wortwiege: Re-Opening mit O. Flors „Die Königin ist tot“

August 24, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Festival-Leiterin Anna Maria Krassnigg im Gespräch

wortwiege-Mastermind Anna Maria Krassnigg. Bild: Andrea Klem

Ab 9. September setzt die wortwiege ihr wegen #Corona unterbrochenes Festival „Bloody Crown – Europa in Szene“, das erste seit der Übersiedlung in die Wiener Neustädter Kasematten, fort. Neben der Wiederaufnahme ihrer von Kritik und Publikum gefeierten Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „König Johann“ zeigt wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg die Uraufführung „Die Königin ist tot“ nach dem gleichnamigen Roman von Olga Flor.

Als Beichte einer zeitgenössischen Lady Macbeth, die sich keinen Fehler in der Verwaltung ihres Körpers und ihrer Gefühle leisten kann, verführen einen die Schauspielerinnen Nina C. Gabriel, Petra Staduan und Isabella Wolf in ein dystopisches Universum der Schönen und Reichen, die über Leichen zu gehen bereit sind, um ihre Privilegien zu verteidigen. Man teilt die Innenperspektive einer Mörderin, die mit einem System spielt, das sie selbst zerstört. Scharf und nüchtern wird eine Gesellschaft seziert, die Erfolg, Besitz und Ansehen als einzige Werte anerkennt und deren Machtstrukturen die ihnen Untergebenen zu rechtlosem Freiwild erklärt. Über ihre Arbeit an der Hochglanzhöllenfahrt und klugen Shakespeare-Neuerzählung der großen österreichischen Autorin – Anna Maria Krassnigg im Gespräch:

MM: Die wortwiege hat ihr Festival „Bloody Crown“ in den Wiener Neustädter Kasematten am 5. März fulminant begonnen und wurde Mitte März wegen #Corona unterbrochen. Nun gibt es ein Re-Opening am 9. September. Wie ergeht es einem, wenn man mit einer Neugründung derart ausgebremst wird?

Anna Maria Krassnigg: Es kam für uns – wie für alle – völlig überraschend. Als „Theatertiere“ waren wir dermaßen in den Endproben versunken, dass wir die Probleme der Welt nur sehr abstrakt wahrgenommen haben. Dass es dann tatsächlich zum Lockdown kam, zu Dingen, die wir alle noch nie zuvor erlebt hatten, ist natürlich ein Schock. Wir mussten am Tag der Generalprobe der Uraufführung von Olga Flors „Die Königin ist tot“ aufhören, da stehen drei Schauspielerinnen auf der Bühne, die sagten sehr treffend: Es ist als wärest du schwanger und darfst nicht gebären.

MM: …also?

Krassnigg: Tempelschlaf – so würde ich es nennen. Ich bin guten Mutes, da meine Erfahrung mit Wiederaufnahmen ist, dass sich die Dinge anlagern, intensiver werden, sich tiefer und reicher anfühlen, und ich bin sehr gespannt, was diese Corona-Zeit, die uns alle in der einen oder anderen Weise verändert hat, mit den Stücken gemacht hat. Wir sind jedenfalls dankbar, dass wir wieder aus der Koppel dürfen.

MM: Als wortwiege-Leiterin – gemeinsam mit Christian Mair – trägt man Verantwortung auch in finanzieller Hinsicht. Was macht man mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in so einer Zeit? Was macht man vor allem auch mit sich selbst?

Krassnigg: Eine der größten Sorgen waren tatsächlich die MitarbeiterInnen, wir sind als Team ja eng zusammengeschweißt. Wir haben die Gagen gezahlt, auch die Abendgagen, weil die Menschen ja damit gerechnet hatten. Ich kann ein Team, das mit uns durch dick und dünn gegangen ist, wegen einer Seuche nicht im Regen stehen lassen, und das Land Niederösterreich wird uns soweit es geht den Rücken freihalten. Wir haben uns dann wild ins Filmeschneiden gestürzt und daraus sind, das kann man auf unserer Homepage www.wortwiege.at sehen, wirklich schöne Arbeiten geworden. Das war sozusagen unsere Wundschmerzpflege.

