Theater in der Josefstadt: Die Verdammten

November 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Familienbande beim Machtspiel

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Regisseur Elmar Goerden zeigt an der Josefstadt seine Interpretation von Viscontis „Die Verdammten“, und, dass diese Inszenierung wie mit spitzen Nadeln unter die Haut fährt, zeigte sich beim begeisterten Schlussapplaus, bei dem Andrea Jonasson minutenlang darum rang aus ihrer Rolle zurück in die Realität zu kommen.

Da hatte ihre Sophie von Essenbeck die Vergewaltigung durch und die Eheschließung mit dem eigenen Sohn und schließlich ihr Leben gerade hinter sich gebracht, die Grande Dame des Theaters von dieser Szene schwer gebeutelt, tat sich doch da für sie eine völlig neue Dimension menschlicher Abgründe auf – und natürlich gelang der Jonasson die Darstellung dieser Fallstudie, dieses Sündenfalls mit Bravour.

So wie sie freilich der Fluchtpunkt des Abends ist, hat Goerden mit dem ganzen Ensemble präzise und mit Hingabe ans Detail an den Figuren gearbeitet, hat mit ihm prägnante Charaktere entworfen; allen voran der eben erst für den Nachwuchs-Nestroy nominiert gewesene Meo Wulf, seit dieser Saison Ensemblemitglied am Haus, ist ganz fabelhaft. An seinem Günther von Essenbeck erklären sich Goerdens Intentionen glasklar, er wird dort deutlich, wo Visconti 1969 nur andeutete, ist deshalb nicht weniger subtil, wenn’s um politische bis sexuelle Vorlieben geht, aber aggressiver, wenn er die Familienbande beim Machtspiel abbildet.

Ein paar Anachronismen legen darüber hinaus dar, worum’s hier geht, Haltung bewahren, Stellung beziehen in Tagen wie diesen; Goerden porträtiert eine innerlich verwahrloste Industrie-Aristokratie, die Aushöhlung eines altgedienten, ausgedienten Anstands, dem die Stunde mit der der Parteiaufsteiger und ihrer Wirtschaftsmetzen schlägt. So wird ihm dieser Teil von Viscontis Deutscher Trilogie zur irrwitzig eleganten Totenfeier, ein Requiem auf Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit, nun wo die Mörder der Ehre die Treue schworen. Auch das ästhetisch reduzierte Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl, letzterer besorgte die Textfassung, atmet Eiseskälte, das einzige, das in dieser Atmosphäre brennt ist der Hass, der alle um- und antreibt. Und der Reichstag. Im Februar 1933 entscheiden sich die Schicksale, im kleineren Rahmen der Bühne geschieht all das, was sich im Großen tatsächlich ereignete, bis hin zum Kampf der SS gegen die SA, bis hin zur „Nacht der langen Messer“. Der Krupp-Clan diente Visconti als Beispiel für seine von Essenbecks.

Der Clan ist groß. Der regierende Familienpatriarch ist der neuen Generation und ihren Plänen, sich der Führung des „Führers“ zu überantworten, im Weg. Er wird beseitigt. Es beginnt ein Hauen und Stechen, die Witwe des ältesten Sohnes will ihren Geliebten in Amt und Würden wissen, der zweitälteste Sohn dagegen seinen Sprössling, der Ehemann der Tochter ist strikter Nazigegner und wird mit seiner Familie flüchten müssen. Und mitten drin der Cousin, ein SS-Mann, der die Fäden zieht, die den vermeintlichen Machern längst aus den Händen geglitten sind. Wie in den Shakespeare’schen Königsdramen, in denen immer der, der die oberste Stufe zur Regentschaft erklommen hat, fallen muss, so ist es auch hier. Jeder neue Anwärter auf den Vorstandsdirektorenthron verheddert sich noch mehr im Fangnetz des Nationalsozialismus, die Gefälligkeiten, die Berlin gewährt sind allzu verlockend, bis dem letzten zwar als Alleinherrscher das Firmenimperium überschrieben wird, er sich aber im schwarzen Dienstrock dem Dritten Reich verschrieben hat.

