Kunst Haus Wien: Nach uns die Sintflut

September 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Klimakatastrophe in Wort und Bild

Solmaz Daryani, aus der Serie: The Eyes of Earth (The Death of Lake Urmia), seit 2014. © Solmaz Daryani: „This ship was built in 1996 and was grounded with a significant decrease in the water of Lake Urmia, four kilometers from the shore of the Lake Urmia port.“

Schwindende Gletscher und Polkappen, steigende Meeresspiegel und versteppte Landflächen: die Folgen der Klimakrise sind längst sichtbar. „Nach uns die Sintflut“ heißt die große Herbstausstellung des Kunst Haus Wien, die ab 16. September mit den Mitteln der Kunst die Dringlichkeit des Themas aufzeigt. 21 österreichische und internationale Künstlerinnen und Künstler veranschaulichen durch Fotografie und Video die ökologischen Auswirkungen unseres wachstumsorientierten Wirtschaftssystems.

Die Werke aus den vergangenen zehn Jahren sind oft in intensiver Recherche und in Zusammenarbeit mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftlern entstanden. Sie geben den abstrakten Prozessen und komplexen Zusammenhängen der Klimakrise eine visuelle Form und berühren auf emotionaler Ebene. Die Ausstellung steht programmatisch für die Anliegen und Schwerpunkte, die das Kunst Haus Wien als Grünes Museum verfolgt: Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen sowie künstlerische Fotografie.

Anastasia Samoylova, Pink Sidewalk, 2017, aus der Serie: FloodZone, seit 2016. © Anastasia Samoylova, Courtesy: Anastasia Samoylova & Galerie Caroline O’Breen, Amsterdam

Genoveva Kriechbaum: The World / The Heart of Europe, 2018. © Genoveva Kriechbaum, Bildrecht, Wien, 2020

Anastasia Samoylova: Roots, 2018, aus der Serie FloodZone, seit 2016. © Anastasia Samoylova, Courtesy: Anastasia Samoylova & Galerie Caroline O’Breen, Amsterdam

„Nach uns die Sintflut“ zeigt die Schönheit der Natur genauso wie durch Dürre, Flut oder Bautätigkeit zerstörte Landstriche und Regionen. Der alpine Bereich ist von der Klimaerwärmung besonders betroffen. Exemplarisch dafür steht Axel Braun, der anhand von historischen Aufnahmen das erschreckende Schwinden der Pasterze dokumentiert. Michael Goldgruber hat für die Ausstellung eine neue Arbeit produziert, die die Veränderung der hochalpinen Landschaft in den Ötztaler Alpen in Tirol zum Inhalt hat. Douglas Mandry hält in seiner Serie „Monuments“ den Prozess des Verschwindens von Gletschereis auf weißer Folie, die zum Abdecken der Gletscher verwendet wird, in den Schweizer Alpen fest.

Die aus den Niederlanden stammende Anouk Kruithof reiht in ihrer Videoarbeit „Ice Cry Baby“ Aufnahmen einstürzender Gletscher aus aller Welt aneinander und unterlegt die Bilder mit dem Sound des brechenden und fließenden Eises. Permafrost als Klimaindikator thematisiert Benedikt Partenheimer in seiner Fotoserie „Memories of the Future“. Dabei mahnt er vor den fatalen globalen Folgen des drohenden Auftauens der gefrorenen Böden in Alaska. Verena Dengler präsentiert Fotografien und Aquarelle von ihrem Aufenthalt in Spitzbergen 2018: Stillgelegte Kohleminen und durch die Gletscherschmelze freigelegte Felslandschaften zeichnen ein aktuelles Bild der Einflüsse der Klimaerwärmung und brachliegender Kohleminen. Der Fotograf Sarker Protick widmet sich der Erosion der Flussufer des Ganges in seinem Heimatland Bangladesch.

Justin Brice Guariglia reflektiert mit seiner Arbeit das Anthropozän, die gegenwärtige geologische Epoche, in der menschliche Aktivitäten den dominierenden Einfluss auf Klima und Umwelt ausüben. Dafür arbeitet er etwa mit der NASA-Mission Oceans Melting Greenland zusammen, die untersucht, wie groß der Einfluss der Erwärmung der Ozeane auf die grönländische Eisschmelze ist. Auf die Verantwortung des Menschen für sein Tun spielen Nicole Six & Paul Petritsch in ihrer Videoarbeit „Räumliche Maßnahmen (1)“ an, in der man eine Person beobachten kann, die mit einer Hacke auf die Eisoberflache einschlägt, auf der sie steht.  Christina Seely spielt in einer Zweikanal-Videoinstallation auf den weltweiten Zusammenhang der Ökosysteme an, indem sie Aufnahmen des panamaischen Regenwaldes dem Grönländischen Eisschild gegenüberstellt.

