Nesterval: „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ als interaktive Live-Zom-Version

November 26, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Wahlgrotesken ist …

Astôn Matters als Patrizia Rot, Tochter der Goodbye-Kreisky-Gründerin Gertrud Nesterval (l.) mit den BedROTen und dem Analyseteam. Bild: © Alexandra Thompson

Da dies die Besprechung einer Nesterval-Produktion ist, die frohe Botschaft zuerst: Für die Performances bis 12. Dezember gibt es noch Tickets. Und derer sollte man sich gleich mehrere sichern, hat man doch bei der gestrigen Uraufführung gerade mal acht von 80 Szenen gesehen – wie man danach in der Zoom-Plauderei erfährt. Denn der Spezialtrupp für immersive Theaterformen nützt, wie beim mit dem Nestroy-#Corona-Spezialpreis ausgezeichneten „Kreisky-Test“

(Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39561), auch fürs zweite Lockdown-Abenteuer die Meeting-Plattform. Dessen Kenntnis ist keine Vorbedingung für „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“. Mit dem Mail zum Teilnahmelink erhalten die Zuschauerinnen und Zuschauer jenen zu einem Filmessay von Jonas Nesterval, ein Was-bisher-Geschah über seine buchstäblich vom Erdboden verschluckte Mutter Gertrud, plötzlich auftauchende Briefe, Pläne, Paranoia wegen diffuser Bedrohungen, ein in jeder Hinsicht fantastisches Projekt …

Kurz, die mittels Gertrud Nestervals Kreisky-Test auserwählten Bewohnerinnen und Bewohner eines sicheren und sozialdemokratischen Utopia, das heißt: deren letzte Überlebende, wurden dieser Tage bei Bauarbeiten am Karlsplatz ausgegraben. Mehr als 50 Jahre waren sie in der dem U-Bahn-Bau untergeschmuggelten Anlage insoliert, in dieser 200 Meter tief gelegenen Stadt unter der Stadt, nun, da sich der Nesterval-Fonds für die Findlinge verantwortlich fühlt, wurden sie in eine geheime „Arena“ gebracht.

Wo wenige Auserwählte, das Publikum in sechs Gruppen à  zwölf Personen, sie live und in Farbe beobachten dürfen, ja, müssen, gilt es doch in enger Zusammenarbeit mit dem Analyseteam über das weitere Schicksal der „psychisch wie physisch fragilen“, nunmehr von 50 Kameras „beschützten“ BedROTen zu entscheiden – und anschließend die Rechtmäßigkeit der Geschehnisse zu bestätigen. Da sträuben sich erstmals die Nackenhaare, in Arenen ist – siehe argentinische Militärjunta – schon eine Menge Böses passiert.

Die Bergung der Pflegerin Ludowika Weiß: Rita Brandneulinger. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Special Guest Eva Billisich als Analyse008_Daniela. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Die VersorgerInnen: Romy Hrubeš mit Martin Walanka und Johannes Scheutz. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Gertrud Nesterval mit dem Nestroy Corona-Spezialpreis: Astôn Matters. Bild: © Alexandra Thompson

Und dem Familienfonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben der Sippschaft im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, ist ohnedies nur bedingt zu trauen. Aber schwupps, schon hat einen Analytikerin Alexandra, Spielerin Julia Fuchs, zur Nummer 606 der entsprechenden Kommission gekürt, und nicht ohne Stolz möchte man erwähnen, dass man von deren anderen Mitgliedern alsbald zur Sprecherin gewählt ward.

Wahl – das ist das Thema. Denn die Vorsitzende Maria Grün, dargestellt von Performerin Alexandra Thompson, die diese Funktion seit Gertruds Ableben im Jahre 1997 innehat, wirkt zunehmend vergesslich, verwirrt, rücktrittsreif. Befindet der Rat der Frauen, Männer haben nämlich in Gertruds Unterwelt nichts zu melden, der Rat, in den jeder Clan eine Vertreterin entsendet. Als da wären: Rot, die VerwalterInnen, Patrizia und Ehemann Theo, sowie die gemeinsamen Kinder Franka, Roberta und Maggo – Astôn Matters, Alkis Vlassakakis, Laura Hermann, Michaela Schmidlechner und Willy Mutzenpachner.

