sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021

The Assistant: Eine Harvey-Weinstein-Story

Oktober 13, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Niemals auf die Couch vom Chef setzen!

Immer unter Druck, die Sexaffären ihres Chefs zum Verschwinden zu bringen: Julia Garner als Assistentin Jane, die für einen übermächtigen Filmproduzenten arbeitet. Bild: © Forensic Films

Das Schweigen im Morgengrauen ist ohrenbetäubend. Eine junge Frau, allein in schier endlosen Büroräumen, steht am Kopierer, Seiten um Seiten um Seiten, die sich später als Treatments und Drehbuchentwürfe herausstellen werden; sie räumt die schmutzigen Gläser vom Vortag vom Besprechungstisch, schlichtet Wasserflaschen in den

Eiskasten, checkt Flugtermine, Rechnungen von der Reinigung, in der Post eine Einladung ins Weiße Haus, am Telefon seine verärgerte Ehefrau wegen gesperrter Kreditkarten. Zum Soundtrack von Tastenklappern, Hörerauflegen, Kopierschlitten trudeln die Kollegen ein, viele sind’s, die hier für den Boss arbeiten, eine Kreativfabrik voll geknechteter Kreaturen. Jane ist eine davon, „The Assistant“ – so der Titel des Filmdramas von Regisseurin und Drehbuchautorin Kitty Green, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Die für die Netflix-Krimiserie „Ozark zweifach Emmy-ausgezeichnete Julia Garner spielt die junge Jane, deren Traumjob in der Filmbranche zum tagtäglichen Albtraum wird.

„The Assistant“ ist ein leiser Film zu einem Thema, über das man nicht laut genug schreien kann: das Stillhalten, das Wegschauen, die „karrieretechnisch“ unvermeidliche (sexuelle) Gewaltausübung eines Vorgesetzten. #MeToo – die Anspielungen auf Harvey Weinstein sind unübersehbar, doch ist der zu 23 Jahren Haft verurteilte Hollywood-Produzent nur die Spitze einer Herrenpyramide, die vor Gericht gestellt gehörte. Wie unsichtbares Nervengas lässt Kitty Green die Toxic masculinity durch die Korridore wabern, man kann die Angst der Angestellten förmlich riechen, und so unsichtbar wie gleichzeitig omnipräsent ist auch ER.

Dessen Name, wie der Gottes nicht ausgesprochen werden darf, und der ein alttestamentarisch strafender ist. „Ist ER schon da?“ – „Wann kommt ER wieder?“ – „Ist ER schon gegangen?“– „Es tut mir leid, ER ist gerade nicht greifbar.“ So wird zwischen den Schreibtischen gewispert. „The Assistant“ ist ein Film im Flüsterton, man wähnt sich in jener Art surrealistischem Horrormovie, in dem sinistre Diener um ein Böses wimmeln, das zu monströs ist, um jemals von der Kamera gezeigt zu werden. Der Big Player in der Filmbranche bleibt eine von Jay O. Sanders gesprochene Telefonstimme.

Unter ihm, in einer sterilen Atmosphäre zwischen Amts- und Krankenhaus, amtiert eine Männerwelt, Noah Robbins und Jon Orsini als Janes Zimmer-„Kollegen“ etwa, die jeden unangenehmen Auftrag ihr zuschanzen, und natürlich ist sie in der Teeküche die Tellerwäscherin und Kindergärtnerin für die Kids eines nachmittäglichen Sex-Termins. Welch ein Bild einer gedemütigten Frau. Wenn Jane, dies ihr „Spezialauftrag“, lautlos SEIN Reich aufräumt, vom Gebäck, das noch vom letzten Meeting auf dem Tisch steht, das beste nimmt und reinbeißt, die Brosamen vom Tisch des Herrn, dann Plastikhandschuhe um Einwegspritzen gegen Erektionsstörungen zu entsorgen – Julia Garners Gesicht bleibt bei all dem fast unbewegt, den Ekel ihrer Jane, als sie mit Desinfektionsspray vor der Couch kniet, erspürt man eher, als dass man ihn ihr ansieht.