Sarker Protick, aus der Serie: Of River and Lost Lands, 2011-2018. © Sarker Protick

Benoit Aquin, Berger à Wuwei, 2006, aus der Serie: The Chinese Dust Bowl, 2006-2009. © Benoit Aquin

B. Partenheimer: Methane experiment, Alaska 2017, Serie: Memories of the Future. © B. Partenheimer, Bildrecht Wien 2020

Nicole Six & Paul Petritsch: Räumliche Maßnahme (1), 2002. © Nicole Six & Paul Petritsch, Bildrecht, Wien, 2020

Der Ausstellungstitel „Nach uns die Sintflut“ ist dem ersten Band „Das Kapital“ von Karl Marx entnommen – „Aprés moi le déluge! ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation“. Bereits vor 150 Jahren hat er die menschliche Intervention als faktische Umweltzerstörung erkannt und die Gleichgültigkeit darüber festgehalten. Er kritisiert ein Verhalten, das nur auf den eigenen, kurzfristigen Profit bedacht ist und die systemischen Zusammenhänge sowie dramatischen Folgen auf das gesamte Ökosystem ignoriert. Das Streben nach immer weiterem Wachstum entzieht der Menschheit ihre Lebensgrundlage. Die drastischen Auswirkungen des Eingreifens in die Natur sind auch an der aktuellen #Covid-19-Krise ablesbar.

Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitprogramm geplant: eine Diskussionsreihe in Kooperation mit Fridays for Future zu umweltrelevanten Themen sowie Reading Classes zu Karl Marx mit Lukas Egger von der Uni Wien.

www.kunsthauswien.com

7. 9. 2020

Kunsthalle, Kunsthaus und Kunsthistorisches öffnen

Mai 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zu Pfingsten gilt „Pay as you wish!“

… von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden – Marwa Arsanios: Who is Afraid of Ideology?, 2019, Filmstill. Courtesy die Künstlerin & mor charpentier gallery, Paris

 

Zum Pfingstwochenende öffnen das Kunsthistorische Museum Wien, die Kunsthalle und das Kunsthaus wieder ihre Pforten.

kunsthalle wien: … von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden.

… ist ab 29. Mai wieder zu sehen, und auch am Pfingstmontag wird das Haus geöffnet sein.

Während des gesamten langen Wochenendes gilt punkto Eintritt: Pay as you wish! Die Ausstellung ist die erste von What, How & for Whom / WHW – Ivet Ćurlin, Nataša Ilić und Sabina Sabolović – kuratierte Ausstellung, seit das Kollektiv die Leitung der Kunsthalle Wien übernommen hat. Sie bietet einen Überblick über die vielfältigen künstlerischen und politischen Bestrebungen, mit denen sich WHW über die Jahre auseinandergesetzt haben. Sie stellt einige der vielen Künstlerinnen und Künstler vor, die ihre kollektive Tätigkeit im Lauf der Jahre inspiriert haben. Zugleich skizziert die Ausstellung die Orientierung des Programms, das die Direktorinnen in den nächsten fünf Jahren entwickeln wollen.

Der Titel der Schau zitiert den libanesischen Schriftsteller Bilal Khbeiz, der am Beginn der 2000er-Jahre über einige der Dinge sinnierte, die den Unterschied zwischen den Träumen der Menschen im Globalen Süden und jenen im Westen ausmachen. Mit genau dieser Aufzählung – Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden – brachte Khbeiz die Vorstellung eines „guten Lebens“ auf den Punkt, das damals für große Teile der Menschheit unerreichbar war. Fast zwei Jahrzehnte später scheint es, als sei die Befriedigung solcher Grundbedürfnisse für immer mehr Menschen auch an Orten gefährdet, wo sie einmal als selbstverständlich galt:

Der Klimawandel lässt den Fortbestand des Lebens auf der Erde fraglich erscheinen; die Zerstörung der Umwelt schreitet immer schneller voran; die Finanzkrise von 2008 hat den Glauben zerstört, dass der Kapitalismus im Kern gut sei und seine Segnungen auf lange Sicht das Leben auch der Ärmeren und Ärmsten verbessern würden. Es scheint, als ob mittlerweile alle aufgezählten Elemente einen üblen Beigeschmack haben. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmittel ist global ungerecht verteilt und die industrielle Landwirtschaft verursacht enorme Schäden – während die, die genug haben, Brot und Wein mit Gefühlen von Schuld und Scham, mit zwanghafter Selbstoptimierung und rücksichtslosem Konsum verbinden … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38710

Alec Soth: Ukraine. Odessa. 2018. Galina. © Alec Soth / Magnum Photos

Alec Soth: Arcadie. Bucharest, 2018. © Alec Soth / Magnum Photos

Alec Soth: Anna. Kentfield, California., 2017. © Alec Soth / Magnum Photos

Kunst Haus Wien: Alec Soth. Photography ls A Language

… kann ab 31. Mai wieder besucht werden. Bei freiem Eintritt und mit einem speziellen Programm steht dem Kunstgenuss am Pfingstsonntag und -montag nichts mehr im Wege. Unter anderem gibt es um 10 Uhr ein American Breakfast & Ausstellungsgespräch, Anmeldung: info@kunsthauswien.com, und um 15 Uhr im Garten die Weinprobe „Vivo Rosé“ des Weingut Mehofer-Neudeggerhof mit musikalischer Begleitung.

