Kunst Haus Wien: Street. Life. Photography

September 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotos vom Leben auf der Straße

Maciej Dakowicz: Ohne Titel, 2007, Serie: Cardiff After Dark, 2005-2011. © Maciej Dakowicz

Die Stadt ist eines der wohl schillerndsten Sujets in der Geschichte der Fotografie: Das Kunst Haus Wien präsentiert ab 10. September mit „Street. Life. Photography“ Ikonen der Street Photography aus sieben Jahrzehnten. Von Merry Alpern, Diane Arbus, Robert Frank bis zu Lee Friedlander oder Martin Parr – mit mehr als 35 Positionen und mehr als 200 Werken setzt sich die Ausstellung mit den Umbrüchen und ästhetischen Entwicklungen der Street Photography auseinander.

Von den 1930er-Jahren bis in die Gegenwart. Street Life, Crashes, Public Transfer, Anonymity und Alienation – In fünf kaleidoskopartig angelegten Kapiteln behandelt die Ausstellung die zentralen Themenfelder der Street Photography und zieht die Besucherinnen und Besucher in unterschiedlichste, teils surreal erscheinende Bildwelten. Die analoge tritt neben die digitale Fotografie, die Kleinbildkamera neben die Großbildkamera, Schwarz-Weiß-Fotografie trifft auf Farbfotografie und vertraute Ikonen der Fotografiegeschichte.

Erich Lessing: Leben im Wiener Prater, 1954. © Erich Lessing, Courtesy Österreichische Nationalbibliothek, Inventar-Nr. Pk 4583, 97

Leon Levinstein: New Orleans, 1976. © Leon Levinstein, Courtesy Howard Greenberg Gallery, NYC, Haus der Photographie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg

Axel Schön: Ohne Titel, aus der Serie: Feuer, Novgorod 1993. © Axel Schön

Philip-Lorca diCorcia, Marylin, 28 Years Old, Las Vegas, Nevada, 30$, 1990-1992. © Philip-Lorca diCorcia, Courtesy: Sprüth Magers und 303 Gallery, Haus der Photograpie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg

Internationale Klassiker der Street Photography werden mit jungen, zeitgenössischen Positionen wie Mohamed Bourouissa, Harri Pälviranta oder österreichischen Künstlerinnen und Künstlern wie Alex Dietrich und Lies Maculan in Verbindung gebracht – und eröffnen einen neuen Blick auf die unterschiedlichen Räume der Stadt, die die Beobachtung der urbanen Umgebung früher und heute bietet. „Street. Life. Photography“ beleuchtet die anhaltende Faszination, die dieses Thema auf die Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts ausgeübt und dabei ein eigenes Genre hervorgebracht hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=2imZnfdSwRg           www.kunsthauswien.com

6. 9. 2019

Das neue Wiener Künstlerkollektiv: DARUM im Gespräch über die erste Produktion „Ungebetene Gäste“

März 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume“

Victoria Halper, Kai Krösche und Laura Andreß. Bild: DARUM

Mit der Spurensuche „Ungebetene Gäste“ startet das neu gegründete Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ am 24. März seine künstlerische Arbeit. Das Kernteam Laura Andreß, Victoria Halper und Kai Krösche, das in sich das Know-How zahlreicher Disziplinen, darunter Film- und Theaterregie, Dramaturgie, Musik, Literatur, Video- und Medienkunst, Schauspiel und Performance, vereint,

beschäftigt sich dabei mit den „einsamen Begräbnissen“, heißt: Bestattungen, die ohne die Anwesenheit Angehöriger stattfinden. In fünf einmalig zur Aufführung gebrachten Vorstellungen, beginnend im WERK X-Petersplatz, über eine Busfahrt durch Wien vom Zentrum zum Zentralfriedhof bis zu einem „Leichenschmaus“, wird dem Leben und Ableben dieser Menschen nachgegangen. DARUM im Gespräch:

MM: Ihr Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ begibt sich ganz neu in die Wiener Kunst- und Kulturszene. Wie und warum kam es zur Gründung?

