Schauspielhaus Wien: Noch ein Lied vom Tod

Januar 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Poesie und Brutalität im Plattenbau

Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Steffen Höld, Florian von Manteuffel, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Das Personal ist da: der Barkeeper, der Gambler, die Saloonschönheit, der (in dem Fall die) Leichenbestatter(in), der Sheriff mit dem dunklen Geheimnis, das erst knapp vor Ende enthüllt wird, Tumbleweed, dazu immer wieder das musikalische Motiv von „Cheyenne“ Jason Robards. Und verwahrloste Kinder. „Noch ein Lied vom Tod“ heißt das Stück von Juliane Stadelmann, das nun in der Regie von Daniela Kranz am Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurde. Zum Glück eine Western-Farce (weil’s sonst nicht zum Aushalten wäre), für die Sergio Leone der Pate war. Und doch viel mehr. Eine wahre Geschichte. 1999 entschied in Frankfurt an der Oder eine junge Mutter 14 Tage lang mit ihrem neuen Lover um die Häuser zu ziehen. Ihre zwei- und dreijährigen Söhne ließ sie zu Hause zurück. Im Plattenbau. Sie haben geweint, sie haben geschrien, die haben mit Löffeln auf Türlinken getrommelt. Im Plattenbau ist es laut, da hören die Nachbarn weg. Als man sie fand waren – so Frau Tod – ihre Knie das Dickste am Körper, ihre Leichenflecken durch das Sofa gesickert. Die Geschichte ist topaktuell, egal, ob einen die Mutter im Stich lässt oder Vater einen „versehentlich“ mit kochend heißem Duschwasser tötet.

Die Grausamkeit treibt es mit dem Schicksal wie eine wilde Hure und bringt sich dabei selbst um den Verstand.

Hans-Gratzer-Stipendiatin  Stadelmann hat einen großartigen Text verfasst, der zwischen Poesie und Brutalität changiert. Und durchaus – so paradox es klingen mag – sehr zum Lachen ist. Zum Schluß folgt noch ein Cut, in dem das mutmaßliche Sterben der Kinder veranschaulicht wird, dass einem übel wird. Eine interessante, intelligente, in Summe gewaltige Leistung. Daniela Kranz fackelt dazu ein Ideenfeuerwerk wie funkensprühende Sporen ab. Kranz‘ Bühnenbild ist ein schiefgelegter Plattenbau. Balkone wie Erdlöcher, aus denen die Protagonisten auftauchen. Gleichzeitig der Ex-DDR-Kiosk, an dem an sich mit Hochprozentigem abfüllt. Alles und alle sind hier sehr cool. Eine Überlebensstrategie.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Sheriff/Kommissar Udo in Person von Florian von Manteuffel, der inmitten von „nur Kindern und Mördern“ versucht, das Unbegreifliche zu verstehen. Hans, der Kioskbetreiber oder Barkeeper, dargestellt von Steffen Höld, sieht das alles lakonisch. Leben geht und Leben kommt. So wie seines, das einem Riesenkaktus zum Opfer fällt. Das Personal ist wie einer Realitysoap à la „Frauentausch“ entliehen. Wenn man glaubt, tiefer geht’s nicht mehr, kommt von irgendwo ein Treppchen nach unten her … Barbara Horvath ist eine wunderbar naive Nachbarin Nadine, die gaaar nichts weiß, außer, dass man „Draußen“ mit Pavillon und Büschen irgendwas tun sollte, damit was auch immer neu wird. Und die ganz nebenbei den Kommissar verführt. Johanna Tomek ist als Clara die daueralkoholisierte Bestatterin, die whiskytrunken zu jeder Tages- und Nachtzeit die Anektdote parat hat, wie sie eine Ratte mit dem Fahrrad überrollt hat. Once Upon a Time in the East. Sie wird die Buben schließlich in ihrem großen Wagen abholen – und weil sie am Baumarkt vorbei kommt, den Pavillon gleich dazu – ihnen den Mund zunähen, die Haare neu kämmen und etwas Rouge auflegen. Tote müssen schön sein. Johanna Tomek ist Dreh- und Angelpunkt des Abends. Simon Zagermann will als kleiner Tom – mit Melone und Ass in der Hutkrempe – nur erwachsen werden, um dem Plattenbau-Schicksal zu entgehen.

