Die wortwiege übersiedelt nach Wiener Neustadt

Juli 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Start ist im März mit der Uraufführung „Bloody Crown“

Das Leitungsteam der wortwiege: Theatermacherin Anna Maria Krassnigg und Komponist, Filmemacher und Produzent Christian Mair. Bild: Christian Mair

Unter dem Motto „Europa in Szene“ macht Regisseurin Anna Maria Krassnigg mit ihrer Compagnie wortwiege die Wiener Neustädter Kasematten zu einem neuen Theater-Hotspot. Ab dem Frühjahr 2020 bespielt Krassnigg die Kasematten in Wiener Neustadt und plant, diese historische Befestigungsanlage über die Grenzen hinaus zu einem Ort für europäisches Autorinnen- und Autorentheater aufzubauen.

Mit diesem neuen Spielort soll parallel zu den Theaterproduktionen ein länderübergreifender Dialog über zeitgenössische darstellende Kunst im Austausch mit angewandter Wissenschaft entstehen. In ihrer ersten Spielzeit widmet sie sich den Königsdramen. Unter dem Titel „Bloody Crown“ zeigt Krassnigg ab 5. März 2020 zwei Uraufführungen zu diesem Thema. Die historischen Kasematten stellen eine ideale Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar und bilden somit einen perfekten Rahmen für künstlerische Arbeit. Wie in den Spielzeiten 2015 bis 2018 am Thalhof in Reichenau wird Theatermacherin Krassnigg mit ihrer wortwiege ihr künstlerisches Prinzip fortsetzen: Entlang einer zentralen Frage wird ein klassischer und ein zeitgenössischer Stoff programmiert und mit Expertinnen und Experten öffentlich diskutiert. Das hoch aktuelle Narrativ des Königsdramas bildet dabei den Anfang.

„Europa ist auch die Summe an Erzählungen, die weit über die Bemühungen einer politischen Einigung hinaus ein kollektives Bewusstsein bilden. ,Bloody Crown‘ holt die alte dramatische Struktur vom Aufstieg und Fall der Herrschenden, die derzeit einen großen Teil des angloamerikanischen Fernsehbusiness ausmacht, geballt zurück an seinen Ursprung: das Theater,“ erklärt Anna Maria Krassnigg und weiter: „Der weltweite Siegeszug der ’neuen Tyrannen‘, aber auch die Kollateralschäden der Macht werden über alte und neue Texte auf der Bühne anschaulich und somit diskutierbar. Diesen entlarvenden Geschichten wollen wir in den Wiener Neustädter Kasematten eine neue, pulsierende Agora verschaffen.“

Die Kasematten. Visualisierung: Bevk Perovic

Die Kasematten: Krassnigg und Mair. Bild: Christian Mair

Zudem begreift sich das Theater in den Kasematten als Ort für Nachwuchspflege, an dem insbesondere Studierende der Universität für Musik und darstellende Kunst gern gesehene Debütantinnen und Debütanten sein werden. Der Theaternachwuchs des Max Reinhardt Seminars, an dem Krassnigg die Regieklasse leitet, ist von der Eröffnung an mitgedacht.

Diskutiert wird am neuen Spielort auch über das Bühnengeschehen hinaus im Rahmen von Dialogveranstaltungen. Sie werden vom Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk geleitet: „Königtum war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein das symbolische Markenzeichen für Herrschaft in Europa. Die Spuren dieser Herrschaft und identitätsstiftenden Royalen sind bis in die Gegenwart zu verfolgen: von der Königsklasse des Fußballs bis zur Kür von Schönheitsköniginnen. Die Anatomie königlicher

Macht wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Die Bandbreite reicht von Theater und Literaturwissenschaft über Geschichte und Kulturanalyse bis zu Ethnologieund Psychoanalyse.“ Zum öffentlichen Diskurs geladen sind Intellektuelle und Literaten aus der Nachbarschaft, aber auch aus dem internationalen Bereich der Human- und Sozialwissenschaften. Im Rahmen eines Pre-Openings am 7. und 8. Dezember diskutiert ein hochkarätiges Podium aus Kunst und Wissenschaft die zentralen Fragestellungen von „Bloody Crown“ und beleuchtet auch die wechselvolle Rolle der Autorinnen und Autoren auf dem Theater.