Der Amerikaner Alec Soth zählt seit einigen Jahren zu den wichtigsten Fotografen weltweit. Mit der Serie „Sleeping bq the Mississipi“ wurde er 2004 schlagartig berühmt: In die Fußstapfen von Robert Frank tretend, dokumentierte der Künstler auf seinem Roadtrip entlang des Mississippi das amerikanische Leben – subjektiv, mit viel Poesie und Melancholie. Soths fotografisches Werk – er ist Mitglied der renommierten Agentur Magnum Photos – findet sich seither in allen namhaften Ausstellungshäusern und Fotografie-Institutionen. Seine Personale im Kunst Haus Wien kann als Österreichpremiere bezeichnet werden:

Soths bekannteste Serien „S/eeping bg the Mississippi“  von 2004, „Niagora“  von 2006, „Broken Monuo/ (2OIO)“ und „Songbook“ von 2015 sind erstmals in Wien zu sehen, ebenso seine jüngste Arbeit „/ Know How Furious/g Your Heort ls Beating“ aus dem Jahr 2019. Mit dieser verdichteten Porträtserie hat der Künstler nach einer einjährigen Schaffenspause erneut Furore gemacht. Soths fotografisches Werk besticht durch seine poetische Bildsprache. Ihm gelingt es virtuos, vorstädtische und ländliche Gegenden in den USA, Menschen und Situationen ins Bild zu setzen. Seine groß angelegten Serien können als Fallstudien der US-amerikanischen Gesellschaft gelesen werden.

Soths Fotografien geben Einblick in das Leben gewöhnlicher wie auch manch ungewöhnlicher Menschen; sein Interesse gilt der breiten Mittelschicht abseits der Metropolen sowie Menschen am Rande der Gesellschaft. Der thematische Zugang von Soth ist von einem philanthropischen Interesse geprägt. Er bedient sich einer dokumentarischen Herangehensweise, wobei er sich von seinem poetischen Blick leiten lässt. Seine in großen Serien zusammengefassten Fotografien bewegen sich zwischen Realität und Fiktion und entwickeln eine außergewöhnliche narrative Kraft.

Manche Aufnahmen sind schon allein aufgrund ihres Sujets poetisch, wirken malerisch, sind bisweilen romantisch aufgeladen, etwa wenn Soth die Niagarafälle in all ihrer Pracht ablichtet. Aber auch den konkreten Darstellungen von Menschen und Orten wohnt stets etwas Träumerisches, Entrücktes inne. Der Blick der Dargestellten spielt dabei wohl eine ebenso gewichtige Rolle wie das Licht, in das die Schauplätze getaucht sind. In Soths Aufnahmen spiegeln sich Vorstellungen von Lebenssituationen oder Liebes-/Beziehungen wider, wie sie im amerikanischen Film, in Literatur und Musik geprägt wurden. In seinen vielfach ausgezeichneten Fotobüchern werden die fotografischen Arbeiten von Essays, Kurzgeschichten oder Auszügen aus Songtexten von verschiedenen Autorinnen und Aitoren, etwa dem Pulitzer-Preisträger Richard Ford, begleitet.

Sie tragen zur Gesamterzählung bei und unterstreichen die sehnsuchtsvolle, mitunter melancholische Tendenz, die den eigenwilligen Reiz der Aufnahmen ausmacht. Soth schafft außergewöhnlich eindringliche Porträts von Menschen und Orten. In seiner einzigartigen fotografischen Sprache erzählt er von großen Gefühlen wie Liebe und Einsamkeit und reflektiert weitreichende gesellschaftspolitische Themen, etwa wenn er Aussteiger oder Außenseiter der US-amerikanischen Gesellschaft porträtiert. In seinen Bildern widerhallen zutiefst menschliche Sehnsüchte und Bedürfnisse, sie erzählen von trivialen wie von komplexen Lebensrealitäten, von physischen und psychischen Landschaften gleichermaßen … mehr: alecsoth com/photoeraphy

Pieter Bruegel d. Ä. : Bauernhochzeit, um 1567. KHM, Gemäldegalerie. © KHM-Museumsverband

Die Meisterwerke in der Gemäldegalerie locken zahlreiche Besucher. © KHM-Museumsverband