„Niemals auf die Couch setzen!“, feixen denn auch die Kollegen, als sie einen Neuling über die Gepflogenheiten im Chef-Büro aufklären. Was Janes seltsam unheimliche Routine betrifft, so bleibt sie unkommentiert. Alle wissen, alle schweigen. Für das Kreditkarten-Gespräch mit Gattin muss Jane Gottes ungerechten Zorn über sich ergehen lassen, und man wünschte, sie würde endlich aufhören, Entschuldigungsmails zu schreiben, dies schriftliche Zu-Kreuze-Kriechen die übliche Praxis in dieser Firma, „Es tut mir leid“ – „Wollte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen“ – „Werde Sie nie wieder enttäuschen“ – „Bin so froh, in diesem Unternehmen arbeiten zu dürfen“, das ihr die Kollegen soufflieren.

„The Assistant“ ist der erste Spielfilm der australischen Dokumentarfilmerin Green, die mit „Ukraine Is Not a Brothel“ über die Femen-Bewegung bekannt wurde. Bei ihren Recherche-Gesprächen mit Weinstein-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, sagt sie, hätte sie immer und immer wieder die gleichen Geschichten vom Weg-Ducken und Ausgeliefert-Sein gehört, und tatsächlich ist einem dieses Zuckerbrot-und-Peitsche-System nicht unbekannt. „Ich bin streng mit Ihnen, weil ich Sie groß machen werde!“ = Fiktion / „Ich habe dich gemacht!“ = Fakt, Antwort damals: „Davon weiß meine Mutter aber nichts …“ – und Abgang.

Jon Orsini , Noah Robbins, Julia Garner. Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Bild: © Forensic Films

Den „Honey Pot“ will Jane ihrem Boss ausleeren, als der sich mit Sienna, Kristine Frøseth mit Lolita-Appeal, ein Betthupferl aus Idaho einfliegen lässt. Ausgerechnet Jane soll sie nicht nur als neue Assistentin einarbeiten, sondern auch in einem Luxushotel unterbringen, von dem Jane als Unterkunft nicht einmal träumen kann. Ein Rettungsversuch des mutmaßlichen Missbrauchsopfers bei Personalchef Wilcock, Matthew Macfadyen herablassend-jovial, endet so, dass Jane sich wie blöde vorkommen muss.

Sein „Sie sei doch punkto Karriere auf der Überholspur“ heißt eindeutig „Halt’s Maul!“, sein „Wollen Sie weiter hier arbeiten?“ und die mindestens 400 Bewerber, die draußen auf Janes Job warten, auch derlei hat man schon selber gehört. Eine beklemmende Szene übers Abwürgen von Zivilcourage ist das, mit einem nachgeworfenen: „Sie müssen sich keine Sorgen machen, Sie sind nicht SEIN Typ.“ Bis Jane zurück auf ihrem Platz ist, war die Bürobuschtrommel schon aktiv, und wieder ist ein Kotau-Mail fällig.

Kitty Green lässt sich das alles binnen 24 Stunden ereignen. Und nie wird die sexualisierte Gewalt, die der Boss ausübt, gezeigt noch wird sie jemals offen ausgesprochen. Alles erschöpft sich in Andeutungen. In den Couch-Witzen, wenn die nächste, die ins Beuteschema passt, um Anmeldung bei IHM bittet, im Gekicher über die mitgehörten schwülstigen Telefonate des Bosses. Eine der eindrücklichsten Episoden ist die, in der eine junge Schauspielerin abends von einer Executive Assistant ins Chefbüro begleitet wird.

Die Müdigkeit, die Abgestumpftheit ist dieser Frau anzusehen, und als Jane sie fragt, wer das Mädchen sei, antwortet sie scharf: „Bloß eine Zeitverschwendung für mich.“ Der einzige Mensch weit und breit, Max aus dem mittleren Management, der Erfüllungsgehilfe grandios verkörpert von Alexander Chaplin, klammert sich an seinen Sarkasmus. Wenn er vom oder für den Chef die Ohrfeigen kassiert. Ihm so wie Jane hat die Entmenschlichung am Arbeitsplatz wenigstens einen Namen gelassen, die anderen sind längst nur noch Durchwahlnummern.

Julia Garners Jane, äußerlich ruhig und verhuscht, mit einem gekränkt-beleidigtem Leidenszug um den Mund, mit einer schauspielerischen Meisterleistung, brodelt, seit Erscheinen Sienna merkt man’s, innerlich. Kitty Green erlaubt ihrer Protagonistin eine Ambivalenz, als ob sie’s ärgere, niemals die Auserwählte zu sein. Dies im Nicht-die-Stimme-Erheben, Nicht-den-eigenen-Aufsteig-Sabotieren eine weitere Nuance, die die Filmemacherin beifügt. Endlich beinah Mitternacht, Jane in einem Edward-Hopper’schen Diner, endlich das wie’s übrige Leben verpasste Happy-Birthday-Telefonat mit dem Vater, die Eltern aus dem Häuschen vor Freude über Janes „Chance“ – auch von dieser Seite also Druck.

