Streaming: Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“

Januar 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“

ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines kürzlich auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will. Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Filmmuseum: Mel & Albert Brooks. Erfinder der modernen Komödie

Dezember 18, 2019 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Tribute an die Godfathers von Cringe und Slapstick

Mel Brooks als Frederick Bronski in „To Be or Not to Be“, 1983, Regie: Alan Johnson. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„If we had three million exhibitionists and only one voyeur, nobody could make any money.“ – „Bad taste is simply saying the truth before it should be said.“ – „I only direct in self-defense.“ – „When I die, if the word ›thong‹ appears in the first or second sentence of my obituary, I’ve screwed up.“

Zwei dieser Zitate stammen von Albert Brooks, geborener Albert Lawrence Einstein, die anderen beiden von dessen Namensvetter Mel, geborener Melvin Kaminsky – diesen widerspenstigen Köpfen ist ab 22. Dezember das diesjährige Weihnachtsprogramm des Österreichischen Filmmuseums gewidmet. Brooks & Brooks zählen als Schauspieler, Autoren und Regisseure zu den unbändigsten und zugleich beständigsten Hollywood-Komikern des späten 20. Jahrhunderts.

Das Tribute sucht jedoch nicht nach Gemein- samkeiten, will auch keine Parallelen zwischen dem jeweils reichhaltigen Werk ziehen.

Denn Albert und Mel Brooks haben sich auf ihre unverwechselbare, persönliche Weise in die Geschichte der Filmkomödie eingeschrieben und beide verdienen es, einzeln für ihre Arbeit gewürdigt zu werden. Was Brooks & Brooks jedoch verbindet, ist, abgesehen vom gemeinsamen Nom de guerre, ihr einzigartiger Status als – nach wie vor viel zu wenig beachtete – Begründer einer modernen US-Komödie.

Albert Brooks spielt in „Modern Romance“, 1981, Regie: Albert Brooks. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Sharon Stone und James Cameron in „The Muse“, 1999, Regie: Albert Brooks. Bild: Österreichisches Filmmuseum

John Candy, Lorene Yarnell, Daphne Zuniga und Bill Pullman in „Spaceballs“, 1987, Mel Brooks. Bild: Österr. Filmmuseum

Zero Mostel, Gene Wilder und Christopher Hewett in „The Producers“, 1967, Mel Brooks. Bild: Österr. Filmmuseum

Albert Brooks wird oft als die weniger produktive und deshalb gemächlichere Westküstenversion von Woody Allen bezeichnet – oder abgelehnt, tatsächlich aber macht man es sich mit dieser Beschreibung bequem: Denn während Woody Allens neurotische Intellektuelle trotz ihrer jugendlich-renitenten Wut immer sympathisch, liebenswert und letztlich harmlos bleiben, scheut Albert nicht davor zurück, seine immer von ihm selbst gespielten Charaktere in hochnotpeinliche Situationen zu versetzen, in denen sie die Grenze von unerfreulich zu richtig übel überschreiten (müssen). Albert Brooks kann auch als Gründer der Cringe-Comedy gesehen werden, die in den 1990er-Jahren ihre erste Blüte erlebte und nach der Jahrtausendwende schließlich regelrecht explodierte, angeführt von Comedy-Größen wie Larry David, Ricky Gervais und Standup-Comedian Louis C. K.

Mel hingegen, der seine Filmkarriere ein Jahrzehnt zuvor begonnen hatte, trug über Jahre hinweg stolz die Fackel der schamlos vulgären Slapstick-Komödie und pflegte die lustvoll-grobschlächtige Form der Parodie – eine Brutstätte für jenen späteren Slapstick, dessen Güteklasse von vortrefflich, siehe Farrelly-Brüder, bis mitunter brillant bei Jim Carrey oder Adam Sandler reichen sollte.

www.filmmuseum.at

18. 12. 2019

Wiener Festwochen: The Scarlet Letter

Mai 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus

Bild: © Bruno Simao

„Mein Körper ist mein Protest gegen die Gesellschaft“, zitieren die Wiener Festwochen die spanische Theatermacherin Angélica Liddell. Die Meisterin der Extremkörperperformances macht nach 2013 erneut Station im MuseumsQuartier, wo sie ihre Interpretation von Nathaniel Hawthornes 1850er-Roman „The Scarlet Letter“ zeigt. Zur Erinnerung, das ist jener Buchstabe A, der im puritanischen Neuengland der Ehebrecherin Hester Prynn an die Brust genäht wird.

