Burgtheater: Martin Kušej präsentiert die Saison 2020/21

Mai 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wünsch‘ mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht“

Martin Kušej geht zuversichtlich in den Herbst. Bild: Susanne Hassler-Smith

Aus einem „Haus ohne Mann und Maus“ meldete sich Burgtheater-Direktor Martin Kušej via ORF III, um seine Pläne für die Spielzeit 2020/21 vorzustellen. Ihn selbst, erklärt Kušej im Gespräch mit „Kultur Heute Spezial“-Moderator Peter Fässlacher habe der #Corona-Lockdown mitten in den Vorbereitungen zur „Maria Stuart“ erwischt, die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen wird um ein Jahr verschoben und

soll nun im Sommer 2021 stattfinden, und befragt nach seinem Befinden sagt der „Chef“ (dies Kušej bevorzugte Betitelung): „Ich bin eigentlich ein relaxter und starker Typ, aber das hat mich in ein inneres Chaos gestürzt“ – vor allem wegen der Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Sorgen und oft nicht zu beantwortende Fragen. „Ich sehe #Corona aber auch als Chance noch selbstbewusster und klarer aufzutreten“, so Kušej weiter, der mit (Zweck-)Optimismus in die nächste Saison startet, denn: „Bei aller Demut – die letzten Monate haben gezeigt, dass es ohne Theater nicht geht.“ 31 Premieren sind geplant, über die sich der Motto-Bogen „der Mensch als politische Manövriermasse in einem System, in dem es um Macht und deren Gewinn geht“ spannt. Der „Körper“ steht im Mittelpunkt, der menschliche wie der gesellschafts-/politische.

Kušej: „In der momentanen Zeit und Situation wird noch sichtbarer und deutlicher, dass die ,Körper‘ Gegenstände politischer Regulierungen sind. Dieses Themenfeld ist angesichts der gegenwärtigen Krise ein zentraler Punkt der kommenden Spielzeit: die Politik der Körper. Wo finden wir verwaltete Körper und wo ihre unverwaltbaren, widerständigen Impulse? Wer besitzt Verfügungsmacht über die Körper?“ Jene acht Projekte, die diese Spielzeit nicht mehr zur Premiere kommen konnten, sollen nachgeholt, und beispielweise das „Peer Gynt“-Konzept vom isländischen Duo Arnarsson/Torfason auf die aktuelle Situation umgeschrieben werden, konkrete Termine wollen aber erst noch gefunden sein. Was Kušej verspricht, ist ein „Weg von krassen Experimenten und performativen Formaten, damit das Publikum gut und gerne an den Aufführungen andocken kann.“

Die kommende Saison wird am 11. September am Burgtheater mit Calderóns „Das Leben ist ein Traum“ in einer Inszenierung von Marin Kušej eröffnet. „Ob das eine Physical-Distancing-Fassung wird, keine Ahnung! Befreundete Regisseure, die in Deutschland bereits proben, sind verzweifelt und sagen mir, das geht gar nicht. Ich bin ein Perfektionist, damit muss ich also klar kommen“, so Kušej, und zum Stück:  „Es geht für mich darum, welchen Begriff von Freiheit wir als Menschen haben, wie wir uns über unsere Freiheit definieren. Dabei wird eine tiefgreifende Ungewissheit im Verhältnis zur Welt thematisiert. In diesem Gefühl der tiefen Verunsicherung sehe ich eine Parallele zu unserer Gegenwart. Es lässt sich daraus durchaus die Frage entwickeln, wie wir uns wieder aktiv in die Gestaltung unserer Welt einmischen, nachdem wir eingesperrt waren und in einem unwirklichen, traumhaften Zustand gelebt haben.“

Thomas Köck zeichnet in seinem neuen Stück „antigone. ein requiem“ das Bild der angeschwemmten Körper am Strand. Der Köck-Text wird die Eröffnungspremiere am 12. September am Akademietheater, Regie führt Lars-Ole Walburg. In Lucy Kirkwoods „Das Himmelszelt“ müssen die zwölf Geschworenen, alles Frauen, über den Körper einer jungen Mörderin befinden müssen – Regie: Tina Lanik. „Richard II.“, inszeniert von Johan Simons im November,  lässt sich als Abgesang von Menschen über Menschen und von Körpern über Körper begreifen: Im Moment des Machtverlusts verliert der junge König Richard II. mit der Souveränität auch das Gefühl für die eigene Unverletzlichkeit.