MM: „König Johann“ von Dürrenmatt wird wiederaufgenommen, „Die Königin ist tot“ hat am 9. September Premiere. Warum haben Sie diesen Olga-Flor-Roman für eine Dramatisierung ausgewählt? Dieser ist eine Macbeth-Neuerzählung, aus der Sicht der Lady Macbeth, eine von Europa in die USA ausgewanderte Schönheit, die Ehefrau des Zeitungsmachers Duncan wird, bis er sie gegen eine jüngere eintauscht, und die Königin seinem ersten Mann im Imperium überlässt. Der Text ist topaktuell, vom im Wortsinn Schwarzen Peter als Figur bis zum Vorwurf der „linken Hetze“, den ein rechtsgedrehter Medienmogul erhebt, Olga Flor hat beinah prophetisch #MeToo und #BlackLivesMatter vorweggenommen …

Krassnigg: Wenn man wie Olga Flor ein politisch denkender Mensch ist, kann es schon passieren, dass das Gehirn solche Dinge ausbrütet, dass die dann aber tatsächlich eintreten, war für sie schockierend. Ich habe sie gefragt: Wann spielt dein Roman – und sie antwortete: In naher Zukunft. Ich schätze Olga Flor als Sprachkünstlerin seit Jahren und freue mich, dass wir sie sozusagen für die Bühne entdeckt haben, weil sich ihre Sprache sehr für die Verlautbarung eignet. Gerade dieser Text ist nicht sehr dialogreich, unser Dramaturg Karl Baratta in Zusammenarbeit mit Marie-Therese Handle-Pfeiffer hat zunächst einmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, dann sich verliebt und verbissen in die Sache, weil der Drang dieser Figur, einerseits eine Beichte abzulegen, andererseits ein Dokument vorzulegen, dass die Männer im Text überführbar macht, einen sehr starken dramatischen Druck erzeugt. Das hat mich interessiert für die Bühne – und ich denke, dass sich dieser „Need“ gut aufs Publikum übertragen wird. Olga Flors Königin ist eine Frauenfigur, die sich auf sehr polemische und komische Weise über diverse tagespolitische Themen auslässt.

„Die Königin ist tot“ nach dem Roman von Olga Flor. Bild: Andrea Klem

Isabella Wolf, Nina C. Gabriel und Petra Staduan. Bild: Andrea Klem

Dreimal moderne Lady Macbeths. Bild: Andrea Klem

MM: Die sind?

Krassnigg: Jede Art von Präfaschismen und Faschismen, aber auch die gängigen Frauenbilder. Olga Flor wird immer wieder gefragt, ob diese Figur eine feministische ist. Natürlich nicht! Dieses patriachal-kapitalistische Umfeld, das sie imprimiert, ergeben die Umstände, aus denen sie sich nicht mehr befreien kann. Sie fährt zunächst mit ihrem Einklinken ins System wahnsinnig gut. Und Opfer säumen ihren Weg. Die Königin ist eine Anti-Heldin, das findet man bei Frauenfiguren sonst nicht, dass sie weder Opfer noch Heldin, und das ist spannend, es in unserer heutigen, von Geschlechterfragen aufgeladenen Zeit zu machen – eine gerissene Anti-Heldin.

MM: Was Olga Flor geschrieben hat, ist die Innenperspektive der Königin, ein assoziativer Erinnerungsstrom, den ihr nun auf drei Darstellerinnen aufgeteilt habt: Nina C. Gabriel, Petra Staduan und Isabella Wolf, genannt Königin, Lilly und Lady M., sind das drei Seiten der Medaille, drei Charakterzüge – vom emanzipierten Weibchen zum weiterzureichenden Besitz zur emotional gebeutelten Manipulantin?

Krassnigg: Diese Dreiteilung ist ganz organisch entstanden. Wer will, kann man die Geschichte als eine Melania-Trump-Geschichte lesen, nur Melania Trump kannte zum Zeitpunkt des Entstehens des Textes noch niemand, und Olga Flors Figur ist sehr vielschichtig. Die Anteile an ihr, die uns regelrecht angesprungen sind, ist ihr Spiel mit der eigenen kindlichen Erotik, ihr Dasein als Mutter, wie ja auch das „Original“, die Lady Macbeth, eine ist, und als zweite Gemeinsamkeit ihr Talent als hochbegabte Erzintrigantin. Wir haben also mit Nina Gabriel diese matriarchale Königin, die gedemütigt und gedemütigt wird, bis sie sich rächt, die Tippi-Hedren-Hitchcock-artige Strategie-Lady mit Isabella Wolf, und die unglaublich manipulative Lilly, die Petra Staduan spielt. Die drei sind verschiedene Stimmen in einem Kopf, sind aber ein Bewusstseinsstrom.

