aktionstheater ensemble im Werk X: Die große Show

Januar 12, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geburtstagsparty mit Generationenkonflikt

Festredner Elias Hirschl, Michaela Bilgeri und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Ach, was hat man mit dem aktionstheater ensemble nicht schon alles erlebt. Man hat gemeinsam die „Die gelähmte Zivilgesellschaft“ untersucht (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672) oder „6 Frauen 6 Männer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384), hat geschworen „Ich glaube“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44760) und beschworen „Heile mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260).

Nun aber ist’s Zeit für eine Party, eine Geburtstagsfeier um genau zu sein, denn Susanne, æ-Urgestein und bewundertes Vorbild ihrer Theaterfamilie, begeht ihren 60er. Wer wüsste da besser als Busenfreundin Michaela, was die Kollegin sich wünscht: Einmal alleine im Rampenlicht stehen, es einmal so richtig krachen lassen, mit einem Wort: „Die große Show“, so der Titel der Uraufführung, die gestern im Werk X Premiere hatte.

Da tritt die schöne, junge Schauspielerin zugunsten der Alten gerne einen Schritt zur Seite, sagt sie, gilt es doch zu würdigen, dass diese in fortgeschrittenem Lebensstadium „noch sooo da oben stehen kann“.

Die liebe Michaela, sie geizt nicht mit fragwürdigen Komplimenten, Susannes Jubeljahr ist halt eines der Bejahrtheit, da muss man sich keine Illusionen machen, da gibt es nix herunterzuspielen – und so spielen sie, die beiden Performerinnen, wie stets. Auf Teufel komm raus. „Die große Show“ must go on.

„Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen“ wurde das aktionstheater ensemble an dieser Stelle schon genannt, und auch diesmal ist der Text aus den Erfahrungen und Erlebnissen des Ensembles entstanden, zu einer Inszenierung zusammengefasst von den æ-Masterminds Regisseur Martin Gruber und Dramaturg Martin Ojster. Genüsslich wird die Gala-Sucht der Kulturgesellschaft aufs Korn genommen, deren Hunger danach, sich hochleben zu lassen.

Dazu windet das Team business as aktionstheater-mäßig rasant mäandernde Assoziationsketten, ein skurriler Diskurs vom Politischen ins Private und retour mit lakonisch abstürzenden Pointen. Ziegen für Afrika treffen auf Windräder als Gesamtkunstwerk, die Mülltrennung versinkt im Bühnennebel.

Michaela Bilgeri, Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Pete Simpson und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Susanne Brandt, Michaela Bilgeri und Zauberkünstler Raphael Macho. Bild: © Gerhard Breitwieser

Oh Schreck, der Zipp geht nicht zu: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die Prosecco-Schlacht beginnt: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Eine Gratwanderung zwischen Innenschau und Entäußerung ist das, die freilich nicht vonstattengehen kann, ohne dass das aktionstheater ensemble seine liebsten Themen durchdekliniert: Schein und Sein, Ego-Trips (in diesem Fall mit dem Flugzeug höchst klimaschädlich nach Griechenland), Ich-Bezogenheit. Letztere die Schwäche der Michaela, die sich naturgemäß nicht aus ihrer Showtime verdrängen lässt, sondern sich permanent penetrant in den Vordergrund stellt, alldieweil Susanne sich ein „Piccolöchen“ nach dem anderen gönnt.

Immerhin ist die oftmals Jammer-Suse darob beschwingt, „jetzt geht’s mir gut, jetzt geht’s mir wieder besser“, ist ihr Mantra nach jedem Glas, und Michaela Bilgeri und Susanne Brandt agieren im Wiegeschritt – aktionstheater ist auch Körpertheater – gewohnt glänzend und überzuckert wie eine Geburtstagstorte, wobei – apropos: Glanz und Glamour – Bilgeri nicht weniger als sieben opulente Abendkleider präsentiert; die Brandt schafft’s nur auf drei.

Welch ein Spaß! Das Publikum in Meidling kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus. Ein Meisterinnenstück der Bilgeri, wenn Michaela mit dem Nibelungenlied nervt, hibbelig-hektisch, auf dass nur ja nichts schiefgehen möge, gleichzeitig bemüht, dass ihr jovial-berufsjugendlicher Firnis nicht blättert, während sie von ihren Party-Mottos Altruismus und Humanismus schwadroniert. Credo: „Ich kann etwas bewirken, weil ich so jung und schön bin.“ Dabei hatte sich Susanne nur „40 bis 50 nackte Männer“, Flamencomusik und Alkohol erbeten – auch so ein Thema: Geschenke oder Spendenaufruf auf Facebook?