Ägyptisch-Orientalische Sammlung des Hauses am Maria-Theresien-Platz. © KHM-Museumsverband

Benvenuto Cellini: Saliera, 1540-1543, Paris. Kunsthistorisches Museum Wien, Kunstkammer. © KHM-Museumsverband

Kunsthistorisches Museum Wien: The Best of Bruegel

Das Team von Generaldirektorin Sabine Haag freut sich schon auf die Wiederaufnahme des Museumsbetriebs am Pfingstsamstag. Das Kunsthistorische Museum wird heuer in den Monaten Juni, Juli und August täglich geöffnet haben, und von 30. Mai bis 30. Juni gilt im ganzen Haus „Pay As You Wish“. Zu sehen sind zunächst die einzigartigen Museumssammlungen und die Meisterwerken von Bruegel, Rubens, Caravaggio, Vermeer, Rembrandt, Raffael, Velázquez und vielen anderen am Standort Maria-Theresien-Platz. Die weiteren Häuser des KHM-Museumsverbands werden in den kommenden Monaten schrittweise wieder öffnen.

Die erfolgreichste Ausstellung, die je im Kunsthistorischen gezeigt wurde, war: „Bruegel – Once in a Lifetime“, sie hat inWien Ausstellungsgeschichte geschrieben. Bei der global größten Werkschau von Pieter Bruegel dem Älteren mit sensationellen Leihgaben aus aller Welt wurden 2018/2019 etwa drei Viertel aller erhaltenen Gemälde des flämischen Meisters und etwa die Hälfte seiner noch existierenden Zeichnungen und Drucke ausgestellt. Wer diese einmalige Ausstellung verpasst hat oder Bruegel neuerlich erleben möchte, kann seine bedeutendsten Gemälde jederzeit in der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums erleben. Pieter Bruegel der Ältere war schon zu seinen Lebzeiten einer der begehrtesten Künstler, weshalb seine Werke bereits damals ungewöhnlich hohe Preise erzielten.

Nur knapp mehr als vierzig Gemälde und sechzig Grafiken haben sich überhaupt von der Hand des Meisters erhalten. Das Kunsthistorische Museum beherbergt mit seinen zwölf Werken die weltweit größte und bedeutendste Sammlung Pieter Bruegels des Älteren. Dies liegt darin begründet, dass die Habsburger Sammler schon im 16. Jahrhundert die außerordentliche Qualität und Originalität der Bildwelten Bruegels zu schätzen wussten und sich bemühten, prestigeträchtige Werke des Künstlers zu erwerben. Unter den Bruegel-Meisterwerken im KKHM finden sich die berühmten Gemälde „Bauernhochzeit“, „Kinderspiele“, „Die Jäger im Schnee“ und natürlich der „Turmbau zu Babel“ … mehr: www.insidebruegel.net

kunsthallewien.at           www.kunsthauswien.com           www.khm.at

23. 5. 2020

The Beginning: Die Albertina Modern im Künstlerhaus

März 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung mit Kunst aus Österreich von 1945 bis 1980

Christian Ludwig Attersee: Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Bildrecht, Wien, 2020

Die ganz große Publikumseröffnung musste wegen der Corona-Maßnahmen zwar abgesagt werden, nichtsdestotrotz öffnet die Albertina Modern am neuen Standort Künstlerhaus am 13. März ihre Pforten. Mit der Ausstellung „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ bietet sie erstmals einen umfassenden Überblick einer der innovativsten Epochen österreichischer Kunstgeschichte.

Die Schau präsentiert die wichtigsten Positionen an der Schwelle zur Postmoderne –vom Wiener Phantastischen Realismus über die frühe Abstraktion, den Wiener Aktionismus, die kinetische und konkrete Kunst sowie die österreichische Spielvariante der Popart bis zu dem für Wien so kennzeichnenden gesellschaftskritischen Realismus. Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Zeit die radikale Ablehnung von Autorität und Hierarchie.

Die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen darauf an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über ReimoWukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

VALIE EXPORT: Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Alfred Hrdlicka: Hommage à Sonny Liston, 1965. Wien Museum © Alfred Hrdlicka-Archiv, Wien

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien –The Essl Collection © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber auch die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen, bekämpfen das reaktionäre Ideal. Die Aktionistin VALIE EXPORT und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie beziehen auch Position gegen ein Männerbild, das immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des Austro-Faschismus und Dritten Reichs bestimmt ist.

So ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht, und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neueAbschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern.

