I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

E.L. Doctorow: In Andrews Kopf

September 1, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auch das Gehirn ist ein weites Land

Doctorow-In-Andrews-Kopf-Cover-2-Er war ein ganz Großer der zeitgenössischen amerikanischen Literatur: E.L. Doctorow starb am 21. Juni dieses Jahres in Manhattan. Ob in „Billy Bathgate“ (die Geschichte eines New Yorker Straßenjungen, der als Lehrling und Vertrauter eines Gangsterbosses Glanz und Brutalität der Unterwelt erlebt), „Der Marsch“ (das große amerikanische Anti-Bürgerkriegsepos über Liebe in Zeiten der Gewalt und des Krieges als alles verschlingendes Ungeheuer) oder in „Homer & Langley“ (die Geschichte zweier Brüder, die in ihrer Sammlerwut ihr Haus in Manhattan mit Objekten aller Art vollstopfen und nach und nach ihre Verbindungen zur Außenwelt kappen): kaum einem anderen Autor gelang es so unterschiedliche Themen und Genres wortgewaltig und doch einfühlsam zu Papier zu bringen. In seinem letzten Roman „In Andrews Kopf“ beschäftigt sich E.L. Doctorow mit einem besonderen Thema: dem menschlichen Gehirn und seinen Fähigkeiten.

Andrew, Kognitionswissenschaftler, erzählt in elf Kapiteln einem Psychotherapeuten – oder vielleicht doch einem Psychiater? – aus beziehungsweise über sein Leben. Und das ist nicht geradlinig verlaufen. Da gab es jede Menge Tragödien: Sein erstes Kind starb als Säugling (dafür gibt er sich die Schuld), sein Zweites musste er weggeben – zu seiner ersten Frau Martha, von der er getrennt lebt. Seine zweite Frau Briony starb während der Ereignisse vom 11. September 2001. Und es gab noch andere tragische Ereignisse: Wie er etwa als kleiner Junge mit seinem Schlitten einen Unfall verursachte, bei dem ein Mann ums Leben kam. Oder wie er als Kind einen kleinen Hund geschenkt bekam, der ihm im Park von einem Bussard entrissen wurde … Alte Geschichten tauchen aus seinem Gedächtnis wieder auf. Doch Andrew scheint die Trennschärfe zwischen Fakten und Fiktion abhanden gekommen zu sein. Kann er seinem Verstand noch trauen oder spielt er ihm einen Streich? Er jedenfalls ist sich sicher: „Heutzutage kann ich niemandem trauen, am wenigsten mir selbst.“ Schon bald fragt sich auch der Leser: Was ist Fiction, was ist Non-Fiction? Die Grenzen verschwimmen. Mit sprachlicher Finesse, aber auch mit Humor und psychologischem Gespür lotet Doctorow die Grenze zwischen Geschichte und Geschichten eines Menschen aus, der auch von der Suche nach einem Computer, in dem das Bewusstsein sämtlicher Menschen, die je gelebt haben, reproduziert und gespeichert wären, getrieben wird, was ihn an den Rand des Wahnsinns bringt.

Andrews turbulentes Leben ist aber noch nicht vorbei und steuert seinem Höhepunkt zu: Die Collegezeit scheint ihn einzuholen. Sein Zimmergenosse von damals wurde US-Präsident und nach dessen Besuch an einer Schule, an der Andrew nach allen Schicksalsschlägen unterrichtet, holt ihn dieser schließlich ins Weiße Haus und macht ihn zum Direktor des Amtes für neurologische Forschung. Doch eigentlich geht es nur darum, ihrer beiden College-Missgeschicke zu vertuschen. Davon ist Andrew überzeugt: „Da saß ich nun, aus seiner Vergangenheit aufgestiegen, und wurde zu einer Staatsangelegenheit. Ich musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben.“ Die folgenden knapp 50 Seiten macht Doctorow zu einer Politfarce über das Leben und Wirken des US-Präsidenten (George W. Bush, obwohl niemals namentlich ausgesprochen), seiner wichtigsten Berater, Chaingang (Dick Cheney) und Rumbum (Donald Rumsfeld) und wie Politik gemacht wird. Andrew rechnet am Schluss auf seine Weise mit ihnen ab: „Sie gingen achtlos mit dem Leben um, sagte ich, sie seien ein erstklassiges Beispiel für die menschliche Unzulänglichkeit, sagte ich, und ich spräche als eine Autorität auf dem Gebiet. Dann holte ich tief Luft und machte einen Handstand.“ Mitten im Oval Office.

