Salon5: La Pasada – Die Überfahrt

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold brilliert als zaubermächtige Prospera

Flora und ihr über alles geliebter Enkel Ariel: „Prospera“ Erni Mangold und Flavio Schily. Bild: Christoph Hochenbichler

Mit „La Pasada – Die Überfahrt“ entzückte Regisseurin Anna Maria Krassnigg 2015 am Thalhof, ihrer Wortwiege an der Rax, nicht nur, weil ihr mit dem Theaterstück die Wiederbelebung der Kunst der Kinobühnenschau geglückt war. Nun ist das Werk endgültig auf der Leinwand angekommen, am 23. November hat im Metro Kinokulturhaus eine Filmfassung von „La Pasada“ Premiere.

Erzählt wird im Text von Anna Poloni von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar die letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Prospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt.

„Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf sie.

Doina Weber und Erni Mangold. Bild: Christoph Hochenbichler

Martin Schwanda als Liebhaber Ari. Bild: Christoph Hochenbichler

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Er changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön.

In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film ins Publikum überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film im Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“ als auch Ari, Floras Liebhaber, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist.

„Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze Polonis, sondern verweist auch auf dessen Mehrsprachigkeit. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Einer, der tatsächlich alles verloren hat: David Wurawa als Cal bei der Totenandacht. Bild: Christoph Hochenbichler

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die das happy end verwehrt.

Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos …

www.la-pasada.at

20. 11. 2017

Salon5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Österreichische Sittenbilder am Fuße der Rax

Anna Maria Krassnigg am Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Salon5 begeht heuer nicht nur sein Zehn-Jahr-Jubiläum, er begibt sich diesen Sommer auch wieder an seine Wortwiege an der Rax. „Fremde Nähe“ ist das Jahresthema des Salon5, und so auch das des Thalhof Festivals 2017. Ab 4. August widmen sich Theatermacherin Anna Maria Krassnigg und Komponist und Produzent Christian Mair Stoffen, die man als „österreichische Sittenbilder“ beschreiben könnte.

Sie umkreisen inhaltlich das Phänomen der Ausgrenzung, aber auch der unheimlichen Faszination des grundsätzlich Anderen. „Fremde Nähe“ zeigt anhand von sagenumwobenen, wie brandaktuellen Wort- und Bühnenschöpfungen streitbarer österreichischer Autorinnen und Autoren eine Bestandsaufnahme hiesiger Mentalitäten – die freilich in ihren tiefsten Befunden allgemein menschliche Komödien und Tragödien sind. Anna Maria Krassnigg im Gespräch:

MM: Zehn Jahre Salon5: Was haben Sie gelernt, was hat sich getan, wie hat sich das Projekt entwickelt?

Anna Maria Krassnigg: Ich habe gelernt, was ich schon immer vermutet habe, und ich habe es unter Schmerzen gelernt, nämlich, dass Freiheit für mich immer Arbeitsbedingung ist. Das, was Kollateralschäden generiert, die ewige Hinterher-Rennerei von Verträgen und ergo Geldern. Wie machst du klar, wer du bist im Theatergeschehen? Das steht in der „freien Szene“ immer auf dem Prüfstand. Bei allen anderen nicht. Das ist die Schattenseite, die Sonnenseite ist, dass ich meine künstlerischen Bedingungen selbst bestimmen kann. Ich bin weder einer Art von Markt unterworfen, ich bin keinem Diktat unterworfen, wie etwas stilistisch zu sein hätte, weil man es in irgendeinem Presseorgan vorschlägt. Und diese Freiheit künstlerisch, heißt: aus meinem individuellen Blickwinkel zu programmieren, was jetzt ansteht, die ist mir in den vergangenen zehn Jahren immer kostbarer geworden. Fazit: Ich kann aus dem eigenen Haus nie mehr ausziehen, auch wenn es ein gut durchlüftetes und, wie soll man sagen, durchaus prekäres Haus ist.

MM: Ein Vorteil ist zweifellos: Sie können gesellschaftspolitisch schneller agieren als der arrivierte Apparat.

Krassnigg: Der sogenannte arrivierte Apparat unterliegt ja nicht nur Abstimmungsbedürfnissen, sondern auch Stilbedürfnissen. Fast wie Boutiquen: Was muss man haben, welche Marken muss man führen, welche Namen, wer will gesehen werden? Und selbst wenn das teilweise hochinteressante Leute sind, generiert das ja doch, wie wir es in jedem Bereich des Handels sehen, siehe H & M und Starbucks, eine Gleichschaltung. Wenn man sich anschaut, wie die großen Häuser mehr oder minder programmiert sind, dann ist das ein zum Teil großartiges, aber überaus vergleichbares Angebot. Das halte ich als Fan von jedem Individuellen, von mir aus auch Abseitigen, durchaus für eine Verarmung. Daher ist dieses Reagieren, dieses „Was höre ich jetzt?“ und „Wo muss ich jetzt aufschreien?“ für jemanden wie mich tatsächlich leichter, als für die nach Designermaßstäben angefertigten Kunstapparaturen.

MM: Der Salon5, wie würden Sie es beschreiben, ist nun ein KünstlerInnenkollektiv, das sich Stoffe und Spielorte frei wählt.

Krassnigg: Ja, das ist auf jeden Fall eine hervorragende Beschreibung. Wobei das Suchen, und das meine ich gar nicht so kokett, mittlerweile so ist, dass uns die Orte suchen. Das hört sich merkwürdig an, aber es ist tatsächlich so, dass auf mich, auf uns, bestimmte Orte oder Angebote zukommen. Mich in einer Art heimsuchen, dass ich sie, obwohl aus zeittechnischen Gründen sicher gesünder, nicht absagen kann. Das war bei der Geburtsstätte des Salon5 im Brick-5, in dieser jüdischen Schulturnhalle so, und das war auch zuletzt mit dem Thalhof so. Der ist mir wirklich vor die Füße gefallen, und sagte: Bespiel mich. Ähnlich ging es mir mit dem Alten Rathaus, wo unsere „Reden!“-Performances laufen. Ich hörte dort Robert Menasse bei einem Vortrag – und mir war klar, dieser Saal schreit geradezu nach Theater.