MM: Sowohl Roman als auch Bühnenfassung beginnen mit dem großartigen Satz „Ich lasse mich gerne ficken von einem Krieger“, und dieser bedeutet in den drei Nuancen dieser Frau etwas völlig anderes und doch das Gleiche.

Krassnigg: Richtig. Und durch diese polyphonen Stimmen wird das Ganze irrsinnig komisch, man kennt das von sich selber, wenn ein Teil des Gehirns sagt: wir machen das so, und ein anderer: ich glaube, du tickst nicht richtig, es gibt tolle Möglichkeiten für kleine Chöre – und dieser zitierte Satz ist natürlich chorisch, was sehr reizvoll ist, weil er für jede der drei Unterschiedliches meint.

MM: Sie bedienen einmal mehr die von Ihnen wieder zum Leben erweckte Kunstform der Kinobühnenschau – daher das vorher angesprochene Filmemachen, Filme, die diesmal Träume, Visionen, Erinnerungen darstellen?

Krassnigg: Ja, und zwar soll das derart sein, dass das Publikum von Anfang an merkt, es läuft auf einen äußerst dunklen Punkt zu. Diese Krimi-Dramaturgie ist fürs Theater einfach großartig, und alles, was in Wahnsinn und Mordlust endet, passiert über die filmischen Erinnerungen und Träume. Das haben wir immer so betrieben, weil der Film dafür ein wunderbares Medium ist. Es gibt ein Buch von Christoph Türcke, „Philosophie des Traums“, in dem er erklärt, dass die große Zeit der Traumdeutung und die erste Zeit des Films nicht zufällig zusammenfallen. Die haptische Realität des Films ist faszinierend, und so verwenden wir ihn auch, im Zwiegespräch mit dem Bühnengeschehen. Das ist diesmal sehr speziell, weil die Art, wie’s projiziert wird, sehr speziell ist.

MM: Die Filme sind das Terrain der männlichen Darsteller: Horst Schily als Duncan, Jens Ole Schmieder als „erster Ritter“ Alexander …

Krassnigg: … David Wurawa als Peter und Martin Schwanda als Polizeichef Stuart, der bei Shakespeare Banquo ist. Das hat mich am Roman zusätzlich korrumpiert, weil ich dachte, ich habe meinen Traum-Cast dafür, die unglaublich starke Frauen-Trias und diese vier Männer, die wie gespuckt auf diese vier Rollen passen.

Krassnig und Christian Mair. Bild: Christian Mair

Die Kasematten in Wiener Neustadt. Visualisierung: Bevk Perovic

Einzigartige Renaissancegewölbe. Bild: Christian Mair

Die der Bespielung harren. Bild: Christian Mair

MM: Der Roman ist sehr explizit, und Karl Baratta und Marie-Therese Handle-Pfeiffer haben sehr texttreu gearbeitet

Krassnigg: Karl Baratta hat, wie er es scherzhaft formuliert, die großen Schneisen durch den Text geschlagen, und Marie-Therese Handle-Pfeiffer hat auf die Poesie der Flor’schen Sprache geachtet. Der Roman ist „anstrengend“, was für mich das Prädikat besonders wertvoll ist, doch das ist eine Energie, die sich auf die Bühne so nicht übertragen lässt. Es war also beinah ein Stück im Stück, die beiden Dramaturgen, einen Mann und eine Frau, miteinander über ihre Fassung verhandeln zu sehen. Da wurde um jeden Satz gefightet, ob er gestrichen wird oder bleiben kann. (Sie lacht.) Olga Flor jedenfalls, ich denke, das kann ich sagen, ist mit dem Ergebnis sehr glücklich.