Michael Maertens. Bild: © Katarina Šoškić

Maria Happel. Bild: © Katarina Šoškić

Jan Bülow. Bild: © Katarina Šoškić

Sarah Viktoria Frick. Bild: © Katarina Šoškić

Zu sehen im März sind „Die Troerinnen“, die „gegen die männliche Verfügungsgewalt über ihre Körper kämpfen“; mit dieser Inszenierung stellt sich Regisseurin Adena Jacobs erstmals im deutschsprachigen Raum vor. „Im Reich des Todes. Politische Theorie“ schildert Rainald Goetz die planmäßige Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte bei der ersten großen Krise unseres Jahrtausends 2001, insbesondere die Abschaffung des Folterverbots und damit des Rechts am eigenen Körper. Regie bei dieser Mai-Erstaufführung führt Robert Borgmann. Simon Stone zeigt im April eine eigene Bearbeitung von Gorkis „Kinder der Sonne“, in dem die von den Herrschenden in Ungewissheit gehaltene Bevölkerung die Schuld an der Epidemie in der Geldgeilheit der Ärzte sucht. Und schließlich setzt in Handkes neuem, von Frank Castorf auf die Bühne gehobenen Stück „Zdeněk Adamec“ der Protagonist seinen Körper auf dem Prager Wenzelsplatz als Fackel und Fanal gegen die Welt ein.

Insgesamt wurden Regisseurinnen und Regisseure aus 14 Ländern eingeladen, die Saison 2020/21 mit ihren Inszenierungen zu gestalten. Wieder am Burgtheater führen Regie: Mateja Koležnik mit Strindbergs „Fräulein Julie“, in dieser Saison „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623), Ensemblemitglied Itay Tiran mit Taboris „Mein Kampf“, jetzt „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), Barbara Frey mit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“, in dem Maria Happel eine Hauptrolle übernehmen wird, und Dead Centre, deren „Die Traumdeutung nach Sigmund Freud“ zwiespältig aufgenomen wurde, mit der Uraufführung von „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ nach Ludwig Wittgenstein.

„Troerin“ Adena Jacobs, David Kramer mit Maurice Maeterlincks „Pelléas und Mélisande“, Antonio Latella mit Oscar Wildes „Bunbury“), Lucia Bihler mit Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ und Kommando Himmelfahrt, dies ein 2008 vom Hamburger Komponisten Jan Dvorak und Berliner Regisseur Thomas Fiedler gegründetes interdisziplinäres Theaterkollektiv, das sich künstlerisch mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Utopien beschäftigt, mit einer Uraufführung der „Zauberflöte“, auf die man gespannt sein darf, arbeiten erstmals am Burgtheater. Mit insgesamt sechs Uraufführungen und zehn Deutschsprachigen oder Österreichischen Erstaufführungen ist zeitgenössische Theater-Literatur eine tragende Säule im Spielplan, etwa mit Felicia Zellers „Der Fiskus“ in der Regie von Anita Vulesica, „Ode“ von Thomas Melle in der Regie von András Dömötör und Isobel McArthurs „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ in Koproduktion mit dem seit einigen Tagen von Maria Happel geleiteten Max Reinhardt Seminar in der Regie von Lily Sykes (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=15477).

Auch das Burgtheaterstudio befragt die Rolle des Körpers: In Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, in Szene gesetzt von Rüdiger Pape, stehen sich der nackte Mensch, der „body natural“, und die Verkörperung der Macht, der „body politic“, als Gegenspieler klar gegenüber. Fortgesetzt wird „Europa im Diskurs“, der Kollektivsalon mit dem Autorenkollektiv Hydra, früher Nazis & Goldmund, sowie Culinare L’Evrope mit literarischen und kulinarischen Beiträgen zusammen mit Lojze Wieser. Bevor nun in der tvthek.orf.at nachzusehen ist, was Maria Happel und Michael Maertens übers Zwischenkriegs-Sittengemälde „Automatenbüffet“, Sarah Viktoria Frick übers Fluch-Brechen und System-Hinterfragen in „antigone. ein requiem“ und Jan Bülow über den „Modernisten“ Richard II. sagen, befragt Peter Fässlacher den Burgtheater-Direktor noch zu seinen Herzensangelegenheiten für den Herbst. Darauf Kušej schlicht: „Wünschen Sie mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

www.burgtheater.at         Video: www.facebook.com/Burgtheater/videos/327845468182944           tv.orf.at/orfdrei

