Kurt Palm: Der Hai im System

November 5, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Im Bassin psychopathischer Existenzen

Würden wir mehr voneinander wissen, hätten wir weniger Angst voreinander. Wenn wir weniger Angst vor unserer Angst hätten, wüssten wir vermutlich genauer, was uns wirklich ängstigt.

Ein Filmteam hat sich in der Schule angesagt, was die 14-Jährigen einigermaßen in Aufregung versetzt. Regisseurin Edina Damjanović, selbst Bosnien-Flüchtling, will ihre Dokumentation „Klasse der Chancenlosen“ nennen und deren Nachsitzern diverser Nationen Gesichter und Stimmen geben. Der Direktor, wenig begeistert mutmaßlich als Leiter einer Problemschule dargestellt zu werden, hat die Aufsicht über das Projekt der darob seufzenden Klassenlehrerin Franziska Steinbrenner übertragen.

Nicht nur hat die in den Pausen an ihrem Flachmann nuckelnde Frau die ewigen Auseinandersetzungen zwischen Serben und Kosovaren, Tschetschenen und Türken, Irakern und Afghanen sowas von satt – „Die gegenseitigen Vorurteile scheinen derart tief im kollektiven Gedächtnis verankert zu sein, dass sie als Streitschlichterin auf verlorenem Posten steht.“, sie ficht auch ihren eigenen Kampf aus: den Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Ehemann

Jürgen um die fünfjährige Tochter Sophia, denn dem schwer depressiven Psychowrack, denkt sie, sei kein Kind mehr anzuvertrauen. Nach seinem verrätselten, sich nie ganz enttarnenden Roman „Monster“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263) legt Autor Kurt Palm mit „Der Hai im System“ eins nach. Nur, dass der Horror diesmal so direkt ausgespielt wird wie eine Ansage zum Drei-Stich-Schnapser. Drei Hauptfiguren sind es auch, die sich hier durchs wilde Palmistan schlagen. Neben Franziska Steinbrenner der Polizist Philip Hoffmann, der seine hochschwangere Frau Margot mit der manipulativen Sexsadistin Lena betrügt, und nun in deren Venusfalle gefangen Erpressung oder Enthüllung befürchtet, wo er doch den fürsorglichen Göttergatten bisher so gekonnt gegeben hat.

Und als Ich-Erzähler der Superpsychopath unter all den Durchschnittsneurotikern, ein Mann mit Sturmgewehr und Fenster mit Blick auf den Schulhof, ein durch alle Maschen des sozialen Netzes gefallener Wutbürger, ein Realitätsverweigerer und Verschwörungstheoretiker, der eine Racheliste führt, von der in Holzpantoffeln herumlaufenden Nachbarin über ihm bis zu den lärmenden Kids im Schulhof. Einmal war er drüben, um sich zu beschweren, da haben sie ihm „Fettsack“ und „fette Sau“ nachgerufen. Jetzt wähnt er seine Stunde gekommen.

„Ist doch egal, ob ich mit vierzig oder sechzig abkratze. Wen kümmert’s? Aber wenigstens bekomme ich noch ein paar schöne Schlagzeilen. Über das Motiv können sie sich ihre Köpfe zerbrechen, bis sie schwarz werden. Es gibt nämlich keines, außer dass ich ein StG 77 besitze und freie Sicht auf den Pausenhof einer Schule habe.“ Kurt Palm macht kein Geheimnis daraus, dass der Amokschütze abdrücken wird. Das Leben, scheint er zu sagen, hat weder Reset- noch Escape-Taste, sehr wohl aber eine für Delete.

So taucht man ein in diesen Höllenpool, durchschwimmt verstörende Gedanken- und nervenzehrende Gefühlswelten, und was es mit dem Bild auf dem Buchcover „Kleines Mädchen vor Haifischbecken“ auf sich hat, wird auch noch nachzulesen sein. Palms schwarzhumorige Sprache wechselt zwischen Oida!-Echt porno!-Slang der Migrantenkinder – „Warum sollen wir Deutsch reden. Mutter ist Putzfrau und redet mit anderen Putzfrauen nur Serbisch. Vater arbeitet am Bau und redet mit anderen Arbeitern nur Serbisch. Deutsch ist voll unnötig. Brauch ma nur für die Schule.“ – und einem Wienerischem Hochdeutsch.

Trotz all der Derbheit und Brutalität im Ausdruck gelingen ihm sensible Charakterstudien, Palm nähert sich seinen literarischen Geschöpfen ehrlich und mit Bedacht, selbst dem späteren Attentäter. Es ist logisch, dass sich die Schicksale der ProtagonistInnen kreuzen werden, sobald sich die Ereignisse zuspitzen. Und wie Palm bis dahin das Thema fehlgeschlagene Integration von Außenseitern aller Art variiert ist meisterlich. Er zeichnet das Bild einer dysfunktionalen Gesellschaft, die am eigenen Versagen laborierend unfähig ist, Schutzbedürftige an- und aufzunehmen, ebenso wie sie es nicht schafft, das Gewaltbereite zu erkennen und einzugreifen.

Sind die Menschen Spielball der Umstände und ihrer Umgebung, geprägt von Ressentiments und Panik voreinander, in Defensivhaltung vor der Erfahrung seelischer Ohnmacht? Die Pädagogin, unfähig der lernwilligen, allerdings den stigmatisierenden Hijab tragenden Schülerin Haniya zu helfen – das muslimische Mädchen, das seine erste Periode vor dem Vater verheimlichen will, damit er sie nicht als „unrein“ verflucht.

Der Irre am Fenster, diesem legitimen Sohn von Travis Bickle, der von der kettenrauchenden Mutter und deren etlichen Liebhabern, die auch in sein Bett stiegen, Watschn kassierte, von denen ihm heute noch die Ohren dröhnen, und der zwecks Machtrausch ins Drogengeschäft einstieg. Der Polizist Hoffmann, der mittlerweile kalkuliert, seine destruktive Affäre mittels Femizid zu beenden. Lena mit dem Auto überfahren oder ihr eine Kugel in den Hinterkopf jagen? Der kaltherzige Vamp Lena, als Mädchen aus wohlhabender, aber desolater Familie umringt von „schulterklopfenden Männern“, allen voran ihr Vater.

Bild: pixabay.com

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Sind die Menschen Opfer ihrer Vergangenheit und Herkunft, ihrer Taten oder einfach Gottes vergessene Kinder? Spricht Kurt Palm Stereotype an oder Wahrheiten aus? Es geht ihm an dieser Stelle offensichtlich nicht um Suspense und Surprise, es geht dem Autor um Psychogramme, Tiefenbohrungen in einer Gemengelage, die er mit all ihren Spielarten von Gewalt, Abhängigkeit, verlorenen Illusionen, triebhaften Entscheidungen und Vergeltungssucht so versumpft und verschlammt vorfindet, dass niemand mehr vorm Abrutschen gefeit ist.