Der Handlanger wird Herrenmensch: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Der Handlanger will Herrenmensch werden: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Spielchen kosten mehr als ein Leben: Meo Wulf als Günther und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Jungsspielchen kosten Günther das Leben: Meo Wulf und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Das gesamte Ensemble agiert exzellent. Andrea Jonasson überzeugt als die ihren Sohn Martin inzestuös begluckenden Witwe Sophie von Essenbeck, zu deren Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Griff in den Schritt ebenso gehört, wie die täglichen Demütigungen. Beide Erziehungsmethoden wendet sie auch bei ihrem Geliebten an, André Pohl im verbiesterten Buchhaltermodus als Friedrich Bruckmann, der versucht, sich aus der Handlangerhaltung zum Herrenmenschen aufzubäumen. Pohl gestaltet Bruckmann als die Art Bürokrat, wie sie dem NS-Regime die Mittel und Wege für ihren Massenmord lieferten, er bleibt ein spröder Unsympath bis zum Ende. Sophies Mittel zum Zweck.

Im Gegensatz dazu ist Alexander Absenger als Sophies Sohn Martin von Essenbeck die Süffisanz im Smoking. So er denn einen trägt. Absenger hat es in seiner ersten großen Rolle an der Josefstadt gleich mit der ersten großen Rolle von Viscontis Muse Helmut Berger zu tun, eine Aufgabe, die ihm großartig gelingt. Er hat sich ein eigenes androgynes Flair angeeignet, ist weniger elegisch diabolisch, als vielmehr lauthals entgleisend, die feine Gesellschaft mit seinen Eskapaden brüskierend, doch in den Augen glimmt neben der Lust auf die Lust von Beginn an die auf die Macht. Seine starke Performance krönt Absenger mit der wohl berühmtesten Szene, der Parodie auf Marlene Dietrichs „Blauen Engel“ Lola, die er in Straps und Zylinder wie ein Boxer im Ring um sich schlagend und zu einem Schlagzeugsolo bestreitet.

Ein Opfer dieser Zeitvertreibe, das Mädchen Lisa kommt bei Goerden nicht vor, wird sein Cousin Günther, der zwischen der Ausstellung seiner homosexuellen Neigungen durch Martin und den Terrormethoden, mit denen ihn sein Vater Konstantin ins Unternehmen treiben will, aufgerieben wird.

Meo Wulf macht sich mit seiner Darstellung des Günther zu einem der Hauptdarsteller, jedenfalls zum Sympathieträger für die Emotionen der Zuschauer, er macht aus Günther einen sensiblen, musisch hochbegabten jungen Mann, ein Schaf im Wolfrudel, einen Schöngeist, der sich dem Sarkasmus ergibt, bevor er sich schließlich – anders als im Film, wo seinem „jungen, puren, absoluten Hass“ die große Zukunft prophezeit wird – aufgibt. Heribert Sasse brilliert als gemütliches, gutgelauntes Clanoberhaupt Joachim von Essenbeck, der beides gerade so lange ist, wie es nach seinen Wünschen geht. Er ist ein letzter Vertreter und Verfechter der alten Ordnung, und Sasse gestaltet ihn ergo als einen, der im Gestern lebt, einen, der nie über den „Heldentod“ seines ältesten Sohnes hinweggekommen ist, leicht senil, aber kaisertreu. Peter Kremer ist als Günthers wütender, enttäuschter, später von der Verwandtschaft abservierter Vater Konstantin zu sehen.

Und so wie dieser SA-Mitglied, ist Wolf von Aschenbach SS-Hauptsturmführer. Raphael von Bargen gibt diesem kaltschnäuzigen Intriganten, der den aufkommenden Weltenbrand lapidar kommentiert, Profil. Wie von Bargen den charmant herumtollenden „Onkel“ für die Thallmann-Mädchen gibt, während er für deren Eltern – Peter Scholz und Bettina Hauenschild, die, mit einem weißen Lavoir in der Villa unterwegs, die Familie im Wortsinn reinwaschen will – schon den Transport ins KZ Dachau organisiert, das ist Schauspielerei vom Feinsten. Mit den Mädchen wird er auch, als Ersatz für die Massakerszene am Weissee, Hans Baumanns Ode an den Wahnsinn singen. „Es zittern die morschen Knochen“ als Kinderlied. Als Einladung an den nächsten Jahrgang. Es ist gruselig. Schon wieder. Denn heute, da hört uns … und morgen …?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AhF_HhMgE_c

www.josefstadt.org

Wien, 11. 11. 2016

Wiener Festwochen: Die Neger

Juni 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein einziges Missverständnis