Michaela versucht es diesbezüglich mit Name dropping: „Wie heißt der? Na, wie? Der ist ja auch schon gestorben …“ Autsch, die Spitze sticht. Zum Wortgefecht musizieren Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Kristian Musser und Pete Simpson, der Sänger mit der Engelsstimme. Raphael Macho tritt auf als Taschenspieler und ist als somnambuler Magier grandios, vor allem beherrscht er den „Flaschentrick“, heißt: von allen möglichen und unmöglichen Orten Nachschub für Susanne herbeizuzaubern.

Benjamin Vanyek singt Brel. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die wird von Stifterl zu Stifterl interessierter, schüttelt alsbald ihr „funktionierendes moralisches Rüstzeug“ und ihr „christlich-soziales Weltbild“ ab, um dem Macho zu zeigen, wie handfester Feminismus (Popozwicker!) funktioniert. Der Generation Gap ist eine Schlucht mit zwei Ufern, die in die Pension palaverte Susanne macht sich durchaus Sorgen. Um die Jugend: „Hoffnungslos“.

Nach klassischem Showablauf folgen Stargäste: Festredner Elias Hirschl, Autor der Sebastian-Kurz-Groteske „Salonfähig“ (zu deren slimfittem Protagonisten ihn Martin Gruber und Martin Ojster inspirierten), hält im Glitzerkleidchen eine so fulminante wie absurde Fürbitte aufs Blutspenden, „das ist das mindeste, das wir tun können gegen die Spaltung in der Gesellschaft“, weil doch dieser heilige Saft „in unser aller Adern fließt“, der ganze Vortrag eine perfide Art faschistische Gewaltfantasien mit einer erdrückenden Umarmung zu ersticken. Im Predigtton hofft er, sein Blut (samt Antikörpern) möge für einen Neo-Nazi vergossen werden.

Knirps Fridolin gibt mit einem Gedicht Auskunft über die Beschaffenheit lauter und leiser Fürze. Und zum Ende singt Benjamin Vanyek im Rüschenornat „Die Chancenlosen“ von Jaques Brel, Minuten des Gedenkens an „alle jene, die es vielleicht nicht geschafft haben“, die unter die Haut gehen. Bis dahin jedoch eskaliert die Situation unter den Damen nach einer verunglückten Selfie-Diashow, ein „Leck mich!“ und „Blöde Kuh!“ perlt nun über die Lippen wie der Prosecco. Jetzt wird gekleckert, nicht geklotzt – und gekotzt. Bei einem Flaschenduell fließt Blut. Sage keiner, er wäre noch nie auf einer solchen Party gewesen.

Zugegeben, es gibt vom aktionstheater ensemble stringentere, in jeder Hinsicht durchchoreografiertere Arbeiten. Diesmal wollte man sich einen Jux machen und der gelingt mit schauspielerisch-virtuosem Klamauk. Vielleicht ist „Die große Show“ ja auch ein wenig als Satire auf die Martin-Gruber-Truppe selbst zu lesen. Susanne jedenfalls schließt mit egozentrischem Schlachtruf: „Geht’s mir gut, geht’s allen gut!“ Darauf Jubel und Applaus.

Zu sehen bis 15. Jänner.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=lpoRVTzLamI          aktionstheater.at          werk-x.at

TIPP: Am 18. Jänner um 20 Uhr im Werk X-Petersplatz: Benjamin Vanyek singt Jacques Brel (Video „Der Gasmann“: www.youtube.com/watch?v=Czqf9I8rEpQ)

  1. 1. 2022

aktionstheater ensemble streamt: Ich glaube

März 4, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Papst in vs. der Spatz von Avignon

Beinah ein Heiliger Sebastian: Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Das aktionstheater ensemble ist mittlerweile bei der vierten Staffel seiner digitalen Aufführungsreihe „Streamen gegen die Einsamkeit“ angekommen, das Motto lautet diesmal „Fernbeziehung“ – und bei der noch bis Sonntag zu sehenden Aufführung „Ich glaube“ aus dem Jahr 2017 ist eindeutig die zu Gott gemeint. Oder die zu den Göttern? Wer weiß das schon? Heilige Maria Mutter Gottes! Fürchtet euch nicht! Das ist kein blasphemischer Ausruf.