Die einen versinken in Verzweiflung und Hilflosigkeit, die anderen in hasserfülter, toxischer Männlichkeit. „Der Hai im System“ ist, was die Erwachsenen unter den AkteurInnen betrifft, die akkurate Betrachtung einer krisengeschüttelten Welt aus selbstproduziertem Stress und fremdgesteuerter Überforderung. Palm balanciert gekonnt wie stets auf dem schmalen Grat zwischen Grauen und Groteske.

Gerade die Philip-Hoffmann-Story entwickelt sich erst allmählich, aber abscheulich. Samt Kollegen Stefan Mahrer wird er an einen Einsatzort gerufen – Achtung: Spoiler! -, wo sich ein gewisser Christoph Allinger am Lusterhaken erhängt hat, und einen Abschiedsbrief an die Geliebte Lena hinterließ: „Und dann brüstest du dich auch noch damit, dass du mich mit einem Polizisten betrügst.“ Womit Hoffmanns rasante Achterbahnfahrt in den Abgrund erst beginnt, denn längst hat Lena Margot Dickpics und schmuddelige Chatnachrichten zukommen lassen.

Schließlich Jürgen Steinbrenner, der, da er den Sorgerechtsprozess verloren hat, die Tochter vom Kindergarten abholt, um mit ihr in den unschwer als Haus des Meeres zu erkennenden „Terra-Aqua-Zoo“ zu fahren. Wo der am Umbau der Anlage beteiligte Architekt, der seinen Schlüssel nie abgegeben hat, im Technikraum gut durchdacht, also knapp vor Fütterungszeit ins Haifischbecken hechtet.

„Die Haifische kommen langsam näher und umkreisen ihn. Plötzlich steuert der größte Hai auf ihn zu und verbeißt sich in den Oberarm des Eindringlings. Bevor es um ihn herum dunkel wird, sieht Jürgen S. noch, wie seine Tochter mit ihren winzigen Fäusten verzweifelt gegen das Fenster des Aquariums trommelt. Dann färbt sich das Wasser langsam blutrot.“

Und so rücken mit der Schreckensbotschaft für Franziska sowohl die alsbald vom Chaos überforderten Uniformierten Hoffmann und Mahrer an, als auch der Mann am Fenster abdrückt. Die Kinder fallen um, vom Mündungsblitz getroffen, da und dort offenbart sich spontan die Solidarität, einen Mitschüler, eine Mitschülerin in Sicherheit zu ziehen. Murat, Zlatko, Nermina, Dejan, Ömar, Ceyda, Fatima, Novak. Doch meist gelingt das nicht. Die Schlacht heißt White Trash vs. MigrantInnen-Mix. Dies Finale entsetzlich, und der Autor irrt wie mit einer Handkamera durch das Massaker. Alles kulminiert in dieser Nachmittagsstunde, und Edina Damjanovićs Filmteam ist für und mit Kurt Palm live dabei.

Das trifft einen, Nachbarin einer Mittelschule mit Ganztagsangebot, Schulsozialarbeit, Integrationsklassen und natürlich dem üblichen Pausengetöse im Freien (Kinderlärm ist Zukunftsmusik, sagt Freund kijuku.at) umso mehr, als man das Setting kennt. Kurt Palm bietet keine Conclusio, keine Erklärung, schon gar keine Entschuldigung, kein Wissen ums Überleben seiner Figuren. Es ist einfach so. Die geballte Ausweglosigkeit hat ein … Ende. „Der Hai im System“: Einfach garstig gute Unterhaltung.

Über den Autor: Kurt Palm, geboren 1955 in Vöcklabruck, Studium der Germanistik und Publizistik, wurde mit der gefeierten TV-Produktion „Phettbergs nette Leit Show“ (1994-96) bekannt. Sein Bestseller „Bad Fucking“ wurde 2011 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi des Jahres ausgezeichnet und war auch als Film erfolgreich. 2014 folgten der Film „Kafka, Killer und Chaoten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9435) und der Roman „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=6798). Bei Deuticke erschienen 2017 sein Roman „Strandrevolution“ und 2019 „Monster“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34263).

Leykam Verlag: Belletristik, Kurt Palm: „Der Hai im System“, Roman, 304 Seiten.

www.leykamverlag.at           www.palmfiction.net

  1. 11. 2022

Werk X: Die Arbeitersaga

April 25, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Am 1. Mai werden alle vier Folgen gespielt

Das Bühnenbild zum 1. Mai steht schon: Johnny Mhanna, Susi Stach, Thomas Kolle, Peter Pertusini und Julia Schranz. Bild: © Alexander Gotter

„Die Arbeitersaga“ kommt – wie sollte es anders sein – am Tag der Arbeit im Werk X wieder zur Aufführung. Und es wird dabei viel gearbeitet: alle vier Folgen werden am 1. Mai auf die Bühne gebracht. Dazu servieren die „Seligen Affen“ ab 15 Uhr eine Heurigenjause im Hof. In der von Peter Turrini und Rudi Palla entworfenen Fernsehserie „Arbeitersaga“ wurde der Versuch unternommen, in vier miteinander verbundenen Spielfilmen eine politische Entmystifizierung der

Sozialdemokratie vorzunehmen. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Österreichs von den 1950ern bis in die 1990er-Jahre beschrieben. Das Werk X hat sich diesem Mammutwerk in einem vierteiligen Theaterabend genähert. Die „Arbeitersaga“ wird dabei über das Erzähljahr 1991 hinaus fortgeschrieben.

Die Rezensionen von www.mottingers-meinung.at:

Folge 1 & 2: Das Drama der Sozialdemokratie als Seniorengroteske

Die Sätze, wie sie zum Teil fallen, könnten treffender nicht sein. Ins Herz treffender, denn trotz aller Hetz, die man hat, drängt doch im Hinterkopf der Grant darüber, wie groß sie einmal war, und wie klein sie gehandelt wurde und geredet wird – die „Bewegung“. Dieser sich anzunehmen, der Sozialdemokratie nämlich, hat sich das Werk X anlässlich des Hundert-Jahr-Jubiläums des Roten Wien auf die Fahnen geschrieben. In Tagen, in denen nicht wenige Türkis-Grün als Fake der ersteren und deren ruckzuck Zappen auf Blau prophezeien, sobald der Strache-Weg bereitet ist, scheint eine Zeitgeschichtsstunde durchaus sinnvoll.

