Die Agentin

September 3, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mehr Psycho- als Spionagethriller

Spionin Rachel Currin und ihr Mossad-Kontaktmann Thomas Hirsch: Diane Kruger und Martin Freeman. © Luna Filmverleih. Bild: Kolja Brandt

„Mein Vater ist gestorben“, sagt die Stimme einer Frau ins Handy des Geheimagenten Thomas Hirsch, und sie fügt ein „zum zweiten Mal“ hinzu. Das kryptische Telefonat alarmiert den britischen Juden, der als Kontaktmann für den israelischen Mossad arbeitet. War er es doch, der die Anruferin als Spionin in den Iran entsandt hatte und ihr immer neue, gefährlichere Aufträge gab.

Bis Rachel Currin vor einem Jahr samt ihrem brisanten Wissen untertauchte. Sie hatte sich in die Zielperson ihrer Operationen, den iranischen Geschäftsmann Farhad Razavi, verliebt.  Und den will der Mossad des Schmuggels von Computerchips aus Europa und der Zusammenarbeit mit dem iranischen Militär in Sachen geheimes Atomprogramm überführen …

Diane Kruger ist als „Die Agentin“ die Titelantiheldin im Film des israelischen Regisseurs Yuval Adler, der ab 30. August in den österreichischen Kinos läuft. Da dessen Drehbuch auf dem in Israel stark zensierten, überall sonst allerdings zum Bestseller avancierten Roman „The English Teacher“ – der Lehrberuf ist Rachels Tarnung – des ehemaligen Mossad-Mitarbeiters Yiftach Reicher Atir basiert, sollte man der Story eigentlich ausreichend Authentizität zutrauen.

Rachel arbeitet mit allen erdenklichen Verkleidungen: Diane Kruger … © Luna Filmverleih. Bild: Kolja Brandt

… um iranische Militärgeheimnisse auszuspionieren: Diane Kruger © Luna Filmverleih. Bild: Kolja Brandt

Dass der Film vom Feuilleton derart kontroversiell aufgenommen wird, mag zwei Ursachen haben: „Die Agentin“ lernt die Teheranerinnen und Teheraner als fröhlich-freundliche Gastgeber kennen, während die Mossad-Agenten, scheint’s, von Unterschlupf zu Unterschlupf skrupelloser und sinistrer werden. Zur Erfüllung ihrer Mission ist ihnen ein Menschenleben nicht so viel wert, das wird auch Rachel erfahren müssen – und es mag sein, dass mancher Probleme mit diesem Weltbild und mit dieser Figur hat. Einer Frau ohne Wurzeln, zunächst ohne Bindung, frei durch die zahlreichen Masken, die sie trägt und die ihr toughes Vorgehen, letztlich ihr Sich-Wehren gegen die weibliche Opferrolle in einer Männergesellschaft, erst möglich machen.

In mehrfach gebrochenen Rückblenden und aus der Perspektive vom von Martin Freeman gespielten Thomas Hirsch wird Rachels Geschichte erzählt. Dass diese von den Darstellern, der Kanadier Cas Anvar, hierzulande bekannt geworden als Oliver Hirschbiegels Dodi Al-Fayed, nun als Farhad Razavi der Dritte im Bunde, und deren Ausdrucksstärke lebt, versteht sich. Regisseur Adler gelingt es darüber hinaus aber auch Genrekonventionen und Erwartungen zu unterlaufen. Statt auf Action, Schießereien und Verfolgungsjagden, fokussiert er auf die „private“ Seite der Spionagearbeit.

Er zeigt, was mit Menschen passiert, die ihre Identität aufgeben, um sich in immer wieder falschen zu verlieren, Entwurzelte, Lügner, Getriebene, die sich ständig in Gefahr wähnen, der Wahrheit überführt zu werden. Ein Sog, in dem Rachel zur Mörderin wider Willen, sexbesessenen Liebenden, überlebensentschlossenen Einzelkämpferin wird. Und nie weiß der Zuschauer, ob, was sie sagt, im Moment brutale Ehrlichkeit oder doch die Unwahrheit ist.

