Das Off Theater zoomt: Reenachting Jakob Levy Moreno

April 18, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Entdeckung“ der interaktiven Mockumentary

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Da kein Ende des Kultur-Lockdowns abzusehen ist, will das Off Theater mit seiner Inszenierung „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ nun eine andere Richtung im Bereich des virtuellen Theaters einschlagen. Ernst Kurt Weigel und sein Team haben das Stück in die interaktive Mockumentary „REENACTING Jakob Levy Moreno“ verwandelt, zu erleben am 23. und 24. April um 20 Uhr auf Zoom: #werdeteinteildavon

Wer Teil der Gruppe sein oder auch nur zuschauen möchte, kann sich via zoom@off-theater.at anmelden. Nicht vergessen, das gewünschte Datum anzugeben. Welche Gruppe? Dazu mehr in der Rezension der Bühnenpremiere vom vergangenen Oktober:

In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht.

Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schlicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension von der mittlerweile in einen Live-Stream umgewandelten Produktion: www.mottingers-meinung.at/?p=45762). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ Stalin muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine frühe Psychotherapie der späteren Massenmörder fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=42043

Anmeldung: zoom@off-theater.at           www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177           www.facebook.com/watch?v=141845411159860

18. 4. 2021

H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hoffmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hoffmann im Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hoffmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hoffmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hoffmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Das Off Theater im Live-Stream: This is what happened in the Telephone Booth

April 7, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Leonie Wahls TanzImOff-Eröffnung via Bildschirm

Die Telefonzell-Membran der verlorenen Seelen: Gerald Walsberger, Michael Welz und Kajetan Dick, im Telefonhäuschen Leonie Wahl und Hannah Timbrell. Bild: Günter Macho

Eigentlich sollte ab morgen im Off Theater das Festival TanzImOff stattfinden, aber aufgrund der Reiserestriktionen vieler internationaler Gäste ist es erst mal auf Dezember verschoben. Das Off Theater zeigt dafür die geplante Eröffnungsvorstellung „This Is What Happened In The Telephone Booth“ von Leonie Wahl und Ernst Kurt Weigel am 8. April um 20 Uhr als Live-Stream. Das Besondere diesmal: Wahl und Weigel beginnen mit einer etwa 15-minütigen Werkeinführung mit allen Beteiligten und starten im

Anschluss mit der Vorstellung – komplett live via der Homepage off-theater.at und der Social Media Channels. Einfach am 8. 4. kurz vor 20 Uhr reinklicken! Hier noch einmal die Rezension vom November 2019:

Den Wahn mit Witz wegtanzen

Die sphärischen Soundscapes von Asfast und die sich zur Crecendo-Klage steigernde Stimme von Tamara Stern schaffen eine stimmige Atmosphäre. Auftritt Leonie Wahl mit butterblumengelbem Haar. „Eines Tages verschwand meine Mutter in einer Telefonzelle um ihren Geliebten anzurufen. Als sie heraustrat, war sie ein komplett anderer Mensch geworden. Sie war völlig außer sich, nicht mehr zu beruhigen. Von da an blieb sie psychisch krank. Ich war zehn Jahre alt und konnte mir nicht erklären, was passiert sein mag. Deshalb begann ich zu tanzen“, sagt sie – und beginnt nun wirklich.

Als Tanz.Schau.Spiel bezeichnet die in Wien lebende Schweizer Choreografin und Tänzerin ihre aktuelle Arbeit „This is what happened in the Telephone Booth“, die Koproduktion von Leonie Wahls orgAnic reVolt und das.bernhard.ensemble an dessen Spielstätte, dem Off Theater, von Regisseur Ernst Kurt Weigel zur Uraufführung gebracht. Das gemeinsame Projekt ist für Wahl ein autobiografisches, die damit einen berührend privaten Einblick in den bisher tiefsten Einschnitt ihres Daseins gibt:

Choreografin und Tänzerin Leonie Wahl … Bild: Günter Macho

… will die Erkrankung ihrer Mutter … Bild: Barbara Pálffy

… für sich performativ verarbeiten. Bild: Barbara Pálffy

Es ist 1987 in der Toskana, und die Familie, Mutter, Schwester, Leonie, Teil einer Aussteigergemeinschaft. Dann die Zellenszene, Halluzinationen, Stimmenhören, Mutter sagt, sie könne „den Tod riechen“. Schock, Carabinieri, Krankenhaus, Diagnose Schizophrenie – und die kindliche Erkenntnis, dass ab nun nichts mehr sein wird, wie es war. Aus Trauma wurde Tanztheater, weil, so Wahl, das Wichtigste ohnedies nicht mit Worten zu erzählen sei. Weshalb sie sich nach der kurzen Einführung in ihre Geschichte gleich aufs Körperliche verlegt, ihr Eingang in die verworrenen Gedankengänge des Wahns von Weigel dabei keineswegs als Krankheitstragödie, sondern als komödiantische Groteske mit spooky Psychothriller-Elementen inszeniert.

Wahl zeigt das Implodieren einer Seele mit explodierender Körpersprache, aber auch umgekehrt, den psychischen Auf- als physischen Stillstand, wobei es ihr mit außerordentlicher Ausdruckskraft gelingt, sowohl Stakkato-Schritte als auch Stasis gleich einer Druckwelle über die Köpfe des Publikums brausen zu lassen. Einziges Requisit, das ihr Ausstatterin Devi Saha an die Hand gibt, ist eben jenes Telefonhäuschen, eine entsetzliche Geisteszelle, die Wände mit einer semitransparenten, pergamentfarbenen Membran ausgekleidet, eine unappetitlich vergilbte Haut, durch die sich Gesichter und Gliedmaßen des Ensembles drücken, eine zwar elastische Zellmembran, die dennoch weder Flucht erlaubt noch Freiheit duldet.

Verwickelt im Kabelsalat: Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger, Leonie Wahl und Michael Welz. Bild: Günter Macho

Keiner kann rein, keiner kommt raus: Gerald Walsberger, Leonie Wahl, Michael Welz, Hannah Timbrell und Kajetan Dick. Bild: Günter Macho

Im psychedelischen Sinne als One in five bestreiten Tänzerin Hannah Timbrell und die Performer Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz mit Leonie Wahl den Abend, gespenstische Gestalten, die sich nach und nach aus den Membranwänden winden, Hirngespinste, die sich mal als Wahl’sche Alter Egos, mal als Mutters multiple Persönlichkeiten, vielleicht auch als Wiedergänger des abwesenden Vaters interpretieren lassen. Mit blutroter Telefonnabelschnur verbunden, von ihr wie ein

Hund gewürgt, wie an Marionettenfäden gegängelt, gefesselt oder liebevoll umschlungen oder als Springseil verwendet, führen die Männer diverse Telefonate mit Ehepartnern und Ärzten. „Ich habe das Grauen gesehen“, wiederholt Dick als ob paralysiert, obwohl man’s per hartnäckigem Dauerklingeln eher hört – dieses gleichsam ein Synonym für jene Forderung nach ständiger Erreichbarkeit, die heute tatsächlich krank macht. Dass dann einer auch noch „Du bist nicht allein“ sagt, ist in Anbetracht von Mutters Befinden die Art Irrsinnigkeit, mit der Wahl und Weigel die Darsteller den Wahnwitz der Situationen wegtanzen, wegspielen lassen.

Mit Wahl und Timbrell ist es Gerald Walsberger im blauweiß gemusterten Kittelschürzenkleid, der an die Grenze der totalen Verausgabung geht. Die Tanzpassagen werden mehr und mehr zur Zerreißprobe, die Seelenspasmen zu Körperkrämpfen, jeder Wahl’sche Move ist nun eine Kampfansage ans Erlittene. Und aus dem Orkus der Telephone Booth drängen die Verlorenen vergebens ans Licht, eine Optik, gemahnend an die Verdammten in Rodins Höllentor. „This is what happened in the Telephone Booth“ verzaubert mit einer wundersamen, bizarren Poesie, die sich sanft über eine brutale Geschichte stülpt. Sehenswert … Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=36197

Video: vimeo.com/434756174           www.youtube.com/watch?v=sZw6fV05om4&t=27s                     www.leoniewahl.com           bernhard-ensemble.at           off-theater.at

