netzzeit 2019 Out of Control: 701 britische Teelöffel – Viva la muerte!

Oktober 27, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fideles Totentänzchen um die Hochzeitstafel

Die Hochzeitsgesellschaft wird von der Tödin heimgesucht: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May Garzon, Valentin Ivanov und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

El Día de los Muertos, in diesem Land lieber Allerseelen genannt, ist wohl noch sechs Tage entfernt, aber im Off Theater läuft bereits die perfekte Produktion dazu, zeigt das netzzeit-Festival 2019 Out of Control dort doch „701 britische Teelöffel – Viva la muerte!“ nach Idee und Konzept von Nora Scheidl und Petra Weimer, die beiden auch Ausstatterin und Regisseurin der Uraufführung. Das Thema ist der Tod, heißt hier: die Tödin, denn der Wahlinnsbrucker Komponist Arturo Fuentes, dessen

Soundscapes durch die schwarz ausgekleidete White.Box wabern, ist gebürtiger Mexikaner, heißt: entgegen der Kreisler’schen Wienerliedzeile ist der Sensenmann eine schöne Sensenfrau, La Catrina, als die alsbald Kristina Bangert samt Schnitterwerkzeug auftritt. Auf weicher Friedhofserde – auf der auch das Publikum die Beine abstellt – hat sich eine Hochzeitsgesellschaft versammelt, die Braut wie als Sinnbild des Lebens hochschwanger, der Brautvater von einer Todeskrankheit befallen, über die er sofort loslegt zu sprechen, die Großmutter zufrieden, täglich mehr in einen Zustand zu geraten, in dem sie endlich aufhören kann, „etwas zu müssen“, die Familie im Versuch, die unter der Oberfläche gärenden Verstimmungen mit falscher Fröhlichkeit zu übertünchen.

Sie alle werden vom Nebelsturm einer knochenhändigen Verführerin in ihr persönliches Bardo verblasen, wo sie sich mit dem letalen Ende ihres Wegs konfrontiert sehen. Dies in einer Art andersweltlichem Wartezimmer mit einer dämonischen Ärztin, die mit Kugelschreiber und Klemmbrett bereitsitzt, um jedermanns Psychogramm zu erstellen. Das alles ist mehr Mordsspaß als Absterbens-Amen, die Charaktere Geschöpfe des Makabren, die Monologkette dieser Moribunden so abgrundtief komisch wie hintergründig grotesk wie halszuschnürend heiter. Reduziert auf ein Dasein im Zwischenreich zum Jenseits legt jetzt einer nach dem anderen seine Lebensbeichte ab, allesamt Berichte von Überforderung und Unglück und seelischer Unausgewogenheit.

Mutter-Tochter-Gespräch: May Garzon und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Die Tödin holt die Großmutter: Kristina Bangert und Jutta Schwarz. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Pietà mit Tödin und Mutter: Kristina Bangert und Tamara Stern. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Vater-Tochter-Begräbnis: Peter Raffalt und May Garzon. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Peter Raffalt ist als Vater aufgerieben zwischen Karrierismus und seiner Erkrankung, er beklagt seine Ich-habe-keine-Zeit-Existenz, wegen der nun „alle Akkus leer“ seien, die einzigen Mittel, seine Frau noch zu befriedigen, die finanziellen. Von Ernst Kurt Weigel, Lukas Meschik & das Ensemble sowie aus Ilse Helbichs wunderbaren Büchern „Grenzland Zwischenland“ und „Schmelzungen“ stammen die Texte, die von einer Intensität, die so hautnah sind, dass sie einen wie selbstverständlich zur Innenschau veranlassen.

