Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

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  1. 9. 2019

Burgtheater: Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

September 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ehe-Exzess auf Scherbenhaufen

Noch verläuft die Party gesittet: Norman Hacker als George, Nora Buzalka als Honey, Bibiana Beglau als Martha und Johannes Zirner als Nick. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Als dritte Premiere seiner Amtszeit übersiedelte Martin Kušej seine 2014er-Inszenierung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ vom Münchner Resi ans Burgtheater. Wohl kaum ein Theatergeher, der’s nicht schon gesehen hat, dies Ehe-Gemetzel, für das ein älteres Paar ein jüngeres vorgeblich zum Absacker nach einer Party beim Collegerektor in sein Haus einlädt, tatsächlich um ein Publikum für sein scheußliches Schauspiel zu haben.

Und so verstricken Geschichtsdozent George und Rektorentochter Martha den neu am College engagierten Biologieprofessor Nick und dessen Bessere-Hälften-Hascherl Honey immer tiefer in ihre grausamen Rituale. Es wird einander verhöhnt und gedemütigt und es dem jeweils anderem mit gleicher Münze heimgezahlt. Das von Jessica Rockstroh dafür entworfene Schlachtfeld ist ein klinisch weißer Laufsteg, ein unterkühlt-stylischer Raum für die bald erhitzten Gemüter. Im symbolträchtigen Abgrund darunter lauert der sprichwörtliche Scherbenhaufen aus zerschmissenen Flaschen und Gläsern, der stetig wachsen wird, wenn in der nun folgenden alkoholtriefenden Atmosphäre Geheimnisse enthüllt und Glückslügen entlarvt werden.

Mit der giftgrünen Leuchtschrift „Fun and Games“, Albees Betitelung des ersten Akts, eröffnet Kušej den mutmaßlich berühmtesten Ehe-Exzess der Dramengeschichte, bezeichnen doch Martha und George ihre kriegerische Auseinandersetzung als „Spiele mit festen Regeln“. Am Burgtheater wissen Bibiana Beglau und Norman Hacker mit gezielten Verbalschlägen ins Schmerzzentrum des anderen zu treffen, bis es ihnen selbst wehtut. Ihnen zur Seite stehen Nora Buzalka als Honey und Johannes Zirner als Nick. Kušej nimmt sich des Seelenzerstückelungsstücks als – Zitat – „ganz große Liebesgeschichte“ an. Er lässt Beglaus Martha und Hackers George ihre tiefenpsychologische BDMS-Beziehung auf der Bühne mit einem Infight um Georges Hosenreißverschluss beginnen.

Das verbale In-die-Ecke-Treiben wird zum sexuellen Akt: Bibiana Beglau und Norman Hacker. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dank zu viel Alkohol wird daraus mit Sicherheit kein Nick-Fick: Johannes Zirner und Bibiana Beglau. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Das In-die-Ecke-Treiben wird somit vom Wortgefecht zum greifbar sexuellen Akt, doch wie bei Kušej Albees Protagonisten heftig aufeinanderprallen, so hart trennt er sie wieder – mittels Blackouts, als müsste per Stromausfall die Hochspannung abgemildert werden. Dass der derart in Tableaux geteilte Text nichts an seiner emotionalen Intensität, sie scheint Kušej wichtiger als der scharfanalytische Gesellschaftskritikblick, den man aus anderen Aufführungen kennt, verliert, ist dem grandiosen Darstellerquartett zu danken. Allen voran der prima inter pares dieses Abends, Bibiana Beglau, die ihre Martha zetern und keifen, wimmern und anklagen lässt. Mit großer Lust am Vulgären gestaltet sie diesen im Wortsinn Man-Eater, doch kann in Windeseile von tyrannischer Verführungskunst zu würgender Traurigkeit, von furioser Salonlöwin zu gehässiger Megäre wechseln.

Gleichzeitig verletzend und verletzlich wirbt sie um ihren Mann, dem Norman Hacker Kontur verleiht. Sein George ist alles andere als der übliche Schwächling, im Gegenteil mimt er den abgeklärten Intellektuellen, für den die akademische Laufbahn angeblich bedeutungslos ist, der aber in Wahrheit seine Wunden mit süffisantem Sarkasmus und einer schaumgebremsten Schadenfreude pflegt. So beklemmend erst Marthas und Georges Versuch, sich vor den Gästen heiter zu geben, ist, so furchterregend wird die Stimmung je mehr sich die Gewaltspirale in die Höhe schraubt. „Gut, besser, am besten, bestialisch“, steigert der bis aufs Blut reizende George seine Martha, und gibt sich nach ihrem misslungenem Fick mit Nick vollkommen gleichgültig. Da mutiert Martha kurz zum nackten Elend, und die kleine Geste, mit der George der unbekleidet Hingestreckten schnell sein Sakko überwirft, sagt mehr über die beiden aus, als ihr fortwährendes Geplänkel. Sie rafft sich aber rasch wieder auf, um dem Koital-Versager den Rest zu geben.