Und so nimmt man sich in Meidling, alldieweil die SPÖ trotz Ärztin als Parteichefin auf der ideologischen Intensivstation liegt, Peter Turrinis und Rudi Pallas „Die Arbeitersaga“ vor. Die ORF-Serie der späten Achtzigerjahre als theatrales Mammutprojekt, der Vierteiler auf zwei Abende aufgeteilt, von denen Folge 1 & 2 gestern Premiere hatten. Das sind, fürs Fernsehen führte weiland Dieter Berner Regie, „Das Plakat“ und „Die Verlockung“, ein Streifzug auf roten Spuren von 1945 in die 1960er, dessen Episode eins Helmut Köpping und Episode zwei Kurt Palm in Szene gesetzt haben. Ästhetisch beide Male vollkommen anders gedacht, bleiben doch gemeinsame Eckpunkte.

Die nicht nur Karl und später dessen Sohn Rudi Blaha sind, sondern auch die stete Verzweiflung der „Revolutionären Sozialisten“, sie nach den Februarkämpfen von 1934 tatsächlich und als illegale Gruppe gebildet, mit den bedingungslos kompromissbereiten „Parteireformern“. Die‘s wenig bekümmerte, sich mit Gerade-erst-Gestrigen gemein zu machen – siehe eine Stadt, in der von den Karls zwar der Lueger, nicht aber der Renner vom Ring geräumt wurde. Und so verwandelt sich die Frage des Volks von „Wann hat das alles angefangen, schief zu gehen?“ zu einem „Wer hat uns verraten? Szldmkrtn!“ Das Sozialdrama wird zur skurrilen Groteske, weil wie Marx schrieb, sich alles Weltbedeutende einmal als Tragödie, einmal als Farce ereignet, weshalb Palm die Köppinger’sche Fassung zur schmierenkomödiantischen Farce dreht – im Sinne von: ein Trauerspiel ist der Zustand der SPÖ ohnedies in jedem Fall …

Als Widerstandskämpferin Trude Fiala: Zeitgeschichtsstunde mit  Susi Stach. Bild: © Alexander Gotter

Karl Blaha ist aus dem Krieg zurück: Johnny Mhanna, Peter Pertusini und Thomas Kolle. Bild: © Alexander Gotter

Marx‘ Werke wiegen schwer: Michaela Bilgeri, Martina Spitzer und der Arbeitersaga-Chor. Bild: © Alexander Gotter

Mandi und Rudi Blaha studieren die „Bravo“: Florentin Groll und Karl Ferdinand Kratzl. Bild: © Alexander Gotter

Kurt Palm macht die jugendlichen Parteirevolutionäre zum Pensionistenverband, die Senioren im Clinch mit der Gewerkschaftsjugend, die im Klub die selben Räume belegt. Michaela Mandel hat zu den krachbunten Kostümen das Setting mit scheußlicher Siebziger-Jahre-Retrotapete ausgestattet, vom Wort Votivkirche an der Wand blieb nur das CHE, die roten Hoffnungsträger schlurfen mit Rollator oder Rollstuhl übers politische Parkett, und zwar zwecks Erhaltung von dessen Glattheit ausschließlich in „Filzdackerln“. Palm hat mit seiner Krückengroteske dies Biotop auf den Punkt genau getroffen: So geht Sektion! Was Palm vorführt, ist weniger Verballhornung der Wirklichkeit als etliche im Saal glauben, und kongenial sind Karl Ferdinand Kratzl und Florentin Groll als Rudi Blaha und Haberer Mandi.

Deren Liebesgeschichte, denn selbstverständlich gibt’s auch eine, sich um Brigitte Bardot dreht, deren Schwanken zwischen Konsum und Klassenkampf die Regie allerdings gestrichen hat – die Alten schwanken wohl so schon genug. Ein Kabinettstück ist es, wie Groll und Kratzl sich mit Hilfe eines Sexratgebers und der Bravo für die Bardot in Stellung bringen wollen, ein Bodenturnen zu dessen Wie-kommen-wir-wieder-hoch? man sich zu spät Gedanken macht. Die Figur des Fritz Anders hat Palm mit dessen neu erfundener Tochter Jenny überschrieben, Michaela Bilgeri als Phrasen dreschende Filmemacherin, die verbal zwischen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und „Das sagt man nicht mehr“ changiert, die ergraute Partie darüber verwundert, dass man den „Neger“ Franz nicht mehr, weil böses N-Wort, bei seinem Nachnamen nennen darf.

„Das wird ja immer absurder“, sagt irgendwann irgendwer, da haben sich die Zuschauer schon schiefgelacht, das Beharren auf politischer Korrektheit wird als Pose entlarvt und zur Posse gemacht, dazu singt der Arbeitersaga-Chor ein gegendertes „Wir sind die ArbeiterInnen von Wien“ oder „Von nun an gings bergab“ … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36864

Folge 3 & 4: Die Skination in der politischen Steilabfahrt

Es dauert, bis Bettina Schwarz als mephistophelisch-clownesker Conférencier die sechzig möglichen Geschlechtsidentitäten sind gleich das Publikum begrüßt hat. Ein killing joke der leibhaftigen Gründgens-Fratze als Entrée in einen Abend, der Politik alles andere als p.c. abhandelt, eine Groteske zum Quadrat, weil’s große Kunst ist, eine Wirklichkeit zu verzerrspiegeln, die per se schon eine Farce ist. Gemäß dem auf keinem Wahlplakat zu findenden -spruch:

Humor ist, wenn das Stimmvolk lacht, hat das Werk X einmal mehr die Reflektor-Funktion übernommen, mit dem Mammutprojekt der Peter Turrini-Rudi Palla’schen „Arbeitersaga“ das Krankheitsbild der Sozialdemokratie zu persiflieren. Die TV-Serie, die sich ein Theater draus macht, ist mit „Teil II (Folge 3 & 4)“ in der finalen Runde. Bei „Müllomania“ hat Martina Gredler Regiehand angelegt; mit Bettina Schwarz spielen Ines Schiller, Lisa Weidenmüller und Annette Isabella Holzmann; Akkordeonistin Jana Schulz sorgt für den apokalyptisch kakophonischen Sound.

Die Weltuntergangsstimmung ist nicht von ungefähr, ist die Story doch um nichts weniger obskur als der Schutzkreis ums Krankenhaus Nord. Ich glaub‘, ich steh‘ im Rinterzelt, möchte man ob des ganzen Zirkus denken, Sanitärstadtrat Fred Wiedergewinner hat das Millionenprojekt einer Müllrecyclinganlage zu verantworten, doch das mit dem Aus-Alt-wird-Baustoff haut nicht hin, öffentliche Gelder sollen in der Parteikasse versickert sein – und während sich die Seilschaft zwischen Gutruf und Club 45 verlustiert, steigen dem Medienfut-zi (sic!) des Kommunalkorruptler allmählich die Grausbirn‘ auf.