MM: Das nächste, das ansteht, ist Salon5 am Thalhof. Sie präsentieren dort Autorinnen und Autoren, die dort gewirkt und/oder geurlaubt haben. Sie haben für kommende Spielzeit unter anderem Marie von Ebner-Eschenbach ausgesucht.

Krassnigg: Ja, unser Motto, wenn man so will, denn man braucht ja immer selber etwas an dem man sich anhalten kann, heißt „Fremde Nähe“, und in dieser Klammer befinden sich tatsächlich österreichische Sittenbilder. Was meine ich damit? Anhand unserer ausgewählten Stücke kann man, was ist uns nah und befremdet uns dennoch, analysieren. Darum geht es auf höchst unterschiedliche Art und Weise, in Ebner-Eschenbachs „Am Ende eines kleinen Dorfes“, einer Ausgrabung, in die wir uns sehr verliebt haben, und in der es um die fremde Nähe von Mann und Frau geht. Man könnte sagen, es ist ein feministisches Geschlechterdrama, wäre der Begriff feministisch nicht zu behaftet, aber definitiv geht es um weibliche Selbstermächtigung auf eine sehr krimihafte Art. Ebner-Eschenbach war eine fantastische Plotschreiberin, keine Theoretikerin. Es geht um die soziale Frage und um die Frauenfrage. Es ist nach der Novelle „Die Totenwacht“, die etwas Edgar Allan Poe-haftes hat, ein neuer Meilenstein. Gerade jetzt in den Proben hat es für mich etwas von Achill und Penthesilea auf dem Lande.

MM: Das andere Stück ist …

Krassnigg: Ein anderes Sittenbild aus Österreich, ein Riesenradspiel von einem sehr jungen österreichischen Autor …

MM: Mario Wurmitzer! Endlich bringt den jemand auf die Bühne!

Krassnigg: Genau. Ich habe mich die letzten drei Jahre gewundert, warum mir „Werbung Liebe Zuckerwatte“ nicht jemand wegschnappt, aber so geschah es nicht, was mich nun natürlich erfreut. Wurmitzer ist ein hundsbegabter junger Autor, der die Chuzpe hat, eine Komödie über ein angstbehaftetes Thema zu schreiben. Er hat eine geistreiche, witzige, sprachlich erstaunlich gewandte Komödie über ein Pulverfass geschrieben – die Angst vor dem Terror und den politischen Zugewinn durch Angstmache, spielend im Wiener Prater. Köstlich!

MM: Ein weiterer Programmpunkt ist „Raxleuchten“ …

Krassnigg: … der das Motto gleichfalls spezifisch erfasst. Die Wiener sind ja voller Begeisterung an die Rax gefahren, haben sich hier als Einheimische verkleidet, man hat sich in der Region getroffen und intrigiert und Besetzungen für das nächste Jahr klargemacht. Auch am Thalhof hat man sich versammelt, wir haben ein 300 Jahre altes Gästebuch, wo sich die Herrschaften eingetragen haben. Schnitzler war hier, Freud hat einen Teil der „Traumdeutung“ hier geschrieben, natürlich Ebner-Eschenbach, die sich immer furchtbar über das Klima aufgeregt hat, Nestroy, Raimund, der von Gutenstein herüberkam, Hebbel, der ja mit einer Burgschauspielerin verheiratet war … Die wunderbare Literaturwissenschaftlerin Evelyne Polt-Heinzl hat nun entlang dieses Gästebuchs einen Abend zusammengestellt, teilweise mit Texten, die noch nie zu hören waren, also uraufgeführt werden. Das ist eine Reise von den Anfängen des Thalhofs bis in die Jetztzeit. Das Material ist so riesig, auch die Arisierung jüdischer Villen und später die Entnazifizierung kommt vor, dass wir’s auf zwei Teile teilen müssen. Das heißt: 2018 kommt „Raxleuchten II“.

Am Ende eines kleinen Dorfes: Doina Weber und Petra Gstrein. Bild: Christian Mair

Mario Wurmitzer. Bild: Christian Mair

MM: Beim Opening gab es eine Veranstaltung zu den „Bedingungen weiblichen Schreibens“. Wie steht es um die Bedingungen weiblichen Theaterschaffens?

Krassnigg: Als junges Mädchen, von daheim kommend, dachte ich, alles ist wahnsinnig gleichberechtigt. Dann, früh in den Theaterbetrieb gekommen, erkannte ich die machistisch-monarchistischen Hierarchien, die immer noch herrschen. Als Frau gilt man als die ewige Entdeckung, aus diesem männlich chauvinistischen Anspruch heraus: Lass’ mich dich entdecken!, später wird man die Weise vom Berge. Dazwischen ist es schwierig. Je höher man in Institutionen steigt, umso mehr steigt der Neid, und der hat gegenüber Frauen einen ekelhafteren Hautgout als unter Männern.

MM: Nämlich?

Krassnigg: Es gibt unterschiedliche Kriterien, nach denen man bewertet wird. Nummer eins, die Optik. Äußerlichkeiten spielen bei und unter Frauen eine wesentlich größere Rolle, der zentrale Punkt, und das habe ich bei Ebner-Eschenbach noch einmal sehr genau lernen dürfen, ist, dass Frauen auf der anderen Seite des Mondes leben. Nicht auf der besseren oder schlechteren, einfach auf der anderen. Der Fokus ist anders, weil ein Mann anders sieht und denkt als eine Frau. Da kommen vollkommen andere Dinge zutage. Erstaunlich, wie viel auf der Bühne dadurch nicht unterkommt! Weil Männer diese Art von Konflikten gar nicht kennen.