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige)
Bild: (c) Julian Röder / JU Ostkreuz

Es herrschte kathedralenhafte Stille im Akzent. Nachdem sich eine Initiative über den Stücktitel echauffiert hatte www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-neger-bleiben/, wollten wohl viele im Zuschauerraum besonders „pc“ (politisch korrekt) sein. Le Seufz, wie die Franzosen sagen. Alles ein einziges Missverständnis. Erst nach einer Stunde wagten die ersten zu lachen, es gab aber auch „Schas“- und „I kenn‘ mi ned aus“-Gemurmel. Und in Kleingruppen organisierte Publikumsflucht. Ein Glück. Denn es blieben die, die den Schauspielern und damit ihrem Regisseur Johan Simons frenetischen Applaus spendeten. Ja, die Truppe wurde sogar noch einmal herausgefordert, als sie sich eigentlich schon Richtung Garderobe bewegen wollte. Welch ein Abend! (Zur Erklärung: Es war der zweite, nicht die Premiere.)

Simons hat Jean Genets 1958 entstandene Clownerie „Die Neger“ neuinszeniert. Auf eine wunderbare Weise. Wer das langweilig fand, sollte sich vielleicht einmal grundsätzlich mit dem Thema Theater beschäftigen. Denn Simons zeigt ein buntes – rosa, gelb, grünes – Schattenspiel auf weißen Plastikbahnen, dazu eine Maskerade bandagierter Köpfe – wie Degenfechterhelme -, die Genet auf den Punkt treffen: Die äußere Farbe ist nichts. Was gilt ist die innere Revolte, die zur Revolution wird. Noch dazu erklären die beiden einzigen Unmaskierten, die Archibalds Felix Burleson und Stefan Hunstein, gleich zu Beginn, dass es sich bei der Sache um ein Spiel, ein Schauspiel handelt. Es wird darüber gestritten, dem Text zu gehorchen, zu schnell oder zu langsam aufzutreten, bis die Archibalds drohen, den Abend abzubrechen, wenn nicht bald Disziplin herrscht. Mit einem Problem muss man sich außerdem beschäftigen: Man braucht für jede Vorstellung eine frische „Leiche“, die ist nämlich aus Wachs und tropft die ganze Zeit über durch das Gitter des Autopsiebettes. Bis am Ende keine Tote mehr da ist (nur Reste eines Popöchens), ergo kein Mordfall, ergo kein Stück. Oder?

Zugegeben: Genet ist nichts für Anfänger. Der Außenseiter in der Clique um Sartre, Cocteau, Boris Kochno, Simone de Beauvoir, Giacometti und Picasso, Moralist, Sympathisant der RAF, der PLO, der Black Panther und der algerischen Befreiungsfront FLN, schrieb eine Vorurteilssatire. „Wir spielen, um uns zu bespiegeln“, sagt Archibald. Und meint „die Weißen“ mit „Exotikfimmel“. Szenario: Mit beißendem Spott wird das rassistische Klischee vom lustmordenden „Neger“, der eine weiße Frau sexuell missbraucht und sie dann tötet, in seine Bestandteile zerlegt. Andere Spieler repräsentieren die Kolonialisten, die dem Mord eine groteske Strafexpedition folgen lassen. Die Darstellung des Ganzen: Sigi-Freud’isch „überspannt“. Köstlich, wie „die Weißen“ mit Krone (Königin), Kreuz (Missionar) und Gesetzbüchlein (Richter) die Insignien ihrer Macht auf dem Kopf tragen. Köstlich, wie „die Neger“, Männer wie Frauen, in Neger-Mama-Outfits wie in einer US-Südstaatenschmonzette verkleidet sind. Vom Winde gebläht. (Die Weißen sollen nämlich unter anderem weggefurzt werden.) Köstlich, wie der Mörder Village (Benny Claessens) von seinen Mitspielern aufgefordert wird, er möge sein Leid doch bitte in weniger Metaphern ausdrücken. Sie täten das schließlich auch nicht.

