Kunstmeile Krems: Hans Kupelwieser

Juli 3, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Holz, Metall und ein Augmented-Reality-Objekt

Hans Kupelwieser, Gonflable H, 2021, Aluminium, aufgeblasen, Courtesy: Künstler / Hans Kupelwieser, Ohne Titel, 2021, Edelstahl, poliert, Courtesy: Künstler. Bild: © Kunstmeile Krems

Seit gestern dominiert der österreichische Bildhauer, Grafiker und Medienkünstler Hans Kupelwieser die Kunstmeile Krems. Kupelwieser zählt zu den bedeutenden multimedialen Künstlern seiner Generation. Seine Arbeiten reichen von Fotogrammen über Skulpturen bis hin zu raumfüllenden Installationen. Dafür verwendet er unterschiedlichste Medien und Materialien. Das Spektrum reicht von Papier über Metall, Kunststoff, Beton, Gummi bis Glas.

Bei seinen Arbeitsprozessen geht es um die Erweiterung von Gattungsgrenzen und das Ausloten technischer Möglichkeiten. Kupelwieser beschäftigt sich mit Wahrnehmungstheorien ebenso wie mit architektonischen Fragestellungen.

Für die Dominikanerkirche Krems hat Hans Kupelwieser eine temporäre Installation entwickelt. Er spiegelt die Kreuzrippen- konstruktion der Decke des gotischen Sakralbaus auf den Boden des Mittelschiffs mit einer raumgreifenden Holzskulptur. Die mittel- alterlichen Bauelemente werden zum begeh- baren Kunstwerk und machen die historische Architektur des Kirchenraums erlebbar.

Die Arbeit im Chor ist eine Hommage an Galileo Galilei. Sie besteht aus acht Plexiglasstelen, aus denen konkave und konvexe Lupen mit unterschiedlichen Radien gefräst wurden. Wie beim Blick durch ein Fernrohr, abhängig von der Position der Stelen, werden verborgene Details der Kirche sichtbarer. In der Kunsthalle Krems zeigt Kupelwieser zehn großformatige Werke. Sie sind Ergebnis seines experimentellen Arbeitens mit dem Fotogramm. Seit den frühen 1980er-Jahren lässt Kupelwieser mit dieser Technik Gegenstände, ganz unmittelbar und ohne Kamera, nur durch Licht mit dem Fotopapier verschmelzen.

Am Museumsplatz platziert Kupelwieser zwei Skulpturen, die seinen experimentellen Umgang mit Material verdeutlichen: einen übergroßen, mit Hochdruck aufgeblasenen Polster aus Aluminium und eine dynamische Arbeit aus poliertem Edelstahl. Erweitert wird diese Skulpturengruppe durch ein Augmented-Reality-Objekt. Die Holzskulptur aus der Dominikanerkirche wird mittels Smartphone auf den Museumsplatz projiziert. Wie in der Dominikanerkirche können Besucher*innen in Echtzeit die virtuelle Skulptur begehen und mit ihr interagieren.

Zu sehen bis 30. Oktober.

Hans Kupelwieser, Ohne Titel, 2022. Ausstellungsansicht Dominikanerkirche Krems. Bild: © Kunstmeile Krems

Hans Kupelwieser, Ohne Titel, 2022, Courtesy: Künstler. © Hans Kupelwieser

Hans Kupelwieser, Ohne Titel, 2022. Entwicklung: SystemKollektiv 3D- Künstler: Peter Várnai. © Courtesy: Künstler

Fünf Fragen an Hans Kupelwieser

Sprechen wir zuerst über die Arbeiten in der Dominikanerkirche Krems. Wie sind Sie auf die Idee der Holzinstallation gekommen? Was war für Sie ausschlaggebend für die Auseinandersetzung mit diesem spezifischen Raum?

Kupelwieser: Für mich ist von vornherein festgestanden, dass ich dort keine fertigen Skulpturen ausstellen möchte, denn das kann man auch an einem anderen Ort machen. Die Kirche ist sehr mächtig, skulpturale Arbeiten können dort sehr schnell untergehen. Stattdessen habe ich mir von einem Freund ein 3D-Modell der Dominikanerkirche bauen lassen und mich damit beschäftigt. Das Kreuzrippengewölbe hat sich schnell als etwas herauskristallisiert, mit dem ich weiterarbeiten wollte. Ich hatte wegen der Nähe zur Donau die Idee einer Installation im Hinterkopf, die an ein Schiff erinnert. Mit der Spiegelung des Kirchenschiffes auf den Boden bekam ich letztendlich eine Konstruktion, die ebenfalls wie ein Schiff aussieht. Ursprünglich wollte ich die Konstruktion aus Massivholz machen, weil früher Schiffsrümpfe aus solchen Massivholzstücken gebaut wurden. Das war aber schon allein aufgrund des Gewichts nicht möglich und es wurden zusammengesetzte Spanplatten. Mit der Arbeit will ich auch die riesigen Dimensionen der Kirche verdeutlichen. Das Gewölbe an der Decke sieht aus der Entfernung klein aus, aber aufgrund der Spiegelung wird ersichtlich, wie mächtig es eigentlich ist.

