Kunsthistorisches Museum Wien: Caravaggio & Bernini

Oktober 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Entdeckung der menschlichen Emotionen

Michelangelo Merisi da Caravaggio: Narziss. Um 1601. Rom, Gallerie Nazionali d’Arte Antica, Palazzo Barberini. © Gallerie Nazionali di Arte Antica – Bibliotheca Hertziana, Istituto Max Planck per la storia dell’arte/Enrico Fontolan

Ab 15. Oktober zeigt das Kunsthistorische Museum Wien die Superschau „Caravaggio & Bernini“, ein großes und überwältigendes visuelles Barockspektakel. Im Zentrum stehen dabei die bahnbrechenden Werke des Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio und des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini. Erstmals sind die beiden weltberühmten Protagonisten, die jeweils auf ihre Art stilbildend für die europäische Kunst des 17. Jahrhunderts waren, gemeinsam in einer Ausstellung vereint. Was sie verbindet, ist eine neue Aufmerksamkeit für die wirklichkeitsnahe Naturdarstellung und für das Pathos großer Gefühle.

Die Entdeckung der menschlichen Regungen als theatralisches Anliegen des Barocks ist dann auch das zentrale Thema der Ausstellung, die – von Caravaggio bis Bernini – etwa siebzig Meisterwerke römischer Malerei und Skulptur in einen einzigartigen Dialog setzt. Obwohl das Kunsthistorische Museum den umfangreichsten und wertvollsten Bestand an Werken Caravaggios und seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger außerhalb Italiens besitzt, hat in Österreich bislang noch keine Ausstellung zu diesem Maler und seiner Zeit stattgefunden. Werke des um eine Generation jüngeren Bildhauers Gian Lorenzo Bernini, dessen Kunst auch für den österreichischen Barock prägend werden sollte, waren hierzulande bisher ebenfalls kaum zu sehen. Die Schau spürt dem Phänomen des aufblühenden Barockzeitalters nach und stellt die revolutionäre Kunst im Rom dieser Zeit vor. Der Maler Caravaggio und der Bildhauer Bernini waren dabei die führenden Persönlichkeiten, die mit ihrer neuartigen Ausdrucksweise ebenso wie mit ihrem unkonventionellen Lebensstil in Rom für Furore sorgten.

Gian Lorenzo Bernini: Hl. Sebastian. Rom, 1617. Privatbesitz; als Leihgabe im M. Thyssen-Bornemisza. © Bild: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

Michelangelo Merisi da Caravaggio: Heiliger Johannes der Täufer. Um 1602. Rom, Musei Capitolini. © Sovrintendenza Capitolina, Musei Capitolini – Pinacoteca Capitolina, Roma

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In sehr kurzer Zeit wurde Rom zu einem blühenden Zentrum innovativer Ideen und Erfindungen. Die Ausstellung konzentriert sich auf die künstlerischen Umwälzungen, die in der Heiligen Stadt zwischen 1600 und 1650 stattfanden und weitreichende Auswirkungen auf ganz Europa hatten. In diesen Jahrzehnten wurde die Stadt zu einem Anziehungspunkt für zahlreiche talentierte Künstler, die aus Florenz, Neapel und der Lombardei, aber auch aus Frankreich, Deutschland, Flandern und den Niederlanden kamen. Sie alle experimentierten mit den neuen Bildthemen und kompositorischen Lösungen. Es entstanden faszinierende Werke voller Dramatik und Leidenschaft, die sich durch Darstellung exzentrischer wie starker Bewegung und Gefühlsregung sowie durch eine theatralisch inszenierte Farbregie auszeichnen.

Die Figuren zeigten jetzt in ihrer ausholenden Gestik, ihrer starken Mimik und in ihrem Handeln intensive Gefühle. Es wurde regelrecht zur künstlerischen Aufgabe, das Publikum emotional zu berühren. Nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in Dichtung und Literatur sowie in Musik und Theater kann man die fünf Jahrzehnte von 1600 bis 1650 als „Geburtsmoment“ einer Kunst der Affekte bezeichnen. Plötzliches Erschrecken, wie beispielsweise bei Caravaggios „Knabe, von einer Eidechse gebissen“, zeugen von dem regen Interesse an der Darstellung wirkmächtiger Gefühle. Charakteristisch für diese Epoche, die man später als Frühbarock bezeichnen wird, ist auch eine zunehmende Bereitschaft zur Zusammenarbeit unter den Künstlern, wie die Gründung einer gemeinsamen Akademie, der Accademia di San Luca, oder die persönlichen Freundschaften belegen.