Weil sie den Vater ihres in Schande gezeugten Kindes nicht nennen will – es ist, weiß der Leser bald, der Dorfpfarrer Dimmesdale, zwischen dem und Hesters Ehemann sich ein Zweikampf mittels Psychofolter, Versündigungsgedanken und Selbstkasteiung entspinnt. Traditionelle, heißt: patriarchale Strukturen als Gefüge von Gefahr und Gewalt vorzuführen, Familienbande, aus denen es, da sozial determiniert, kein Entrinnen zu geben scheint, sind ein immer wiederkehrendes Motiv in Liddells Arbeit. Dass sie dabei auf Schockwirkung durch Selbstverletzung setzt, mal griff sie zu Rasierklingen, mal ließ sie sich die Füße einbetonieren, um gängige Konventionen als „Klotz am Bein“ zu enttarnen, ist ebenso Teil ihrer Aktionen.

Für ihre Begriffe beinah harmlos wirkt daher ihre nunmehrige Auseinandersetzung mit Scheinmoral, Spießbürgerlichkeit und der aus beidem entstehenden Beschränkung der sexuellen Freiheit. Denn auch, wenn der Programmzettel vor eventuell „unangenehmen Szenen“ warnt, so ist eine Bühne voll kleiderloser Männerkörper durchaus gut auszuhalten. Vor allem, da Liddell sie in hochästhetischen Bildern arrangiert hat. Unnötig zu sagen, dass darob der Premierenjubel groß war. Liddell hinterfragt in ihrer jüngsten Inszenierung nicht nur die femi- nistische Wagenburgmentalität und deren dauernde Correctness-Debatte – El País nannte sie deshalb eine „Scharfschützin gegen #MeToo“. Sie erweitert Hawthornes scharlachroten Buchstaben vom A für Adultery/Ehe- bruch zum Zeichen für Art. Es ist die Kunst selbst, die sich hier gegen Fesseln wehrt, die man ihr anlegen will.

Bild: © Bruno Simao

Inmitten blutglühender Tableaux tritt sie gegen die Zumutungen einer durchrationalisierten, sich selbst knebelnden Gegenwart an, der Abend ein Aufschrei des Gefühls gegen die Vernunft, der Emotion gegen die Ratio. Wobei, nicht ganz, bewaffnet sich Liddell doch mit den Aussprüchen eines Jean-Paul Sartre oder post- strukturalistischer Denker wie Jacques Derrida und Michel Foucault. Von denen ersterer übrigens einen Essay über die Scham verfasste, die er fühle, wenn seine Katze ihn nackt im Badezimmer beobachte, während zweiterer sich im de Sade’schen Sinn mit dem „Gebrauch der Lüste“ beschäftigte.

Ins Zentrum ihrer Passionsgeschichte stellt sich die Performerin selbst, als Schmerzensfrau, erst in sittlich-schwarzer Robe, später mit wund gepeitschtem Rücken, die sie umringenden Männer nur bedeckt mit Karfreitagskutten, dann völlig entblößt. Acht sind es, die in sportlichen Spontanausbrüchen schreiend Tische stemmen oder sich zu kryptischen Figuren formen. Leidet sie wütend, wüten sie leidend, mehr Lust sich zu erklären hat Liddell nicht, in ihre Freie Assoziation über Begierde und Aufbegehren lässt sich interpretieren, was der philosophische Überbau hergibt: Der Penis im Kampf mit dem Puritanismus.

Ein Glück, hat Liddell auch Humor. So lässt sie einmal ein entlarvend misogynes Lamento übers Altwerden als Frau los, nachdem dem liebestollen A die Befriedigung vom Oktett verwehrt wurde, lässt ein Kyrie eleison gegen den O-Zone-HitDragostea din tei“ erklingen oder zu Lullys Hofmusik die Herren eine phallische Parade für den Sonnenkönig abhalten. Mit ihrem A meint Liddell auch Arthur, so der Vorname des Kindsvaters Dimmesdale, er folgt ihr rot vermummt und stumm, bis er stirbt. Mit A meint sie Artaud, in die Nähe von dessen Theater der Grausamkeit das ihre immer wieder gerückt wird. Und schließlich meint sie „Amor als Sieger“. Caravaggios Gemälde vom dunkel geflügelten Jüngling ist Liddells Schlussbild. Auch er ist – nackt.

Video: www.youtube.com/watch?v=ynMNEJDuVuA           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

E.L. Doctorow: In Andrews Kopf

September 1, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auch das Gehirn ist ein weites Land

Doctorow-In-Andrews-Kopf-Cover-2-Er war ein ganz Großer der zeitgenössischen amerikanischen Literatur: E.L. Doctorow starb am 21. Juni dieses Jahres in Manhattan. Ob in „Billy Bathgate“ (die Geschichte eines New Yorker Straßenjungen, der als Lehrling und Vertrauter eines Gangsterbosses Glanz und Brutalität der Unterwelt erlebt), „Der Marsch“ (das große amerikanische Anti-Bürgerkriegsepos über Liebe in Zeiten der Gewalt und des Krieges als alles verschlingendes Ungeheuer) oder in „Homer & Langley“ (die Geschichte zweier Brüder, die in ihrer Sammlerwut ihr Haus in Manhattan mit Objekten aller Art vollstopfen und nach und nach ihre Verbindungen zur Außenwelt kappen): kaum einem anderen Autor gelang es so unterschiedliche Themen und Genres wortgewaltig und doch einfühlsam zu Papier zu bringen. In seinem letzten Roman „In Andrews Kopf“ beschäftigt sich E.L. Doctorow mit einem besonderen Thema: dem menschlichen Gehirn und seinen Fähigkeiten.

