Kunstforum: Flying High. Künstlerinnen der Art Brut

Februar 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Werk, das sich seinen Platz erst erobern muss

Aloïse Corbaz: Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt). abcd / Bruno Decharme collection. Bild: © César Decharme

Mit „Flying High“ zeigt das Kunstforum Wien ab 15. Februar die erste Ausstellung, die sich weltumspannend den weiblichen Positionen der Art Brut von 1860 bis in die Gegenwart widmet. Die Ausstellung ist in jeder Hinsicht ein Höhenflug: Sie versammelt 316 Werke von 93 Künstlerinnen aus 21 Ländern, die die inhaltliche und ästhetische Vorstellung, was Kunst ist, sprengen. Die Ausstellung nimmt den von Jean Dubuffet 1945 definierten Begriff „Art Brut“ für jene ursprüngliche, nichtakademische Kunst außerhalb des kulturellen Mainstreams als Ausgangspunkt.

In der Vielfalt und Heterogenität der präsentierten Werke wird deutlich, dass der Art-Brut-Begriff heute längst über Arbeiten aus Psychiatrien hinausgeht und auch die Produktion von „mediumistischen“,  von einem Geist geführten Künstlerinnen, „Einzelgängerinnen“ und Künstlerinnen mit Behinderungen umfasst. Diese Erweiterung ist nicht zuletzt durch den radikalen Wandel der Institution Psychiatrie – von ehemals geschlossenen Anstalten über offenere Strukturen bis zu deren Auflösung – begründet.

Zeitgenössische Art Brut entsteht heute vielfach in Ateliers oder in von den Künstlerinnen selbst geschaffenen Strukturen. Die Chronologie der Ausstellung beginnt mit Highlights aus den historischen Sammlungen der Psychiater Walter Morgenthaler und Hans Prinzhorn. Beide sammelten und förderten bereits Anfang des 20. Jahrhunderts Kunst aus Psychiatrien und publizierten darüber. Der Hauptraum des Kunstforum Wien zeigt Meisterinnenwerke aus der Sammlung von Jean Dubuffet  aus der Collection de l’Art Brut, Lausanne, die Dubuffet zwischen 1945 und 1976 zusammentrug. Eine repräsentative Auswahl von Werken aus der Sammlung L’Aracine schließt den Überblick über jene Sammlungen ab, die Entstehung und Geschichte der Art Brut entscheidend prägten. Darüber hinaus zeigt die Schau eine Vielzahl von Werken aus bedeutenden internationalen und österreichischen Privatsammlungen.

Julia Krause-Harder: Nanotyrannus, 2013. Courtesy Atelier Goldstein. Bild: © Uwe Dettmar

Judith Scott: Ohne Titel, o. J. abcd / Bruno Decharme collection © Creative Growth Art Center. Bild: © César Decharme

Die Geschichte weiblicher Art-Brut-Künstler spiegelt die Emanzipationsgeschichte von Frauen auf einer prekären Ebene wider: Diese sind bis heute „Außenseiterinnen der Außenseiter“. Die Art Brut hat nach wie vor keinen gleichberechtigten Platz neben der „Hochkunst“ gefunden. Da Frauen sowohl innerhalb der Art Brut als auch jenseits der feministischen Kunst ihren Platz erst erobern müssen, ist eine Präsentation ihrer Werke hoch an der Zeit. Die Ausstellung nun verdeutlicht, dass ästhetische Gesichtspunkte gegenüber diagnostischen Kriterien und Biografie sowie der Exzentrität der Autorinnen mehr und mehr an Relevanz gewinnen. Durch die Arbeiten von unterschiedlichsten Künstlerinnen entsteht ein vielstimmiges Panorama gestalterischer Ausdruckskräfte: Worin unterscheiden sich jene individuelle Mythologien, die Art Brut begründen, je nachdem, ob sie von Künstlerinnen oder Künstlern geschaffen wurde? Erzählen die Arbeiten von Frauen tatsächlich andere Geschichten als Männer? Wie werden Differenzen in den Produktionsweisen, Medien und Ikonografien sichtbar?