Grau, die Ideologinnen, die Schwestern Viktoria und Raffaela – Miriam Hie und Claudia Six. Weiß, die PflegerInnen-Geschwister Ludowika, Anna und Erich – Rita Brandneulinger, Chiara Seide und David Demofike. Schwarz, die VersorgerInnen, Petra und ihre Was-auch-immer Jannik und Julian – Romy Hrubeš, Martin Walanka und Johannes Scheutz. Die Koproduktion mit brut Wien wie stets angeleitet von Herrn Finnland und Frau Löfberg, und im Analyseteam Christopher Wurmdobler als Jonas Nesterval und Special Guest Eva Billisich.

Verantwortliche für Kunst und Kultur gibt es keine, KünstlerInnen wurden von Gertrud als nicht systemrelevant erachtet, „Kunst kann man machen, wenn die Arbeit vorbei ist“, befindet Patrizia Rot, und wiewohl man gebeten wurde, nicht zu spoilern, darf man verraten, dass sie der großen Vorkämpferin leibhaftige Tochter ist. Dieser (no na) wie aus dem Gesicht gerissen, und weder psychisch noch physisch fragil, sondern voll des süffisanten Anspruchsdenkens. Aufzug wie Aufmarsch sind militärisch, die Frauen starken Willens, die Männer unemanzipiert und rechtlos. Ein wenig gemahnt das Setting an die Siebzigerjahre-Serie „Star Maidens“ mit Pierre Brice über ein Alien-Matriarchat, in dem die Männer in „Die Abhängigen“ und „Die Unfreien“ aufgeteilt waren.

Vorsitzende Maria Grün und Truppe: Alexandra Thompson, Miriam Hie, Astôn Matters als Patrizia Rot (Mi.) und Chiara Seide. Bild: © Lorenz Tröbinger für Nesterval

Das folgende Macht-Spiel um die neue Führungsfrau ist spannender als es „Der Kreisky-Test“ war, wenn auch mit weniger Interaktion, da mit den BedROTen kein Kontakt aufzunehmen ist. So gilt es für die Kommission – bestehend aus stimmberechtigten Frauen, nicht stimmberechtigten Männern, vier ins Bild drän- genden Katzen, einem Hund mit Streichelbedarf, sechs Flaschen Wein, zwei Bier et al./kohol– zu beschließen:

Wem folgen, welchen Weg einschlagen, welcher davon ist ein Irr- oder Ab-? Wie in jedem guten Thriller ist frei nach Hitchcocks Lehre kein Hinweis null und nichtig. Die innerfamiliären Konflikte, ältliche Despotinnen, junge Revolutionärinnen, Papakinder, Geschwisterzwistigkeiten, heimliche Liebespaare, Verschwörerzellen, Fluchtwillige, Fortschrittsverweigerer, Zukunftspessimisten, ihnen allen sollte die Kommission genau zuhören, um zu einem Schluss zu gelangen. Und so robbt man durch politische Grabenkämpfe diverser „demokratisch legitimierter“ Leitfigurinnen, angesichts deren Sesselsägerei jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen heimischen Wahlgrotesken eh-schon-wissen ist.

Im digitalen Kämmerlein hat die Kommission schließlich die Chance, sich zu besprechen und ein Votum abzugeben – und siehe, was der/dem einen Sekte, ist der/dem anderen ein sozialistisches Paradies, jedoch: was ist eigentlich diese „lukrative und vielversprechende“ Idee, die der Nesterval Fonds für die Überlebenden anpreist? „Goodbye Kreisky – Willkommen im Untergrund“ ist ein sozialistischer Spaß, und am Ende so zynisch, wie es nicht einmal Walt Disney erfinden hätte können. Nach einem im Wortsinn geistreichen Schlussgag, gibt’s als Belohnung via E-Mail einen weiteren Geheimlink vom Feinsten.