Peter Pongratz: Schutzengel, 1971. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Gottfried Helnwein: Der höhnische Arzt, 1973. Albertina, Wien – Leihgabe aus Privatsammlung © Bildrecht, Wien, 2020

„The Beginning“ widmet den großen Einzelgängern Friedensreich Hundertwasser, Arnulf Rainer und Maria Lassnig eigene Räume. Was Skulptur und Objektkunst in diesem Zeitraum bedeuten kann, veranschaulichen Hauptwerke von Joannis Avramidis und Rudolf Hoflehner über Wander Bertoni und Roland Goeschl bis Curt Stenvert, Bruno Gironcoli und Cornelius Kolig. Die Eröffnungsausstellung zeigt insgesamt fast 100 Künstlerinnen und Künstler dieser sich über drei Jahrzehnte spannenden Epoche vor der Schwelle zur Postmoderne.

Die Aufarbeitung von Ständestaat und Nationalsozialismus sowie die internationale Vernetzung aller wesentlichen Protagonistinnen und Protagonisten sind bislang oft übersehene Kennzeichen dieser Wiener Avantgarden. Ausgangspunkt der Ausstellung mit etwa 360 Kunstwerken – Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen, Videos, Fotografien und Installationen – sind die Sammlungen der Albertina, die jüngst durch die Akquisition der Sammlung Essl eine große Bereicherung erfahren haben.

Live-Stream zum Festakt, 12. März, 18.30 Uhr: www.facebook.com/AlbertinaMuseum

The Making Of a New Museum: www.youtube.com/watch?v=kASOUydk8to           www.youtube.com/watch?v=AM0F8HP0CL4

www.albertina.at

10. 3. 2020

Kunst Haus Wien: Street. Life. Photography

September 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotos vom Leben auf der Straße

Maciej Dakowicz: Ohne Titel, 2007, Serie: Cardiff After Dark, 2005-2011. © Maciej Dakowicz

Die Stadt ist eines der wohl schillerndsten Sujets in der Geschichte der Fotografie: Das Kunst Haus Wien präsentiert ab 10. September mit „Street. Life. Photography“ Ikonen der Street Photography aus sieben Jahrzehnten. Von Merry Alpern, Diane Arbus, Robert Frank bis zu Lee Friedlander oder Martin Parr – mit mehr als 35 Positionen und mehr als 200 Werken setzt sich die Ausstellung mit den Umbrüchen und ästhetischen Entwicklungen der Street Photography auseinander.

Von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart. Street Life, Crashes, Public Transfer, Anonymity und Alienation – In fünf kaleidoskopartig angelegten Kapiteln behandelt die Ausstellung die zentralen Themenfelder der Street Photography und zieht die Besucherinnen und Besucher in unterschiedlichste, teils surreal erscheinende Bildwelten. Die analoge tritt neben die digitale Fotografie, die Kleinbildkamera neben die Großbildkamera, Schwarz-Weiß-Fotografie trifft auf Farbfotografie und vertraute Ikonen der Fotografiegeschichte.

Erich Lessing: Leben im Wiener Prater, 1954. © Erich Lessing, Courtesy Österreichische Nationalbibliothek, Inventar-Nr. Pk 4583, 97

Leon Levinstein: New Orleans, 1976. © Leon Levinstein, Courtesy Howard Greenberg Gallery, NYC, Haus der Photographie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg

Axel Schön: Ohne Titel, aus der Serie: Feuer, Novgorod 1993. © Axel Schön

Philip-Lorca diCorcia, Marylin, 28 Years Old, Las Vegas, Nevada, 30$, 1990-1992. © Philip-Lorca diCorcia, Courtesy: Sprüth Magers und 303 Gallery, Haus der Photograpie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg

Internationale Klassiker der Street Photography werden mit jungen, zeitgenössischen Positionen wie Mohamed Bourouissa, Harri Pälviranta oder österreichischen Künstlerinnen und Künstlern wie Alex Dietrich und Lies Maculan in Verbindung gebracht – und eröffnen einen neuen Blick auf die unterschiedlichen Räume der Stadt, die die Beobachtung der urbanen Umgebung früher und heute bietet. „Street. Life. Photography“ beleuchtet die anhaltende Faszination, die dieses Thema auf die Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts ausgeübt und dabei ein eigenes Genre hervorgebracht hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2imZnfdSwRg           www.kunsthauswien.com

6. 9. 2019

Das neue Wiener Künstlerkollektiv: DARUM im Gespräch über die erste Produktion „Ungebetene Gäste“

März 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume“

Victoria Halper, Kai Krösche und Laura Andreß. Bild: DARUM

Mit der Spurensuche „Ungebetene Gäste“ startet das neu gegründete Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ am 24. März seine künstlerische Arbeit. Das Kernteam Laura Andreß, Victoria Halper und Kai Krösche, das in sich das Know-How zahlreicher Disziplinen, darunter Film- und Theaterregie, Dramaturgie, Musik, Literatur, Video- und Medienkunst, Schauspiel und Performance, vereint,

beschäftigt sich dabei mit den „einsamen Begräbnissen“, heißt: Bestattungen, die ohne die Anwesenheit Angehöriger stattfinden. In fünf einmalig zur Aufführung gebrachten Vorstellungen, beginnend im WERK X-Petersplatz, über eine Busfahrt durch Wien vom Zentrum zum Zentralfriedhof bis zu einem „Leichenschmaus“, wird dem Leben und Ableben dieser Menschen nachgegangen. DARUM im Gespräch:

MM: Ihr Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ begibt sich ganz neu in die Wiener Kunst- und Kulturszene. Wie und warum kam es zur Gründung?