Simons offenbart den Surrealismus der Realität. Er kennt sich aus mit dem Existenzialismus, wenn „die Weißen“ in der Wüste vor Lepra, Fieber, Ameisenvölkern bibbern. Ein furchterregendes Land. Das sie trotzdem in Besitz halten möchten. „Aber wir sind doch hier in Frankreich“, sagt die Königin einmal. „Nein, das ist Afrika“, erwidert Village, „Noch ist Zeit. Kehren Sie um.“ Darauf die Königin: „Sie setzen auf unsere Erschöpfung.“ Sätze tiefer Wahrheit. Doch davon kommt noch mehr, wenn Genet prophetisch über Schwarze in schwarzen Rolls-Royces, die zu schwarzen Opernhäusern fahren, philosophiert. Die Geschichte der Ausschlachtung Afrikas hat viele Gesichter. Auch die der Bid Dadas. Am Ende von Simons Ausführungen kommt ein Mann mit Gewehr, dankt den Schauspielern für ihre „Ablenkung“, der neue, schwarze Führer sei nun an die Spitze geputscht.

Simons Schauspieler sind allesamt großartig. Ausdruck ohne Gesicht zu haben ist eine große Kunst. Allen voran brillieren Benny Claessens, Anja Laïs als Vertu, Maria Schrader als sich ständig an den Kopf fassende, weinende, hinrichtende Königin, Edmund Telgenkämper als Richter. Felix Burleson, der einzige „echte Schwarze“, ein niederländischer Schauspieler mit Wurzeln in Surinam, kommentiert die Handlung mit Zwischen-Achs, in Mimik und Gestik. Er ist das Herz der Inszenierung.

Nun gibt’s ja die, die meinen, die Kolonialzeit in Afrika sei doch längst vorbei, Genet also ein alter Hut, ohne Bezug zum Heute. Falsch. Er war nie aktueller. Denn über Afrika rollt Furcht und Schrecken und Terrorismus verbreitend seit Jahren die zweite Welle der Kolonisation. Wirtschaftlich angeführt von den Chinesen, ideologisch vom Islam. Staaten verkaufen einen niederländischen Konzern ihr Wasser, es wird privatisiert. Kinderhände, weil kleiner, holen aus Müllbergen von Laptops und Handys aus den Industriestaaten die weiter verwertbaren hochtoxischen Teile … „Wir gehen wie Larven in den Winterschlaf“, sagt die Königin, bevor sie stirbt. Zeit, diese endlich von den Gesichtern der Verantwortlichen zu reißen.

www.festwochen.at

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6. 6. 2014

Leslie Malton und Peter Kremer im Gespräch

November 20, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Der letzte Vorhang“ in den Kammerspielen

Bild: © Gernot Singer

Bild: © Gernot Singer

Am 21. November hat an den Kammerspielen Maria Goos‘ „Der letzte Vorhang“ Österreichische Erstaufführung. Ein geschliffener, witziger Schlagabtausch mit Leslie Malton und Peter Kremer, ein pointiertes Zweipersonen-Stück im Theatermilieu: Vor dreißig Jahren waren Lies und Richard gemeinsam auf der Schauspielschule. Danach arbeiteten sie lange intensiv zusammen, sie in ihn einsam verliebt, er mit einem zunehmenden Alkoholproblem. So beendete Lies die Zusammenarbeit, heiratete und zog nach Südfrankreich. Zu Beginn des Stücks, es sind nun 10 Jahre vergangen, folgt Lies einem Ruf, Richard und das Theaterstück, in dessen Proben er sich gerade befindet, zu retten, weil sie die Einzige sei, die mit Richard umgehen kann. Worauf sie sich da eingelassen hat?  Alte Liebe erblüht, alte Wunden reißen wieder auf. Die Begegnung lässt Richard und Lies an der Richtigkeit ihrer jeweils wichtigsten Lebensentscheidungen zweifeln. Vor allem Lies sieht sich auf eine harte Probe gestellt. Zu guter Letzt steht sie erneut vor der Wahl: ein wildes Leben mit ihrer großen Liebe Richard oder die bürgerliche Existenz mit ihrem Mann. Regie führt André Pohl. Ein Gespräch mit den Darstellern:

MM: „Der letzte Vorhang“ ist doch ein Fressen für einen Schauspieler.