MM: Apropos, weil wir vorhin von Politisch sprachen: Olga Flors Duncan ist, wie gesagt, ein Medienmacher der Geisteshaltung Law & Order, wer nicht für ihn ist, ist Linksterror ist, so wie derzeit für einige die Antifa die neuen Nazis sind. Und dann sagt er einen Satz, wer sich an den noch erinnern kann: Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben, so das Original aus dem Jahr 2009, Wer alt genug zum Plündern ist, ist auch alt genug erschossen zu werden, so Duncan. Das ortet diese unguided missile für Leute mit Gedächtnis genau.

Krassnigg: Mit diesem Satz ist die Figur ganz klar umrissen: In dem Moment, in dem die Maske des Geschäftsmanns abfällt, kriecht dieses Gedankengut hervor. Dieser Satz ist auch der Knackpunkt zum Folgenden, nicht weil die Königin ihn moralisch betrachtet, sondern weil sie sagt: Jetzt wurden wir alle nervös, mit solchen Aussagen reitet er uns alle in den Abgrund. Sie sagt, das geht gesellschaftlich so nicht durch, interessanterweise geht es durch. Immer mehr. Wir gewöhnen uns an derartige Dinge wie der Frosch ans brodelnde Wasser, dem wird ein lauwarmes Bad bereitet, das immer heißer und heißer wird, und am Ende ist er gekocht und hat’s nicht bemerkt. Das ist meine Empfindung diesem Satz gegenüber.

MM: Welch eine Überleitung, denn im Text spielt Wasser eine gewisse Rolle. Erzählen Sie etwas über den Spielort und wie sie das umsetzen werden.

Krassnigg: Der Spielort ist sehr speziell, die historischen Kasematten in Wiener Neustadt, die tatsächlich aus der Spätrenaissance sind, daher auch unsere Spielplan-Entscheidung für Shakespeare-artige Königsdramen. Die Kasematten haben einen eigenen Charme, man merkt ihnen an, dass sie einen italienischen Baumeister hatten. Manche Kritiker schreiben zwar „in den Kellerräumen“, aber wer dazu Kellerräume sagt, dem ist nicht zu helfen. Es sind prachtvolle Gewölbe, die per se schon eine aufgeladene Stimmung haben, ein Raum, der seit Jahrhunderten Schutzraum für Tausende war in diesem immer wieder zerstörten und zerbombten Wiener Neustadt. Diese kathedralenhafte Architektur muss man bedienen, man kann nicht gegen sie inszenieren.

MM: Wer hat den Raum gestaltet?

Krassnigg: Ich habe meinen alten Freund und Kupferstecher Andreas Lungenschmid als Bühnenbildner geholt, der in Berlin als bildender Künstler lebt und ein stark architekturelles Denken hat – und er hat uns einen Raum gebaut, hat Architektur in die Architektur eingepasst; er nennt es einen lost place, einen zerfallenen, überwucherten Resttempel unserer sogenannten Zivilisation. Samt Rolltreppe. Und, so viel verrate ich, es wird das Wasser geben. Als Spiegelung des Abgrunds. Das Wasser, über das sie einst von Europa in die USA gekommen ist, eine Fremde, die alles auf sich genommen und getan hat, um nicht mehr fremd zu sein, ist und bleibt das Element der Königin.

Andreas Lungenschmid hat einen lost space gebaut. Bild: Andrea Klem

In dem die Königinnen mit- und gegeneinander aussagen. Bild: Andrea Klem

Wasser als Spiegelbild spielt eine Rolle. Bild: Andrea Klem

Krassniggs Kinobühnenschau. Bild: Andrea Klem

MM: Der Titel des Ganzen ist „Die Königin ist tot“. Im Roman gibt es eine zweite Frau, Ann, Duncans zweite Ehefrau, eine Fernsehmoderatorin schwarzer Hautfarbe, mit der er sich von den Rassismusvorwürfen weißwaschen will. Wird’s auf der Bühne ein „Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin“ geben?