Und Jane hat im Ohr den Sager der Executive Assistant: „Mach‘ dir nichts draus, sie holt aus der Sache mehr raus als ER.“ Auf die Frage, wie es sein kann, dass in Fällen sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz keiner aus dem Umfeld des Opfers Einhalt gebietet, gibt „The Assistant“ gallbittere Antworten. Und an alle, die auf wie und wo auch immer „Karriere“ hoffen, diese weiter, wofür es sich lohnte, am Ende des Tages so unglücklich zu sein …

bleeckerstreetmedia.com/the-assistant           Trailer: vimeo.com/460455020           www.youtube.com/watch?v=xQAfpZhGq60

  1. 10. 2020

Burgtheater: Schlechte Partie

Oktober 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Puppenstube mit Pistole an der Wand

Paratow beschenkt Larissa, Karandyschew hat das Nachsehen: Marie-Luise Stockinger, Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, hinten: Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dass Alexander Ostrowskij bei seinen Zeitgenossen beliebter als Tschechow gewesen sei, weil seine Figuren näher an ihrem Leben, das wurde Alvis Hermanis in diversen Interviews vorab nicht müde, als den Grund zu betonen, warum er dessen „Schlechte Partie“ mit nach Wien gebracht habe. Mit seiner Inszenierung am Burgtheater trägt der lettische Regisseur wenig dazu bei, Ostrowskijs Ruhm in die Neuzeit zu retten.

Seine Arbeit ist ein Augenschmaus für theaterhistorisch Interessierte, ein animierter Ausflug in die Vor-Stanislawski-Zeit des russischen Theaters, angenehm betulich und über weite Strecken amüsant, aber … Alexander Ostrowskij trägt er damit nicht Rechnung. Der Dramatiker, einer der Mitbegründer des zaristischen Nationaltheaters und ein begnadeter Komödienschreiber, verstand es in vorgerückten Jahren durchaus, seine Kritik an den Menschen und ihrer mangelnden Moral in seinen Stücken anzubringen. Auch die „Schlechte Partie“ ist zu diesem Spätwerk zu zählen, in dem im Zarenreich nicht alles so golden ist, wie die Kuppeln der Christ-Erlöser-Kathedrale glänzen.

Geht es doch um das so zeitlose wie durchaus wieder moderne Thema des Menschen als Ware. Als „Objekt“ mit zu bestimmendem Marktwert – dies sogar wortwörtlich im Text -, das die, die sich’s leisten, ohne Skrupel zum eigenen Vorteil käuflich erwerben können. Der Stachel sitzt in der Sache, und ihn tiefer ins Fleisch der Zuschauer zu treiben, hätte sich gelohnt. Bei Hermanis aber ist die „Schlechte Partie“ in erster Linie eine Saufpartie.

„Schlechte Partie“ erzählt von der unglücklichen Larissa Dimitrijewna, die im von ihrer verarmten Mutter, der Ogudalowa, geführten Salon, den Herren zu Gefallen vorgeführt wird. Larissa muss tanzen, singen, sich taxieren lassen, und die Ogudalowa lässt derweil die diversen Anbeter Geschenke für die Tochter drei Mal, vier Mal kaufen, um sich Geld zu verschaffen. Vor einem Jahr noch war Larissa mit dem Reeder Paratow verlobt, doch der hat sich, weil durch eine List seiner Verwalter um große Teile seines Vermögens gebracht, erst aus dem Staub, dann an eine Millionenerbin herangemacht.

Larissa verlobte sich daraufhin mit „dem Nächstbesten“, dem Postbeamten Karandyschew, den sie und alle anderen als weit unter ihrem Niveau betrachten. Und dann ist Paratow wieder da, mit dem Plan seinen Junggesellenabschied vor der reichen Heirat im Bett mit Larissa zu feiern. Hermanis lässt das Drama zwischen Blümchen- und Streifentapeten ablaufen. Mit der ihm eigenen Liebe zum verspielten Detail gestaltet er stilecht Puppen- und Wirtsstuben, er drapiert Spitzendeckchen auf Sofas, befüllt Vitrinen mit kostbarem Glas und die Wände mit Bildern. Für sein Bühnenbild griff er auf Originalentwürfe aus der Zeit Ostrowskijs zurück, die Kostüme von Kristine Jurjane dazu passend.

