Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

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Wien, 5. 11. 2016

Theater Akzent: Dario Fos „Bezahlt wird nicht!“

November 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar verlegt die Italianità in die Hasengassn

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler Bild: © Lilli Crina Rosca

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler
Bild: © Lilli Crina Rosca

Der Literaturnobelpreisträger hätte, lässt sich vermuten, seine Freude daran, wie jetzt in Wien seine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam inszeniert wurde.

Denkanstifter Hubsi Kramar zeigt im Akzent „Bezahlt wird nicht!“ und hat dazu Dario Fos Frauenpower-Farce in die Hasengassn verlegt, also die Adria nahe an die Hypo Alpe, mei Chianti is ned deppat, und daraus ein saftiges Stück Volkstheater samt Couplets gemacht, die Satire als schlechtes Gewissen der Macht sozusagen. Bevor man sich prächtig zu amüsieren traut, ist man ernüchtert, wie aktuell diese 41 Jahre alte Agitpropkomödie noch ist. Die Verhältnisse sie sind noch so, sie sind schon wieder so.

Gegen den Diebstahl der Marktwirtschaft hilft nur Ladendiebstahl. Und so macht eine Menge wütender Frauen dem Konsum im Wortsinn den Garaus. Freie Marktwirtschaft ist ein im Grunde revanchistisches System. Für jede Quittung, die man überreicht, revanchiert sich jemand mit einer Rechnung, die er präsentiert. Die working und wegrationalisierten poor holen sich also ihren Anteil am Profit in Form von Nudeln und Dosenparadeisern, die Butter vom Brot eines Plissonnier und seines Broseta, aber, ach, käme erst das Fressen, doch es kommt die Moral in Gestalt der Ehemänner. Der ehrliche Arbeiter nimmt nicht einmal selbst erbeutete Almosen an. Ja, wir waten bis zum Hals in der Scheiße, aber genau deshalb tragen wir den Kopf hoch erhoben. Daher weg mit dem Zeug, unters Bett und unter die Kittel, plötzlich sind alle schwanger und Polizisten vor der Tür …

Worteschmied Fo heftet den ihm eigenen anarchischen Witz an seine politischen Wahrnehmungen, und Hubsi Kramar zeigt an diesem Beispiel auf seine Weise, dass der Neoliberalismus auf dem rechten Weg ist. Privatisierung kommt von privare/ berauben. Aus dem Originaltext und zwei Übersetzungen, mit kritischem Geist und spottendem Herzen, formulieren der Theatermacher und seine Truppe ihre Absage an die Marktfundamentalisten und die Internationale Solidarität der Banker. Avanti Popolo! Zum heiteren Gegenangriff. Der Hanswurst kann laut sagen, was Hamlet im Stillen denkt. Selbstverständlich ist jede Ähnlichkeit mit aktuellen Tagesereignissen gänzlich beabsichtigt. TTIP-Freihandelsabkommen und andere unsaubere Geschäfte, Nestlé und Novomatic, Asyldyskoordination und Abschiebung, Gentrifzierung und Griechenland, Steuerreform und andere Skandale, wie den Leuten die Schlag-Zeilen eben so auf den Kopf knallen, so geht’s rund in „Bezahlt wird nicht!“ reloaded. Dass das Akzent dafür der perfekte Aufführungsort ist, zeigt einer der größten Lacherfolge, als es über eine Figur hilflos erstaunt heißt: „Der ist ja linker als dein Parteivorsitzender.“ Akzent: Applaus! Angesichts schwarzer Geschäfte sieht die Gesellschaft rot.

Markus Liszt hat auf die Bühne eine grindige Puppenstube gestellt. Mit Propangasflaschen. Im Zinshaus eine Küchenuhr ohne Zeiger. Darin wirkt Asli Kislal mit der ganzen Kraft ihres Amtes als Antonia. Sie zeigt wie Istanbuler Italianità geht, aber hallo. Mit Tempo und Temperament redet sie alle in Grund und Boden und sich beinah um Kopf und Kragen, in dramatischer Geste eine Silvana Mangano, nur, dass sie nicht einmal mehr bitteren Reis servieren kann. Obwohl Volkes Stimme Gottes Stimme ist, fällt sie kurz vom Glauben an ein gutes Ende ab. Aber es wird wieder. Der Opa war auch so. Ein katholischer Sozialist. Kreisky und der Papst. Die österreichische Er-Lösung. Was Kislal zeigt, ist, unterstützt von Gioia Osthoff als treuer und herziger Margherita, großes Kino; Kramar, der große Feminist, weiß, wie man Männer dumm und dämlich quatschen kann. Er setzt zwei exzellente Komödiantinnen in Szene, denen Markus Kofler und Sascha Tscheik mehr als Pantoffel- denn als -helden gegenübertreten.