Und was hat es mit den Vergrößerungsgläsern im lichtdurchfluteten Chor auf sich?

Kupelwieser: Die Lupen aus Plexiglas sind eine Hommage an Galileo Galilei, der als erster Fernrohre aus Lupen konstruiert hat. Mit diesen selbstgebauten Fernrohren hat er die Jupitermonde beobachtet. Ihre Umlaufbahnen hat er dann als wissenschaftlichen Beweis dafür gesehen, dass nicht die Erde im Mittelpunkt steht, sondern die Sonne. Dieser Vorschlag hat ihn bei der katholischen Kirche und speziell beim Dominikanerorden unbeliebt gemacht und sie haben ihn einsperren lassen. Ich sehe die Arbeit in der Dominikanerkirche auch als eine späte Genugtuung für Galilei und sein heliozentrisches Weltbild.

Hans Kupelwieser, Ohne Titel, 2015, Courtesy: Künstler. © Hans Kupelwieser

Hans Kupelwieser, Ohne Titel (Detail), 2013, Courtesy: Künstler. © Hans Kupelwieser

Auf dem Museumsplatz sind zwei Metallskulpturen aufgestellt. Wie entsteht ihre besondere Form?

Kupelwieser: Die ersten Metallskulpturen entstanden bereits vor mehr als 30 Jahren, als ich in Lilienfeld in einer Aluminiumfabrik gearbeitet habe. Ich wollte das Material testen, ich wollte sehen, was man damit machen kann und dabei bin ich draufgekommen, dass man Metall aufblasen kann. Die Form der Skulpturen ist zufällig. Ich schweiße zwei flache Bleche – 2-3 Millimeter – am Rand zusammen. Dann wird mit einem Kompressor Luft in den Raum zwischen den Blechen hineingeblasen. Durch das Aufblähen in der Mitte ziehen sich die Ränder zusammen und es entstehen Falten. Nach dem Abkühlen versteift das Metall dann in dieser Polsterform, es ist dann überhaupt kein Luftdruck mehr drinnen. So sind die Skulpturen im Verhältnis zu ihrer Größe relativ leicht. Mittlerweile arbeite ich aber nicht nur mit Aluminium, sondern auch mit poliertem Edelstahl. Ich bin jemand, der immer neue Materialien ausprobiert.

Eine der beiden Skulpturen hat keine Polsterform, sondern sieht verknautscht aus …

Kupelwieser: Ursprünglich waren das auch aufgeblasene Skulpturen. Ich habe sie zum Teil in Innenräumen gemacht, aus denen ich die Skulpturen nicht mehr herausbekommen habe. Ich musste sie also verkleinern. Das wird mit einem Bagger gemacht. Dieses „Verknautschen“ hat sich mit der Zeit dann verselbstständigt. Jetzt gibt es eine eigene Reihe dieser Skulpturen.

In der Kunsthalle Krems stellen Sie Fotogramme aus. Es handelt sich um eine uralte Form der Belichtung. Kann man sagen, dass Sie diese Technik perfektioniert haben?

Kupelwieser: Meine Anfänge waren Fotoarbeiten, hauptsächlich aus dem Bereich der Konzeptfotografie. Mit der Zeit habe ich mich dieser einfachen, fast schon primitiven Art der Fotografie, ohne Fotoapparat, ohne Optik, zugewandt. Es haben sich schon lange vor mir Künstler wie etwa László Moholy-Nagy mit Fotogrammen beschäftigt. Die ersten Fotoarbeiten waren ja Fotogramme. Ich habe diese Technik also zumindest weitergeführt. Ein Fotogramm ist im Grunde genommen ein zweidimensionales Abbild eines dreidimensionalen Gegenstandes. Ich arbeite sehr viel mit Müll, Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen, die ich in unterschiedlichen Anordnungen aufs Fotopapier bringe. In manchen Arbeiten versuche ich, die Abbildung wieder in den Gegenstand zurückzuholen. Ich habe Teile der Fotogramme eingescannt und die entstandenen Formen aus Metall herausgeschnitten, sodass wieder dreidimensionale Gegenstände entstanden sind. Diese hängen dann als eigenständige Arbeit an der Wand.