7. 4. 2021

Das Off Theater online: The.Heldenplatz.Thing.Movie

März 6, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Infiziert mit der österreichischen Virusvariante

Horch, wer kommt von draußen rein: Ernst Kurt Weigel, Isabella Jeschke und Tamara Stern als Forscherinnen- und Forscherteam in Franz-Josef-Land. Bild: © Barbara Pálffy

Wegen des großen Erfolges und weil kein Ende des Kultur-Lockdowns abzusehen ist, verlängert das.bernhard. ensemble den Gratis-Stream von „The.Heldenplatz. Thing.Movie“ via der Webseite www.off-theater.at bis Ende der Saison. Die Produktion, der im März 2020 gerade noch die Premiere gegönnt war, wurde von Philine Hofmann mit der Kamera festgehalten – heißt: nicht abgefilmt, sondern von der jungen Foto- und Videokünstlerin in ein eigenständiges Kunstwerk verwandelt, aufgenommen in der White Box des Off Theater.

„The.Heldenplatz.Thing.Movie“ ist ein weiteres Theater-Mash-up von Regisseur Ernst Kurt Weigel, inspiriert von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ und John Carpenters Sci-Fi-Horror „The Thing – Das Ding aus einer anderen Welt“, Kult sowohl das einstige Skandalstück wie der Leinwandklassiker – und wie gut trifft sich’s, dass der Weigel den Kurt im Namen führt, war doch Kurt Russell der große Held in Carpenters Meisterwerk.

Was das.bernhard.ensemble zeigt, ist Polit-Satire de luxe, Thema ist naturgemäß das Virus, die Performance mit jeder Mutation um eine Mundschutzmaske weiterentwickelt, und das Setting wie folgt: Eine Gruppe Forscherinnen und Forscher unter der Leitung des verwegen-verschmitzten „Kört“ haben sich in die klirrende Kälte des Franz-Josef-Land zurückgezogen, um mitten im Nirgendwo die gute österreichische Mentalität zu erkunden und zu dokumentieren.

Die Message und deren Control wird immer wichtiger, sagt Weigel, und so ginge es nicht an, dass auf den Voyager Golden Records von 1977 ausgerechnet Kurt Waldheim seine Affäre ins All geschickt habe – und damit den ganzen Tross des Nationalsozialismus bis hin zum SA-Ross. Was sollen sich etwaige Aliens da denken? Ergo sammelt die ziemlich schräge Truppe neue Daten über heimische Befindlichkeiten: Kristina Bangert als Josephine, Kajetan Dick als Robert und Gerald Walsberger als Lukas.

Isabella Jeschke als Herta – ja, Auge! bei diesen Namen – betreut die wunderbare Chatgruppe „Todessehnsucht“, ist doch „der Österreicher von Natur aus unglücklich und wenn er einmal glücklich ist, versteckt er sein Glück in Verzweiflung“, und Tamara Stern als Frau Zittel den Schweigechat. Was das 90 Minuten beharrlich stille Polarmäuschen deutlich von des Professors Haushälterin trennt, Tamara Stern spielt sich mit viel komödiantischer Mimik in lichte Höhen, will ihr doch keiner zuhören, äh, zuschauen.

The Thing turnt behende übers Iglu-Gerüst: hier Rosa Braber, im Film Desi Bonato. Bild: © Barbara Pálffy

„Boris die Bestie“-Lookalike: Ernst Kurt Weigel als verwegener Teamleiter „Kört“. Bild: © Günter Macho

Die Tiefkühltruhe des Grauens als Frischhalteplatz …: Ernst Kurt Weigel. Bild: © Günter Macho

… für ewiggestrige Untote und zeithistorische Wiedergänger: Isabellla Jeschke. Bild: © Barbara Pálffy

Zugegeben, man muss als Publikum erst durch diese Teamaufstellung turnen, andererseits ist sie zu gelungen, um nicht genannt zu werden. In einer Tiefkühltruhe werden bei minus 70 Biontech-Grad die gewonnenen Erkenntnisse im Hightech-Gerät Cocktailshaker aufbewahrt – und schon steppt der Eisbär im arktischen Außenposten. À la Carpenter und zur hypnotischen Musik von b.fleischmann stürmt ein schwerbewaffneter Norweger die Station, vor der Flinte eine wehrlose Frau, eine Flüchtende, eine Jüdin, doch wer Carpenter kennt, kennt Formwandler – und worin wird sich der Heldenplatz-Anrainer verwandeln, außer in mittlerweile beinah neun Millionen Debile und Tobsüchtige? Genau!