Gredler karikiert mit ihrer geballten Frauenpower Männer, Macht und Machogehabe, sie zeigt eine queere Kraftlacklpartie mit Schiller als populistische Phrasen dreschendem Poser, eine „Dreck-Queen“ mit dem MA48er Slogan „Ganz Wien bleibt clean!“, Weidenmüller als Pressesprecher Rudi Blaha, ein Kasperl dessen überdimensionierte Schulterpolster nicht verbergen können, dass er sich krumm gekatzbuckelt hat, und Holzmann als Investigativjournalist im Detektiv-Trenchcoat …

Stadtrat Wiedergewinner in den Fängen der grausamen Groteske: Ines Schiller und Bettina Schwarz. Bild: © A. Gotter

Die 48er-Damen: Ines Schiller, Annette Isabella Holzmann und Lisa Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Bella Ciao: Oliver Welter, Lara Sienczak und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Mit der Ski-Nation geht’s bergab: Peter Pertusini, Zeynep Buyrac, Lara Sienczak und Sebastian Thiers. Bild: © A. Gotter

In Bernd Liepold-Mossers Hälfte des Abends, „Das Lachen der Maca Darac“ geht es um nichts weniger schräg zu. Ins Bühnenbild sind nun Skibindungen eingebaut, denn das Ensemble Zeynep Buyraç, Peter Pertusini, Lara Sienczak, Sebastian Thiers und der auch für die Musik zuständige Oliver Welter muss sich gut anschnallen – hat sich doch der Proporzslalom längst in eine politische Steilabfahrt verwandelt. Das Bild von der Skination macht Sinn, des Österreichers Stolz und Siegeswille ist ein gewachst gewachsener, und Liepold-Mosser ist diesbezüglich auch um kein Bonmot verlegen.

Nicht nur Peter Pertusini kann’s da auf gekonnt Kärntnerisch lai lafn losn, die Richtung – immer weiter den Hang hinunter? – stimmt angeblich auch nach diversen Spurwechseln, und am immensen Rückstand ist sowieso das Material schuld. Sagt der Kader im Chor „Proletariat“, hebt es ihn, hepp, kurz in der Hocke aus, ansonsten keine Bewegung, nicht einmal bei der von Welter als Holy Marx eingeläuteten Hüttengaudi.

Ein bissi posthysterisch ist dieses Themenkonglomerat schon, die Werk-X-tätigen Massen lassen von Konsumkapitalismus über Veganfetischismus bis zu Migration/Integration und präventiver Sicherungsverwahrung nichts aus. Bis die Darsteller aus den Schuhen in die Rollen kippen und die Turrini-Palla-Story aufgreifen, Pertusini als Kurt Höllermoser, der in einen Rudi Blaha’schen Waffendeal und dessen Fake News verstrickt wird, Zeynep Buyraç als illegale Einwanderin Maca Darac, die zwecks bevorstehender Ausweisung einen Mann zum Heiraten sucht.

Im Plastik-Schleier-Hijab rezitiert die potenzielle Braut „Ein Gespenst geht um in Europa“, das Manifest vom kleinbürgerlichen wie vom Bourgeoissozialismus heute bedrohter als zu Entstehungszeiten, und auch, wenn in Meidling alle Menschen „zur Sonne, zur Freiheit“ gerufen werden, mit der Vereinigung hapert’s. Denn wo zwischen Prolet, Prolo und Prekarier findet sich noch das echte, unverfälschte, von keinem Populismuskeim angesteckte Proletariat? Mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38734

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g      www.youtube.com/watch?v=Cp__IR9BRXM

25. 4. 2022

Off Theater/bernhard.ensemble: Der.Semmelweis.Reflex

März 10, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mann, der das Händewaschen erfand

Kajetan Dick, Sophie Resch und Yvonne Brandstetter. Bild: © Barbara Pálffy

„Das Morden muss aufhören, und damit das Morden aufhöre, werde ich Wache halten, und ein jeder, der es wagen wird, gefährliche Irrtümer über das Kindbettfieber zu verbreiten, wird an mir einen rührigen Gegner finden.“ – Ignaz Semmelweis an Univ. Prof. Joseph Späth, offener Brief 1861

Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen … dazu gibt es sogar Kinderlieder und Video-Tutorials.

Gilt doch Hygiene neben dem Impfschutz und der FFP2-Maske als wichtigste Maßnahme gegen Covid-19. Regisseur Ernst Kurt Weigel und das.bernhard.ensemble nähern sich diesem tagesaktuellen Thema via einer mehr als 170 Jahre alten Tatsache. Nämlich, dass der Gynäkologe Ignaz Semmelweis 1847 das Sterben von Frauen nach der Entbindung an Kindbettfieber auf die mangelnde Reinlichkeit der eben noch Leichen aufschneidenden Ärzte, Stichwort: Leichengift, zurückführte – und dagegen das Desinfizieren der Hände mit Chlorkalk empfahl.

Weshalb der „Nestbeschmutzer“ von der empörten Kollegenschaft angefeindet und das Wissen des ersten Aseptikers der Medizingeschichte, dieses Musterbeispiel evidenzbasierter Medizin, die seit Pandemiebeginn erneut und vermehrt diskutiert wird, ignoriert wurde. Was nun am Welttag der Frauen in der White.Box des Off Theater seine Uraufführung hatte, ist das Tanz.Schau.Spiel „Der.Semmelweis.Reflex“, eines von Weigels tragikomischen Reenactments, und apropos: Corona und Impfen sowie dessen Leugner und Gegner, Semmelweis-Reflex ist tatsächlich der Terminus technicus für die unmittelbare Ablehnung einer Information oder wissenschaftlichen Entdeckung ohne weitere Überlegung oder Überprüfung des Sachverhalts. Eine irrationale Realitätsverweigerung mit meistens fatalen Folgen.

Weigels Inszenierung ist weit mehr als ein historischer Abriss. Vielmehr transferiert er die Semmelweis-Story ohne viel Aufhebens in die durchseuchte Jetztzeit. Schon der Einstieg in den Abend ist vom Feinsten. Nachdem man im Foyer mit Schuhüberziehern ausgestattet ist, geleitet einen der unvergleichliche Kajetan Dick in die Prosektur des alten AKH, heißt: den Spielraum, in dem unter Leintüchern und mit Zettel am großen Zeh die Leichen liegen – eine grausliche Führung, bei der das Publikum nicht zum letzten Mal einbezogen werden wird, soll ein Zuschauer doch mit dem Messer hineinschneiden in einen der Körper „zäh wie ein Sonntagsschnitzel“.

