Akademietheater: paradies fluten. verirrte sinfonie

September 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da geht die post- ab

Die Reifenhändlerfamilie: Peter Knaack, Elisabeth Orth, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spannend war es in der Pause, als die Bühnenarbeiter die große Plastikplane zusammenlegten, den Unrat entsorgten, die Bühne putzten, jeder Handgriff mit Zweck und Ziel, ungekünstelt, uneitel, authentisch, die Bewegungen wie choreografiert …

Davor und danach gab es die Österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks Kleist-Förderpreis-Stück „paradies fluten“, „teil eins der klimatrilogie“.

Das Ganze ist – zumindest in der Drei-Stunden-Zerdehnung von Regisseur Robert Borgmann – doch ein klein wenig geschwätzig und repetitiv. (Was nichts damit zu tun hat, dass Köck wie jeder gute Jelinek-Schüler in Textflächenblöcken und mit Textflächenblockwiederholungen arbeitet.) Köck will viel, das ehrt ihn, will den welterklärerischen Komplettentwurf, will seine Kapitalismus-, Konsumismus-, Klimaschutz-, Kautschukgewinnungs-, Und-überhaupt-alle-Katastrophen-und- Ungerechtigkeiten-dieser-Erde-Kritik in eine Perlenreihe kriegen; er reiht sie auf, die Schlagwörter, die die neoliberalen Suchmaschinen zum Laufen bringen.

Seine Schlussfolgerungen sind: BWL-Täuschung und Markt-Schreierei, und enden bei der obligatorischen Globalisierungs-Beanstandung, das Ergebnis ein frei-assoziativer Text, der sich selbst seinen Sinn bescheinigt. Fürs postfaktische Zeitalter also ein postmodernes, postnarratives Stück, postapocalypse now! Dabei – paradox – ist dieser hermetische Theaterabend bar jeder Sinnlichkeit so besoffen von sich und seinen Ideen, dass er gar nicht genug von sich kriegt.

Das neonfarbene Paar: Marta Kizyma und Christoph Radakovits mit Elisabeth Orth. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Und schwupps – Rokoko: Alina Fritsch, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt und Alina Fritsch als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und „Die von der Vorsehung Übersehene“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In seiner sinfonie-Kakophonie verschränkt Köck im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Die Familiengeschichte. Gegenwart. Ein mittelständischer Kleingewerbetreibender, Autowerkstatt und Autoreifenverkauf, geht Pleite. Vorwürfe von der Frau, Kalmierungsversuche von der Großmutter. Man ergeht sich in großstädtisch-spätbürgerlichem Beziehungs-Kleinklein. Die Tochter wird später im prekären Ballettbetrieb versumpern, der Vater einen Schlaganfall erleiden.

Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person, hart klingt das, sie erzählen von sich, statt auf- und miteinander zu (re)agieren; die fremde Haut, in die sie schlüpfen, sie soll den Schauspielern hier verfremdet bleiben. Elisabeth Orth, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz bestreiten diesen Teil blut- und dreckverschmiert.

Handlung 2. Manaus zur Zeit des Kautschukbooms. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein fiktiver deutscher Architekt namens Felix Nachtigall soll das Opernhaus Teatro Amazonas bauen. Im Gegensatz zu Fitzcarraldo ist er aber ein guter Mensch, und will die versklavten, gefolterten Indios vor den Kautschukbaronen retten (lesenswert und magenumdrehend dazu die Beiträge im Programmheft). Philipp Hauß gestaltet diese Rolle. Sylvie Rohrer wird als „der Entwicklungshelfer“ ausgewiesen, ist auf der Bühne aber tatsächlich eine hysterische Koloniallady, die um endlich ein bisschen Kultur in der Wildnis fleht.

So ziemlich allgegenwärtig in diesem Geduldsspiel sind, goldgesichtig, Sabine Haupt als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und Alina Fritsch als „Die von der Vorhersehung Übersehene“. Sie fügen zum Enigmatischen das Mythologische hinzu, changierend zwischen einem Dasein als Parzen und Wladimira und Estrella.