Sondern einfach die Rolle, die Alev und Benjamin im Krippenspiel schon gegeben haben. Benjamin, später im überlangen, madonnenblauen Badecape voll der Grazie, weil er so etwas prinzipiell sehr gerne macht, Alev, um nicht vom Jungscharlager ausgeschlossen zu sein, mit dem ein beflissenes Ehepaar die Türken in der Nachbarschaft missionieren wollte. Ihre Antwort als Erwachsene ist eine Publikumsbeschimpfung auf Türkisch, die der vom polnischen Katholizismus geschädigten Claudia einen Lachanfall beschert. Da kann die protestantische Susanne nur den Kopf schütteln, alldieweil Martin lautstark, weil überzeugen wollend, über diverse Theologien doziert, unschlüssig, ob er noch Agnostiker oder schon Atheist ist.

Derart sind die Positionen besetzt. Mit Susanne Brandt, Alev Irmak, Martin Hemmer, Claudia Kottal und Benjamin Vanyek. Die Regisseur Martin Grubers und Dramaturg Martin Ojsters Glaubenssätze zwar sprechen, doch ihre eigenen Auslegungen derselben performen. Denn wie stets beim aktionstheater ensemble wird aus Erlebtem und Erdachtem das Gesamtkunstwerk, und nicht nur in dieser Religionsabrechnung stellt das Team aus, was ihm auf der Seele brennt. „Ich glaube“ ist ein durch die Frage, die Glaubensfrage, energetisch aufgeladenes Kalvarienbergrennen, wobei sich der Kreuzweg mit dem typischen aktionstheater ensemble Humor kreuzt – skurril, schnell, schrill.

Hemmer, Vanyek und Brandt. Bild: Gerhard Breitwieser

Alev Irmak aufAmoklauf. Bild: Stefan Hauer

Das Christentum schirmt sich ab. Bild: Stefan Hauer

Vanyek, Brandt und Hemmer im Blutregen. Bild: Stefan Hauer

Nicht immer wird er sportlich ausgetragen, dieser Kampf der Konfessionen um den Siegerkelch jener „Wahrheit“, welcher Katechismus zur Katharsis führt. Im Workers Outfit geht’s um Spirituelles (Yoga!), Scientologie und die Church of Satan. Oder, warum Katholiken sich beim Läuten der Heiligen Drei Könige – Schnell, Licht aus! – verstecken, während die Ungläubigen aufmachen. Susanne ist auf dem Seelenstrip-Trip, ganz klar sind die Reformierten die besseren Christen, doch hatte der große Reformator ein paar frühbraune Flecken auf der Kutte, und ist damit wie stets zugleich anrührend und umwerfend komisch.

Benjamin ist wieder mal herzallerliebst neben der Spur, die die anderen ziehen, halbnackt und mit Engelsflügeln ein noch heiler Heiliger Sebastian, ein bildstockschöner Schmerzensmann. Sagt Martin „der Papst in …“, kontert er mit „der Spatz von …“ Avignon. „Man will mich immer so in die Realität zwingen“, sagt der Träumer – und als die anderen sich in Gleichschritt-Choreografie, Kopf greifen, Hals würgen, ganz ökumenische Bewegung, ihrem Gott nähern, bricht er, als einziger scheint’s frei, in einen wilden Tanz aus. Es geht um Vaterkomplex, Mutterliebe und Schwulensaunen im Wallfahrtsort, um Analbleaching, Zahnfleisch-OPs – und eine messerscharfe Analyse, wie viele Rosenkränze ein Priester pro Zentimeter Reinstecken beten muss.

Schutzpatronin der Produktion ist Vicky Leandros, deren „Ich hab‘ die Liebe geseh’n“ und „Ich liebe das Leben“ als Bregenzer Viergesang dargeboten werden. Benjamin jongliert mit Schirmen, „Mantel, Schirm und Schild“, um Gotteslob Nr. 534 zu zitieren, – und zwischen all den Bibelfesten versucht sich Alev Gehör zu verschaffen: „Ich habe da noch eine Geschichte über den Islam …“ Doch auf der Spielfläche regiert längst die Dreifaltigkeit von Intoleranz, Desinteresse und Ich-Bezogenheit.