25. 5. 2020

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Burgtheater: „Tosca“ mit Birgit Minichmayr abgesagt

Februar 6, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Stattdessen inszeniert Martin Kušej „Das Interview“

Birgit Minichmayr. Bild: © Katarina Šoškić

Wegen künstlerischer Differenzen muss die geplante Inszenierung „Tosca“ in der Regie von Kornél Mundruczó abgesagt werden. Anstelle dieser Premiere wird das Burgtheater am 23. Februar im Akademietheater eine Neuinszenierung von „Das Interview“ nach Theo van Goghs Film in der Regie von Martin Kušej präsentieren. Es spielen Birgit Minichmayr und Oliver Nägele.

Kušej inszeniert diesen Text zum zweiten Mal, wiederum mit Birgit Minichmayr als Katja. Seit ihrer ersten Beschäftigung mit dem Thema vor mehr als zehn Jahren, diese 2009 als Gastspiel des Zürcher Neumarkt-Theaters am Schauspielhaus Wien mit Sebastian Blomberg als Pierre zu sehen (Rezension der NZZ: www.nzz.ch/der_kuschelteppich_als_minenfeld-1.4074619), sei das Vertrauen in die Bilder, die öffentlich produziert werden, weiter erodiert. „Zeit für eine Wiederbegegnung mit diesem brisanten Stück“, so das Burgtheater in seiner Aussendung.

www.burgtheater.at

6. 2. 2020

Burgtheater: Der nackte Wahnsinn

Januar 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Küss‘ den Kaktus

Der gar nicht so kleine grüne Kaktus darf natürlich nicht fehlen: Norman Hacker und Paul Wolff-Plottegg. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Tür auf, Tür geht nicht auf, Tür zu, Tür geht nicht zu, Treppe rauf, Treppe runter, und zurück zum Running-Gag-Teller mit den Sardinen. Die sind, in Österreich aus Biskottenteig und von der Flosse weg zu knabbern, nicht nur ein alter Silvesterbrauch, die Menschen drängten sich gestern auch wie diese in der Dose auf Ring und Rathausplatz. „Der nackte Wahnsinn“ spielte sich desgleichen drinnen ab, im Burgtheater, wo Martin Kušej seine letzte Premiere am Münchner Residenztheater dem Wiener Publikum für die letzte Nacht des Jahres aufbereitet hat.

Michael Frayns Komödien-Klassiker gehört in die Klipp-Klapp-Königsdisziplin, und dass Chef samt Crew diese aus dem Effeff beherrschen, stellen sie mit ihrem Applausometersprenger mühelos unter Beweis. Wiewohl die Stadt von der größten bis zur Kleinbühne Wahnsinns-verwöhnt ist, ist Kušejs Schlüssellochblick aufs Kunst-Gewerbe, als den er seine Inszenierung bei der obligaten Prosit-Neujahr-Ansprache ausgab, eine glückliche Angelegenheit. Der neue Hausherr, der bei Amtsantritt sinngemäß scherzhaft meinte, die Presse bekrittle/bekritzle ihn gern als spaßbefreit, straft die Beschreibung mit dieser Arbeit Lügen.

Und siehe, er muss nicht ausschließlich in düsteren Farben malen, er kann’s auch ebenso in Blendweiß, hat ihm Bühnenbildnerin Annette Murschetz für Akt eins wie drei doch einen grellhellen Spätsiebziger-Interieuralbtraum aufgebaut. Einen aufschneiderischen Protzschuppen samt Neonleucht- und abstrakter Kunst an den Wänden. Die von Heide Kastler gewandeten Schauspieler motzen das Ambiente noch zusätzlich mit Duran-Duran-Gedächtnis-Klamotten und Pornoschnauzbart, mit Pythonprint-Catsuit und Farrah-Fawcett-Föhnwelle auf – klar, dass Frau Klacker da in der Röhre eine Doppelfolge „Dallas“ gucken will.