Gleich zu Beginn nimmt Haupt die Universumsperspektive ein. Schildert die Ausdehnung und den Zerfall der Sonne in Milliarden von Jahren, roter Riese, weißer Zwerg. Die Sonne wird die Erde erst verstrahlen, dann vergasen, sagt sie. Das ist Köcks „Poetik des Transvisuellen“, und die Bilder dazu sind diametral banal. Im Wesentlichen wird im Wortsinn im Gatsch gespielt. Die Flut hat ihre Schlammmassen hinterlassen.

Des Weiteren kommen vor: ein in Neonfarben gestrichenes Paar (Marta Kizyma und Christoph Radakovits), das sich wie wahnsinnig auf die nächste Finanzblase freut, drei Klischee-Schwarze, Nancy Mensah-Offei, Marie-Christiane Nishimwe und Sopranistin Bibiana Nwobilo, die eine Handvoll Arien zum Besten gibt, ein UNO-Soldat und Rokoko-Kostüme. Warum? Man weiß es nicht. Sven Dolinski, ausgestattet mit dem Mantra „Why Should I Want To Be In This Picture?“, Anna Sophie Krenn und Leonhard Hugger gehören ebenfalls zu diesem immer wieder über die Bühne driftenden Chor. Mittels ihm schiebt Köck auch noch zwischen die Szenen seine mäandernden Wortströme: „aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer“.

Philipp Hauß als Architekt mit Marie-Christiane Nishimwe, Nancy Mensah-Offei, Marta Kizyma (im Vordergrund) und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Köck hält die Überflutung des Theaters mit seinen Textmengen von Stück zu Stück konsequent durch. Er macht sie zu seinem ästhetischen, ja zum „politischen“ Prinzip, die Überforderung gleichsam zum Programm. Die Burgkräfte kann das freilich nicht wegschwemmen, so richtig mit Verve ist aber auch kaum einer bei der Sache.

Am ehesten schaffen es noch Peter Knaack als psychisch und ökonomisch an der mühsam errungenen Selbstständigkeit gescheiterter Vater und Philipp Hauß als Beobachter, wie der Reichtum Manaus in der abebbenden Konjunktur erst den Bach und dann den Amazonas runtergeht, ihren Rollen Seele einzuhauchen. Gemeinsam (obwohl nie zusammen in einer Szene) verkörpern sie eine in Alternativelosigkeit verfangene Gegenwart und jenen Imperfekt, der das angerichtet hat, was Status Quo ist.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

stadtTheater Walfischgasse: Der Beweis

Oktober 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gleichung mit familiären Variablen

Anna Sophie Krenn, André Pohl Bild: Sabine Hauswirth

Anna Sophie Krenn, André Pohl
Bild: Sabine Hauswirth

Da fällt ein Satz, über den ich sehr lachen musste: „Mein Vater hat sich der Mathematik immer von der Seite genähert.“ Ich auch – nur sagte die Mathematik zu mir: Red‘ mi ned von der Seitn an! – und im Schularbeitsheft stand wieder eine Note jenseits der guten. Anita Ammersfeld, die gerade in der vergangenen Saison einen nie dagewesenen Lauf hatte (die Erfolgsproduktionen „C(r)ash“ www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid/ oder www.mottingers-meinung.at/stadttheater-walfischgasse-halbe-wahrheiten/ stehen nach wie vor auf dem Spielplan), verkündete vor Kurzem die aktuelle sei ihre letzte. Um nun mit der ersten Premiere, David Auburns „Der Beweis“, den Beweis anzutreten, wie sehr das stadtTheater im Wiener  Bühnenpotpourri fehlen wird. Na, danke herzlich.