MM: Dennoch in Ausschreibungen werden, wie es heißt, bei Ausschreibungen „bevorzugt behandelt“.

Krassnigg: Das ist ein Punkt, der eine weitere Beobachtung verdienen würde. Es wäre die eine unglaublich heikle Frage zu stellen, mit der man in 50 Fettnäpfen tritt: Wie sehr kann man Frau sein, in einem Umfeld, das männlich konnotiert ist? Es fehlt an einer intellektuellen Frauensolidarität.

MM: Einem Pendant zur Eton-Krawatte?

Krassnigg: Richtig. Ich habe unlängst mit einer sehr erfolgreichen Frau gesprochen, die sagte, ich habe es begriffen, die Seilschaften mit Zahnärztin, Architektin etc. Und diese Bünde, wie die Männerbünde, die schlicht und ergreifend Frauen an Schaltstellen der Kunst setzen, die sehe ich noch nicht. Es gibt jetzt ein kommendes Bewusstsein von Frauen in meinem Alter. Wenn das denn nun gelänge, würde es einen großen Schub erzeugen. Ich merke, dass männliche Kollegen bestimmten Themen einfach ausweichen, weil sie merken, dass sie sich damit auf Glatteis bewegen. Wir also wollten unsere Lesart einbringen. Ich brauche nicht so sehr ein Binnen-I, ich brauche Aufmerksamkeit.

MM: Heißt?

Krassnigg: Was ich eingangs sagte: Frauen brauchen den Willen zur Eigenständigkeit, bei gleichzeitigem Wissen, dass Freiheit vor Bezahlung geht. Das ist keine imbecile Romantik, sondern ein Bohren an der männlichen Betondecke. Hätte ich mich in bestimmten Zeiten auf bestimmten Feiern bewegt, idealerweise keine Kinder bekommen, die man von Spielort zu Spielort „mitzahn“ muss, hätte ich meine Ausbildung mit meiner Karriere strategisch verbunden, dann wäre ich heute … Und dagegen müssen wir als Frauen aufstehen. Ich kenne in Wien einige Frauen, wo ich mich wundere, warum man die nicht für diesen oder jenen Job anfragt. Aber es ist gerade in der Kunst eine Klassengesellschaft, die ist sowas von abartig. Ich werde so oft Dinge gefragt, wo ich sage: Ja, eh! Aber die Kulturpolitik ist noch nicht soweit.

MM: Wenn Sie nun davon sprechen, wo sehen Sie den Salon5 in weiteren zehn Jahren?

Krassnigg: Die Frage ist insofern sehr gut, weil ich mir im letzten halben Jahr oft überlegt habe, ob ich diesen, meinen eigenen kleinen Organismus weiter beatmen möchte. Ich hätte internationale Angebote, die würden mein Leben als Regisseurin einfacher machen. Und ich habe natürlich die Professur am Max-Reinhardt-Seminar. Aber, was ich für mich und mein Ensemble für bewusstseins- und persönlichkeitsbildend halte, ist der Salon5. Mittlerweile sehe ich es so. Auch durch die Perspektiven, die man mir in Niederösterreich in verblüffendem Tempo gegeben hat. Ich glaube, dass es so einen „Fehler in der Matrix“, wie ein Freund mir mich nennt, geben sollte. Ich glaube, dass ich auch meinen Studierenden zeigen sollte, dass mit Ja, mit einem eigenen Kopf, mit einem eigenen Mindset, mit einem, Nein, ich assistiere mich nicht hoch, ich halte eure Regeln nicht ein, ein Theaterleben möglich ist. Und wachsen kann.

Teaser: vimeo.com/216368056

salon5.at

Wien, 9. 6. 2017

Volkstheater: Hochstaplernovelle

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein fulminantes Solo von Schauspieler Martin Schwanda

Gerissen und geschmeidig: Martin Schwanda verwandelt sich in Robert Neumanns Hochstapler, Dieb und Trickbetrüger Emil. Bild: Christian Mair.

Da ist er also wieder. Emil. Nun begleitet er einen schon seit – wie vielen? – Jahren. Für eine Festwochenproduktion 2013 entdeckte Regisseurin und Salon5-Intendantin Anna Maria Krassnigg den vergessenen, weil von den Nazis aus den Bücherregalen verbannten Wiener Autor Robert Neumann. Entdeckte unter anderem auch seine „Hochstaplernovelle“ aus dem Jahr 1930 und dramatisierte sie. Aus dem „kleinen“ Abend, einer szenischen Lesung in der LiteraTurnhalle, wurde ein durchkomponierter Abend für Krassniggs niederösterreichischen Thalhof – nun machte Emil in der vollbesetzten Roten Bar des Volkstheaters Station.

Martin Schwanda verwandelte sich aufs Neue, und aufs Neue war’s großartig, in den kultivierten, scharfzüngigen, routinierten Gentleman-Betrüger Emil, der Identitäten – bevorzugt solche mit einem „von“  – wechselt, wie andere die Wäsche. Bares bis Brillanten, er ertrickst sich, was grad geht. Doch von seinem gewohnten Jagdrevier, der Côte d’Azur, später Venedig, verschlägt es ihn Richtung „Balkan“. Kleine Fische für den Meeresangler.