Kai Krösche: Wir drei kennen einander seit Jahren aus verschiedensten Arbeitskontexten, arbeiten aber im Rahmen von „Ungebetene Gäste“ erstmals als Kollektiv auf Augenhöhe. Zuletzt waren wir alle an dem Punkt, wo wir vom klassischen Stadttheater genug hatten, und dachten, da muss was Neues her.

Laura Andreß: Ich habe die vergangenen beiden Jahre in Berlin verbracht und mein Masterstudium in Dramaturgie an der Ernst-Busch-Schauspielschule absolviert. Ich komme also frisch aus dem Studium, und mir war von Anfang an klar, dass es mich in die Freie Szene verschlägt und wieder zurück nach Wien. So hat das eine zum anderen geführt, so ist DARUM entstanden.

MM: Wo sind Ihre Schnittmengen und Schnittstellen, was bringt jeder von Ihnen ins Kollektiv ein?

Victoria Halper: Ich habe Schauspiel und Theaterwissenschaft in Toronto studiert, habe im Studium auch Regie gemacht und kollektives und kollaboratives Arbeiten. Ich komme einerseits vom Selber-Spielen und -Performen, andererseits von der Stückentwicklung, vom Inszenieren – und auch von der Videokunst.

Krösche: Ich habe lange Jahre Regie gemacht, bin dann zur Dramaturgie ans Landestheater Niederösterreich gewechselt, habe aber auch im Filmbereich gearbeitet und konzentriere mich nun wieder aufs Inszenieren, in letzter Zeit auch verstärkt auf Theatermusik.

Andreß: Vielleicht sollte man generell sagen, dass wir sehr unklassisch arbeiten. Es gibt bei uns keine festgeschriebenen Aufgabenbereiche, heißt: einer ist der Bühnenbildner, weil er da eine Ausbildung abgeschlossen hat, sondern wir bringen alle sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen ein, die sich zum Teil überschneiden. Was gerade das Spannende ist, weil wir die Berufszuordnungen kritisch betrachten und reflektieren. Bei uns ist nichts in Stein gemeißelt.

Halper: Ein simples Beispiel: Laura macht ein Foto für Instagram, ich bearbeite es nach, und Kai schreibt den Text dazu. Oder Kai macht ein Foto, Laura bearbeitet es nach, und ich schreibe den Text dazu.

Andreß: Genau, von einem kommt der Input, vom nächsten das Feedback, vom dritten der Draft. Immer der nächste macht sich die bisherigen Überlegungen zu eigen und arbeitet weiter daran. Eins greift ins andere über.

MM: Soweit zu Ihrer Arbeitsweise, nun zum künstlerischen Output. Es herrscht in Wien kein Mangel an Freier Szene. Was ist das Alleinstellungsmerkmal von DARUM? Wie unterscheiden sich Ihre Projekte von anderen? Welcher künstlerischen Sprache bedienen Sie sich?

Krösche: Es ist immer schwierig, etwas zu machen, das noch nie jemand anderer gemacht hat. Das würde ich von uns auch nicht behaupten. Was uns interessiert, ist ein sehr buntes Bild, aber nicht im Sinne von farbenprächtig, sondern eher von allumfassend. Wir denken die Dinge sehr groß. Das ist es auch, was uns gerade ordentlich Stress beschert, weil die Produktion, an der wir arbeiten über drei Stunden geht, und nicht nur im Theater stattfinden wird, sondern ins Freie geht. Unsere Ausstatterin Julia Grevenkamp baut nebem vielen anderem eine kleine, naturalistische Wohnung auf, es gibt Musik und Videokunst im Rahmen einer begehbaren Installation, es gibt dann eine Busfahrt, die zum Zentralfriedhof geht … Wir haben den Wunsch, das Publikum sehr stark einzubeziehen in die Thematik, mit der sich unser Projekt beschäftigt, mit allen künstlerischen Mitteln sozusagen. Dieses Bedürfnis nach einem „totalen Theater“ ist es vielleicht, das uns auszeichnet – das Alleinstellungsmerkmal.

Andreß: Das Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen oder Genres, das Zusammenspiel der Orte, gehören da dazu. Wir entlassen das Publikum in eine ganze Welt, in der es für alle Sinne etwas zu entdecken und zu erleben gibt. Und dabei hat das Publikum jede Freiheit.