Und statt des Nesterval-üblichen Zusammensitzens ein virtuelles Get-Together mit den anderen Kommissionen, den Back-ups und dem Analyseteam. Bei dem von jenen Gruppen, die einen anderen Weg als die eigene eingeschlagen haben, allerlei Wissenswertes über beispielsweise eine rituelle Waschung der Männer oder das Zusammentreffen der Gertrud-Nachkommen Jonas und Patrizia zu erfahren ist. So wurd’s mit Performance und Plauderei beinah 23 Uhr, bis man den Zoom-Raum endlich verließ. Mitte März soll ein Zusammenschnitt der besten Goodbye-Kreisky-Momente auf der Nesterval-Webseite folgen. Da hofft man natürlich, mit einem speziellen „Auftritt“ dabei zu sein. Freundschaft? Freundschaft!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=n9d0HrRlGeU           vimeo.com/456901428           brut-wien.at           www.nesterval.at

  1. 11. 2020

brut: Der Kreisky-Test. Nesterval geht erstmals online

April 23, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genießt die Genossen vor der Webcam!

Nesterval – Der Kreisky Test: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und in der Mitte Astôn Matters als Gertrud Nesterval. Bild: © Rita Brandneulinger

Die gute Nachricht ist, wegen des großen Online-Erfolges gibt es ab 4. Mai Zusatz- vorstellungen, für die der Vorverkauf am 27. April um 13 Uhr auf brut-wien.at startet. Sonst wär’s irgendwie hirnrissig gewesen, hier über die neue Nesterval-Produktion zu schreiben, deren erste #StayAtHome-Performance, die via Zoom-Meeting stattfindet, und dabei wie immer immersiv, interaktiv, live – und bis 28. April komplett ausverkauft ist.

Schwierig ist das Schreib-Unterfangen hier sowieso, bitten einen die Drag- und anderen Artists im Anschluss an die Session doch ausdrücklich im Sinne eines künftigen Publikums nichts zu spoilern. Nesterval-Auskennern sei im Gegensatz zur bei der „Dunklen Weihnacht im Hause Grimm“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36227) erlittenen Schlappe also nur verraten: We did it diesmal! Vorm wunderbaren Sechziger-Jahre-Wandverbau empfängt einen um nichts weniger wundersam Astôn Matters als Dr. Gertrud Nesterval, das heißt, die Dame befindet sich in einem schwarzweiß-knistrigen Archivfilm, von dem aus sie die Kameradinnen und Kameraden an den Bildschirmen begrüßt.

Das Anliegen der ehemaligen Bruno-Kreisky-Anhängerin ist tatsächlich ein siedend heißes, sei doch die sozialistische Idee nach wie vor in Gefahr, und, nein, sie teile den Fortschrittsoptimismus des großen Vorsitzenden ganz und gar nicht, aber wer höre sie schon – als Frau. Entwickelt hat die Linienuntreue ergo einen Plan, um ihre politische Heimat zu schützen, den sogenannten „Kreisky-Test“, mittels dessen jene Auserwählten ausgeforscht werden sollten, die in der auf Rot gewendeten Utopia „Goodbye, Kreisky!“ des Wartens auf bessere Zeiten würdig wären. Dann verschwanden die Nesterval und ihre Idee auf Nimmerwiedersehen.

Bis der Nesterval Fonds für karitative Zwecke, gegründet, man erinnere sich, von Martha Nesterval als eine Art Wiedergutmachung für das Treiben ihrer Familie im Dritten Reich, nämlich der Herstellung von Waffen unter Einsatz von Zwangsarbeitern, das Experiment wieder aufgriff. Das sich nunmehr bereits im letzten Versuchsstadium befindet. Mit vier Kandidatenpaaren, deren linke Lauterkeit die Testerinnen und Tester aka das Publikum in einem mehrstufigen Verfahren zu überprüfen angehalten sind. Wie gewohnt werden die, die richtig wählen, zu Gewinnern gekürt, kollektive Intelligenz ist gefragt, daher wird man auch diesmal in Kleingruppen geteilt – und los geht’s.