Und trotzdem wird er irgendwo im Hotel Nirgendwo auf seine Meister treffen. Ein geheimnisvolles Fürstenpaar … Schwanda, geschmeidig tänzelnd, blasiert, gerissen, bewegt sich zwischen den Zuschauern, macht sie zu seinen Statisten und zur Staffage. Er schenkt den Damen tiefe Blicke – die Verehrerinnen des Ausnahmeschauspielers sitzen bebend mit später zu überreichenden Blumenbouquets auf den Knien, spricht die Herren in Komplizenschaft an. Mehrere Stationen, einen Kartenspieltisch, einen Tennis-Schiedsrichterstuhl, eine aus blaugrünem Licht gepflanzte „Gartenlaube“, hat er sich für seinen Abend aufgebaut. Und einige Versatzstücke bereitgelegt. Je nach Schwindel eine neue Dame, markiert durch ein keckes Hütchen, einen Sonnenschirm aus Spitze, und auch die lässt er in Aufregung erschaudern. Ein Fächer aus Federn wird zum heiß behauchten Nacken. Ein gehäkelter Pompadour Opfer seines nächsten Häkel. Gezinkte Karten im Ärmel sind ein Muss.

Aus Perlenkette und Abendpumps wird ruckzuck eine Baronin. Bild: Christian Mair

Die Herren werden zur Abzocke an den Spieltisch geladen. Bild: Christian Mair

Schwanda hat sich Neumanns glänzend stilistische Sprache, ihre verwehte Elegance, zu eigen gemacht. Er gestaltet den weltversponnenen Professor, den akkuraten Industriellen, die bulgarische Baronesse, deren Akzente, Dialekte, Sprechweisen, Schrullen. Beinah zwei Dutzend Charaktere füllen so facettenreich die Rote Bar. Aus Emil, diesem aus ärmsten Kleinstadtverhältnissen Emporgekrochenen, hat Schwanda zwischenzeitlich den britischen Lord Chesterton gemacht. Hinter dessen Distinguiertheit lässt er von Zeit zu Zeit den unfeinen Taschendieb hervorblitzen. Ein Dämon, ein Spielteufel ist Emil am Kartentisch.

Christian Mair sorgt mit seiner Live-Musik, mit Soundteppich und Geräuschkulisse, für die richtige Atmosphäre im Raum, Ausstatterin Lydia Hofmann schwebt mal im Pelz, mal im Negligée als Denise durchs Bild. Aber: Mit Denise arbeitet Emil nicht mehr – und diesmal erfährt man im Gegensatz zu früheren Fassungen sogar den Grund. Ein wunderbarer Abend, ein fulminantes Solo. Das so nur durch die Initimität und das Flair der Roten Bar möglich war. Und durch Martin Schwanda, diesen Vortragenden der Luxusklasse, diesen Experten für die Vielschichtigkeit der Wiener Zwischenkriegszeit-Literatur. Er lädt ein in sein Kopftheater; locker-leicht entlarvt er dort eine Gesellschaft, die punkto Gier der heutigen nicht unähnlich und in der jeder um irgendeinen Preis käuflich ist. Emil wird sich mit dem „Fürstenpaar“ in Komplizenschaft (ver)einigen. Doch die neuen Zeiten mit ihren neuen Herren klopfen schon an die Tür. Das damalige Ende ist bekannt, das jetzige muss freilich noch ausstehen. Emil, auf ein nächstes Mal!

www.martinschwanda.com

salon5.at          www.volkstheater.at

Wien, 16. 3. 2017

Salon5 am Thalhof: Power To Hurt

August 13, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Raphael von Bargen rockt William Shakespeare

Raphael von Bargen. Bild: Andrea Klem

Raphael von Bargen schlüpft in die Rollen von Shakespeares Verliebten und Verbrechern. Bild: Andrea Klem

Der Salon5 hat zum Shakespeare-Jahr seine Produktion „Power To Hurt“ gepimpt und zeigt in seinem Sommerquartier am Thalhof nun eine erweiterte Version. Komponist und Sound-Designer Christian Mair hat gemeinsam mit Schauspieler Raphael von Bargen Texte des britischen Barden vertont. Dunkel-schillernde Bluesballaden und auch ein paar Punkrocksongs sind so entstanden, die die beiden live – Mair an Gitarre, Bass und Keyboard, Bargen als Sänger, mit Saxophon und Klarinette – performen.

Regisseurin Anna Maria Krassnigg fügte dem Abend eine Kinobühnenschau hinzu, im Vorjahr hat sie diese alte Kunstform für „La Pasada“ höchst erfolgreich wiederbelebt, nun zeigt sie traumhafte Bilder von mystischen Orten, die mit den Worten Shakespeares in perfekte Korrespondenz treten. Generell hat das Ganze Gothic Chic.

„Power To Hurt“ bezieht sich auf Sonett Nr. 94 aus „Richard III.“, es ist der Auftakt des Programms, und mit Verbrechern und Verliebten geht es weiter, mit Menschen außerhalb der gesellschaftlichen Norm, mit deren Leid und Lust und Grausamkeit. Bargen singt von der Macht und der Willensstärke sich und andere zu verletzen, von den Dramen Richard II. bis Macbeth bis zu den schönsten Sonetten. Das berühmte „Shall I Compare“ (Nr. 18) ist ebenso dabei wie das doppelbödige „My Name Is Will“ (Nr. 136), Bargens Lieblingsstück, wie er in einem Interview mit Norbert Mayer sagte. Richard II. klagt über „King’s Pain“ und Richard III. über den „Glorious Summer“ des Sohnes – und nicht wie auf Deutsch meist übersetzt der Sonne – Yorks.