Die Schau geht diesen Fragen nach und reflektiert die direkte und ursprüngliche, oft auch subversive Ausdruckskraft und Qualität der von Frauen geschaffenen Art Brut. Die Unterschiede und auch mögliche Gemeinsamkeiten im Ausdruck von Künstlerinnen und Künstlern der Art Brut anhand von Gegenüberstellungen zu visualisieren, wird Thema einer anderen Ausstellung sein. Wie überall gilt auch im Feld der Kunst: Nur was wahrgenommen werden kann, existiert auch.

www.kunstforumwien.at

13. 2. 2019

Belvedere: Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938

Januar 21, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Unterdrückt, unterschätzt, kaum wahrgenommen

Helene Funke: Akt in den Spiegel blickend, 1908-1910 © Belvedere, Wien. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Im Kanon der Kunstgeschichte werden sie bis heute kaum genannt. Die Künstlerinnen, die zur Zeit der Wiener Moderne und der Ersten Republik in Österreich mit ihren Werken einen wesentlichen Beitrag zum Kunstgeschehen geleistet haben, wie etwa Elena Luksch-Makowsky, Broncia Koller-Pinell, Helene Funke oder Erika Giovanna Klien. Im Unteren Belvedere ist diesen Frauen nun ab 25. Jänner die längst überfällige Präsentation „Stadt der Frauen. Künstlerinnen in Wien von 1900 bis 1938“ gewidmet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauen, die Künstlerinnen werden wollten, massiv benachteiligt. Sie durften nicht an der Akademie studieren und hatten nur eingeschränkten Zugang zu Künstlervereinigungen. Damit reduzierten sich für sie auch die Ausstellungsmöglichkeiten. Trotz dieser Hürden gelang es einigen von ihnen, erfolgreich eine Karriere aufzubauen. Sie waren in der damaligen Kunstszene aktiv und stellten in der Secession, im Hagenbund, im Salon Pisko und in der Galerie Miethke aus.

Obwohl in den vergangenen Jahren Leben und Werk mancher der damals renommierten Künstlerinnen erforscht und in Retrospektiven aufgerollt worden sind, werden ihre Arbeiten bis heute in ihrer Bedeutung unterschätzt und kaum wahrgenommen. Ziel der Ausstellung im Belvedere ist, den Blick auf die Wiener Moderne und die Zwischenkriegszeit zu erweitern. Im Mittelpunkt stehen Künstlerinnen, die viel zur Kunst dieser Zeit beigetragen haben. Zum Teil werden wiederentdeckte Werke gezeigt, die erstmals präsentiert werden. Vor allem würdigt die Schau jedoch die Beiträge der heute großteils vergessenen Künstlerinnen zu den Kunstrichtungen Stimmungsimpressionismus, Secessionismus, Expressionismus, Kinetismus oder Neue Sachlichkeit.

Elena Luksch-Makowsky: Ver Sacrum. Selbstbildnis mit Sohn Peter, 1901. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Helene von Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, 1920 /30. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu sehen sind Werke von Ilse Bernheimer, Maria Cyrenius, Friedl Dicker, Marie Egner, Louise Fraenkel-Hahn, Helene Funke, Greta Freist, Margarete Hamerschlag, Fanny Harlfinger-Zakucka, Hermine Heller-Ostersetzer, Johanna Kampmann-Freund, Elisabeth Karlinsky, Erika Giovanna Klien, Broncia Koller-Pinell, Frida Konstantin Lohwag, Elza Kövesházi-Kalmár, Leontine von Littrow, Elena Luksch-Makowsky, Mariette Lydis, Emilie Mediz-Pelikan, Teresa Feodorowna Ries, Mileva Roller, Frieda Salvendy, Emma Schlangenhausen, Anny Schröder-Ehrenfest, Lilly Steiner, Helene Taussig, Ilse Twardowski-Conrat, My Ullmann, Olga Wisinger-Florian, Grete Wolf Krakauer oder Franziska Zach.

www.belvedere.at

21. 1. 2019

MdM Salzburg: Auf/Bruch. Vier Künstlerinnen im Exil

Juni 29, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Ausstellungsreihe startet mit Fotografinnen