Desi Bonato brilliert als The Thing, sie ist die „Wölfin“ im Schafspelz, im schwarzen Lederoutfit schlängelt sie sich lasziv wie die Verführung selbst und vollführt atemberaubende Akrobatiknummern auf dem Iglu-Gerüst von Julia Trybula. The Thing ist das Virus, und zwar die urösterreichische Variante. Bald ist jedes Crewmitglied mittels Handauflegen „das erste Opfer“, erste Symptome sind stark antisemitische, rassistische Verschwörungshaltungen, denn das Virus holt aus jedem das Schlechteste hervor. Am besten beeinflussbar ist die hyperhippelige Herta der Isabella Jeschke – und schon ist der Satz gesprochen: „Wenn ich eine Nazisau bin, bist du eine Judensau.“

Infiziert ist gleich neo/nazifiziert. Das durch und durch verderbte Land, diese geist- und kulturlose Kloake, hüllt von Neuem ganz Europa mit ihrem Gestank ein. Auf skurrile folgen sinistre folgen spooky folgen Suspense-Situationen, wobei Weigel nie aus dem Blick verliert, dass Thomas Bernhard wie John Carpenter Großmeister des subversiven Augenzwinkerns sind. Philine Hofmann fängt Gesichter in Großaufnahmen und die klaustrophobische Atmosphäre ein, mit wackeliger Handkamera bebildert sie Chaos und Tumult.

Weil das.bernhard.ensemble immer auch Körpertheater ist, wird zu Stevie Wonders „Superstition“ ein Zombietanz aufgeführt. Und was die ewiggestrigen Untoten und die zeithistorischen Wiedergänger betrifft, ist es nur gut, dass es die große Tiefkühltruhe als Frischhalteplatz gibt. Es wird hinausgeströmt in die unbelebte Stadt, zur Ulrichskirche, Genussgruppenleiterin Bangert zum Sluka, und – da fröstelt’s den Kulturmenschen – in die leere Josefstadt. Alle, alle sind sie wieder auf dem Heldenplatz. Und Walsberger, aufgefunden als der letzte lebende Sozialdemokrat, sagt, die Sozialisten seien schuld, dass es wieder nationale Sozialisten gibt.

Die großartige Tamara Stern spielt sich mit komödiantischer Mimik in den Mittelpunkt der Produktion. Bild: © Günter Macho

„The.Heldenplatz.Thing.Movie“ ist eine fulminante Farce, die durch den Zeitungeist galoppiert, ohne auf ihm herumzureiten. Dass in der österreichischen Innenpolitik Waldheims Pferd nicht das einzige trojanische ist, macht Ernst Kurt Weigel im Subtext, sein Ensemble im Subspiel dieser Horrorgroteske fest.

Und wie die großartig agierenden Darstellerinnen und Darsteller um den Cocktailshaker streiten, wie der österreichische Gemütsmensch da zum Gewalttäter wird – plastischer kann man den um sich greifenden Impfdosenneid und die Geimpften-Missgunst, den aufkeimenden Impfdosennationalismus, die Mieselsucht allüberall kaum ausstellen. Man möchte nicht täglich philosophieren, wie das weitergeht.

Am Ende: Anschluss completed. Das politische Hass-Virus hat die klimatische Kälte zur gesellschaftlichen mutiert. Die Tests weisen eine hochinfektiöse minderheiten- und demokratiefeindliche Geisteshaltung nach. In Franz-Josef-Land hat’s die Forscherinnen und Forscher, die Suchenden nach dem Schönen in der österreichischen Seele dahingerafft. Einzig Frau Zittel sitzt noch da. Das Schweigen überlebt – dieses die authentische „österreichische Lösung“: Alles gesehen, alles gewusst, nichts gesagt und nichts getan.