Krassnigg: Nein, doch – in gewisser Weise, Ann wird als Zitat ins Stück geholt. Die Neuübernahme des Königreichs, das Schicksal der königlichen Kinder, das gibt es, in einem Sich-das-Maul-Zerreißen über die erlittene Verletzung. Diese Macbeth-Überschreibung ist komplett aus dem Blickwinkel der Frau erzählt, doch genau recherchiert und beschrieben. „Die Königin ist tot“ dieser berühmte Shakespeare-Satz des Soldaten im fünften Akt, fünfte Szene ist der Schlusspunkt des sich steigernden Wahnsinns bis zum Ende.

MM: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, daher die Frage: Wie wird’s mit der wortwiege in Wiener Neustadt weitergehen? Habt ihr Pläne?

Krassnigg: Wir haben Pläne, eine Vision im Hintergrund. Es ist schön hier ein Festival zu machen, für diese kulturhungrige Stadt, in die ich mich ein bisschen verliebt habe. Ich freue mich über das Publikum aus Wiener Neustadt, wobei natürlich viele auch aus Wien kommen, bei denen ich mit meinem Programm andocken konnte. Im Moment sieht es so aus, dass Stadt und Land das Festival weiterhin haben wollen, und dass es erheblich wachsen soll … aber ich will nichts verschreien …

Trailer: vimeo.com/440728950           www.wortwiege.at           www.olgaflor.at/buch/die-koenigin-ist-tot/

24. 8. 2020

Die wortwiege übersiedelt nach Wiener Neustadt

Juli 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Start ist im März mit der Uraufführung „Bloody Crown“

Das Leitungsteam der wortwiege: Theatermacherin Anna Maria Krassnigg und Komponist, Filmemacher und Produzent Christian Mair. Bild: Christian Mair

Unter dem Motto „Europa in Szene“ macht Regisseurin Anna Maria Krassnigg mit ihrer Compagnie wortwiege die Wiener Neustädter Kasematten zu einem neuen Theater-Hotspot. Ab dem Frühjahr 2020 bespielt Krassnigg die Kasematten in Wiener Neustadt und plant, diese historische Befestigungsanlage über die Grenzen hinaus zu einem Ort für europäisches Autorinnen- und Autorentheater aufzubauen.

Mit diesem neuen Spielort soll parallel zu den Theaterproduktionen ein länderübergreifender Dialog über zeitgenössische darstellende Kunst im Austausch mit angewandter Wissenschaft entstehen. In ihrer ersten Spielzeit widmet sie sich den Königsdramen. Unter dem Titel „Bloody Crown“ zeigt Krassnigg ab 5. März 2020 zwei Uraufführungen zu diesem Thema. Die historischen Kasematten stellen eine ideale Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar und bilden somit einen perfekten Rahmen für künstlerische Arbeit. Wie in den Spielzeiten 2015 bis 2018 am Thalhof in Reichenau wird Theatermacherin Krassnigg mit ihrer wortwiege ihr künstlerisches Prinzip fortsetzen: Entlang einer zentralen Frage wird ein klassischer und ein zeitgenössischer Stoff programmiert und mit Expertinnen und Experten öffentlich diskutiert. Das hoch aktuelle Narrativ des Königsdramas bildet dabei den Anfang.

„Europa ist auch die Summe an Erzählungen, die weit über die Bemühungen einer politischen Einigung hinaus ein kollektives Bewusstsein bilden. ,Bloody Crown‘ holt die alte dramatische Struktur vom Aufstieg und Fall der Herrschenden, die derzeit einen großen Teil des angloamerikanischen Fernsehbusiness ausmacht, geballt zurück an seinen Ursprung: das Theater,“ erklärt Anna Maria Krassnigg und weiter: „Der weltweite Siegeszug der ’neuen Tyrannen‘, aber auch die Kollateralschäden der Macht werden über alte und neue Texte auf der Bühne anschaulich und somit diskutierbar. Diesen entlarvenden Geschichten wollen wir in den Wiener Neustädter Kasematten eine neue, pulsierende Agora verschaffen.“

Die Kasematten. Visualisierung: Bevk Perovic

Die Kasematten: Krassnigg und Mair. Bild: Christian Mair

Zudem begreift sich das Theater in den Kasematten als Ort für Nachwuchspflege, an dem insbesondere Studierende der Universität für Musik und darstellende Kunst gern gesehene Debütantinnen und Debütanten sein werden. Der Theaternachwuchs des Max Reinhardt Seminars, an dem Krassnigg die Regieklasse leitet, ist von der Eröffnung an mitgedacht.