Diese Putzperle spielt Sophie spielt Sophie von Kessel. „Der nackte Wahnsinn“ ist in Kušejs Interpretation ein Making of Theater auf dem Theater, man sieht die Generalprobe, Monate später die Backstage-Situation und mehr Monate später den Tourneeverschleiß der immer selben Produktion. Kušej hat Frayns legendäre Persiflage von der britischen Provinz in heimische Gefilde verlegt, genussvoll lässt er seine wild gewordene Boulvardeska aufs Publikum los – deren Spiel im Spiel es ist, unter dem jeweils wirklichen Vornamen in eine „Rolle“ im Stück „Nackte Tatsachen“ zu schlüpfen. In Szene gesetzt von – Spoiler: Selbstironie! – Martin K., Regisseur, der auf ebener Erdrealität und auf Metaebene Liebe, Lügen, Leidenschaften im Griff haben muss, der mit Zufälligkeiten, Koinzidenzen, Alkoholkonsum und Quickies zu kämpfen hat, alle sind irgendwann nicht am, sondern überm Rande des Nervenzusammenbruchs, und fällt am Ende der Vorhang, fällt er tief.

Thomas Loibl, Norman Hacker gottöberstgleich als Martin K. und Sophie von Kessel. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Hacker und Deleila Piasko instruieren Paul Wolff-Plottegg über seinen „Einbruch“. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Till Firit und „Inspizient“ Arthur Klemt als verschlafener Scheich-Einspringer. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Loibls Thomas und Norman Hackers Martin K. diskutieren über dessen Regieanweisungen. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Virtuos und ein Vergnügen zuzusehen ist, wie hier erstklassige Darsteller drittklassige Kollegen in einem letztklassigen Drama geben. Kušej dreht die Schraube von Durchlauf zu Dernière stärker und stärker auf Tempo, die Aufführung ist bis ins kleinste Detail durchchoreografiert, präzise im Rhythmus und perfekt im Zusammenwirken – welch eine Leistung! Wie das Ensemble über Möbel springt und über Stiegen fällt, heult, mit dem Schicksal seiner Charaktere hadert, aufeinander hinhaut, wie falsche Auftritte und fallende Hosen korrespondieren, da bleibt auf keiner Seite der Rampe viel Zeit zum Luftholen. Und wer denkt, der pantomimische Hinterbühnen-Slapstick von Akt zwei sei schon der Höhepunkt, darf nicht vergessen, dass es gleich danach in eine dritte Runde geht.

Das deutsche Feuilleton hatte vor einem Jahr zum Teil das Fehlen von „Dekonstruktion“, von Deutung, von „gepflegtem Assoziieren und Philosophieren“ bemängelt. Häh? Mit seinem Text hat doch Frayn höchstselbst den Theaterapparat in seine Bestandteile zerlegt. Kušej folgt ihm auf seinem Weg in die subtil grausamen Abgründe dieser Farce, beider Spötteleien dabei die eines so lust- wie qualvoll Liebenden. Für die Wiener Premiere hat der Regisseur das Festival, bei dem sich „die Schauspieler ihre Stücke selbst erfinden“, als die Festwochen festgemacht, während Martin K. parallel in Salzburg den Jahrhundert-„Jedermann“ probt. Kušejs Lebenspartnerin Sophie von Kessel war auf dem Domplatz schon die blaugekleidete Buhlschaft – ob sich da ein Wink mit dem Zaunpfahl als Augenzwinkern tarnt?

Von Kessel / Sophie hat auch hier eine Glanzrolle, „Frau Klacker“, die Haushälterin mit Hängebusen und Hüftbreite, in Kittelschürze und Gesundheitsschlapfen, eine Zunge wie ein Schwert, aber das Herz am rechten Fleck, und in der Handhabung der Dutzende von Sardinen, ein Nonsens, mit dem Frayn nonstop sinnlose Regieeinfälle frotzelt, unübertroffen. Als Sophie hat von Kessel eine Amour fou mit Firit / Till, der Endlich-Wien-Heimkehrer, der seine Figur mit talismanblonder Perücke als eifersüchtigen Heißsporn anlegt, wenn er nicht Immobilienmakler „Roger Trampelmann“ gibt, in der Rolle ein nicht weniger verrückt-verzweifelter Lover als „in echt“ – und in beiden Verkörperungen kommt Thomas Loibl in seine Gassn.

