Burgtheater: Schlechte Partie

Oktober 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Puppenstube mit Pistole an der Wand

Paratow beschenkt Larissa, Karandyschew hat das Nachsehen: Marie-Luise Stockinger, Nicholas Ofczarek, Michael Maertens, hinten: Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dass Alexander Ostrowskij bei seinen Zeitgenossen beliebter als Tschechow gewesen sei, weil seine Figuren näher an ihrem Leben, das wurde Alvis Hermanis in diversen Interviews vorab nicht müde, als den Grund zu betonen, warum er dessen „Schlechte Partie“ mit nach Wien gebracht habe. Mit seiner Inszenierung am Burgtheater trägt der lettische Regisseur wenig dazu bei, Ostrowskijs Ruhm in die Neuzeit zu retten.

Seine Arbeit ist ein Augenschmaus für theaterhistorisch Interessierte, ein animierter Ausflug in die Vor-Stanislawski-Zeit des russischen Theaters, angenehm betulich und über weite Strecken amüsant, aber … Alexander Ostrowskij trägt er damit nicht Rechnung. Der Dramatiker, einer der Mitbegründer des zaristischen Nationaltheaters und ein begnadeter Komödienschreiber, verstand es in vorgerückten Jahren durchaus, seine Kritik an den Menschen und ihrer mangelnden Moral in seinen Stücken anzubringen. Auch die „Schlechte Partie“ ist zu diesem Spätwerk zu zählen, in dem im Zarenreich nicht alles so golden ist, wie die Kuppeln der Christ-Erlöser-Kathedrale glänzen.

Geht es doch um das so zeitlose wie durchaus wieder moderne Thema des Menschen als Ware. Als „Objekt“ mit zu bestimmendem Marktwert – dies sogar wortwörtlich im Text -, das die, die sich’s leisten, ohne Skrupel zum eigenen Vorteil käuflich erwerben können. Der Stachel sitzt in der Sache, und ihn tiefer ins Fleisch der Zuschauer zu treiben, hätte sich gelohnt. Bei Hermanis aber ist die „Schlechte Partie“ in erster Linie eine Saufpartie.

„Schlechte Partie“ erzählt von der unglücklichen Larissa Dimitrijewna, die im von ihrer verarmten Mutter, der Ogudalowa, geführten Salon, den Herren zu Gefallen vorgeführt wird. Larissa muss tanzen, singen, sich taxieren lassen, und die Ogudalowa lässt derweil die diversen Anbeter Geschenke für die Tochter drei Mal, vier Mal kaufen, um sich Geld zu verschaffen. Vor einem Jahr noch war Larissa mit dem Reeder Paratow verlobt, doch der hat sich, weil durch eine List seiner Verwalter um große Teile seines Vermögens gebracht, erst aus dem Staub, dann an eine Millionenerbin herangemacht.

Larissa verlobte sich daraufhin mit „dem Nächstbesten“, dem Postbeamten Karandyschew, den sie und alle anderen als weit unter ihrem Niveau betrachten. Und dann ist Paratow wieder da, mit dem Plan seinen Junggesellenabschied vor der reichen Heirat im Bett mit Larissa zu feiern. Hermanis lässt das Drama zwischen Blümchen- und Streifentapeten ablaufen. Mit der ihm eigenen Liebe zum verspielten Detail gestaltet er stilecht Puppen- und Wirtsstuben, er drapiert Spitzendeckchen auf Sofas, befüllt Vitrinen mit kostbarem Glas und die Wände mit Bildern. Für sein Bühnenbild griff er auf Originalentwürfe aus der Zeit Ostrowskijs zurück, die Kostüme von Kristine Jurjane dazu passend.

Paratow plant seinen sinistren Junggesellenabschied: Nicholas Ofczarek mit Peter Simonischek, Martin Reinke und Fabian Krüger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Knurow macht der Ogudalowa ein unsittliches Angebot für Larissa: Dörte Lyssewski und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weniger Aufmerksamkeit als der Ausstattung widmet Hermanis, so zumindest der Eindruck, den Charakteren. Seine Inszenierung wirkt, als hätte er beim Unterrichtsfach Psychologisierung von Figuren in der Schauspielschule gefehlt, oder nun den Gegenstand absichtlich geschwänzt. Das hochkarätige Ensemble wird veranlasst, ganz im Stile der russischen Theatertradition, mit großen Gesten und outrierten Gefühlen zu agieren. Da wäre, wäre man nicht an der Burg, Knallchargigkeit vorprogrammiert, doch dank den Herren Ofczarek, Maertens, Reinke und Simonischek kommt es nicht zum Äußersten.