Sophie Resch, Gerald Walsberger, Yvonne Brandstetter und Leonie Wahl. Bild: © Günter Macho

Sophie Resch als schmatzende Muschi-Muse Vagina. Bild: © Barbara Pálffy

Geburtshelfer Ignaz Semmelweis: Gerald Walsberger und Sophie Resch. Bild: © Barbara Pálffy

Alldieweil stehen in einem Totentanz die Verstorbenen auf, Gerald Walsberger als „Retter der Mütter“ Semmelweis und Yvonne Brandstetter, Sophie Resch sowie Choreografin Leonie Wahl als demnächst Gebärende und Wöchnerinnen. Weigel setzt seine Erzählung in den Kontext männlich geprägter Medizin, siehe Medikamenten- studien bis heute, gesellschaftlicher Minderstellung der Frau, wissenschaftlicher Konkurrenz. Zu Zirkusmusik (Live-Mix: Indietronic-Musiker und Komponist b.fleischmann) und in übergroßen, verkehrt angezogenen Sakkos wandeln sich die Mütter in absurde Ärzte, die oft onomatopoetisch ihre Theorie-Kämpfe austragen.

Und mitten drin in der AKH-Abteilung und mit dem Stöhnen und Schreien von Niederkommenden als Hintergrundsound Kajetan Dick als Professor Johann Klein, der befindet, die Frauen stürben aus Angst oder aus Scham für ihre unehelich gezeugten Kinder: „Wer hier Leben rettet oder nicht, entscheide ich.“ Dazu steigt er mit Semmelweis mitten in seine brachialen Methoden, den Geburtskanal in blutrotem Licht, wo die Performerinnen (wunderbar: Leonie Wahl als zum 23. Mal schwangere, ordinäre Gunstgewerblerin) sich in einer Mischung aus Aerial Yoga und Vertikaltuchakrobatik üben: Heulen und Zähneklappern, der Schmerz, der Verlust, die Trauer in expressiven Tanzsequenzen um, unter und auf den Seziertischen – und in der k.u.k. emaillierten Badewanne von Bühnen- und Kostümbildnerin Pia Stross, auf der Semmelweis seinen imaginären sterilen Siegeszug antritt.

Walsberger und Resch als Muse Vagina. Bild: © Barbara Pálffy

Walsberger und Yvonne Brandstetter. Bild: © Barbara Pálffy

Sophie Resch und Gerald Walsberger. Bild: © Barbara Pálffy

Dick, Walsberger und Leonie Wahl. Bild: © Barbara Pálffy

Zu b.fleischmanns wummernder Tonkunst gibt Gerald Walsberger den Ignaz Semmelweis als unflätigen, ungestümen, vor Ungeduld brennenden Ungarn, der sich mal feiert („Semmelweis, du geile Sau, du hast es drauf“), mal in Depressionen versinkt. Drei Entbindungen, drei Tote, die er als „Bauchrednerpuppen“ sich post mortem anklagen lässt – welch eine Szene. „Der.Semmelweis.Reflex“ ist eine Aufführung, nach der man nicht allzu bald einen Termin beim Gynäkologen haben möchte… Und als nächstes wiederum Kajetan Dick als Semmelweis‘ Freund und pathologischer Anatom Jakob Kolletschka, der bei einer Obduktion von einem Studenten mit dem Skalpell verletzt wird und an Blutvergiftung stirbt (großartig: Dicks Veitstanz mit Wunde und der Sepsis-Slapstick der Darstellerinnen) –  was Semmelweis erst auf die richtige Spur bringt.

Von Sophie Resch als feucht schmatzende Muschi-Muse Vagina beflirtet und besungen, von den Freunden Hebra, Škoda und Rokitansky punkto Marketingkonzept, Twitteraccount, Webseite und Insta beraten, von Kajetan Dicks aka Dr. Pfizers (!)  finanziellen Angeboten für sein Hygienepatent umzingelt, gerät Semmelweis mehr und mehr in Bedrängnis. Bei einer Sektion zieht er sich eine kleine Wunde zu, die auch bei ihm zu einer Blutvergiftung führt. Unter dubiosen Umständen und nach Expertise dreier Ärzte wird er von seiner Frau in die Landesirrenanstalt Döbling eingewiesen, wo Semmelweis zwei Wochen später verstirbt – für Gerald Walsberger, mit einem Seziertisch und einem „Bitte, helfen Sie mir!“ entlang der Publikumsreihen gekarrt, werden darob die Leintücher zur Zwangsjacke. Nach einer Exhumierung im Jahr 1963 stellt ein Gerichtsmediziner multiple Frakturen an Händen und Armen fest; es muss also davon ausgegangen werden, dass Semmelweis vom Pflegepersonal der Nervenheilanstalt nicht pfleglich behandelt wurde …

„Nur sehr Wenigen war es vergönnt, der Menschheit wirkliche, große und dauernde Dienste zu erweisen, und mit wenigen Ausnahmen hat die Welt ihre Wohltäter gekreuzigt und verbrannt. Ich hoffe deshalb, Sie werden in dem ehrenvollen Kampfe nicht ermüden, der Ihnen noch übrigbleibt. Ein baldiger Sieg kann Ihnen umso weniger fehlen, als viele Ihrer ursprünglichen Gegner sich de facto schon zu Ihrer Lehre bekennen.“ – Frauenarzt Louis Kugelmann an Ignaz Semmelweis, Brief ebenfalls 1861. Einer derjenigen, die vom Skeptiker zum Befürworter von Semmelweis‘ Infektionsbefunden wurden, war Joseph Späth.

Zu sehen bis 9. April.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=5hL3W2L8Ryk           www.off-theater.at            www.bernhard-ensemble.at

  1. 3. 2022

Kammerspiele: Die Dreigroschenoper

September 6, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bill, der Pate und der Batman-Bad Man

Der Pate von Soho: Herbert Föttinger als Jonathan Jeremiah Peachum. Bild: © Moritz Schell

Über Laufstege eilt sie, die Gesellschaft, die „ehrenwerte“; 2004, als Herbert Föttinger der Mackie Messer war, hielt Hans Gratzer dem Josefstadt- publikum noch den weiland sehr en voguen Riesen- zerrspiegel vor, nun setzt Torsten Fischer auf Frack und Zylinder. Man versteht sein Die-sind-Wir, die Verhältnisse, sie sind schon so. „Geschäfts- leute“ stellen sich schließlich nach wie vor bei „Bettlers Freund“ zum Postenschacher um die besten Plätze an.