Rachel mit ihrem Geliebten, dem iranischen Geschäftsmann Farhad Razavi: Diane Kruger und Cas Anvar © Luna Filmverleih. Bild: Kolja Brandt

Solcherart ist „Die Agentin“ nicht nur mehr Psycho- als Spionagethriller, sondern eine beinah klassische Dreiecksgeschichte zwischen einer Frau und zwei Männern, und deren kompliziertes Verhältnis von Ver- und Misstrauen, von Emotion und Manipulation. Neben diesen Charakterstudien malt „Die Agentin“ auch ein Sittenbild des Iran und dem täglichen Austarieren von Tradition und Moderne.

Am eindrücklichsten sind daher die Szenen auf den Straßen Teherans, die von einem zweiten Filmteam mit einem Diane-Kruger-Double und versteckter Kamera gedreht wurden. Für Kruger ist die im Wortsinn ungeschminkte Rolle der Rachel ein weiterer Schritt, sich mit ihrer zurückgenommenen Darstellung im Meisterfach der komplexen, widersprüchlichen Charaktere zu etablieren.

Eine Disziplin, in der Martin Freeman längst angekommen ist, und in der er als verrätselter Thomas, dessen Motive bis zum Schluss im Verborgenen bleiben, und der seine Treffen mit Rachel mal als Flirt, mal als Verhör gestaltet, einmal mehr brilliert. Wie Kruger ihre Aufgabe, Rachels emotionale Intensität bei gleichzeitiger professioneller Kälte zu zeigen, glaubhaft macht, wie sie die Einsamkeit ihrer Figur mit der kargen Eleganz ihres Spiels verbindet, so weiß auch Cas Anvar den Farhad zu führen, den undurchsichtigen Playboy, der vom Objekt der Observation zu dem der Begierde mutiert, womit er sich einer nie geahnten Hilflosigkeit ausliefert und am Ende der Betrogene sein wird.

 

www.weltkino.de/filme/die-agentin

  1. 8. 2018

Akademietheater: Joachim Meyerhoffs „Land in Sicht“

April 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichten aus den 280 Kladden des Ignaz Kirchner

Joachim Meyerhoff zeigt Erinnerungen von seinem und an seinen großen Schauspielkollegen Ignaz Kirchner. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Drei Stunden Theatermonolog sind für gewöhnlich etwas, das sowohl dem Sprecher als auch dem Publikum an die Substanz geht. Außer freilich, es ereignet sich Außergewöhnliches, wie nun am Akademietheater, wo Joachim Meyerhoff unter der Überschrift „Land in Sicht“ eine theatrale Gedenkfeier für Ignaz Kirchner gestaltet. „Weiter, weiter“ steht als Motto des Meyerhoff’schen Projekts vorne auf dem Programmheft, und so geht’s einem beim Anhören dieser Erzählungen, Erinnerungen, Erläuterungen.

Wenn ein grandioser Schauspieler vom anderen schwärmt, dann will man noch jenseits jedes Zeitlimits mehr erfahren. Man habe, eingedenk der fulminanten Burgzerlegungsfarce „Robinson Crusoe“, längst schon vorgehabt, gemeinsam ein Stück zu machen, sagt Meyerhoff, und weiß von mindestens drei fehlgeschlagenen Versuchen, deren fertige Bühnenbildmodelle er auch herzeigt. Eine neue Idee war in Arbeit, aber es kam nicht mehr zur Ausführung. Ignaz Kirchner verstarb vergangenen September. Doch da waren diese Notizbücher, die schwarzen mit den roten Ecken, „Ignaz‘ Farben“, so Meyerhoff, von denen er bei Gelegenheiten einige als Geschenk erhalten hatte. Vierzig Jahre hat Kirchner in diese Hefte Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften geklebt, dabei Kurioses, Fatales, Skurriles, das Abgründige im Alltäglichen wild gemischt festgehalten, Erich Honecker samt Frau neben dem Bild einer Fließbandschlachtung, und jede seiner Entdeckungen mit mal ironischen, mal nachdenklichen Bemerkungen versehen.