Leslie Malton: Absolut.

Peter Kremer: Diese beiden Rollen haben so viele Facetten, dass es ein Geschenk ist.

Malton: Es ist ein Schauspielerstück, eines, wo sich weder Regie noch Bühnenbild etwas aus der Nase ziehen müssen. Es steht alles im Stück.  Ich finde es schön, dass es immer mehr diese Art Schauspielerstücke gibt.

MM: Sie spielen ja nicht nur die Protagonisten Richard und Lies, sondern außerdem Freunde, Bekannte, Verwandte, die die beiden sich gegenseitig persiflieren – und Bühnenfiguren. Denn es gibt ein Stück, das heißt: Proben zu einem, im Stück. Eine Herausforderung, von einer Figur in die andere zu hüpfen?

Kremer: Eine große! Es muss ja alles wie aus einem Guss sein, zu diesem einen Abend passen.

Malton: Es war ein besonderer Prozess, sich all diese Figuren anzueignen. Ich spiele vier, Peter spielt drei – und manche, manches spielt man auch im Rückblick. Das Ist-Moment sind nur die letzten 15 Minuten des Stückes, der Rest ist Vergangenheit, der betrachtet wird. Außerdem springt man nicht – plumps – einfach so in andere Rollen rein, sondern die Menschen, die über Richard und Lies reden, haben unmittelbar mit ihnen und ihrer Vergangenheit zu tun. Da übernimmt man Verantwortung, das ist alles sehr ernst zu nehmen, weil es das Geflecht, den Teppich noch einmal genauer definiert – wer die sind und was ihre Biografien angeht.

MM: Frau Malton, Sie haben sich kürzlich in einem Interview zu „Der letzte Vorhang“ dagegen verwehrt, dass der Begriff Boulevard im deutschsprachigen Theater negativ besetzt ist. Ich finde das Stück gar nicht boulvardesk; Richard, der egomanische Alkoholiker, ist doch eine tieftragische Figur. Trotz seines satirischen Tonfalls.

Malton: Lies ist die einzige, die mit Richard noch zu recht kommt. Er ist ein großer Künstler sehr wortgewandt und kann im Nu anderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Das tut er aus Lust. Aber auch, weil er selber sehr verzweifelt ist. Weil er so einen hohen Anspruch ans Theater hat. Es dauert lang bis er jemanden hat, den er als ebenbürtig sieht, den er akzeptiert und respektiert. Das ist Lies.

MM: Sie wirken optisch wie „Der Harte und die Zarte“. Doch in Wahrheit funktionieren im Stück die Mechanismen andersrum.

Kremer: Ich würde Richard nicht als hart bezeichnen, er ist halt kompromisslos, was sein Leben, seine Arbeit betrifft. Man hört doch allenthalben von „schwierigen“, „komplizierten“ Kollegen. Ich finde solche Menschen in der Regel gut, wenn sie einen nicht in der eigenen Würde verletzen, wenn sie einen respektieren, wenn sie „nur“ professionell arbeiten wollen. Und mit Herz. Richard regt sich auch auf über die, die schlampen, leicht oberflächlich werden. Das kann ich unterschreiben. Die Nicht-Präzisen empfinden die Perfektionisten als „anstrengend“. Und umgekehrt. Man muss halt schauen, mit welchen Menschen man sich umgibt, damit das nicht eskaliert. Bei Richard ist das geschehen, weil die Frau, Lies, die er durch und durch akzeptiert und respektiert, nicht mehr zur Verfügung stand. Und natürlich ist Richard auch ein bisschen speziell.

Malton: Es ist auch ein Stück um Entscheidungen. Sie sind beide um die 50. Das ist ein Alter, wo man anfängt darüber nachzudenken, was im Leben schon war, und was man noch möchte. Man ist an einem Punkt, an dem man Dinge verändern kann. Wenn man die Kraft, den Mut, die Lust dazu hat. Das ist sehr klug von Autorin Maria Goos so angelegt. Denn diese Reflektion passiert einem nicht um die Vierzig, sondern eher um die Fünfzig. Da beginnt das Überprüfen der eigenen Biografie. Bin ich glücklich, da wo ich bin? Richard geht da sehr mit ihr ins Gericht, wodurch Lies durchgerüttelt wird, bei sich noch einmal nachcheckt, ob ihr die Komfort-Ehe wirklich gefällt.