MM: Wir sprechen nun schon die längste Zeit über „Ungebetene Gäste“, die erste Produktion des Kollektivs DARUM. Eine Spurensuche zum Sterben ab dem 24. März. Wie kommt man darauf, dass man sich zu Anfang gleich mit dem Ende beschäftigt?

Krösche: Das Ende ist zu uns gekommen. Wir haben heute erst gesagt, der Tod ist uns immer einen Schritt voraus, wir können nämlich unsere Generalprobe auf dem Zentralfriedhof nicht im vorgesehenen Raum absolvieren, weil da an dem Tag ein Ehrenbegräbnis stattfindet. Begonnen hat’s vor mehr als einem Jahr mit einem Zeitungsartikel über das Phänomen der „einsamen Begräbnisse“, also Begräbnisse, bei denen keinerlei Angehörige oder Bekannte anwesend sind. Das sind meist Sozialbegräbnisse, da zahlt die Stadt Wien dafür, und von diesen über 1000 Sozialbegräbnissen sind es im Jahr doch immerhin 500, die ohne Trauergäste stattfinden. Das ist mehr als eines pro Tag – und wir wollten wissen, warum das so ist und wie das ist, wenn der Prozess des Verabschiedens und des Erinnerns einfach nicht stattfindet. Auf dieses Vergessen-Sein wollten wir künstlerisch reagieren.

Victoria Halper und Nora Jacobs. Bild: DARUM

Laura Andreß. Bild: DARUM

MM: Wie?

Krösche: Wir haben konkrete Fälle recherchiert, und relativ schnell festgestellt, dass das Projekt gar nicht so viel mit dem Tod, sondern viel mehr mit dem Leben zu tun hat. Weil man auf Spuren trifft, auf Menschen, die die verstorbene Person doch kannten, teilweise erstaunt waren, weil sie vom Begräbnis gar nichts wussten, weil dieser Termin nie an sie kommuniziert wurde. Einsam begraben werden, heißt nicht unbedingt, einsam gelebt zu haben.

Halper: Ich glaube, es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man einen Artikel liest und der etwas in einem auslöst. Einen Schock, ein unangenehmes Gefühl, eine Frage. Die bei mir war, warum diese einsamen Begräbnisse entstehen. Wir werden das an unserem Abend nicht beantworten, aber unter die Lupe nehmen. Das ist für mich Kunst, dass wir uns mit etwas auseinandersetzen, mit dem wir im Alltag nicht konfrontiert werden wollen – in diesem Falle Menschen, bei deren Begräbnis niemand mehr erscheint.

Andreß: Da hinzusehen hat etwas Voyeuristisches, aber auch etwas Masochistisches. Zeitgleich deutet der Titel auch auf die Ungebetenheit unseres Unterfangens an. Denn wozu werden wir als freischaffende Künstler denn gebeten? Wie Sie richtig sagten, es gibt genug Freie Szene – nur leider viel zu wenig Geld. In einer Art und Weise sind wir freien Kunstschaffenden ja immer ungebetene Gäste.

MM: Wie wird die szenische Umsetzung sein?

Halper: Der Abend ist geprägt von sehr vielen Traditionen der Darstellenden Kunst. Wir starten im WERK X-Petersplatz, unserem Kooperationspartner, und enden am Stadtrand von Wien. Es gibt performative Installationen, aber auch Elemente, die Richtung immersives Theater gehen. Es passiert Videokunst, es gibt Audiowalks, die fast für sich alleine stehen könnten …

Andreß: Es fällt uns selbst schwer, das Projekt einem eindeutigen Genre zuzuordnen. Es ist eine künstlerisch gestaltete Reise, das drückt es vielleicht am besten aus. Wir agieren wie Zeremonienmeister. Wir begleiten das Publikum auf seiner eigenen Reise. Wir stellen den Zuschauern all die erwähnten Mittel zur Verfügung, damit sie dann für sich diese Welt erkunden können.

MM: Sie drei performen selbst, und haben als Gast Nora Jacobs dabei.