Andrew, Kognitionswissenschaftler, erzählt in elf Kapiteln einem Psychotherapeuten – oder vielleicht doch einem Psychiater? – aus beziehungsweise über sein Leben. Und das ist nicht geradlinig verlaufen. Da gab es jede Menge Tragödien: Sein erstes Kind starb als Säugling (dafür gibt er sich die Schuld), sein Zweites musste er weggeben – zu seiner ersten Frau Martha, von der er getrennt lebt. Seine zweite Frau Briony starb während der Ereignisse vom 11. September 2001. Und es gab noch andere tragische Ereignisse: Wie er etwa als kleiner Junge mit seinem Schlitten einen Unfall verursachte, bei dem ein Mann ums Leben kam. Oder wie er als Kind einen kleinen Hund geschenkt bekam, der ihm im Park von einem Bussard entrissen wurde … Alte Geschichten tauchen aus seinem Gedächtnis wieder auf. Doch Andrew scheint die Trennschärfe zwischen Fakten und Fiktion abhanden gekommen zu sein. Kann er seinem Verstand noch trauen oder spielt er ihm einen Streich? Er jedenfalls ist sich sicher: „Heutzutage kann ich niemandem trauen, am wenigsten mir selbst.“ Schon bald fragt sich auch der Leser: Was ist Fiction, was ist Non-Fiction? Die Grenzen verschwimmen. Mit sprachlicher Finesse, aber auch mit Humor und psychologischem Gespür lotet Doctorow die Grenze zwischen Geschichte und Geschichten eines Menschen aus, der auch von der Suche nach einem Computer, in dem das Bewusstsein sämtlicher Menschen, die je gelebt haben, reproduziert und gespeichert wären, getrieben wird, was ihn an den Rand des Wahnsinns bringt.

Andrews turbulentes Leben ist aber noch nicht vorbei und steuert seinem Höhepunkt zu: Die Collegezeit scheint ihn einzuholen. Sein Zimmergenosse von damals wurde US-Präsident und nach dessen Besuch an einer Schule, an der Andrew nach allen Schicksalsschlägen unterrichtet, holt ihn dieser schließlich ins Weiße Haus und macht ihn zum Direktor des Amtes für neurologische Forschung. Doch eigentlich geht es nur darum, ihrer beiden College-Missgeschicke zu vertuschen. Davon ist Andrew überzeugt: „Da saß ich nun, aus seiner Vergangenheit aufgestiegen, und wurde zu einer Staatsangelegenheit. Ich musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben.“ Die folgenden knapp 50 Seiten macht Doctorow zu einer Politfarce über das Leben und Wirken des US-Präsidenten (George W. Bush, obwohl niemals namentlich ausgesprochen), seiner wichtigsten Berater, Chaingang (Dick Cheney) und Rumbum (Donald Rumsfeld) und wie Politik gemacht wird. Andrew rechnet am Schluss auf seine Weise mit ihnen ab: „Sie gingen achtlos mit dem Leben um, sagte ich, sie seien ein erstklassiges Beispiel für die menschliche Unzulänglichkeit, sagte ich, und ich spräche als eine Autorität auf dem Gebiet. Dann holte ich tief Luft und machte einen Handstand.“ Mitten im Oval Office.

Dafür bekommt Andrew aber auch die Rechnung präsentiert.

Über den Autor:
E.L. Doctorow wurde am 6. Januar 1931 in New York City geboren und wuchs in der Bronx auf. Seine Romane „Ragtime“, „Billy Bathgate“, „Der Marsch“ und „Homer & Langley“ (alle bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) sind aus dem Kanon der amerikanischen Literatur nicht wegzudenken. Er erhielt für seine Bücher nahezu alle wichtigen Literaturpreise, darunter den PEN/Saul Bellow Award für sein Lebenswerk. Viele seiner Werke wurden auch verfilmt beziehungsweise als Musical auf die Bühne gebracht. Doctorow starb am 21. Juli 2015 in Manhattan.

Kiepenheuer & Witsch, E.L. Doctorow: „In Andrews Kopf“, Roman, 208 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger

www.kiwi-verlag.de

Wien, 1. 9. 2015