Die Helden des Abends sind aber Martin Vischer und Gideon Maoz als Tackenförster und Ottenzwerg. Zwei Buben, die im Fall „recherchieren“, voller Angst, der Sandmann also das Einschlafen in der metallicaartigen Auslegung „Enter Sandman“, könnte ihnen auf den Fersen sein. Rotztrotz- und dreckverschmiert soll ihnen das Schutzhüllenwort „Arschloch“ gegen jedes und jeden Sicherheit bieten. Doch die Wohnungstür fällt zu. Sind es die gleichen Buben? Oder andere? Noch mehr Tote.

Namenlose. Mundharmonikathema. Ende. Krass, wie die Buben sagen würden.

Theater, das in mehr als einer Beziehung unglaublich ist.

www.schauspielhaus.at

Wien, 11. 1. 2014

Gerti Drassl im Gespräch …

November 27, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… mit Lisa Weidenmüller und Johannes Schmidt:

„Die Wildente“ am Landestheater Niederösterreich

Gerti Drassl, Lisa Weidenmüller, Tobias Voigt  Bild: (c) Yasmina Haddad

Gerti Drassl, Lisa Weidenmüller, Tobias Voigt
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 7. Dezember steht am Landestheater Niederösterreich die Premiere von Henrik Ibsens „Die Wildente“ auf dem Programm. Es spielen Gerti Drassl, Katharina von Harsdorf, Benno Ifland, Michael Scherff,Johannes Schmidt, Tobias Voigt, Lisa Weidenmüller und Helmut Wiesinger. Regie führt Daniela Kranz. Die Handlung: Nach Jahren der Abwesenheit kehrt Gregers in sein Elternhaus zurück. Lange hat er den Kontakt mit seinem Vater, dem Großhändler Werle, gemieden. Zu Hause trifft er auf seinen Jugendfreund Hjalmar Ekdal. Hjalmar, ein bedingt lebenstauglicher Fantast, schlägt sich  als Fotograf durch. Gregers erfährt, dass er Gina Hansen geheiratet hat, die früher für seine Eltern arbeitete. Die beiden haben eine Tochter, Hedvig, zu deren Erziehung und Unterhalt Konsul Werle einen finanziellen Beitrag leistet. Den Grund dafür glaubt Gregers in der eigentlichen Vaterschaft der kleinen Hedvig zu erkennen. Er vermutet, dass nicht Hjalmar, sondern der alte Werle der leibliche Vater ist und versucht, dem Jugendfreund die Augen zu öffnen – Hjalmar soll erkennen, dass sein Leben auf Unehrlichkeit aufgebaut ist. Wenn Sie einem Menschen die Lebenslüge nehmen, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück, lässt Ibsen den Arzt Relling sagen. Und tatsächlich zerstört Gregers mit seinem Wahrheitsfanatismus nicht nur Hjalmars Leben, sondern die ganze Familie.

Ein Gespräch mit Familie Ekdal – Gerti Drassl (Gina), Johannes Schmidt (Hjalmar) und Lisa Weidenmüller (Hedvig):

MM: Frau Drassl, Sie haben an der Josefstadt schon Hedvig gespielt, haben nun zur Gina gewechselt. Endlich in der Mutterrolle angekommen? Das freut die wenigsten Kolleginnen 😉

Gerti Drassl: Mich schon. Angekommen bin ich noch lange nicht, wir sind noch am Suchen, aber ich bin sehr glücklich über das Angebot von Intendantin Bettina Hering. Ich habe noch gute Erinnerungen an meine erste „Wildenten“-Erfahrung. So ist, das Stück wieder spielen zu dürfen, wie ein Geschenk.