Halper: Ja, wobei wir den Einsatz eines jeden von uns an dessen jeweilige Stärken angeglichen haben. Wir haben keine Figur, keine Rolle, sondern eine Position, die einem entgegenkommt. Nora zum Beispiel ist eine sehr interaktive Spielerin. Sie bekommt zwar ein Skript, wird aber individuell auf die Bedürfnisse jedes Zuschauers eingehen. Meine Station ist ein bisschen mehr abgeschottet und performativ, Kai seinerseits hat sehr viel mit Text zu tun.

MM: Interaktiv meint, als Zuschauer ist man Teil des Ganzen?

Krösche: Nicht im Sinne des gefürchteten Mitmach-Theaters, man darf komplett man selbst bleiben. Die Zuschauer sollten sich aber schon herumbewegen, weil sie sonst nichts erfahren …

Halper: … aber der Grad, indem man interagiert, bleibt einem selbst überlassen. Man wird nicht angepiekst, rausgezerrt, in den Mittelpunkt gestellt. Ein Dialog mit Nora kann losgehen, muss aber nicht.

Krösche: Wir möchten das Publikum dazu animieren, auf eine eigene Spurensuche zu gehen. Und wer eine spielerische Veranlagung hat, kann mitmachen, wenn sich jemand lieber in Ruhe ein Video anschaut, ist das auch okay.

Andreß: Wir arbeiten sehr viel über Imagination und Denkräume. Das heißt, das Publikum wird erleben, was es erleben möchte.

MM: Sie weisen die Spieltermine von „Ungebetene Gäste“ als fünf Premieren aus. Warum?

Halper: Weil sich jeder Tag einem anderen real verstorbenen Menschen widmet. Die Dramaturgie bleibt immer gleich, ein Großteil der anderen künstlerischen Elemente – Sound, Musik, Video, Texte – sind maßgeschneidert auf den jeweiligen Menschen.

Krösche: Dazu muss man sagen, dass unsere Recherche damit begonnen hat, dass wir auf einsame Begräbnisse gegangen sind. Um herauszufinden, wer diese Menschen waren, haben wir an Wohnungstüren geklopft, haben mit Nachbarn gesprochen und haben sehr viel über die einzelnen Schicksale herausgefunden. Das geht von der Mindestpensionistin, die auch noch Freunde hatte und ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn, bis zum ehemaligen Obdachlosen, der gerade erst eine Wohnung bezogen hatte und darin verstorben ist. Nach diesen Eindrücken war uns klar, das kann man nicht alles in eins pressen. Daher fünf Premieren, weil alle Elemente eines Abends von einer konkreten Person inspiriert sind.

MM: Heißt: fünf Mal Videokunst, fünf Mal Musik …? Klingt, als wären Sie gut beschäftigt.

Krösche: Ja! Natürlich haben wir eine Grundstruktur, die gleich bleibt, aber es gibt andere Inhalte, andere Texte, andere Videos …

Halper: … andere Spuren, auf die man sich begibt.

Andreß: Außerdem steuert zu jeder Premiere ein anderer Autor einen Text bei. Und zwar Emre Akal, Mario Schlembach, Alexandra Pâzgu, Andrea Imler und Thomas Perle.

MM: Das Ganze endet, wie es sich gehört, in einem Leichenschmaus?

Krösche: Wir wollen’s noch nicht ganz verraten. Aber es gibt Essen und Getränke am Ende. Auch Alkohol.

MM: Ein kleiner Ausblick: In welcher Frequenz können Sie sich Produktionen vorstellen? Werden Sie es zum Programm machen, ungewöhnliche Spielorte oder solche, die bisher noch keine waren, auszuwählen?

Halper: Dieses Projekt hat noch ein Echo, eine Lecture Performance, die ab dem 17. Juni im WERK X-Petersplatz zu sehen sein wird. Da wird aus unseren Erfahrungen und der Recherche ein Abend konzipiert, der sich dem Phänomen „einsamer Begräbnisse“ allgemeiner widmet, derzeit aber natürlich erstmal noch eine grobe Idee ist.

Andreß: Ansonsten hängt die Frequenz von den Fördergeldern ab. Wir haben bereits zwei weitere Anträge für Projekte eingereicht, von denen wir bei entsprechender Subvention eines im Herbst realisieren möchten.