Grete Stern: Sueno N° 2, Buenos Aires, 1949 (Traum Nr. 2.) Bild: Museum Folkwang, Essen

Das Museum der Moderne Salzburg startet eine Reihe über Künstlerinnen und Künstler mit Exilhintergrund, die wiederentdeckt und neu positioniert werden sollen. Unter dem Titel „Auf/Bruch“ werden in der ersten Ausstellung ab 1. Juli drei Fotografinnen – Ellen Auerbach, Grete Stern und Elly Niebuhr – sowie die Künstlerin und Pädagogin Friedl DickerBrandeis vorgestellt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verließen Tausende von Kulturschaffenden Deutschland, ab dem „Anschluss“ 1938 auch Österreich. Die unfreiwillige Auswanderung bedeutete für die Exilanten nicht nur Verlust und Isolation, sondern auch die Notwendigkeit, unter völlig neuen Bedingungen zu arbeiten und sich gleichsam neu zu erfinden. Während sich die vier aus jüdischen Familien stammenden Künstlerinnen Ellen Auerbach, Grete Stern, Elly Niebuhr und Friedl Dicker-Brandeis, die alle im Bereich der Gestaltung tätig waren, in ihren jeweiligen Disziplinen professionalisierten, wurden sie durch die Emigration zu beruflichen und persönlichen Neuanfängen gezwungen. Teils durch die Umstände genötigt, teils aus dem Bedürfnis heraus, das Erlebte zu verarbeiten, entwickelten sie im Exil jeweils eine neue künstlerische Sprache.

„Nach der Auseinandersetzung mit dem Werk von Charlotte Salomon in „Leben? Oder Theater?“ 2015 und der Beschäftigung mit Formen des ästhetischen und politischen Exils in der Ausstellung „Anti:modern“ 2016 rücken wir mit dieser Ausstellungsreihe weitere Künstlerinnen mit Exilhintergrund in den Fokus“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin des Museum der Moderne Salzburg. In der Ausstellung sind etwa zweihundert Werke zu sehen, die verdeutlichen, wie unterschiedlich der „Auf/Bruch“ ins beziehungsweise im Exil bewältigt wurde. Die ausgestellten Arbeiten umspannen die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu den 1960er-Jahren und dokumentieren somit die Zeitgeschichte mehrerer Jahrzehnte.

Ellen Auerbach: Huejotzingo, Mexiko, um 1956. Bild: Museum Folkwang, Essen

Friedl Dicker-Brandeis: Verhör II, 1934–1938 Öl. Bild: Museum in Prag Fotoarchiv

Die Ausstellung begleitet die vier Frauen gleichsam auf den Stationen ihres Exils und breitet ihre künstlerischen Biografien im Spannungsfeld von Einschränkung und Entfaltung, Verlust und Inspiration aus. „Die Ausstellung zeigt exemplarisch, dass sich Exil und Emigration im Werk von Künstlern durch Diskontinuität, Verluste, Auf- und Abbrüche und fremdbestimmte Neuanfänge abzeichnen“, so Kuratorin Christiane Kuhlmann. „Ein gutes Beispiel für den Wandel der Bildsprache durch das Exil ist das Werk von Friedl Dicker-Brandeis. Beeinflusst von der Psychoanalytikerin Annie Reich wechselte sie auch das Medium: Auf die Architektur-, Möbel- und Textilentwürfe der 1920er-Jahre folgte jetzt figurative Malerei, in der sich die Exilerfahrung niederschlägt“, erläutert Kuratorin Beatrice von Bormann.

Grete Stern, geboren 1904 in Elberfeld, DE, gestorben 1999 in Buenos Aires, und Ellen Auerbach, geboren 1906 in Karlsruhe, gestorben 2004 in New York begannen ihre fotografische Karriere in Berlin. Beide absolvierten nach einem klassischen Kunststudium eine fotografische Ausbildung im Berliner Atelier von Walter Peterhans, der später als erster Professor für Fotografie ans Bauhaus in Weimar berufen wurde. Gemeinsam gründeten die beiden Frauen 1929 das Studio ringl+pit, das sich auf Werbefotografie spezialisierte und trotz der unkonventionellen Bildsprache in diesem Bereich etablierte. 1933 gingen sie ins Exil, Auerbach über Tel Aviv nach New York, Stern zuerst nach London, dann 1936 nach Buenos Aires. Dort waren sie jeweils auf sich allein gestellt und entwickelten neue Arbeitsformen, um zu überleben.

