aktionstheater ensemble online: Immersion. Wir verschwinden

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Was könnte Sie noch interessieren?

Selbstironische Selbstdarsteller: Michaela Bilgerin, Andreas Jähnert und Martin Hemmer betreiben berufsbedingt Trauerbewältigung. Bild: ®Apollonia Bitzan

In seinem Bemühen zu „Streamen gegen die Einsamkeit“ zeigt das aktionstheater ensemble auf seiner Webseite aktionstheater.at nach „Heile Mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260) noch bis heute Mitternacht die Produktion „Immersion. Wir verschwinden“. Morgen ab 10 Uhr folgt, als Online-Ersatz zum Gastspiel beim Heidelberger Stückemarkt, „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672).

Immersion, so weiß es die Fachliteratur, beschreibt den durch eine Virtuelle Realität hervorgerufenen Effekt, das menschliche Bewusstsein durch illusorische Stimuli so weit auszuschalten, bis die VR als real empfunden wird. Mit anderen Worten: Selbst- durch Vortäuschung. Genau das führt Martin Grubers schnelle gesellschafts- politische Eingreiftruppe, diesmal bestehend aus Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Andreas Jähnert, Sonja Romei und Kristian Musser, in ihrer ersten Performance nach dem Nestroy-Preis auch vor.

Nämlich zuerst einmal sich selbst, die Protagonistinnen und Protagonisten eindeutig punziert als Exponenten dieses eitlen, traurigen, tollen Berufs „Künstler“, und 70 Minuten lang beobachten man deren ae-typischen, perfekt synchronisierten Danse macabre raus aus jedweder Logi- wie Faktizität. Dies durchaus nicht thesenreich theoretisierend, vielmehr temperamentvoll, redeschwallend, expressiv – und mit Musser-Musik, zu der Sonja Romei in Stimmlage Lachmöwe ihren Shalalala-Ohrgasmus singt.

In Form kleiner beiger Bodenplatten liegt, von der Bilgeri folgerichtig zum „Himmel und Hölle“-Hüpfen benutzt, der Frust herum, die Spielfelder gleich den Kreuzwegstationen des Selbstwertgefühls. Gegens Abgeschasselt-Werden und Ausgeschlossen-Fühlen, gegens Sich-Selbst-Abhandenkommen und soziale Abstiegsangst hilft am ehesten die Selbstdarstellung. Eine Disziplin, sollt‘ man meinen, die dem Schauspielerdasein inne ist, aber ach!

Hemmer, Jähnert, Bilgeri, hi: Sonja Romei und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Andreas Jähnert, hinten: Romei, Hemmer, Musser und Bilgeri. Bild: Michael Grössinger

Sonja Romei bei ihrem Shalalala-Ohrgasmus. Bild: Screenshot aktionstheater ensemble

Durchsynchronisierter Danse macabre: Musser, Hemmer und Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Wenn Andreas Jähnert als hoffnungsloser Lyriker ob seines auf einer VIP-Hochzeit verlesenen Poems nicht nur vom Sitznachbarn namens ausgerechnet Langenscheidt veralbert, sondern sich danach – im Gegensatz zu Veronica Ferres und Ehemann Carsten Maschmeyer – weder in der Bunten abgebildet noch in der FAZ erwähnt findet, dann kann man sich schon als Verlierer im Wettstreit um die Mediengunst fühlen.

Ist die Handschüttel-Gelegenheit erst mal verpasst, hilft auch kein Namedropping der prominenten Bekanntschaften, dazu Bilgeri hinreißend gelangweilt und lapidar: „Kenn‘ ich nicht, kenn‘ ich auch nicht …“, und in der Art wird die Jähnert-Figur nicht die einzige bleiben, die sich ans Celebrity-Leben diverser Instagram-Heros klammert. Drüben ist das Gras eben immer glamouröser.

Kollegenneid ist was Un-, bezüglich Spaßfaktor aber natürlich etwas Feines, Michaela Bilgeri echauffiert sich grün vor Eifersucht auf eine sexy(stische) Spaziergängerin in einem dümmlichen Werbefilmchen – „46.000 Shares! Ist die überhaupt Schauspielerin?“, bis ihr Haardutt w. o. gibt. Man muss sich halt engagieren fürs Engagement! Sogar wenn man sich wie Martin Hemmer, um bei Himalaya-Dreharbeiten für einen potenziellen Blockbuster dabeizusein, statt from Austria als Australier ausgeben muss, doch herrje, als sich die Story als von einem Freund „geborgt“ entpuppt, geht die Sache im Wortsinn in die Hose.

Immer mehr verspinnen sich die vom Trio verkörperten Aufmerksamkeitsdefizitler in Sprach- und weitere Verwirrungen, in ihr als solches empfundenes Unglück, und für den Betrachter ist ihr „Versuchen, Scheitern, noch beschämender Scheitern“ zum Kaputtspötteln ernst. Wie stets balanciert der Martin-Gruber’sche Trupp auf dem schmalen Grat zwischen Tragi- und -komödie, nach dem Motto: Humor ist, was man mit Trotz verlacht, und wirklich schade ist, dass bildschirm-bedingt lediglich Kamera-Ausschnitte zu sehen sind – vor allem, wenn Martin Hemmer moves like Jagger.