Trailer: vimeo.com/432422601           Full Movie: www.off-theater.at           www.bernhard-ensemble.at           www.philinehofmann.com

TIPP: Heute um 20 Uhr gibt es einen Realtime-Livestream der Produktion „This is what happened in the Telephone Booth“ von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt auf Facebook. Kamerafrau auch hier Philine Hofmann. Rezension der Live-Performance 2019: www.mottingers-meinung.at/?p=36197, Trailer: vimeo.com/434756174.

Link zur Live-Veranstaltung: www.facebook.com/das.off.theater/live

www.off-theater.at           www.bernhard-ensemble.at

  1. 3. 2021

Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno

Oktober 14, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Off Theater: In Gruppentherapie mit Hitler und Stalin

Hitler und Stalin spielen „Hamlet“: Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

Ein Podium als Shakespearebühne, an jeder Ecke ein Ausläufer, und mit Drahtkrone thront Kajetan Dick umringt von zwei Elevinnen. Nun erhebt er sich, lädt das ringsum sitzende Publikum zum warming-up auf eine Reise ein, alle aufstehen!, auch die anwesende Kulturstadträtin macht da mit, bei den „Körperübungen im Kosmos“. Bis schließlich alle wohlbehalten im Off Theater ankommen. In dessen White Box hat Ernst Kurt Weigel sein

Gedankenspiel „Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“, gezeigt von das.bernhard.ensemble und orgAnic reVolt, zur Uraufführung gebracht. Kajetan Dick fungiert als ebendieser Moreno, und wer glaubt, der Genialisch-Manische outriere sich mit seinem Mentalcoach-Sprech in erleuchtete Höhen, staunt als am Ende Moreno im beschwörerischen O-Ton vom Band läuft. „Am I nothing or am I God?“ raunt er sein „Sein oder Nichtsein“. Dies die Frage, deren grauenhafte Antworten der Abend aufwirft.

Die Vita von Jakob Levy Moreno lässt sich durchaus als extravagant beschreiben: Aus einer rumänischen Familie sephardischer Juden stammend, studierte er in Wien Medizin und entwickelte schon in jungen Jahren ein großes soziologisches Interesse, das ihn zur Arbeit mit Sträflingen, Prostituierten und im Flüchtlingslager Mitterndorf brachte. Moreno war Begründer der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie. Seine Faszination fürs Stegreiftheater veranlasste ihn, selbst damit zu experimentieren: ohne Regie und in selbstkreierten Raumbühnen. Das war damals revolutionär.

Doch der aufkeimende Antisemitismus der 1920er-Jahre hieß ihn Wien für immer zu verlassen. In New York entwickelte Moreno schließlich seine Methode des Psychodramas, dies heut‘ allgegenwärtige gruppendynamische Rollenspiel: Sage uns, was dich quält und was du für dich gewinnen möchtest! – und Weigel führt die 25 Zuschauer/Probanden nun mitten in die Aktionsphase einer solchen Therapiesitzung. Gemeinsam wird man zur Experimentiertruppe von Morenos Theater der Spontaneität, „wunderbar, großartig“ feuert Theatermacher Moreno-Dick die Anwesenden an.

Ganz nah am raunenden O-Ton: Kajetan Dick ist brillant als Jakob Levy Moreno. Bild: Günter Macho

Hitler schleicht durchs „Burgtor“: Isabella Jeschke mit Desi Bonato und Leonie Wahl. Bild: Günter Macho

Josef Stalin erforscht seine Gefühle: Ernst Kurt Weigel und Tänzerin Desi Bonato. Bild: Günter Macho

Foltertanz der Massenmörder: „Hitler“ Isabella Jeschke und „Stalin“ Ernst Kurt Weigel. Bild: Günter Macho

„Das Schauspiel sei die Schlinge, die uns in das Gewissen bringe“, rezitiert er Hamlet. Denn der soll gegeben werden. Es ist das Jahr 1913, Devi Saha hat die White Box in einen wunderbaren Jahrhundertwendesalon verwandelt, und aus dem Publikum meldet sich Adolf Hitler, um den Dänenprinzen zu spielen. Dies Zusammentreffen der Kunstkniff von Ernst Kurt Weigel. Dass sich der erfolglose Kunstmaler in jenem Jahr in Wien aufhielt, ist historisch verbrieft, ebenso wie Josef Stalin. Weigel als untergetauchter russischer Revolutionär lässt seine Figur auf die anderen beiden „Ausnahmepersönlichkeiten“ der Stadt prallen.