Völlig überdrüber im Drüben ist die grandiose Tamara Stern als selbstoptimierungssüchtige Mutter, die sich mal da, mal dort vom Chirurgen zurechtschnitzen lässt, weil „Männer und Sex eine Körperappetitlichkeit verlangen“, und die das Altersjammern ihres Gatten, die Verdachtsdiagnose als dessen Beschäftigungstherapie nervtötender findet, als sein tatsächliches Hinscheiden. Zur ungeduldigen Witwenanwärterin gesellt sich May Garzon als Tochter. Die Vegan- wie Zynismus zuneigende Heiratskandidatin, vom Zukünftigen zwar „durchgegeilt“, aber „ohne Zuneigungsminimum“, die das Kind, das kommen wird, als noch Leibesfrucht damit bedroht, es einmal „mit mir zu belasten“. Den Krebsbekämpfer-Vater fordert schließlich der computerbesessene Schwiegersohn zum Totentänzchen auf, Valentin Ivanov großartig skurril als egoistischer Egoshooter, ein Gamefighter, den am Sterben eigentlich nur stört, dass er dann sein Videospiel nicht beenden kann.

Dem YouPorn-Nutzer erscheint Kristina Bangert angetan als Lara Croft, anderen im mädchenhaften Tüllrock, anderen im transparenten Top. Mitten im morbiden Menscheln hält die Tödin zum Gaudium der Zuschauer ihre absurden Tutorials: „Wie wasche ich einen Toten?“ – Tipp: nicht scheuern, weil Wunden nicht mehr heilen, oder „Wie gestalte ich mein Totenhemd?“ – mit buntem Garn, und wer will, kann à la Stammbuch Verwandte und Freunde Sinnsprüche draufsticken lassen. Zu Fuentes‘ Soundscapes musizieren live zwei Solisten des Ensemble PHACE, Flötistin Sylvie Lacroix und Trompeter Spiros Laskaridis, deren abrupte Trackwechsel die hart gesetzten Schnitte in der Handlung einerseits unterstreichen, andererseits die scharf abgegrenzten Episoden verbinden.

Familienstreitigkeiten vermiesen die Stimmung an der Festtafel: Jutta Schwarz, Peter Raffalt, May, Garzon und Valentin Ivanov. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Gerade nämlich, als man sich’s bei Black Sabbaths „Paranoid“ und einer Schilderung über die Zustandsformen der Zersetzung gemütlich machen wollte, treten die Darsteller aus ihren Rollen, um von ihrem Zugang zum Tod zu erzählen. Faktisches lagert sich über die Fiktion, wenn es darum geht, ob man sein Begräbnis selber organisieren soll, um den Angehörigen den Ärger damit zu ersparen, oder um die Angst vorm langwierigen Abkratzen, einem Verfall bei lebendigen Leib.

Peter Raffalt aka der sterbenskranke Vater berührt mit seiner Bemerkung über die große Peinlichkeit unter den Bekannten, sobald sich ihnen ein Leidtragender nähert, da sie nicht wissen, wie sie mit der Scham des Überlebens umgehen sollen. Längst ist da nicht mehr klar, wo das privat Erfahrene anfängt und das beruflich Erdachte aufhört, wo die Trennlinie zwischen Sein und Nichtmehrsein verläuft. Dem noch eins drauf setzt die sensationell ihre Abgeklärtheit zur Schau stellende Jutta Schwarz. Sich verbrennen zu lassen, so hätte sie erfahren, sei bezüglich ökologischen Fußabdrucks bedenklich. Weil dafür so viel Energie aufgewendet werden müsse, wie sie einen kompletten Haushalt einen ganzen Monat lang versorgen könnte.

Sarg, sagt sie, Jahrzehnte vor sich hin zu verwesen, sagt sie, sei keine Option. In Seattle gäbe es allerdings seit Kurzem die Möglichkeit eines Kompostbegräbnisses. Darauf hofft die Schwarz auch in Wien – zu einem Kubikmeter Humus für die Gärten ihrer Kinder will sie werden. Darauf reichen die Schauspieler – jesús!, salud!, sus! – klaren Schnaps und pikante Kekse. Der britische Teelöffel übrigens ist ein ebendortiges Raummaß, und deren exakt 701 sind es, die das Volumen eines eingeäscherten Leichnams ergeben, das man in die Urne füllt.