Bargens Bühnenpräsenz zieht einem schier den Boden unter den Füßen weg. Mit Rockstar-Attitüde bestreitet er sein Konzert, sein Timbre verwandt dem eines Whitfield Crane. All die verlorenen Seelen Shakespeares scheint er wiedergefunden zu haben, wie er da kreischt und greint und nach Vergeltung ruft und um Gnade winselt, die von ihm gestalteten Figuren sind von allen guten Geistern längst verlassen und von ungezählten bösen gejagt. Dazwischen gibt er sich erotisch-zotig, lässt die Hüften kreisen, und die Gedanken der Zuhörer, wenn er von rotem Licht bestrahlt das frivole „Roses Are Red“ zum besten gibt.

Deutsch gesprochene „Dialoge“ hat Krassnigg dazu neu eingefügt. Shakespeares Fair Boy, die Sonette 1 bis 126 richten sich offensichtlich an einen jungen Mann, in der Tradition Petrarcas die Verkörperung einer übersexuellen, reinen Liebe, und die später als überaus irdische Verführerin eingeführte Dark Lady dürfen auftreten. Als Bargens weißes und schwarzes Handschuhgesicht, sozusagen die rechte Hand Gottes und die linke des Teufels, kommentieren sie das Geschehen, spotten über die Nöte und Zwänge der Shakespeare’schen Charaktere und treten in einen heißen Disput über Wert und Wollen seiner Minnegesänge. So sorgen sie für den heiteren Part des Abends.

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Den das Publikum am Ende endlich heftig akklamiert. Während des Auftritts nämlich hat es sich jede Gefühlsregung verboten, und dass angesichts eines glänzenden Performers auf der Bühne, der dort sein Innerstes nach außen stülpte. Doch es schien fast, als hätten Schlegel-Tieck ihre bildungsbürgerlichen Skelettfinger aus dem Grab erhoben, um das Auditorium zu ermahnen: Du sollst bei Shakespeare weder johlen noch juchzen noch mit den Füßen trampeln noch mit dem Kopf wippen. Wobei das dem wilden Will doch sicher gefallen hätte. Wer also noch aus Fleisch und Blut ist, raus an den Thalhof. Raphael von Bargen rockt das Haus. Cheers, Baby!

Weitere Vorstellungen am 13. und 14. August.

Trailer: vimeo.com/174442456     vimeo.com/174442675     vimeo.com/175189299

Anna Maria Krassnigg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20807

salon5.at

Wien, 13. 8. 2016

Salon 5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie inszeniert Dostojewskijs „Der Idiot“ und Shakespeare-Texte als musikalische Kinobühnenschau

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Der Salon 5 begibt sich demnächst in die Sommerfrische. Bereits zum zweiten Mal bespielt die kreative Truppe rund um dessen Gründerin und künstlerische Leiterin Anna Maria Krassnigg den Thalhof an der Rax. „Jenseits von Gut und Böse“ lautet das diesjährige Motto unter dem die Theatermacherin ein Schauspiel nach Dostojewskijs Roman „Der Idiot“, die musikalische Kinobühnenschau „Power to Hurt“ nach Shakespeare-Texten, Schnitzler und Jelinek und Herrn Grillparzer versammelt. Die Saison startet am 10. August, der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

Anna Maria Krassnigg im Gespräch über ein Gebäude, das Geschichte atmet, ihr Programm inmitten einer beginnenden Zeitenwende, die Wiederentdeckung einer alten Kunst für ein junges Publikum und wie sie diesem zeigen will, was „die schrullige alte Tante Theater“ tatsächlich so kann:

MM: Für Theaterbegeisterte, die es noch nicht wissen: Was ist der Salon 5?

Anna Maria Krassnigg: Der Salon 5 ist ein Theaterlabel, das mit einem sehr zeitgenössischen Blick Ausgrabungen verfolgt. Das heißt, Texte, die sonst am Theater nicht vorkommen, sei es, weil sie zu einer Art verdrängter Literatur gehören, sei es, weil man sie nicht auf der Bühne vermuten möchte, obwohl es hochdramatische Texte sind, zur Aufführung bringt. Davor, danach, manchmal auch mittendrin, gibt es intensiven Austausch mit dem Publikum, den wir Salongespräche nennen. Wir möchten zeigen, dass Theater wie ein Musikclub funktionieren kann: dass man sich darüber austauschen und unterhalten kann, ohne, dass Experten von einem Podium herunter dozieren.

MM: Der Salon 5 geht an verschiedene Spielorte, nun geht er in die Sommerfrische an die Rax. Warum bespielen Sie heuer zum zweiten Mal den Thalhof?

Krassnigg: Wir sind verliebt in verwundete Räume, in Orte, die Geschichte haben, Geschichte erzählen aufgrund der Menschen, die an ihnen jahrhundertelang ein- und ausgegangen sind. Das betrifft die alte Turnhalle im Brick 5, den Nestroyhof, das Metrokino – und ganz stark den Thalhof. Er hat mich nach Reichenau gelockt. Ich bekam vor dreieinhalb Jahren das Angebot, dort etwas zu machen, hab‘ ihn mir angeschaut und bin ihm sofort verfallen. Das Gebäude hat etwas Magisches, eine märchenhafte, mystische Ausstrahlung. Man spürt auf eine merkwürdige Art, dass dort 400 Jahre lang gedacht und gedichtet wurde. Das belegt das berühmte Gästebuch. Die Wiener Bohémiens haben dort den Sommer über geschrieben: Freud einen Teil der „Traumdeutung“, Schnitzler, Grillparzer, Hebbel, Ebner-Eschenbach … Leo Perutz und Felix Salten. Man hat das Gefühl, die großen Geister leben immer noch in diesem Speisesaal. Und obwohl wir wahrlich genug Baustellen habe, sagte ich spontan, in dieser Atmosphäre möchte ich Geschichten erzählen.