Paratow plant seinen sinistren Junggesellenabschied: Nicholas Ofczarek mit Peter Simonischek, Martin Reinke und Fabian Krüger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Knurow macht der Ogudalowa ein unsittliches Angebot für Larissa: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weniger Aufmerksamkeit als der Ausstattung widmet Hermanis, so zumindest der Eindruck, den Charakteren. Seine Inszenierung wirkt, als hätte er beim Unterrichtsfach Psychologisierung von Figuren in der Schauspielschule gefehlt, oder nun den Gegenstand absichtlich geschwänzt. Das hochkarätige Ensemble wird veranlasst, ganz im Stile der russischen Theatertradition, mit großen Gesten und outrierten Gefühlen zu agieren. Da wäre, wäre man nicht an der Burg, Knallchargigkeit vorprogrammiert, doch dank den Herren Ofczarek, Maertens, Reinke und Simonischek kommt es nicht zum Äußersten.

Sie verstehen „Schlechte Partie“ als die abgründige Tragigroteske, die sie ist, und spielen das auch. (In einer der Puppenstuben nämlich hängen Pistolen, und wo Pistolen hängen wird, so will es das Theatergesetz, geschossen …) Nicholas Ofczarek ist als Paratow zu sehen, der zynisch seine Intrige spinnt, mit der unverhohlenen Aussicht, ein Menschenleben zu zerstören. Denn der Ausgang seines Schäferstündchens muss ihm klar sein. Ofczarek gestaltet in seiner Figur das Aufkommen eines Bürgertums, das antritt, um den Adel vom Sockel seiner Existenz zu stoßen.

Zwar dessen Attitüden annimmt, aber im Gegensatz zu den abgebrannten Blaublütern unverhüllten Materialismus lebt. Ofczareks Paratow ist ein Vorgänger des Lopachin, er spielt ihn allerdings – bildlich gesprochen – mit funkelnd rollenden Bösewichtaugen. Er wird Larissa schließlich von sich schleudern, wie ein benutztes Schnupftuch. Das „Kapital“ vervollständigen Peter Simonischek und Martin Reinke als die Kaufleute Knurow und Woschewatow, ersterer mit weißem Rauschebart noch irgendwie Typ anlassiger Opi, zweiterer mit seiner schneidenden Stimme eindeutiger auf der Lauer nach Larissa.

Wie die beiden um sie eine Münze werfen, wie Knurow dem Mädchen ganz offen anbietet, ihr für Gegenleistungen eine lebenslange Rente zu zahlen (gerade dieser Tage wieder ist ein „Mächtiger“ als Frauenbedränger im Gerede), das ist der Kern des Stücks. Das übrigens, und hieran zeigt sich, wie Hermanis irrt, als einziges von mehr als 50 Stücken Ostrowskijs von seinen Zeitgenossen abgelehnt wurde, und bei den Premieren in Moskau und St. Petersburg durchgefallen ist. In der Figur des „Robinson“ beklagt der Autor das Künstlerschicksal, Fabian Krüger als abgehalfterter, trunksüchtiger Schauspieler, der sich von seinen Gönnern zum Affen machen lassen muss.

Paratow ist am Ziel …: Nicholas Ofczarek und Marie-Luise Stockinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… Karandyschew ist am Ende: Michael Maertens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und dann ist da der zweite Ausgestoßene aus der selbsternannt besseren Gesellschaft: Michael Maertens als Karandyschew. Der kleine Beamte, der ewig Gedemütigte, im Infight mit dem schneidigen Abenteurer Paratow. Wie Maertens den unsympathischen Spießer mit der Großmannssucht mit Tragik und szenischer Wahrhaftigkeit gibt, das ist große Kunst. Sowohl Tränen als auch den Wahnsinn im Auge, heischt er um die Gunst der anderen, lädt zum Essen ein, versteht nicht, dass er Spielball einer immer noch hierarchiesüchtigen „Herrschaft“ ist.