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  1. 10. 2019

Werk X: Geschichten aus dem Wiener Wald

Oktober 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sportgymnastik mit Fascesbündeln

Die deutsch-afrikanischen Performer Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Annick Prisca Agbadou, Hauke Heumann und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Dass Faschisten den Antifaschisten dieser Tage Faschismus vorwerfen, hält Hauke Heumann für eine beängstigende Skurrilität. Und während der Performer im Weiteren und mit Verweis auf aktuelle Vorkommnisse, Walter Lübcke und NPD-Stephan E., Halle und Stephan B., gelöschte Akten beim Verfassungsschutz, NSU, Beate Zschäpe und keine Suche nach etwaigen Unterstützern im Hintergrund, Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ins Heute fortentwickelt, hat sich Annick

Prisca Agbadou einen Kittel mit Qualtinger-Prints übergeworfen, fungiert Gotta Depri längst als Lederhosenträger. Heimatkitsch trifft auf Kritik an ebendieser, und die Frage ist, wie viel faschistoide Tendenzen in diesem abgegriffenen Begriff stecken. Die sich diese stellen, sind das Künstlerkollektiv Gintersdorfer/Klaßen, Monika Gintersdorfer, Knut Klaßen und neben den bereits erwähnten Akteuren noch Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, die im Werk X ihre Version des „Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück“ (© Erich Kästner) zur Aufführung bringen. Dies mit den bewährten Methoden der deutsch-afrikanischen Truppe an ihrer einmaligen Schnittmenge von Drama und Tanz, Theater und Coupé Décalé, letzteres ein Musikstil von der Côte d’Ivoire, woher drei der Auftretenden stammen.

Ihr transkulturelles Konzept haben Gintersdorfer/Klaßen diesmal um die Musiker Der Nino aus Wien und Partnerin Natalie Ofenböck erweitert, für beide ist es die erste Theaterarbeit, in der sie nicht nur selbst komponierte Songs, teilweise nach Horváth-Originaltexten oder Ernst Arnolds „Draußen in der Wachau“ singen, sondern auch aus dieser Rolle treten, um eine auf der Spielfläche zu verkörpern. Die – auch im soziologischen Sinne – Struktur des Ganzen ist die Nacherzählung. Konkret geschieht’s da beispielsweise, dass Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star etwas auf Französisch berichtet, und wie er wichtig vor dem Publikum auf- und abstapft und dabei ausladend gestikuliert, folgt ihm Hauke Heumann in gleichem Schritt und Geste.

Heumanns Live-Übersetzungen sind sozusagen ein Gintersdorfer/Klaßen’sches Stilmittel, sein Nachhaken, Andersformulieren, Auslassen der Reibungskoeffizient zwischen den Ausdrucksformen, zwischen Charakter und Darsteller, zwischen Verstehen und Verhandeln. Heumanns Anmerkungen zur gezeigten Horváth-Interpretation, zu Stückinhalt und Inszenierungsweise ist die Inszenierung. Erklärt also Yao die Figur eines jungen, gut angezogenen Manns, konkretisiert ihn Heumann als Alfred, und stellt Der Nino lapidar fest: „Strizzi halt.“

Tanz den Horváth! Annick Prisca Agbadou, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Pervertierung der Sportgymnastik: Depri, Yao, Heumann und Agbadou beim Turnen mit den Fasces. Bild: © Alexander Gotter

Wie Afrika als Fundament unterm „Wiener Wald“ liegt, so die Kommentare vom Nino als komödiantisch-sarkastische Folie darüber. „Difficile est satiram non scribere“, bemerkt Der Nino dazu. Aus der Beschreibung wird allmählich Darstellung, Szene um Szene schält sich aus dem Geschilderten. Yao kriecht als – böse, man weiß es – Großmutter wie eine Spinne über den Boden und kreischt gellend nach der sauren Milch. Agbadou macht die Marianne, Yao als Rittmeister einen Rückwärtssalto, Depri tritt als wuchtiger Zauberkönig auf.