Maler und Bildhauer arbeiteten zusammen an der Ausstattung kostspieliger Familienkapellen und großer Galeriesäle, in denen sich die Medien ergänzten, gegenseitig in der Wirkung steigerten, ja mitunter so nebeneinander erschienen, dass ihre Grenzen fließend wurden ‒ ein weiteres Merkmal barocken Ausdrucks: Skulpturen konnten geradezu malerische Qualitäten aufweisen, während umgekehrt die Malerei illusionistisch Architektur und Skulptur hervorzubringen vermochte.

Michelangelo Merisi da Caravaggio: David mit dem Haupt des Goliath. Um 1600/01. Wien, Kunsthistorisches Museum. © KHM-Museumsverband

Gian Lorenzo Bernini: Medusa. Rom, 1638–1640. Rom, Musei Capitolini, Palazzo die Conservatori. © Sovrintendenza Capitolina, Musei Capitolini – Pinacoteca Capitolina, Rom. © Bild: Andrea Jemolo

Die Ausstellung erhofft sich durch die Zusammenschau von Malerei und Skulptur neuartige Perspektiven auf die römische Kunstlandschaft des frühen 17. Jahrhunderts. Eine vergleichbar groß angelegte Auswahl herausragender Kunstwerke dieser Zeit hat es außerhalb Italiens bislang nicht gegeben. Hauptwerke des römischen Frühbarocks werden zu einem einzigartigen Schauzusammenhang verdichtet, der erstmals die „Entdeckung der Gefühle“ als künstlerische Herausforderung thematisiert und die Besucher zugleich auf eine Reise in die Ewige Stadt mitnimmt: Ganz direkt begegnen Betrachter den zentralen Impulsen Caravaggios und Berninis, die begleitet werden von einem Kaleidoskop an Meisterwerken: von Malerinnen und Malern wie Artemisia Gentileschi, Annibale Carracci, Nicolas Poussin, Mattia Preti, Guido Reni oder Pietro da Cortona und von Bildhauern wie Francesco Mochi, Giuliano Finelli, Alessandro Algardi oder François Du Quesnoy.

Zu den Highlights der Ausstellung zählen neben den Gemälden aus dem Kunsthistorischen Museum weitere Schlüsselwerke Caravaggios wie der „Narziss“, der „Knabe, von einer Eidechse“ gebissen, der berühmte „Johannes der Täufer“ und das „Porträt des Malteser Ritters Antonio Martelli“. Aus dem Œuvre Berninis werden die „Medusa“, ein Modell des „Elefanten mit Obelisk“, eine Büste des Kardinal Richelieu, eine Statue des heiligen Sebastian und ein Modell für die Skulptur der „Verzückung der heiligen Theresa von Ávila“ in Wien zu sehen sein. Vier kleine, bisher nie gezeigte Bronzeköpfe, die einst die Kutsche des Architekten zierten und sich bis heute im Besitz der Bernini-Erben befinden, sind ebenso nach Wien gereist.

Zu den weiteren Highlights der Schau zählen Guido Renis „Bethlehemitischer Kindermord“ und das erst 2011 wiederaufgetauchte Werk „Maria Magdalena“ von Artemisia Gentileschi, der einzigen Künstlerin, die es in den Kreis der italienischen Meistermaler des frühen 17. Jahrhunderts geschafft hat. Erstmals wird das Gemälde aus Privatbesitz im Zuge der Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich sein.

www.khm.at           caravaggio-bernini.khm.at           Video: www.youtube.com/watch?v=SuB-h8mCGI0

11. 10. 2019

Kunsthistorisches Museum Wien: Mark Rothko

März 9, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von den revolutionären Bildern zum „inneren Licht“

Mark Rothko: Underground Fantasy, um 1940. © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019. © Bild: National Gallery of Art, Washington, D.C.

