Rabenhof: Austrian Superheroes. Rückkehr der Helden

April 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Actionreiche Comic-Performance vom A.S.H.-Team

Randolf Destaller, Magda Kropiunig und Christian Strasser. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Alf Peherstorfer. Bild: Juri Tscharyiski / Rabenhof

Im Rabenhof, wo man immer für szenische Überraschungen gut ist, sorgen seit gestern Abend die Austrian Superheroes für Recht und Ordnung. Basierend auf den kultigen Graphic Novels unterhalten Magda Kropiunig, Christian Strasser und Randolf Destaller, unterstützt von Live-Musiker Alf Peherstorfer und Erzählerin Lucy McEvil, mit einer Comic-Performance vom Feinsten. Da wird kein Kabumm ausgelassen, wenn es darum geht, Wien vor dem Bösen zu beschützen.

Vor dem Hintergrund der Animationen schlüpfen die drei Darsteller in die Rollen von Captain Austria, Lady Heumarkt, dem Donauweibchen und dem Bürokraten, um dem Übel den Garaus zu machen. Das ist eindeutig übernatürlichen Ursprungs und entpuppt sich – no na in der hiesigen Innenstadt – als Basilisk (Video: www.youtube.com/watch?time_continue=13&v=CYYg__xRu5w). Wer er ist, und warum, dröselt sich zwar auf, aber nicht, von wem entsandt. Um das zu erfahren, muss man wohl auf die Bücher zurückgreifen, die bereits ins dritte Heldenjahr gehen, oder auf eine Bühnen-„Fortsetzung folgt“ hoffen. Nach einer Stunde ist der Spaß nämlich schon wieder vorbei. Allerdings nicht ohne, dass der scheidende Wiener Bürgermeister und sein Rathausmann noch ein paar gewichtige Argumente zum Erhalt der Heurigen ins Rennen geführt hätten …

www.austriansuperheroes.com

www.rabenhof.at

  1. 4. 2018

Rabenhof: Stermann & Grissemann als „Sonny Boys“

Februar 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Thomas und Bernhard der Kleinkunst

Christoph Grissemann, Matthias Hartmann und Dirk Stermann Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Die deutsche Kochschau im TV: Christoph Grissemann, Matthias Hartmann und Dirk Stermann. Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Christoph Grissemann und Dirk Stermann spielen Stermann & Grissemann. Das hat immer funktioniert, das sind zwei Charaktere, die sich im Schlaf kennen, never change a running system, also gibt’s den vollen Spiel-Plan. Von Alkimage bis Glücksspielproblem, von Hassliebe als Programm bis neuerdings Paartherapie, von zynischem Witz bis staubtüchltrockenem Humor. Die beiden Abstauber der einheimischen Hirnrissigkeiten haben es halt nie notwendig gehabt, sich zu verkleiden. Zwei so große Entertainer.

Authentischer als sie ist nur Peter Rapp, der plötzlich wie ein Busenblitzer auftaucht. Der König des verbalen Scheißminix nimmt Stermann & Grissemann in die Untertanenpflicht, das ist schon spaßig, wollten sie doch statt seiner endlich selbst komplett am Rad drehen. Aber: Verwechslung der Geldausgabeautomaten. Getroffen hat’s ergo einen Exschistar, der ORF-Österreich beigebracht hat, wie sexy Bildungslücke sein kann …

Stermann & Grissemann haben eine Kleinkünstlerdystopie entworfen. So knapp vorm Lotte-Tobisch-Altersheim und kurz vor der Wahl migrantisches Volkstheater oder Musical mit Marika Lichter. Das heißt, entworfen haben nicht sie, sondern eine New Yorker Nachwuchshoffnung namens Neil Simon, der mit seiner Boulevardkomödie „Sonny Boys“ auf den Durchbruch hofft. Ein vorprogrammierter Bühnenhit, der hierzulande leider noch nie zu sehen war, wiewohl Kombinationen wie Otto Schenk und the late Helmuth Lohner oder Harald Serafin und Miesepeter Weck bestens dafür geeignet gewesen wären. So lag’s an den Grumpy Old Men der medialen Entäußerung diesen potenziellen Publikumserfolg aus der Taufe zu heben. Und sie taten’s so, dass nicht mehr klar ist, wo N.S. aufhört und „Die deutsche Kochschau“ anfängt.