Der fulminante Philipp II. (Don-Karlos-Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35726) nun großartig als steuerflüchtiger Dramatiker „Franz Xaver Hötz“, jede Ähnlichkeit mit lebenden, deren Name mit „Kr-„ beginnt, wohl alles andere als zufällig, der unverhofft nach Hause kommt und Trampelmann beim Pantscherl im vermutet leerstehenden Haus stört, und als Thomas, der auf Tour die Sünde begeht, mit Sophie eine seelengeblähte Nacht lang zu saufen. Die Damen in Begleitung sind: Genija Rykova, als „Vicki“ Trampelmanns dümmlich-naiver Love Interest, als Genija Geliebte des Regisseurs, ihr Running Gag das Verlieren, ergo blindlings Anrennen, Suchen und Finden der Kontaktlinsen; sowie Katharina Pichler als „Belinda Hötz“, aufgetakelte Bitch und Autorengattin mit ausladendem Killerhüftschwung, und Kata – der gute, gschafthuberische Kumpel der Kompagnie, der sich vor allem um den kürzlich erst von seiner Frau verlassenen und unter langer Leitung leidenden Thomas sorgt.

Norman Hacker und Genija Rykova. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Loibl, von Kessel, Hacker und Pichler. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Klemt mit Kaktus, Hacker und von Kessel. Bild: © Matthias Horn / Burgtheater

Arthur Klemt ist als Herr Klemt der Inspizient, das Mädchen für alles, vor allem für Katastrophen, und als solcher im entscheidenden Moment sicher an der nicht richtigen Stelle. Deleila Piakso scheint ihn als Regieassistentin Mechthild menschlich zu kümmern, doch die trägt ein bittersüßes Geheimnis von Martin K., und ein solches ist es auch, warum sich dieser die verhuschte, ein wenig ungepflegt wirkende graue Maus ins Bett geholt haben sollte. Zumal die in der MitarbeiterInnen-Liste geführte um Weltklassen attraktiver ist. Paul Wolff-Plotteggs Paul ist der Griff zum Hochprozentigen wichtiger als der zum Textbuch, trotzdem ist er ein alter Haudegen, der sein Handwerk beherrscht und seine Auftritte als „Einbrecher“ maximal wegen Schwerhörigkeit schmeißt.

Dennoch ist das Ensemble jeden Abend von Neuem froh, findet er sich im Theater ein, ohne eine volle Flasche gefunden zu haben. Bleibt Norman Hacker als Martin K., ein Großmannssüchtiger, dessen Gottvater-Komplex von seinen Schutzbefohlenen allerdings auch befeuert wird, wenn sie ihn wegen jeder Kinkerlitzchen-Krise hysterisch um Beistand anbeten. Via diese Figur in Klischee-Schwarz handelt Kušej das ab, was die Zuschauer anstandslos als Interna ansehen, Streitereien mit Schauspielern, die eigene inszenatorische Ideen entwickeln, die Regieentscheidungen hinterfragen, fruchtlose Diskussionen, Chaos, Aneinander-Vorbeireden statt Einander-Zuhören. „Und sie stoppten endlich, und Gott sah, dass es beschissen war“, unterbricht Hackers K. einmal die Bühnenaction. „Genau so geht es auf dem Theater zu“, versichert Kušej am Schluss.

Dass nicht alles Nörgelei und Nervosität, Affäre und Animosität ist, versteht sich im Allzumenschlichen. Die Tingeltruppe übt sich auch in Solidarität, während im zweiten Akt ein geräuschlos ausgeführtes Hinterbühnen-Handgemenge die Lacher garantiert, geräuschlos deshalb, weil „vorne“ ja Vorstellung, rettet man sich im dritten mit aus der Not geborener Improvisation bei Patzern und in den Schrecksekunden falscher Anschlüsse. „So muss es auf der Titanic gewesen sein, als die Kapelle weitergespielt hat“, sagt K.-Hacker. Alles ist jetzt Schmiere und das ohnedies programmierte Overacting steuert auf den Gipfel eines Humors zu, über den Fritz Kortner einmal mehr unter seinem Niveau gelacht hätte.

