Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017

Rabenhof: Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein

Februar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Hommage an André Heller

Eine Heller-Show nicht als Kabarett, sondern als Cabaret: Oliver Welter, Lucy McEvil und Christoph Krutzler. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof Theater hat Hausherr Thomas Gratzer eine Hommage an André Heller auf die Bühne gehoben. Zum Siebzigsten Prosatexte, Dialoge, Chansons aus den 1970ern, zeitlose Preziosen des selbsternannten Eulenspiegels aus Wien, dessen Narrenkappe immer auch Gelehrtenhut war und dessen Schellen zu Jux und Jammer läuteten. Nunmehr zum Gärtner in Seelenlandschaften gereift, hat sich Heller von da Musi verabschiedet, umso schöner ist es, sein frühes Schaffen wieder neu zu entdecken.

Gratzer hat sich dazu mit Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler ein formidables Trio zusammengestellt; am Klavier ist Alf Peherstorfer zugange. Welter hat die Lieder neu arrangiert, dies bewusst reduziert, und ist so der Falle entschlüpft, den Abend in die Heller-Parodie gleiten oder zum Plagiat werden zu lassen. Nein, hier wird eigenständig Kunst gemacht: Ganz im Sinne des Schönbrunner Schmähtandlers wird nicht Kabarett, sondern Cabaret geboten, ein Flic Flac der Fantasie Thomas Gratzers, bevölkert von Hellers kuriosen Menschenwesen. Der Souffler ist da und Freund Schnuckenack, Leon Wolke und der kleine Pauli Grünwald. Das Wienerherz mag golden sein, aber des G’miat ist pechschwarz, weiß der Poet, und so gibt er einem warm/kalt, Tief- und Abgründiges – einmal als leiser, weiser Lyriker, dann als polternder Brachialdichter. Heller geißelt sich selbst so genussvoll wie andere.

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Die Hits dürfen natürlich nicht fehlen. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Rudolfo Valentino. Für immer jung. „A Zigeina mecht I sein“ wird zum Country Song. Lucy McEvil wünscht Jean Harlow guten Morgen, die Schauspielerin und Diseuse ist wie immer Elegance mit Augenzwinkern. Ihr kommt auch die Aufgabe zu, dem André Heller auf den Grund zu gehen. Ihn literarisch durch seine Familien- und Beziehungshöllen zu begleiten, durch Künstlerlust und -frust. Wie’s Schicksal eben so aufspielt. Die Kindheit war kein Zuckerlschlecken.

Es gibt eine Angst, die macht klein
Die macht einen krank und allein
Und es gibt eine Angst, die macht klug
Mutiger, freier von Selbstbetrug

Interpretiert das Ensemble. Und entschlüsseln das Geheimnis hinter dem Titel des Abends. Holodrio – war in den Latz von Hellers Kinderlederhose gestickt. Man wird mitgenommen zum Krampfaderncontest ins Gasthaus Urdil, erfährt, wofür der Maskenhändler eine Blutmaschine braucht, und wie’s einem nationalsozialistischen Fleischerehepaar ergeht. Naked-Lunch-Frontmann Welter spielt Gitarre, Krutzler bläst die Tuba, Miss McEvil streichelt die Ukulele. Charmant ist das, wenn’s dem Welter beim Dialektsingen den Kärntner raushaut. Krutzler ist schon per Leibesfülle und Stimmvolumen quasi als Qualtinger im Einsatz. Das Premierenpublikum dankte für die Darbietungen mit tosendem Applaus. Und forderte Zugabe. Die’s natürlich gab. Als dann, gengan’S schaun.

www.rabenhoftheater.com

Wien, 15. 2. 2017

Festspiele Stockerau: Der Diener zweier Herren

Juni 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Okan Cömert tanzt den Truffaldino

Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Columbina hat sich in Truffaldino verguckt, der freut sich über eine Frau mit fixem Einkommen: Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Los geht’s bereits, bevor es überhaupt anfängt. Während die Zuschauer auf die Tribünenplätze strömen, tun die Schauspieler eben selbiges auf der Bühne, entschuldigen sich für ihr Zuspätkommen, beginnen sich auf den Abend vorzubereiten. Kostüm und Makeup werden an- und aufgelegt, der Menschheit Würde ist in ihre Hand gegeben, und während die oben noch diskutieren, wie sie ihre Rollen anlegen werden, ist denen unten längst klar … hintergründig.