Bert Brechts zynische Kapitalismus-Satire trifft auch nach beinah 100 Jahren noch ins Schwarze … In den Kammerspielen der Josefstadt war nach der ORF III-Ausstrahlung im Frühjahr nun endlich die Bühnenpremiere seiner „Dreigroschenoper“, und man sollt’s nicht glauben, dass etwas das bereits via Bildschirm perfekt war, noch perfekter gearbeitet werden konnte. Endlich hautnah am Ensemble dran, agiert dieses, dass es einem unter die Haut fährt, bis sich die Haare aufstellen. Wer sich zurzeit für eine Theaterkarte entscheiden muss, sollte es unbedingt eine für diese Aufführung sein lassen.

Auftritt aus dem Nebel ein finsterer Föttinger, Jonathan Jeremiah Peachum, angetan als der Pate von Soho, in Nadelstreif samt roter Nelke, ausgestattet mit der Verschmitztheit des ewigen Siegers und einer süffisanten Überheblichkeit, doch lässt er erst der Dame den Vortritt. Der Brecht’schen Grande Dame Maria Bill, die „Die Moritat von Mackie Messer“ anstimmt, mit dunklem Timbre und eindrücklicher Performance, einem bestechenden Balanceakt zwischen Gassenhauer und dissonanten Tönen. Bis sich der Song zum Chorstück steigert, des Hauses hochmusikalisches Ensemble packt einen in der Minute am Schlafittchen, und klar wird, wie sich die folgenden fast drei Stunden gestalten werden: schaustellerisch, kakophonisch, expressiv, mit einem Wort: angemessen schiach.

Punkto Besetzung weiß der Bühnenhit zu brillieren. Nicht nur Herrn Direktors Big Boss Peachum möchte man eine Paraderolle nennen; die Bill hat als Celia so viel Feuer wie deren glutrote Perücke, Bill verleiht Frau Peachum eine schlampig-anlassige Eleganz, wenn sie vom neuen Schwiegersohn schwärmt oder die Bettlerkolonne an die Kandare nimmt. Der Anstatt-dass-Song ist das erste von etlichen Highlights. Bill und Föttinger sind ein Traum-Gauner-Paar, er kann zu ihrer Tonlage wunderbar terzeln, sie hat unter der giftgrünen Kunstpelzstola mutmaßlich jene gleichfarbige Peitschennatter versteckt, deren Zähne sie ausfährt, falls die „Gentlemen“ des Gatten oder die Turnbridge-Huren nicht spuren. Die Bill zeigt sich als die großartige Komödiantin, die sie ist. Darauf hat Torsten Fischer nicht vergessen, dass der alte Zigarrenraucher auch Humor hatte.

Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Claudius von Stolzmann als „Joker“ Macheath. Bild: © Moritz Schell

Familie Peachum: Maria Bill, Föttinger und Gersthofer. Bild: © Moritz Schell

Mit exakter Personenführung und seiner Feinziselierung aller Figuren unterfüttert Fischer die Original-Urtypen, bis in die kleinsten Rollen, die es, man sieht’s an diesem Beispiel, bekanntlich nicht gibt. An der Josefstadt mag man sich diesen Luxus leisten, Ljubiša Lupo Grujčić als Hakenfingerjakob, Markus Kofler als Sägerobert, und von Hollywood zurück im achten Hieb, wo auf ihn hoffentlich bald größere Aufgaben warten: Publikumsliebling Marcello De Nardo hinreißend als affektiert schwuler, Lachs futternder Hochwürden Kimball, De Nardo, dessen Part über den Sommer deutlich aufgewertet wurde. Mit dabei, und das freut besonders, auch wieder Tamim Fattal, der 2015 von Syrien nach Österreich geflüchtete junge Schauspieler, als Jimmy.

Der Spielmacher, tatsächlich der „Joker“, ist Claudius von Stolzmann als Macheath, dem zu kreideweißer Fratze, totem Auge und blutrotem Mund nur der violette Schwalbenschwanz fehlt. Spazierstock trägt er, Peachums Erzkonkurrent um die entrischen Gründe – und von Stolzmann spielt ihn gefährlich lauernd, leise seine Kreise ziehend und blitzschnell zuschnappend als den eingangs besungenen Killer und Kinderschänder. Sein – nicht nur per Bruderkuss auf eine homoerotische Leibeigenschaft verweisender – Dreamteam-Partner ist Dominic Oley als Polizeichef Tiger Brown. Dieser wahrlich kein Raubtier in der Höhle des Löwen, sondern ganz Orden-behangene Noblesse oblige, die Männerfreundschaft verpflichtet sowieso, und derweil die Kameraden Mackie und Jackie den Kanonensong singen, kriegt man Otto Dix nicht aus dem Kopf.

Für die fünfzehn auf der Kammerspiel-Fläche agierenden Künstlerinnen und Künstler haben die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos eine gewitzte Raumlösung gefunden: die schon erwähnten schrägen Stege, die eine Vielzahl von Auftritts-, Abgangs-, Möglichkeiten zum „Untertauchen“ und Gelegenheiten für die durchchoreografierten Massenszenen bieten. Darunter, dazwischen, im Souterrain, aus dem mitunter die Unterwelt ans Zwielicht quillt, spielt unter der musikalischen Leitung von Christian Frank die Kapelle auf – die Jazzelite Herb Berger, Alois Eberl, Rens Newland, Martin Fuss, Andy Mayerl, Christina-Stürmer-Schlagzeuger Klaus Pérez-Salado, Florian Reithner am Harmonium und last, but not least Trompeter Simon Plötzeneder.

Die Brecht’sche Grande Dame in Frack und Zylinder: Maria Bill als Moritatensängerin. Bild: © Moritz Schell

Marcello De Nardo (li.) endlich wieder in Wien, Claudius von Stolzmann und Swintha Gersthofer. Bild: @ Moritz Schell

Ménage à Tr-ohlala: Swintha Gersthofer, Claudius von Stolzmann und Paula Nocker als Lucy, Bild: @ Moritz Schell

Dominic Oley als Tiger Brown, Queen Bill in Blassrosa und „Aerialist“ von Stolzmanns Füße. Bild: © Moritz Schell

Warum die frischangetraute Mrs. Macheath, Peachum-Tochter Polly, noch nicht erwähnt wurde? Jetzt kommt’s: Weil einem Swintha Gersthofer wahnsinnig auf die Nerven geht. Mit diesem mädchenhaften „Achtung: Klosterschülerin!“-Appeal, mit diesem Sauberfrau-Style im Hochkeitskleid, die höchsten Töne spitz-kierend, als wolle sie hier mit Operette Staat machen – alldieweil Hochwürden De Nardo die Comedian-Harmonists-Ganoven hold lächelnd anhimmelt.