MM: War das der Reiz, es wieder zu spielen?

Drassl: Man kann so viele Stücke auf so viele Arten neu interpretieren. Das hier kommt in der Regie von Daniela Kranz ganz anders daher. Wir gehen’s ganz anders an, als vor zehn Jahren an der Josefstadt. Das ist sehr spannend. Das Stück ist sehr gestrichen worden, es ist komprimiert, dichter.

MM: Wie hat sich in diesen zehn Jahren Ihre Sichtweise auf die „Wildente“ verändert?

Drassl: Als ich die Hedvig gespielt habe, habe ich die Konflikte, die in dem Stück stattfinden nicht als so schlimm empfunden, wie sie mir jetzt vorkommen, wie ich sie jetzt durchlebe. Als ich die Hedvig gespielt habe, hatte ich immer das Gefühl: So schlimm ist es doch gar nicht. Jetzt ist alles ganz furchtbar für mich.  Was zwischenmenschlich passiert, wie groß die Wunden der Beteiligten sind, was es an Beziehungsgeflecht gibt, erfasse ich jetzt erst richtig.

MM: Herr Schmidt, knapp gesagt gibt es in dem Stück zwei Perspektiven. Die eine Position ist die Aufrechterhaltung der Lebenslüge – Hjalmar, die andere: Nur wer die Wahrheit sagt tut Recht, hat recht – Gregers.

Johannes Schmidt: Wobei es merkwürdiger Weise am Schluss eine Aufweichung dieser Positionen gibt. Weil Gregers spürt, dass Hjalmar seinem Projekt nicht gewachsen ist, und ihm seine Erfindung als Lebenslösung andient. Er übernimmt einen Teil von Rellings Position – und Hjalmar ist derjenige, der sagt: Es kann sein, dass es mit meiner Erfindung nie was wird. Dieses Gespräch, dass Relling und Gregers am Ende führen, führt zu einer Pattsituation. Es ist ja nicht so, dass Ibsen etwas auflöst, dass er einer Figur Recht gibt, es bleibt komplett offen. Das ist das Fatale an diesem Stück: Dass es nicht eine Wahrheit gibt. Der Autor tut uns nicht den Gefallen, sich auf eine Seite zu schlagen. Es gibt viele Fragen, es gibt keine Antwort, wie Leben denn nun geht.

MM: Frau Weidenmüller, welche Möglichkeiten hat man heute die Hedvig zu spielen? Ein Mädchen aus dem vorvorigen Jahrhundert?

Lisa Weidenmüller: Das mag einem bei Ibsens Sprache so vorkommen. Aber mir geht’s gar nicht so. Hedvig hat so eine Grundehrlichkeit oder Aufrichtigkeit, die noch nicht durch das Leben abhanden gekommen ist. Auf den Proben fällt auch manchmal das Wort altmodisch, aber mir kommt das gar nicht so vor, sondern wünschenswert. Ibsen beschreibt in Hedvig Qualitäten, nach denen sich doch alle sehnen, die einem heute nicht mehr oft begegnen. Deshalb sagt man leicht, das ist altbacken, aber mir kommt das nicht so vor.

MM: Sind die Positionen in der Familie Ekdal nicht ein bisschen überspannt?

Weidenmüller: Das glaube ich schon. Als aber Hedvig die Forderung von Gregers aufnimmt, ihre Wildente zu töten, kann sie das nicht tun. Also tötet sie sich selbst. Das ist Konsequenz bis zur letzten Minute. Sie kann nicht töten, was sie am meisten liebt, DAS wäre inkonsequent. Aber klar ist, dass ihr die Sicherungen durchbrennen, als ihr Vater sagt: Du bist nicht mehr mein Kind.

MM: Wie ist die Arbeit mit Daniela Kranz? Sie ist eine, die „entstaubt“, „gegen den Strich bürstet“. Alles sehr klischeehaft, aber so ist es, wenn wir um Worte ringen.