Die Welt ein Menschenleben lang mit Verwunderung, auch Fassungslosigkeit betrachtet. Wie viel Geschichte und G’schichten in ein solches passen, erfuhr Meyerhoff, als ihm Kirchners Kladden von dessen Frau zur Verfügung gestellt wurden, 280 an der Zahl, aufgeteilt auf vier Kartons, aus denen er in Komplizenschaft mit einem Auditorium voll Kirchner-Fans Auszüge präsentiert. Dass Meyerhoff dies begnadet gut tut, wird jedem einleuchten, der die irrwitzigen Lesungen seiner autobiografischen Bücher kennt. Dem verehrten, jähzornig liebevollem, vergrübelt spitzbübischem Kollegen nähert er sich mit einem ähnlich dreisten Mix aus Unverfrorenheit und Hochachtung, wenn er frech über dessen Vorliebe für Frauen-in-Dessous-Fotos und Schuhfetischismus feixt.

Die 280 Kladden aus den vier Kartons hinten …: Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

… werden auf die Bühne gestapelt: Mirco Kreibich, Fabian Krüger und Joachim Meyerhoff. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

All diese Aufnahmen, von Frank-Patrick Steckel „Wichsvorlagen“ genannt, natürlich welche fürs Rollenstudium. Wie nebenbei plaudert Meyerhoff aus dem Nähkästchen großer Schauspielkunst, er ist der geborene Entertainer, und wie stets, wenn eine Parentation gehalten wird, befasst sich der Vortragende über weite Strecken mit sich. Eine Form charmanter Selbstinszenierung, die dem Charismatiker weder fremd noch irgend unangenehm ist, und so karikiert er ungeniert seine mimischen Anfänge, als er, gefangen im magischen Dreieck Stein – Castorf – Dorn und darob an seiner Berufswahl bereits ver-/zweifelnd, eine Aufführung mit Gert Voss und Ignaz Kirchner gesehen habe.

Ewigkeiten vorm persönlichen Kennenlernen. Und um festzustellen, dass man am Theater nicht nur heiligen Bierernst haben müsse, sondern trotz „intellektueller Durchdringung“ kauzigen Spaß haben kann. Später wird er von der Garderobenhackordnung bei Hartmanns Einstandspremiere „Faust“ berichten, als Tobias Moretti lieber auf die Damenseite wechselte, wo „Gretchen“ Katharina Lorenz das Feld räumen musste, als sich Gert Voss im Kampf um die „Einser“ geschlagen zu geben, während Kirchner, zufrieden im Komparsenkämmerchen, der Bühne ohnedies am nächsten war.

Dann wiederum prahlt er bescheiden über sein Einspringer-Erlebnis als Mephisto nach dem Voss’schen Beinbruch, ein Parforceritt, Europas besten Schauspieler zu ersetzen, der belohnt wurde, als ihn zu des Meisters Rückkehr dessen Anruf ereilte, mit der Frage, ob er ein, zwei Einfälle zur Figur von Meyerhoff entlehnen dürfe. Derart Anekdoten, die Einblicke hinter die Kulissen, die augenzwinkernd bloßgelegten Eitelkeiten, erfreuen selbstverständlich das Zuschauerherz. Meyerhoff zur Seite stehen Mirco Kreibich und Fabian Krüger als sprachlose Slapstickdeppen, Bühnenarbeiter-Persiflagen, die hämmern und sägen und hochklettern und herumtollen, als wollten sie das Setting von Jenny Schleif mit Hebemaschine und Motorsäge erst aufbauen.