wortwiege-Videos: vimeo.com/wortwiege/albums

www.wortwiege.at

9. 7. 2019

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Chikago

Oktober 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Burgenland-Flucht in ein besseres Leben

Luka Vlatkovic, Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Die wortwiege ist vom Thalhof ins Winterdomizil Wien übersiedelt, und zeigt hier drei beachtenswerte Produktionen. Den Auftakt macht, als erste Uraufführung der neuen Serie „Szene Österreich“, der vielbeachtete, im Picus Verlag erschienene Roman „Chikago“ von Theodora Bauer in szenischer Fassung. Aufführungsort ist die Alte Bibliothek. Ein wahrhaft intimer Rahmen, dieser holzgetäfelte Raum.

Ein Bücherkabinett mit Galerie, darin eine lange Tafel, darauf Brot und alte Fotoalben und Schnaps, Äpfel und Affenhandpuppen. Ein Hackbrett, dem Schauspieler Luka Vlatkovic Sphärenklänge entlocken wird. Einmal mehr ist es wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg gelungen, eine Spielstätte zu finden, die eine einzigartige Atmosphäre atmet. Gemeinsam mit Luka Vlatkovic und Nina C. Gabriel gestaltet Krassnigg die Bauer’schen Figuren, die Darsteller sind auch Erzähler, berichten von sich und über einander, aus den Perspektiven aller Protagonisten, und die sind nicht immer deckungsgleich.

„Chikago“ beginnt im Burgenland des Jahres 1921. Dort, an der noch jungen österreichisch-ungarischen Grenze, gibt es wenig außer Aufruhr und Armut, die große Hoffnung heißt „ins Amerika gehen“. Das will auch Feri, und die von ihm schwangere Katica natürlich mitnehmen, doch dann macht der Tod eines Gendarmen die Auswanderung zur Flucht, die nur durch Katicas „Zigeuner“-Halbschwester Anas beherztes Handeln überhaupt gelingt. Drüben angekommen, erfährt das Trio, dass im Land der unbegrenzten die Möglichkeiten doch sehr beschränkt sind. Katica stirbt bei der Geburt des Kindes, Feri wird zum Trinker, Ana muss den Säugling Josip alleine aufziehen …

Luka Vlatkovic. Bild: Christian Mair

Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Mit kleinsten Gesten, gezielten Seitenblicken, illustrieren Gabriel als seelisch starke Ana, Krassnigg als kindlich gebliebene Katica und Vlatkovic als sanftmütiger Zögerling Feri den Text. Theodora Bauer hat für ihr Buch eine Sprache von brutaler Poesie erschaffen, „Wortbluten“ steht an einer Stelle, das Idiom der Zeit angepasst und sehr österreichisch, und die wortwiege-Besetzung versteht dies perfekt umzusetzen. Wiewohl die Schauspieler kaum jemals die Texthefte aus der Hand legen, ist Krassniggs szenische Skizze theatraler als so manche Norminszenierung.

Gemeinsam gelingt es ihnen, Bauers packendes Sittenbild zum Statement zur aktuellen Lage im Land zu machen. Denn dies gilt es zu bedenken, dass es Epochen gab, in denen auch Europäer auf der Suche nach einem besseren Leben in die weite Welt zogen. Aus dem Burgenland in die USA waren es etwa 100.000. Die Migrantenschicksale in „Chikago“ entlarven jegliche einseitige Sichtweise auf „Wirtschaftsflüchtlinge“ als unmenschlich und dumm, ebenso jedoch wird der American Way of Life als Mythos enttarnt.

Gegenwärtiger, auch aufschlussreicher, kann ein Kommentar zur Zeit kaum sein. Dabei braucht Bauer, und mit ihr Krassnigg, für ihre Auswanderergeschichte keinen erhobenen Zeigefinger. Mit sparsamen Mitteln, einem getauschten Gilet, einer Schiebermütze, einem anderen Schultertuch, Kostümbild: Antoaneta Stereva, wechseln die Schauspieler in neue Charaktere. Aus Josip wird Vlatkovics erwachsener Joe, aus Ana „Aunt Annie“, die sich bei den jüdischen Whites als Haushälterin verdingt. 1937 ist es geworden, beim historischen Streik bei Republic Steel rückt die Nationalgarde an und beendet diesen mit Gewalt. Und wieder gibt es ein Unglück, und Josip und Ana müssen zurück ins Burgenland. Von Chicago nach Chikago. Und damit in den aufkeimenden Nationalsozialismus. Für Josip verführerisch, für Ana als „Zigeunerin“ und „Judenfreundin“ hingegen …

