Welcome to Sodom

November 23, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Unterwelt der Wertschöpfungskette

In riesigen Feuern wird das wertvolle Kupfer vom Plastik getrennt. Bild: © Stadtkino Filmverleih

In riesigen Feuern verbrennen die Plastikkabel. Die Hitze ist groß, die rußverschmierten Männer kühlen sich mit Wasser, das ihnen ein paar Mädchen reichen. Awal Mohammed, der Herr über die Flammen, ist hocherfreut über die Leistung seiner Brandstelle, das Feuer legt das wertvolle Kupfer frei. Dass es ihn auch verletzen, sogar töten kann, weiß Awal. Darum raucht er Ganja, Marihuana: „Das macht meinen Körper unverwundbar“, sagt er.

Für ihren Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“, ab Freitag in den Kinos, haben sich Florian Weigensamer und Christian Krönes zur größten Elektromüllhalde der Welt begeben. Agbogbloshie im afrikanischen Ghana. Im Hintergrund erkennt man die Skyline von Accra. Etwa 6000 Menschen, inklusive der Frauen und Kinder, leben an diesem Ort, den sie „Sodom“ nennen. Die Mülldeponie ist Endstation für Elektroschrott vornehmlich aus Europa. Geschätzte 250.000 Tonnen ausrangierte Computer, Smartphones, aber auch Eiskästen oder Fernsehapparate aus einer weit entfernten, elektrifizierten und digitalisierten Welt werden Jahr für Jahr hier abgeladen. Illegal, versteht sich.

Wer sich an dieses Ende der westlichen Wertschöpfungskette vorwagt, sucht Rohstoffe. Aluminium, Zink und eben Kupfer, das dann zur Herstellung neuer Geräte in die EU und die USA zurückgeht. Ghana wird gern als „die Schweiz Afrikas“ bezeichnet, das macht Accra zum Anziehungspunkt für Zuwanderer aus dem völlig verarmten Norden des Landes oder aus wirtschaftlich schlechter gestellten Nachbarstaaten, doch tatsächlich müssen die meisten Ghanaer mit weniger als zwei Euro pro Tag auskommen. Weigensamer und Krönes lassen die Kamera über das Gelände gleiten. Wellblechhütten, eine Waschgelegenheit zwischen zwei umgestürzten LKW-Motorhauben, an einer Stelle werden PCs in ihre Bestandteile zerklopft.

Aus dem Elektroschrott werden die besten Stücke ausgesucht. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Glaubt man den Erzählungen der Einheimischen, so die Filmemacher, war der Technikfriedhof vor nicht allzu langer Zeit noch eine wunderschöne Lagune. Nun ist das Wasser hochtoxisch, es gehört zu den giftigsten Gewässern des Erdballs, trotzdem werden damit Felder besprengt. Nun „grasen“ die Schafe und Rinder auf dem von Metallstückchen übersäten Boden, was immer sie da zu finden hoffen, während Halbwüchsige Magneten darüber schleifen.

Um damit noch das kleinste Eckchen Eisen aufzulesen. Die Kulisse dazu sind die gigantischen schwarzen Rauchschwaden vom verkohlenden Kunststoff oder Gummi. Eine, die hier arbeitet, ist Kwasi, ein Mädchen, das sich als Bub ausgibt, um in der Hierarchie der Müllaufbereiter überleben zu können. In ständiger Angst, dass ihr richtiges Geschlecht entdeckt wird, gibt sie sich besonders burschikos und ruppig. Als Mädchen dürfte sie nur Wasser verkaufen, und das brächte bei Weitem weniger Geld ein, als ihre Schufterei mit dem Magneten. „Überall im Boden liegt Eisen. Es ist wie Geld, das aber niemandem gehört. Jeden Tag wird ein Preis für Metalle bestimmt. Den machen sie in New York oder so. Und der bestimmt, wie viel Geld ich bekomme“, ist sich Kwasi der Segnungen der Globalisierung sicher. Der Kapitalismus gibt sogar an dieser Stelle die Geschlechterrollen vor.

Weigensamer und Krönes schildern ihre Eindrücke über einzelne Schicksale. Da ist ein Flüchtling aus Gambia, früher Student von Shakespeare und George Bernard Shaw, schwul, was ihm in seiner Heimat Gefängnis und Folter einbrachte. Nun versteckt sich der Jude unter Muslimen. Da ist der TV-Apparate-Ausrangierer, der nur noch die letzte Rate für seinen Reisepass abzahlen muss, um dann endlich „jemand zu sein“ in der EU. „In diesem Afrika gibt es für uns nichts mehr“, sagt er, und will auf legale Weise ins Gelobte Land, „nicht im Meer ertrinken oder von Schleppern erschlagen werden“. Wasserverkäuferin Fauzia Mohammed hat resigniert: „Das ist kein Ort, um alt zu werden. Es ist ohnehin kein Ort, an dem man sehr alt wird. Die Zeit hier arbeitet anders. Gegen deinen Körper. Dieser Ort frisst dein Leben auf. Und zwar verdammt schnell.“ Sie ist Mitte Vierzig, ihrem Aussehen nach aber um einiges älter.

Beim Kabelsammeln lässt sich ein wenig Geld verdienen. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Da sind die HipHop-Tänzer, die sich mit dem Handy filmen, während die Mädchen der schweiß- und testosterongeschwängerten Performance nur zuschauen dürfen. Die Frauen blicken direkter, abwartender, abschätziger in die Kamera als die sich produzierenden Männer. Die Stimmen dieser Menschen sind der Off-Text des Films, erklärt wird nichts, man soll erahnen. Über weite Strecken kommen die Bilder ganz ohne Worte aus.

Sie sind brutal, poetisch, von einer absonderlichen Ästhetik, für deren Schönfinden man sich fast schämen muss. Etwa, wenn eine Gerätepyramide wie ein archaisches Grabmal wirkt, die ganze Szenerie wie aus einem dystopischen SciFi-Film. In einer der anrührendsten Szenen finden Jugendliche auf einem alten Smartphone noch Fotos: kleiner, weißer Bub, kleiner, weißer Hund, weiße Frau – „mit großem Busen“, feixt einer, Blumentröge vor einem Einfamilienhaus. Das ist eine andere Realität als die ihre.

Die Menschen hier wollen kein Mitleid, sie wollen ernst genommen werden, sagen Weigensamer und Krönes. Und, dass sie mit ihrem ruhigen, beobachtenden Film nicht anklagen, sondern das Nachdenken anregen wollen. Über die Kehrseite der Konsumwelt, über das Tech-Gadget als Wegwerfartikel, über den Run auf die immer neueste Generation von … Das ist den beiden bravourös gelungen. Ein paar Mal zeigt die Kamera einen selbsternannten Prediger, entweder wahnsinnig oder ein wahrhaft Gläubiger. Er sagt zum Schluss: „Der Gott von Afrika ist der Gott Europas.“

Trailer: vimeo.com/293528325          www.welcome-to-sodom.com           stadtkinowien.at

  1. 11. 2018