Belvedere: Klimt, Kupka, Picasso und andere Formkunst

März 10, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Kunsthistorische Spurensuche in den „Kronländern“

Pablo Picasso, Bildnis Fernande Olivier, 1909. Städel Museum, Frankfurt a. M., Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. © Succession Picasso/Bildrecht, Wien, 2016. Bild: © Städel Museum – Artothek

Pablo Picasso, Bildnis Fernande Olivier, 1909. Städel Museum, Frankfurt a. M., Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. © Succession Picasso/Bildrecht, Wien, 2016. Bild: © Städel Museum – Artothek

Form war in der Donaumonarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr als nur ein beschreibender Begriff. Sie war Ausdruck einer Erkenntnis, eines Bewusstseins und wurde um 1900 schließlich zur Basis einer Vielfalt ungegenständlicher, oft ornamental anmutender Kunst.

Die Ausstellung „Klimt, Kupka, Picasso und andere – Formkunst“, die ab 10. März im Unteren Belvedere zu sehen ist, beschäftigt sich mit den intellektuellen Konstellationen und Traditionslinien von Wissenschaft, Philosophie und Kunst in der späten Habsburgermonarchie und zeigt damit das Beziehungsgeflecht eines ganzen Kulturraums auf. Die Kontinuität und die Besonderheiten der Kunst der Donaumonarchie werden intensiv beleuchtet.

Auch der Bezug zur damaligen Ausbildungssituation und zur Pädagogik zeigt, in welch hohem Maße Bildung das Kunstschaffen in diesem Kulturraum beeinflusst und somit langfristig wie nachhaltig zur Entwicklung eines kollektiven Bewusstseins beigetragen hat. Die Schau verweist auf den Nährboden, der von 1900 an einen ganzen Stammbaum miteinander verwandter Kunst hervorgebracht hat. Erstmals werden jene Vorbedingungen aufgezeigt, die eine wesensähnliche Kunst in der Donaumonarchie bedingten und nachhaltig zur Entstehung einer ungegenständlichen Kunst führten.

„Die Ausstellung ‚Klimt, Kupka, Picasso und andere – Formkunst‘ begibt sich auf eine kulturhistorische Spurensuche in die ehemaligen Kronländer der Donaumonarchie und stellt erstmals das Schaffen des tschechischen Kubismus und der Formkunst dem der Wiener Secession gegenüber – ein neuer Kontext, der spannende Parallelen aufdeckt“, so Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Eröffnung der Schau am Donnerstag. „Dem Besucher eröffnet sich diese besondere Sichtweise auf die Moderne in der Donaumonarchie anhand einer noch nie gezeigten Dichte prominenter Exponate. Das nahezu vergessene Charakteristikum eines Kulturraums wieder ins Gedächtnis zu rufen und mit Kunstobjekte zu visualisieren ist die vorrangige Intention dieser Ausstellung“, ergänzt Husslein-Arco.

Wenn auch auf den ersten Blick zwischen der Wiener Moderne und dem Prager Kubismus kein offensichtlicher Zusammenhang besteht, finden sich bei näherer Betrachtung doch maßgebliche Gemeinsamkeiten. Hierauf basierend kann die Verbindung zwischen jenen Künstlern der Donaumonarchie aufgezeigt werden, die bisher als Einzelpositionen – wie etwa František Kupka – oder Sonderentwicklungen – wie die Formkünstler der Wiener Secession, des Prager Kubismus oder des Wiener Kinetismus – interpretiert wurden. „Der ganzheitliche Anspruch und die Reduktion des künstlerischen Ausdrucks auf die Form bilden hierbei die Beziehungspunkte zwischen den in Wien tätigen Formkünstlern und dem tschechischen Kubismus“, erläutert Kurator Alexander Klee. „Nicht nur die Secessionisten, auch die Prager Kubisten pflegten die Kunst in alle Lebensbereiche hineinzutragen.“ Die Affinität der Prager Kubisten zum französischen Kubismus wiederum lässt sich auf dieser Grundlage nicht nur mit der bewussten Opposition zu Wien oder mit einem Generationenwechsel erklären, sondern mit der Auffassung von Fläche und Form, die in den frühen Arbeiten von Pablo Picasso oder Georges Braque zu finden ist.

Die besondere Bedeutung, die dem Zeichnen als Ausdrucksform beigemessen wurde, lässt sich nur vor dem Hintergrund des damaligen Ausbildungssystems erklären. In diesem schlug sich der empirisch-psychologische Ansatz des deutschen Philosophen, Psychologen und Pädagogen Johann Friedrich Herbart nieder. Grundlage des allgemeinen Zeichenunterrichts war die geometrische Trigonometrie, die Zerlegung in Dreiecke, die eine elementare Fähigkeit des Sehens und damit die Erkenntnis einer geordneten Welt erleichtern sollte. Diese mathematisch begründete Pädagogik vermittelte das geometrische Gebilde als Grundlage des Formschönen und damit eine Ästhetik, die komplexe Strukturen als ein Gefüge aus Form- und Verhältnisbestimmungen betrachtete. Aus diesem Blickwinkel erscheinen die Werke vieler Künstler der Donaumonarchie in einem neuen Licht. In Wien war es vor allem die Secession, die beinahe symbiotisch mit der k.u.k. Kunstgewerbeschule ab 1900 die Verbreitung der Formkunst betrieb und, mit den Wiener Werkstätten und der Galerie Miethke verflochten, deren internationale Bedeutung propagierte.