Yao protestiert, geriert sich als großer Schauspieler und will zum Gaudium der Zuschauer sofort alle Rollen übernehmen. Depri und Yao schwärmen von der Valerie als selbstbewusster Frau, die Witwe sei ihre Lieblingsfigur, so die beiden, die „Draffiggantin“ führt Der Nino im Depressiv-Dialekt aus, weil sie eine ist, die sich nimmt, was sie braucht. Heißt: Sex. Und apropos: Später im Maxim wird Heumann mitteilen, dass auf Valeries hysterische Anfälle hier verzichtet wird: „Die Frauenschreie müssen wir auslassen, wir machen nicht so psychologisches Theater“, sagt er heiter entschuldigend.

In dieser Ansage über Verfremdung liegt ein tieferes Verständnis für Horváth, trotz oder eben gerade wegen der Anti-Einstellung des Abends – anti- psychologischer Annäherung, anti- kathartischem Effekt, anti- sogar Exzess. Wer wen oder über wen spricht, ändert sich ständig. Der Text durchläuft das Ensemble. Das uneigentliche Sprechen der Horváth’schen Figuren erfindet sich bei Gintersdorfer/Klaßen solcherart neu und aufs Extrem zugespitzt. Über den grotesk energischen Studenten Erich, dieser ein Vorbote des Nationalsozialismus, er laut Heumann die Repräsentationsfigur Deutschlands, kommt der zum eingangs beschriebenen Exkurs.

Und zur Rhythmischen Sportgymnastik als Kern der Gintersdorfer/Klaßen-Arbeit. Ausgehend von Mariannes Wunsch, diese einmal zu studieren, und der Pervertierung desselben, wenn sie am Ende ihres Weges als Nackttänzerin strippt, befasst sich die Gruppe sowohl mit den Theorien eines Émile Jaques-Dalcrozes, der durch die Gymnastik die Gesellschaft von ihren Zwängen befreit wissen wollte, als auch mit der Förderung der „organischen Volksgemeinschaft“ im Dritten Reich.

Neue Wienerlieder nach Horváth-Texten: Yao, Der Nino aus Wien, Heumann, Natalie Ofenböck im Spiegel und Depri. Bild: © Alexander Gotter

Qualtingerkittel trifft auf Lederhosenträger: Annick Prisca Agbadou und Gotta Depri, hinten: Natalie Ofenböck. Bild: © Alexander Gotter

In ihren „Geschichten aus dem Wiener Wald“ bewegen sich die Performer permanent im Raum, nach Art der Turnsportchoreografien vollführen sie Tanzschritte und Sprünge, „verbiegen“ sich im Wortsinn und in politischem, und verwenden als „Gerät“ schließlich schwarze Fasces, die Rutenbündel der italienischen Faschisten, übernommen von den Römern als äußeres Attribut der Herrschergewalt. Ein krasses Bild, wie die körperliche Offenbarung der Seele in Riefenstahl-Optik versinkt, wie Freikörperkultur und Reformpädagogik in NSDAP’sche Zucht und Ordnung kippen. Derart geben einem Gintersdorfer/Klaßen kaltwarm.

Auf eine großartige Szene an der schönen blauen Donau, wo Heumann als Valerie beim Umziehen von Alfred, vom Zauberkönig und von Erich bespechtelt wird, folgt die „pikante“, in Wahrheit brutale im Nachtclub, Der Nino aus Wien und Natalie Ofenböck singen „Jeder hat einen Traum, aber wahr wird er kaum“. Beim Heurigen zeigen die alsbaldigen Herrenmenschen im Spiegel ihre Fratzen, und drehen diesen natürlich genüsslich Richtung Zuschauertribüne. Wie’s für die Marianne ausgeht, ist bekannt, und als abschließendes Lied erklingt Oskars Verlobungsfeierdrohung: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen …“

