Cop Secret / Leynilögga

Juni 24, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine queere Krimikomödie aus Island

Der coolste Cop von Reykjavik: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Toxische Männlichkeit, eine schwule Liebe, Frauenfußball, Bankräuber und Bombenleger in einem Film – und das alles mit einem Humor, der die Gay-Community an keiner Stelle veralbert oder brüskiert? Geht das? In Island durchaus. Von der Insel, deren Cineastinnen und Cineasten sonst auf grandiose Landschaftsbilder, eine gewisse Düsternis und

eine Tendenz zum Ausbuchstabieren von Beziehungen setzen, kommt die Buddy-Komödie des Sommers: „Cop Secret / Leynilögga“, seit heute in den Kinos, ein Polizeikrimi, in dem die flotten Sprüche um nichts langsamer abgefeuert werden als die Projektile aus den diversen Pistolen. Regisseur Hannes Þór Halldórsson, seines Zeichens 77-facher Torhüter der isländischen Fußballnationalmannschaft gegen den nicht einmal Lionel Messi einen (Elf-)Meter hatte, hat sich an einer wilden Genreparodie im 80er-Action-Stil versucht, viel gewagt und bei den Festivals von Locarno, London, Seattle bis Busan ein begeistertes Publikum gewonnen.

Halldórsson ist gemeinsam mit dem isländischen Comedian Sverrir Þór Sverrisson, genannt Sveppi, auch Drehbuchautor, und auch seine beiden Hauptdarsteller, Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson aka DJ MuscleBoy als Hörður, waren von Anfang an ins Projekt involviert und am Skript beteiligt. Was einen zur Handlung bringt, in der’s ab Minute eins rundgeht: Da nämlich verfolgt Bússi mit seinem Polizeikollegen Klemenz – Sveppi als dauerpleiter Tollpatsch, der Bússis rasanten Fahrten im Pontiac Firebird Trans Am nichts abgewinnen kann, vor allem nicht mit seinem Sohn auf dem Rücksitz, weil Herr Papa an diesem Tag mit der Kinderbetreuung dran ist – da nämlich verfolgt Bússi mit heulendem Motor und quietschenden Reifen eine Motorradfahrerin (Vivian Ólafsdóttir als Stefanía), die gerade an einem Bankraub beteiligt war.

Die Serie an Überfällen in Reykjavik bleibt mysteriös, haben die Verbrecher doch nie eine íslensk króna mitgenommen. Bússis Auto-Angriff wird an der Stadtgrenze je gestoppt, von Hörður, der den Distrikt nun als seinen Zuständigkeitsbereich verteidigt. Supermacho trifft auf Supercop, die Rollen des prolligen, abgefuckten, harten Hunds und des sleeken, auftrainierten Schönlings sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson tatsächlich auf den Leib geschrieben. Und während der Inbegriff toxischer Männlichkeit sich mit Alkohol und Drogen durch- und seiner Freundin, die über zu wenig Sex klagt, herumschlägt – Júlíana Sara Gunnarsdóttir als Lilja, die schon längst ahnt, was Sache ist, führt der andere gutgelaunt ein Kamerateam durch seine Ökovilla in Garðabær, wobei er sich der wachsenden Fangemeinde als pansexuell vorstellt.

Bússi und sein Polizeikollege Klemenz: Auðunn Blönda und Sverrir Þór Sverrisson. Bild: © Polyfilm

Da kann Mann schon schwach werden: Egill Einarsson als Hörður. Bild: Screenshot

Partner fürs Leben: Auðunn Blöndal als Bússi und Egill Einarsson als Hörður. Bild: © Polyfilm

Die Medien haben einen neuen Star, Bússi dominiert nicht mehr länger die Nachrichten aus dem Polizeirevier. Als dann noch Klemenz dank Bússis Cop-Künsten angeschossen wird, hat Chefin Þorgerður, Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Typ hantige Mutter, eine Königinnen-Idee: Bússi und Hörður werden als neues Ermittler-Dream-Team zusammengespannt. Was Bússi greifen lässt bei folgenden Dialog zum Flachmann greifen lässt – Hörður: „Ist schon Happy Hour?“- Bússi: „Dein Fitnessclub hat angerufen, du versäumst den Spinning Kurs.“

Hannes Þór Halldórsson ist eine Persiflage aufs US-Blockbuster-Kino gelungen, von den gelungenen Stadtaufnahmen von Kameramann Elli Cassata bis zum Soundtrack von Komponist Kristján Sturla Bjarnaso, die Stereotypen wie Bússis verbissene Ernsthaftigkeit konterkariert und – man erlaube den Fußballbegriff – Standardsituationen mit viel Sinn für Ironie aufbricht. Gespickt ist der Film zudem nicht nur mit Bildzitaten aus bekannten Cop-Filmen, sondern auch mit Cameos und Gastauftritten isländischer Prominenter, wie etwa dem ehemaligen Bürgermeister von Reykjavik, Jón Gnarr, der im Film den isländischen Premierminister spielt.