Drassl: Ich habe schon einmal mit ihr gearbeitet, beim Theatersommer Haag „Der nackte Wahnsinn“ mit ihr gemacht, also ganz was anderes. Ich arbeite sehr gerne mit Daniela. Sie ist eine sehr intuitive Regisseurin, sie entwickelt zu jedem eine andere Sprache, sie sucht nach Wegen und Erzählweisen, die sie nachvollziehen  und vertreten kann. Sie hat diese Stückfassung nicht aus einer Mode oder einem Klischee heraus gemacht, sondern ist sehr konsequent, sehr behutsam. Als würde sie eine Zwiebel schälen. Sie arbeitet sehr feinfühlig, das mag ich sehr gern.

Schmidt: Das ist meine achte Produktion mit Daniela – und ich schätze immer wieder, dass sie es ermöglicht, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten. Man ist kein Erfüllungsgehilfe für ein Konzept, das schon vorher feststeht, sondern Daniela geht sehr vom Schauspieler und seinem Angebot aus. So entsteht immer eine gute Form von Ensemblearbeit, so dass man sehr stark zusammen kommt. Alles ist sehr offen, man muss sich auf den Proben also erst einmal finden. Andererseits gibt so eine Textfassung eine gewisse Setzung – und ich versuche gerade dahinterzukommen, was die Fantasie ist, was da vorbereitet wurde. Daniela hat eine sehr intuitive Herangehensweise und das ist etwas, das mir sehr liegt.

MM: Wie kommt man vom Staatstheater Weimar ans Landestheater St. Pölten?

Schmidt: Ich bin ja „gelernter Österreicher“. Ich war in Graz an der Schauspielschule, hatte in Graz auch mein Anfängerengagement. Daniela hat mich gefragt, ich war frei und nun ist es sehr schön, als Gast wieder hier zu sein.

MM: Erzählen Sie etwas über Ihre Figuren: Hedvig kann vom Sensibelchen bis zum Trotzkopf alles sein …

Weidenmüller: Ich habe mir vor den Proben nichts vorgenommen, wie Hedvig sein soll. Der Spaß ist ja, das in den Proben rauszufinden. Und jedes Mal hoffe ich, dass es mir bis zur Premiere gelingt, es rauszufinden. Was Hedvig, glaube ich, nicht ist, ist „ein Kind“. Ich muss nicht 14 spielen. Wichtig ist viel mehr, was Hedig an Zerwürfnissen mitkriegt, die in der Familie, die sie so sehr liebt, geschehen. Das entwickelt man auf den Proben im Zusammenspiel. Mein Prozess ist gerade, die Langfassung, die ich kenne, beiseite zu lassen, und jetzt die Freiräume der Strichfassung zu nutzen. Zu gucken, was könnte zwischen den Zeilen noch sein – außer dem Trotzkopf oder dem Sensibelchen. Schublade auf, Schublade zu, das will ich nicht. Daniela Kranz hat die szenischen Vorgänge gestrichen, wir stehen im leeren Raum, da bin ich auch noch dabei, mich darin zurecht zu finden.

Schmidt: Mit der Hjalmar ist es merkwürdig. Hjalmar funktioniert als gebrochener Held, der sich an einer zu großen Aufgabe abarbeiten muss. Meine Suche ist gerade, ob es etwas gibt, wo er sich überhaupt verändert. Wie lange kann man diese Verdränung, die Hjalmar lebt, aufrecht erhalten? Da ändert sich nichts. Die Reise, die er macht, ist gar nicht so gewaltig. Das ist der Punkt, über den ich gerade nachdenke – und noch nicht weiß, wo er mich hinführt. Hjalmar ist eine seltsam profillose Figur.

MM: Aber er ist doch derjenige, dessen Kartenhaus in sich zusammenfällt? Der Verarschte?