Diesen Uralt-Sketch bereiten sie nämlich vor, die Unterhaltungsuntoten. Für eine verrappte ORF III-Show mit dem Titel „Was haben wir gelacht“. Nicht jeder kann wie Al Lewis und Willie Clarke auf eine Krankenschwesterntracht setzen, wiewohl Magda Kropiunig als Grissemanns Cousinen-Managerin das Ihre tut, um eine ins Spiel zu de­kolle­tie­ren. Es wird gespuckt statt gepiekst – aber rotzdem: Eklat. Die abgehalfterten Zugpferde werfen sich selbst aus der Ex-Promi-Laufbahn. Ein weiterer, der gewesene Burgtheater-, nunmehr TV-Programmdirektor, versagt verzagt mit sehr viel Selbstironie via Video. Matthias Hartmann, Servus!

Derlei Gags machen nicht verlegen, entwirft sich das Bashing doch mittels einer geschmacksintensiven Runde. Vom bierbewerbenden Adiposiburgstar über den zum Gartenzwerg degenerierten Autonarrbarettisten, vom Proleten-„Kaiser“ über den persischen Schlachthaus-Shakespeare bis zur dreiköpfigen Staatskünstlermade im Innenpolitikspeck. Merke: Wer selbst eine gekillte Katze auf dem Kopf hat, soll nicht über anderer Leute Frisur lästern, und alles, was noch Kohle bringt, kommt sowieso nicht vor. Man soll die Hand ja handzahm beißen. Miri und Uschi beim Schlammcatchen, das geht grad noch von wegen tagesaktueller Watschn. Und natürlich Thomas Gratzer. Der Hausherr und Regisseur stellt sich den Rabennestbeschmutzern gern zur Verfügung.

Ach, Stermann & Grissemann, das ist wie Thomas und Berhard der Kleinkunst. Das Dämonische in uns ist ein immerwährender vaterländischer Kerker, in dem die Elemente der Dummheit und der Rücksichtslosigkeit zur tagtäglichen Notdurft geworden sind. Danke, Wasserkraft. Um den Verbund einer gewesenen Karriere geht’s anno 2027 naturgemäß. Szenen einer Künstlersilberhochzeit. Von „Salon Helga“ bis Songcontest, von „Willkommen Österreich“ bis ROMY-Preisverleihung. Stermanns Islamgag hat die beiden einst aus der berüchtigten Gala gekickt. Nun haust Grissemann griesgrämig in my home is my Höhle und verabscheut Sir Stermann mit Inbrunst. Grissemann ist auch abseits von Grissemann ein großartiger Schauspieler. Mit Fistelstimme hysterlt er sich in den Herzkasperlmodus, ein Altherrenschlurf in Schlabberhose. Stermann ist dagegen trockengeföhnt die perfekte Mischung aus Jopie Heesters und Richard Gere. Neil Simons gallige Verzweiflungsdialoge präsentieren die beiden angemessen selbstverliebt; Timing und ergo Pointen sitzen; Thomas Gratzer hat eine Gabe für Slapstick und viel Sinn für Nonsense.

Das Drillpüree wird diesmal allerdings mit Traube statt Nuss serviert, das totale Sieb ist nur noch ein Tee-Ei. „Wenn ich Spaß hätte haben wollen, hätte ich eine Eintrittskarte gekauft“, sagt Grissemann bei den quasi Fernsehproben zur narzistischen Küchenschlacht. Haben wir (zugegeben nicht) und sehr gelacht. Als Wiedergänger in ihrer Version von Simons Comedyklassiker passen die beiden wie hing’spuckt. Als hätte da einer von der Bronx aus an die Exzentriker in Erdberg gedacht und ihnen die Sätze in der Garderobe hinterlegt. Man kann gar nicht genug Neurosen streuen. Auch der Kropiunig übrigens, die sich der herrschenden Betriebstemperatur fabelhaft anpasst. Und the one and only Peter Rapp, der sich beim Schlussapplaus gekonnt ins Spotlight stellt. Da ist Stermann bereits deutlich desorientiert und Grissemann schon in eine dunkelgraue Unterflak umgestiegen. Das Alter ist ein Massaker – hier ist der Beweis.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=VuYDHeXHh64