Im Gleichschritt zum Würgegriff Gottes: Martin Hemmer, Claudia Kottal, Susanne Brandt und Benjamin Vanyek. Bild: Stefan Hauer

Da wird aus dem Salve Regina eine Gewehrsalve, Alev läuft Amok als Water Warrior, blutrot spritzt es aus ihrer im Wortsinn Pump-Gun, das ist nach November ein noch gewagteres, stärkeres Bild als 2017. Und zum ballernden Sound von Kristian Musser fetzen Kirill Goncharov und Jean Philipp Viol in wilden Arpeggien und höchsten Tonlagen über die Saiten und Griffbretter von Violine und Viola. Und immerhin, Alev steht nun im Mittelpunkt der – Ressentiments. Klar sei sie ausgerastet, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, ist schließlich kein islamisches Konzept, sagt die Claudia mit der katholischen Wut im Bauch.

Und grimmig über die Bigotterie und das Pharisäertum ihrer polnischen Oma: „Ich spreng‘ uns alle in die Luft! Das machst dann du, Alev, ihr könnt‘ das!“ Einzig Susanne hält zu ihrer „muslimischen Perle“, um deren Gesundheit im Fastenmonat Ramadan sie sich sorgt. Welch ein Statement des aktionstheater ensembles zur Reverse Discrimination, welch ein Aufzeigen, dass in dieser Gesellschaft auch positiver längst Alltagsrassismus ist.

Was bleibt ist: die Liebe, die die allesamt lustfeindlichen abrahamitischen Religionen einem vorbeten. Der Passionstext, den man gesucht und nicht gefunden hat, stammt nun von Alev. Er handelt vom Ende ihrer großen Liebe – und wie sie ihren Schmerz rausschreit und Allah anruft, da hat man – ehrlich – kurz Tränen in den Augen. So begibt man sich auch per Bildschirm auf eine emotionale Gratwanderung zwischen tragi- und -komisch, das aktionstheater ensemble hat einmal mehr den Finger nicht nur am Puls der Zeit, sondern auch in der gesellschaftlichen Wunde. Und möchte man Martin Gruber und seinem diversen Ensemble mit dieser Aufführung eine Message unterstellen, dann wohl die, dass die Menschen der unheilvollen Benutzbarkeit von Religionen, Ideologien und ihren Ismen nur als einiges Ganzes begegnen können.

Trailer „Ich glaube“: vimeo.com/228555921

Die kommenden Streams:

Bürgerliches Trauerspiel. Ab 8. März, 10 Uhr. Publikumsgespräch live via Zoom am 11. März, 20 Uhr bis 21.30 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41710

Immersion. Wir verschwinden. Ab 15. März, 10 Uhr. Publikumsgespräch live via Zoom am 18. März, 20 Uhr bis 21.30 Uhr. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39693

Anmeldung für die kostenlosen Publikumsgespräche: karten@aktionstheater.at

Alle ebenfalls kostenlosen Streams via: www.aktionstheater.at

  1. 3. 2021

aktionstheater ensemble im Werk X: Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben

September 30, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hochkulturgift der heimkehrenden Witwe

Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Stefan Hauer

„… hat die Mama gesagt“, „… hat auch der Bundeskanzler gesagt“ – ein jedes hat hier seinen sakralen Satz. Ersterer von Thomas Kolle, zweiterer von Benjamin Vanyek wieder und wieder hergebetet. Die Eckpunkte, die Stützpfeiler, der Grundstein, damit klar: die liebe Familie und der heilige Sebastian, beide im Sinne ihrer Schutzbefohlenen bekanntlich Märtyrer, und ihr Hirtenspruch somit wie einer beim Wolfauslassen.

Ein „Bürgerliches Trauerspiel – Wann beginnt das Leben“ haben Martin Gruber und sein aktionstheater ensemble ihre aktuelle Performance genannt, die Uraufführung, durch den #Corona-Lockdown ausgebremst, jetzt endlich im Werk X zu sehen – und tatsächlich hat es die nicht umsonst schnelle Eingreif- genannte -truppe geschafft, ihre im März nahezu fertige Arbeit einen Twist weiterzudrehen. Nicht nur einer Überschuss-Überdruss-Besseren-Gesellschaft wird nun auf den Zahn gefühlt, sondern auch jenem aufkeimenden Quarantäne-Patriotismus, der sich so wenig ins Gute-Menschen-Bild fügen will.