„Der Beweis“ erhielt alle wichtigen US-amerikanischen Theaterpreise, darunter den Drama League Award, den Preis der New Yorker Theaterkritiker, den Tony Award 2001 für das Beste Stück, den Pulitzer-Preis 2001 für Theater und ist ein noch nie in Wien gezeigtes Stück. Eine Komödie mit Sinn und Hintersinn, mit so viel Tragik, dass es gerade noch auszuhalten ist. Eine Fortführung der im Vorjahr begonnenen Reihe, wenn man so möchte. Es geht um „Geist“ – im doppelten Wortsinn: Robert, ein berühmter Mathematik-Professor, hochbegabt, hochdekoriert, verliert durch eine mysteriöse Krankheit den Verstand. Seine Tochter Catherine, dem Vater immer eng verbunden, gibt ihr Leben auf, um ihn zu pflegen. Schwester Claire macht fernab in New York als Bankerin Karriere. Als Robert stirbt kommt sie zur Beerdigung, findet die Schwester verwahrlost und verwirrt vor. Und plötzlich steht die Frage im Raum: Hat Catherine Roberts Genie oder Wahnsinn geerbt? Oder beides? Denn da ist auch noch Ex-Student, nun selbst Uni-Unterrichtender, Hal, der in Roberts Notizen einen bahnbrechenden  mathematischen Beweis (für die Hodge-Theorie: diese verbindet die mathematischen Teilgebiete Analysis, Differentialgeometrie und algebraische Topologie; benannt ist die Hodge-Theorie nach dem Mathematiker William Vallance Douglas Hodge, der diese in den 1930er-Jahren entwickelte) findet, ihn prüfen und als Vermächtnis seines Lehrmeisters veröffentlichen will.
Doch Catherine sagt, die Gleichung sei von ihr …
Carolin Pienkos inszeniert „unakademisch“, heißt: kein Proseminar für Rechenkünstler, sondern erzählt eine Familiengeschichte. Unterbrochen durch Blackouts, wie sie getrübter Geist oder verzwickte Verwandtschaftsverhältnisse ebenso an sich haben. Ilona Glöckel hat dafür ein großartiges Bühnenbild geschaffen: ein Häuschen, samt Veranda und Innenraum, das die Schauspieler im Laufe der Handlung Runde um Runde im Kreis drehen. Josefstadt-Leihgabe André Pohl brilliert als Robert. Ist er gerade bei Verstand ist er ein scharfzüngiger Egomane, wechselt ohne Vorwarnung zum liebevollen Vater, nervig beim Versuch das Talent seiner Tochter Catherine wachzurütteln – und ist sofort wieder egoistisch – schutzbedürftig -, wenn sie beginnt, Zukunftspläne zu schmieden. A Beautiful Mind, der nicht loslassen kann. Apropos: Ist es nicht erstaunlich, wie viele Mathematiker durchgedreht sind? Von Kurt Gödel bis John Forbes Nash.
Die Schwestern, Anna Sophie Krenn als Catherine und Eva-Christina Binder als Claire, stehen der Leistung um nichts nach. Auch Claire hat dieses Zwänglerische, das der Familie eigen ist. Sie ist eine Listenschreiberin, ansonsten aber Typ Erfolgsmensch – und dennoch der Schwester neidig, dass sie Vaters Denkmustern folgen kann, während Claire nur eine Wallstreet-Rechnerin ist. Pienkos arbeitet die Geschwisterrivalität, das Buhlen um Liebe und Aufmerksamkeit sehr exakt heraus, stellt es gleichsam in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Krenn, eigentlich die Protagonistin des Ganzen, verausgabt sich mit ihren nervenheilanstaltigen Temperamentsausbrüchen bis zur Selbstaufgabe. Die Emotionen, die sie über die Rampe spült, reißen einen mit sich.
Und dann ist da noch Michael Schusser als Hal, Typ tollpatschiger Teddybär (in der „Big Bang Theory“ wäre er eindeutig Leonard), der sich mit 28 schon auf intellektueller Talfahrt glaubt und dringend einen Erfolg braucht. Ob er am Ende ein Guter oder ein Böser ist – bitte selber nachschauen.
Mit „Der Beweis“ servieren Intendantin Anita Ammersfeld und Regisseurin Carolin Pienkos jedenfalls einmal mehr Unterhaltung mit Haltung. Von Logos bis Logik, von Herz und Hirn, von Vertrauens- und Liebensverhältnissen berichtet David Auburn. Und genau wie der Autor lässt auch die Regisseurin eine Variable in der Gleichung unbekannt: das menschliche X – beziehungsweise Y.

www.stadttheater.org

Wien, 16. 10. 2014