Die Bandbreite der gezeigten Arbeiten aus dem Museum Folkwang in Essen reicht von der frühen Werbefotografie über Porträtaufnahmen bis hin zu zwei besonderen Fotoserien: Die von 1948 bis 1952 entstandene Serie der Sueños, Fotomontagen für eine argentinische Frauenzeitschrift, zeugt von Grete Sterns intensiver Beschäftigung mit Ängsten von Frauen und deren gesellschaftlicher Rolle. Ellen Auerbach hingegen setzt sich in ihrer Serie Mexican Churches aus dem Jahr 1954 mit der Atmosphäre katholischer Kirchen in Mexiko auseinander. Ihr technischer Rückgriff auf die Methode des Carbrodrucks, ein damals bereits veraltetes und handwerklich schwieriges Farbdruckverfahren, lässt die Darstellungen von Christus- und Märtyrerfiguren besonders drastisch erscheinen.

Elly Niebuhr: Familienasyl in einem Gemeindebau der Stadt Wien, 1937–1938. Bild: Nachlass Elly Niebuhr, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv

ringl+pit: Pétrole Hahn, Hairconditioner. Advertisement, 1931 (Pétrole Hahn, Haarspülmittel. Werbung). Bild: Museum Folkwang, Essen

Friedl Dicker-Brandeis, geboren 1898 in Wien, ermordet 1944 in Auschwitz, betrieb nach ihrer vielseitigen Ausbildung, unter anderem in den Werkstätten am Bauhaus in Weimar, ein erfolgreiches Atelier für (Innen-)Architektur in Wien, zeitweise gemeinsam mit dem Architekten Franz Singer. Zahlreiche Entwürfe ihrer innovativen Raumlösungen, wandelbaren Möbel und Textilien sind in der Ausstellung zu sehen. Der Einfluss der reformpädagogischen Bewegung auf ihre Arbeit wird in dem Phantasius-Spielzeugkasten, entstanden um 1925, mit hölzernen Einzelteilen zum Zusammensetzen von Tieren erkennbar.

Dicker-Brandeis, die 1931 der kommunistischen Partei beigetreten war, wurde 1934 inhaftiert. In den beiden Gemälden Verhör I und Verhör II verarbeitete sie dieses Erlebnis. Im selben Jahr floh sie nach Prag und wandte sich der realistischen Malerei und dem Kunstunterricht für Kinder zu. Ihre letzten Arbeiten entstanden im KZ Theresienstadt. 1944 wurde Dicker-Brandeis nach Auschwitz deportiert und von den Nationalsozialisten getötet.

Die ebenfalls gebürtige Wienerin Elly Niebuhr, geboren 1914, gestorben 2013 in Wien, absolvierte eine Lehre als Schnittzeichnerin in einem Miedersalon, studierte Chemie und begann 1936 eine Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und im Fotostudio Hella Katz.

Ab 1937 entstanden ihre Fotoserien zu sozialen Errungenschaften des Roten Wiens, wie dem KarlMarx-Hof, dem Familienasyl sowie Einrichtungen für Frauengesundheit, Beratungsstellen und Gebärstationen. 1939 emigrierte sie nach London, 1940 weiter nach New York. Langfristig sah sie als Kommunistin aber keine Chance, sich in Amerika zu etablieren, und kehrte 1947 nach Österreich zurück. Dort konnte sie an ihre Sozialreportagen aus der Zeit vor dem Krieg nicht mehr anknüpfen und entwickelte sich zu einer vielbeschäftigten Modefotografin, die bis in die 1980er-Jahre tätig war.

www.museumdermoderne.at

29. 6. 2017

Jüdisches Museum Wien: Die bessere Hälfte

November 4, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Arbeiten jüdischer Künstlerinnen bis 1938