Statt im Studio brut von Raum zu Raum nun eben auf einer Virtual Room Tour. Bei der man in den Einzelbefragungen die Wiener Jo und Moritz, die die Sozialdemokratie mit der Muttermilch eingesogen haben und denen „Freundschaft!“ über alles geht, Sneza und Dalibor, die Geschwister aus Novi Sad, Partisaninnen-Enkel mit Migrationshintergrund, Sofia und Davide, Mutterfigur und Hausmann aus Sansepolcro, und Valerie und Blanca aus Santander, die erfolgreiche Architektin und ihre Aufputz-Ehefrau, kennenlernt. Die Spieler Christopher Wurmdobler, Johannes Scheutz, Romy Hrubeš, Bernhard Hablé, Andy Reiter, Niklas-Sven Kerck, Laura Hermann und Julia Fuchs schlüpfen in diese Rollen, das Game-Setting erdacht von Herrn Finnland und Frau Löfberg.

Ein Analyseteam gibt die Fragen zum Abarbeiten vor, über Kindheit, Besitztümer, Probleme, Bruder-Schwester-Sex, was wäre aus einem brennenden Haus zu retten, mit wem ein Abendessen angenehm, einmal mehr gilt es Absichten zu durchleuchten, während über Solidarität und Großmütter, die Biografie von La Pasionaria und die Politik-Einimpferin Tante Isabelle schwadroniert wird. Ein bisschen zu technisch ist das alles, buchstäblich und bildlich, denn beim Monitoring von Wertvorstellungen und dem Aufspüren möglicher Verräter wird man vom unsichtbaren Überwachungssystem in brüskem Tone ausgebremst. Keiner kann hier fragen, wie er will.

Bild: © Lorenz Tröbinger

Bild: © Herr Finnland

Bild: © Lorenz Tröbinger

Bild: © Lorenz Tröbinger

Und während einem vielleicht Jos Angespanntheit beim Nachhaken nach seinen Eltern, Blancas Abscheu vor den männlichen Kandidaten: „Wir werden Männern dieses Projekt nicht auch noch überlassen“, oder die seltsamen Floskeln, mit denen Dalibor den Kampfgeist von Sneza lobt, auffällt, während sich in Phase drei Blanca und Dalibor „bei allem Respekt“ gegenseitig der Intoleranz und Unfairness beschuldigen, all das kostet wertvolle Minuten, in denen man des Rätsels Lösung näherkommen wollte, geht einem der faschistoide Kommandoton aus dem Hintergrund mehr und mehr auf die Nerven.

Noch eine Vorschrift, noch einmal „Achtung, Achtung!“ und ich lauf‘ Digital-Amok, die Nestervals orgeln gekonnt auf der Klaviatur der Gefühle, auch der eigenen, Feminist Jo verlässt nach einer „Scheißfrage“ enerviert sein Bildschirmfenster und muss mit viel Überredungskunst zurückgebeten werden, worauf er einem leutselig, siehe oben, seine „Freundschaft!“ anbietet: „Du kannst dich immer auf mich verlassen!“, Dalibor wird vom Big Brother mit Sanktionen bedroht, weil er sich übers Kantinenessen beschwert.

In den knackigen 80 Minuten der Performance werden die Teilnehmer mehr und mehr zusammengeschaltet, bis wieder alle online versammelt sind, um zu entscheiden, wem sie ihre Gunst erteilen. Es folgt – zu hochdrama- tischer Musik – Phase 5, der „Gertrud-Test“, psst: Plot-Twist, nicht zu viel, nur die Worte Heimlichkeiten, Kadaver- gehorsam, wahres Gesicht, und siehe Klubzwang: Immer drauf achten, in welchem Club man sich befindet!

So weit also zum „Kreisky-Test“, der freilich eine Fleisch-und-Blut-Begegnung mit dem Nesterval-Trupp nicht ersetzen kann, aber wenn schon Theater online, dann bitte so. Genießt die Genossen vor der Webcam! Den Applaus dafür kann man am Ende auch via Zoom spenden, eine Fortsetzung im Real Life soll’s im Herbst geben. Das übliche Nesterval-Gettogether entfällt natürlich, aber wer sich nach Abschluss des Meetings nicht abrupt wegschaltet, kann die Darstellerinnen und Darsteller immerhin noch beim Gedankenaustausch über die eben stattgefundene Vorstellung belauschen.