Luka Vlatkovic, Anna Maria Krassnigg und Nina C. Gabriel. Bild: Christian Mair

Chikago heißt bis heute ein Ortsteil von Kittsee, vermutlich so genannt, weil ab 1910 wegen der Wohnungsnot der Bevölkerung hier in kurzer Zeit gerade, „amerikanisch“ anmutende Gassen angelegt und entlang dieser Häuserblocks hochgezogen wurden. Der damals aus den USA heimkehrende Kittseer Josef Zambach soll gesagt haben, man baue die ja so schnell „wie in Chicago“.

„Chikago“, Theodora Bauers eindrücklicher Erzähltext, laut der wortwiege im Sinne eines kritischen, literarischen Volkstheaters zu verstehen, überzeugt auch in seiner szenischen Umsetzung. Regisseurin Anna Maria Krassnigg zeigt, wie viel mit nicht allzu viel geht, als Schauspielerin ist sie, wie auch Nina C. Gabriel und Luka Vlatkovic, einfach fantastisch. Alles in allem – ein Abend, den man gesehen haben muss.

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 10. 2018

Salon5: La Pasada – Die Überfahrt

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold brilliert als zaubermächtige Prospera

Flora und ihr über alles geliebter Enkel Ariel: „Prospera“ Erni Mangold und Flavio Schily. Bild: Christoph Hochenbichler

Mit „La Pasada – Die Überfahrt“ entzückte Regisseurin Anna Maria Krassnigg 2015 am Thalhof, ihrer Wortwiege an der Rax, nicht nur, weil ihr mit dem Theaterstück die Wiederbelebung der Kunst der Kinobühnenschau geglückt war. Nun ist das Werk endgültig auf der Leinwand angekommen, am 23. November hat im Metro Kinokulturhaus eine Filmfassung von „La Pasada“ Premiere.

Erzählt wird im Text von Anna Poloni von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar die letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Prospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt.

„Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf sie.

Doina Weber und Erni Mangold. Bild: Christoph Hochenbichler

Martin Schwanda als Liebhaber Ari. Bild: Christoph Hochenbichler

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Er changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön.

In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film ins Publikum überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film im Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“ als auch Ari, Floras Liebhaber, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist.

„Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze Polonis, sondern verweist auch auf dessen Mehrsprachigkeit. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Einer, der tatsächlich alles verloren hat: David Wurawa als Cal bei der Totenandacht. Bild: Christoph Hochenbichler

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die das happy end verwehrt.

Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos …

www.la-pasada.at

20. 11. 2017

Salon5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Österreichische Sittenbilder am Fuße der Rax

Anna Maria Krassnigg am Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Salon5 begeht heuer nicht nur sein Zehn-Jahr-Jubiläum, er begibt sich diesen Sommer auch wieder an seine Wortwiege an der Rax. „Fremde Nähe“ ist das Jahresthema des Salon5, und so auch das des Thalhof Festivals 2017. Ab 4. August widmen sich Theatermacherin Anna Maria Krassnigg und Komponist und Produzent Christian Mair Stoffen, die man als „österreichische Sittenbilder“ beschreiben könnte.

Sie umkreisen inhaltlich das Phänomen der Ausgrenzung, aber auch der unheimlichen Faszination des grundsätzlich Anderen. „Fremde Nähe“ zeigt anhand von sagenumwobenen, wie brandaktuellen Wort- und Bühnenschöpfungen streitbarer österreichischer Autorinnen und Autoren eine Bestandsaufnahme hiesiger Mentalitäten – die freilich in ihren tiefsten Befunden allgemein menschliche Komödien und Tragödien sind. Anna Maria Krassnigg im Gespräch:

MM: Zehn Jahre Salon5: Was haben Sie gelernt, was hat sich getan, wie hat sich das Projekt entwickelt?