Intendant Zeno Stanek hat bei den Festspielen Stockerau Goldonis „Diener zweier Herren“ inszeniert, die Textfassung ist von Karl Ferdinand Kratzl und Stanek, und der lässt sein Ensemble dabei Theater auf dem Theater spielen. Diskussionen um den siebenten Zwerg, hier natürlich: Venezianer, inklusive. Christoph F. Krutzler fungiert als Regisseur. Sozusagen. Denn eigentlich ist er auch Brighella, der Wirt zum Goldenen Kirchturm, als Padrone also in zweierlei Hinsicht Brötchengeber. Katharina Stemberger ist sein Star, und la Diva ist angetreten, um unterm Stockerauer Campanile die Beatrice zu geben. Aber, ach!, Goldoni will hier keiner spielen. Denn die Fama macht die Runde, „der Herr Direktor“ säße just heute im Publikum, auf der Suche nach frischen Talenten, und so produziert sich ein jeder auf Teufel komm‘ raus. „Romeo und Julia“ will man zeigen, einige machen sich Hoffnungen auf „Hamlet“, Stechen und Hauen und Lieben und Sterben, doch es wird Comedia dell’arte – uäh. „Wehe einer spielt auf Engagement“, warnt Brighella-Krutzler seine Truppe.

Welch ein Einfall, Goldonis Komödienmeisterwerk in diesen Bühnenrahmen zu packen; der Kunstgriff verdoppelt was immer es an Verwirrung und Verwechslung, Wortwitz und Situationskomik schon gibt, er macht diesen Wirbelwird von einem Stück zum mitreißenden Orkan. Dabei haben Kratzl und Stanek Goldoni tatsächlich nur beim Wort genommen, denn gerade ihr Aus-der-Rolle-Fallen ermöglicht es dessen Lustspielpersonal von Possenreißern zu Charakteren zu avancieren, hinter jeder namentlich festgelegten Stereo-Type steckt hier ein Mensch mit all seinen Sorgen und Nöten, und die sind so zeitgemäß wie zeitlos. Sitten ändern sich selten. Und so kann, während die Musik von Andi Senn und Thomas Berghammer die lazzi mit lässigen Jazztönen begleitet, der großartige Krutzler alle Leiden eines Regisseurs ausleben.

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Alexander T.T. Mueller (Dottore), Christoph F. Krutzler (Brighella), Naemi Latzer (Rosa), Tobias Eiselt (Silvio), Claudia Waldherr (Columbina). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Das Auftauchen Beatrices sorgt in Venedig für Aufruhr: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Alexander T.T. Mueller, Christoph F. Krutzler, Naemi Latzer, Tobias Eiselt und Claudia Waldherr. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Katharina Stemberger (Beatrice), Horst Heiss (Pantalone), Claudia Waldherr (Columbina), Okan Cömert (Truffaldino). Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Truffaldino verstrickt sich immer mehr in seinem Lügengebilde: Katharina Stemberger, Horst Heiss, Claudia Waldherr und Okan Cömert. Bild: Festspiele Stockerau/Johannes Ehn

Der eine Darsteller hat seinen Text vergessen und braucht den Souffleur, zwei lachen einander aus, im Glauben der jeweils andere und nicht etwa sie selber würden schmieren. Tobias Eiselt prahlt mit seinen Fechtkünsten, obwohl laut Vorlage sein Silvio die Degenführung gar nicht beherrscht. Okan Cömert als Truffaldino bricht inmitten der schönsten Clownerie in den Sein-oder-Nichtsein-Monolog aus. „Nur weil deine Karriere vorbei ist, brauchst du meine nicht zu zerstören“, herrscht ein Jungmime die arrivierte Kollegin Stemberger an. Jedenfalls, das Ganze ist der nackte Wahnsinn. Ein Zirkus, in dem jeder so gut er kann versucht, das Publikum durch Beiseitereden auf seine Seite zu ziehen und zum Komplizen für die ureigenen Interessen zu machen. Und in dem Okan Cömert die Glanznummer ist.