Kremer: Ich wünsche mir, dass wir Zuschauer mit dieser Frage erreichen. Die Figuren müssten keine Schauspieler sein. Ich kenne genug Bekannte, die sich fragen: Welchen Weg bin ich da falsch gegangen? Das hat jeder Mensch in dem Alter.

Malton: Genau. Nicht nur Lies und Richard, die Schauspieler im Stück.

Kremer: Deshalb finde ich die Fragestellung im Stück so gut und wichtig für alle.

Malton: Sie haben vorhin wegen Boulevard gefragt. Weil ich mich da etwas aufgebäumt habe: Man sagte zu mir „Edelboulevard“. Gibt es da Abstufungen? Es gibt ja auch nicht „Edel-Tragödie“. Im angelsächischen Raum wird sehr viel Boulevard gespielt. Das sind Granaten von Stücken. Der ganze Broadway lebt davon. Schauen Sie einmal, welche Stars da spielen! Das erfordert viel Kraft, Aufmerksamkeit, Wachheit – und es geht immer um etwas. Man muss Boulevard ernst nehmen. Deswegen werde ich immer sehr schmallippig, wenn bei dem Wort „Boulevard“ so ein Hautgout im Ton mitschwingt, denn das ist eine Degradierung in der Regel moderner Stücke. Man muss das Stück und den Autor ernst nehmen, egal ob Drama, Boulevard oder Komödie.

MM: Maria Goos ist sehr exakt in ihren Regieanweisungen. So etwas nervt manche. Folgen Sie ihr, ignorieren Sie sie?

Kremer: Mir ist das beim Lesen nicht aufgefallen, also habe ich mich nicht so viel damit beschäftigt. Ich hatte Erfurcht vor den Proben, weil so viele Zeitebenen, so viele Figuren ineinander fallen. Und dachte mir: Ist das nicht zu kompliziert? Ich blick’ ja selber nicht mehr durch. Aber das ist nicht der Fall. Da kann man ganz getrost sein.

MM: Und Regisseur André Pohl ist so ein liebenswerter, ausgeglichener, zurückgenommener Menschen … Bleiben, Frau Malton, nur Sie als Löwin im Rudel …

Malton: Nein, ich bin die Maus. Und dann FAHRE ich meine Krallen aus. (Sie lacht.) Aber zum Thema Regieanweisungen möchte ich sagen: Shakespeare hat in all seinen Werken eine einzige geschrieben: „Verfolgt von einem Bären“. Der Rest ist im Text, in der Sprache drin. Bei einem guten Autor saugt man Regieanweisungen aus dem Text.

MM: „Der letzte Vorhang“ ist ein verbaler Schlagabtausch zwischen „Kollegen“. Wie oft haben Sie ein Déjàvu Ihrer persönlichen Erfahrungen?

Kremer: Relativ häufig. Ich ertappe mich dabei, dass ich Richard relativ nahe bin. Weniger, was – Gott sei Dank – die Lebensart betrifft, aber sein Denken.

Malton: Ja, er sagt ganz tolle Sachen. Ich fühle mich der Jojanneke sehr nah (sie lacht wieder) (einer gescheiterten Schauspielerin, die von Lies parodiert wird, Anm.)

MM: Sie sind dem Publikum sehr stark aus Film und Fernsehen bekannt. Sie holen sich aber auch gern den Live-Effekt ab. Was ist der Reiz daran, Theater zu spielen?

Kremer: Ich habe 18 Jahre lang nur Theater gespielt, dann kam die Krimiserie „Siska“, damit wurde ich zwar bekannt, aber mit dem Theater ging es sich nicht mehr aus. Vor drei, vier Jahren habe ich begonnen, vom Theater zu träumen, von den Gerüchen. Ich habe das Glück, dass ich im Herbst und im Frühjahr Theater spielen kann, weil da nicht so viel gedreht wird. Ich mache beides gerne, ich möchte das andere nicht lassen. Ich genieße es. Vor allem, wenn ich so tolle Kollegen habe wie Leslie.