Krösche: Ebenfalls an einem Nicht-Theaterort. Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume. Manchmal kann eine alte Fabrikhalle spannender sein und zum Projekt besser passen. Wir wollen bei unseren Produktionen, dass auch der Spielort etwas mit einem macht.

Bild: DARUM

MM: Da nun schon von Subvention die Rede war: Für „Ungebetene Gäste“ gibt es Geld von SHIFT, einem Programm der Basis.Kultur, und vom Kulturamt der Stadt Wien.

Krösche: Darüber freuen wir uns natürlich wahnsinnig. Es ermöglicht uns, das Projekt in dieser Größe, sowohl zentral wie auch dezentral an verschiedensten Orten in Wien mit einem Team von über 20 Leuten umsetzen und auch die erwähnte Lecture Performance im Juni häufiger zu spielen.

 MM: Zum Schluss gefragt: Was sollen die Zuschauer von „Ungebetene Gäste“ mitbringen.

Krösche: Neugier vor allem, und was das Praktische betrifft, wetterfeste und nach Möglichkeit dunkle Kleidung und Schuhe, mit denen sich gut gehen lässt.

Halper: Außer, jemand bewältigt den Zentralfriedhof in Stilettos.

www.darum.at          Karten online: werk-x.at

15. 3. 2019

MAK: Chinese Whispers

Januar 29, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ost interpretiert West

Ai Weiwei: Descending Light with A Missing Circle, 2017. © Ai Weiwei, Bild: Bruno Bühlmann, Foto Jung, Sursee/Schweiz

Ein umfassendes Bild chinesischer Gegenwartskunst präsentiert ab 30. Jänner die MAK-Ausstellung „Chinese Whispers. Neue Kunst aus der Sigg Collection“. Der Sammler Uli Sigg verfolgt seit Ende der 1970er-Jahre die Entwicklung zeitgenössischer Kunst in China und begann Mitte der 1990er-Jahre die weltweit repräsentativste Sammlung chinesischer Kunst aufzubauen. Die  Schau zeigt Arbeiten von international renommierten Künstlerinnen und Künstlern.

Darunter Ai Weiwei, Cao Fei, Feng Mengbo, He Xiangyu, Liu Ding oder Song Dong. Als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und Schweizer Botschafter in China, Nordkorea und der Mongolei hatte Sigg die Möglichkeit, hinter die Kulissen der enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu blicken, die – wie Chinas Vision einer Neuen Seidenstraße zeigt – der Tradition und der Zukunft verschrieben sind. Sigg förderte auch zahlreiche Karrieren wie jene von Ai Weiwei. „Chinese Whispers“  konzentriert sich auf Objekte der Privatsammlung. Mit Techniken wie Kalligrafie, Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation und Video eröffnen die gezeigten Arbeiten ein breites Spektrum von traditionell analog bis zu digital produzierten Werken.

Die chinesische Gegenwartskunst ist ein Phänomen ohne Parallele. Auch nach der Kulturrevolution bleiben die Einflüsse des Sozialistischen Realismus und die Einschränkungen durch die Zensur spürbar. Dennoch erlebte zeitgenössische Kunst in China nach der zunehmenden politischen Öffnung in den 1980er-Jahren eine einschneidende Richtungsänderung. In kürzester Zeit griff eine neue Generation chinesischer Künstler moderne Strömungen des Westens auf. Die Inhalte lesen sich oft als Reaktion auf die politische und gesellschaftliche Situation der Zeit. Wang Xingwei etwa wählt im Gemälde „My Beautiful Life“eine Bildkomposition, die auf Edvard Munchs ikonengleiches Bild „Der Schrei“ verweist. Der Einsamkeit des Malers in Munchs Selbstbildnis stellt Wang Xingwei ein kontemplatives Porträt eines Paares auf einer Brücke gegenüber, dessen Blicke in einer Landschaft verebben, die durch Versatzstücke des modernen Konsums und des Fortschritts kontrastiert ist.