Sie verstehen „Schlechte Partie“ als die abgründige Tragigroteske, die sie ist, und spielen das auch. (In einer der Puppenstuben nämlich hängen Pistolen, und wo Pistolen hängen wird, so will es das Theatergesetz, geschossen …) Nicholas Ofczarek ist als Paratow zu sehen, der zynisch seine Intrige spinnt, mit der unverhohlenen Aussicht, ein Menschenleben zu zerstören. Denn der Ausgang seines Schäferstündchens muss ihm klar sein. Ofczarek gestaltet in seiner Figur das Aufkommen eines Bürgertums, das antritt, um den Adel vom Sockel seiner Existenz zu stoßen.

Zwar dessen Attitüden annimmt, aber im Gegensatz zu den abgebrannten Blaublütern unverhüllten Materialismus lebt. Ofczareks Paratow ist ein Vorgänger des Lopachin, er spielt ihn allerdings – bildlich gesprochen – mit funkelnd rollenden Bösewichtaugen. Er wird Larissa schließlich von sich schleudern, wie ein benutztes Schnupftuch. Das „Kapital“ vervollständigen Peter Simonischek und Martin Reinke als die Kaufleute Knurow und Woschewatow, ersterer mit weißem Rauschebart noch irgendwie Typ anlassiger Opi, zweiterer mit seiner schneidenden Stimme eindeutiger auf der Lauer nach Larissa.

Wie die beiden um sie eine Münze werfen, wie Knurow dem Mädchen ganz offen anbietet, ihr für Gegenleistungen eine lebenslange Rente zu zahlen (gerade dieser Tage wieder ist ein „Mächtiger“ als Frauenbedränger im Gerede), das ist der Kern des Stücks. Das übrigens, und hieran zeigt sich, wie Hermanis irrt, als einziges von mehr als 50 Stücken Ostrowskijs von seinen Zeitgenossen abgelehnt wurde, und bei den Premieren in Moskau und St. Petersburg durchgefallen ist. In der Figur des „Robinson“ beklagt der Autor das Künstlerschicksal, Fabian Krüger als abgehalfterter, trunksüchtiger Schauspieler, der sich von seinen Gönnern zum Affen machen lassen muss.

Paratow ist am Ziel …: Nicholas Ofczarek und Marie-Luise Stockinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

… Karandyschew ist am Ende: Michael Maertens. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und dann ist da der zweite Ausgestoßene aus der selbsternannt besseren Gesellschaft: Michael Maertens als Karandyschew. Der kleine Beamte, der ewig Gedemütigte, im Infight mit dem schneidigen Abenteurer Paratow. Wie Maertens den unsympathischen Spießer mit der Großmannssucht mit Tragik und szenischer Wahrhaftigkeit gibt, das ist große Kunst. Sowohl Tränen als auch den Wahnsinn im Auge, heischt er um die Gunst der anderen, lädt zum Essen ein, versteht nicht, dass er Spielball einer immer noch hierarchiesüchtigen „Herrschaft“ ist.

Er wird von Paratow und seinen Spießgesellen betrunken gemacht, um Larissa betrogen – und: reißt die Pistole an sich … Als Larissa wird Marie-Luise Stockinger so lange unter Krinoline, Kokoshniks und Schultertüchern versteckt, dass sie fast nicht zum Spielen kommt. Nur dann, wenn sie die vorgegaukelte Naive abwirft und deutlich macht, dass sie ihre Situation sehr wohl klar sieht, hat Stockinger ihre Momente. Die Ogudalowa will Dörte Lyssewski als schlaues „Weibchen“ gestalten, als Larissas private Puffmutter, die sich in der Männerwelt zu behaupten versucht. Auch sie bleibt aber eher blass.