So funktioniert die Teilnahme: Die Verwendung der kostenlosen Videokonferenz-App Zoom ist Voraussetzung, um bei „Der Kreisky-Test“ dabei zu sein. Erforderlich ist dazu ein Computer oder Laptop mit Kamera und Mikrofon. Am gewählten Vorstellungstag bekommt man via Email einen Teilnahmelink mit Bedienungsanleitung und einer „Notrufnummer“. Im virtuellen Warteraum empfängt einen darauf ein Host, der von nun ab alle weiteren Schritte mit einem durchgeht.

www.nesterval.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=s43c1YngId4           vimeo.com/399959263

Publikumsgespräch am 1. Mai, 20 Uhr, auf brut-wien.at

  1. 4. 2020

Rabenhof: Viel gut essen

Oktober 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kreisky rocken Sibylle Berg

Franz Adrian Wenzl performt den verbalen Rundumschlag von Typ Mittelschicht. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Sein altes Wohnviertel wird zu einem Mix aus Bobo-Behausungen und Asylantenheim umgebaut. Seinen Vorgesetztenjobtraum hat er an Frau Hüdüczü verloren, den Arbeitsplatz gleich dazu, hat er ihr doch ihren „doppelten Quotenanspruch – weiblich und Migrationshintergrund“ ins Gesicht gekotzt. Frau Claudia und Sohn Anselm haben das Weite gesucht. Nun steht er in seiner nicht abbezahlten Fast-Profi-Küche und brutzelt, was das Zeug hält.

Denn heute Abend sollen, werden sie, hofft er … heimkommen? Der arme „kleine Mann“, er könnte einem fast leid tun. Bevor er seinen Verbalrundumschlag beginnt. Auf alles und jeden, das und die ihm fremd sind – und das ist zu allererst einmal er selbst. „Ich weiß, dass ich ich bin, weil ich eine Wohnung habe, zu der mein Schlüssel passt“, singt Kreisky-Frontmann Franz Adrian Wenzl. Die Wienerwut-Rocker haben Teile von Sibylle Bergs Texttirade „Viel gut essen“ zu sechs neuen Songs vertont, den großen Rest spricht „Austrofred“ Wenzl bei diesem, seinem quasi Debüt als Schauspieler.

Nach Aufführungen in Deutschland und der Schweiz ist die in ihren beiden Heimatländern hassgeliebte Autorin mit ihrem Monolog nun im Rabenhof angekommen, und wirkte beim tosenden Schlussapplaus und den Standing Ovations sichtlich gerührt, ja sogar ein wenig schüchtern. Vater-Land/Mutter-Sprache, vielmehr: der empfundene Verlust derselben an neue Verhältnisse, das ist auch Thema von „Viel gut essen“.

Da steht er nämlich, der Repräsentant der sogenannten, von allen politischen Couleurs heiß umbuhlten Mittelschicht, weiß, hetero, xenophob, homophob, frauenfeindlich und ein Feind moderner Kunst, früher beruflich sogar erfolgreich, und sieht die Fassade bröckeln. Das Fundament seiner Existenz ist brüchig geworden. Das erzeugt Frust. Der erzeugt Gewaltbereitschaft. Aber noch ist er ruhig, der „kleine Mann“ und will nur kochen und die Geschichte seines Scheiterns erzählen. „Ich war immer angestellt, meinem Bedürfnis nach Planungssicherheit geschuldet“, sagt er. „Ich hatte nie das Bedürfnis nach Regelunkonformität. Ich wollte nicht aufbegehren“, sagt er.

Kreisky: Klaus Mitter, Martin Max Offenhuber, Lelo Brossmann und Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Bernd Supper und Willi Landl: Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Und wie er das sagt. Wenzl trifft einen Ton zwischen bekanntem Politikertypus und sozialfaschistischem Prediger, ausgerechnet sein Protagonist doppeldeutig ein „Europe“-Fan, und der Eindruck bewahrheitet sich mit Fortschreiten des Abends, wenn Wenzl seine Sätze zunehmend als Parolen formuliert, diese immer öfter ins Mikrophon donnert. Oder sich in Glencheckanzug und Schwarzer-Kontinent-Shirt darüber wundert, dass „in Afrika eine Familie ein Monat von einem Stück Topfenstrudel leben“ kann. Die Musik erhöht den Druck, die Dynamik der Eskalation steigert sich stetig. Bald fehlt hinter ihm nur noch das Heimatplakat.