Wird Meyerhoff politisch, ertränken sie seine Sätze in ihrem Baulärm. Etwa, wenn Meyerhoff etwas zur FPÖ und zum braunen Rand und Kirchners Aversion gegen die neue Regierung sagen will, doch man nur sieht, wie er den rechten Arm streckt und gerade noch hört: „… und das alles also hätte Ignaz gern mit Strache gemacht“. Kirchner liebte solche Narreteien, veranstaltete auf der Bühne mitunter selber eine, und wenn Kreibich und Krüger mit ihren Chaosaktionen die von Meyerhoff dringlich geforderte Konzentration stören, wenn sie dem „Star“ einmal im Wortsinn die Latte hoch hängen, dann sorgt das für eine Luftigkeit, die die allgemeine Rührung samt der dramatischen Musik von Pianistin Johanna Marihart und Keyboarder Philipp Quehenberger tröstlich übertüncht.

Die Störenfriede können auch gut Gitarre: Fabian Krüger und Mirco Kreibich. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Radfahrer-Stück kam nicht mehr zustande; am Klavier: Philipp Quehenberger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stolz auf ihre Seelenverwandtschaft, auf ihre Männerfreundschaft, in der übers Innerste nicht gesprochen werden musste, um sich nah zu sein, zeigt Meyerhoff die Seiten aus Kirchners Notizbüchern, projiziert sie auf einen riesigen Screen, Ausschnitte verhasster Politiker, den grinsenden Kohl, den selbstgefälligen Franz Josef Strauß, den sonnengegerbten „Sonnyboy“ Haider, „Visagenzorn“ hätte Kirchner da getrieben, sagt Meyerhoff. Bilder von Peymann und Tabori und von einem Mann mit einem ausgestopften und zwei lebenden Hunden, Bildtext: „Er liebt sie alle gleich“.

Unter einem Porträtfoto hat der junge Ignaz Kirchner ironisch vermerkt: „Jaja, mein Schweinegesicht, das ist mein Kapital“. Meyerhoff liest das amüsiert vor. In der Pause verteilt ein Clown im Foyer Gedichte, die Kirchner mochte. Zum Höhepunkt strampeln sich ein paar Statisten als Radrennprofis die Seele aus dem Leib, dies wäre das Stück gewesen, dass Meyerhoff für Kirchner nicht mehr fertigen konnte. Der foulende Fahrer gewinnt. Am Ende zieren die Kladden die Brandmauer wie Grabsteine eine Urnenwand, darunter Kostüme zu Kirchners berühmtesten Rollen – der Reliquienschrein zum Requiem.

„Land in Sicht“, behauptet Meyerhoff, sei nur ein Nonsenstitel für seine Séance, weil Karin Bergmann ihn schon nach einem gedrängt und er gerade Rio Reisers Song gehört hätte. Das muss man nicht glauben, wo sich doch die „Robinson Crusoe“-Assoziation geradezu anbietet. Als die aufwendige Produktion aus Kostengründen in Doppelvorstellungen gezeigt werden musste, und Meyerhoff deswegen Befürchtungen hegte, zerstreute sie der Tennis-affine Kirchner mit folgendem „Na und?“: „Federer und Nadal spielen fünf Stunden!“ Weiter, weiter …

www.burgtheater.at

  1. 4. 2019

Bronski & Grünberg: Exorzist

Februar 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Spuksatire über die Sünde Raffsucht

Elisa Seydel, David Oberkogler, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin, Serge Falck und Rafael Schuchter. Bild: © Philine Hofmann

Stockduster ist es, und das gespenstische Geräusch ein schweres Keuchen, und selbstverständlich wird sich unter den schemenhaften Gestalten, die über die Bühne geistern, die eine im Nachthemd befinden, die auf den Teppich pieselt. So viel Original muss sein, der Special Effect des Abends sozusagen, weil mit den Kotz- und Kopfdrehmomenten ist es am Theater ohnedies Essig. Doch mit dem Teppich, der im Laufe der Ereignisse noch viel mehr Flüssigkeiten aushalten wird müssen, das 4000 Euro teure Stück, dessen Verschandelung ob seines Preis‘ und Werts noch sehr bejammert werden wird, weist Dominic Oley schon den Weg, den seine Inszenierung im Weiteren einschlägt.