Fazit: Diese zugleich Innenschau- wie Außenblickproduktion, die eine schon wieder nach rechts schunkelnde Gesellschaft in ihrer volksdümmlichen Gemütlichkeit und ihrem entmenschten Ausgrenzertum aufs Korn nimmt, ist eine der hervorragendsten, die das Werk X bis dato geboten hat. Ein würdiger Auftakt der unter dem Spielzeitmotto „Heimat und Arschloch“ stehenden Saison, der mit Bravour abgeschlossene Beweis, dass weder „Vaterland“ noch „Muttersprache“, sondern nur Individualität Identität erschafft.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=deXvxHFhwbY                werk-x.at           www.gintersdorferklassen.org

  1. 10. 2019

Kammerspiele: Der Vorname

Oktober 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sollbruchstelle der Salonmarxisten

Beim Betrachten des Ultraschallbilds ist noch alles friedlich: Michael Dangl, Marcus Bluhm, Susa Meyer und Oliver Rosskopf. Bild: Herwig Prammer

Wenn sich Michael Dangl von der Josefstadt in deren Kammerspiele begibt, ist das stets ein großes Glück fürs Publikum. Nach der zauber- haften Dragqueen Zaza, dem snobistischen Stotterer Georg VI. oder Rollstuhlfahrer Philippe, gibt Dangl nun den Immobilienmakler Vincent Larchet, wohlhabend – und werdender Vater. Als solcher sprengt er ein Abendessen bei Schwester und Schwager, ist doch „Der Vorname“, den er scheint’s für seinen zu erwartenden Sohn gewählt hat, durch den Millionenmörder schlechthin schwer strapaziert.

Die gewiefte Gesellschaftskomödie des französischen Autorenduos Alexandre de la Patellière und Matthieu Delaporte, 2012 von den zweien selbst fürs Kino adaptiert, 2018 von Sönke Wortmann neu verfilmt, ist seit gestern in der witzig-spritzigen Inszenierung von Folke Braband auf der Wiener Citybühne zu sehen. Wobei sich der, wiewohl der Streitpunkt aufs Deutsch-Österreichische übertragen von besonderer Brisanz ist, ans Pariser Original hält. Vincent nämlich erklärt, dass sein Baby Adolphe heißen wird – und während er noch versucht auszuführen, er denke dabei an den romantischen Helden aus dem 18.-Jahrhundert-Roman von Benjamin Constant, sind alle anderen geistig längst vom „-Phe“ aufs „-F“ verfallen, und ergo bei Adolf Hitler angelangt. Die Folge: ein intellektueller Flächenbrand.

Großartig ist es, wie Braband die Charaktere von Beginn an in ihren Grundzügen skizziert. Im gutbürgerlich-sophisticated Ambiente von Bühnenbildner Tom Presting sind zuerst Susa Meyer und Marcus Bluhm als Gastgeber-Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet und Pierre Garaud zu erleben, er Professor für Literatur, sie Lehrerin, beide Eltern des hoffnungsvollen Nachwuchs namens Athena und Adonas. Köstlich, wie die beiden Bobo-Akademiker sich auf den sogleich eintreffenden Besuch vorbereiten, die Babou gerufene Elisabeth als Perfektionistin im Vollstress, damit ihr marokkanisches Buffet auch makellos ist, er komplett laid-back, weil sich auf der Meinung ausruhend, dass Haushaltspflichten nicht seine Sache sein können.