Oder Halldórssons ehemaligem Teamkollegen Rúrik Gíslason als Ganove Omar (dem Hörður bescheinigt: „Er sieht extrem gut aus!“), nunmehr Mitbegründer des „Glacier Gin“, der in der Volcanic Drinks Destillerie in Reykjavik hergestellt wird, und dem hiesigen Publikum vielleicht bekannt durch seine Teilnahme an den TV-Shows „Let’s Dance“, „5 gegen Jauch“ und „The Masked Singer“ – im Gorillakostüm. Klar sind Auðunn Blöndal und Egill Einarsson ihre Heldenauftritte in Slow Motion à la John Woo gegönnt, doch kommt’s beim brutalen Shoot-out mit dem Superschurken zur ersten zarten Berührung der Hände, bald zu leidenschaftlichen Küssen auf der Herrentoilette und einem gemeinsamen Aufwachen im Bett.

Die Konkurrenz- und Männlichkeitsrituale zwischen Bússi und Hörður werden so lange überspitzt, bis sie in ihr Gegenteil kippen. Bússi erkennt, dass er nicht ehrlich mit sich selbst war, und plötzlich eröffnen sich ihm neue Perspektiven. Die Krimihandlung ist zu diesem Zeitpunkt zwar etwas in den Hintergrund getreten, doch dann wird der psychopathische Superschurke Rikki vorgestellt – Björn Hlynur Haraldsson und wie er sich mit dem Bowie-Messer rasiert, und Hörður erkennt ihn auf einem Video als Ex-Model-Kollegen.

Mörderbraut: Vivian Ólafsdóttir als Stefanía. Bild: Polyfilm

Großes Kaliber: Auðunn Blöndal als Bússi. Bild: © Polyfilm

Die strenge Vorgesetzte: Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir als Þorgerður. Bild: Screenshot

Der ultimative Bösewicht: Björn Hlynur Haraldsson als Rikki. Bild: Screenshot

Pattsituation zwischen Cops und Ganoven. Bild: Screenshot

Regisseur, Drehbuchautor und aktiver Tormann der isländischen Nationalmannschaft: Hannes Þór Halldórsson. Bild: © Polyfilm

Dessen sinistre Truppe von Hightech-Gangstern soll nun während des (echten) Qualifikationsspiels für die Fußball-WM der (tatsächlichen) isländischen Frauennationalmannschaft gegen England mittels Bombenattentats zum finalen Schlag ausholen, alle Einsatzkräfte am Katastrophenort bündeln, und derweil in Seelenruhe Islands Goldreserven stehlen. Þorgerður und ihr Team arbeiten auf Hochtouren und bald wird klar, dass ein Polizei-Insider als Verräter in Rikkis Lager gewechselt haben muss. Alldieweil suchen Bússi und Hörður dessen jüngeren Bruder Maggi, Down-Syndrom-Schauspieler Birgir Gíslason, den Rikki entführt hat, nicht wissend, dass der ein Ego-Shooter-Champion ist – was sich als sehr hilfreich herausstellen wird, so ein Scharfschütze in der Familie: „Bad Guy“ kommentiert Maggi jeden seiner Bildschirmabschüsse …

Mitten im Schusswechsel überwindet sich der identitätskriselnde Bússi zum Liebesgeständnis. Die schönste Szene im Film, die hier nicht vorenthalten werden soll – Hörður: „Du bist schwul, Bússi, das ist alles. Newsflash, Dude, wir haben 2022, da interessiert das niemanden mehr.“ – Bússi schreit durchs Geballer: „Hörður, ich liebe dich. (Maschinengewehrsalve) Wirst du mich dafür verhaften?“ – Hörður (verhaftet gerade Stefanía): „Vielleicht bringe ich später meine Handschellen.“ – Bússi: „Deal!“

„Cop Secret“ würfelt zahlreiche bekannte Genre-Versatzstücke von Polizei-Buddy-Movies bis Heist-Thriller durcheinander und erzielt damit einen überraschend innovativen Pasch. Gerade die spezielle Mischung aus progressiver Gesellschaftsvision, Nordic Noir und jeder Menge nordisch-schwarzem Humor weiß dabei zu überzeugen, und gleichsam charmant sind die Bemühungen, Reykjavik wie einen Großstadtmoloch wirken zu lassen. Dass dieses zum Schluss nicht in Schutt und Asche liegt, bei der Dichte an Schießereien, Explosionen und niedergemähtem Stadtverkehr, die Regisseur Halldórsson hier auffährt, gehört einfach zum Happy End.