Oley, als Autor wie Regisseur erste Adresse für besten Boulevard, hat im Bronski & Grünberg sehr frei nach dem William-Friedkin-Film dessen „Exorzist“ anders gedacht und weitergeschrieben.

Hat den ernstgemeinten Horror in eine skurrile Spuksatire verwandelt, deren wichtigste Bestandteile Suspense, Slapstick und ein Sexvorfall sind. Der Inhalt reloaded: Ex-Schauspielstar Nanni plagt sich mit ihrer verhaltensoriginellen Tochter Ronaldrea, die mit ihren Anwandlungen nicht nur die Mutter, sondern auch das Haushälterehepaar Karl und Wilma und ihr Kindermädchen Traudl tyrannisiert. Als Nanni wieder einmal eine Party gibt, erscheint der ehemalige Erfolgs-, nun Erotikfilmchenregisseur Puke Darrings, aber auch ein gewisser Pater Dorian Gyros – der von seinem Bischof mit einer besonderen Mission beauftragt wurde.

Wie’s kaum anders sein kann, handelt die Teufelsaustreibung anno Profitgier und Konsumrausch nicht mehr vom altmesopotamischen Pazuzu-Dämon, stattdessen von dem Leibhaftigen, der die Leute heute rotieren und durchschütteln lässt: Geld. Alle hier haben es auf das durch illegale Geschäfte erworbene der Diva abgesehen. Die Angestellten für ein Leben abseits der Allüren der weltfremden Chefin, der Bischof über seinen instrumentalisierten Untergebenen, der eine Großspende einsacken soll, deren karitativer Zweck der Behübschung seines Badezimmers im venezianischen Palazzo dient, Puke, was tatsächlich „Kotze“ heißt, indem er ein von Nanni verfasstes Drehbuch stiehlt, mit dem er endlich wieder einen Leinwandtriumph feiern will.

Das Aufgebot an Abzockern verkörpert das beliebte Bronski-Team: Elisa Seydel und Johanna Prosl als überdrehte Nanni und teenie-aufsässige Ronaldrea, David Oberkogler als selbstverliebter Puke Darrings, Serge Falck und Rafael Schuchter als schmieriger Bischof und bald im doppelten Wortsinn aufrechter Pater Gyros, Daniela Golpashin und Michou Friesz als rachedürstige Traudl und Drahtzieherin Wilma. Den Karl dazu spielt kein geringerer als Burgtheaterschauspieler Fabian Krüger. Oley lässt seine Darsteller im hintergründigen Humor seiner Nonsensedialoge strahlen, alles ist eingestellt, das heißt eigentlich: verstellt, auf Verhören und Versprechen, der Quatsch pointiert durchbrochen durch Gesinnungssätze.

David Oberkogler, Elisa Seydel, Johanna Prosl, Fabian Krüger, Daniela Golpashin und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Großartige Komödianten: Johanna Prosl, Michou Friesz, Rafael Schuchter und Serge Falck. Bild: © Philine Hofmann

Etwa wenn Krüger, der sich einmal mehr als Erzkomödiant erweist, Karl Honecker zitiert, bevor er in eine „Publikumsbeschimpfung“ ausbricht, oder die grandiose groteske Friesz erklärt „Mir geht langsam der ideologische Treibstoff aus, wenn ich hier alles alleine machen muss“ – nachdem sie dem Pater sein „Anfängerbettelprospekt“ um die Ohren geschlagen hat. Jede brutale Geste sitzt, die großen wie die kleinen, und wie stets im Bronski & Grünberg ist die Aufführung brüllend amüsant und getroffen von so manchem Geistesblitz. Kaja Dymnicki hat das Bühnenbild, Julia Edtmeier die Kostüme entworfen.

Auch die beiden brillieren in der Detailverliebtheit des passenden Beinah-1970er-Jahre-Ambientes samt Bowleschüssel und Dean-Martin-Schallplatten. Eine der schönsten Finessen ist eine Vogue, die Nanni durchblättert, vorne natürlich sie als Covercelebrity, hinten als Gesicht einer Zigarettenwerbung. Derart geht’s munter dem Ende zu: Der Mutter wird das große Exorzismus-Paket angedreht, das seit den 1880ern niemand mehr bestellt hat, doch im Wasserglas des Paters schwimmt Viagra, so dass dieser statt religiöser Ekstase eine andere Art Erregung erfährt.