Hermann Scheidleder und Hans Dieter Knebel als Wirtspersonal Gawrilo und Iwan komplettieren das Ensemble nach der Devise: „lustige Elemente“. Zum Schluss macht sich eine Figur durch ihren Tod vom Objekt zum Subjekt. Da leuchtet noch einmal auf, wie viel in der „Schlechten Partie“ Gutes steckt. Hätte sich Hermanis nicht entschlossen, verschroben-altvaterische Tableaux vivants auf Perserteppichen zu arrangieren, dies dreieinhalb Stunden lang, denn bei der Premiere überzog er schamlos um eine halbe, statt Satire zu inszenierten.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2017

sirene Operntheater: Uraufführung von „Chodorkowski“

November 12, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Königsdrama um Macht und Geld

Bild: sirene Operntheater

Bild: sirene Operntheater

Michail Borissowitsch Chodorkowski, Kreml-Kritiker, Unternehmer mit Wohnsitz in der Schweiz, früherer Oligarch und Ex-Gefangener in einem sibirischen Arbeitslager, und sein Kontrahent Wladimir Putin sind die zentralen Figuren in der Oper „Chodorkowski“ von Librettistin und Regisseurin Kristine Tornquist und Komponist Periklis Liakakis, die das sirene Operntheater am 20. November im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste uraufführt. Im Werk geht es nicht nur um das Königsdrama zwischen Chodorkowski und Putin, sondern auch um Aufdeckung der komplexen zeithistorischen Hintergründe zwischen 1989 bis 2013.

Die sich wandelnden Beziehungen zwischen Wirtschaft und Staat verändern im Lauf der Zeit auch die Beziehung zwischen den Protagonisten, die einander nicht unähnlich sind – zwei junge, ehrgeizige Männer mit großen Plänen, die nichts zu verlieren haben. Gesellschaftliche Auf- und Umbrüche verflechten sich mit finanzpolitischen Fehlern und machtpolitischen Intrigen in einem Treibhaus, in dem die Aufsteiger gut gedeihen. Doch als die Kontrahenten oben angekommen sind, zeigen sich die charakterlichen Unterschiede. Während der eine sein Revier sichert, denkt der andere weiter und riskiert alles. Dass Chodorkowski im Dezember 2013 anlässlich einer PR-Offensive in Sotschi aus seiner Haft überraschend freigelassen wurde, thematisiert die Oper bewusst nicht. Als offenes Ende des Librettos stehen die Hoffnung und das Versprechen, das Chodorkowski im Gefängnis gegeben hat. Für ein „Offenes Russland“, so der Name seiner mittlerweile gegründeten Bewegung. Spielball der großen Kräfte ist wie stets das Volk. Das hier erst als Buffopaar für lakonischen Witz sorgt, doch zuletzt in die Tragödie stürzt – denn im Gegensatz zu den Großen, die fallen und steigen und dabei doch nie ihre Bedeutung verlieren, leiden die von der Politik nur in Wahlkampfreden bemerkten „kleinen Leute“ ohne Medientamtam.

Michail Chodorkowski war einer der Männer, die nach 1989 in arrangierten Versteigerungen die maroden sowjetischen Staatsunternehmen um ein Spottgeld zugeschanzt bekamen, privatisierten und sanierten. Zwischen diesen Oligarchen und der Politik gab es Stillhalteabkommen, dass die zum Teil im rechtsfreien Raum ablaufenden Geschäfte solange unbehelligt blieben, solange sie sich weder in die Politik einmischten noch sich der Einmischung der Politik widersetzten. „Hier herrschte in den Übergangszeiten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Gesetz des Dschungels. Keiner wusste genau, welche Vorschriften noch galten – ich nutzte das aus“, erzählte Chodorkowski 2002 und bezeichnete sich als „Räuberbaron“. Der Milliardär verstieß in der ersten Legislaturperiode Putins gegen beide Regeln. Einerseits wollte er die Ölfirma Yukos nach westlichem Vorbild transparent machen und in eine Aktiengesellschaft umwandeln, was den Einfluss der Politik auf den Export der Bodenschätze unmöglich gemacht hätte. Andererseits wollte er, in seiner Entwicklung von der zunehmend regulierungsfreudigen Regierung und der korrupten Beamtenschaft behindert, in die Politik einsteigen. Er unterstützte intensiv mehrere, auch linke Parteien, um die demokratische Landschaft zu beleben, förderte kritische Medien, kritisierte vor laufenden Kameras in harschen Worten die Korruption der Einheitspartei Einiges Russland. Damit forderte er Putin persönlich heraus. Chodorkowski ignorierte stolz alle Warnungen. 2003 wurde er verhaftet und unter offensichtlich politischer Direktive verurteilt und in einem sibirischen Arbeitslager inhaftiert.

