Kunsthistorisches Museum Wien: Mark Rothko

März 9, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von den revolutionären Bildern zum „inneren Licht“

Mark Rothko: Underground Fantasy, um 1940. © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019. © Bild: National Gallery of Art, Washington, D.C.

Mark Rothko gehört zu den bedeutendsten Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts. Zum ersten Mal überhaupt werden nun seine Werke in Österreich gezeigt – ab 12. März im Kunsthistorischen Museum Wien. Die Ausstellung bietet mit mehr als vierzig seiner Hauptwerke einen Überblick über Rothkos gesamtes Schaffen, von seinen figurativen Anfängen in den 1930er-Jahren über die Werke, die er im folgenden Jahrzehnt in seiner sogenannten Übergangsphase schuf, bis zu den revolutionären Bildern aus den 1950er- und 1960er-Jahren.

Kate und Christopher Rothko, die Kinder des Malers, waren von Beginn an in das Projekt eingebunden und haben sich bereit erklärt, eine Reihe bedeutender Werke aus der Familiensammlung für die Ausstellung zu leihen. Den Kern der Schau bildet ein ganzer Saal großformatiger, 1958/59 entstandener Wandbilder, die ursprünglich für das Seagram Building in New York in Auftrag gegeben wurden. Abschließend folgt ein Saal mit klassischen Gemälden aus dem letzten Lebensjahrzehnt Rothkos, die vor Augen führen, wie er von den Altmeistertechniken lernte, Farben übereinanderzuschichten begann wie Tizian und zu einem an Rembrandt erinnerndes Gefühl für „inneres Licht“ fand.

Dass die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum gezeigt wird, dessen historische Sammlungen fünftausend Jahre menschlichen Schaffens vom Alten Ägypten bis zum Barock nachzeichnen, bietet die einmalige Gelegenheit, sich mit Rothkos tiefem, lebenslangem Interesse für die Kunst der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Von seinen frühen Besuchen des New Yorker Metropolitan Museum während seiner Studienzeit, über seine ersten Begegnungen mit Rembrandt, Vermeer und der klassischen Kunst und Architektur, bis zu seinen Reisen nach Europa, wo er Kirchen, Kapellen und Sammlungen von Altmeistergemälden in Paris, London, Venedig, Arezzo, Siena, Rom, Pompeji und Florenz besichtigte, widmete sich Rothko dem Studium historischer Kunst und Architektur.

Mark Rothko vor dem Werk „No. 7“,1960. Bild: Regina Bogat zugeschrieben. © 2005 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht Wien, 2019

Mark Rothko: Self-Portrait, 1936. © 1998 Kate Rothko Prizel & Christopher Rothko/Bildrecht, Wien, 2019

Die Schau beleuchtet auch den Einfluss bestimmter Orte auf Rothkos stilistische Entwicklung von Michelangelos Biblioteca Medicea Laurenziana und Fra Angelicos Fresken im Konvent von San Marco in Florenz zu den griechischen Tempeln von Paestum und der Taufkapelle der Basilika Santa Maria Assunta auf Torcello in der Lagune von Venedig. Als Rothko in späteren Jahren mit dieser Tradition brach, um zu einer radikal neuen Form künstlerischen Ausdrucks zu gelangen, tat er dies auf der Basis eines umfangreichen Wissens und voller Hochachtung für das, was seiner Zeit vorausgegangen war. Mit den Worten des Kritikers John Berger schaute Rothko zurück, „wie dies kein Maler zuvor je getan hatte“. Kurator der Ausstellung ist Jasper Sharp.

www.khm.at

9. 3. 2019

KHM Wien: Wes Anderson and Juman Malouf – Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures

November 3, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Filmemacher und seine Frau gestalten eine Schau

Wes Anderson & Juman Malouf in der Gemäldegalerie des Kunsthistorisches Museums Wien. Bild: © KHM-Museumsverband

Im Rahmen einer Reihe, die 2012 mit Ed Ruscha und 2016 mit Edmund de Waal begann, hat das Kunsthistorische Museum den vielfach ausgezeichneten US-amerikanischen Filmemacher Wes Anderson und seine Frau Juman Malouf, gefeierte Autorin und Kostümbildnerin, eingeladen, eine Ausstellung mit Objekten und Werken aus allen Sammlungen des Kunsthistorischen Museums zu kuratieren. Die Aufgabenstellung war dabei so einfach wie herausfordernd:

Die beiden durften mehr als vier Millionen Objekte durchstöbern – sowohl solche, die öffentlich ausgestellt sind, als auch jene, die in den weit verzweigten Museumsdepots verborgen sind – und aus all diesen ihre Favoriten auswählen. „Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures“ ist nun ab 6. November im Haus zu sehen. Die Schau wird Werke aus allen vierzehn Sammlungen zeigen: der Gemäldegalerie, der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung, der Antikensammlung, der Kunstkammer, der Hofjagd- und Rüstkammer, der Sammlung alter Musikinstrumente, des Münzkabinetts, der Kaiserlichen Wagenburg, dem Weltmuseum, dem Theatermuseum, der Bibliothek und aus Schloss Ambras Innsbruck. Zudem werden Objekte aus dem Naturhistorischen Museum zu sehen sein. Dies ist die erste von Wes Anderson und Juman Malouf kuratierte Ausstellung.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=X81rMpdwf0s

www.khm.at

3. 11. 2018

Kunsthistorisches Museum Wien: Bruegel

Oktober 1, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Welt berühmteste „Wimmelbilder“

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Triumph des Todes. Vermutlich nach 1562. Madrid, Museo Nacional del Prado. Bild: © Museo Nacional del Prado

Am 2. Oktober eröffnet das Kunsthistorische Museum Wien die weltweit erste große monografische Ausstellung zum Werk des bedeutendsten niederländischen Malers des 16. Jahrhunderts: Pieter Bruegel der Ältere. Anlass dafür ist der 450. Todestag des Künstlers. Pieter Bruegel der Ältere war schon zu seinen Lebzeiten einer der begehrtesten Künstler, weshalb seine Werke bereits damals ungewöhnlich hohe Preise erzielten.

Nur knapp mehr als vierzig Gemälde und sechzig Grafiken haben sich überhaupt von der Hand des Meisters erhalten. Mit zwölf Tafelbildern besitzt das Kunsthistorische Museum die weltweit größte Sammlung an Bruegel-Gemälden. Dies liegt darin begründet, dass Habsburger Sammler schon im 16. Jahrhundert die außerordentliche Qualität und Originalität der Bildwelten Bruegels zu schätzen wussten und sich bemühten, prestigeträchtige Werke des Künstlers zu erwerben. Das Werk Pieter Bruegels des Älteren, der die Landschafts- und Genremalerei revolutionierte, ruft immer noch vielfältige und kontroverse Deutungen hervor. Der Reichtum seiner Bilderwelt sowie seine scharfsinnige Beobachtungsgabe der menschlichen Spezies üben bis heute eine besondere Faszination auf die Betrachter aus.

Pieter Bruegel d. Ä.: Die Anbetung der Könige, 1564. London, National Gallery. Bild: © The National Gallery, London 2018

In Museen und Privatsammlungen zählen die Werke Bruegels zu den kostbarsten und fragilsten Beständen. Die meisten Holztafeln sind bislang noch nie verliehen worden. Mit etwa 90 seiner Werke zeigt die Ausstellung in Wien nun zum ersten Mal einen Überblick über das Gesamtwerk von Pieter Bruegel dem Älteren: Mit fast 30 Gemälden – das sind drei Viertel des erhaltenen malerischen Œuvres – sowie der Hälfte der erhaltenen Zeichnungen und Grafiken bietet die Schau eine Jahrhundertchance, in die komplexe Bildwelt des Künstlers einzutauchen, seine stilistische Entwicklung und seinen kreativen Schaffensprozess nachzuvollziehen sowie seine Arbeitsmethoden, seinen Bildwitz und seine einzigartige Erzählgabe kennenzulernen.

Unter den Highlights, die in der Ausstellung zu sehen sein werden, sind etwa „Die Heuernte“ aus der Sammlung Lobkowicz in Prag, „Der Hafen von Neapel“ aus der Galleria Doria Pamphilj in Rom, „Zwei angekettete Affen“ aus den Staatlichen Museen zu Berlin, „Der Triumph des Todes“ aus dem Prado in Madrid, „Dulle Griet“ aus dem Museum Mayer van den Bergh in

Antwerpen, „Der Turmbau zu Babel“ aus dem Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, „Die Anbetung der Könige im Schnee“ aus der Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“ in Winterthur, „Die Anbetung der Könige“ aus der National Gallery in London, die Zeichnungen „Die Imker“ aus den Staatlichen Museen zu Berlin und „Maler und Kenner“ aus der Albertina in Wien.