Kai Krösche: Wir drei kennen einander seit Jahren aus verschiedensten Arbeitskontexten, arbeiten aber im Rahmen von „Ungebetene Gäste“ erstmals als Kollektiv auf Augenhöhe. Zuletzt waren wir alle an dem Punkt, wo wir vom klassischen Stadttheater genug hatten, und dachten, da muss was Neues her.

Laura Andreß: Ich habe die vergangenen beiden Jahre in Berlin verbracht und mein Masterstudium in Dramaturgie an der Ernst-Busch-Schauspielschule absolviert. Ich komme also frisch aus dem Studium, und mir war von Anfang an klar, dass es mich in die Freie Szene verschlägt und wieder zurück nach Wien. So hat das eine zum anderen geführt, so ist DARUM entstanden.

MM: Wo sind Ihre Schnittmengen und Schnittstellen, was bringt jeder von Ihnen ins Kollektiv ein?

Victoria Halper: Ich habe Schauspiel und Theaterwissenschaft in Toronto studiert, habe im Studium auch Regie gemacht und kollektives und kollaboratives Arbeiten. Ich komme einerseits vom Selber-Spielen und -Performen, andererseits von der Stückentwicklung, vom Inszenieren – und auch von der Videokunst.

Krösche: Ich habe lange Jahre Regie gemacht, bin dann zur Dramaturgie ans Landestheater Niederösterreich gewechselt, habe aber auch im Filmbereich gearbeitet und konzentriere mich nun wieder aufs Inszenieren, in letzter Zeit auch verstärkt auf Theatermusik.

Andreß: Vielleicht sollte man generell sagen, dass wir sehr unklassisch arbeiten. Es gibt bei uns keine festgeschriebenen Aufgabenbereiche, heißt: einer ist der Bühnenbildner, weil er da eine Ausbildung abgeschlossen hat, sondern wir bringen alle sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen ein, die sich zum Teil überschneiden. Was gerade das Spannende ist, weil wir die Berufszuordnungen kritisch betrachten und reflektieren. Bei uns ist nichts in Stein gemeißelt.

Halper: Ein simples Beispiel: Laura macht ein Foto für Instagram, ich bearbeite es nach, und Kai schreibt den Text dazu. Oder Kai macht ein Foto, Laura bearbeitet es nach, und ich schreibe den Text dazu.

Andreß: Genau, von einem kommt der Input, vom nächsten das Feedback, vom dritten der Draft. Immer der nächste macht sich die bisherigen Überlegungen zu eigen und arbeitet weiter daran. Eins greift ins andere über.

MM: Soweit zu Ihrer Arbeitsweise, nun zum künstlerischen Output. Es herrscht in Wien kein Mangel an Freier Szene. Was ist das Alleinstellungsmerkmal von DARUM? Wie unterscheiden sich Ihre Projekte von anderen? Welcher künstlerischen Sprache bedienen Sie sich?

Krösche: Es ist immer schwierig, etwas zu machen, das noch nie jemand anderer gemacht hat. Das würde ich von uns auch nicht behaupten. Was uns interessiert, ist ein sehr buntes Bild, aber nicht im Sinne von farbenprächtig, sondern eher von allumfassend. Wir denken die Dinge sehr groß. Das ist es auch, was uns gerade ordentlich Stress beschert, weil die Produktion, an der wir arbeiten über drei Stunden geht, und nicht nur im Theater stattfinden wird, sondern ins Freie geht. Unsere Ausstatterin Julia Grevenkamp baut nebem vielen anderem eine kleine, naturalistische Wohnung auf, es gibt Musik und Videokunst im Rahmen einer begehbaren Installation, es gibt dann eine Busfahrt, die zum Zentralfriedhof geht … Wir haben den Wunsch, das Publikum sehr stark einzubeziehen in die Thematik, mit der sich unser Projekt beschäftigt, mit allen künstlerischen Mitteln sozusagen. Dieses Bedürfnis nach einem „totalen Theater“ ist es vielleicht, das uns auszeichnet – das Alleinstellungsmerkmal.

Andreß: Das Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen oder Genres, das Zusammenspiel der Orte, gehören da dazu. Wir entlassen das Publikum in eine ganze Welt, in der es für alle Sinne etwas zu entdecken und zu erleben gibt. Und dabei hat das Publikum jede Freiheit.