Wang Xingwei: My Beautiful Life, 1993–1995. Courtesy Sigg Collection. Bild:  © Wang Xingwei

He Xiangyu: The Death of Marat, 2011. Courtesy Sigg Collection. © He Xiangyu, Bild: Yangwei Photo Studio

Ai Weiwei untersucht die Grenze zwischen bildender Kunst und Design im Spiegel der Geschichte, wie in der eigens von der Sigg Collection beauftragten Installation „Descending Light with A Missing Circle“. Ein auf den Boden gestürzter monumentaler Luster aus roten Kristallperlen verweist auf den Verfall der modernen Gesellschaft. Die Farbe Rot, die in China traditionell das Glück in seinen spannungsreichen Facetten symbolisierte, wurde im 20. Jahrhundert durch die Ideologie des Kommunismus zur Farbe der Revolution, des Fortschritts und der politischen Macht.

Als ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit dem Kulturtransfer zwischen Ost und West ist in der Ausstellung das Werk „The Death of Marat“ des Künstlers He Xiangyu zu sehen. Die Arbeit zeigt eine Szene mit Ai Weiwei und bezieht sich auf das gleichnamige Gemälde von Jacques-Louis David, eine Ikone der Französischen Revolution. Die Idee dazu entwickelte Xiangyu, als Ai Weiwei in China im Gefängnis war und gleichzeitig ein Staatsbesuch des damaligen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Deutschland stattfand. In der MAK-Ausstellung treten die Arbeiten der Sigg Collection in Dialog mit historischen Objekten aus China aus der MAK-Sammlung Asien.

Seit seiner Gründung mehr als 150 Jahren setzt das MAK einen musealen Schwerpunkt auf asiatisches Kunstgewerbe aus China, Japan und Korea. Bereits um 1900 konnte das Museum die Höhepunkte asiatischer Kulturen dokumentieren, ein Großteil des Sammlungsbestands des unter wirtschaftspolitischen Vorzeichen gegründeten Handelsmuseums kam 1907 an das heutige MAK. Die mehr als 25.000 Objekte umfassende Sammlung zählt zu den bedeutendsten in Europa und schafft somit eine besondere Plattform für die Präsentation der Sigg Collection.

www.mak.at

29. 1. 2019

Kunst Haus Wien: Stillleben. Eigensinn der Dinge

September 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fast verschwundenes Genre neu belebt

Lucie Stahl: End of Tales, 2017. Bild: © Lucie Stahl. Courtesy Freedman Fitzpatrick, Paris

Ab 13. September zeigt das Kunst Haus Wien die Schau „Stillleben. Eigensinn der Dinge“. Die groß angelegte Themenausstellung stellt ein Genre in den Mittelpunkt, das derzeit in der zeitgenössischen Kunst neu aufgegriffen und diskutiert wird. Bei dieser Wiederannäherung geht es weniger um eine nostalgische Referenz an verschwunden Geglaubtes. Ganz im Gegenteil hinterfragen Künstlerinnen und Künstler aktuell in der Fotografie das Stillleben radikal als Ausdrucksmöglichkeit. Es geht darum, herrschende Bildkonventionen zu stören und aus vordergründig antiquierten Stilen und Praktiken eine klar umrissene künstlerische Alternative zu entwickeln – sowohl was den Raum der Dinge als auch den Raum der Bilder und den Raum der Fotografie betrifft.

Die Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung knüpfen mit ihren gezeigten Arbeiten oft an spezifische Bildtraditionen an, die einerseits in der Geschichte der Malerei, andererseits in der modernen Fotografie zu finden sind.

Harun Farocki beispielsweise beschäftigt sich in „Stillleben“  aus dem Jahr 1997 mit den Funktionen des historischen Stilllebens und Parallelen zur gegenwärtigen Werbe- und Produktfotografie, Tacita Dean bezieht sich in „Still Life“ von 2009 auf die Kompositionsprinzipien eines sachlich-bildnerischen Stils und dessen Fundierung in der Malerei. Wie schon im historischen Stillleben fußen auch die neuen Bilder auf einem Materialfundus, der Zeitgenossenschaft anzeigt. Anders als in der niederländischen Tradition aber sind es heute nicht mehr Handelsbeziehungen, die sich über kostbare und exotische Güter vermitteln, sondern die globalen Märkte mit Verweis auf den Massenkonsum demokratisierter oder elitärer Konsumwelten, wie bei Annette Kelm und Moyra Davey.  In einigen Bildern sind Dinge als „Spur“ zu sehen, die Rückschlüsse auf das reale Leben ihrer Besitzer oder der Fotografen zulassen.