Michael Dangl und Michaela Klamminger als die werdenden Eltern Vincent und Anna. Bild: Herwig Prammer

Claudes Geheimnis beschert ihm eine blutige Nase: Oliver Rosskopf mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Dieweil Meyers Babou noch darum ringt, auch in Küchenschürze die Gleichberechtigung der Frau hochzuhalten, fläzt sich Dangls Vincent bereits auf ihrer Wohnzimmercouch, er ist unsichtbarer Erzähler, bevor er Protagonist wird, moderiert sich selbst als Machertyp ein, und zeigt sich bei Auftritt schließlich als sarkastischer Spaßvogel, dem man sein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit nur verzeiht, weil er so ein sympathisches Schlitzohr ist. Eingeladen ist außerdem Claude Gatignol, Posaunist beim Orchestre Philharmonique de Radio France und ein Freund seit Jugendtagen. Oliver Rosskopf spielt die sensible Seele mit wohldosiertem Humor. Dass Constants Figur Adolphe eine um Jahre ältere Frau verführt, wird für Rosskopfs Claude noch von doppelbödiger Bedeutung sein.

Dangl ist auf seiner Position als Wuchteldrucker wie entfesselt. Er spielt sein komödiantisches Können nicht nur im Konversationston der tadellosen Übersetzung von Georg Holzer aus, sondern sogar in der Körpersprache, und während Tempo-und-Timing-Experte Braband dafür sorgt, dass die Pointen auf den Punkt genau sitzen, steigert sich das Ensemble von den anfangs liebevollen Neckereien unter Menschen, die einander seit Ewigkeiten kennen, zur aggressiv aufgeladenen Hysterie angesichts des historisch belasteten Namens.

Wie Dangls Vincent darauf eine Liste weiterer Allerweltsnamen runterrattert, die für eine Taufe wohl auch nicht mehr zu gebrauchen wären, von August bis Franz, Augusto Pinochet bis Francisco Franco, schlussendlich Josef – Stalin, der den biblischen ausgelöscht hätte, wie Hitler seinen Adolphe, entlarvt die Sollbruchstelle der zu gutsituierten Salonmarxisten mutierten Linksrevolutionäre aufs Vortrefflichste. Die zur Polemik geschliffenen Dialoge, die boshaften Wortgefechte, die Abgründe zwischen großsprecherischen Moralansprüchen und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen gesellschaftspolitischem Über-Ich und privatisiertem Es, entfalten in den 90 Minuten Aufführungsdauer ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht.

Babou will nicht hören, was ihr Mann Pierre Besserwisserisches zu sagen hat: Susa Meyer mit Marcus Bluhm. Bild: Herwig Prammer

Je später der Abend, desto rauflustiger die Gäste: Bluhm, Meyer, Rosskopf, Klamminger und Dangl. Bild: Herwig Prammer

Nicht zuletzt über Bluhms Pierre, der in diesem farbenprächtigen Studierten-Sittenbild den Prinzipienreiter, den – was Belesenheit betrifft, wirklich alles – Besserwisser verkörpert, und der sich dennoch, und dank Babou bequem, in tradierten Rollenklischees suhlt. Im lebenslangen Gockelclinch mit Vincent, der ohne Uni reich wurde, wogegen er mit einem schmalen Hochschulgehalt zufrieden sein soll, wird Pierres antifaschistische Rage rasch auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung enttarnt. Mit dem verspäteten Erscheinen von Anna stellt sich Vincents Adolf-Ansage als schlechter Scherz heraus.

Ihr ist der Joke gegönnt, sich über den Namenspatron ihres Babys zu freuen, denkt sie ja an Vincents verstorbenen Vater Henri, inzwischen alle anderen den Kopf voll „Führer“ haben und an die Decke gehen, also ist die Ruhe, die kurz eintritt, nur die vor dem nächsten Sturm. Die Anwesenden samt ihren Gesichtszügen entgleisen zusehends, als die Vorwürfe massiver werden, man sich gegenseitig Geizkragen oder Egomane schimpft, arrogant oder rücksichtslos. Heraus stellt sich, wer zu wessen Gunsten die eigene Doktorarbeit aufgegeben hat, oder wer vor dreißig Jahren tatsächlich den Pudel der Tante ertränkte.