Stermann & Grissemann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17222

www.rabenhoftheater.com

Wien, 11. 2. 2016

Stermann & Grissemann im Gespräch

Januar 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielen Neil Simons „Sonny Boys“ im Rabenhof

Christoph Grissemann, Magda Kropiunig und Dirk Stermann Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Christoph Grissemann, Magda Kropiunig und Dirk Stermann
Bild: © Rabenhof / Udo Leitner

Die Bad Boys des österreichischen Entertainments outen sich endlich als Boulevardschlampen: Christoph Grissemann und Dirk Stermann sind im Altersfach angekommen – und spielen im Rabenhof Neil Simons Kracherkomödie „Sonny Boys“. Was natürlich heißt, dass es die beiden auf ihre Art krachen lassen werden. Sie haben sich den US-Comedy-Klassiker einverleibt und erzählen mit ihm ihre ureigene Geschichte. Die Kleinkünstlerdystopie von Dirk und Christoph, einst ein gefeiertes, exzentrisches Komikerduo. Doch die Star-Kabarettisten konnten sich nicht ausstehen und irgendwann war mit der Karriere Schluss, die Trennung folgte.

Aus den Solokarrieren wurde nichts. So versuchen sie sich mit zweitklassigen Werbespots über Wasser zu halten, leben aber hauptsächlich depressiv dahingrantelnd in den Tag hinein und pflegen ihre Neurosen, bis Christophs Cousine den beiden die Chance bietet, sie nach jahrelanger TV-Absenz zurück ins Geschäft zu pushen.  Allerdings müßten die in die Jahre gekommenen Diven dazu ihren Streit begraben … Magda Kropiunig als Cousine ist die dritte im Bühnenbunde; Hausherr Thomas Gratzer führt Regie; Premiere ist am 10. Februar. Ein Gespräch:

MM: Die entscheidende Frage – wer piekst wen?

Dirk Stermann: Wir pieksen nicht. Ich bespucke Herrn Grisseman. Aber nicht absichtlich, sondern weil ich eine feuchte Aussprache habe. Den „Klassiker“ mit dem Finger haben wir abgeschafft, weil das für uns albern war. Wir spielen ja nicht den Arzt-Sketch von Willie Clark und Al Lewis, sondern einen Sketch, den wir beide tatsächlich einmal gespielt haben. Und in dem wird nicht gepiekst, sondern nur gespuckt.

MM: Wie kam es zu der Idee „Sonny Boys“ zu machen?

Christoph Grissemann: Das hat Thomas Gratzer über unsere Köpfe hinweg entschieden. Er verfolgt uns mit der Idee seit acht Jahren – da waren wir also noch wesentlich jünger -, aber obwohl er uns pausenlos damit in den Ohren lag, wollten wir’s nicht machen. Eine Boulevardkomödie! Wir fanden schon den Humor seltsam, weil er ganz anders ist, als das was wir sonst veranstalten. Aber nachdem wir das Stück sehr akribisch gelesen haben, sind wir draufgekommen, dass es wie wahnsinnig auf uns passt. Es ist von Herrn Simon in weiser Voraussicht für uns geschrieben worden. Ich musste ein paar Mal laut auflachen, weil Sätze nahezu wortwörtlich zwischen Dirk und mir gefallen sind. Irgendwo in der Provinz. Es hat eine so frappierende Ähnlichkeit, dass wir sagten: Ja, gut.

Stermann: Die Situation ist für uns wie gemalt, als hätte Simon gewusst, dass da in Österreich zwei Typen schon so lange intensiv zusammenarbeiten, mit Höhen und vielen Tiefen. „Sonny Boys“ ist ein hochgradig sentimentales Liebesstück über zwei Männer. Es geht um Altersdepression, Missmut, Zynismus und Verachtung im Unterhaltungsgeschäft – das passt auf uns.

MM: Die Atmosphäre stimmt also?

Stermann: Das wurde uns beim intensiveren Nachdenken sofort klar. Das ist genau unsere „Farbe“, gar nicht so sehr die Humor-Farbe, sondern die atmosphärische Farbe trifft’s total.