www.mfa-film.de/kino/id/cop-secret           alief.co.uk/copsecret

24. 6. 2022

Kammeroper: Faust

Oktober 12, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klappmaul-Mephisto als strahlender Opernstar

Erste Annäherung ans „schöne Fräulein“: Quentin Desgeorges als Faust, Jenna Siladie als Marguerite und Dumitru Mădărășan als Méphistophélès. Bild: Herwig Prammer

Kalte Schauer beim Drame lyrique. An der Kammeroper hat Nikolaus Habjan Charles Gounods „Faust“ inszeniert, und da in Rezensionen der Arbeiten des preisgekrönten Regisseurs so gern formuliert wird, er ließe die Puppen tanzen, voilà: In der finalen Walpurgisnacht bittet Habjan vier greise Säuglingsfigürchen zum bizarren Ballett auf dem Hochseil, hässliche Homunkuli als sozusagen Vorahnungen des Kommenden, und ihr Erscheinen einer der optischen Höhepunkte dieses fantastisch opulenten Opernabends.

Der einen alles überstrahlenden Star hat, in Form des menschengroßen Klappmaul-Méphistophélès, in Szene gesetzt von Puppenspielerin Manuela Linshalm und Bassist Dumitru Mădăraşăn, der dem Fürsten der Finsternis dank jener seltenen „Schwärze“ im Timbre eine elegante, subtile Gefährlichkeit verleiht. Mit jedem kurzen Kopfschütteln, dass ob der Torheit von Gottes Kreaturen stets zwischen Sarkasmus und Fassungslosigkeit changiert, beweist diese Puppe, und man darf das so sagen, denn Habjans Kreationen sind Subjekt, nie Objekt, ein so enormes schauspielerisches Können, wie man sich’s von manchem Fleisch-und-Blut-Teufel erhoffte.

Dieser rotgewandete Dämon mit verschlagen glitzernden Feueraugen, verächtlich verzogenem Mund und gräulichen Krallenhänden ist der Spielmacher, einer, der auch fürs Komödiantische sorgt, wie sich nicht zuletzt auf der Kirmes erweist, wo er das Volk zur „Ronde du veau d’or“ wie Marionetten tanzen lässt. Dieses dargestellt vom aus Mariana Garci Crespo, Ena Topcibasic, Anne Alt, Barbara Egger, Vladimir Cabak, George Kounoupias, Alexander Aigner und Klemen Adamlje bestehenden Vokalensemble, das mit seiner erstklassigen stimmlichen Leistung und einer überbordenden Spiellust eine der Erfreulichkeiten dieser Aufführung ist.

Gleichbleibend brillant ist es, ob der Achter-Chor nun die aus der Schlacht heimkehrenden Soldaten gegenläufig zur Musik nicht als Sieger, sondern als Kriegsversehrte markiert, oder später im Dom droht Marguerite in Stück zu reißen. Mit dem Chor wurde auch die Orchesterbesetzung verkleinert, Leonard Eröds stimmungsvolle Fassung wird vom Wiener KammerOrchester unter der Leitung von Giancarlo Rizzi aufs Feinste umgesetzt. Das Bühnenbild von Jakob Brossmann und Denise Henschl wechselt von Marguerite unschuldsweißer Stube über wie in Blut getränkte Kirchenrundbögen zur düsteren Kerkerzelle.

Vom Glanz verblendet, legt Marguerite den Schmuck des Méphistophélès an: Jenna Siladie und Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Herwig Prammer

Auf der Kirmes: Benjamin Chamandy als Wagner, Kristján Jóhannesson als Valentin und Klemen Adamlje und Alexander Aigner vom Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Die Frömmler vergreifen sich an Marguerite: das Vokalensemble gehört zu den Erfreulichkeiten der Aufführung. Bild: Herwig Prammer

Méphistophélès zerstört Marguerites letzte Hoffnung auf Gottes Gnade: Jenna Siladie, Dumitru Mădărășan und Manuela Linshalm; hinten: das Vokalensemble. Bild: Herwig Prammer

Und, apropos Blut: Die blutjungen Solistinnen und Solisten sind allesamt ausgezeichnet. Dass Quentin Desgeorges über einen kraftvollen, metallischen Tenor mit Gestaltungsvermögen für lyrische wie dramatische Momente verfügt, hat er am Haus bereits demonstriert, als Faust ist er zwischen Puppensex (den es tatsächlich gibt!), Schuld und Sühne, auch darstellerisch sehr präsent. Man weiß schier nicht, denn ähnlich sehen sich die beiden jedenfalls, ob der etwa einen Meter große Klappmaul- oder der Menschen-Faust verzweifelter dreinschauen. Dies Doppeln ist Habjans Art von Humor. Den übrigen Figuren hat er übrigens ebenfalls Kleinformat verordnet, einzig Marthe Schwertlein ist nur ein Schädel, ein unsympathisches Gesicht mit geil hervorquellenden Glubschaugen, ein Kopf, als wäre er gerade von der Guillotine gefallen.