Durch die Kombination einer sowohl chronologischen als auch thematischen Präsentation von Bruegels Kunst wird das Publikum die stilistische Entwicklung und Vielseitigkeit seines Werkes nachvollziehen können. Die großen Galeriesäle werden die Meisterwerke Bruegels zeigen sowie Serien und Gruppen wieder zusammenführen, die über Jahrhunderte getrennt waren, während die daran anschließenden Kabinetträume die Ergebnisse der neuesten umfangreichen technologischen Untersuchungen präsentieren und tiefe Einblicke in den Schaffensprozess der Werke ermöglichen. Die Anfänge von Bruegels Karriere als Zeichner und Grafiker werden ebenso nachvollziehbar sein wie seine Innovationen für die Landschaftsmalerei. Ein weiterer Teil der Schau ist seinen religiösen Werken gewidmet, mit einer Fülle an Meisterwerken wie „Der Triumph des Todes“ und „Dulle Griet“, die eigens in Hinblick auf die Ausstellung restauriert wurden.

Als Besonderheit wird „Die Kreuztragung Christi“ als größte und im Format unveränderte Tafel Bruegels ohne Rahmen und beidseitig sichtbar ausgestellt, als würden die Betrachter dem Maler über die Schulter schauen, um sich von der Fragilität und Beschaffenheit der Holztafel und der Qualität der Malschicht, deren Perfektion auch für den Erhaltungszustand der Bilder über die letzten 450 Jahre eine grundlegende Rolle spielt, überzeugen zu können. In einem intimeren Raum werden die Gemälde mit Miniaturcharakter ausgestellt und Bruegels Ausbildung als Miniaturmaler thematisiert, wobei das Zentrum der Präsentation von der einzigartigen Zusammenführung beider Turmbau-Gemälde gebildet wird, die einst in der Sammlung Kaiser Rudolfs II. vereint waren.

Pieter Bruegel d. Ä.: Der Turmbau zu Babel, 1563. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie. Bild: © KHM-Museumsverband

Pieter Bruegel d. Ä.: Bauernhochzeit. Um 1567. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie. Bild: © KHM-Museumsverband

Eine Auswahl von Objekten aus der Zeit Bruegels, die in „Kampf zwischen Fasching und Fasten“ dargestellt sind, soll die Betrachter dazu animieren, die Detailvielfalt dieses sogenannten „Wimmelbilds“ wahrzunehmen. Die Bedeutung der einzelnen Szenen sowie Bruegels unübertroffene Gabe, die Materialität der Objekte malerisch festzuhalten, wird für den Betrachter so unmittelbar erfahrbar. Die traditionell moralistisch geprägte Interpretation des Gemäldes wird hinterfragt und Bruegels scharfer Blick als Gesellschaftskritiker herausgestellt. Anhand von „Winterlandschaft mit Vogelfalle“ und „Bethlehemitischer Kindermord“ wird die Frage nach Werkstattpraktiken aufgeworfen.

Der letzte Saal der Ausstellung ist Bruegels Spätwerk gewidmet, wobei eine differenziertere Sicht auf den ehemals als „Bauern-Bruegel“ bezeichneten Künstler geboten wird. Neben „Bauernhochzeit“ und „Bauerntanz“ wird das legendäre mutmaßliche Vermächtnisgemälde „Die Elster auf dem Galgen“ präsentiert. Den krönenden Abschluss der Schau bildet die erstmalige Gegenüberstellung von „Der Vogeldieb“ mit den monumentalen Figuren der Zeichnung „Die Imker“.

www.bruegel2018.at               www.khm.at

  1. 10. 2018

Kunsthistorisches Museum Wien: Die Eremitage zu Gast

Juni 6, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunstwerke von Botticelli bis van Dyck

Vigilius Eriksen (Kopenhagen 1722–1782 Rungstedgård): Katharina II. vor einem Spiegel, um 1762 und 1764. © St. Petersburg, Staatliche Eremitage, 2018, Bild: Pavel Demidov

Eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt ist ab heute zu Gast in Wien: Vierzehn Meisterwerke aus der Eremitage in St. Petersburg treten in Dialog mit hochkarätigen Werken des Kunsthistorischen Museums. Gezeigt werden unter anderem Gemälde von Botticelli, Tintoretto, Rembrandt und van Dyck. Die repräsentative Auswahl von Meisterwerken aus beiden Häusern bietet einen konzentrierten Überblick über die europäische Malereigeschichte von der Renaissance bis zum Frühklassizismus. In der Gegenüberstellung wird deutlich, wie mühelos die durch den gemeinsamen Kulturraum Europa verbundenen Bildpaare miteinander kommunizieren.