Das aktionstheater ensemble zeigt sich mit diesem Text in würdiger Erbschaft eines Thomas Bernhard, dessen sarkastische Kaskaden die gestrenge Uni-Professorin weiland in die Nähe des bürgerlichen Lachtheaters rückte – „Des sittlichen Bürgers Abendschule“ samt Hausaufgaben. Was es allerdings im Weiteren mit dem Zahnfühlen auf sich hat, ist so schrecklich, dass man’s kaum wiedergeben mag.

Zwischen Sängerin Nadine Abado, Schlagzeuger Alexander Yannilos und Gitarrist Kristian Musser bleibt die Spielfläche leer, bis auf etliche von derart metallenen Gitterschränken, in denen im Orkus der Supermärkte der Zivilisationsmüll entsorgt wird. Auf ganzen Säcken davon, Plastik, schwarz, prallgefüllt, Müll, Gerümpel werden die Spielerin und die Spieler später herumturnen, eingepfercht zwischen den Wänden dessen, was einmal war, doch nicht länger von Wert ist.

Horst Heiss und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Erst aber zieht Thomas Kolle die #Covid19-Linie zum Publikum, zaghaft zunächst, als müsse er sich an die neue Situation herantasten, zwei Spieler sind schließlich Virus-bedingt aus der Produktion ausgestiegen, dann immer dreister: Es wird wieder in die Hände gespuckt, und in der Kalamität hat man s’aktionstheater ensemble selbstverständlich zu begünstigen. Auftritt, nein, es erscheint, nein, hereinschwebt Benjamin Vanyek und spricht:

„Die Bundesregierung hat gesagt, wir müssen gerade jetzt in diesen Zeiten der großen Not die österreichischen Künstler und Künstlerinnen sehr unterstützen. Und jetzt stellen Sie sich mich als Emilia Galotti vor, mit dieser leicht lakonischen Sprache, wie Goethe schon gemeint hat. Und das in dieser Krise jetzt.“ Nicht nur mit der Wunschmätresse des Prinzen Gonzaga will er dem deutschen Verfechter eines „Christentums der Vernunft“ seinen Respekt zollen, sondern auch als dessen Minna – Weihnachtseinkäufe als Gabriele wär‘ auch was.

Vanyek raunzt sich per Vokabeldehnung perfekt durch den Paula-Wessely-Tonfall: Gnääädige Frau, gnääädige Frau …! – Wie? … Ah, Sie sind’s! – Geben Sie mir doch Ihre Pakete! Und schade ist, dass die Nachgeborenen seine „Heimkehr“ zu wenig zu würdigen wissen. Welch ein Komödiant! Wie er ins Kurze Hörbiger’sche Wut-Video kippt. Wir werden froh und glücklich wieder zurückkommen! Da ist gut lachen, Vanyek im Tournürenkleid eine Schwarze Witwe, die ihr Hochkulturgift verspritzt. Doch wie jedem wahrhaft großen Schalk sitzt ihm die Tragik im Nacken. Der Moment wird so persönlich, dass man’s nicht aushält. Die Schneidezähne, beim Bundesheer, Vergewaltigung zum Oralsex, die Prothese als Beweis, die Zahnlücke unfassbare Realität.

Die emotionale Corona-Kurve steigt. Von Sentiment zu Verzweiflung zu Zorn. Vom „gesunden“ Egoismus zum empathischen Wunsch, in einem Wir aufzugehen. Das jedoch nicht jede und jeden mit einschließt. Irgendwo muss man Grenzen ziehen! Mit Liegestühlen bewehrt kreiseln die Sich-selbst-Darsteller um die eigene Achse, mit jeder Drehung mehr Richtung Orientierungslosigkeit, einsam, aufgerieben zwischen Selbstoptimierung – Stichwort: Haare im Hintern rasieren – und der vergeblichen Suche nach einem Gemeinsinn.