Sharon Lockhart: No-No Ikebana. Arranged by Haruko Takeichi, 2003. Bild: © Sharon Lockhart. Courtesy neugerriemsschneider, Berlin

In anderen Konzepten geraten die Dinge durch streng formalisierte Sichten zu eigenen ästhetischen Zeichen, die auf nichts als auf sich selbst zu verweisen scheinen.  Gleichzeitig stellt sich – in einem Moment, in dem Bildkulturen im Umbruch sind und fotografische Bilder die Sprache zu ersetzen beginnen – die Frage, ob die „neuen Stillleben“ als Gegenraum zu den schnelllebigen Bildwelten der digitalen Gegenwart verstanden werden. Mit dem Stillleben verlangsamt sich das Sehen: Bildräume gelangen zu einer Präsenz, die sich der Flüchtigkeit der ständig wechselnden Bilder entgegenstellt.

Die in der Ausstellung vertretenen Arbeiten verweisen auf die oft zufällige und sich wandelnde Erscheinung der Dinge und auf die Offenheit ihrer Interpretierbarkeit. Damit widersetzen sich die Arbeiten dem Konzept einer völligen Beherrschung des Bildes – oder gar einer Beherrschung von Information.

www.kunsthauswien.com

8. 9. 2018

Kunsthalle Krems: Remastered. Die Kunst der Aneignung

November 25, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hand an einen anderen Künstler legen

Jonathan Monk A Copy of Deflated Sculpture No. 1 , 2009/14, AP Privatsammlung, Berlin Courtesy der Künstler und Casey Kaplan, New York. Bild: Adam Reich

Kein Kunstwerk ist ohne die Kunst anderer denkbar, stellt doch jede künstlerische Setzung eine bewusste oder unbewusste Bezugnahme auf bereits existierende Kunstwerke dar. Doch was geschieht, wenn aus einer Bezugnahme eine Aneignung wird? Wenn sich Künstler der Werke anderer durch Übermalung oder Auslöschung bemächtigen oder auf symbolischer Ebene durch Reinszenierung, Fortschreibung oder mediale Übersetzung Hand daran legen?

Die Ausstellung „Remastered. Die Kunst der Aneignung“, ab 26. November in der Kunsthalle Krems zu sehen, fokussiert auf diese Kunst der Aneignung von Kunstwerken und gibt Einblick in eine seit der historischen Appropriation Art unvermindert virulente künstlerisch-konzeptuelle Praxis.

Sein eigenes Werk auf einem anderen aufzubauen zeugt von Dialogbereitschaft und ist durchaus brisant: Denn es ist ein Unterschied, ob Zeitungsausschnitte collagiert, Werbebilder verwendet oder Lehrtafeln übermalt werden, und so im Kunstfeld zirkulieren oder ob sich Kunstwerke die Bühne mit ihren Wiedergängern von anderer Hand teilen müssen. Zugrunde liegt jeder aneignenden Geste das Moment des Affiziertseins:

Die Macht der Faszination verhilft dem angeeigneten Objekt zum Status des Akteurs. Aus der vermeintlich souveränen Aneignung wird so ein Dialog auf Augenhöhe, der sich zwischen dem Referenzwerk und der Aneignung sowie den dahinter stehenden Künstler entspinnt. Die in der Ausstellung präsentierten Gesten der aneignenden Zuwendung sind mannigfaltig. Neben der symbolischen Aneignung, die dem Referenzwerk ein Simulacrum an die Seite stellt, ist die physische Aneignung durch Einverleibung oder Auslöschung ein Sonderfall im breiten Spektrum der Aneignungen.

Lisl Ponger Geisterbeschwörung , 2012, Courtesy Charim Galerie, Wien © Lisl Ponger / Bildrecht, Wien, 2017

Richard Pettibone Andy Warhol ‚’Flowers‘, 1964 , 1971. Collection David et Marcel Fleiss, Galerie 1900-2000, Paris

Kunstwerke, die aus der symbolischen Aneignung anderer Kunstwerke hervorgehen, eröffnen einen Dialog, der auf einer Geste der Wiederholung basiert. Grundvoraussetzung dieser referenziellen Kunst ist es, dass das Nachfolgende mit dem Vorangehenden in Zusammenhang gebracht werden kann. Der Grad der Differenz muss innerhalb eines gewissen Spektrums angesiedelt sein – wenngleich manche Werke wie Marcel Duchamps Flaschentrockner einen so langen Schatten werfen, dass ihm auch monströse Verzerrungen wie Misha Strojs „Portabottiglie“ (2006) nicht entkommen können.