Schmidt: Und als wäre das nicht passiert, macht er immer weiter. Er hat kein neues Instrumentarium, das ihm zur Verfügung steht, er hat keine Erkenntnis, er zieht keine Lehre. Der Grundkonflikt des Stücks, dass man bestimmte Wahrheiten einfach nicht sehen will, wird von Hjalmar bis zum Schluß aufrecht erhalten.

Weidenmüller: Und Hedvig ist die einzige, die auf eine komisch verquere Art, Gregers Worte ernst nimmt – Aussagen, die er selber nicht einhält. Sie sucht nach Handlungsoptionen. Das ist etwas, was es bei anderen Dramatikern nicht gibt, weil sie die von ihnen geschaffenen „Kinder“ nicht für voll nehmen. Dieses Sich-dazu-Verhalten-müssen, dieses aktiv Werden, nicht nur die Reagierende zu sein, das ist für mich spannend.

Schmidt: Es ist beunruhigend, wie Ibsen die vermeintliche Sicherheit immer wieder zerstört. Aus der Zuschauerperspektive möchte man vielleicht schreien: Achtung, da kommt das Krokodil. Die Figuren erkennen das Offensichtliche, wenn überhaupt, erst sehr viel später. Nicht nur mit Hjalmar, auch mit den anderen Figuren wird so umgesprungen. Ibsen macht die Verstrickung von privaten und gesellschaftlichen Vorgängen bewusst: Der reiche Werle, der sich’s dreht und wendet, wie er’s braucht, die ihm ausgelieferten Ekdals und Werles Sohn Gregers als Rächer. Drei Generationen arbeiten sich aneinander ab. Und das alles vor Sigmund Freud. Es gibt keine einfachen Lösungen. Man kann sich nicht auf eine Seite schlagen.

MM: Und Gina? Die Puppe des großen Marionettenspielers Werle?

Drassl: Ich gehe davon aus, dass das, was sie sagt, für sie im Moment stimmt. Das betrifft alle Figuren im Stück: Sie haben die eigenen Wahrheiten, stülpen die auf andere über; es gibt das Verlangen eines einzelnen, eine Gesamtwahrheit auszusprechen. Ich glaube nicht, dass Gina eine Puppe ist. Sie hat in ihrem Leben Entscheidungen gefällt. Inwieweit sie immer noch hinter diesen steht, das ist spannend zu hinterfragen. Welche Sehnsüchte, Ängste, welches Nichtwissen gibt es? Ängste jemanden zu halten, zu verlieren – sich damit auseinanderzusetzen ist das Tolle. Für jede Figur. Und für mich für meine natürlich im Besonderen.

MM: Die Ekdals haben sich in einer Komfortzone eingerichtet. Das gibt es in jeder Familie, Dinge über die man schweigt, um keinen Konflikt heraufzubeschwören. Dann kommt Gregers und bricht das auf …

Drassl: Weil er die Dinge von außen betrachtet. Die Ekdals „beachten“ die Dinge, die unter der Oberfläche schwelen gar nicht mehr. Jetzt kommt Gregers und setzt den Nagel irgendwo an, das wirbelt die Ekdals durcheinander, sonst hätten sie in irgendeiner Form so weitergelebt.

MM: Daraus lernen wir: Die Wahrheit zu sagen, zerstört das Leben anderer?

Drassl, Weidenmüller, Schmidt: Nein.

Drassl: Das finde ich gar nicht. Man muss schauen, welche Beweggründe Gregers hat, zu tun, was er tut. Ich glaube nicht, dass es per se schlimm ist, jemanden auf etwas aufmerksam zu machen, zu sagen: Ich sehe das so und so. Relling betrachtet die Ekdals ja auch von außen, will aber nicht eingreifen, nichts ändern. Mit Gregers kommt das totale Gegenteil dazu.

Schmidt: Gregers und Relling sind ja in die Geschichte genau so verstrickt, wie die Ekdals und versuchen, zu therapieren, obwohl sie keine professionellen Psychologen sind …

MM: Wo ist Ihre Schmerzgrenze, Wahrheit nicht erfahren zu wollen?