Thomas Kolle, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Horst Heiss, Michaela Bilgeri und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Benjamin Vanyek, Horst Heiss und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Thomas Kolle, Alexander Yannilos, Michaela Bilgeri, Benjamin Vanyek und Horst Heiss. Bild: Stefan Hauer

Wie gewohnt und geliebt lässt Martin Gruber banale Alltagssorgen mit den Weltproblemen kollidieren, wie stets schneidet er choreografische Elemente und rauschhafte Musik zwischen die Texte. Nadine Abadas Stimme dabei die der Sehnsucht, Alexander Yannilos verantwortlich für Thomas Kolles Herzschlag-Furor. Er isst keine Tomaten mehr, sagt er, nur noch Saisonales, wegen der Paradeisermafia und der Flüchtlinge, die in Italien als Pflücker ausgebeutet werden. „Gemüse, Heimat, Österreich!“, skandiert Horst Heiss.

Die Leihgabe vom Koproduzenten Landestheater Linz ist in höchstem Maße verantwortlich für den Thomas-Bernhard-Sound. Wie er die Grade des Faschismus in der Regierung misst, das ist Robert-Schuster‘ische Reinkultur. „Die Kunst wird uns retten“, meint einer der Akteure. Alldieweil „die letzte verbliebene Frau“ im High-Speed-Reigen Vollgas gibt, Michaela Bilgeri, einmal mehr entfesselt, über Isolationskochen, ihre Corona-Alkoholliste, und mutmaßlich nie wurde theatralischer ein Rezept für Rindsgulasch dargeboten.

Man tanzt zum Beat, man geht einander auf die Nerven. Die Bilgeri muss zugeben, ihre Seifen-„Sharing forward“-Strategie im Kuba-Urlaub ist obschon exzessiven Rumkonsums gescheitert. Die bürgerliche Trauergemeinde versinkt trotz Fleiß, Verlässlichkeit, Talent und nacktem Kolle-Popo im sozialistischen Nichts. Welch eine Ironie, dass die Heilige Corona, per Foltertod von Diokletian ums Leben gebracht, die Schutzpatronin gegen Seuchen ist. Schwer ist’s, den Gruber’schen freien Assoziationen zu folgen, doch ist man fasziniert von der Fülle an Denkbarem und Weiter-Denkbarem.

Die Generation Zukunftsglauben wird den Wertekatalog der Eltern relaunchen, eine sich als „gerecht“ ausgebende Gesellschaft gegen nationalistische Populisten aufstehen müssen. Doch wer kann, wenn er sich ernsthaft einlässt, weiterspielen? Das aktionstheater ensemble mit seinem gleichzeitig berührenden und lustvoll-kurzweiligen Gesamtkunstwerk! Und die Schwarze Witwe streut Sternenstaub auf die Seelen aller …

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 9. 2020

aktionstheater ensemble online: Immersion. Wir verschwinden

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

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Selbstironische Selbstdarsteller: Michaela Bilgerin, Andreas Jähnert und Martin Hemmer betreiben berufsbedingt Trauerbewältigung. Bild: ®Apollonia Bitzan

In seinem Bemühen zu „Streamen gegen die Einsamkeit“ zeigt das aktionstheater ensemble auf seiner Webseite aktionstheater.at nach „Heile Mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260) noch bis heute Mitternacht die Produktion „Immersion. Wir verschwinden“. Morgen ab 10 Uhr folgt, als Online-Ersatz zum Gastspiel beim Heidelberger Stückemarkt, „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672).

Immersion, so weiß es die Fachliteratur, beschreibt den durch eine Virtuelle Realität hervorgerufenen Effekt, das menschliche Bewusstsein durch illusorische Stimuli so weit auszuschalten, bis die VR als real empfunden wird. Mit anderen Worten: Selbst- durch Vortäuschung. Genau das führt Martin Grubers schnelle gesellschafts- politische Eingreiftruppe, diesmal bestehend aus Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Andreas Jähnert, Sonja Romei und Kristian Musser, in ihrer ersten Performance nach dem Nestroy-Preis auch vor.

Nämlich zuerst einmal sich selbst, die Protagonistinnen und Protagonisten eindeutig punziert als Exponenten dieses eitlen, traurigen, tollen Berufs „Künstler“, und 70 Minuten lang beobachten man deren ae-typischen, perfekt synchronisierten Danse macabre raus aus jedweder Logi- wie Faktizität. Dies durchaus nicht thesenreich theoretisierend, vielmehr temperamentvoll, redeschwallend, expressiv – und mit Musser-Musik, zu der Sonja Romei in Stimmlage Lachmöwe ihren Shalalala-Ohrgasmus singt.