Anna Maria Krassnigg: Ich habe gelernt, was ich schon immer vermutet habe, und ich habe es unter Schmerzen gelernt, nämlich, dass Freiheit für mich immer Arbeitsbedingung ist. Das, was Kollateralschäden generiert, die ewige Hinterher-Rennerei von Verträgen und ergo Geldern. Wie machst du klar, wer du bist im Theatergeschehen? Das steht in der „freien Szene“ immer auf dem Prüfstand. Bei allen anderen nicht. Das ist die Schattenseite, die Sonnenseite ist, dass ich meine künstlerischen Bedingungen selbst bestimmen kann. Ich bin weder einer Art von Markt unterworfen, ich bin keinem Diktat unterworfen, wie etwas stilistisch zu sein hätte, weil man es in irgendeinem Presseorgan vorschlägt. Und diese Freiheit künstlerisch, heißt: aus meinem individuellen Blickwinkel zu programmieren, was jetzt ansteht, die ist mir in den vergangenen zehn Jahren immer kostbarer geworden. Fazit: Ich kann aus dem eigenen Haus nie mehr ausziehen, auch wenn es ein gut durchlüftetes und, wie soll man sagen, durchaus prekäres Haus ist.

MM: Ein Vorteil ist zweifellos: Sie können gesellschaftspolitisch schneller agieren als der arrivierte Apparat.

Krassnigg: Der sogenannte arrivierte Apparat unterliegt ja nicht nur Abstimmungsbedürfnissen, sondern auch Stilbedürfnissen. Fast wie Boutiquen: Was muss man haben, welche Marken muss man führen, welche Namen, wer will gesehen werden? Und selbst wenn das teilweise hochinteressante Leute sind, generiert das ja doch, wie wir es in jedem Bereich des Handels sehen, siehe H & M und Starbucks, eine Gleichschaltung. Wenn man sich anschaut, wie die großen Häuser mehr oder minder programmiert sind, dann ist das ein zum Teil großartiges, aber überaus vergleichbares Angebot. Das halte ich als Fan von jedem Individuellen, von mir aus auch Abseitigen, durchaus für eine Verarmung. Daher ist dieses Reagieren, dieses „Was höre ich jetzt?“ und „Wo muss ich jetzt aufschreien?“ für jemanden wie mich tatsächlich leichter, als für die nach Designermaßstäben angefertigten Kunstapparaturen.

MM: Der Salon5, wie würden Sie es beschreiben, ist nun ein KünstlerInnenkollektiv, das sich Stoffe und Spielorte frei wählt.

Krassnigg: Ja, das ist auf jeden Fall eine hervorragende Beschreibung. Wobei das Suchen, und das meine ich gar nicht so kokett, mittlerweile so ist, dass uns die Orte suchen. Das hört sich merkwürdig an, aber es ist tatsächlich so, dass auf mich, auf uns, bestimmte Orte oder Angebote zukommen. Mich in einer Art heimsuchen, dass ich sie, obwohl aus zeittechnischen Gründen sicher gesünder, nicht absagen kann. Das war bei der Geburtsstätte des Salon5 im Brick-5, in dieser jüdischen Schulturnhalle so, und das war auch zuletzt mit dem Thalhof so. Der ist mir wirklich vor die Füße gefallen, und sagte: Bespiel mich. Ähnlich ging es mir mit dem Alten Rathaus, wo unsere „Reden!“-Performances laufen. Ich hörte dort Robert Menasse bei einem Vortrag – und mir war klar, dieser Saal schreit geradezu nach Theater.

MM: Das nächste, das ansteht, ist Salon5 am Thalhof. Sie präsentieren dort Autorinnen und Autoren, die dort gewirkt und/oder geurlaubt haben. Sie haben für kommende Spielzeit unter anderem Marie von Ebner-Eschenbach ausgesucht.