Doch der Schein trügt. Swintha Gersthofer vermag es, die ihr anvertraute Polly zu verwandeln, wie’s keine andere Figur aus dem Brecht-Personal tut. Sie wird vom Gänschen zur gestrengen, geschäftstüchtigen „gnädigen Frau“ im Hosenanzug, und Gersthofer agiert dabei in einer Art, dass man sich fragt, ob die ganze Mackie-Verhaftung und Firmenübernahme nicht von vornherein ihr Eheplan war. Das Strippenziehen jedenfalls hat sie von Mama gelernt. Und gleich der Polly geht’s immer raffinierter voran, grotesker, grausamer, ein grausiges Grand Guignol. Die gutbürgerliche Fassade bröckelt, zu fadenscheinig war die bourgeoise Verkleidung, die Häfn-Tattoos und die Messerstecher-Narben werden bei nacktem Oberkörper buchstäblich entblößt.

Eben noch die Macheath-Gang nähern sich die Herren als nächstes als die weitherzigen Trans-Damen der Nacht, fulminant-fies Bill mit der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“. Es schlägt die Stunde der Susa Meyer im „Bordell, das unser Haushalt war“. Hier ein schummrig-schäbiger Nightclub à la Kit-Kat, Spelunkenjenny Susa Meyer ein sündiges Prachtweib, eine Venus im Straps. Wie sie mit von Stolzmann die Zuhälterballade interpretiert, macht deutlich, dass Macheath weder Polly noch Lucy, sondern immer nur sie wollte, doch dass es in die Binsen gehen sollte.

Damencatchen: Swintha Gersthofer und Paula Nocker. Bild: @ Moritz Schell

Eine Venus im Straps: Susa Meyer als Spelunkenjenny. Bild: @ Moritz Schell

Salomonsong: Herbert Föttinger und Susa Meyer. Bild: @ Moritz Schell

Die „Seeräuber-Jenny“ gerät Susa Meyer zur nachtmahrischen Gesangsnummer, wie die Klabauterfrau singt sie: „Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich Hoppla!“ Den Salomonsong hat sie sich mittlerweile ebenfalls zu eigen gemacht, bedeckt mit Peachums pelzverbrämtem Mantel wird sie von der Hure zur Heiligen, die Kurt Weills Song als von allen verhöhnte Schmerzensfrau und als Schauerlied darbringt. Die Geächteten, die Entrechteten von London, hier wird die Burlesque zum Seelen-Strip-Tease, der Lack ist ab, wie zuvor schon bei Peachums Bettlerbande. Nur der feine Herr Bandenführer im feinen Zwirn glaubt sich wieder mal fein raus …

Torsten Fischer hat die „Dreigroschenoper“ als starkes Frauenstück in Szene gesetzt. Während von Stolzmanns Macheath allen Stolz verloren hat, und – mit den Füßen zuoberst an den Galgen gebracht – die Vorbeidefilierenden um Hilfe anwinselt, Stolzmann dabei artistisch wie ein Aerialist, während Tiger Brown zum Witwenschleier (!) greift, erscheint eine letzte Kontrahentin um Gunst und Liebeskunst des teuflischen Verführers: Paula Nocker, Tochter von Maria Happel und Dirk Nocker bei ihrem Josefstadt-Debüt, als Lucy Brown, Tigers scheinbar hochschwangerer Sprössling – und wie sie mit Swintha Gersthofers Polly in den Infight geht, spöttelnd, irrwitzig, Mackie in der Mitte in Panik um sein „bestes Stück“, Paula Nockers Lucy hochdramatisch wie die di Lammermoor, das ist große Oper. Hinter den dicken Vorzugsschülerin-Brillengläsern ist diese Lucy zum Fürchten verrückt, und sagt Macheath: „Dir möchte ich mein Leben verdanken“, bangt man durchaus um ihn.

Der Schluss ist kurz, aber nicht scherzlos. Mit sinnbildlicher Schlinge um die Beine rezitiert von Stolzmann den Banken-Monolog, nur dass die, die heutzutag‘ eine Bank gründen, auch tief in deren Kasse greifen. Der reitende Bote bleibt einem optisch erspart, die Bill kommt als Queen in Blassrosa. „Und so kommt zum guten Ende /Alles unter einen Hut /Ist das nötige Geld vorhanden, /Ist das Ende meistens gut …“ Einige spitzzüngige Randbemerkungen über den Geld-/Wert von Kultur und deren diesbezüglichen Nöte treffen den Geschmack des enthusiasmierten Publikums, das den grandiosen Abend mit Standing Ovations bedankt. In diesem Sinne: Schaut euch das an! Könnt‘ ihr was lernen …

Erstveröffentlichung zur TV-Ausstrahlung: www.mottingers-meinung.at/?p=46602

Trailer: www.youtube.com/watch?v=IsbuVtCFo2U           www.josefstadt.org

6. 9. 2021

Aufzeichnungen aus der Unterwelt

August 31, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Strizzis, Stoßspieler und Geschichten aus Stein

Freiheit heißt, zum Heurigen zu gehen und zu singen: Kurt Girk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das muss schon was gewesen sein, als der von ihr zum solchen gekrönte „Unterweltkönig von Wien“ mit einem „ned kassier’n und die Leit‘ schlechtmochn“ bei der Kronen Zeitung erschien, um für die Verwendung seines guten Namens seinen Anteil an den Einnahmen zu fordern. Fünf Prozent, jedes Mal, wenn das Blatt mit reißerischen Schlagzeilen über ihn Umsatz macht, eh klar, dass da die Kiberei aufparadierte.

Alois Schmutzer muss schmunzeln, während er sich erinnert – bevor er auf Nachfrage von Filmemacher Rainer Frimmel lapidar antwortet: „Eine Wiener Unterwelt hat’s ja nie gegeben.“ „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“, die mit dem Großen Diagonale-Preis für den Besten Dokumentarfilm 2021 ausgezeichnete Milieustudie von Tizza Covi und Rainer Frimmel, startet am 10. September österreichweit in den Kinos. Eine Hommage ist der Film geworden, ans Nachkriegswien der Strizzis und Stoßspieler, vor allem aber auch Covis und Frimmels persönliche Liebesgeschichte mit ihren charismatischen Protagonisten. Das darf man den Filmemachern unterstellen: allen voran Alois Schmutzer und Kurt Girk, der Harte und der Zarte, deren von Nostalgie umwehte Erzählungen in eine fremde, ferne Welt entführen.