In Form kleiner beiger Bodenplatten liegt, von der Bilgeri folgerichtig zum „Himmel und Hölle“-Hüpfen benutzt, der Frust herum, die Spielfelder gleich den Kreuzwegstationen des Selbstwertgefühls. Gegens Abgeschasselt-Werden und Ausgeschlossen-Fühlen, gegens Sich-Selbst-Abhandenkommen und soziale Abstiegsangst hilft am ehesten die Selbstdarstellung. Eine Disziplin, sollt‘ man meinen, die dem Schauspielerdasein inne ist, aber ach!

Hemmer, Jähnert, Bilgeri, hi: Sonja Romei und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Andreas Jähnert, hinten: Romei, Hemmer, Musser und Bilgeri. Bild: Michael Grössinger

Sonja Romei bei ihrem Shalalala-Ohrgasmus. Bild: Screenshot aktionstheater ensemble

Durchsynchronisierter Danse macabre: Musser, Hemmer und Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Wenn Andreas Jähnert als hoffnungsloser Lyriker ob seines auf einer VIP-Hochzeit verlesenen Poems nicht nur vom Sitznachbarn namens ausgerechnet Langenscheidt veralbert, sondern sich danach – im Gegensatz zu Veronica Ferres und Ehemann Carsten Maschmeyer – weder in der Bunten abgebildet noch in der FAZ erwähnt findet, dann kann man sich schon als Verlierer im Wettstreit um die Mediengunst fühlen.

Ist die Handschüttel-Gelegenheit erst mal verpasst, hilft auch kein Namedropping der prominenten Bekanntschaften, dazu Bilgeri hinreißend gelangweilt und lapidar: „Kenn‘ ich nicht, kenn‘ ich auch nicht …“, und in der Art wird die Jähnert-Figur nicht die einzige bleiben, die sich ans Celebrity-Leben diverser Instagram-Heros klammert. Drüben ist das Gras eben immer glamouröser.

Kollegenneid ist was Un-, bezüglich Spaßfaktor aber natürlich etwas Feines, Michaela Bilgeri echauffiert sich grün vor Eifersucht auf eine sexy(stische) Spaziergängerin in einem dümmlichen Werbefilmchen – „46.000 Shares! Ist die überhaupt Schauspielerin?“, bis ihr Haardutt w. o. gibt. Man muss sich halt engagieren fürs Engagement! Sogar wenn man sich wie Martin Hemmer, um bei Himalaya-Dreharbeiten für einen potenziellen Blockbuster dabeizusein, statt from Austria als Australier ausgeben muss, doch herrje, als sich die Story als von einem Freund „geborgt“ entpuppt, geht die Sache im Wortsinn in die Hose.

Immer mehr verspinnen sich die vom Trio verkörperten Aufmerksamkeitsdefizitler in Sprach- und weitere Verwirrungen, in ihr als solches empfundenes Unglück, und für den Betrachter ist ihr „Versuchen, Scheitern, noch beschämender Scheitern“ zum Kaputtspötteln ernst. Wie stets balanciert der Martin-Gruber’sche Trupp auf dem schmalen Grat zwischen Tragi- und -komödie, nach dem Motto: Humor ist, was man mit Trotz verlacht, und wirklich schade ist, dass bildschirm-bedingt lediglich Kamera-Ausschnitte zu sehen sind – vor allem, wenn Martin Hemmer moves like Jagger.

Sing your Loser-Song: Romei, Jähnert, Hemmer und Bilgeri beim Whitney-Houston-Husten. Bild: Gerhard Breitwieser

„Was könnte sie noch interessieren?“, fragt Michaela Bilgeri mitten in ihrer Trivial-Tirade übers Rauchen-Aufhören, die Rotwein-Ersatzdroge und die Sorge, ob schlechte Laune den Krebs nicht rascher verursacht als Nikotin, während der Rest enerviert-ennuiert in der Runde schaut. Kulturauszeichnungen, klar!

Ein Triumph für die Frau, war Hemmer zur Verleihung des Josefstadt-Ensemblepreises doch gar nicht eingeladen, und hat sich Jähnert für einen deutschen Literatur-Award erst angemeldet, hat Bilgeri beim Vorarlberger Kulturpreis den ersten Platz gemacht.