Und wieder einmal begeistert, wie bühnenpräsent Isabella Jeschke ist. Mit Bärtchen-Punkt und in breitem Braunauer Dialekt gestaltet sie den Architektur-Demagogen, nunmehr Morenos „Prinz Adolf“, ihr expressives Spiel, dieser mal blindwütige, mal übereifrig Morenos Anweisungen folgende Schreihals, in hibbelig-verrenktem Gleichschritt zuckend – da ist ein Körper bereits schwer beschäftigt mit „Mein Kampf“.

Die ausdrucksstarke Choreografie, sie im doppelten Sinne eine körperliche Gewalt, hat Leonie Wahl entwickelt, deren famoses Tanz.Schau.Spiel „This is what happened in the Telephone Booth“ Mitte November im Off Theater wiederaufgenommen wird (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36197). Sie und Tänzerin Desi Bonato agieren als allerlei seelische Aggregatzustände. Tobt Hitler über die Asymmetrie der Hofburg, rechts Erhabenheit, links nichts, grün, Wildwuchs (Zuschauergelächter!), machen sie ihm mit Armen und Beinen das Burgtor.

Gruppendynamik in der schweißtreibenden Therapiesitzung: Bonato, Weigel, Dick, Wahl und Jeschke. Bild: Günter Macho

Bonato performt vor Stalin sein Gefühl, die Frau verloren und den Sohn verlassen zu haben, und es ist ein ziemlich durcheinander gewirbeltes. Wie Wahl und Bonato den Dirigenten der Todesbürokratien im Takt folgen, ihre Gebärden-Sprache, mit der sie von Mitläufertum, Ekel und Ohnmacht erzählen, ist große Kunst. Andere Gruppenmitglieder werden ins Spiel miteinbezogen, Kajetan Dick fischt sich seine Gottfried Semper von den Stühlen, im #Corvid19-Abstand lernen die Geister unter Anleitung den richtigen Stegreif-Tonfall fürs gespenstische

„Bau‘ mir die Hofburg fertig …“ das.bernhard.ensemble würde sich selbst nicht gerecht, gäbe es nicht einen tagesaktuellen Weigel’schen Exkurs, der kohleschmutzige Stählerne über einen Kapitalismus, der Moria buchstäblich ersaufen lässt, eine Schmährede auf die zaudernde Hamlet-Gesellschaft, eine Anpreisung einer Alle-Menschen-sind-gleich-Gemeinschaft ohne Privateigentum. Da sind’s bis zum Großen Terror noch mehr als 20 Jahre hin, für Morenos Improvisation hat sich Stalin als Claudius gemeldet, der nach anfänglicher Sympathie für den Stiefsohn bei 3.3 endet: I like him not.

Dies die stärkste Szene von Isabella Jeschke und Ernst Kurt Weigel. Hitler entartet sein Leinensackerl zur Gefangenenkapuze, die „Krüppelhand“, das „unwerte Leben“ muss den Boden wischen, eine perfide Umarmung, ein Foltertanz, bis man sich rechts und links als Führerstatue aufbaut. Stampfend, keuchend, zum monströsen Sound von b.fleischmann die Masse, und ein über seine grauenvolle Entdeckung entsetzt die Augen aufreißender Jakob Levy Moreno.

„Die grauenvolle Entdeckung des Jakob Levy Moreno“ umfängt einen mit einem Sog, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ein starkes Stück!, ist das. Die Geschichte lehrt, die dramatische Geste kann das Böse nicht besiegen, weil es sie sich aneignet, die Geschichte lehrt, für den Horror gibt’s kein Heilmittel. Hätte eine Psychotherapie fürs 20. Jahrhundert das Schlimmste verhindert? Ernst Kurt Weigel probiert’s. Seien Sie dabei …

Vorstellungen bis Ende November.

www.off-theater.at          Trailer: vimeo.com/467135177

  1. 10. 2020