Malton: Das kann und will ich zurückgeben. Bei so einer Dreierkonstellation – mit André Pohl – kann das nur funktionieren, wenn man sich mag, wenn es keine Animositäten gibt. Theater ist für mich immer sehr wichtig gewesen. Ich kenne es allerdings nicht, in einem festen Ensemble zu sein. Das gibt’s so im angelsächsischen Raum nicht. Da heißt es: Get a part, get a job. So bin ich von Anfang an zweispurig gefahren. Ich liebe es zu filmen, ich mag den Umgang mit der Kamera. Da kann man mit einem Augenaufschlag viel erzählen. Ich brauche aber auch das Theater. Ich liebe es wochenlang an einem Text zu arbeiten, ich liebe den Live-Moment, und dass jeder Abend anders ist. Müsste ich wählen, was ich hoffentlich nie muss, würde ich mich dafür entscheiden. Und ich finde es wunderbar, dass die Josefstadt zwei Gäste, die der Regisseur sich gewünscht hat, einlädt, ein tolles Stück zu spielen.

Kremer: Wir sind ein starkes Dreieck. Wir haben einander den Respekt und den Raum gegeben, den jeder braucht, und sind so zusammengewachsen.

Malton: André versteht den Schauspieler. Wir hören einander sehr gut zu. Das ist sehr fördernd und fordernd – und bringt  uns alle weiter.

MM: Sie sind beide Josefstadt-Debütanten, spielen in den neuen Kammerspielen …

Malton: Und sind absolut hingerissen. Ich kannte die alten Kammerspiele als Kind, kann mich an den Innenraum erinnern, an die kleine Kassa – wie beim

Kino. Jetzt ist es noch sehr schöner. Ein intimes, kleines Theater, bei dem man Nähe zum Publikum hat.

Kremer: Ich bin schon sehr gespannt. Ich freue mich, wenn’s endlich losgeht. Ich habe noch nie in Wien Theater gespielt, war überhaupt noch nie länger als drei, vier Tage hier. Ich freue mich aufs Wiener Publikum, von dem man ja nur das Beste hört.

MM: Sie haben auch einen Anverwandten, der in Wien Theater spielt.

Malton: Der Sohn meines Mannes Felix, Florian von Manteuffel, ist seit dieser Saison am Schauspielhaus Wien. Ich war auch bei seiner ersten Premiere, „Princip“. Seine zweite ist leider einen Tag nach unserer. Also kann er nicht zu meiner Premiere kommen – und ich nicht zu seiner. Das ist ein bissl blöd. Aber sonst ist’s schön, dass sich die Familie in Wien trifft; ich bin ja die einzige, die Wiener Blut in den Adern hat; und als ich wieder in Taboris ehemaligen „Kreis“, nun eben das Schauspielhaus ging, hatte ich schon Schmetterlinge im Bauch. Ich habe mich irrsinnig gefreut, dass der Innenraum so geblieben ist, wie er war – eine Katakombe, wie George es im Vergleich zum Burgtheater, die Kathedrale, nannte. Was uns fehlt, ist eine Produktion mit Felix von Manteuffel, Florian von Manteuffel und Leslie Malton.

MM: Ich nehme das als Anregung an die Theater auf. Frau Malton, Sie kennen Wien. Was werden Sie Herrn Kremer zeigen?

Kremer: Ach, schon viel. Wir waren beim Demel, in einem Wäschegeschäft …

Malton: … der Schwäbischen Jungfrau … Wir waren im Gasthaus von Hanno Pöschl …

Kremer: … ein schöner Platz, der Franziskanerplatz, den ich alleine sicher nicht gefunden hätte. Sonst pendelt man nur zwischen Probe und Hotel. Hier erlebe ich die Stadt. Und Leslie ist eine der besten Fremdenführerinnen, die ich kenne …

Malton: Ich sage ihm immer, er muss nach oben schauen, was sich in Wien auf den Dächern abspielt, ist einmalig.

Kremer: Sie merken, sie ist begeistert, sie blüht auf. Wien ist ihre Stadt. Deshalb redet sie wie ein Wasserfall. Das ist gut. Wien hat ja auch das beste Wasser der Welt.