Dafür bekommt Andrew aber auch die Rechnung präsentiert.

Über den Autor:
E.L. Doctorow wurde am 6. Januar 1931 in New York City geboren und wuchs in der Bronx auf. Seine Romane „Ragtime“, „Billy Bathgate“, „Der Marsch“ und „Homer & Langley“ (alle bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) sind aus dem Kanon der amerikanischen Literatur nicht wegzudenken. Er erhielt für seine Bücher nahezu alle wichtigen Literaturpreise, darunter den PEN/Saul Bellow Award für sein Lebenswerk. Viele seiner Werke wurden auch verfilmt beziehungsweise als Musical auf die Bühne gebracht. Doctorow starb am 21. Juli 2015 in Manhattan.

Kiepenheuer & Witsch, E.L. Doctorow: „In Andrews Kopf“, Roman, 208 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger

www.kiwi-verlag.de

Wien, 1. 9. 2015

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Volksoper: Der Zauberer von Oz

Dezember 7, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Einfach entzückend

Peter Lesiak (Hunk/Die Vogelscheuche), Puppenhündchen Toto, Johanna Arrouas (Dorothy Gale), Martin Bermoser (Zeke/Der Löwe), Oliver Liebl (Hickory/Der Blechmann) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Peter Lesiak (Hunk/Die Vogelscheuche), Puppenhündchen Toto, Johanna Arrouas (Dorothy Gale), Martin Bermoser (Zeke/Der Löwe), Oliver Liebl (Hickory/Der Blechmann)
Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper

Henry Mason inszenierte an der Volksoper Harold Arlens Musical „Der Zauberer von Oz“ nach dem Roman von L. Frank Baum, und das ist ihm so hinreißend gelungen, dass man gar nicht weiß, wo anfangen zu erzählen. Der Abend ist der Stoff aus dem die Publikumslieblinge gemacht werden. Und da ist der persönliche Hündchen Toto, bewegt von Puppenspieler und Volksopern-Debütant Daniel Jeroma, der die ganze Zeit über mit auf der Bühne ist. Es ist schon was anderes, hätte man Dorothy ein lebloses Plüschtier unter den Arm geklemmt, als hier ein Wesen, das wedeln, winseln und Mitspieler abbusseln kann. Für die Idee das erste Bravo.

Johanna Arrouas brilliert in der Rolle der Dorothy, ein Temperamentbündel, das Herz und Mund am rechten Fleck hat – und letzteren auch „aufzureißen“ versteht. Gesanglich, darstellerisch und konditionell ist Arrouas top. Nach Rundendrehen rund um die Rundbühne zu stoppen und drauflos zu schmettern, da gehört was dazu. Den großen Hit des Musicals „Over the Rainbow“ gibt sie auf Englisch. Was ihr fehlt ist die leise Melancholie, die die ein Leben lang unglückliche Judy Garland in Victor Flemings Film aus dem Jahr 1939 einbrachte. Aber, hallo, 2014 sind Mädchen eben emanzipierter und schicken sich nicht in eine Situation, nur weil es sich schickt.

„Der Zauberer von Oz“ ist ein Märchen für Kinder und im Herzen Kind Gebliebene. Ein Märchen mit Message, denn was braucht Mensch mehr als ein Herz, ein Hirn, Mut und ein Heim. Sehr schön die wortwitzige deutsche Fassung von Klaus Eidam. Masons Arbeit ist komplett große Broadwayshow. An Bühnendarstellern inklusive Kinderchor herrscht kein Mangel, einer mehr draußen und die Bretter, die die Welt bedeuten, würden unter der Last der Menschenmassen zusammenbrechen. Im Zehnminutentakt, so scheint’s, werden Kostüme und Bühnenbild gewechselt. Jan Meier (Bühne und Kostüme) hat sich dafür erst ein nostalgisches Ansichtskarten-Kansas („Greetings from Kansas“ steht in der oberen Ecke der Farm von Onkel Henry – ein zwischen Verzweiflung und Zorn changierender Wolfgang Gratschmaier und der gutmütigen Tante Em – Regula Rosin) einfallen lassen, dann eine kunterbunte Oz-Welt. Eine Materialschlacht. Lorenz C. Aicher dirigiert mit so viel Schwung, dass es ihn manchmal aus der Kurve trägt. Musikalischer Höhepunkt natürlich der „Jitterbug“, mit dem die böse Hexe des Westens die Eindringlinge in ihr Reich unschädlich machen will. Sie, das heißt: er, ist die nächste Sensation: Christian Graf auf einem Easy Rider-Chopper mit Spitzhut, ganz grün im Gesicht, mit grün-schwarz geringelten Strümpfen. Sehr sexy und sehr stimmgewaltig. Er ist großartig böse in beiden Rollen, auch als Almira Gulch in Kansas.