Und während solcherart die Handgreiflichkeiten handfester werden, es George gelingt, der Runde Geständnisse zu entlocken, die er im Handumdrehen gehen sie einsetzt, versucht Johannes Zirner als erst herzenskalter, nun in Grund und Boden erniedrigter Ehrgeizling Nick zumindest seine Männlichkeitsfassade aufrecht zu erhalten, indem er sich Honey gegenüber immer brutaler und unflätiger benimmt. Schon glaubt man, dass die Jungen jederzeit die Plätze der im eigenen Wahnwitz brodelnden Gastgeber einnehmen werden. Doch Nora Buzalkas Honey ist nicht bereit sich unterkriegen zu lassen, sie stattet die sonst meist unbedarft Naive stattdessen mit aufbegehrendem Stolz und trotziger Würde aus. Es ist dieser Charakter von dem es anzunehmen gilt, dass er diese durchsoffene Nacht am ehesten unbeschadet übersteht.

Smalltalk überm Scherbenhaufen: Norman Hacker, Bibiana Beglau, Nora Buzalka und Johannes Zirner. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Bis dahin aber brechen die Krusten der Gutbürgerlichkeit auf, darunter fließt ein Lavastrom alles verzehrender Leidenschaften, und Martha begeht den Kardinalfehler, das einzige ihr von George verbotene Thema aufs Tapet zu bringen, den „verstorbenen Sohn“, die gemeinsame, vor der Außenwelt bis dahin beschützte Illusion des nachkommenlosen Paares – mit der Folge: totale Eskalation, inmitten der George Martha zwingt, sich von der Flucht in ihre Vater-Mutter-Kind-Fantasiewelt zu verabschieden. Nie traf Sartres Spruch „Die Hölle, das sind die anderen“ trefflicher zu, als auf Albees Viererbande.

In der Kušej-Produktion strecken Martha und George am Ende erschöpft die Waffen, bevor sie nach seiner Hand tastet und sie schließlich in die ihre nimmt. Man wünscht den beiden, dass sie’s vom von Kušej mit Verve befeuerten Ehe-Inferno jetzt endlich über den Läuterungsberg im Purgatorio schaffen.

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  1. 9. 2019

Burgtheater: Martin Kušej präsentiert seinen Spielplan

Juni 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen

Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej im Bühnenbild der Eröffnungspremiere von „Die Bakchen“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Vorsicht ist geboten, verlangt Martin Kušej doch künftig von jedem, der einfach nur „Burg“ sagt und aufs „-theater“ verzichtet, 10 Euro. Erfrischend, dass gleich einmal eine seiner Mitarbeiterinnen das diesbezügliche Sparschwein wegen eines Verplapperers füttern wird, hocherfreulich, dass sich der designierte Burgtheaterdirektor heute Vormittag mit seiner Dramaturgie umgab, um gemeinsam seinen ersten Spielplan am Haus vorzustellen.

Nichts weniger als eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen verspricht der neue Hausherr, der drei Säulen für die Zukunft vorstellt: Vielsprachigkeit, den Dialog mit der nächsten Generation von Theaterbesuchern und die Auseinandersetzung mit der digitalisierten Gesellschaft. Was, so Kušej, ihm gleichbedeutend sei mit einer Rückbesinnung auf den Schauspieler als Wesen aus Fleisch und Blut. Er wolle, sagt er, „markante Geschichten mit starken Darstellern erzählen und Wien zum Brennglas für Europa machen“. Um das zu gewährleisten, wurden nicht nur Regisseurinnen und Regisseure aus 13 Ländern und die meisten zum ersten Mal nach Wien eingeladen, spannende Namen, die sich mit dem politischen Klima in Osteuropa beschäftigen oder einen Island-Schwerpunkt gestalten werden, sondern auch das Schauspielpersonal aufgestockt.

Elma Stefanía Ágústsdóttir kommt aus Island, Itay Tiran aus Israel, Annamária Láng, dem österreichischen Publikum bereits bestens bekannt (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=20141) aus Ungarn. Wie schon verlautbart, übersiedelt Florian Teichtmeister von der Josefstadt auf die andere Seite des Rings, ebenso Rainer Galke vom Volkstheater. Till Firit kehrt nach Hause zurück, wie auch Birgit Minichmayr und Tobias Moretti. Aus München nimmt Kušej Bibiana Beglau, Norman Hacker, Franz Pätzold und Johannes Zirner mit. „Wir finden ganz Europa, mehr sogar, mindestens die halbe Welt, in Wien – wir wollen das Haus noch mehr öffnen, als es bisher der Fall war – das Burgtheater soll ein Ort sein, an dem sich alle Wienerinnen und Wiener und die, die es im Begriff sind gerade zu werden, wiederfinden sollen. Das Burgtheater wird ein Raum der Extreme sein – extrem kontrovers, extrem vielgestaltig, extrem dringend, extrem zeitgenössisch, extrem laut, extrem leise, extrem österreichisch, extrem international. In diesen Raum sind alle in dieser Gesellschaft eingeladen“, so Martin Kušej.