Grissemann: Finde ich auch. Der Wechsel zwischen Alltag und Komik – was man mit dem Partner erlebt, man muss auf der Bühne den witzigen Strahlemann machen, kaum kommt man nach der Vorstellung in die Garderobe, hat man keine Lust mehr auch nur miteinander zu reden -, also die Tragik, die jedem Komiker innewohnt, die kennen wir auch. Und die wird in diesem Stück natürlich sehr gepflegt.

MM: Sie haben „Sonny Boys“ auf sich zugeschnitten. Wie wird sich das auswirken?

Stermann: Wir sind die Figuren. Es geht tatsächlich um unsere Vita, um unsere Karriere, das Stück wird nach Wien verlegt. Das heißt: Es wird FM4 vorkommen, der ORF, das Umfeld, in dem wir uns bewegt haben. Auch namentlich, es werden Namen von Kolleginnen und Kollegen genannt, mal sehen, wie die sich freuen …

MM: Und der Kernsatz Ihrer „Sonny Boys“? Sympathy für the Antipathie?

Stermann: Die Mischung aus liebevollem Hass und hasserfüllter Liebe. Dass man aneinander gekettet ist, miteinander muss, eigentlich nicht mehr will, aber auch nicht ohne einander kann. Das Stück spielt in der Zukunft, wir sind zehn Jahre älter, und tun so, als hätten wir uns getrennt. Das Gefühl, sogar während wir’s nur proben, sich vorzustellen, dass ich den Christoph zehn Jahre nicht gesehen habe, ist so stark, dass es mitunter kaum zum Aushalten ist. Weshalb ich versuche, es nicht aufkommen zu lassen.

MM: Was könnte theoretisch passieren, dass Sie sich trennen?

Grissemann: Da müsste wirklich was großes sein. Es sind ja schon Dinge passiert und wir haben uns trotzdem nicht getrennt.

MM: Dinge? Fremdgehen, Betrug, Diebstahl …

Grissemann: Ach, Diebstahl …

Stermann: Christoph bestiehlt mich seit Jahren. Vor allem die Hälfte meiner Gage.

Grissemann: Und Zigaretten. Und Essen. Und einmal auch Geld aus deiner Brieftasche (Zwischenseufzer Stermann: Ich weiß!). Alles unter Mord ist kein Grund.

Stermann: Auch Mord nicht zwangsläufig. Da müsste man schauen, ob im Affekt oder wie.

MM: Einer meiner Lieblingsdialoge ist: „Pass‘ mal lieber auf, ich werde dir die Show stehlen.“ – „Sag‘ mir, wenn es soweit ist, das möchte ich nicht verpassen.“ Kennen Sie solche Momente, gibt es Rivalität auf der Bühne?

Stermann: Nona, natürlich gibt’s Rivalität. Natürlich buhlt man als Paar um die Gunst des Publikums, aber auch als Einzelperson. Und wenn er dann wieder so einen Lauf hat, das nervt mich ein bisschen, ehrlich gesagt.

Grissemann: Zwei Läufe in zwanzig Jahren!

Stermann: Aber die haben mich beide genervt.

MM: Frau Kropiunig, Sie spielen die Cousine vom Grissemann.

Stermann: Sie ist Krankenschwester, Neffe und Agentin – zusammengefügt in der Figur Cousine.

MM: Frau Kropiunig, wie passt man sich in dieses Duo ein? Wie und wo hat man da Platz?

Magda Kropiunig: Es fühlt sich nicht viel anders an, als bei anderen Theaterproben. Es ist überhaupt nicht so, dass Stermann und Grissemann für sich sind, und alle anderen müssen schauen, wo sie sich unterbringen. Wenn die beiden ihre Dialoge haben, ist es schon sehr eigen, sicher anders, als wenn sich zwei Schauspieler gerade erst kennengelernt haben. Aber sonst, alles gut, alles normal. Ich bin übrigens auch nicht Krankenschwester, wie eben gesagt, sondern die einzige lebende Verwandte, die sich um Christoph noch kümmert. Aus dieser Pflicht versuche ich als Agentin meinen Nutzen zu ziehen.

Sterman: Wie Sie hören, total klug zusammengesetzt diese Rolle.

MM: Ist das der härteste Job, den Sie jemals hatten? Man kann sich über diese Figuren nicht mit einem Sarkasmus drüberwitzeln, man muss Sie in Ihren Befindlichkeiten ernst nehmen. Können Sie überhaupt etwas ernst nehmen?