Alles ist Kulisse und Fundus, schön wie das bereits bekannte Bühnenbild nach den En-Suite-Wochen deutlich sichtbare Gebrauchsspuren hat. Aus gewitzt wird irrwitzig je mehr die Sache aus dem Ruder läuft. Es kommt zu Text-, heißt: Gagklau, von Kessels Sophie lässt hinterfotzig die Fische fallen, für die anderen eine Rutschpartie. Wunderbar die Szene Firit  / Till / Trampelmann mit Rykova / Genija / Vicki, er im Wortsinn völlig von der Rolle, weil das Pointen-Klipp-Klapp kippt statt klappt, sie stur ihre nunmehr komplett unpassenden Sätze aufsagend, und plötzlich stehen drei „Einbrecher“ im Hötz’schen Wohnzimmer. Zu Sardinentellerakrobatik und Firits gekonntem Stiegenstunt fehlt natürlich auch die berühmte Kaktus-Küss-Szene nicht – mit einem gar nicht so kleinen grünen, phallusförmigen. Und siehe, aus dem Schenkelklopf-Tohuwabohu ward exzellent Absurdes Theater, und das Publikum sah, dass es gut war …

www.burgtheater.at

1. 1. 2020

Burgtheater: Die Hermannsschlacht

November 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zersägte Jungfrau in fünfzehn Einfriersackerln

Im Liebesblutrausch nach der Jagd auf den Auerochsen: Bibiana Beglau als Thusnelda und Bardo Böhlefeld als Ventidius, Legat von Rom. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auf der Innenseite des Programmhefts sind die Standorte der Cherusker, Sueven und Cimbern verzeichnet, und mitten drin der Stamm der Miss- vergnügten, und nein, das ist kein Feixen punkto Zuge- hörigkeiten, so dramatisch ist es nicht. Eher ist es das zu wenig. Weshalb mit folgenden Anmerkungen begonnen werden soll, nämlich, dass zum einen kaum jemals ein Burgtheater-Ensemble seinen Text so wortundeutlich vor sich hingemurmelt hat.

Als auf der Bühne der Satz fällt „Ich verstehe kein Wort“, ertönt aus dem Publikum ein belustigtes „Wir auch nicht!“ – und Lacher!, und nur, weil das Nachbarhaus genau dafür seit Jahren gescholten wird, Ringseitenwechsler Rainer Galke als Sueven-Fürst Marbod ist der bei Weitem Bestverständliche. Zum anderen aber, und das scheint tatsächlich schwerer zu wiegen, ist die Lesart der Thusnelda eine fatale, nicht nur aus frauenbewegter Sicht, sondern auch aus dramaturgischer, wurde der Figur doch jede tragische Fallhöhe genommen. Bei einem werkeinführenden Gespräch leitete Darstellerin Bibiana Beglau vom einstigen Kosenamen ihres Charakters zum nunmehr salopp abwertenden „Tussi“ über – und bei dieser Rollenzuschreibung ist sie auch geblieben.

So weit, so … also: Martin Kušej hat gestern seine erste Neuinszenierung für Wien präsentiert, der Chef, weil die Betitelung Direktor mag er gar nicht, der sich gern als kontroversieller Regisseur gibt, ein ebensolches Stück für diese Auftaktarbeit ausgewählt, Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“, und am Ende mit gutgelaunter Castorf’scher Geste die gelegentlichen Buh-Rufer zu einem „Mehr! Mehr!“ eingeladen. Allein, dazu verebbte der Applaus allzu bald.