Der nebenbei verrät, dass das Ensemble der Eröffnungspremiere am Akademietheater, Wajdi Mouawads Vögel am 13. September, bereits eifrig hebräisch und arabisch lernt. Los geht es aber tags zuvor am Burgtheater mit Die Bakchen in der Regie von Ulrich Rasche, am 14. September folgt eine Kušej-Übernahme vom Residenztheater, Wer hat Angst vor Virginia Woolf, und noch drei weitere Premieren werden von dort übernommen: Faust am 27. September, Don Karlos im Oktober, Der nackte Wahnsinn im Dezember und auch als Silvestervorstellung. Neu inszenieren wird Kušej für den November Die Hermansschlacht, diese in Wien naturgemäß von Claus Peymann besetzt, weshalb Kušej zugibt, „lange Zeit gedacht zu haben, der Kleist-Stoff ist nix für mich, aber wenn man ihn ganz anders liest, passt er hervorragend in die heutige europäisch-politische Zeit.“ Das Bühnenbild wird Martin Zehetgruber besorgen.

Großer Medienrummel bei der Spielplanpräsentation auf der Burgtheaterbühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Kušej bringt vier seiner Arbeiten aus München mit und inszeniert neu „Die Hermannsschlacht“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weitere Highlights: Anne Lenk zeigt Sally Potters The Party (21. September, Burgtheater), Gesine Danckwart und Caroline Peters mit Theblondproject im Oktober im Kasino eine Produktion über die Lust und den Frust blond zu sein. Kušej setzt also auf Frauenpower, holt auch Ene Liis Semper und Tiit Ojasoo für Meister und Margarita, Mateja Koležnik für Maria Lazars Der Henker, Anne-Cécile Vandalem mit ihrem Stück Tristesses und Starregisseurin Katie Mitchell für 2020 oder Das Ende – dies die nächstjährige Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Auch gute alte Bekannte sind Teil von Kušejs Burgtheaterauftakt: Kornél Mundruczó zeigt mit Kata Wéber im November eine Tosca nach Victorien Sardou, Simon Stone Die Letzten nach Maxim Gorki, der kroatische Aufregerregisseur Oliver Frljič Heiner Müllers Die Hamletmaschine, Sebastian Nübling This Is Venice nach Shakespeares „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“ und Nikolaus Habjan mit seinen Klappmaulpuppen Ladislav Fuks‘ von Franzobel für die Bühne bearbeitete Erzählung Der Leichenverbrenner.

Der designierte neue Volkstheaterdirektor Kay Voges stellt sich mit der Endzeitoper von Paul Wallfisch Dies Irae – Tag des Zorns vor

(mehr zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=33586). Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson wird seine wuchtige Edda aus Hannover in Wien zeigen und sich erneut dem Peer Gynt widmen. Ben Kidd und Bush Moukarzel von der irischen Theatertruppe Dead Centre beschäftigen sich mit Sigmund Freuds Traumdeutung. Fürs Vestibül schreibt Roland Schimmelpfennig Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin. Womit die Rede auf die jüngsten Theatergeher kommt, die künftig vom Burgtheaterstudio im Vestibül bedient werden, mit den neuen Kooperationspartnern Gleis 21 und der Brunnenpassage verstärkt aber auch in der ganzen Stadt. Das Kasino wiederum wird zum Ort der Auseinandersetzung und der Diskussion. Unter den Extras Apropos Gegenwart mit Isolde Charim und Sasha Marianna Salzmann, Der Kollektivsalon von Nazis & Goldmund oder der von Oliver Frljić und Srećko Horvat kuratierten Reihe Europamaschine findet sich ein besonderes Schmankerl: Lojze Wieser wird bei Culinaire L’Evrope für kulinarische Überraschungen mit passender Wein- und Geistbegleitung sorgen.

Befragt nach weiteren multikulturellen, mehrsprachigen Plänen wird Kušej zum Schluss noch einmal konkret: „Ich bin im Gespräch mit John Malkovich und könnte mir vorstellen, dass er am Burgtheater einen Schnitzler spielt.“

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  1. 6. 2019

Martin Kušej übernimmt das Burgtheater

Juni 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Amtsantritt des neuen Intendanten erfolgt 2019

Der neue Burg-Herr: Martin Kušej. Bild: BKA/Andy Wenzel

Nun ist es amtlich: Martin Kušej wird der neue Intendant des Burgtheaters, vorerst bestellt für die Jahre 2019 bis 2024. Dies gab der hocherfreute Kulturminister Thomas Drozda Freitagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt.