Berg und die Band wollten der Rabenhof-Aufführung etwas Wienerisches geben, und dazu gehört wohl, dass Wenzls Auftritt was Kabarettistisches hat. Die Kreiskys sind halt Kreisler-Kinder. Im Gemeindebautheater (wo die, die hier, eh immer eines Geistes sind) wurde jedenfalls gejohlt und gelacht (im Unterschied zur deutschschweizerischen Publikumsschreckstarre), da versteht man sich aufs Hinterfotzige, das Knallharte wird Kleinkunst, das Grausliche grotesk. Wie sich Wenzl so von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit zetert, das ist scham- und schonungslos, zynisch und provokant, und es ist melancholisch. Es ist wahnwitzig komisch und zum Brüllen traurig. Wenzl balanciert über Bergs Klischeeberg auf dem schmalen Grat von So was sagt man nicht! und Das wird man doch noch sagen dürfen!

Dort also, wo‘s die einen für den endlich notwendigen Tabubruch halten und die anderen für Rassismus. Früher hatte die politisch korrekte Mehrheitsgesellschaft beim Reden das Sagen, die anderen schwiegen, jetzt wächst der „kleine Mann“ über sich hinaus. Der Einzelne ist gar nicht mehr so anonyme Masse, das Schweigen wird laut, deshalb wird Wenzl außer von Klaus Mitter am Schlagzeug, Gitarrist Martin Max Offenhuber und Lelo Brossmann am Bass von einem Chor begleitet. Man hat sich dafür Bernd Supper von The Scarabeusdream, Maximilian Atteneder von Catastrophe & Cure und den oberösterreichischen Jazzsänger Willi Landl ausgeborgt.

Und die drei sind nun die Perversions- und Percussiongruppe, gestalten das schlechte und das böse Gewissen, die schlechten und die bösen Kindheitserinnerungen – die Mutter ging dem lieblos schweigsamen Vater mit „Jeff aus Eritrea“ durch: „Die armen Asylanten. Aber tanzen tun sie so anmutig. Sie haben so elegante, unterprivilegierte Gliedmaßen, da staunt die Frau auf ihrem Tretroller, da beben ihre roten Unterarme. Und schon gab es sie nicht mehr.“ Das Trio mimt auch Gourmetküchen-Aficionadas, es feiert als Herrn Jedermanns Kopfdruckkochtopf dessen Rezepte. „Kapern sind die Krönung des Fischfonds“, psalmodiert es. Oder: „Die Tomaten glänzen wie Halbedelsteine.“ – „Paradeiser heißt das bei uns“, kontert Wenzl.

Tänzeln in Starschnitt-Attitüde:Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Martin Max Offenhuber, Franz Wenzl, Sibylle Berg, Klaus Mitter und Lelo Brossmann: Bild: © Rabenhof / Ingo Pertramer

Auch, wenn der Chor über Claudia und Anselm singt, klingt’s oft wie Kirchenchoral. Die heilige Institution Familie. Heißt, wenn die Frau Blumen will, soll sie einen Fleurop-Lieferanten heiraten; will sie sich selbstverwirklichen, „irgendwas aus Ton oder Schmuck gestalten“. Dass andere von ihm abhängig sind, findet der Ex-Alleinverdiener „sinnstiftend“. Und will der Sohn zum Ballett, ist er ent-***, also jedenfalls aus der Art geraten. The Final Countdown. Franz Adrian Wenzl performt seinen Bühnenfreak mittlerweile mit Rebellenattitüde, tanzt über die Bühne wie ein Fred-Starschnitt. Unter seinen Posts erbeben Internetforen, seine Leserbriefe sind im mehrfachen Wortsinn Reaktion.

Der Kampf an allen Fronten hat längst begonnen. Musikalisch als die „Mobilmachung des gesunden Menschenverstands“: „Wir sind keine dumpfe braune Horde/wir sind das Volk/wir sind Bürger mit Bürgerrechten/und die holen wir uns./Stillgestanden./In einer Reihe./Die Ausgabe der Waffen erfolgt jetzt -“

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=8&v=12sFvR-KeFE

www.rabenhoftheater.com

  1. 10. 2017