Drassl: Das ist eine gute Frage. Es gibt unterschiedliche Grenzen in unterschiedlichen Situationen. Deshalb weiß ich es nicht ganz genau. Daniela hat heute von ihrem Bruder erzählt, der als Kind bei einer Einladung übers Essen sagte: Es war nicht gut. Ob ich das so könnte, die Wahrheit sagen? Ob ich nicht aus Höflichkeit sagen würde: Es hat wunderbar geschmeckt. Um mir im Nachhinein zu Denken, es war nicht so toll. Ich weiß es nicht.

Weidenmüller: Es kommt auch darauf an, wie einem jemand etwas sagt. Ob einem jemand seinen Standpunkt mitteilt und gut ist’s. Oder ob es sich einer, wie Gregers, zur Aufgabe gemacht hat, über andere zu richten.

MM: Ich habe noch nie stark, wie bei dieser Fassung, empfunden, dass Gregers die ganze Sache aus Rache gegen seinen Vater anzündet.

Schmidt: Mir geht es mit der Fassung genau so. Das wird eine sehr private Geschichte. Im Gesellschaftspanorama des ersten Aktes funktionieren die Figuren wie etwa die Kammerherren eher schablonenhaft. Diese Ebene haben Daniela Kranz und die Dramaturgin Constanze Kargl gestrichen. So muss der Zuschauer den gesellschaftlichen Hintergrund dieser Familiengeschichte selbst für sich zusammensetzen. Die Ekdals sind eine Mittelstandsfamilie, die Verteilungskämpfe werden härter. Es gibt jemanden, an dessen Tropf man hängt. Ich finde das sehr heutig. Deshalb wird Ibsen gerade so viel gespielt, vor allem natürlich „John Gabriel Borkman“. Die Identifikationsfigur mag für den einzelnen Zuschauer unterschiedlich sein, man wird hoffentlich auch hin und her gerissen. Das empfinde ich als große Qualität.

Weidenmüller: Die Geschichte hat etwas Zeitloses. Der Zerfall der Familie, das ist etwas Grundsätzliches, das berührt einen heute genau so wie 1884.

MM: Ihren war wichtig, auch im Gespräch als Familie aufzutreten. Warum?

Drassl: Mir war das sehr wichtig. Das ist ein totales Ensemblestück. Und ich lerne jetzt an diesem Gespräch viel darüber, was meine Kollegen über das Stück, ihre Rollen denken. In diesem Fall sind Sie die Außenstehende, die uns Impulse liefert, die uns eine Situation bietet, in der wir zusammen weiter kommen können. Es gibt so viele Sichtweisen auf dieses Stück, deshalb fand ich es wichtig, dass in der Diskussion hier auch mehrere Standpunkte Platz haben. Ich hoffe, dass das unsere Arbeit positiv beeinflusst.

Schmidt: Ich fürchte mich, offen gestanden, immer ein bisschen vor diesen Terminen, weil es so schwierig ist, zu verbalisieren, in welchem Stadium der eigene Findungsprozess gerade ist. Ich bewundere Kollegen, die das sehr gut machen. Andererseits sind Interviews immer eine Gelegenheit, sich diese Vorgänge mal klar zu machen. Ich habe schon erlebt, dass man bei diesen Matineen, Publikumsgesprächen vor Premieren plötzlich hört, was Regie und Dramaturgie denken. Und man denkt: Ach so, ja hätte ich das vor drei, vier Wochen gewusst … Beim Reden hört sich manches oft anders an. Also, wenn ich jetzt Erkenntnisse habe, werde ich die morgen auf der Probe gleich umsetzen.