Von Kleist 1808 geschrieben und angesiedelt 9 n. Chr., verweist der stets jenseits der etablierten Literaturlager stehende Außenseiterautor mit der Vernichtung der Varus-Legionen im Teutoburger Wald auf der Deutschen Virtualität gegen die napoleonischen Truppen, die „Hermannsschlacht“ ein fünfaktiger Aufruf zu Widerstand und Waffengang, die Cherusker ganz klar die Preußen, die Römer gleich den Franzosen und die Sueven eine Handvoll Österreicher. Doch waren’s nicht Kleists Zeitgenossen, sondern erst die Nationalsozialisten, die das Historiendrama als teutschen Mythos und Appell zum totalen Krieg freudig aufführten.

Aufgedonnert für die Römer: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Ehe ist ein Ringelspiel: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Feldherr Varus hat „Tussi“ Thusnelda reich beschenkt: Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Zwischen diesem ideologisch kontaminierten Pol und dem des baskenbemützten Peymann’schen Partisanenkämpfers aus dem Jahr 1982 bewegt sich Kušej, der als seine Referenz die Schriften von Barbara Vinken, vor allem ihre Monografie „Bestien. Kleist und die Deutschen“ nennt, und in Kenntnis dieser wird offenkundig, dass Kušej deren Thesen vollinhaltlich spielen lässt. Heißt: „Die Hermannsschlacht“ nicht als Propaganda-, sondern als Lehrstück in Sachen derselben, heißt: Hermann als zynischen Hetzredner, Vinken nennt seine bevorzugte Rhetorik die der Rhetoriklosigkeit, Kušej ihn einen „Bruder im Geiste aller Fake-News-Populisten“, Hermann ein Kriegs-Führer ohne Schlachtenmoral, ein Gatte, der seine Frau Thusnelda systematisch vom sexuellen Lockvögelchen für Ventidius zur Bestie entmenscht.

Auf der Bühne des Burgtheaters hat Martin Zehetgruber einen Wald aus phallischen Betonwellenbrechern aufgebaut, und ein rotierendes Pferdekarussell. Doch bevor dies zu sehen ist, findet Stefan Wieland als Römer Scäpio in der den Abend dominierenden Düsternis noch einen ausgeweideten Frauenkörper. Das Opfer einer Kulthandlung, mit Hirschgeweih/Dornenkrone und in Blut gezeichnetem, hakenkreuzähnlichem Symbol auf der Schulter, eine Warnung an alle, dass weitere Gräueltaten folgen werden. Siehe die bei Kušej eindeutig von Hermann als Befehl an seine Schergen ausgegebene und den Gegnern angelastete Massenschändung eines germanischen Mädchens.

Die Hally-Szene, die hier darin gipfelt, die zersägte Jungfrau als sozusagen fachmännisch aufgebrochene Jagdtrophäe in fünfzehn Einfriersackerln den ebenso vielen Stämmen zu übermitteln – ein Anblick, der je nach Betrachtung von freiwillig gewählter oder unfreiwilliger Komik ist, während Kušej den Ventidius‘schen Bärenfraß deutlich dezenter andeutet, ist im lichtlosen Zwinger ja nichts zu erkennen, dafür umso mehr zu erahnen. Thusnelda wurde von Hermann zu dieser hasserfüllten Handlung heißgemacht, der Bärendienst einer Barbarin, und Kušej lässt, wie im Fall Hally, keinen Zweifel daran, dass der Brief, in dem Thusneldas römischer Lover seiner Kaiserin Livia deren Goldhaar als Kriegsbeute verspricht, vom Cherusker-Fürsten fingiert ist.

Wie gesagt, Bibiana Beglau macht die manipulierte Rachsüchtige, erst mit Ventidius halbnackt-erotisch vom rohen Auerochsenfleisch fressend, dann hundehechelnd zu Hermanns Füßen, wenig später sich blöd-begeistert mit Varus‘ Goldgeschenken behängend, der Dressurakt von Weib zu Weibchen zu wildem Tier frühzeitig vollzogen, vorweggenommen, Effekt im Eimer. Wobei von der von Kušej angekündigten einzigen Humanistin weit und breit von Anfang an keine Spur ist, und er letztlich auch ihr entsetzliches Ehedrama verschenkt. Stattdessen spielt die Beglau eine an die Schmerzgrenze gehende Stupidität. „Schau mal!“, schreit dieser Blondinenwitz auf Beinen den Hermann an, damit er sieht, wie sich seine Landpomeranze, in Highheels stöckelnd, mit grellblauen Augen-Makeup, ihr zerzaustes Haarnest als Römerinnen-Style ausgebend, für den Besuch der Besatzer zurechtgemacht hat.