MM: Am 10. August startet die zweite Saison nach der höchst erfolgreichen ersten. Wie funktioniert die Nachbarschaft mit den sehr arrivierten Festspielen Reichenau?

Krassnigg: Ich kenne die Festspiele als Zuschauerin und als Beteiligte, ich habe dort schon inszeniert, Daniel Kehlmanns „Ruhm“, das war eine sehr schöne Arbeit. Danach hat sich zwar keine Zusammenarbeit mehr ergeben, aber nun haben wir vergangenen Sommer auf die gute Nachbarschaft getrunken, denn es geht sich beides wunderbar aus. Die Festspiele toben im Juli, wir toben im August. Man kann in Reichenau also von Juli bis September durchgehend Theater, Diskussion, Geist, Lust, Unterhaltung erleben.

MM: Ihr Programm passen Sie sozusagen an den Spielort Thalhof an.

Krassnigg: Ja, da bin ich wieder bei den großen Geistern, deren Schätze wir zu heben versuchen. In diesem Sinne haben wir 2015 mit Robert Neumanns „Hochstaplernovelle“ eröffnet, auch er ja ein ehemaliger Thalhofgast und heute ein leider eher unbekannter, nicht ausreichend geschätzter Autor. Dieser Raum schreit nach bestimmten Stoffen, das ist ein austriakischer Speisesaal in all seinem Prunk, der mitten in den Bergen stehend eine stark italienische Ausstrahlung hat. Die Südbahnstrecke Wien-Triest scheint sich in diesem Saal zu treffen. Wir suchen also Stoffe, die dort ihre Wirkung entfalten können, mehr, als es ihnen auf einer Guckkastenbühne gelingen könnte, auch wenn diese Bühne technisch besser ausgestattet ist. Der Genius loci ist die Inspiration für unsere Inszenierungen.

MM: Es gibt zwei Mottos: Für den Salon 5 ist es „In plot we trust“, für die diesjährige Thalhof-Saison „Jenseits von Gut und Böse“. Was wollen Sie damit sagen?

Krassnigg: „In plot we trust“ ist aus einem sehr ernsthaften Scherz entstanden. Wir haben etwas gesucht, an das alle, vom Autor über den Schauspieler bis zum Bühnentechniker, glauben. Da sind wir auf den Plot gekommen, die Narration, weil wir alle der Meinung sind, dass Geschichte und Zeitgeschichte über Geschichten zu erzählen lustvoller, genauer erfassbar und näher am Publikum ist, als wenn man das Erzählen lässt. Wir sind also alle leidenschaftliche Erzähler, aber mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Verfahren und einem jeweils anderen Rhythmus. Ich arbeite sehr gerne mit Spielplanklammern, die es allerdings bei mir vor dem Spielplan gibt, nicht erst, wenn die gezeigten Stücke schon feststehen. „Jenseits von Gut und Böse“ ist etwas, das uns im Moment umtreibt. Damit meine ich das Phänomen, dass die Grenzen, die Definitionen diesbezüglich nicht erst seit vergangenem Sommer verschwimmen. Diese moralphilosophischen Fragen nach Gut und Böse und einem jenseits davon, wollen wir anhand des Spielplans abhandeln.

MM: Beispielsweise mit Ihrer großen Produktion, einem Schauspiel nach Dostojewskijs „Der Idiot“. Sie haben die Spielfassung erarbeitet und führen Regie.

Krassnigg: Das ist der klassische Stoff zum Thema, weil er sich an den Fragen „Wer ist der gute Mensch?“ und „Was würde er in der Gesellschaft anrichten, wenn er in Reinkultur wirksam würde?“ abarbeitet. Im Roman ist Fürst Myschkin eine Art wiedergeborener St. Petersburger Jesus, der – flapsig gesagt – die Stadt aufmischt, in Liebesgeschichten und Rivalitäten gerät, und eine unglaubliche Bewegung auslöst, von der Walter Benjamin sagt, sie sei ein „ungeheurer Kratereinsturz“. Das Bemerkenswerte am Roman ist, dass er tatsächlich gut, böse, hell, dunkel auf eine sehr tiefe, existenzielle, radikale Weise abhandelt. „Der Idiot“ ist spannend wie ein Krimi und dabei wahnsinnig komisch. Dazu kommt, dass man diese Menschen kennt; die sind nicht aus der Vergangenheit, die könnten heute aus der Straßenbahn steigen. Das Ganze gipfelt im Sommer in Pawlowsk – da kann der Thalhof dann seine Datscha-Qualitäten ausspielen.

Raphael von Bargen performt "Power to Hurt". Bild: Nora Scheidl

Raphael von Bargen performt „Power to Hurt“. Bild: Nora Scheidl

Der Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Thalhof: Im ehemaligen Speise-, heute Theatersaal lebt der Geist seiner berühmten Gäste weiter. Bild: Christian Mair

MM: Eine weitere Premiere ist „Power to Hurt“, eine Weiterentwicklung des Abends, der schon im Brick 5 zu sehen war. Nun wurde aus der Aufführung eine Kinobühnenschau. Diese Form darstellender Kunst haben Sie voriges Jahr mit „Pasada“ wiederentdeckt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Krassnigg: „Power to Hurt“ ist ein Projekt, das vernäht ist zwischen dem Schauspieler/Sänger Raphael von Bargen, dem Musiker/Komponisten Christian Mair und mir als Film- und Theaterregisseurin. Es ist eine extreme Teamarbeit, bei der ich uns eher als Band sehen möchte. Wir wollten es noch einmal genauer, größer und für mehr Publikum machen. Es passt zum Motto, denn Raphael von Bargen singt und spielt die größten Bösewichte der Theaterliteratur, zum anderen ist es auch ein wenig unser Beitrag zum Shakespeare-Jahr. Es ist eine sehr spezielle Bergung von Monologen und Sonetten, die als Kinobühnenschau dargeboten wird, also als Verschmelzung von Bühnen- und Filmelementen mit Musik. Da kommt eine opulente, sinnliche dritte Form heraus. Die Welle aus Musik, Bild, einem Extremschauspieler und dieser unglaublichen Literatur, die auf einen zurollt, ist sehr eigen und sehr traumartig.