Ein Priesterproblem, das der Bischof intern regeln will, und apropos, Intoxikation durch Drogen: Ronaldreas Besessenheit entpuppt sich durch ihr böswillig verabreichte Koffeintropfen ausgelöst. Wie auch immer, die Bekämpfung des Beelzebubs wirkt, jeder fühlt sich plötzlich bemüßigt zu bekennen, der Bischof muss es also sagen: Beichten kosten extra. Gegen die Raffsucht ist offenbar kein Kruzifix gewachsen. Was in diesem speziellen Sündenfall wirklich zum Lachen ist, der „Exorzist“ als Turbokomödie über Turbokapitalismus …

Video: www.facebook.com/watch/?v=493390097861765

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2019

Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

Burgtheater: Schöne Bescherungen

Dezember 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Früher war mehr Lametta

Die Familie beäugt den unbekannten Gast: Falk Rockstroh, Maria Happel, Marie-Luise Stockinger, Michael Maertens, Tino Hillebrand, Nicholas Ofczarek, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist das eigene Weihnachtsdesaster überstanden, kann man sich getrost anderer Leute Katastrophen zuwenden. Am Christtag gab’s am Burgtheater wieder „Schöne Bescherungen“, und das eben noch von Baum, Punsch und Päckchen bedrängte Publikum amüsierte sich prächtig. Alan Ayckbourns Komödie ist ja für die Heilige Nacht das, was „Dinner For One“ für Silvester ist, jeder hat es schon einmal gesehen, dieses Stück, in dem eine Familienfeier vollständig außer Kontrolle gerät.

In dem von Saufen, Streiten, Schreien, von schäbig gewordenen Ehen über den schießwütigen Onkel bis zum Sex unter der Nordmanntanne nichts fehlt, was das Fest der Liebe in eines der Hiebe verwandeln kann. Und weil Schadenfreude die schönste ist, und jeder, wenn auch wohl weniger drastisch, Situationen, wie die vorgeführten kennt, ist „Schöne Bescherungen“ bereits seit fast vierzig Jahren der Hit der Dezemberspielpläne – an der Burg nun von Barbara Frey und einer Top-Besetzung umgesetzt. Die hauptberufliche Intendantin des Schauspielhauses Zürich, das weiß man von ihren Oscar-Wilde- oder Eugène-Labiche-Arbeiten am Haus, bringt ihre Komödieninszenierungen auf eine ihr typische Betriebstemperatur.

Diesmal liegt diese, so es einen Vergleich zu wählen gilt, im Bereich der Hoppenstedts, heißt: Frey setzt auf den absurden Humor von Alltagsmomenten, und bis auf ein, zwei Szenen mehr auf Sprachwitz, denn auf Slapstick. Was nicht bedeutet, dass auf aufgeladene Atmosphäre, Outrage und Eskalation verzichtet wird. Aber Frey fühlt mit den Figuren und deren Festtagsstress, und das Ensemble versteht es, aus den Rollen tragikomische, dennoch wahrhaftige Gestalten zu formen. Nicht die Art von gehässigen Karikaturen, die man in bissigeren Aufführungen schon gesehen hat. Beispiel: Selbst als Onkel Harvey auf den vermeintlichen Geschenkedieb Clive geschossen hat, drückt ihm die angeheiratete Nichte Belinda noch liebevoll tröstend ein Küsschen auf die Stirn.