Stermann: Ich spiele Stermann. Und ich nehme Stermann sehr ernst. Ich glaube, es würde mir schwerer fallen, Grissemann ernst zu nehmen, aber das ist auch nicht meine Aufgabe, sondern Christophs Problem. Ich denke aber, er wird es schaffen. Er kennt sich nun ja schon eine Weile und ist sich selbst sehr nah.

MM: Aber ist dieses Verschwimmenlassen der Kunstfiguren und der Privatpersonen Stermann & Grissemann nicht gefährlich? Erlauben Sie da den zahlreichen Fans nicht einen Blick hinter die Kulissen, der sich ungünstig auf Ihr Image auswirken könnte? Weil, bis jetzt klingt das alles so altherrensentimental …

Stermann: Wir spielen sowieso mit uns als Menschen. Wir tun doch immer so, als würden wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren. Das fällt nicht so schwer. Was altherrensentimental angeht, ich denke, das steht uns mittlerweile zu. In bin in einem Alter, wäre ich nicht gebürtiger Deutscher und würde es mich reizen, ich wäre prädestiniert als Bundespräsidentschaftskandidat.

MM: Und als solcher sogar noch unter den Jüngeren. Herr Grissemann, möchten Sie zum Thema Altherren etwas sagen?

Grissemann: Nein, danke.

Kropiunig:  Ich aber noch zu „härtester Job“. Boulevard, und das sage ich, obwohl sich unsere Fassung davon schon entfernt hat, ist die Königsklasse. Da muss der Text sitzen, die Pointen, das Timing. Man muss wissen, wie man das spielt, wo man Tempo macht und wo Pausen. Die Charaktere, die wir zeigen, sich radikal, pur, echt. Auch das muss man erst einmal bringen.

MM: Sie spielen also quasi das Lachen, das uns im Hals stecken bleiben wird, wenn wir sehen, wie der ausrangierte Künstler in seinem eigenen Dreck … (zu Stermann:) Was gibt’s da zu kichern, ich meine das todernst … haust und die Sozialversicherungsbeiträge nie eingezahlt hat und kein Anrecht auf Arbeitslose oder Pension hat und der Altersarmut entgegengleitet …

Stermann: Wir machen aber keinen Ulrich-Seidl-Film: „Im Keller des Kleinkünstlers“, sondern immer noch Komödie.

Kropiunig: Und die ist sehr sympathisch. Obwohl wir alle in Grissemanns Dreck sitzen, ist es sehr sympathisch.

Grissemann: In Wahrheit schaut es entsetzlich aus, es ist völlig unaufgeräumt. Aber auch das ist vielleicht ein gar nicht so entferntes Zukunftsszenario für mich. Das ist in unserem Beruf ja schnell der Fall: Kein Fernsehen mehr – und die Altersarmut ist da. Alkoholismus. Kann alles passieren.

MM: Das heißt, wenn der ORF „Willkommen Österreich“ absetzt, wäre das tatsächlich das Karriereaus.

Grissemann: Man könnte wahrscheinlich noch ein paar Jahre mit den alten Kabarettprogrammen durch die Säle tingeln, aber eigentlich wäre es zu schrecklich, das zu durchleben. Wenn man es gewohnt ist, vor 600 Leuten aufzutreten, und dann kommen 20, 30. Ja, das wäre das Karriereende. (Grissemann bestellt sich ein Bier.) Aber um auf Ihre Frage nach dem „härtesten Job“ zurückzukommen: Für mich sind die „Sonny Boys“ tatsächlich sehr anstrengend. Ich bin es ja nicht gewohnt, so dialoglastige Sachen zu lernen. Ich finde das sehr schwierig, ich zeige deutliche Text- und Timingschwächen. Das ist nicht leicht für mich. Leider.

MM: Kann man die unfreiwilligen Pausen eventuell für die melancholische Baseline des Stücks nutzen?

Stermann: Die Pause, nicht die, wenn er hängt, sondern die atmosphärische, wird tatsächlich oft eingesetzt. Man lässt damit ein Gefühl im Raum stehen. Dieses betretende Schweigen, das sind für mich die schönsten Momente.