MM: Das heißt, es wird nicht mit Live-Kamera gearbeitet, sondern der Film ist ein eigenständiges, vorher gefertigtes Element der Aufführung? Kinobühnenschau ist die Korrespondenz zweier Medien?

Krassnigg: Das drückt es exakt aus. Diese Form des Theaterspielens ist an der Schwelle vom Stummfilm zum Tonfilm entstanden. Da gab es große Schauspieler, begnadete Erzähler, die live zu den Bildern Text gesprochen haben. Das Publikum hat das sehr geliebt. Man hat das dann weitergesponnen und das Live-Element Theater in Verhältnis zum Medium Film gesetzt. Damit wurden bestimmte Ebenen, die sich dafür eignen, Visionen, Träume, Zeitsprünge, Nachtsequenzen, erarbeitet, und dazu gab’s Schauspiel auf der Bühne. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit Videozuspielungen oder Live-Kamera, weil zwei unabhängige künstlerische Erzählweisen nur durch die Geschichte zusammenkommen. Der große Spaß daran ist die Kunst der Übergänge, wie die Film- und die Bühnenwelt ineinander verschmelzen, damit der Zuschauer sie als zwei Hälften einer ganzen Geschichte sieht. Es gibt auch im „Idiot“ einen gewissen Anteil kinobühnenschauhafter Elemente. Das hat sich inhaltlich aufgedrängt und ist auch optisch sehr stark.

MM: Sie gehören dem Leitungsteam des Max-Reinhardt-Seminars an, Sie unterrichten Regie. Studenten können sich am Thalhof mit einer eigenen Produktion erproben, sind aber auch als Publikum herzlich willkommen. Es gibt U25-Tickets um 2,50 Euro?

Krassnigg: Genau, das ist ein Teil meiner Welt. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, größere Kontexte wie ein Festival programmatisch zu bevölkern, ohne meine Studierenden einzubeziehen. Das ist mir ein Herzensanliegen. Dieses Jahr gibt es eine Sonderkooperation mit der Internationalen Sommerakademie der Universität für Musik und darstellende Kunst. Jens Bluhm beleuchtet das Thema „Jenseits von Gut und Böse“ aus der Geschlechterperspektive, er wird einen unbekannten Schnitzler, „Die Braut“, eine Vorstudie zur „Traumnovelle“, Jelineks „Krankheit oder moderne Frauen“ entgegensetzen. Die Collage wird gespielt von Studenten des Max-Reinhardt-Seminars. Dazu musizieren Studierende des Joseph Haydn Instituts. Das freut mich besonders, weil Kollege Johannes Meissl, der dortige Institutsvorstand und wunderbare Geiger, sie das Thalhof Quartett genannt wird. Was nun das Publikum betrifft, so wollen wir eine Einladung aussprechen an all die Menschen, die Sommerfestivals sonst nicht besuchen – beispielsweise aus Kostengründen. Wir haben eben das U25-Ticket, aber auch weitere Ermäßigungen, Vorteilscards und Abos.

MM: Sie gehen täglich in ein Haus voller enthusiastischer junger Theaterschaffender. In den Zuschauerräumen ist diese Generation dünn gesät. Woran liegt das? Was läuft da falsch? Das Angebot?

Krassnigg: Die Frage ist sehr gut. Ästhetiken altern halt wie Menschen auch. Meiner Ansicht nach sind drei Dinge wichtig: Es muss eine Preispolitik geben, die für junge Leute erschwinglich ist. Die gibt es vielerorts, daran liegt es nicht hauptsächlich, dennoch ist das wahnsinnig wichtig. Zum zweiten: Es wird überall über Kulturvermittlung gesprochen, aber was diese schrullige alte Tante Theater tatsächlich kann, wird nicht vermittelt. Das muss man jeder neuen Generation neu sagen, das geht nicht von selbst. Dazu darf es ruhig originellere Anstrengungen geben. Und das dritte, das ich an meinen Kindern oder deren Freunden oder auch Studierenden beobachte, ist, dass es letztendlich zu wenige Geschichten gibt. Im Gegensatz zum Kino, wo derzeit eine Menge großartiger Drehbuchautoren intelligentes Storytelling entwerfen. Jugendliche wären also sowohl über ihre Ästhetiken abholbar, als auch mit gut gemachter Narration. Oder anders gesagt: Theater als reine Kunstanstrengung ist für Unter-25 überhaupt nicht interessant.

MM: Eine klare Absage ans L’art pour l’art!

Krassnigg: Ich halte dieses „Wir wissen, wie’s geht, und daher ist es uns schon fad“ für falsch. Wir wissen nie, wie es geht. Große Werke verändern sich mit der Zeit, man liest nach zehn Jahren ein Stück ganz anders, hört ganz andere Stimmen. Die Partitur ist plötzlich wie neu. Damit muss man als Theaterarbeitender umgehen. Man bewegt sich auf dem Grat zwischen Zeitgenossentum, zwischen Frische und dem Das-Heute-Erzählen, und der Werktreue. Es kann beim Inszenieren nicht darum gehen, ein Profipublikum von Theater heute abwärts mit der außergewöhnlichsten Neuverwurschtung eines Klassikers hinter dem Ofen hervorzulocken, weil, gähn, das haben wir ja alles schon x-mal gesehen. Das als einziger Angang an die dreidimensionale Narration eines großen Textes ist sehr, sehr dünn. Damit kann man Berufsbeschäftigte erfreuen und für sich ein gewisses Ranking erzeugen, aber nicht Zuschauer. Die haben ganz andere Sehnsüchte.