Dorothys Begleittrio ist ebenfalls zum Niederknien: Allen voran Peter Lesiak als Vogelscheuche, die lieber Hirn statt Stroh im Kopf hätte, obwohl nicht wenige so gut leben, ein gleichgewichtsgestörtes Tanztalent, ein Erzkomödiant, der seinen Bariton bis in die Ränge schmettert. Oliver Liebl gibt den Blechmann als Schmerzensmann, staksig, nah am Wasser gebaut, was zur Immer-wieder-Einrostung führt, ach, hätte er doch ein Herz im Leib. Er kann sich gar nicht dran erfreuen, dass er beim Singen sein eigenes Blechinstrument ist. All diese Figuren sind optisch ziemlich nah am Film gestaltet; nur „Löwe“ Martin Bermoser erinnert mehr an einen Ritter von der traurigen Gestalt. Mit „Fell“-Cape beim Posen mit Neurosen. Sein Brüllen hat offenbar Bronchitis.

Bleibt Hausherr Robert Meyer als Zauberer von Oz, der wieder einmal zeigt, was in ihm steckt, der aus einer kleinen Rolle – wir wissen natürlich, dass es keine kleinen Rollen gibt – ein Kabinettstück macht, in dem er sich einen Lacher nach dem nächsten abholt. So wird’s gemacht. Chapeau, Herr Direktor! Und noch ein Bravo an alle Mitwirkenden!

www.volksoper.at

www.mottingers-meinung.at/johanna-arrouas-im-gespraech

Wien, 7.12. 2014

Schauspielhaus Wien: Als ich einmal tot war …

Oktober 23, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… und Martin L. Gore mich nicht besuchen kam

Steffen Höld Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Uuuund der erste Preis für den längsten Stücktitel des Jahres geht an: Daniel Mezger. Weitere Auszeichnungen müssen folgen, denn was Steffen Höld und sein Regisseur und Live-Gitarrist Klemens Gindl im Nachbarhaus des Schauspielhaus Wien abgehen lassen, ist einfach nur geil. Ja, zugegeben, das hat auch mit ein paar Teenie-Erinnerungen zu tun, gehörten doch „People are People“ und „Master and Servant“ zu den ersten Clips, die in Österreich auf MTV zu sehen waren (den weißen Fake Fur mit den Lichtern will ich, nebenbei bemerkt, haben, liebe Anna Panzenberger, wenn ihr einmal Fundusflohmarkt machen solltet 😉 Gut, sie haben immer Music for the Masses gemacht, und in manchen Phasen ihres Schaffens war es besser to Enjoy the Silence. Aber was waren wir verliebt in den blondgelockten Engel Martin, immer ein sanftes Lächeln auf den Lippen, immer in eine erotische Mischung aus schwarzer Spitze und Leder gehüllt. Und daneben ein volltätowierter Gruftie, der sich ins Mikro basste. Aber, Dave, konnten wir ahnen, dass dich das zu Your own Personal Jesus macht? Ein Song, so gut, dass er von Johnny Cash gecovert wurde …