„Ich freue mich, dass der wichtigste Regisseur des Landes endlich das bedeutendste Theater des Landes übernehmen wird, und sich seiner Lebensliebe – dem Burgtheater – widmen kann“, streute Drozda Rosen. „Ich bin davon überzeugt, dass Martin Kušej das Haus mit Intellekt, Lust und Weitblick führen wird.“ Um nichts weniger enthusiasmiert der designierte neue Burg-Herr, der es kaum erwarten kann, „ein neues, spannendes Kapitel in der Geschichte des Burgtheaters schreiben zu können. Es wird meine Aufgabe sein, ein gutes Theater noch besser zu machen“, so Kušej.

Kulturelle Toleranz, gesellschaftliche Öffnung, die Bewahrung von politischen Tabus müssten ebenso wie die Realität einer multikulturellen Gesellschaft ernst genommen werden – gerade in einem modernen Wien voller verschiedener Kulturen und Sprachen. Und weiter: „Meine Aufgabe wird es auch sein, die nächsten Jahrzehnte vorauszudenken, damit sich das Burgtheater den Anforderungen der Zukunft – etwa die Herausforderungen durch das digitale Zeitalter – stellen kann“.

Thomas Königstorfer bleibt auch weiterhin kaufmännischer Geschäftsführer. Drozda dazu: Königstorfer habe sich nach der Ausschreibung unter sechs Kandidaten – darunter fünf Männer und eine Frau – als bestgeeignetster Kandidat durchgesetzt.

www.burgtheater.at

30. 6. 2017

Theater an der Wien: The Rake´s Progress

September 9, 2013 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Martin Kušej inszeniert Igor Strawinski

Am 16. September hat am Theater an der Wien Igor Strawinskis „The Rake’s Progress“ Premiere. Eine Neueinstudierung der Produktion aus dem Jahr 2008. Es inszeniert Martin Kušej. Seit seiner Ankunft 1939 in Amerika suchte Igor Strawinski nach einem Thema für eine englischsprachige Oper. Als er 1947 im Chicago Art Institute das erste Mal William Hogarths Kupferstichfolge A Rake’s Progress (1733-35) sah, wusste er sofort, dass er die Grundlage dafür gefunden hatte. Die genauen satirischen Darstellungen des Londoner Lebens in der Zeit des sich entwickelnden Kapitalismus inspirierten ihn und seine Librettisten zu einer brillanten Bühnenparabel.

Der junge Tom Rakewell wünscht sich Geld und wildes Leben, geregelte Arbeit erscheint ihm abstoßend. Ein geheimnisvoller Fremder, Nick Shadow, überbringt ihm ein großes Erbe. Shadow tritt in Toms Dienste, die Bezahlung will er später einfordern. Tom nimmt den scheinbar guten Handel an und verlässt seinen Heimatort und seine Geliebte Anne Truelove, um mit Shadow nach London zu gehen. Dort gerät er in schlechte Gesellschaft und verschleudert sein Erbe. Schließlich heiratet er eine groteske Frau, die er nicht liebt, die Türkenbaba. Anne Truelove sucht inzwischen unbeirrt nach ihrem Geliebten. Schließlich fordert der Teufel – denn niemand anderer ist Nick Shadow – seine Bezahlung: Toms Seele. Bei einem Kartenspiel gelingt es Tom in Gedenken an seine wahre Liebe Anne, Seele und Leben zu behalten. Der geprellte Shadow kann ihm jedoch seinen Verstand nehmen: Tom findet sich im Irrenhaus wieder, er hält sich für Adonis, von Venus verlassen. Anne besucht ihn und kann ihn für Momente trösten, doch als sie geht, stirbt er.

Während der Komposition beschäftigte sich Strawinski ausführlich mit Mozarts Così fan tutte und arbeitete eine Fülle von musikalischen Stilen ein, die ihre Entsprechungen in den literarischen Anspielungen des Librettos haben. Heraus kam dabei eine neoklassizistische Bühnenparabel mit exemplarischen Figuren ohne psychologisierende Tiefensicht, aber mit szenischer Durchschlagskraft und analytisch-satirischem Scharfsinn, der dem der Hogarthschen Stichfolge entspricht. Martin Kušejs Inszenierung holt dieses Meisterwerk entsprechend verstörend und provokant in unsere Gegenwart.

Es singen u. a. Bo Shovhus, Anna Prohaska und  Anne Sofie von Otter.

http://www.theater-wien.at/

Wien, 9.9. 2013