MM: Sie bilden einen Gutteil der kommenden Regiegeneration aus. Wenn Sie selbst inszenieren, wie sehr stehen Sie bei Ihren Studierenden auf dem Prüfstand punkto Vermittlung und deren Umsetzung?

Krassnigg: Total! Als ich noch im Ausland inszeniert habe, war mir wohler in meiner Haut, das war gemütlicher. Ich habe es mit den härtesten aller Kritiker zu tun, denn Studierende, das kennen wir von uns selber, reklamieren für sich das Weltwissen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber es hat in der Gegenseitigkeit eine große Fairness. Meine Professur ist ein Beruf, den viele gerne hätten. Es ist eine Gnade, etwas, das man liebt, weitergeben zu können, und damit auch noch Geld zu verdienen. Ich hatte Glück dahin zu kommen, da darf man dann auch nicht wehleidig sein und Kritik nicht aushalten. Von meinen Studierenden „begutachtet“ zu werden ist unbequem und anstrengend, aber das hindert mich am Einschlafen.

Das Leitungsteam des Salon5 am Thalhof: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild:Martin Schwanda

Das Leitungsteam des Salon 5 bereitet die aktuelle Thalhof-Saison vor: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild: Martin Schwanda

MM: Sprechen wir über die Menschen, die dieses Jahr den Thalhof bevölkern werden …

Krassigg: Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg hat einmal auf die Frage, warum sie beim damals sehr kleinen Einaudi Verlag bleibt, geantwortet, er sei eine Familie, mit der man arbeitet. Sie meinte damit nicht, dass man gemeinsam Eierspeis‘ kocht, sondern, dass sehr unterschiedliche Menschen eine enthusiastische thematische Verbundenheit für ein Produkt haben. So ist das bei uns auch. Der Salon 5 besteht aus zum Teil sehr gegensätzlichen Menschen. Ganz wichtig ist da Christian Mair, einer der besten Komponisten, die ich kenne, der, weil Musiker auch oft Zahlengenies sind, „so nebenbei“ auch noch unser kaufmännischer Leiter ist. Er ist der ruhende Pol in unserem Wanderzirkus. Lydia Hofmann ist ein Faun, eine der größten Bildbegabungen dieser Tage, eine noch junge Bühnenbildnerin aus der Wonder-Klasse, außerdem Malerin, Skulpteurin, die es immer noch mit uns aushält, obwohl unser Budget viel zu klein ist für das, was sie eigentlich könnte. Sie prägt die Ästhetik des Salon von unseren berühmt-berüchtigten Foyers mit den Lampenschirmen bis zur Bühne. Und Antoaneta Stereva ist eine Designerin, die ihren sensiblen und exzentrischen Stil jahrelang in Theater und Film sowie der internationalen Mode geschliffen hat.

MM: Dann gibt es alte Wegbegleiter …

Krassnigg: … wie eben Raphael von Bargen oder Daniel F. Kamen, der mein Myschkin sein wird. Er ist in Österreich viel zu wenig bekannt, ein einmaliger Darsteller, zutiefst dramatisch und dabei extrem komödiantisch. Dazu laden wir gern Gäste ein, wie Maxi Blaha, die mit ihren eigenwilligen Projekten nicht in den Mainstream gehört. Heuer zeigt sie ein Doppelporträt Bachmann/Jelinek, „Es gibt mich nur im Spiegelbild“, darauf freue ich mich schon sehr. Eine Neuentdeckung ist Michaela Saba. Von ihr wird man ganz viel hören. Sie ist eines der eigenartigsten, schönsten und begabtesten Wesen, die das Reinhardt-Seminar in den vergangenen Jahren ausgespuckt hat.

MM: Werden all Ihre Bemühungen auch von den Subventionsgebern gewürdigt?

Krassnigg: Wie kann ich das formulieren, ohne zu klagen? Denn es gibt in dem Sinn nichts zu klagen, weil wir erstaunlicherweise, obwohl Geld überall knapper wird, doch arbeiten können. Wir entwickeln Konzepte weiter, wir erforschen neue Formen. Wir wollen nicht nur – hoffentlich – ein Publikum beschenken, sondern uns ganz ernsthaft fragen: Was geht mit dieser Kunst? Uns interessiert dieses Laborhafte. Die Anerkennung dafür differenziert. Der Bund fördert unsere Arbeit konsequent nicht – so geht es vielen geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Wir werden subventioniert von der Stadt Wien und vom Land Niederösterreich, da ist es sehr schön, dass es kein Topferldenken, keine Bundeslandgrenzen mehr gibt. So können Produktion, wie „Pasada“ vom Thalhof ins Metro Kinokulturhaus wandern. Das Publikum ging da sehr mit, es wollte sehen, was der neue Raum mit der Produktion macht – und das ist ja auch etwas, das uns interessiert.

MM: Apropos, wandern: Eine kleine Herbstvorschau?

Krassnigg: Anna Poloni wird ihre über „Camera Clara“, „Carambolage“ und „Pasada“ geführte Tetralogie mit „Albergo Dante“ beenden. Das wird eine Art von höllischem Hotel, in dem eine Untersuchung von privat und politisch stattfinden wird, die großen Kämpfe im Kleinen – und die falschen Leute werden sie austragen. Und es wird der Spielfilm von „La Pasada“ herauskommen. Wir sind gerade im Endtonschnitt, jetzt gilt es Dinge wie, welcher Verleih, welches Festival zu entscheiden.

salon5.at

Wien, 15. 6. 2016