Krassnigg: Ja, unser Motto, wenn man so will, denn man braucht ja immer selber etwas an dem man sich anhalten kann, heißt „Fremde Nähe“, und in dieser Klammer befinden sich tatsächlich österreichische Sittenbilder. Was meine ich damit? Anhand unserer ausgewählten Stücke kann man, was ist uns nah und befremdet uns dennoch, analysieren. Darum geht es auf höchst unterschiedliche Art und Weise, in Ebner-Eschenbachs „Am Ende eines kleinen Dorfes“, einer Ausgrabung, in die wir uns sehr verliebt haben, und in der es um die fremde Nähe von Mann und Frau geht. Man könnte sagen, es ist ein feministisches Geschlechterdrama, wäre der Begriff feministisch nicht zu behaftet, aber definitiv geht es um weibliche Selbstermächtigung auf eine sehr krimihafte Art. Ebner-Eschenbach war eine fantastische Plotschreiberin, keine Theoretikerin. Es geht um die soziale Frage und um die Frauenfrage. Es ist nach der Novelle „Die Totenwacht“, die etwas Edgar Allan Poe-haftes hat, ein neuer Meilenstein. Gerade jetzt in den Proben hat es für mich etwas von Achill und Penthesilea auf dem Lande.

MM: Das andere Stück ist …

Krassnigg: Ein anderes Sittenbild aus Österreich, ein Riesenradspiel von einem sehr jungen österreichischen Autor …

MM: Mario Wurmitzer! Endlich bringt den jemand auf die Bühne!

Krassnigg: Genau. Ich habe mich die letzten drei Jahre gewundert, warum mir „Werbung Liebe Zuckerwatte“ nicht jemand wegschnappt, aber so geschah es nicht, was mich nun natürlich erfreut. Wurmitzer ist ein hundsbegabter junger Autor, der die Chuzpe hat, eine Komödie über ein angstbehaftetes Thema zu schreiben. Er hat eine geistreiche, witzige, sprachlich erstaunlich gewandte Komödie über ein Pulverfass geschrieben – die Angst vor dem Terror und den politischen Zugewinn durch Angstmache, spielend im Wiener Prater. Köstlich!

MM: Ein weiterer Programmpunkt ist „Raxleuchten“ …

Krassnigg: … der das Motto gleichfalls spezifisch erfasst. Die Wiener sind ja voller Begeisterung an die Rax gefahren, haben sich hier als Einheimische verkleidet, man hat sich in der Region getroffen und intrigiert und Besetzungen für das nächste Jahr klargemacht. Auch am Thalhof hat man sich versammelt, wir haben ein 300 Jahre altes Gästebuch, wo sich die Herrschaften eingetragen haben. Schnitzler war hier, Freud hat einen Teil der „Traumdeutung“ hier geschrieben, natürlich Ebner-Eschenbach, die sich immer furchtbar über das Klima aufgeregt hat, Nestroy, Raimund, der von Gutenstein herüberkam, Hebbel, der ja mit einer Burgschauspielerin verheiratet war … Die wunderbare Literaturwissenschaftlerin Evelyne Polt-Heinzl hat nun entlang dieses Gästebuchs einen Abend zusammengestellt, teilweise mit Texten, die noch nie zu hören waren, also uraufgeführt werden. Das ist eine Reise von den Anfängen des Thalhofs bis in die Jetztzeit. Das Material ist so riesig, auch die Arisierung jüdischer Villen und später die Entnazifizierung kommt vor, dass wir’s auf zwei Teile teilen müssen. Das heißt: 2018 kommt „Raxleuchten II“.

Am Ende eines kleinen Dorfes: Doina Weber und Petra Gstrein. Bild: Christian Mair

Mario Wurmitzer. Bild: Christian Mair

MM: Beim Opening gab es eine Veranstaltung zu den „Bedingungen weiblichen Schreibens“. Wie steht es um die Bedingungen weiblichen Theaterschaffens?

Krassnigg: Als junges Mädchen, von daheim kommend, dachte ich, alles ist wahnsinnig gleichberechtigt. Dann, früh in den Theaterbetrieb gekommen, erkannte ich die machistisch-monarchistischen Hierarchien, die immer noch herrschen. Als Frau gilt man als die ewige Entdeckung, aus diesem männlich chauvinistischen Anspruch heraus: Lass’ mich dich entdecken!, später wird man die Weise vom Berge. Dazwischen ist es schwierig. Je höher man in Institutionen steigt, umso mehr steigt der Neid, und der hat gegenüber Frauen einen ekelhafteren Hautgout als unter Männern.

MM: Nämlich?