www.landestheater.net

Wien, 27. 11. 2013

Landestheater NÖ: Spielzeit 2013/14

Mai 15, 2013 in Bühne

Mit Gerti Drassl, Markus Hering, Michou Friesz,

Dörte Lyssewski und Martin Wuttke

GertiDrassl Bild: (c) Yasmina Haddad

GertiDrassl
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 15. Mai präsentierte Intendantin Bettina Hering das Programm ihrer zweiten Spielzeit am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten. Zu erwarten: spannendes, bewegendes, kritisches, unterhaltsames und anregendes Sprechtheater. Die Eröffnungspremiere „Hexenjagd“ von Arthur Miller gibt programmatisch die Richtung vor: Wie unterschiedlich sind jeweils in ihrer Zeit die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und welche politischen und soziologischen Erscheinungen generieren sie, also kurz gesagt: Welche Gesellschaft gebiert welche Ungeheuer?

In Regiearbeiten von Róbert Alföldi, Babett Arens, Alexander Charim, Cilli Drexel, Bettina Hering, Daniela Kranz, Irmgard Lübke, Barbara Nowotny, Katrin Plötner, Markus Schleinzer und Caroline Welzl werden neben dem Ensemble Babett Arens, Gerti Drassl, Michou Friesz, Florentin Groll, Alexandra Henkel, Markus Hering, Benno Ifland, Johanna Elisabeth Rehm, Johannes Schmidt, Susi Stach und Dominik Warta als Gäste in Eigenproduktionen zu sehen sein. Sven Philipp, Moritz Vierboom und Johanna Wolff begleiten das Haus einen Teil der Spielzeit. In Gastspielen von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Schauspielhaus Zürich und dem Hamburger St. Pauli Theater sind in Arbeiten von Martin Wuttke, Karin Henkel und Wilfried Minks unter anderem Margarita Broich, Carolin Conrad, Burghart Klaußner, Lena Schwarz und Martin Wuttke zu sehen. Dörte Lyssewski und Markus Meyer, Katja Bürkle und Martin Wuttke sind mit eigens für das Landestheater Niederösterreich zusammengestellten Leseabenden zu Gast.

Das Programm im Detail:

„Hexenjagd“ von Arthur Miller ist die Eröffnungspremiere am 4. Oktober. Basierend auf den Hexenprozessen von Salem im 17. Jahrhundert, lässt es sich problemlos auf heutige Gesellschaftssysteme übertragen, die Denunziation fördern und Systemabhängigkeiten vorantreiben. In der Regie von Cilli Drexel werden neben unserem Ensemble u.a. die Burgschauspielerin Alexandra Henkel und Markus Hering, zurzeit am Residenztheater in München, zu sehen sein. Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“, die Koproduktion mit der Bühne Baden mit Dominik Warta als Weinberl, in der Regie von Bettina Hering und mit viel Musik, landet am 11. Oktober in St. Pölten.

Thematisch  verknüpft mit Arthur Millers Hexenjagd ist „Die Wildente“  von Henrik Ibsen. Als Kämpfer gegen die vorherrschende Scheinmoral hat Ibsen mit diesem hochpsychologischen Stück die Frage aufgeworfen, was denn die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts für Ungeheuer hervorgebracht hat. Gerti Drassl, Benno Ifland und Johannes Schmidt werden das Ensemble verstärken, Daniela Kranz wird inszenieren. (Ab 7. Dezember). In der Uraufführung „Tagfinsternis“ TAGFINSTERNIS von Julya Rabinowich untersucht der Regisseur Markus Schleinzer, dessen Debütfilm „Michael“ viel Aufsehen erregt hat, den Umgang der heutigen österreichischen Gesellschaft mit ihren AsylwerberInnen. Die aufwühlende Geschichte um eine Familie zwischen Tradition und Assimilierung, die auf ihren Bescheid wartet, wird uns alle noch lange beschäftigen. (Ab 17. Jänner, Theaterwerkstatt)