Er wird von Paratow und seinen Spießgesellen betrunken gemacht, um Larissa betrogen – und: reißt die Pistole an sich … Als Larissa wird Marie-Luise Stockinger so lange unter Krinoline, Kokoshniks und Schultertüchern versteckt, dass sie fast nicht zum Spielen kommt. Nur dann, wenn sie die vorgegaukelte Naive abwirft und deutlich macht, dass sie ihre Situation sehr wohl klar sieht, hat Stockinger ihre Momente. Die Ogudalowa will Dörte Lyssewski als schlaues „Weibchen“ gestalten, als Larissas private Puffmutter, die sich in der Männerwelt zu behaupten versucht. Auch sie bleibt aber eher blass.

Hermann Scheidleder und Hans Dieter Knebel als Wirtspersonal Gawrilo und Iwan komplettieren das Ensemble nach der Devise: „lustige Elemente“. Zum Schluss macht sich eine Figur durch ihren Tod vom Objekt zum Subjekt. Da leuchtet noch einmal auf, wie viel in der „Schlechten Partie“ Gutes steckt. Hätte sich Hermanis nicht entschlossen, verschroben-altvaterische Tableaux vivants auf Perserteppichen zu arrangieren, dies dreieinhalb Stunden lang, denn bei der Premiere überzog er schamlos um eine halbe, statt Satire zu inszenierten.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2017

sirene Operntheater: Uraufführung von „Chodorkowski“

November 12, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Königsdrama um Macht und Geld

Bild: sirene Operntheater

Bild: sirene Operntheater

Michail Borissowitsch Chodorkowski, Kreml-Kritiker, Unternehmer mit Wohnsitz in der Schweiz, früherer Oligarch und Ex-Gefangener in einem sibirischen Arbeitslager, und sein Kontrahent Wladimir Putin sind die zentralen Figuren in der Oper „Chodorkowski“ von Librettistin und Regisseurin Kristine Tornquist und Komponist Periklis Liakakis, die das sirene Operntheater am 20. November im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste uraufführt. Im Werk geht es nicht nur um das Königsdrama zwischen Chodorkowski und Putin, sondern auch um Aufdeckung der komplexen zeithistorischen Hintergründe zwischen 1989 bis 2013.

Die sich wandelnden Beziehungen zwischen Wirtschaft und Staat verändern im Lauf der Zeit auch die Beziehung zwischen den Protagonisten, die einander nicht unähnlich sind – zwei junge, ehrgeizige Männer mit großen Plänen, die nichts zu verlieren haben. Gesellschaftliche Auf- und Umbrüche verflechten sich mit finanzpolitischen Fehlern und machtpolitischen Intrigen in einem Treibhaus, in dem die Aufsteiger gut gedeihen. Doch als die Kontrahenten oben angekommen sind, zeigen sich die charakterlichen Unterschiede. Während der eine sein Revier sichert, denkt der andere weiter und riskiert alles. Dass Chodorkowski im Dezember 2013 anlässlich einer PR-Offensive in Sotschi aus seiner Haft überraschend freigelassen wurde, thematisiert die Oper bewusst nicht. Als offenes Ende des Librettos stehen die Hoffnung und das Versprechen, das Chodorkowski im Gefängnis gegeben hat. Für ein „Offenes Russland“, so der Name seiner mittlerweile gegründeten Bewegung. Spielball der großen Kräfte ist wie stets das Volk. Das hier erst als Buffopaar für lakonischen Witz sorgt, doch zuletzt in die Tragödie stürzt – denn im Gegensatz zu den Großen, die fallen und steigen und dabei doch nie ihre Bedeutung verlieren, leiden die von der Politik nur in Wahlkampfreden bemerkten „kleinen Leute“ ohne Medientamtam.

Michail Chodorkowski war einer der Männer, die nach 1989 in arrangierten Versteigerungen die maroden sowjetischen Staatsunternehmen um ein Spottgeld zugeschanzt bekamen, privatisierten und sanierten. Zwischen diesen Oligarchen und der Politik gab es Stillhalteabkommen, dass die zum Teil im rechtsfreien Raum ablaufenden Geschäfte solange unbehelligt blieben, solange sie sich weder in die Politik einmischten noch sich der Einmischung der Politik widersetzten. „Hier herrschte in den Übergangszeiten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Gesetz des Dschungels. Keiner wusste genau, welche Vorschriften noch galten – ich nutzte das aus“, erzählte Chodorkowski 2002 und bezeichnete sich als „Räuberbaron“. Der Milliardär verstieß in der ersten Legislaturperiode Putins gegen beide Regeln. Einerseits wollte er die Ölfirma Yukos nach westlichem Vorbild transparent machen und in eine Aktiengesellschaft umwandeln, was den Einfluss der Politik auf den Export der Bodenschätze unmöglich gemacht hätte. Andererseits wollte er, in seiner Entwicklung von der zunehmend regulierungsfreudigen Regierung und der korrupten Beamtenschaft behindert, in die Politik einsteigen. Er unterstützte intensiv mehrere, auch linke Parteien, um die demokratische Landschaft zu beleben, förderte kritische Medien, kritisierte vor laufenden Kameras in harschen Worten die Korruption der Einheitspartei Einiges Russland. Damit forderte er Putin persönlich heraus. Chodorkowski ignorierte stolz alle Warnungen. 2003 wurde er verhaftet und unter offensichtlich politischer Direktive verurteilt und in einem sibirischen Arbeitslager inhaftiert.