Der Vorjahresabsolvent des Max-Reinhardt-Seminars ist eine Theaterentdeckung. Zuletzt am Volkstheater in Thomas Köcks „Isabelle H.“ zu sehen, kann er nun endlich sein clowneskes Können ausspielen. Und wie. Cömert tanzt und rappt den Truffaldino, er singt, unter anderem Rossinis Figaro-Arie „Largo al factotum“ und halb „My fair Lady“, er schwankt zwischen subversiv und subaltern, und saust so von einem Herrn zu anderem.

Weil der Diener zweier Herren klassenkämpferisch den Kapitalismus für seine Zwecke zu nutzen sucht, muss er nämlich im Rundherum um den Kirchplatz einiges an Kilometern machen. Das ist die Strafe dafür, dass er nach Beatrices auch in die Dienste ihres Geliebten Florindo getreten ist. Florindo wird beschuldigt, deren Bruder Federico Rasponi getötet zu haben, und ist ergo geflohen. Als Mann verkleidet reist ihm Beatrice nach. Ohne dass die beiden Liebenden voneinander wissen, nehmen sie sich im selben Wirtshaus Zimmer. Truffaldino wird zu beider Diener und gerät so in zahlreiche Schwierigkeiten, aus denen er sich nur durch Lügen retten kann. Katastrophe sozusagen komödiantisch vorprogrammiert.

In diesem Setting gibt Horst Heiss einen auf Plateauschuhe gestellten Pantalone, was seine ohnedies schon imposante Erscheinung im Wortsinn noch weiter erhöht. Der Geschäftsmann mit dem dehnbaren Ehrbegriff hatte seine Tochter bereits dem Rasponi zugedacht, nach dessen Ableben verspricht er sie aber dem Silvio. Als nun Beatrice als Federico auftaucht, sitzt er in einer Patsche, für die nicht nur der eifersüchtige und stolze Silvio-Eiselt, sondern auch Alexander T.T. Mueller als dessen Vater Rache fordern. Der paragraphenfeste Dottore weiß sich dabei von Naemi Latzer als raunzig liebende Rosa unterstützt, deren Zofe Columbina wiederum, gespielt von Claudia Waldherr als kunterbuntes Kammerkätzchen, will den Truffaldino ehelichen. Beatrice, die durch Gaunerei zu ihrem Recht kommen will, und ihr schnöseliger Florindo, Daniel Keberle angetan als Ludwig-XIV-Klon, bilden das melodramatische Paar. Mit großer Spielfreude und viel Hang zur Skurrilität gehen die Schauspieler zu Werke. Sie machen Staneks Aufführung zum luftigen Sommerspaß, für den das Publikum schließlich mit viel Jubel und Applaus dankte.

Dass Truffaldino am Ende seinen Willen – und die Frau kriegt, ist klar. Columbina muss ihn nun nicht nur aus-, sondern auch erhalten. So wie Beatrice ihren mittellosen Florindo und Rosa den arbeitsscheuen Silvio. Denn freilich gibt’s ein dreifaches Happy End für die Herren. Vor allem Silvio hat das große Los gezogen. Sein Schwiegervater in spe ist schließlich, so sagt er, der „Kaufmann von Venedig“. Na dann. Ein Bravo allen Beteiligten!

www.festspiele-stockerau.at

Wien, 29. 6. 2016

Salzburger Festspiele: Die letzten Tage der Menschheit

August 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ja oder Nein oder auch Vielleicht