MM: Wir sprechen nun schon die längste Zeit über „Ungebetene Gäste“, die erste Produktion des Kollektivs DARUM. Eine Spurensuche zum Sterben ab dem 24. März. Wie kommt man darauf, dass man sich zu Anfang gleich mit dem Ende beschäftigt?

Krösche: Das Ende ist zu uns gekommen. Wir haben heute erst gesagt, der Tod ist uns immer einen Schritt voraus, wir können nämlich unsere Generalprobe auf dem Zentralfriedhof nicht im vorgesehenen Raum absolvieren, weil da an dem Tag ein Ehrenbegräbnis stattfindet. Begonnen hat’s vor mehr als einem Jahr mit einem Zeitungsartikel über das Phänomen der „einsamen Begräbnisse“, also Begräbnisse, bei denen keinerlei Angehörige oder Bekannte anwesend sind. Das sind meist Sozialbegräbnisse, da zahlt die Stadt Wien dafür, und von diesen über 1000 Sozialbegräbnissen sind es im Jahr doch immerhin 500, die ohne Trauergäste stattfinden. Das ist mehr als eines pro Tag – und wir wollten wissen, warum das so ist und wie das ist, wenn der Prozess des Verabschiedens und des Erinnerns einfach nicht stattfindet. Auf dieses Vergessen-Sein wollten wir künstlerisch reagieren.

Victoria Halper und Nora Jacobs. Bild: DARUM

Laura Andreß. Bild: DARUM

MM: Wie?

Krösche: Wir haben konkrete Fälle recherchiert, und relativ schnell festgestellt, dass das Projekt gar nicht so viel mit dem Tod, sondern viel mehr mit dem Leben zu tun hat. Weil man auf Spuren trifft, auf Menschen, die die verstorbene Person doch kannten, teilweise erstaunt waren, weil sie vom Begräbnis gar nichts wussten, weil dieser Termin nie an sie kommuniziert wurde. Einsam begraben werden, heißt nicht unbedingt, einsam gelebt zu haben.

Halper: Ich glaube, es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man einen Artikel liest und der etwas in einem auslöst. Einen Schock, ein unangenehmes Gefühl, eine Frage. Die bei mir war, warum diese einsamen Begräbnisse entstehen. Wir werden das an unserem Abend nicht beantworten, aber unter die Lupe nehmen. Das ist für mich Kunst, dass wir uns mit etwas auseinandersetzen, mit dem wir im Alltag nicht konfrontiert werden wollen – in diesem Falle Menschen, bei deren Begräbnis niemand mehr erscheint.

Andreß: Da hinzusehen hat etwas Voyeuristisches, aber auch etwas Masochistisches. Zeitgleich deutet der Titel auch auf die Ungebetenheit unseres Unterfangens an. Denn wozu werden wir als freischaffende Künstler denn gebeten? Wie Sie richtig sagten, es gibt genug Freie Szene – nur leider viel zu wenig Geld. In einer Art und Weise sind wir freien Kunstschaffenden ja immer ungebetene Gäste.

MM: Wie wird die szenische Umsetzung sein?

Halper: Der Abend ist geprägt von sehr vielen Traditionen der Darstellenden Kunst. Wir starten im WERK X-Petersplatz, unserem Kooperationspartner, und enden am Stadtrand von Wien. Es gibt performative Installationen, aber auch Elemente, die Richtung immersives Theater gehen. Es passiert Videokunst, es gibt Audiowalks, die fast für sich alleine stehen könnten …

Andreß: Es fällt uns selbst schwer, das Projekt einem eindeutigen Genre zuzuordnen. Es ist eine künstlerisch gestaltete Reise, das drückt es vielleicht am besten aus. Wir agieren wie Zeremonienmeister. Wir begleiten das Publikum auf seiner eigenen Reise. Wir stellen den Zuschauern all die erwähnten Mittel zur Verfügung, damit sie dann für sich diese Welt erkunden können.

MM: Sie drei performen selbst, und haben als Gast Nora Jacobs dabei.

Halper: Ja, wobei wir den Einsatz eines jeden von uns an dessen jeweilige Stärken angeglichen haben. Wir haben keine Figur, keine Rolle, sondern eine Position, die einem entgegenkommt. Nora zum Beispiel ist eine sehr interaktive Spielerin. Sie bekommt zwar ein Skript, wird aber individuell auf die Bedürfnisse jedes Zuschauers eingehen. Meine Station ist ein bisschen mehr abgeschottet und performativ, Kai seinerseits hat sehr viel mit Text zu tun.

MM: Interaktiv meint, als Zuschauer ist man Teil des Ganzen?