www.belvedere.at

Wien, 10. 3. 2016

Dauerleihgaben der Sammlung Thyssen-Bornemisza an das Belvedere

April 15, 2013 in Ausstellung

Bedeutende Meisterwerke der Moderne ergänzen

die Sammlung der Österreichischen Galerie

Ich kaufe Gemälde aus Liebe und Leidenschaft, Interesse und Begeisterung.
Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza (1921-2002)

Alexej von Jawlensky, Kind mit Puppe, 1910, Öl auf Holz, 61 × 50,5 cm, Dauerleihgabe im Belvedere © Thyssen-Bornemisza Collections, © VBK, Wien, 2013

Alexej von Jawlensky, Kind mit Puppe, 1910, Öl auf Holz, 61 × 50,5 cm, Dauerleihgabe im Belvedere
© Thyssen-Bornemisza Collections, © VBK, Wien, 2013

Ernst Ludwig Kirchner, August Macke, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff, Alexej von Jawlensky oder František Kupka: Insgesamt sind es 15 Werke aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza, zwölf Ölgemälde und drei Arbeiten auf Papier, darunter Hauptwerke des deutschen und des französischen Expressionismus sowie des italienischen und des russischen Konstruktivismus, die ab dem Frühjahr 2013 als Dauerleihgaben im Oberen Belvedere präsentiert werden. „Diese Sammlung  ist eine der gewichtigsten in Europa, und es ist eine ganz besondere Freude, dass Ausgewähltes von allerhöchster Qualität nun die Bilder des Belvedere ergänzt. Diese herausragenden Einzelstücke ermöglichen den Vergleich der eigenen Bestände österreichischer Kunst mit dem deutschen Expressionismus und zeigen so wichtige Aspekte der heimischen Identität auf“, zeigte sich Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere, bei der Vorstellung ihrer neuen Schützlinge erfreut über die neueste Ergänzung ihres Hauses.

Im Jahre 1947 erbte Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza von seinem Vater den wichtigsten Teil einer ausschließlich aus Werken alter Meister bestehenden Kunstsammlung. Baron Hans Heinrich setzte diese Tradition zunächst fort und erwarb erst zu Beginn der 1960er-Jahre sein erstes modernes Werk, das Aquarell Junges Paar von Emil Nolde. Im Laufe der folgenden vier Jahrzehnte trug er eine der bedeutendsten Privatsammlungen der klassischen Moderne zusammen, deren größter Teil seit 1992 im Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid dauerhaft präsentiert wird. Aus der verbleibenden Kunstsammlung kann dank des Engagements seiner Tochter, Francesca Habsburg, eine Auswahl von Werken der internationalen klassischen Moderne nun im Belvedere gezeigt werden. „Das Aufregendste für mich an der Kunst ist das Entdecken und die Herausforderung, vor die man gestellt wird. Auch wenn meine Leidenschaft vorwiegend der zeitgenössischen Kunst gilt, habe ich natürlich eine besondere Beziehung zu den Werken aus der Sammlung meines Vaters, dessen Leidenschaft für die Kunst mich geprägt hat. Heute hier im Belvedere zu stehen und ausgewählte Arbeiten als Ergänzung in der Sammlung zu sehen ist natürlich ein besonderer Moment für mich“, meint Francesca Habsburg.

Unter den Dauerleihgaben befinden sich Werke des französischen Fauvismus, beispielsweise von Maurice de Vlaminck, des Dresdner und des Münchner Expressionismus mit Vertretern wie Alexej von Jawlensky und August Macke, oder Einzelpositionen wie jene von František Kupka. Vertreten sind einflussreiche Größen der deutschen, französischen, russischen und italienischen Avantgarde, ihre Werke machen Zusammenhänge zwischen der Wiener Formkunst, dem Wiener Kinetismus, dem russischen Konstruktivismus sowie dem Rayonismus ästhetisch erfahrbar. „Besonders ans Herz gewachsen ist mir eine weitere der Belvedere-Leihgaben, Noldes Blumengarten. Mein Vater fühlte sich zu diesem Gemälde immer sehr hingezogen und nahm es sogar mit, als er nach Madrid zog, wo es immer bei uns zuhause hing“, so Francesca Habsburg. „Ich fühle mich diesen Bildern sehr verbunden, und es ist mir eine Ehre, dass sie über den Zeitraum mehrerer Jahre in der Sammlung der Moderne des Belvedere integriert sein werden. Denn mein Vater hat mich etwas sehr Wichtiges gelehrt: Kunstwerke werden nicht zum ausschließlichen Privatvergnügen eines Einzelnen geschaffen, sondern um sie mit einer breiteren Öffentlichkeit zu teilen.“

www.belvedere.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 12. 4. 2013