Über den Künstler:

Hans Kupelwieser wurde 1948 in Lunz am See, Niederösterreich, geboren. Er lebt und arbeitet in Wien. Seine Arbeiten sind in zahlreichen internationalen Museen und Sammlungen vertreten. Er entwickelte unter anderem die Seebühne in Lunz. 2008 wurde Kupelwieser mit dem Niederösterreichischen Kulturpreis gewürdigt.

www.kunsthalle.at           www.kupelwieser.at

3. 7. 2022

Forum Frohner: Rot ich weiß Rot

Mai 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Bilder-Sturm in der politischen Windstille

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Wolfgang Flatz: Fist, 1987. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Andreas Gießwein © Bildrecht, Wien, 2016

Zahlreiche hochklassige Kunstausstellungen setzen sich mit ästhetischen Aspekten auseinander, rücken humorvolle oder kulinarische Perspektiven ins Zentrum, erschließen Gerüche, bieten Gelegenheit zum Verweilen, entspannen und genießen. Die Ausstellung „Rot ich weiß Rot. Kritische Kunst für Österreich“, die ab 22. Mai im Forum Frohner auf der Kunstmeile Krems zu sehen ist, führt dagegen auf ein Kernanliegen der Kunst zurück. Anlass ist ein literarisches Werk, das vor fast vierzig Jahren geschrieben wurde und bis heute unvermindert aktuell geblieben ist.

1979 nimmt das Buch „Rot ich weiß Rot“ eine kritische Reflexion mit dem künstlerischen Klima in Österreich vor. Ausgangspunkt dafür ist die These einer „politischen Windstille“, die laut einem Bericht der FAZ dazu führt, dass es in Österreich keine Kritiker des eigenen Landes gäbe.

Dem stellen 70 Autorinnen und Autoren, von Thomas Bernhard bis Helmut Qualtinger, von Friederike Mayröcker und Elfriede Jelinek, von Josef Haslinger bis Peter Handke, eine umfassende Kritik der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Situation unseres Landes entgegen. Die Schau lotet nun die Relevanz des Buches für das Kunstschaffen aus. Sie spürt Deutungen der nationalen Identität nach, beschäftigt sich mit dem Nachwirken des Nationalsozialismus, zeigt alternative Lebensmodelle auf und thematisiert die kritische Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen.

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Manfred Deix: Bundesadler Neu I, 1989. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Repro: Kathrin Kratzer © Manfred Deix, 2016

Am Anfang der Deutung Österreichs steht Leopold Kupelwiesers Überhöhung der Heimat in der Allegorie „Austria“, entstanden um 1848. Staatswappen und Landkarten von Manfred Deix, Oswald Tschirtner und August Walla sehen Österreich später neu und anders. Der „Widerstandsbutton“ von Johanna Kandl und Ingeborg Strobl greift schließlich die Idee der Landesfarben auf und färbt Österreich als Protest gegen die Regierungsbildung des Jahres 2000 schwarzblau.

Der Nationalsozialismus wird in Susanne Wengers Werken der letzten Kriegsjahre verarbeitet. Die Bilder verbinden Traum und Trauma der als „entartet“ gebrandmarkten Künstlerin. Auch das Nachleben des Nationalsozialismus wird zum Thema. Viktor Matejka, als Symbolfigur eines unermüdlichen Aufzeigers tritt ebenso in Erscheinung wie der Grenzgänger Padhi Frieberger, der in seinem Werk „Scheißbrauner Lippizaner“ eine touristische Visitenkarte Österreichs demontiert, indem er den Aufstieg der Spanischen Hofreitschule im Dritten Reich aufzeigt.

Der „Herr Karl“ ist dagegen Helmut Qualtingers Mitläuferfigur – fotografiert 1962 von Franz Hubmann – die in sympathischer Tarnung die Skrupellosigkeit des Durchschnittsösterreichers entlarvt. Wie schwer das offizielle Österreich mit Neuem umgehen konnte, zeigt Herbert Boeckls Wettbewerbsbeitrag „Das große Welttheater“  für den Eisernen Vorhang der Staatsoper des Jahres 1955. Boeckl analysiert den Zustand Österreichs zwischen Nachkriegselend und Öffnung für den internationalen Aufbruch. Die Jury war überfordert und gab Rudolf Hermann Eisenmenger den Vorzug, der – von Adolf Hitler bewundert – die Kriegsjahre 1939 bis 1945 als Präsident des Wiener Künstlerhauses verbracht hatte.