Mark Rothko gehört zu den bedeutendsten Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts. Zum ersten Mal überhaupt werden nun seine Werke in Österreich gezeigt – ab 12. März im Kunsthistorischen Museum Wien. Die Ausstellung bietet mit mehr als vierzig seiner Hauptwerke einen Überblick über Rothkos gesamtes Schaffen, von seinen figurativen Anfängen in den 1930er-Jahren über die Werke, die er im folgenden Jahrzehnt in seiner sogenannten Übergangsphase schuf, bis zu den revolutionären Bildern aus den 1950er- und 1960er-Jahren.

Kate und Christopher Rothko, die Kinder des Malers, waren von Beginn an in das Projekt eingebunden und haben sich bereit erklärt, eine Reihe bedeutender Werke aus der Familiensammlung für die Ausstellung zu leihen. Den Kern der Schau bildet ein ganzer Saal großformatiger, 1958/59 entstandener Wandbilder, die ursprünglich für das Seagram Building in New York in Auftrag gegeben wurden. Abschließend folgt ein Saal mit klassischen Gemälden aus dem letzten Lebensjahrzehnt Rothkos, die vor Augen führen, wie er von den Altmeistertechniken lernte, Farben übereinanderzuschichten begann wie Tizian und zu einem an Rembrandt erinnerndes Gefühl für „inneres Licht“ fand.

Dass die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum gezeigt wird, dessen historische Sammlungen fünftausend Jahre menschlichen Schaffens vom Alten Ägypten bis zum Barock nachzeichnen, bietet die einmalige Gelegenheit, sich mit Rothkos tiefem, lebenslangem Interesse für die Kunst der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Von seinen frühen Besuchen des New Yorker Metropolitan Museum während seiner Studienzeit, über seine ersten Begegnungen mit Rembrandt, Vermeer und der klassischen Kunst und Architektur, bis zu seinen Reisen nach Europa, wo er Kirchen, Kapellen und Sammlungen von Altmeistergemälden in Paris, London, Venedig, Arezzo, Siena, Rom, Pompeji und Florenz besichtigte, widmete sich Rothko dem Studium historischer Kunst und Architektur.

Mark Rothko vor dem Werk „No. 7“,1960. Bild: Regina Bogat zugeschrieben. © 2005 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht Wien, 2019

Mark Rothko: Self-Portrait, 1936. © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019

Die Schau beleuchtet auch den Einfluss bestimmter Orte auf Rothkos stilistische Entwicklung von Michelangelos Biblioteca Medicea Laurenziana und Fra Angelicos Fresken im Konvent von San Marco in Florenz zu den griechischen Tempeln von Paestum und der Taufkapelle der Basilika Santa Maria Assunta auf Torcello in der Lagune von Venedig. Als Rothko in späteren Jahren mit dieser Tradition brach, um zu einer radikal neuen Form künstlerischen Ausdrucks zu gelangen, tat er dies auf der Basis eines umfangreichen Wissens und voller Hochachtung für das, was seiner Zeit vorausgegangen war. Mit den Worten des Kritikers John Berger schaute Rothko zurück, „wie dies kein Maler zuvor je getan hatte“. Kurator der Ausstellung ist Jasper Sharp.

www.khm.at

9. 3. 2019

KHM Wien: Wes Anderson and Juman Malouf – Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures

November 3, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Filmemacher und seine Frau gestalten eine Schau

Wes Anderson & Juman Malouf in der Gemäldegalerie des Kunsthistorisches Museums Wien. Bild: © KHM-Museumsverband

Im Rahmen einer Reihe, die 2012 mit Ed Ruscha und 2016 mit Edmund de Waal begann, hat das Kunsthistorische Museum den vielfach ausgezeichneten US-amerikanischen Filmemacher Wes Anderson und seine Frau Juman Malouf, gefeierte Autorin und Kostümbildnerin, eingeladen, eine Ausstellung mit Objekten und Werken aus allen Sammlungen des Kunsthistorischen Museums zu kuratieren. Die Aufgabenstellung war dabei so einfach wie herausfordernd:

Die beiden durften mehr als vier Millionen Objekte durchstöbern – sowohl solche, die öffentlich ausgestellt sind, als auch jene, die in den weit verzweigten Museumsdepots verborgen sind – und aus all diesen ihre Favoriten auswählen. „Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures“ ist nun ab 6. November im Haus zu sehen. Die Schau wird Werke aus allen vierzehn Sammlungen zeigen: der Gemäldegalerie, der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung, der Antikensammlung, der Kunstkammer, der Hofjagd- und Rüstkammer, der Sammlung alter Musikinstrumente, des Münzkabinetts, der Kaiserlichen Wagenburg, dem Weltmuseum, dem Theatermuseum, der Bibliothek und aus Schloss Ambras Innsbruck. Zudem werden Objekte aus dem Naturhistorischen Museum zu sehen sein. Dies ist die erste von Wes Anderson und Juman Malouf kuratierte Ausstellung.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=X81rMpdwf0s

www.khm.at

3. 11. 2018

Kunsthistorisches Museum Wien: Bruegel

Oktober 1, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Welt berühmteste „Wimmelbilder“

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Triumph des Todes. Vermutlich nach 1562. Madrid, Museo Nacional del Prado. Bild: © Museo Nacional del Prado

Am 2. Oktober eröffnet das Kunsthistorische Museum Wien die weltweit erste große monografische Ausstellung zum Werk des bedeutendsten niederländischen Malers des 16. Jahrhunderts: Pieter Bruegel der Ältere. Anlass dafür ist der 450. Todestag des Künstlers. Pieter Bruegel der Ältere war schon zu seinen Lebzeiten einer der begehrtesten Künstler, weshalb seine Werke bereits damals ungewöhnlich hohe Preise erzielten.

Nur knapp mehr als vierzig Gemälde und sechzig Grafiken haben sich überhaupt von der Hand des Meisters erhalten. Mit zwölf Tafelbildern besitzt das Kunsthistorische Museum die weltweit größte Sammlung an Bruegel-Gemälden. Dies liegt darin begründet, dass Habsburger Sammler schon im 16. Jahrhundert die außerordentliche Qualität und Originalität der Bildwelten Bruegels zu schätzen wussten und sich bemühten, prestigeträchtige Werke des Künstlers zu erwerben. Das Werk Pieter Bruegels des Älteren, der die Landschafts- und Genremalerei revolutionierte, ruft immer noch vielfältige und kontroverse Deutungen hervor. Der Reichtum seiner Bilderwelt sowie seine scharfsinnige Beobachtungsgabe der menschlichen Spezies üben bis heute eine besondere Faszination auf die Betrachter aus.

Pieter Bruegel d. Ä.: Die Anbetung der Könige, 1564. London, National Gallery. Bild: © The National Gallery, London 2018

In Museen und Privatsammlungen zählen die Werke Bruegels zu den kostbarsten und fragilsten Beständen. Die meisten Holztafeln sind bislang noch nie verliehen worden. Mit etwa 90 seiner Werke zeigt die Ausstellung in Wien nun zum ersten Mal einen Überblick über das Gesamtwerk von Pieter Bruegel dem Älteren: Mit fast 30 Gemälden – das sind drei Viertel des erhaltenen malerischen Œuvres – sowie der Hälfte der erhaltenen Zeichnungen und Grafiken bietet die Schau eine Jahrhundertchance, in die komplexe Bildwelt des Künstlers einzutauchen, seine stilistische Entwicklung und seinen kreativen Schaffensprozess nachzuvollziehen sowie seine Arbeitsmethoden, seinen Bildwitz und seine einzigartige Erzählgabe kennenzulernen.

Unter den Highlights, die in der Ausstellung zu sehen sein werden, sind etwa „Die Heuernte“ aus der Sammlung Lobkowicz in Prag, „Der Hafen von Neapel“ aus der Galleria Doria Pamphilj in Rom, „Zwei angekettete Affen“ aus den Staatlichen Museen zu Berlin, „Der Triumph des Todes“ aus dem Prado in Madrid, „Dulle Griet“ aus dem Museum Mayer van den Bergh in

Antwerpen, „Der Turmbau zu Babel“ aus dem Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, „Die Anbetung der Könige im Schnee“ aus der Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“ in Winterthur, „Die Anbetung der Könige“ aus der National Gallery in London, die Zeichnungen „Die Imker“ aus den Staatlichen Museen zu Berlin und „Maler und Kenner“ aus der Albertina in Wien.