Krassnigg: Es gibt unterschiedliche Kriterien, nach denen man bewertet wird. Nummer eins, die Optik. Äußerlichkeiten spielen bei und unter Frauen eine wesentlich größere Rolle, der zentrale Punkt, und das habe ich bei Ebner-Eschenbach noch einmal sehr genau lernen dürfen, ist, dass Frauen auf der anderen Seite des Mondes leben. Nicht auf der besseren oder schlechteren, einfach auf der anderen. Der Fokus ist anders, weil ein Mann anders sieht und denkt als eine Frau. Da kommen vollkommen andere Dinge zutage. Erstaunlich, wie viel auf der Bühne dadurch nicht unterkommt! Weil Männer diese Art von Konflikten gar nicht kennen.

MM: Dennoch in Ausschreibungen werden, wie es heißt, bei Ausschreibungen „bevorzugt behandelt“.

Krassnigg: Das ist ein Punkt, der eine weitere Beobachtung verdienen würde. Es wäre die eine unglaublich heikle Frage zu stellen, mit der man in 50 Fettnäpfen tritt: Wie sehr kann man Frau sein, in einem Umfeld, das männlich konnotiert ist? Es fehlt an einer intellektuellen Frauensolidarität.

MM: Einem Pendant zur Eton-Krawatte?

Krassnigg: Richtig. Ich habe unlängst mit einer sehr erfolgreichen Frau gesprochen, die sagte, ich habe es begriffen, die Seilschaften mit Zahnärztin, Architektin etc. Und diese Bünde, wie die Männerbünde, die schlicht und ergreifend Frauen an Schaltstellen der Kunst setzen, die sehe ich noch nicht. Es gibt jetzt ein kommendes Bewusstsein von Frauen in meinem Alter. Wenn das denn nun gelänge, würde es einen großen Schub erzeugen. Ich merke, dass männliche Kollegen bestimmten Themen einfach ausweichen, weil sie merken, dass sie sich damit auf Glatteis bewegen. Wir also wollten unsere Lesart einbringen. Ich brauche nicht so sehr ein Binnen-I, ich brauche Aufmerksamkeit.

MM: Heißt?

Krassnigg: Was ich eingangs sagte: Frauen brauchen den Willen zur Eigenständigkeit, bei gleichzeitigem Wissen, dass Freiheit vor Bezahlung geht. Das ist keine imbecile Romantik, sondern ein Bohren an der männlichen Betondecke. Hätte ich mich in bestimmten Zeiten auf bestimmten Feiern bewegt, idealerweise keine Kinder bekommen, die man von Spielort zu Spielort „mitzahn“ muss, hätte ich meine Ausbildung mit meiner Karriere strategisch verbunden, dann wäre ich heute … Und dagegen müssen wir als Frauen aufstehen. Ich kenne in Wien einige Frauen, wo ich mich wundere, warum man die nicht für diesen oder jenen Job anfragt. Aber es ist gerade in der Kunst eine Klassengesellschaft, die ist sowas von abartig. Ich werde so oft Dinge gefragt, wo ich sage: Ja, eh! Aber die Kulturpolitik ist noch nicht soweit.

MM: Wenn Sie nun davon sprechen, wo sehen Sie den Salon5 in weiteren zehn Jahren?

Krassnigg: Die Frage ist insofern sehr gut, weil ich mir im letzten halben Jahr oft überlegt habe, ob ich diesen, meinen eigenen kleinen Organismus weiter beatmen möchte. Ich hätte internationale Angebote, die würden mein Leben als Regisseurin einfacher machen. Und ich habe natürlich die Professur am Max-Reinhardt-Seminar. Aber, was ich für mich und mein Ensemble für bewusstseins- und persönlichkeitsbildend halte, ist der Salon5. Mittlerweile sehe ich es so. Auch durch die Perspektiven, die man mir in Niederösterreich in verblüffendem Tempo gegeben hat. Ich glaube, dass es so einen „Fehler in der Matrix“, wie ein Freund mir mich nennt, geben sollte. Ich glaube, dass ich auch meinen Studierenden zeigen sollte, dass mit Ja, mit einem eigenen Kopf, mit einem eigenen Mindset, mit einem, Nein, ich assistiere mich nicht hoch, ich halte eure Regeln nicht ein, ein Theaterleben möglich ist. Und wachsen kann.

Teaser: vimeo.com/216368056

salon5.at

Wien, 9. 6. 2017