Gregor Bloéb, Dietmar König Bild: © Georg Soulek

Gregor Bloéb, Dietmar König Bild: © Georg Soulek

In der großartigen „Pension Schöller“-Bearbeitung von Hugo Wiener aus der 70er-Jahren sagt Max Böhm von Marianne Chappuis zu deren künstlerischem „Werk“ befragt: „Dazu kann man sagen Ja oder Nein oder auch Vielleicht.“ Darauf sie: „Fabelhaft, wie Sie die Situation beurteilen.“ Ähnlich ergeht’s einem nun mit Georg Schmiedleitners Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“ am Salzburger Landestheater. Weder ist dem Zuschauer zuzustimmen, der den „heiligen Qualtinger“ beschwört, noch jenem Sitznachbar, der meint, nicht umsonst seien die letzten Worte von Karl Kraus‘ Marstheater Gottes „Ich habe es nicht gewollt“, noch solchen, denen ein „Stadttheater“ zu klein fürs große Ganze scheint. Dass das geht wurde erst eindrucksvoll bewiesen: www.mottingers-meinung.at/volkstheater-die-letzten-tage-der-menschheit/ . Und auch Schmiedleitner gibt das Beste. Und lässt einen doch irgendwie unbefriedigt zurück. Erst im April hat er die Arbeit, die im Herbst am Burgtheater zu sehen sein wird, von Matthias Hartmann übernommen. Da gab’s nicht einmal noch eine Textfassung. Schmiedleitner hat sich für 50 Szenen in dreieinhalb Stunden entschieden. Natürlich fehlt’s da am einen oder anderen.

Das Schöne: Der Regisseur verlässt sich nicht nur auf Burgkräfte. Er holte sich unter anderem Gregor Bloéb (als unverschämt breit grinsender Optimist; Bloéb wird von Rolle zu Rolle überzeugender, man freut sich schon auf seinen Boxer „Rukeli“ an der Josefstadt www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-spielzeit-201415), Christoph Krutzler (sehr schön als süffisanter Hofrat oder brutaler Viktualienhändler) und Thomas Reisinger dazu. Der Regisseur enthält sich jeder nachfahrigen Besserwisserei. Er ist in diesem Sinne weniger kraus-lich. Dass es aber gerade derzeit wieder einmal an allen Ecken und Enden der Welt kracht, dass die letzten eigentlich nur die vorletzten Tage waren und sind, darauf – nur ein Vorschlag! – hätte man durchaus Bezug nehmen können, dürfen, sollen … Schmiedleitner hat sich statt eines allumspannenden Bogens für einen Reigen aus unzähligen „netten“ Einfällen entschieden. Dass dazu auch der Auftritt der Blasmusikkapelle Postmusik Salzburg gehört, ist Geschmackssache. Dass er sich bei der Zeichnung der Figuren nicht zwischen Karikatur und Kaltschnäuzigkeit entscheiden konnte (oder wollte?) nicht. So spielt die Burgtruppe brillant routiniert vor sich hin. Sie kann’s ja. Was soll da schief gehen?

Wenn Dietmar König den Nörgler gibt. Oder Elisabeth Orth den Kriegstreiber Conrad von Hötzendorf. Oder Stefanie Dvorak, Bernd Birkhahn, Petra Morzé … spielen, als ob es um ihr Leben ginge. Oder Peter Matić als Kaiser Franz Joseph dem Leichenwagen entsteigt. Oder Dörte Lyssewski die Kriegsberichterstatterin Schalek ist. Dreizehn Burgschauspieler in jeweils mehreren Rollen. Bumsti! Möchte man sagen. Doch es fehlt der Zunder, die Lunte, die diese Inszenierung zur Explosion bringt. Viel verpufft in lauer Luft. Was kann man da sagen? Ja oder Nein oder auch Vielleicht.

Salzburg, 31. 7. 2014

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2014/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/