Was Hemmer – siehe Kollegenneid – zu ihrem Ärger in Gänsefüßchen kommentiert, und wie er als Heulsusen-Sensibelchen ihren allumfassenden Furor konterkariert, alldieweil der stille Dulder-Dichter in Wahrheit zu den gröbsten Gemeinheiten befähigt ist, wie hier aneinander vorbei seelengestripteased wird, das ist große Kunst.

In Tränen aufgelöst rezitiert Bilgeri die Jury-Begründung hinsichtlich ihrer durchlässigen Darstellung und ihrer situativen Wachheit, ihres mit großer Wahrhaftigkeit ausgespielten tragödischen Talents, ihrer unvermittelt-überraschenden Atmosphäre-Wechsel und der Gabe, ihre Gefühlsklaviatur bis zur Peinlichkeit zu nutzen. All dies ist tatsächlich zum Weinen schön, und was „Immersion. Wir verschwinden“ betrifft: Wo kann man das unterschreiben? Grenzgenial ist noch ein Begriff, der einem zu diesem zwischen Popsongs und Pop Art angesiedelten Abend einfällt, der jenen prekären Jahrmarkt der Eitelkeiten auch genannt Showbusiness selbstironisch-selbstreflektiv erst ent-, dann erneut verzaubert.

Am Ende dieser famosen Trauerbewältigung erkennt sich das aktionstheater ensemble als solches wieder. Den Hype dieser 2016er-Aufführung müsse man hochhalten, um mit den hausgemachten Satiren mehr zu bewirken, mehr Publikum zu erreichen. Trump ist noch nicht Geschichte, Putin so gut wie Alleinherrscher auf Lebenszeit, Nachbar Ungarn auf dem Weg zum autoritären Maßnahmenstaat, die heimischen Rechtspopulisten nur #Corona-bedingt schweigsam, und die Menschen immersieren sich dieser Tage sua sponte. Es gibt also noch viel zu erzählen, aktionstheater, packen wir’s an! Wie singt ihr so schön zum Schluss: I Wanna Dance With Somebody!

Trailer „Immersion“: vimeo.com/189901179          vimeo.com/200016049

Trailer „Wie geht es weiter“: vimeo.com/352342879                   aktionstheater.at

25. 4. 2020

aktionstheater ensemble: Immersion. Wir verschwinden

November 23, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach dem Nestroy-Preis gleich die nächste Uraufführung

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Sie schimpfen auf „die da oben“ und empfinden sich als „die da unten“. Martin Gruber, das eben mit einem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnete aktionstheater ensemble und „Tanz Baby!“-Mastermind Kristian Musser widmen sich in ihrer neuesten Uraufführung „Immersion. Wir verschwinden“ den am gesellschaftlichen Kuchen Zukurzgekommenen, für die Aufmerksamkeit alles bedeutet und doch in ihrer Einsamkeit verloren gehen.

Selbstverständlich darf auch hier wieder der ironische Blick auf die eigene Theaterarbeit nicht fehlen. Premiere ist am 24. November im Werk X – Eldorado. Inhalt: Michaela entrüstet sich über das mangelnde Können einer Darstellerin aus einem Werbeclip für eine Provinzstadt. Das hätte sie wirklich besser gemacht. Andreas darf während einer Gala vor internationalen Finanzmogulen seine Gedichte vortragen. Eine Karriere als gefeierter Poet scheint sich aber doch nicht abzuzeichnen. Martin träumt vom großen Durchbruch als Schauspieler in einer französischen Filmproduktion. Bei den Dreharbeiten am Mount Everest wird er aber zum Statisten degradiert. Sein einziger Satz wird gestrichen. Von nun an geht’s bergab. Zurück in der Realität bleibt für alle ein Engagement beim Aktionstheater. Anlässlich eines drohenden Rechtsruckes, entschließt man sich nur noch Komödien zu machen. Das hat in früheren Zeiten auch schon einmal funktioniert …

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Bild: Gerhard Breitwieser

Um die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit vergessen zu machen, konterkarieren die Sängerin Sonja Romei und Kristian Musser das Geschehen mit minimalistischen Interpretationen vergangener Hits und sphärische Neukreationen. Eine poetische Intervention mit den Darstellern Susanne Brandt, Michaela Bilgeri, Martin Hemmer und Andreas Jähner.

Trailer: vimeo.com/189901179

www.aktionstheater.at

Wien, 23. 11. 2016