ZU DEN PERSONEN:

Leslie Malton

Washington D.C., Wien, Boston, London, Berlin – die Tochter eines amerikanischen Diplomaten und einer Wienerin lebte schon in ihrer Jugend an wechselnden Orten. An der American International School, in Wien, Salmannsdorf, legte sie ihr Abitur ab.  Ihre Schauspielkarriere beginnt 1978 in Berlin mit Wolfgang Bauers „Magic Afternoon“ im Theater am Kreuzberg. Sieben Jahre später gab sie ihr Debüt am Wiener Burgtheater als Ophelia in „Hamlet“ neben Klaus-Maria Brandauer. Wien ist für die nächsten 6 Jahre ihre Theaterheimat. Sie spielte u.a. das „Gretchen“ in George Tabori´s „Mein Kampf“, sowie „Ruthie“ in seiner Inszenierung „Weismann und Rotgesicht“, danach arbeitet sie weiter mit ihm am Theater in der Porzellangasse: Der Kreis, und war in „Verliebte und Verrückte“ zu sehen, eine 6-stündige Shakespeare Collage.  Es schließen sich bis heute Auftritte am Residenztheater, München; Schauspielhaus Zürich; Thalia Theater, Hamburg; Maxim Gorki Theater, Berlin; Hamburger Kammerspiele; St. Pauli Theater und Ernst Deutsch Theater, Hamburg sowie das Schauspielfrankfurt an. Parallel zum Theater entwickelt sich seit ihrem Spielfilmdebüt in „Eine kleine Nachtmusik“ (1976, kleine Rolle neben Elisabeth Taylor) eine Film und TV Karriere.  Der Durchbruch gelang ihr mit dem Fernseh 4-teiler „Der große Bellheim“, wofür sie mit dem Bayerischen Fernsehpreis und dem Telestar ausgezeichnet wurde. Die „Goldene Kamera: Lili-Palmer-Gedächtnis-Preis“ erhielt sie für ihre Darstellung einer römischen Journalistin auf den Spuren einer Sekte in „Gefährliche Verführung“. Vor Kurzem war sie im Fernsehen im Film „Halbe Hundert“ zusammen mit Martina Gedeck, sowie in dem Kinofilm „Da geht noch was“ zusammen mit Florian David Fitz und Henry Hübchen zu sehen. Leslie Malton nutzt ihre Popularität auch für soziale Zwecke: Sie ist Schirmherrin für Childs Fund und auch Rett Syndrom Botschafterin.

Peter Kremer

Erhielt seine Schauspielausbildung an der Folkwangschule in Essen. Er spielte auf den bekanntesten deutschsprachigen Theaterbühnen (unter anderem Frankfurt, Zürich, Berlin und München) arbeitete mit namhaften Regisseuren wie Peter Stein, Dieter Dorn, George Tabori und Frank Castorf, viele Hauptrollen wie zum Beispiel den Prinzen Hamlet. 1980/81 ging er ans Mitbestimmungsmodell am Schauspiel Frankfurt. Dort spielte er u.a. unter der Regie von Fritz Schediwy den Prinzen in Lessings Emilia Galotti. Seit Beginn der 1980er-Jahre trat Kremer auch in Fernsehproduktionen auf. 1987 war er in einer Hauptrolle in Bernhard Wickis Literaturverfilmung „Sansibar oder der letzte Grund“ zu sehen. Häufiger Gast war der Schauspieler in den 1990er-Jahren außerdem in Krimi-Reihen wie „Tatort“, „Der Alte“ und „Derrick“. 1998 übernahm er dann selbst die Titelrolle der ZDF-Krimireihe „Siska“. 56 Folgen lang spielte er den sensiblen Kommissar und wurde dadurch zum Fernsehstar. Danach stieg er aus der Serie aus, um der Krimi-Routine zu entfliehen und sich wieder auf neue Rollen und das Theater konzentrieren zu können. Seitdem stand Kremer unter anderem in Bochum und München auf der Bühne. Zudem wirkte er in zahlreichen Fernseh- und Filmproduktionen mit.

www.josefstadt.org

Wien, 20. 11. 2013