Broncia Koller-Pinell: Marietta, 1907. Bild: Sammlung Eisenberger, Wien © Vera Eisenberger KG, Wien

Broncia Koller-Pinell: Marietta, 1907. Bild: Sammlung Eisenberger, Wien © Vera Eisenberger KG, Wien

Das Jüdische Museum Wien zeigt ab 4. November die Ausstellung „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“. Die Schau stellt 44 fast vergessene Künstlerinnen vor und zeichnet deren außergewöhnliche Wege nach, die vom Kampf um Anerkennung in einer männlich dominierten Kunstszene erzählen, aber auch von vielversprechenden Karrieren, die durch Vertreibung und Exil unterbrochen oder in den Vernichtungslagern des Nationalsozialismus für immer beendet wurden.

Wien um 1900 war auch eine Stadt der Frauen. Am Aufbruch in die Moderne waren viele Künstlerinnen beteiligt, die sich trotz der schlechten Bedingungen für Frauen im Kunstbetrieb durchsetzen konnten. Ein überdurchschnittlicher Anteil dieser Künstlerinnen kam aus assimilierten jüdischen Familien. Malerinnen wie Tina Blau, Broncia Koller-Pinell, Marie-Louise von Motesiczky oder die Keramikerinnen Vally Wieselthier und Susi Singer haben heute ihren Platz in der Kunstgeschichte. Doch viele andere sind – zu Unrecht – in Vergessenheit geraten, wie die Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries, die Malerinnen Grete Wolf-Krakauer und Helene Taussig oder die Malerin und Graphikerin Lili Réthi. Im vielbeschworenen Fin de Siècle war eine künstlerische Laufbahn für Frauen nahezu undenkbar. Als Salonièren oder Mäzeninnen waren vor allem Jüdinnen im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sehr präsent, von einer offiziellen künstlerischen Ausbildung waren sie, wie überhaupt aus dem akademischen Leben, allerdings ausgeschlossen. Ein Besuch der Kunstakademien war erst ab 1920 möglich, daher besuchten viele die eigens für Frauen errichteten Kunstschulen. Besonders in jüdischen Familien, in denen seit jeher die Bildung der Töchter ein Anliegen war, wurde Mädchen Gelegenheit zu einer künstlerischen Ausbildung geboten; manche erhielten sogar teuren Privatunterricht bei einem Künstler, und später ein eigenes Atelier eingerichtet.

Lili Réthi: Hochofen, um 1924. Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 23754. Bild: JMW

Lili Réthi: Hochofen, um 1924. Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 23754. Bild: JMW

Margarete Hamerschlag: Illustration zu Die Maske des Roten Todes, 1924. Bild: Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 24373/1-5

Margarete Hamerschlag: Illustration zu Die Maske des Roten Todes, 1924. Bild: Jüdisches Museum Wien, Inv.-Nr. 24373/1-5

Da die Künstlervereinigungen zur Jahrhundertwende keine Künstlerinnen akzeptierten, gründeten die Frauen eigene, wie die seit 1910 bis heute bestehende Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs. Unterstützende Mitglieder fanden sich hierfür im Hochadel, aber auch unter den bekannten und einflussreichen jüdischen Familien Wiens, wie Bondi, Ephrussi, Gomperz, Gutmann, Rothschild, Schey, Wertheimstein … Alle diese Vereinigungen hatten zum Ziel, Standesvertretungen zu sein und durch die Organisation von Ausstellungen und anderen Veranstaltungen Ansehen und Einkommensmöglichkeiten ihrer Mitglieder zu verbessern. Tatsächlich stammte ein überproportionaler Teil der Wiener Künstlerinnen aus jüdischen Familien, darunter einige der bekanntesten und bedeutendsten Künstlerinnen der Epoche wie Tina Blau, Broncia Koller-Pinell oder Vally Wieselthier. Die meisten von ihnen kamen zwar mit einer vom galizischen Schtetl geprägten Familiengeschichte, aber aus einem bereits assimilierten Umfeld. Als eigenständige Künstlerinnen wurden selbst diese prominenten Vertreterinnen erst nach einiger Zeit wahrgenommen. Verallgemeinern lässt sich die breite Reihe an großartigen jüdischen Künstlerinnen jedenfalls definitiv nicht. Es ist eine sehr diverse Gruppe herausragender Frauen, deren künstlerische Ausdrucksform sich völlig unterschiedlich präsentiert und die Einzigartigkeit und Individualität der Persönlichkeiten hervorhebt.