Ganz unabhängig von Sympathien, die man dem Oligarchen gegenüber hegen kann, und der Ablehnung, die man einer Einparteienautokratie wie Russland entgegenbringt, stehen hier nicht nur zwei mächtige Männer einander in persönlicher Abneigung gegenüber, sondern auch die zwei Machtprinzipien, die sie vertreten – die Macht der Politik und die Macht des Geldes. Putin strebt im Erbe des Sowjetregimes absolute politische Kontrolle an, die reine Politik, die kaum von unabhängiger Öffentlichkeit, Medien, Justiz oder durch Wahlen kontrolliert und korrigiert werden kann. Jelzins Politik war national und Putins Interesse ist konservativ – waren doch die Staatsbetriebe deshalb unterm Wert an Russen wie Chodorkowski verschenkt worden, damit sie unter russischer Kontrolle blieben.

Dem hielt Chodorkowski die Macht des Geldes entgegen. Der neoliberale Kapitalismus, den er und seine Partner im Eiltempo aus dem Boden stampften, brauchte andere Strukturen. Er sucht Internationalität, muss nach internationalem Recht agieren, muss sich aber auch um sein Image sorgen. Selbst wenn Chodorkowski nicht der Idealist gewesen ist, für den man ihn inzwischen so gerne halten will, war ihm immer an einer modernen russischen Gesellschaft gelegen, in der die Politik auf die Wirtschaft keinen direkteren Einfluss ausüben kann als über Gesetz und Steuererhebungen. Diese russischen Verhältnisse stehen im Kontrast zur Situation im Westen, wo die Konzerne und Banken längst die Politik vor sich herjagen. Als etwa George W. Bush in einer Brandrede Putin mahnte, Chodorkowski einen fairen Prozess zu machen und ihn freizugeben, sprach er nicht nur als oberster Sheriff westlicher Ideale, sondern er sprach auch im Namen der amerikanischen Ölfirmen, mit denen Chodorkowski verhandelt hatte und denen er selbst verbunden war. Im Interview mit der NZZ 2014 sagte Chodorkowski daher: „Lasst uns den ,amerikanischen‘ Weg beschreiten. In den USA gibt es faktisch keine Parteien, das sind vielmehr Kampagnen-Organisationen, die für bestimmte Wahlen existieren“.

Die Verurteilung Chodorkowskis änderte das Klima in Russland. Einige Oligarchen setzten sich daraufhin mit ihrem obszönen Reichtum ins Ausland ab, andere arrangierten sich mit Putin. Der russische Künstler Victor Petrik hat anlässlich Putins Geburtstag ein Bild des russischen Präsidenten in Edelstein geschaffen. Petrik sagte über die Gemme: „Millionen von Jahren werden vergehen, alles wird zerstört werden, aber das Porträt des russischen Präsidenten in Saphir wird auf ewig im Sonnenlicht glänzen.“ Die russische Justiz erwägt neuerlich Ermittlungen gegen Chodorkowski, diesmal wegen Mordes. Es lägen aktuelle Beweismittel im Fall des 1998 ermordeten Bürgermeisters im sibirischen Neftejugansk, Wladimir Petuchow, vor. Chodorkowski soll als Zeuge in Moskau befragt werden. Dass er im Exil lebt, sei „kein Hindernis“.

Es singen u. a. Clemens Kölbl (Michail Borissowitsch Chodorkowski), Ingrid Habermann (Marina Filippowna Chodorkowskaja) und Alexander Mayr (Wladimir Wladimirowitsch Putin), es spielt Das Rote Orchester.

www.sirene.at

Wien, 12. 11. 2015