Sing your Loser-Song: Romei, Jähnert, Hemmer und Bilgeri beim Whitney-Houston-Husten. Bild: Gerhard Breitwieser

„Was könnte sie noch interessieren?“, fragt Michaela Bilgeri mitten in ihrer Trivial-Tirade übers Rauchen-Aufhören, die Rotwein-Ersatzdroge und die Sorge, ob schlechte Laune den Krebs nicht rascher verursacht als Nikotin, während der Rest enerviert-ennuiert in der Runde schaut. Kulturauszeichnungen, klar!

Ein Triumph für die Frau, war Hemmer zur Verleihung des Josefstadt-Ensemblepreises doch gar nicht eingeladen, und hat sich Jähnert für einen deutschen Literatur-Award erst angemeldet, hat Bilgeri beim Vorarlberger Kulturpreis den ersten Platz gemacht.

Was Hemmer – siehe Kollegenneid – zu ihrem Ärger in Gänsefüßchen kommentiert, und wie er als Heulsusen-Sensibelchen ihren allumfassenden Furor konterkariert, alldieweil der stille Dulder-Dichter in Wahrheit zu den gröbsten Gemeinheiten befähigt ist, wie hier aneinander vorbei seelengestripteased wird, das ist große Kunst.

In Tränen aufgelöst rezitiert Bilgeri die Jury-Begründung hinsichtlich ihrer durchlässigen Darstellung und ihrer situativen Wachheit, ihres mit großer Wahrhaftigkeit ausgespielten tragödischen Talents, ihrer unvermittelt-überraschenden Atmosphäre-Wechsel und der Gabe, ihre Gefühlsklaviatur bis zur Peinlichkeit zu nutzen. All dies ist tatsächlich zum Weinen schön, und was „Immersion. Wir verschwinden“ betrifft: Wo kann man das unterschreiben? Grenzgenial ist noch ein Begriff, der einem zu diesem zwischen Popsongs und Pop Art angesiedelten Abend einfällt, der jenen prekären Jahrmarkt der Eitelkeiten auch genannt Showbusiness selbstironisch-selbstreflektiv erst ent-, dann erneut verzaubert.

Am Ende dieser famosen Trauerbewältigung erkennt sich das aktionstheater ensemble als solches wieder. Den Hype dieser 2016er-Aufführung müsse man hochhalten, um mit den hausgemachten Satiren mehr zu bewirken, mehr Publikum zu erreichen. Trump ist noch nicht Geschichte, Putin so gut wie Alleinherrscher auf Lebenszeit, Nachbar Ungarn auf dem Weg zum autoritären Maßnahmenstaat, die heimischen Rechtspopulisten nur #Corona-bedingt schweigsam, und die Menschen immersieren sich dieser Tage sua sponte. Es gibt also noch viel zu erzählen, aktionstheater, packen wir’s an! Wie singt ihr so schön zum Schluss: I Wanna Dance With Somebody!

Trailer „Immersion“: vimeo.com/189901179          vimeo.com/200016049

Trailer „Wie geht es weiter“: vimeo.com/352342879                   aktionstheater.at

25. 4. 2020

aktionstheater ensemble: Immersion. Wir verschwinden

November 23, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach dem Nestroy-Preis gleich die nächste Uraufführung

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Sie schimpfen auf „die da oben“ und empfinden sich als „die da unten“. Martin Gruber, das eben mit einem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnete aktionstheater ensemble und „Tanz Baby!“-Mastermind Kristian Musser widmen sich in ihrer neuesten Uraufführung „Immersion. Wir verschwinden“ den am gesellschaftlichen Kuchen Zukurzgekommenen, für die Aufmerksamkeit alles bedeutet und doch in ihrer Einsamkeit verloren gehen.

Selbstverständlich darf auch hier wieder der ironische Blick auf die eigene Theaterarbeit nicht fehlen. Premiere ist am 24. November im Werk X – Eldorado. Inhalt: Michaela entrüstet sich über das mangelnde Können einer Darstellerin aus einem Werbeclip für eine Provinzstadt. Das hätte sie wirklich besser gemacht. Andreas darf während einer Gala vor internationalen Finanzmogulen seine Gedichte vortragen. Eine Karriere als gefeierter Poet scheint sich aber doch nicht abzuzeichnen. Martin träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler in einer französischen Filmproduktion. Bei den Dreharbeiten am Mount Everest wird er aber zum Statisten degradiert. Sein einziger Satz wird gestrichen. Von nun an geht’s bergab. Zurück in der Realität bleibt für alle ein Engagement beim Aktionstheater. Anlässlich eines drohenden Rechtsruckes, entschließt man sich nur noch Komödien zu machen. Das hat in früheren Zeiten auch schon einmal funktioniert …

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Um die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit vergessen zu machen, konterkarieren die Sängerin Sonja Romei und Kristian Musser das Geschehen mit minimalistischen Interpretationen vergangener Hits und sphärische Neukreationen. Eine poetische Intervention mit den Darstellern Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer und Andreas Jähner.

Trailer: vimeo.com/189901179

www.aktionstheater.at

Wien, 23. 11. 2016