MM: Aber es ist schon noch zum Lachen?

Stermann: Ja – wenn man will.

MM: Wo sehen Sie sich im Alter der „Sonny Boys“? Geriatrie oder Gran Canaria?

Grissemann: Wahrscheinlich in der Geriatrie auf Gran Canaria.

Stermann: Wenn du Alzheimer hast, merkst du den Unterschied gar nicht.

Grissemann: Oder noch weiter weg. Fidschi Inseln. Neue Identität annehmen. Sich vielleicht umoperieren lassen zur Frau, zur alten Frau.

MM: Welchen Vorteil hätte das?

Grissemann: Frauen werden älter, acht Jahre im Schnitt. Das hätte also einen klassischen biologischen Vorteil. Und: Man würde ganz neue Seiten an sich entdecken. Endlich ein Ende der Langeweile!

Kropiunig: Sie merken schon, diese Produktion ist sehr entspannt. Ich dachte erst, es könnte relativ stressig werden, aber das ist überhaupt nicht der Fall, und der wird vermutlich auch nicht mehr eintreten.

MM: Was wollen Sie dem Publikum mitgeben?

Grissemann: Nichts.

Stermann: Wir haben diesbezüglich keine Ansprüche.

Grissemann: „Sonny Boys“ ist ein klassisches Gefühlsstück …

Stermann: Die Leute sollen sich also nachher bei der Tür rausfühlen, sie sollen den Raum mit Sentiment verlassen – und sich dann draußen überlegen, was sie mitnehmen wollen.

www.stermann-grissemann.at

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Wien, 29. 1. 2016

Landestheater Niederösterreich: Lampedusa

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gastspiel von Bernd Liepold-Mosser

2495544784_f963ec1167Es hat neben und hinter einem und bei sich selbst mindestens ein Taschentuch verbraucht, das Gastspiel „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser, das am Donnerstag am Landestheater Niederösterreich zu sehen war. Weniger wegen des Live-Bühnengeschehens, dazu später, sondern wegen der Original-Filmaufnahmen (Video: Philip Kandler), die auf der Hintergrund-Leinwand liefen. Verzweifelte Menschen, die versuchen, den Strand zu erreichen, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Verzweifelte Menschen, die es geschafft haben, und nun versuchen aus den beiden Flüchtlingslagern der Insel, die für sie wie die Gefängnisse ihrer Herkunftsländer sind, „auszubrechen“, über den Zaun zu klettern, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Prügel. Die Küstenwache, die Boote aufbringt, um sie zurückzuschicken zu Folter und Todesurteil. Oder die nur noch Tote findet. Oder Kleider. Und nackte Tote, die im Meer treiben, weil sie dachten ohne etwas an, könnten sie leichter schwimmen. Kindersärge.

Lampedusa. Davon hat man schon genug. Jeden Tag Meldungen über x Ertrunkene, x Illegale. Liepold-Mosser hat nun Texte gesampelt, die europäische Sichtweisen über das Thema reflektieren, von der touristischen Bewerbung bis zu Frontex-Strategien, von hässlichen Postings aus Internet-Foren bis zu erschütternden Kommentaren der Lampedusani, der allein gelassenen und überforderten Inselbevölkerung. Dazu lässt die Wiener Singakademie unter der Leitung von Heinz Ferlesch klassische Chöre erklingen, die von Erniedrigung, Vertreibung und Flucht erzählen. Magdalena Kropiunig, Nina Horvath, Maximilian Laprell, Alexander Meile und Kai Möller schlüpfen in unzählige Rollen. Herwig Zamernik, Frontmann der Kultband „Naked Lunch“, singt zwischendurch melancholisch Lieder wie „Seemann, lass‘ das Träumen …“

Der ganze Abend ist eindringlich schmerzhaft, sarkastisch bis es weh tut, so ernst, dass Platz fürs Lachen bleibt. Sofern man über die Blödheit der Bürokratie lachen kann. In Lampedusa hat Europa die Humanität zum Teufel geschickt. So beginnt denn auch die resolute Bürgermeisterin: „Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden.“ Leichen, das ist kein Scherz, werden bereits nach Sizilien ausgelagert. Gräber ohne Namen, schnell, schnell, was unter der Erde ist, ist weg von der Bildfläche. Eine Schande für den Friedensnobelpreisträger Europa. Oder soll das vielfache Sterben eine Abschreckung für die Nachkommenden sein? Die Flüchtlinge verflüchtigen sich von selbst. Doch Millionen warten noch darauf, den Massakern in ihren Ländern zu entkommen. Allein aus Afrika wollen 160 Millionen Menschen nach Europa.