Schmutzer, zuschlagkräftiger Sohn eines wegen Wilderei und Schmuggels erschossenen Fleischers, war weiland einer der wichtigsten Aufmischer beim illegalen Stoßspiel, und Wienerliedsänger Girk – Heurigenspitzname: „da Sinatra aus Ottakring“ – nicht nur beim Kartengeben mit von der Partie. In langen, ruhigen, grobkörnig anmutenden Schwarzweißeinstellungen, auf Super-16mm-Film gedreht, schildern die beiden eines Romans würdig, spielfilmreif, was besser nicht erfunden hätte werden können. Schicksale, selbstverständlich, aber mit jener Art Die-Zeit-heilt-alle-Wunden-Gestus, die verdeutlicht, dass der eine seine Freiheit neben seinem Akkordeonspieler (Girk verstarb 2019), der andere bei seinen Bienenstöcken im Waldviertel gefunden hat.

Vergeben, nicht vergessen, dies eine nicht, wovon später die Rede sein soll, und Frimmel lässt die beiden sich entsinnen, ohne groß zu unterbrechen. Die Atmosphäre mit dem Loisl und dem Kurti ist familiär. Bemühte man den Begriff „Original-Ton“, so wär‘ er hier wortwörtlich zu nehmen. So geht’s von Andenken an die Jugendjahre im Dritten Reich, an den „leiwanden Kerl“ Hausherr Dr. Blum, der der Mutter den Zins stundete und schließlich der Gestapo durch Selbstmord entkam, an die Nachbars-Nazis, die beim Einmarschieren der Russen schnell das Hakenkreuz aus der „roten“ Fahne schnitten, zu klein-/kriminellen Gepflogenheiten der 1960er-Jahre samt den Schlachten mit der Polizei, die die Härte des Gesetzes per Gummiknüppel auf die Köpfe niederprasseln ließ. Öffentliche, legitimierte Gewalt auf der Straße, Polizeigewalt, nur ein Thema dieses Films, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat …

Kurt Girk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Alois Schmutzer. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Helene Martinez. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter Leitheim. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Allmählich werden die Anekdoten zu Biografien, lernt man Freund und Feind und Perspektivelosigkeit kennen, mit jedem neu aufgeschlagenen Lebenskapitel gewinnen die „Aufzeichnungen“ an Tiefe. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker wird seine politische Dimension. Als Talon im Ärmel der Filmemacher entpuppt sich Alois Schwester, die Helli, Helene Martinez, die zumindest dieser Zuschauerin vergeblich versucht, die geheimnis- vollen Regeln einer Stoß-Partie beizubringen. Mit der Helli, ihrem Fotoalbum und ergänzendem Fernseharchiv- material ist die Zäsur gesetzt. Wieder die Kronen Zeitung, Schlagzeile: „Norbert Schmutzer von zehn Kugeln getroffen“, Alois‘ Bruder, dazu Aufnahmen von Schaulustigen und der Spurensicherung vorm „Stüberl-Café“.

Helene Martinez zeigt ein Porträt vom feschen Norbert, ein Foto seiner Freundin Susi mit Einschussloch, trug er’s doch in der Mordnacht in seiner Brieftasche, eins vom Alois in Stein. „A Brieftaubn“ sollen der Loisl und der Kurti g’macht haben, ein Postraub mit Todesfolge, für den Schmutzer zehn Jahre Haft ausfasst, Girk acht, obwohl sie nachweislich nicht die Täter sein konnten. Die Entrüstung über die ungerechte Verurteilung, die in Kurt und Alois schlummert, tragen Covi und Frimmel weiter. Nun treten Justiz- und Polizeiwillkür zutage, werden grausame Methoden des Strafvollzugs deutlich, und damit auch ein Echo des Naziterrors und die Rolle von Macht und Staat in den ersten Nachkriegsjahrzehnten.

Die Polizei, die einen prominenten Unterweltler eliminieren nicht möchte, sondern fürs eigene Image muss, einen „Medienstar“, und apropos, Aktualität: die Medienhetze, die Meinungsmacher. Schmutzer nennt Inspektor Hammer – nomen est omen – vom Sicherheitsbüro „an Scheißhund“, der Girk acht Zähne ausschlug, die Zustände in den Gefängnissen, die schlimmen Verhältnisse im Strafvollzug, die wären ein eigener Film. Davon zu berichten haben Covi und Frimmel Peter Leitheim vor die Kamera gebeten, und pardon, er ist der einzige, dem man den Alkoholismus deutlich ansieht.

Hellis Fotoalbum: ein Bild von Norbert Schmutzers Freundin Susi mit Einschussloch, Norbert, unten: Alois in Stein. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Für Frimmel ist er ein weiteres Opfer, der junge Bursche ohne Berufsausbildung, der zum Gefängniswärter wurde, der Misshandlungen von Häftlingen mit dem Schutz seiner eigenen Unversehrtheit rechtfertigt. Und auch er hat seinen Zorn, auf den Vorgesetzten, der wegen eines Tränengaseinsatzes gegen Schmutzer in dessen Zelle 400 Schilling mehr Pension bekommen, während er, direkt am Einsatzort, bis heute Probleme mit den Augen hat. Ein Vorfall übrigens, den Girk mit dem ihm

eigenen trockenen Galgenhumor kommentiert, sollte der Freund den Tobsüchtigen damals doch kalmieren: „Drauf hob I sagt, I hob eam jo ned eing’sperrt, es Trottln.“ „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ zeigt in voller Unverblümtheit eine des männlichen Faustrechts. Die Wahrheit? Ist irgendwo da draußen. Jedes Relativieren, jedes Offenbaren von neuen Fakten, wird individuell zwischen Protagonisten und Publikum neu verhandelt.

Man kann diesen Film als Sittenbild, als gesellschaftspolitische und soziale Zustandsschilderung aus dem Wien der Sechziger Jahre sehen, oder als einen über Stolz, Respekt und Würde. Von den einzigartigen Gesichtern der Protagonistin und der Protagonisten geht eine beinah unheimliche Faszination aus, das sind Persönlichkeiten, die sich durch nichts im Leben haben brechen lassen. Oral History vom Feinsten.

Am Ende: Aufnahmen in Farbe. Kurt macht sich für einen Auftritt fertig, Alois zeigt seinen Hof. Und dann: die beiden gemeinsam beim Heurigen, sie singen „Heute war die alte Zeit bei mir“, das absolute Lieblingslied von Kurt und Alois und jedes Mal, sagt Frimmel mit seinem Gespür für einfühlsames und empathisches Filmemachen, „wenn sie sich getroffen haben und wir dabei waren, haben sie es gemeinsam gesungen“. PS.: Welturaufführung war bei der Berlinale, und Schmutzer gab auf der Bühne Vollgas mit seinem Wiener Schmäh – und musste fürs Publikum via Dolmetscher übersetzt werden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=L68aMLUHsMk           www.youtube.com/watch?v=lPBE9dfxgEw           unterwelt.wien           stadtkinowien.at

BUCHTIPP:

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten. Schalko erzählt von der Zwischen- bis zur Nachkriegszeit von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten … Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 8. 2021