Nach und nach werden nicht nur Eigenschaften und Eigenheiten des Quintetts bloßgelegt, sondern auch diverse Ressentiments, die den für sich in Anspruch genommenen Humanismus unter der Gürtellinie treffen. In diesem Infight der Josefstädter bewährt sich Neuzugang Michaela Klamminger bestens, die sich mit ihrer pfiffigen Darstellung der so fragil wirkenden, hochschwangeren Anna, die aber genau weiß, wie sie ihren Filou Vincent an die Kandare nimmt, für kommende größere Aufgaben empfiehlt. Als alle ihr Pulver beinah verschossen haben, schießt sich die Gruppe auf Claude ein, reibt diesem seinen ihm bis dahin verheimlichten Spitznamen unter die Nase, „Reine-Claude“, dieser Wortwitz mit la Reine/die Königin allerdings nicht einzudeutschen, hält man den Musiker doch für schwul.

Da bleibt’s nicht beim verbalen Schlagabtausch, da fliegen alsbald die Fäuste, wenn nun Claude seinerseits ein Geheimnis offenbart, eine Bombe platzen lässt, indem er gesteht, dass er schon seit Jahren eine Frau habe, eine Geliebte – und diese sei Françoise, die Mutter von Babou und Vincent. Nach einem Uppercut für Claude lässt Dangl seinen Vincent in mustergültiger Muttersöhnchen-Art in sich zusammenbrechen, Mama hat Sex!, doch Susa Meyer gehört, als alle anderen am Ende sind, die Highlight-Szene dieses höchst amüsanten Abends: eine emanzipatorische Explosion samt Abgang mit einer Flasche Hochprozentigem … Mit viel Gespür für Doppelsinn und Hintersinn haben Folke Braband und seine Schauspieler die bildungsbürgerliche Fassade der Familie Garaud-Larchet zum Zerbröseln gebracht. „Der Vorname“ an den Kammerspielen ist ein scharfzüngiges, augenzwinkerndes, aberwitziges Stück Theater. Und absolut sehenswert!

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=asym-zVSPWw           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Wiener Festwochen: La Plaza

Juni 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das lange Warten, dass endlich etwas passiert

Bild: Els De Nil

Alle paar Minuten öffnete sich eine der fünf Saaltüren, um wieder ein Grüppchen Zuschauer ins Freie zu entlassen. Dabei konnten die gar nicht schockiert gewesen sein, über die an den Bühnenhintergrund geworfene Ankündigung, man müsse nun für 365 Tage – und in 365 Theatern weltweit simultan – das immer gleiche Kulissenbild ansehen und darüber meditieren. Dieser Streich wurde in Windeseile aufgeklärt.

Nein, nein, man wohne tatsächlich nur noch den letzten Zuckungen dieses Werk bei … das Künstlerduo El Conde de Torrefiel zu Gast bei den Wiener Festwochen im Theater Akzent. Los geht’s mit einer in Dämmerlicht getauchten Bühne und perkussiver Minimal Music, ein Blumen- und Lichtermeer liegt da ausgebreitet, und sofort setzen Assoziationen ein: „La Plaza“ – der Platz, da muss etwas geschehen sein, ein Unglück, eine Katastrophe, ein Attentat. Man denkt an Paris, Brüssel, Boston, Graz, an den Lieferwagen, der vergangenes Jahr in Barcelona, wo die Theatermacher Tanya Beyeler und Pablo Gisbert ansässig sind, durch den Boulevard La Rambla pflügte.

Eine halbe Stunde von exakt 90 Minuten geht das so. Ein langes Warten, dass endlich etwas passiert. Stille, Nichts und die Abwesenheit der Schauspieler, erfährt man durch die Textprojektionen des ohne gesprochene Sprache auskommenden Abends, sei das Theater der Zukunft. Die Beyeler-Gisbert als Dystopie an die Wand malen. Konzerne würden sich eigene Staaten schaffen, Bayer-Germany, US-Google, Raiffeisen-Österreich, die Sonne zwar die einzige, aber dennoch nicht ököparadiesische Energiequelle sein, der Mensch von wirtschaftlichen Interessen gegängelt und fremdgelenkt werden … derart bedeutungsraunende Sprüche machen den Kern dieser Hauptsache-irgendwas-mit-post-Aufführung aus.