Der römische Schreiber Scäpio findet im Wald ein ausgewaidetes Frauenopfer: Stefan Wieland und Valerie Martin. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Gipfeltreffen: Scheumann, Wieland, Falk Rockstroh als Varus, Böhlefeld, Wolfram Rupperti als Aristan und Till Firit als Septimius. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fackelzug in Gauleitergelb: Dietmar König als Egbert, Scheumann, Paul Wolff-Plotegg als Eginhardt und Max Gindorff als gemeuchelter Bote. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die österreichischen Sueven bei Bratwürstl und 16er-Blech: Marcel Heuperman als Attarin, Rainer Galke als Marbod und Robert Reinagl als Komar. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Markus Scheumann hingegen ist als Hermann ein intellektueller, listenreicher, vornehmlich jedoch leiser Intrigant, der fast unmerkbar fein Freund und Feind verhöhnt, und der vor der Pause vorwiegend so agiert, als ginge ihn das alles nichts an. Mit moralinsaurer Miene ordnet dieser Teflonmann die ärgsten Monstrositäten an, motiviert andere eiskalt zu Meuchelmorden, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass das alles nicht in seinem Interesse geschehe – umso abscheulicher die Verwandlung im zweiten Teil, wenn er Gift und Galle spuckend mit den dumben, deutschen Ochsen abrechnet, die seine Intentionen nicht begreifen können, Scheumanns Hermann nun mutiert zum rechtsnationalen Demagogen, vom völkischen Beobachter zum Gewaltherrscher.

Als sein Kontrahent Varus bleibt Falk Rockstroh so blass, als hätte er sich bereits mittels des eigenen Schwertes entleibt, der Rest, Paul Wolff-Plottegg, Dietmar König, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Till Firit, Wolfram Rupperti, Arthur Klemt …, verkörpert Diverse und dies durchwegs unauffällig. Zur Kennzeichnung der allesamt Anzugträger sind die germanischen Haudraufs barfuß, die römischen Politfunktionäre in schicken Schuhen unterwegs. Die Sueven, Rainer Galke, Marcel Heuperman und Robert Reinagl, trinken zu ihren Würsteln Ottakringer aus der Dose, einige Sätze der Römer sind in ein Küchenlatein übertragen, durch welches holpernd sich nur Bardo Böhlefeld als Ventidius mit leicht italienischem Idiom tapfer schlägt.

Es war von Kušej vorab vermeldet, er werde „Die Hermannsschlacht“ zur politischen Positionierung des Burgtheaters benutzen, ergo geschieht der Hinterhalt gegen Varus als Fackelzug in gauleitergelben Langmänteln samt Fasces-Armbinden. Unter der Montur sind die Germanen nackt, so wie die Jünglinge, die das Ringelspiel hereinrollt – ob das als Seitenhieb auf SS-Homosexualitäten zu interpretieren sein soll, bleibt einem selbst überlassen. Und das Resultat – fad: Kleists Splatterorgie kommt in Kušejs langatmiger Auslegung nur bedingt zu ihrem Recht. Zwar gelingen Zehetgruber starke, mitunter giftgrüne oder schwefelgelbe Nebelbilder, zwar dröhnt die Musik von Bert Wrede äußerst unheilvoll zu den – no na – Blackouts, doch insgesamt kommt die Angelegenheit nicht in die Gänge. Warum nur wurden die Darsteller dazu angehalten, derart zu unterspielen?

Als Schlussbild jedenfalls stehen die geeinten Mannen als Burschenschafter im Festwichs und mit glänzenden Stiefeln da, Thusnelda nun ein BDM-Gretchen in grau-biederem Kostüm, und rufen ihrem Hermann „Heil!“. Die Grußbotschaft verstanden? Aber ja!

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TV-TIPP: ORF III zeigt am 1. Dezember, 20.15 Uhr, eine Aufzeichnung der Inszenierung „Die Hermannsschlacht“: tv.orf.at/program/orf3

  1. 11. 2019