Durch die Kombination einer sowohl chronologischen als auch thematischen Präsentation von Bruegels Kunst wird das Publikum die stilistische Entwicklung und Vielseitigkeit seines Werkes nachvollziehen können. Die großen Galeriesäle werden die Meisterwerke Bruegels zeigen sowie Serien und Gruppen wieder zusammenführen, die über Jahrhunderte getrennt waren, während die daran anschließenden Kabinetträume die Ergebnisse der neuesten umfangreichen technologischen Untersuchungen präsentieren und tiefe Einblicke in den Schaffensprozess der Werke ermöglichen. Die Anfänge von Bruegels Karriere als Zeichner und Grafiker werden ebenso nachvollziehbar sein wie seine Innovationen für die Landschaftsmalerei. Ein weiterer Teil der Schau ist seinen religiösen Werken gewidmet, mit einer Fülle an Meisterwerken wie „Der Triumph des Todes“ und „Dulle Griet“, die eigens in Hinblick auf die Ausstellung restauriert wurden.

Als Besonderheit wird „Die Kreuztragung Christi“ als größte und im Format unveränderte Tafel Bruegels ohne Rahmen und beidseitig sichtbar ausgestellt, als würden die Betrachter dem Maler über die Schulter schauen, um sich von der Fragilität und Beschaffenheit der Holztafel und der Qualität der Malschicht, deren Perfektion auch für den Erhaltungszustand der Bilder über die letzten 450 Jahre eine grundlegende Rolle spielt, überzeugen zu können. In einem intimeren Raum werden die Gemälde mit Miniaturcharakter ausgestellt und Bruegels Ausbildung als Miniaturmaler thematisiert, wobei das Zentrum der Präsentation von der einzigartigen Zusammenführung beider Turmbau-Gemälde gebildet wird, die einst in der Sammlung Kaiser Rudolfs II. vereint waren.

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Turmbau zu Babel, 1563. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie. Bild: © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Bauernhochzeit. Um 1567. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie. Bild: © KHM-Museumsverband

Eine Auswahl von Objekten aus der Zeit Bruegels, die in „Kampf zwischen Fasching und Fasten“ dargestellt sind, soll die Betrachter dazu animieren, die Detailvielfalt dieses sogenannten „Wimmelbilds“ wahrzunehmen. Die Bedeutung der einzelnen Szenen sowie Bruegels unübertroffene Gabe, die Materialität der Objekte malerisch festzuhalten, wird für den Betrachter so unmittelbar erfahrbar. Die traditionell moralistisch geprägte Interpretation des Gemäldes wird hinterfragt und Bruegels scharfer Blick als Gesellschaftskritiker herausgestellt. Anhand von „Winterlandschaft mit Vogelfalle“ und „Bethlehemitischer Kindermord“ wird die Frage nach Werkstattpraktiken aufgeworfen.

Der letzte Saal der Ausstellung ist Bruegels Spätwerk gewidmet, wobei eine differenziertere Sicht auf den ehemals als „Bauern-Bruegel“ bezeichneten Künstler geboten wird. Neben „Bauernhochzeit“ und „Bauerntanz“ wird das legendäre mutmaßliche Vermächtnisgemälde „Die Elster auf dem Galgen“ präsentiert. Den krönenden Abschluss der Schau bildet die erstmalige Gegenüberstellung von „Der Vogeldieb“ mit den monumentalen Figuren der Zeichnung „Die Imker“.

www.bruegel2018.at               www.khm.at

  1. 10. 2018

Kunsthistorisches Museum Wien: Die Eremitage zu Gast

Juni 6, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunstwerke von Botticelli bis van Dyck

Vigilius Eriksen (Kopenhagen 1722–1782 Rungstedgård): Katharina II. vor einem Spiegel, um 1762 und 1764. © St. Petersburg, Staatliche Eremitage, 2018, Bild: Pavel Demidov

Eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt ist ab heute zu Gast in Wien: Vierzehn Meisterwerke aus der Eremitage in St. Petersburg treten in Dialog mit hochkarätigen Werken des Kunsthistorischen Museums. Gezeigt werden unter anderem Gemälde von Botticelli, Tintoretto, Rembrandt und van Dyck. Die repräsentative Auswahl von Meisterwerken aus beiden Häusern bietet einen konzentrierten Überblick über die europäische Malereigeschichte von der Renaissance bis zum Frühklassizismus. In der Gegenüberstellung wird deutlich, wie mühelos die durch den gemeinsamen Kulturraum Europa verbundenen Bildpaare miteinander kommunizieren.

Die Staatliche Eremitage und das Kunsthistorische Museum zählen zu den bedeutendsten Kultureinrichtungen der Welt. Sie sind vor allem durch ihre jeweiligen Gemäldegalerien berühmt. Historische Parallelen sowie ähnliche institutionelle Rahmenbedingungen verbinden beide Häuser. So waren sie ehemals kaiserliche Sammlungen, die zum Ende des Ersten Weltkriegs in staatlichen Besitz übergingen.

Beide Museen sind in architektonisch einzigartigen Bauwerken untergebracht, die jeweils hervorragende Denkmäler der russischen beziehungsweise österreichischen Architektur des 18. und 19. Jahrhunderts darstellen, wodurch sie untrennbar mit den historischen Stadtkernen verbunden sind. Nicht zuletzt sind sie wissenschaftliche und kulturelle Zentren ihrer jeweiligen Staaten, die ihrerseits im 20. Jahrhundert grundlegende Veränderungen erfuhren.

Bernardo Strozzi (Genua 1581–1644 Venedig): Heilung des Tobit, 1632, © St. Petersburg, Staatliche Eremitage, 2018

Bernardo Strozzi (Genua 1581–1644 Venedig): Der Prophet Elias und die Witwe von Sarepta, um 1640/44, © KHM-Museumsverband

Indem nun Hauptwerke beider Sammlungen auf eine Reise entsandt werden, ist ein konzentriertes Ausstellungsprojekt entstanden. Vierzehn Bildpaaren ermöglichen Dialoge, die sich über fast drei Jahrhunderte und zweitausend Kilometer spannen und dabei zugleich ein „Destillat“ der europäischen Malereigeschichte ergeben. Eingeleitet wird die Ausstellung von zwei religiösen Werken Sandro Botticellis und Albrecht Altdorfers – eine Begegnung, die die unterschiedlichen Wesenszüge der Renaissance nördlich und südlich der Alpen veranschaulicht. Aus den nördlichen Kunstlandschaften treffen sich wichtige Gemälde von Hans und seinem Bruder Ambrosius Holbein sowie von Bartholomäus Spranger und Hans von Aachen.

Die italienische Kunst, ein Schwerpunkt beider Museen, ist mit venezianischer Malerei vertreten. Gemälde von Nicholas Poussin und Bernardo Strozzi führen in die ersten Jahrzehnte des römischen Barock. Aus dem „Goldene Zeitalter“ der holländischen und flämischen Kunst werden Werke von Rembrandt, Jan Stehen und van Dyck gezeigt. Mit Thomas Gainsborough und Philipp Hackert sind schließlich Künstler englischer und deutscher Herkunft in der Schau zu sehen. Die Ausstellung ermöglicht gleichzeitig eine „Entdeckungsreise“ an die Newa, indem sie auch weniger beachtete Künstler in den Vordergrund rückt – darunter Ambrosius Holbein, Bruder des ungleich berühmteren Hans d. J., oder Domenico Capriolo, dessen Werk eng mit Tizian und Giorgione verbunden ist. Andererseits zeigt sie aber auch auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinende Gegenüberstellungen von Werken wie jene van Dycks und Watteaus.

Jakob Philipp Hackert (Prenzlau 1737–1807 Florenz): Blick auf die Tempel von Agrigent I, 1778, © St. Petersburg, Staatliche Eremitage, 2018

Thomas Gainsborough (Sudbury 1727–1788 London): Landschaft bei Sudbury, Suffolk, um 1749, © KHM-Museumsverband

www.khm.at

6. 6. 2018