Ganz unabhängig von Sympathien, die man dem Oligarchen gegenüber hegen kann, und der Ablehnung, die man einer Einparteienautokratie wie Russland entgegenbringt, stehen hier nicht nur zwei mächtige Männer einander in persönlicher Abneigung gegenüber, sondern auch die zwei Machtprinzipien, die sie vertreten – die Macht der Politik und die Macht des Geldes. Putin strebt im Erbe des Sowjetregimes absolute politische Kontrolle an, die reine Politik, die kaum von unabhängiger Öffentlichkeit, Medien, Justiz oder durch Wahlen kontrolliert und korrigiert werden kann. Jelzins Politik war national und Putins Interesse ist konservativ – waren doch die Staatsbetriebe deshalb unterm Wert an Russen wie Chodorkowski verschenkt worden, damit sie unter russischer Kontrolle blieben.

Dem hielt Chodorkowski die Macht des Geldes entgegen. Der neoliberale Kapitalismus, den er und seine Partner im Eiltempo aus dem Boden stampften, brauchte andere Strukturen. Er sucht Internationalität, muss nach internationalem Recht agieren, muss sich aber auch um sein Image sorgen. Selbst wenn Chodorkowski nicht der Idealist gewesen ist, für den man ihn inzwischen so gerne halten will, war ihm immer an einer modernen russischen Gesellschaft gelegen, in der die Politik auf die Wirtschaft keinen direkteren Einfluss ausüben kann als über Gesetz und Steuererhebungen. Diese russischen Verhältnisse stehen im Kontrast zur Situation im Westen, wo die Konzerne und Banken längst die Politik vor sich herjagen. Als etwa George W. Bush in einer Brandrede Putin mahnte, Chodorkowski einen fairen Prozess zu machen und ihn freizugeben, sprach er nicht nur als oberster Sheriff westlicher Ideale, sondern er sprach auch im Namen der amerikanischen Ölfirmen, mit denen Chodorkowski verhandelt hatte und denen er selbst verbunden war. Im Interview mit der NZZ 2014 sagte Chodorkowski daher: „Lasst uns den ,amerikanischen‘ Weg beschreiten. In den USA gibt es faktisch keine Parteien, das sind vielmehr Kampagnen-Organisationen, die für bestimmte Wahlen existieren“.

Die Verurteilung Chodorkowskis änderte das Klima in Russland. Einige Oligarchen setzten sich daraufhin mit ihrem obszönen Reichtum ins Ausland ab, andere arrangierten sich mit Putin. Der russische Künstler Victor Petrik hat anlässlich Putins Geburtstag ein Bild des russischen Präsidenten in Edelstein geschaffen. Petrik sagte über die Gemme: „Millionen von Jahren werden vergehen, alles wird zerstört werden, aber das Porträt des russischen Präsidenten in Saphir wird auf ewig im Sonnenlicht glänzen.“ Die russische Justiz erwägt neuerlich Ermittlungen gegen Chodorkowski, diesmal wegen Mordes. Es lägen aktuelle Beweismittel im Fall des 1998 ermordeten Bürgermeisters im sibirischen Neftejugansk, Wladimir Petuchow, vor. Chodorkowski soll als Zeuge in Moskau befragt werden. Dass er im Exil lebt, sei „kein Hindernis“.

Es singen u. a. Clemens Kölbl (Michail Borissowitsch Chodorkowski), Ingrid Habermann (Marina Filippowna Chodorkowskaja) und Alexander Mayr (Wladimir Wladimirowitsch Putin), es spielt Das Rote Orchester.

www.sirene.at

Wien, 12. 11. 2015