Da steht er nun also, Steffen Höld als Dave Gahan und hat gleich mehrere Pläne nicht. Heißt: überhaupt keinen Plan. Das kann einem schon passieren, wenn man sich 1995 die Pulsadern aufgeschnitten, 1996 einen Speedball gespritzt hat und deshalb zwei Minuten klinisch tot war und stolz !!! darauf ist – und einem 2009 ein bösartiger Blasentumor entfernt wurde. Dabei war der Plan damals, daheim in Basildon, ganz einfach: Rockstar werden und sich dann eine Kugel in den Kopf schießen. Statt dessen: ewige Diskussionen mit Martin Gore über Synthesizer vs Stromgitarre. Die Chance auf Aufnahme in den Club 27 verpasst, schöner Mist. Und dabei geht’s nicht einmal nur um Jimi, Jim und Janis. Nein, Kurt Cobain hat sich erschossen! Da kann einen mit 52 doch nur der Neid fressen. „Das war mein Ding!“, schreit Höld/Gahan ins Mikrophon. Und dann kommt dieser Scheiß-Grunger mit seinen Jesushaaren und glaubt, er kann sich alles erlauben. Sorry, aber man muss lachen. Da fehlt nur noch der Selfieschussapparat. Mezgers großartig witziger Text ist eine einzige Satire auf die Rockreichen und -schönen. Und der fabelhafte Höld trägt die Story, im berühmten Ruderleiberl oder im Sakko oder eingehüllt in einen „Pelz“mantel aus Egomanie und Allüren, hat sich Gahans große Bühnengesten nicht abgeschaut, sondern anverwandelt, geht auch einmal durch die Reihen seiner Fans, die ganze Zeit mit der Nervosität eines Rennpferds, und hat eine neue Disziplin erfunden: albquatschen.

Diesen Erguss – ein anderer kommt nämlich nicht, so sehr sie sich auch abmüht – muss Britney Spears über sich ergehen lassen. Die hat Gahan vor einem Club getroffen oder ist bei ihr oder bei sich zu Hause. Ist 1996 oder jetzt. Ist jenseits von Zeit und Raum und Wie und Warum. Leckt sich seine Wunden wie es der Zusammenhang tut, der ihm zu seinem Leben fehlt. „Wo war ich?“, ist der so bildhaft wie buchstäblich gemeinte Refrain des Stücks. Aber: Gahan hat aus der 27er-Sache eine Lehre gezogen: „Wir Großen sterben nicht.“ Umso größer ist die Leere rundherum. Könnte man sich nicht an zwei Themen abarbeiten: Martin „Mastermind“, der alles hat und alles besser kann, dieser Perversling. Höld gestaltet herrliche Zwiegespräche zwischen dem lakonischen Intellektuellen und der exaltierten Rampensau. Und den Zwei-Minuten-Tod. Aus dem einen Dr. House persönlich ins Diesseits zurückholte. Die schönste Stelle des Stücks – zumindest für unsereinen – ist ein Press Junket, an dem von Times bis taz alle teilnehmen, nur um über Nahtoderfahrungen und ähnlichen Pofel zu reden – „Hast du ein Licht gesehen?“ Dann kommt die nächste Journalistengruppe rein, erster Satz: „Dave, wie geht es dir?“ – „Also, nachdem ich ja zwei Minuten klinisch tot war …“ Bravo, genau so ist es! Alles schon selbst durchlitten. Fremdschämen statt sinnvoll-künstlerische Fragen stellen.

Während Höld/Gahan lustvoll an seinem selbstgezimmerten imaginären Kreuz hängt, erzählt Britney von ihren biederen Haus-mit-Vorgarten-Wünschen, von ihrer Sehnsucht nach einem normalen Leben. Dazu hätte er zu viele Tattoos, meint Gahan. Und geht ab. Wenn er beim nächsten Konzert wieder über den trottelig in seinen Gottespfaden herumlungernden Fletch (alias Andrew Fletcher) fällt, na, dann wird er aber … Just Can’t Get Enough (ich WEISS, das war noch von Vince „Erasure“ Clarke), aber leider gibt’s am Theater ja keine Zugaben. A Pain That I’m Used To.

Eine Anekdote noch. Sie ist wirklich wahr. Wenn „Wetten, dass …“ in Salzburg gastierte, quartierten sich die Stars gern in einem Hotel außerhalb der Stadt ein. Man war an Extras aller Art gewöhnt. Eines Tages, so erzählte der Hoteldirektor, zogen Depeche Mode ein. Dazu muss man erklären, es handelt sich um eines dieser Häuser, wo Geschäftsleute schon frühmorgens in Anzug und Krawatte Grapefruit löffeln. Depeche Mode hatten keine Sonderwünsche, wollten kein Breakfast auf den Zimmern. Sie wollten es nur bequem – und erschienen in den Hotelschlapfen, Trainingshosen und Unterleiberln im Frühstücksraum. (Fast) alle Peckerln sichtbar. Empörung! Doch der Direktor erklärte seinen illustren Gästen: „Die sind so. Die sind Rockstars.“ Und brav gingen sich die Anzügler Autogramme holen.

www.schauspielhaus.at

Wien, 23. 10. 2014