Auch Marguerite wird auf dem Weg zum Schafott nur noch ein totenblasses Antlitz sein. Jenna Siladie ist für die Marguerite verantwortlich, und vermittelt mit ihrem weich fließenden Sopran von jungfräulicher Keuschheit übers glutvolle Es-endlich-erleben-Wollen bis zur reuigen Sünderin, die mit Stärke und Abscheu den Satan zurückweist, ganz großartig ein Gros an Gefühlen. Marguerite-Siladie trägt ihr Marguerite-Klappmaul in zweifachem Sinn wie eine Puppe, achtlos, ja sie fast über den Boden schleifend, als sie Siébels Blumen mit einem Pfft! wegwirft, kaum, dass sie das beelzebub’sche Schmuckkästchen entdeckt, dann wieder wird sie deren leidendem Zug um Augenbrauen und Mund gerecht, und drückt ihre Rollenpartnerin sanft ans Herz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Intensität Habjans von Produktion zu Produktion neu Auszubildende im Zusammenspiel mit der Puppe finden, als käme zur handwerklichen Virtuosität unversehens eine Seelenverwandtschaft, sobald Person und Pappmaché ins Zweigespräch treten. Hochpoetische, hochemotionale, hochdramatische Szenen kann Habjan so entstehen lassen: Von zärtlichen Küssen bis zu stürmischer Leidenschaft, von einem Umtänzeln bis zu dem Punkt, da die Puppe der Puppe unter den Rock greift. Wenn Puppen-Faust und -Marguerite sich an der Schaukel unterm Baum schon liebkosen, während ihre menschlichen Pendants mit dem Einander-in-die-Arme-Fallen noch ringen. Wenn die Degen von Puppen-Faust und -Valentin in Wahrheit von luziferischen Lakaien-Menschen geführt werden.

„Gerichtet!“ – „Gerettet!“ Dumitru Mădărășan als Méphistophélès, Jenna Siladie als Marguerite, Kristján Jóhannesson als Valentin und Quentin Desgeorges als Faust. Bild: Herwig Prammer

Schließlich die superbe Sequenz im Dom, wo Klappmaul-Méphistophélès Mădăraşăn-Priester erst von sich besessen macht, bevor er ihm seine Wünsche zu Puppen-Marguerites Vernichtung ins Ohr haucht, wobei deren anschließendes Ans-Leuchtkreuz-Schlagen im Publikum ein hörbares Atemgeräusch verursachte. Spaßig hingegen, wie Méphistophélès dann das Orchester zur Eile antreibt, damit’s schnell ein Ende nimmt mit der Kirchenmusik.

Mit Witz stattet auch Juliette Mars ihre Marthe Schwertlein aus. Den Puppenkopf vors eigene Gesicht haltend, jagt die Liebestolle den Teufel auf Teufel komm raus, bis dem sonst so schlitzohrigen Scheusal die Luft ausgeht. Ghazal Kazemi befördert die oftmalige Wurzen Siébel mit seufzend schmachtenden Jünglingstönen zum mutigen Kämpfer für das Gute. Benjamin Chamandy stimmt als Wagner ein fröhliches Trinklied an – und ist ansonsten ein kollegialer Mitbeweger von diversen Puppenteilen. Ein Souverän bei den Männern ist Kristján Jóhannesson als edel-starker Valentin, besonders stimmgewaltig bei der Verfluchung Marguerites, doch mit lang gehaltenen Legatobögen bereits beeindruckend beim Gebet „Avant de quitter ces lieux“ vor seinem Aufbruch in den Krieg.

Jóhannessons Valentin ist auch die Mitwirkung an der Kerker-Szene gegönnt, in der er der Schwester als stummer Mahner zur Seite steht. Zum schönen Schluss fällt hinter dieser ein goldener „Eisener“. Besser kann man ein höllisches „Ist gerichtet!“ versus des himmlischen „Nein, gerettet!“ kaum andeuten. Das Zuschauerergebnis: Auch am fünften Spieltag viel Jubel für alle Beteiligten.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbyrkBBe2Ts           www.theater-wien.at           www.nikolaushabjan.com

  1. 10. 2019