Krösche: Nicht im Sinne des gefürchteten Mitmach-Theaters, man darf komplett man selbst bleiben. Die Zuschauer sollten sich aber schon herumbewegen, weil sie sonst nichts erfahren …

Halper: … aber der Grad, indem man interagiert, bleibt einem selbst überlassen. Man wird nicht angepiekst, rausgezerrt, in den Mittelpunkt gestellt. Ein Dialog mit Nora kann losgehen, muss aber nicht.

Krösche: Wir möchten das Publikum dazu animieren, auf eine eigene Spurensuche zu gehen. Und wer eine spielerische Veranlagung hat, kann mitmachen, wenn sich jemand lieber in Ruhe ein Video anschaut, ist das auch okay.

Andreß: Wir arbeiten sehr viel über Imagination und Denkräume. Das heißt, das Publikum wird erleben, was es erleben möchte.

MM: Sie weisen die Spieltermine von „Ungebetene Gäste“ als fünf Premieren aus. Warum?

Halper: Weil sich jeder Tag einem anderen real verstorbenen Menschen widmet. Die Dramaturgie bleibt immer gleich, ein Großteil der anderen künstlerischen Elemente – Sound, Musik, Video, Texte – sind maßgeschneidert auf den jeweiligen Menschen.

Krösche: Dazu muss man sagen, dass unsere Recherche damit begonnen hat, dass wir auf einsame Begräbnisse gegangen sind. Um herauszufinden, wer diese Menschen waren, haben wir an Wohnungstüren geklopft, haben mit Nachbarn gesprochen und haben sehr viel über die einzelnen Schicksale herausgefunden. Das geht von der Mindestpensionistin, die auch noch Freunde hatte und ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn, bis zum ehemaligen Obdachlosen, der gerade erst eine Wohnung bezogen hatte und darin verstorben ist. Nach diesen Eindrücken war uns klar, das kann man nicht alles in eins pressen. Daher fünf Premieren, weil alle Elemente eines Abends von einer konkreten Person inspiriert sind.

MM: Heißt: fünf Mal Videokunst, fünf Mal Musik …? Klingt, als wären Sie gut beschäftigt.

Krösche: Ja! Natürlich haben wir eine Grundstruktur, die gleich bleibt, aber es gibt andere Inhalte, andere Texte, andere Videos …

Halper: … andere Spuren, auf die man sich begibt.

Andreß: Außerdem steuert zu jeder Premiere ein anderer Autor einen Text bei. Und zwar Emre Akal, Mario Schlembach, Alexandra Pâzgu, Andrea Imler und Thomas Perle.

MM: Das Ganze endet, wie es sich gehört, in einem Leichenschmaus?

Krösche: Wir wollen’s noch nicht ganz verraten. Aber es gibt Essen und Getränke am Ende. Auch Alkohol.

MM: Ein kleiner Ausblick: In welcher Frequenz können Sie sich Produktionen vorstellen? Werden Sie es zum Programm machen, ungewöhnliche Spielorte oder solche, die bisher noch keine waren, auszuwählen?

Halper: Dieses Projekt hat noch ein Echo, eine Lecture Performance, die ab dem 17. Juni im WERK X-Petersplatz zu sehen sein wird. Da wird aus unseren Erfahrungen und der Recherche ein Abend konzipiert, der sich dem Phänomen „einsamer Begräbnisse“ allgemeiner widmet, derzeit aber natürlich erstmal noch eine grobe Idee ist.

Andreß: Ansonsten hängt die Frequenz von den Fördergeldern ab. Wir haben bereits zwei weitere Anträge für Projekte eingereicht, von denen wir bei entsprechender Subvention eines im Herbst realisieren möchten.

Krösche: Ebenfalls an einem Nicht-Theaterort. Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume. Manchmal kann eine alte Fabrikhalle spannender sein und zum Projekt besser passen. Wir wollen bei unseren Produktionen, dass auch der Spielort etwas mit einem macht.

Bild: DARUM

MM: Da nun schon von Subvention die Rede war: Für „Ungebetene Gäste“ gibt es Geld von SHIFT, einem Programm der Basis.Kultur, und vom Kulturamt der Stadt Wien.

Krösche: Darüber freuen wir uns natürlich wahnsinnig. Es ermöglicht uns, das Projekt in dieser Größe, sowohl zentral wie auch dezentral an verschiedensten Orten in Wien mit einem Team von über 20 Leuten umsetzen und auch die erwähnte Lecture Performance im Juni häufiger zu spielen.

 MM: Zum Schluss gefragt: Was sollen die Zuschauer von „Ungebetene Gäste“ mitbringen.

Krösche: Neugier vor allem, und was das Praktische betrifft, wetterfeste und nach Möglichkeit dunkle Kleidung und Schuhe, mit denen sich gut gehen lässt.

Halper: Außer, jemand bewältigt den Zentralfriedhof in Stilettos.

www.darum.at          Karten online: werk-x.at

15. 3. 2019