Bereit zum Puppenspiel: Katharina Lorenz als Belinda, Nicholas Ofczarek als Neville und Michael Maertens als Bernard. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Köchin am Ende ihrer Kraft: Maria Happel spielt Phyllis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Weihnachtsmann spricht über seine Gefühle zu Rachel: Marie-Luise Stockinger als Pattie, Dörte Lyssewski als Rachel und Fabian Krüger als Clive. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Alles atmet hier Mittelstand, und dafür hat Bettina Meyer ein Bühnenbild entworfen, ein Kleinbürgerhaus, mit unten Wohn-, Esszimmer, Küche, oben eine angedeutete Galerie, die zu den Schlafzimmern führt, in dem vom leergefutterten Adventskalender bis zum Leuchtstern im Fenster auf kein Detail vergessen wurde, der Christbaum natürlich zu hoch und ergo schief und mit abgeknickter Spitze. Ins Bild passen die Kostüme von Esther Geremus, von großgemusterter Herrenstrickweste bis spießigem Faltenrock, von Pullover mit Weihnachtsmotiv bis zum herzallerliebsten Erwachsenenstrampler, in dem Hausherr Neville zu Bett zu gehen pflegt.

Den spielt Nicholas Ofczarek mit Schnauzbart und Mut zum Bauch als bedächtigen Tüftler an diversem kaputten Kinderspielzeug, dem der stets umgeschnallte Werkzeuggürtel näher ist, als die Ehefrau. Ofcareks Neville ist immer um Beruhigung der Lage bemüht, doch als er dann schließlich in die Luft geht … ist das eine schöne Charakterstudie des ganz normalen Familienvaterwahnsinns. Eine solche gelingt auch Katharina Lorenz als seiner besseren Hälfte Belinda, die changierend zwischen Ärger, Ungeduld und Leidensmiene die Verwandtschaft erträgt.

Feinkost bieten ebenso die anderen Darsteller: Maria Happel gestaltet mit Nevilles Schwester Phyllis die Alkoholikerin, deren beständige Küchenunfälle zwar für Lacher sorgen, von der aber auch klar wird, wie sehr der seidene Faden, der ihre Lebensunfähigkeit hält, an ihrem Mann Bernard hängt. Den spielt Michael Maertens mit so sympathischer Subordination, dass ihm die volle Anteilnahme der Zuschauer gilt. Maertens gibt den Kauz, wie man’s von ihm kennt und liebt, immer beflissen, dennoch indigniert, weil keiner seine Bemühungen zu schätzen weiß, und aufbrausend, wenn es nicht nach seinem Kopf geht.

Und selbstverständlich gehört ihm mit seinem nervtötenden Marionettenspiel samt fiepsenden Klorollenschweinchen der Höhepunkt des Abends. Tino Hillebrand und Marie-Luise Stockinger sind als Eddie und hochschwangere Ehefrau Pattie zu sehen, er ein Loser und Durchlavierer, sie deswegen im permanenten Ausrastmodus. Falk Rockstroh spielt den reizbaren Onkel Harvey, Dörte Lyssewski Belindas Schwester Rachel als überreifen Hippie mit Hang zur Theatralik. Sie ist es, die den Schriftsteller Clive, Fabian Krüger, eingeladen hat, der von den Ereignissen im Weiteren überrollt wird.

Onkel Harvey begutachtet die Geschenke, Neville tüfelt am Teddybären: Falk Rockstroh, Nicholas Ofczarek, Katharina Lorenz als Belinda und Tino Hillebrand als Eddie. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Frey hat fein gearbeitet. Wunderbar etwa, wenn Lorenz‘ Belinda Krügers Clive zwar ein leidenschaftliches „Ich will dich“ zuwirft, sich dann zum Sex aber hausmütterchenmäßig stocksteif auf den Boden legt. Oder die Szene, in der der für die Kinder als Weihnachtsmann verkleidete Clive versucht, Rachel seine Gefühle zu offenbaren, wobei ihm nicht nur der weiße Bart, sondern auch beider Verklemmtheit im Weg ist. Oder, wenn Eddie seine Pattie nach einem neuerlichen Wortgefecht als „Zuckermäuschen“ in die Arme schließt. Das ist Leben, wie es so spielt. Manchmal zum Schenkelklopfen, viel öfter aber zum leis‘-verzweifelt Schmunzeln.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2018