Die Staatliche Eremitage und das Kunsthistorische Museum zählen zu den bedeutendsten Kultureinrichtungen der Welt. Sie sind vor allem durch ihre jeweiligen Gemäldegalerien berühmt. Historische Parallelen sowie ähnliche institutionelle Rahmenbedingungen verbinden beide Häuser. So waren sie ehemals kaiserliche Sammlungen, die zum Ende des Ersten Weltkriegs in staatlichen Besitz übergingen.

Beide Museen sind in architektonisch einzigartigen Bauwerken untergebracht, die jeweils hervorragende Denkmäler der russischen beziehungsweise österreichischen Architektur des 18. und 19. Jahrhunderts darstellen, wodurch sie untrennbar mit den historischen Stadtkernen verbunden sind. Nicht zuletzt sind sie wissenschaftliche und kulturelle Zentren ihrer jeweiligen Staaten, die ihrerseits im 20. Jahrhundert grundlegende Veränderungen erfuhren.

Bernardo Strozzi (Genua 1581–1644 Venedig): Heilung des Tobit, 1632, © St. Petersburg, Staatliche Eremitage, 2018

Bernardo Strozzi (Genua 1581–1644 Venedig): Der Prophet Elias und die Witwe von Sarepta, um 1640/44, © KHM-Museumsverband

Indem nun Hauptwerke beider Sammlungen auf eine Reise entsandt werden, ist ein konzentriertes Ausstellungsprojekt entstanden. Vierzehn Bildpaaren ermöglichen Dialoge, die sich über fast drei Jahrhunderte und zweitausend Kilometer spannen und dabei zugleich ein „Destillat“ der europäischen Malereigeschichte ergeben. Eingeleitet wird die Ausstellung von zwei religiösen Werken Sandro Botticellis und Albrecht Altdorfers – eine Begegnung, die die unterschiedlichen Wesenszüge der Renaissance nördlich und südlich der Alpen veranschaulicht. Aus den nördlichen Kunstlandschaften treffen sich wichtige Gemälde von Hans und seinem Bruder Ambrosius Holbein sowie von Bartholomäus Spranger und Hans von Aachen.

Die italienische Kunst, ein Schwerpunkt beider Museen, ist mit venezianischer Malerei vertreten. Gemälde von Nicholas Poussin und Bernardo Strozzi führen in die ersten Jahrzehnte des römischen Barock. Aus dem „Goldene Zeitalter“ der holländischen und flämischen Kunst werden Werke von Rembrandt, Jan Stehen und van Dyck gezeigt. Mit Thomas Gainsborough und Philipp Hackert sind schließlich Künstler englischer und deutscher Herkunft in der Schau zu sehen. Die Ausstellung ermöglicht gleichzeitig eine „Entdeckungsreise“ an die Newa, indem sie auch weniger beachtete Künstler in den Vordergrund rückt – darunter Ambrosius Holbein, Bruder des ungleich berühmteren Hans d. J., oder Domenico Capriolo, dessen Werk eng mit Tizian und Giorgione verbunden ist. Andererseits zeigt sie aber auch auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinende Gegenüberstellungen von Werken wie jene van Dycks und Watteaus.

Jakob Philipp Hackert (Prenzlau 1737–1807 Florenz): Blick auf die Tempel von Agrigent I, 1778, © St. Petersburg, Staatliche Eremitage, 2018

Thomas Gainsborough (Sudbury 1727–1788 London): Landschaft bei Sudbury, Suffolk, um 1749, © KHM-Museumsverband

www.khm.at

6. 6. 2018

Kunsthistorisches Museum Wien: Ganymed Nature

März 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Furchtbarer Fischmarkt und frisch geköpfte Rosen

Die Strottern spielen auf der Klimt-Brücke auf. Bild: © Helmut Wimmer

Zum fünften Mal hält seit gestern Abend die Erfolgsserie „Ganymed“ Einzug ins Kunsthistorische Museum Wien; „Ganymed Nature“ heißt die neue Arbeit von Regisseurin Jacqueline Kornmüller – und sie ist genauso fantastisch wie ihre Vorgänger. Mit 25 darstellenden Künstlerinnen und Künstlern entwickelte Kornmüller ihre Inszenierung, in der sie diesmal die Natur zur Hauptdarstellerin macht.