Tina Blau und Teresa Feodorowna Ries waren unter den ersten Frauen, die im Wien des späten 19. Jahrhunderts die Kunst zu ihrem Beruf erwählten. Die Landschaftsmalerin Tina Blau entwickelte in den 1860er- und frühen 1870er-Jahren als einzige Frau gemeinsam mit wenigen männlichen Kollegen die österreichische Variante der europaweit verbreiteten realistischen Stimmungslandschaft nach dem Vorbild der Schule von Barbizon – den Österreichischen Stimmungsimpressionismus. Auch die aus Russland stammende Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries ließ sich nicht entmutigen und schaffte es, sich einen Platz im, zu dieser Zeit ausschließlich von Männern dominierten, Feld der Bildhauerei zu erobern. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg spielten Künstlerinnen eine bedeutende Rolle in der 1903 von Josef Hoffmann und Kolo Moser mit der finanziellen Unterstützung des jüdischen Industriellen und Mäzens Fritz Wärndorfer gegründeten Wiener Werkstätte, in der sich angewandte und bildende Künste gleichberechtigt vereinen sollten. Die bedeutendsten Vertreterinnen wie Vally Wieselthier, Susi Singer-Schinnerl und Kitty Rix waren jüdischer Herkunft. Vally Wieselthier stellte 1928 ihre Keramiken sogar auf der International Exhibition of Ceramic Art des Metropolitan Museums aus; Susi Singer und Kitty Rix, gingen in ihren Arbeiten weit über die traditionelle Gebrauchskeramik hinaus und schufen außergewöhnliche Skulpturen.

Helene Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, um 1930/35. Bild: Belvedere, Wien, Inv.-Nr. Lg 1563

Helene Taussig: Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, um 1930/35. Bild: Belvedere, Wien, Inv.-Nr. Lg 1563

Schon ab den 1920er-Jahren gingen viele jüdische Wiener Künstlerinnen ins Ausland oder lebten zumindest zeitweise dort: So ging die Malerin Lilly Steiner nach Paris, Vally Wieselthier in die USA, die Grafikerin Bertha Tarnay erst nach Berlin und dann nach England, und die Malerin Grete Wolf-Krakauer wanderte nach Palästina aus. Die Gründe dafür waren vielfältig: Die schlechte Wirtschaftslage in Österreich, das Bedürfnis, den künstlerischen Horizont zu erweitern, Zionismus, Abenteuerlust und die Freude an der neuen Ungebundenheit einer Bohème, der nun auch Künstlerinnen angehören durften, oder wie im Fall von Friedl Dicker politische Gründe. Sie war 1934 wegen ihrer kommunistischen Aktivitäten verhaftet worden und flüchtete nach ihrer Freilassung bereits 1936 vor der Verfolgung. Die mühsam erkämpfte Anerkennung währte nur kurz, denn die Lebenswege jüdischer Künstlerinnen wurden durch die Schoa gebrochen. Flucht und Vertreibung beendeten die Karrieren dieser Frauen jäh. Jene, die flüchten konnten, mussten alles hinter sich lassen und rangen im Exil um ihre Existenz, ganz zu schweigen von einem Neuanfang in der Kunstwelt.

Vielen der Künstlerinnen gelang die Flucht allerdings nicht. Sie wurden deportiert und ermordet, wie Friedl Dicker-Brandeis und viele andere, wodurch auch die Erinnerungen an so manche dieser Künstlerinnen verloren gingen. Vor dem so genannten „Anschluss“ im März 1938 spielte die jüdische Herkunft dieser Frauen keine Rolle.

www.jmw.at

Wien, 4. 11. 2016