Diskutiert wird am neuen Spielort auch über das Bühnengeschehen hinaus im Rahmen von Dialogveranstaltungen. Sie werden vom Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk geleitet: „Königtum war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein das symbolische Markenzeichen für Herrschaft in Europa. Die Spuren dieser Herrschaft und identitätsstiftenden Royalen sind bis in die Gegenwart zu verfolgen: von der Königsklasse des Fußballs bis zur Kür von Schönheitsköniginnen. Die Anatomie königlicher

Macht wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Die Bandbreite reicht von Theater und Literaturwissenschaft über Geschichte und Kulturanalyse bis zu Ethnologieund Psychoanalyse.“ Zum öffentlichen Diskurs geladen sind Intellektuelle und Literaten aus der Nachbarschaft, aber auch aus dem internationalen Bereich der Human- und Sozialwissenschaften. Im Rahmen eines Pre-Openings am 7. und 8. Dezember diskutiert ein hochkarätiges Podium aus Kunst und Wissenschaft die zentralen Fragestellungen von „Bloody Crown“ und beleuchtet auch die wechselvolle Rolle der Autorinnen und Autoren auf dem Theater.

wortwiege-Videos: vimeo.com/wortwiege/albums

www.wortwiege.at

9. 7. 2019

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Chikago

Oktober 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Burgenland-Flucht in ein besseres Leben

Luka Vlatkovic, Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Die wortwiege ist vom Thalhof ins Winterdomizil Wien übersiedelt, und zeigt hier drei beachtenswerte Produktionen. Den Auftakt macht, als erste Uraufführung der neuen Serie „Szene Österreich“, der vielbeachtete, im Picus Verlag erschienene Roman „Chikago“ von Theodora Bauer in szenischer Fassung. Aufführungsort ist die Alte Bibliothek. Ein wahrhaft intimer Rahmen, dieser holzgetäfelte Raum.

Ein Bücherkabinett mit Galerie, darin eine lange Tafel, darauf Brot und alte Fotoalben und Schnaps, Äpfel und Affenhandpuppen. Ein Hackbrett, dem Schauspieler Luka Vlatkovic Sphärenklänge entlocken wird. Einmal mehr ist es wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg gelungen, eine Spielstätte zu finden, die eine einzigartige Atmosphäre atmet. Gemeinsam mit Luka Vlatkovic und Nina C. Gabriel gestaltet Krassnigg die Bauer’schen Figuren, die Darsteller sind auch Erzähler, berichten von sich und über einander, aus den Perspektiven aller Protagonisten, und die sind nicht immer deckungsgleich.

„Chikago“ beginnt im Burgenland des Jahres 1921. Dort, an der noch jungen österreichisch-ungarischen Grenze, gibt es wenig außer Aufruhr und Armut, die große Hoffnung heißt „ins Amerika gehen“. Das will auch Feri, und die von ihm schwangere Katica natürlich mitnehmen, doch dann macht der Tod eines Gendarmen die Auswanderung zur Flucht, die nur durch Katicas „Zigeuner“-Halbschwester Anas beherztes Handeln überhaupt gelingt. Drüben angekommen, erfährt das Trio, dass im Land der unbegrenzten die Möglichkeiten doch sehr beschränkt sind. Katica stirbt bei der Geburt des Kindes, Feri wird zum Trinker, Ana muss den Säugling Josip alleine aufziehen …

Luka Vlatkovic. Bild: Christian Mair

Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Mit kleinsten Gesten, gezielten Seitenblicken, illustrieren Gabriel als seelisch starke Ana, Krassnigg als kindlich gebliebene Katica und Vlatkovic als sanftmütiger Zögerling Feri den Text. Theodora Bauer hat für ihr Buch eine Sprache von brutaler Poesie erschaffen, „Wortbluten“ steht an einer Stelle, das Idiom der Zeit angepasst und sehr österreichisch, und die wortwiege-Besetzung versteht dies perfekt umzusetzen. Wiewohl die Schauspieler kaum jemals die Texthefte aus der Hand legen, ist Krassniggs szenische Skizze theatraler als so manche Norminszenierung.