Das exzellente Ensemble aus Musik, Theater und Tanz erweckt dabei die Gemäldegalerie zu neuem Leben. Sechs Kompositionen und sieben literarische Texte, inspiriert von den Meisterwerken des Hauses, werden direkt vor den Werken aufgeführt – ein unvergesslicher Eindruck, der an der einen oder anderen Stelle auch neue Sichtweisen auf Alte Meister eröffnet.

Mit brillant beklemmendem Humor seziert eingangs Peter Wolf „Am Beispiel des Hummers“ von US-Autor David Foster Wallace vor „Großer Fischmarkt“ von Joachim Sandrart. Welch ein Kontrast, das Fest der Meeresfrüchte auf dem Bild und die drastische Schilderung des schändlichen Umgangs mit dem Tier in der modernen Nahrungsmittelindustrie! „Augenschmaus der Speckfalte“ nennt sich ein launiger Text von Eva Menasse, den Katharina Stemberger vor dem „Venusfest“ von Peter Paul Rubens zum besten gibt. Fliegendes, kugelndes, wurlendes Puttenfleisch, ein riesiges nacktes Durcheinander, begleitet von Karlheinz Essl, der seine Komposition „Some Way Up“ über Rubens‘ „Gewitterlandschaften“ legt. Vor dem Werk entfesselt er spontan wie ein Wettermacher immer neue Stürme, lässt Regenmassen niederprasseln und erschafft elektronische Regenbogen.

Raphael von Bargen. Bild: © Helmut Wimmer

Peter Wolf. Bild: © Helmut Wimmer

Ein, wenn nicht das Highlight des Ganzen ist David Oberkoglers Vortrag „Der unnatürliche Mensch“ von Milena Michiko Flasar vor „Waldlandschaft“ von Gillis van Coninxloo. Inhalt: Erich bekommt den Schlüssel für die Nachbarswohnung zum Blumengießen und landet in einem Dschungel – auch der Gefühle -, in dem er sich nicht zurechtfinden kann. Bei seiner Odyssee durch Blüten und Blätter und vielleicht auch einem Panther spricht er Dinge an, die sonst lieber unausgesprochen bleiben, um am Ende zu erkennen, dass der Mensch nichts mehr als ein Teil der Natur ist.

Besonders bewegend ist Ahmet Altans „Das Geflüster des Schnees“, das Raphael von Bargen auf dem Fensterbrett neben Samuel van Hoogstratens „Alter Mann im Fenster“ spielt. Der türkische Schriftsteller und Journalist, der in Istanbul inhaftiert ist, gibt im Text seine Gedanken im Hochsicherheitstrakt wieder. Sein Anwalt konnte die Niederschrift aus dem Gefängnis schmuggeln und nach Wien schicken. Rania Mustafa Ali, die dieses Jahr mit dem Video „Flucht aus Syrien“ mehr als acht Millionen Menschen erreichte und seit einem Jahr in Wien lebt, zeigt vor dem Gemälde „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ von Orazio Lomi Gentileschi nicht nur ihren Film, sondern berichtet auch von den stillen Momenten ihrer Flucht.

Sona MacDonald, Philip Haas und Manu Mayr. Bild: © Helmut Wimmer

David Oberkogler. Bild: © Helmut Wimmer

 

 

 

 

 

 

 

Besonders auch die Station „schaun magst“ der Strottern. Klemens Lendl und David Müller spielen auf der Klimt-Brücke vor den berühmten Wand- und Weibsbildern. Neue Kompositionen steuerten des Weiteren Johanna Doderer mit „Natürlich Übernatürlich“ und das Duo Blech mit „Twilight Train“ bei. Neue Texte kamen zusätzlich von Franz Schuh, Vivien Löschner und Martin Pollack. Als Schlusspunkt schließlich erzählt Sona MacDonald vor der „Erzherzogin Marie Antoinette, Königin von Frankreich“ von Marie Louise Elisabeth Vigée-Leburn sehr persönlich und poetisch vom Tod ihres Vaters. Begleitet von Philip Haas und Manu Mayr singt sie dazu „The Last Rose of Summer“, und die unglückliche Habsburgerin hält dazu eine frisch geköpfte Rose in der Hand …

www.khm.at/ganymednature/

  1. 3. 2018