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Gottfried Helnwein: Selbstporträt mit Cyril und Ali, 1988. Land Niederösterreich, Landessammlungen NÖ. Bild: Peter Böttcher © Bildrecht, Wien, 2016

Aktionistische Kunstformen bilden einen Aufschrei gegen die Verdrängungspolitik und Enge der späten Nachkriegsära. Während der Aktion „Blutorgel“ 1962 lassen sich Adolf Frohner, Otto Muehl und Hermann Nitsch für drei Tage in einem Atelierkeller einmauern, um revolutionäre Ausdrucksformen zu entwickeln. Ebenso wie Günter Brus mit seinem „Wiener Spaziergang“  1965, der auch als Kurzfilm zu sehen ist,  lösen sie einen Skandal aus. In der Folge entwirft Otto Muehl ein alternatives Gesellschafts- und Lebensmodell, das 1972 in die Kommune Friedrichshof mündete.

Seit den 1970er-Jahren thematisieren zahlreiche Künstlerinnen das Frauenbild in der Gesellschaft und untersuchen überkommene Wertemuster. VALIE EXPORT, Christa Hauer, Ona B. oder die Gruppe „Die Damen“ entwickeln dabei unterschiedliche Zugänge – von politischen Handlungen bis hin zu künstlerischen Experimenten. In ihren Aktionen und Filmen, wie ihrem ersten Spielfilm „Der unsichtbare Gegner“ aus dem Jahr 1976, untersucht VALIE EXPORT den Körper als Symbol der Identitätsfindung und bildet damit einen zentralen Anknüpfungspunkt für feministische Positionen bis heute.

Die Ausstellung vereint zahlreiche Genres, Techniken und Medien, von der Zeichnung zur Malerei, von der Skulptur zum Film, von der Karikatur zur Fahne. Etwa 50 Arbeiten von 36 Künstlerinnen und Künstlern beziehungsweise Kollaborationen setzen sich intensiv mit Österreich und seiner politischen, sozialen und gesellschaftlichen Realität auseinander.

www.kunsthalle.at

Wien, 19. 5. 2016

Die Kunstmeile Krems beim Donaufestival

April 25, 2013 in Ausstellung

Installation / Performance / Soundart

Douglas Gordon: Den ganzen Tag Frühstück  Bild: Douglas Gordon

Douglas Gordon: Den ganzen Tag Frühstück
Bild: Douglas Gordon

In Kooperation mit der Kunsthalle Krems hat sich das donaufestival in den letzten Jahren zunehmend dem Bereich der bildenden Kunst mit Projekten von Franz Graf und Franz Pomassl „Iceland Hits Danube“ oder zuletzt im Rahmen der Medieninstallation von John Bock geöffnet. Die Zusammenarbeit des donaufestival unter der künstlerischen Leitung von Tomas Zierhofer-Kin und der neu gewonnenen Kuratorin Gabrielle Cram sowie dem Direktor der Kunsthalle Krems, Hans-Peter Wipplinger, geht 2013 bereits in die vierte Runde und zeigt auch in diesem Jahr wie erfolgreich und synergetisch die Partnerschaft zwischen performativen Kunstformen und bildender Kunst sein kann. Neben dem Schwerpunkt vehement politisch agierender KünstlerInnen und Kollektive aus Mittel- und Südamerika, wie Tania Bruguera mit Immigrant Movement International, Teresa Margolles oder Carlos Amorales, die auf der Kunstmeile Krems neueste Produktionen uraufführen, setzt das donaufestival die Programmschiene von Performances bildender KünstlerInnen – in Kooperation mit der Kunsthalle Krems – fort. Eine zentrale Rolle werden dabei international agierende Künstler wie Douglas Gordon und Tino Sehgal spielen, die in der Ausstellung „Große Gefühle. Von der Antike bis zur Gegenwart“ in der Kunsthalle Krems neue Arbeiten präsentieren werden. Die zahlreichen Performances im Zuge des donaufestival (25/04/ – 04/05/2013) finden in der Kunsthalle Krems, dem Forum Frohner, dem Kunstraum Stein und der Factory der Kunsthalle Krems statt. Eine genreüberschreitende Kooperation.

www.donaufestival.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013