Gemeinsam gelingt es ihnen, Bauers packendes Sittenbild zum Statement zur aktuellen Lage im Land zu machen. Denn dies gilt es zu bedenken, dass es Epochen gab, in denen auch Europäer auf der Suche nach einem besseren Leben in die weite Welt zogen. Aus dem Burgenland in die USA waren es etwa 100.000. Die Migrantenschicksale in „Chikago“ entlarven jegliche einseitige Sichtweise auf „Wirtschaftsflüchtlinge“ als unmenschlich und dumm, ebenso jedoch wird der American Way of Life als Mythos enttarnt.

Gegenwärtiger, auch aufschlussreicher, kann ein Kommentar zur Zeit kaum sein. Dabei braucht Bauer, und mit ihr Krassnigg, für ihre Auswanderergeschichte keinen erhobenen Zeigefinger. Mit sparsamen Mitteln, einem getauschten Gilet, einer Schiebermütze, einem anderen Schultertuch, Kostümbild: Antoaneta Stereva, wechseln die Schauspieler in neue Charaktere. Aus Josip wird Vlatkovics erwachsener Joe, aus Ana „Aunt Annie“, die sich bei den jüdischen Whites als Haushälterin verdingt. 1937 ist es geworden, beim historischen Streik bei Republic Steel rückt die Nationalgarde an und beendet diesen mit Gewalt. Und wieder gibt es ein Unglück, und Josip und Ana müssen zurück ins Burgenland. Von Chicago nach Chikago. Und damit in den aufkeimenden Nationalsozialismus. Für Josip verführerisch, für Ana als „Zigeunerin“ und „Judenfreundin“ hingegen …

Luka Vlatkovic, Anna Maria Krassnigg und Nina C. Gabriel. Bild: Christian Mair

Chikago heißt bis heute ein Ortsteil von Kittsee, vermutlich so genannt, weil ab 1910 wegen der Wohnungsnot der Bevölkerung hier in kurzer Zeit gerade, „amerikanisch“ anmutende Gassen angelegt und entlang dieser Häuserblocks hochgezogen wurden. Der damals aus den USA heimkehrende Kittseer Josef Zambach soll gesagt haben, man baue die ja so schnell „wie in Chicago“.

„Chikago“, Theodora Bauers eindrücklicher Erzähltext, laut der wortwiege im Sinne eines kritischen, literarischen Volkstheaters zu verstehen, überzeugt auch in seiner szenischen Umsetzung. Regisseurin Anna Maria Krassnigg zeigt, wie viel mit nicht allzu viel geht, als Schauspielerin ist sie, wie auch Nina C. Gabriel und Luka Vlatkovic, einfach fantastisch. Alles in allem – ein Abend, den man gesehen haben muss.

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 10. 2018

Salon5: La Pasada – Die Überfahrt

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold brilliert als zaubermächtige Prospera

Flora und ihr über alles geliebter Enkel Ariel: „Prospera“ Erni Mangold und Flavio Schily. Bild: Christoph Hochenbichler

Mit „La Pasada – Die Überfahrt“ entzückte Regisseurin Anna Maria Krassnigg 2015 am Thalhof, ihrer Wortwiege an der Rax, nicht nur, weil ihr mit dem Theaterstück die Wiederbelebung der Kunst der Kinobühnenschau geglückt war. Nun ist das Werk endgültig auf der Leinwand angekommen, am 23. November hat im Metro Kinokulturhaus eine Filmfassung von „La Pasada“ Premiere.

Erzählt wird im Text von Anna Poloni von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar die letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Prospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt.

„Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf sie.

Doina Weber und Erni Mangold. Bild: Christoph Hochenbichler

Martin Schwanda als Liebhaber Ari. Bild: Christoph Hochenbichler

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Er changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön.

In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film ins Publikum überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film im Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“ als auch Ari, Floras Liebhaber, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist.

„Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze Polonis, sondern verweist auch auf dessen Mehrsprachigkeit. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Einer, der tatsächlich alles verloren hat: David Wurawa als Cal bei der Totenandacht. Bild: Christoph Hochenbichler

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die das happy end verwehrt.

Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos …

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20. 11. 2017