Die Ähnlichkeit, welche Aneignung und Referenzwerk miteinander in Verbindung setzt, kann von formaler Kongruenz bis zur losen Anspielung unterschiedlich stark ausgeprägt sein, wie die fotografischen (Re-)Inszenierungen von Luigi Ghirri, Lisl Ponger und G.R.A.M., die skulpturalen Verschiebungen bei Rodney Graham, Simon Dybbroe Møller und Martin Wöhrl oder die prozessualen Übersetzungen von Klaus Mosettig, Rosemarie Trockel und  Gavin Turk zeigen. Zudem setzt eine referenzielle Geste voraus, dass das frühere Werk überhaupt aufgerufen werden kann, also im (Bild-)Gedächtnis verankert ist.

So programmatisch wie exemplarisch führt John Baldessari dies in „Double Bill:…And Matisse“ (2012) durch die Kollision zweier Details aus kunsthistorisch kanonisierten Gemälden von Henri Matisse und Giacomo Balla vor Augen. Anders als bei den Anverwandlungen auf symbolischer Ebene wird im Fall der physischen Aneignung die Integrität der Werke angegriffen.

Die in der Ausstellung versammelten physischen Aneignungen durchmessen das weite Feld von Arnulf Rainers Übermalungen von Werken, die ihm von Künstlerkollegen zugesandt wurden, über Asger Jorns und Enrico Bajs Modifikationen von trivial-dekorativen Gemälden und Jake und Dinos Chapmans teilübermalte Radierungen von Francisco de Goya bis hin zu Martin Kippenbergers Verwendung eines Gemäldes von Gerhard Richter als Tischplatte in „Modell Interconti“ (1987).

Ming Wong Lerne Deutsch mit Petra von Kant / Learn German with Petra von Kant , 2007. (Still) Digitale Videoinstallation, Courtesy der Künstler, Vitamin Creative Space, Guangzhou, und carlier | gebauer, Berlin

Neben den physischen Einverleibungen funktionieren auch jene Werke nicht über eine Strategie der Ähnlichkeit, bei denen die Künstler das Referenzwerk zum Ausgangspunkt für Fortschreibungen und Reenactments nehmen. So animierte Sigmar Polkes berühmter „Apparat mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“ (1969) Matthias Klos und Christian Wallner zur Herstellung eines eigenen Apparates und zur filmischen Dokumentation dieser „Fetischproduktion“. Nada Prlja baut ihre Reflexion über die Informationspolitik der Medien auf der berühmten Performance „Balkan Baroque“ (1997) von Marina Abramović auf.

Und Jonathan Monk schuf 2002 mit „Small Fires Burning (after Ed Ruscha after Bruce Nauman after)“ eine Art Sequel zu einer bereits auf Aneignung beruhenden Arbeit von Bruce Nauman. Schließlich stellt Aneta Grzeszykowska mit ihrer Reinszenierung von Cindy Shermans „Untitled Film Stills“ (1977–1980), denen ihrerseits eine doppelte Fiktion zugrunde lag, Fragen zu aktuell gültigen Weiblichkeitskonzepten und ihrer medialen Konstruktion.

Das Kaleidoskop der Ausstellung „Remastered – Die Kunst der Aneignung“ zeigt neben historischen Positionen der Appropriation Art vorwiegend zeitgenössische Arbeiten sowie Werke, die bisher noch nicht unter dem Aspekt der Aneignung gesehen wurden. Dem kanonischen Status der referenzierten Werke entsprechend könnte man die Ausstellung auch als eine – in ihrer Lückenhaftigkeit wieder ungemein aufschlussreiche – Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts „aus zweiter Hand“ ansehen.

www.kunsthalle.at

25. 11. 2017