die Geschichte einer Klasse von Thomas Gnielka“

Wien, 5. 11. 2014