Weg mit der Bürgermeisterin. Nun wird der Urlaubsort Lampedusa beworben. Antike Stätten, Sonne, Strand und azurblaues Meer. Während im Hintergrund Boatpeople die Arme schwenkend um Hilfe flehen. Chor und ein Schlauchboot kommen auf die Bühne. „Patria oppressa“ aus Verdis „Macbeth“. Aber Spaß kann sein. Paragliding über dem Meer. Tolle Restaurants. Kinderprogramm. Infos über die Buslinie und die Fähre … und darüber, dass es auf Lampedusa keine Trinkwasserquelle gibt. Regenwasser wird gesammelt. Und der Chor singt „O welche Lust“, Beethoven: „Fidelio“. Die Darsteller basteln dazu Papierschifferl. Und die alten Diskussionen gehen los: Kostenexplosion wegen der zusätzlichen Sicherheitskräfte; „unsere“ Werte und Traditionen vs deren Bildungsmanko und Beschneidungsrituale. Eine Fremde-Kultur-Invasion! Die sollen lieber ihre Länder auf Vordermann bringen! Wir haben zu wenig Kinder, aber die aus Afrika wollen wir nicht. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, wurde zurückgepfiffen.Flüchtlinge aus dem Senegal beschrieben am 5. Oktober 2009 wie ihr Boot auf See aufgebracht wurde: „Wir hatten nur noch drei Tage zu fahren, da hat uns ein Polizeischiff aufgehalten. Sie wollten uns kein Wasser geben. Sie haben gedroht, unser Boot zu zerstören, wenn wir nicht sofort umkehren. Wir waren fast verdurstet und hatten auch Leichen an Bord. Trotzdem mussten wir zurück nach Senegal.“ Amnesty International, Pro Asyl und der Evangelische Entwicklungsdienst bestätigen übereinstimmend solche Berichte. Frontex-Direktor  Ilkka Laitinen gab zu, dass Frontex jährlich mehrmals Flüchtlingsboote im Mittelmeer abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt ohne Asylprüfungsverfahren abgeschoben hatte. Nun werden Roboter, Drohnen, entwickelt, die selbsttätig „Illegale“ aufspüren sollen. Und der Chor trägt Brahms „Selig sind, die da Leid tragen“ vor.

Liepold-Mosser haut einem die Gegensätze nur so um die Ohren. Aus dem beliebten Trainingslager der besten italienischen Fussballmannschaften wurde ein einziges großes Flüchtlingslager. Erschütternd auch die O-Töne einiger Lampedusiani. Ein Fischer, dessen Broterwerb dahin ist. Ein Souvenirverkäufer, der einpacken kann. Eine Menschenrechtsaktivistin, die sagt: „In mein Büro kommen Touristen, die fragen, wo man die Flüchtlinge am besten fotografieren kann. „Va Pensiero“ (Verdi: „Nabucco“) und Beethovens „Ode an die Freude“, immer freudloser, immer konfuser, obwohl sich im Publikum viele bemühen, die Stimme zu halten. Mit lautem Knall fliegt ein Schlauchboot vom Himmel. Erschrecken, aufschrecken allerorts.

Bernd Liepold-Mosser hat ein Projekt geschaffen, dem man den Weg durch Europa wünscht. Von Skandinavien bis zu den Mittelmeerländern. Was wiegt der Mensch? Glaubt einer wirklich, dass einer (mit Frau und Kind)  einfach drauflos die Heimat verlässt, weil’s in Europa so lustig zugehen soll? Es ist noch nicht  lange her, dass Europa Flüchtlinge, Vertriebene, vom Tod Bedrohte hatte, die um Aufnahme in ein freundliches Land bettelten. Vergessen? Niemals vergessen. Also: Brüssel: Bitte, melden!

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/bernd-liepold-mosser-im-gespraech/

Wien, 12. 12. 2014