Bild: Luisa Gutierrez

Und apropos, Aufführung: Endlich tut sich was. Performerinnen und Performer, 15 an der Zahl, stolpern heraus. Erst muslimische Frauen mit ihren Einkäufen und ein Soldat mit Maschinengewehr im Anschlag, ein Bettler, ein Blinder, ein betrunkenes Frauentrio, eine von ihrer Reiseleiterin geführte Touristengruppe. Alles, was sich an einem solch urbanen Begegnungsort eben tummeln kann.

Sollte man interpretieren, dass es sich hier um den Platz einer westeuropäischen, vom islamistischen Terror bedrohten Stadt handelt? Einmal lassen die Wandtitel einen – natürlich auf der Bühne abwesenden – Barbesucher sagen, der nächste Genozid werde an den Muslimen verübt werden. Gesichter haben die Figuren in diesen Tableaux vivants keine. Sie stehen wohl für eine anonyme Masse, nicht für Individualität. Warum aber filmt ein Kamerateam eine offenbar aus der Prosektur in die Öffentlichkeit gerollte Leiche? Ein Anschlagsopfer? Die Sprüche haben mittlerweile zu einer Du-Erzählung gewechselt. Man folgt diesem Du aus dem Theater bis nach Hause, wo es zu einem Porno masturbiert, nur um festzustellen, dass die Hauptdarstellerin schon vor Jahrzehnten verstorben ist. Hoffnung keimt, als sich das Du zum Schlafengehen anschickt. Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis man in die linde Abendluft entlassen wird.

„La Plaza“ schafft den Spagat, sowohl ermüdend als auch enervierend zu sein. Das „Nichts“ von dem El Conde de Torrefiel so angetan ist, wurde mit Bravour auf die Bühne gestellt. Ebendieses Nichts bleibt auch im Gedächtnis derer hängen, die sich nach der Vorstellung eigentlich noch über den Abend austauschen wollten. Im Programmzettel steht der Satz „Zu sehen, dass es nichts zu sehen gibt, ist noch schlimmer, als nichts zu sehen.“ Am Ende fällt der Vorhang, niemand verbeugt sich zum spärlichen Applaus.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

Salon5: La Pasada – Die Überfahrt

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold brilliert als zaubermächtige Prospera

Flora und ihr über alles geliebter Enkel Ariel: „Prospera“ Erni Mangold und Flavio Schily. Bild: Christoph Hochenbichler

Mit „La Pasada – Die Überfahrt“ entzückte Regisseurin Anna Maria Krassnigg 2015 am Thalhof, ihrer Wortwiege an der Rax, nicht nur, weil ihr mit dem Theaterstück die Wiederbelebung der Kunst der Kinobühnenschau geglückt war. Nun ist das Werk endgültig auf der Leinwand angekommen, am 23. November hat im Metro Kinokulturhaus eine Filmfassung von „La Pasada“ Premiere.

Erzählt wird im Text von Anna Poloni von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar die letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Prospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt.

„Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf sie.

Doina Weber und Erni Mangold. Bild: Christoph Hochenbichler

Martin Schwanda als Liebhaber Ari. Bild: Christoph Hochenbichler

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Er changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön.

In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film ins Publikum überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film im Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“ als auch Ari, Floras Liebhaber, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist.

„Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze Polonis, sondern verweist auch auf dessen Mehrsprachigkeit. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Einer, der tatsächlich alles verloren hat: David Wurawa als Cal bei der Totenandacht. Bild: Christoph Hochenbichler

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die das happy end verwehrt.

Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos …

www.la-pasada.at

20. 11. 2017