Der Klassiker „Weh dem, der lügt!“ von Franz Grillparzer wird ab 25. Jänner in der Regie von Alexander Charim und mit Florentin Groll als Bischof beim Aufeinandertreffen zweier verschiedener Völker und ihrer Verhaltensweisen den Humor nicht zu kurz kommen lassen. „Geschwister“  von Klaus Mann, ein spannendes Zeitzeugnis der 20er Jahre, inszeniert von Irmgard Lübke (ab 8. März, Theaterwerkstatt), ist genauso wie das in der Antike angesiedelte Drama HORACE von Pierre Corneille, in der Regie von Katrin Plötner, (ab 24. April, Theaterwerkstatt) eine Wiederentdeckung. Die Dramatisierung des ungarischen Romans „Die Ruhe“ von Attila Bartis unter dem Titel „Meine Mutter, Kleopatra“als deutschsprachige Erstaufführung runden das Programm ab.Der bekannte Regisseur Róbert Alföldi war bis zum Spielzeitende 2012/13 erfolgreicher Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, bis auch er ein Opfer der momentan herrschenden politischen Verhältnisse wurde. Wir sind sehr froh, dass er im Landestheater diesen brillanten Stoff umsetzen kann, der Ungarn zur Zeit der Wende, fokussiert auf eine klaustrophobische Familienkonstellation, zeigt. Als Gäste spielen ab 29. März  Michou Friesz, Susi Stach und Moritz Vierboom in dieser Produktion.

Zwei vom Landestheater Niederösterreich initiierte Lesungen gibt es in prominenter Besetzung: Die Burgschauspieler Dörte Lyssewski und Markus Meyer lesen aus Ovids „Heroides“, den fiktiven Beschwerdebriefen der Heldinnen der Antike (am 2. November) und Katja Bürkle von den Münchner Kammerspielen und Martin Wuttke werden aus dem Briefwechsel von Bertolt Brecht und seiner Frau Helene Weigel lesen. (Am 16. Jänner). „Der eingebildete Kranke nach Molière von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin kommt als Gastspiel in der Regie von und mit Martin Wuttke am 29. und 30. November ins Landestheater. Das Schauspielhaus Zürich gastiert am 14. und 15. Februar mit „Amphitryon und sein Doppelgänger“  nach Heinrich von Kleist in einer Inszenierung der gefeierten Karin Henkel, deren Arbeiten seit vielen Jahren nicht mehr in Österreich zu sehen waren. Das Hamburger St. Pauli Theater kommt am 9. und 10. Mai mit  Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“  in der Regie von Wilfried Minks mit Burghart Klaußner, der für diese außerordentliche Darstellung den Theaterpreis Der Faust gewonnen hat und Margarita Broich, die ganz neu in die „Tatort“-Riege einsteigt.

Open House am  20. und  21. SEPTEMBER

Das Landestheater Niederösterreich öffnet vier Wochen bevor die Spielzeit startet an zwei Tagen seine Türen zum Open House und lädt am Freitag, 20. September  zu einem Programm für Jugendliche und Erwachsene ein. Abenteuerlustige Jugendliche haben so zum Beispiel die Möglichkeit im Theater zu übernachten. Am Samstag, 21. September geht es am Vormittag und frühen Nachmittag mit unserem beliebten Kostüm- und Requisitenflohmarkt sowie mit Attraktionen für unsere jüngsten BesucherInnen weiter. Es gibt Familienführungen, Kinderschminken, Basteln, Bilderbuchkino, Lesungen und vieles mehr.

 Abos: Neu sind, neben dem JUGEND-ABO 14+, die Kooperationen mit Grafenegg und dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich. Hier gibt es unter dem Titel ABO LANDESTHEATER & GRAFENEGG und ABO LANDESTHEATER & TONKÜNSTLER je ein attraktives Abo-Angebot mit Musik und Schauspiel. Ebenfalls neu:  Am 19. August 2013 eröffnen das Landestheater Niederösterreich, das Festspielhaus St. Pölten und die Bühne im Hof ein neues gemeinsames Kartenverkaufslokal am Rathausplatz 19, St. Pölten.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013