Kofler, immer mit einem Bein im absurden Theater, gibt den um seine Ruhe gebrachten Nur-Ruhe-Menschen Giovanni, Antonias Angetrauten, ein Proletarier, der höflichst um klare Abgrenzung vom Begriff Prolet bittet. Eine tragische Figur, er kann einem leid tun, weshalb umso vergnüglicher ist, ihm zuzusehen, wie unlustig er das alles findet. Wie er das ihm vorgesetzte Hundefutter wie ein Gourmetkritiker bewertet – mit zwei Spritzern Zitrone vielleicht? Das hat Charms. Tscheik ist als Margheritas Mann Luigi der Praktiker in diesem herrlichen Duo, die Hand zu diesem verzweifelten Hirn. Er hat das Publikum auf seiner Seite, wenn er über seine umgekehrte Logik von Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Sein philosophiert. Weil die nehmen ja unsere Arbeit und wir geben sie ihnen.

Der größte Kasperl im Theater aber ist Stefano Bernardin. Er ist Wachtmeister und Carabiniere, ist linkslinker Sicherheitssubversiver und aufrechter Ordnungshüter, ist ein Flageolet und ein Capitano Spavento, eine Granate bis zur Kopfbedeckung. Und beim Singen furchteinflößend wie einmal Stefan Weber. Neben Hubsi Kramars Cameo-Auftritt erfreut er am meisten als Leichenbestatter Dalí Dalí – da ist er auch, dieser Weber-Blick – und als Giovannis leicht verwirrter Vater. Ein gelungenes Quartett. In Stockholm 1997 sagte Dario Fo: „Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen.“ Optimistisch, diese Hoffnung, dass sich der Markt über mehr (heu)schreckt, als nur die Konjunkturdaten. Hubsi Kramar ist Optimist. Er kämpft einen klasse Kampf. Er will das Kapital kaputt lachen. Dem Mann kann bei dieser Arbeit im Akzent gut geholfen werden.

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TIPP: Eine Ausstellung zum Thema im Kunst Haus Wien www.mottingers-meinung.at/?p=15943

Wien, 11. 11. 2015

Ateliertheater: Evita Perón

Oktober 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lucy McEvil und Hubsi Kramar in Copis Groteske

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak Bild: Ateliertheater

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak
Bild: Ateliertheater

Dass man hier auf „Don’t Cry for Me Argentina“ vergeblich warten wird, ist schon mit dem ersten Satz klar. Der lautet nämlich: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Ja, Santa Evita ist in Copis bitterböser Satire über das mächtigste Ehepaar Argentiniens alles andere als heilig. Sie ist eine Bissgurn, berechnend, grausam, egoistisch. Aber schön, dargestellt von Lucy McEvil mit langem blondem Haar und langen hinreißenden Beinen. La commandanta im „Führerbunker“, in dem sie sich mit ein paar unfreiwillig Freiwilligen verschanzt hat, um ihren Krebstod abzuwarten – und die rechte Stimmung im Volk, die sie via Radio verfolgt, um dann in einem grandiosen Begräbnis einen letzten großen Auftritt zu haben. „Ich werde einen schönen Tod gehabt haben“, sagt sie. Doch die Straßen draußen sind leer: „So ist es immer, wenn sie sich fürchten“, stellt die Diktatorin lakonisch fest. Und trauert um den verpassten Moment, auf dem Balkon ihre letzten Worte gesprochen (nicht gesungen, das ist einer der vielen Brüller in dieser Show) zu haben. Als sie dann doch ein Liedchen anstimmt und Perón sofort abwachelt, heischt sie ihn an: „Du bist nur eifersüchtig, weil du nicht singen kannst.“ Regisseur Hubsi Kramar gibt den Präsidenten höchstpersönlich. Ein alter Trottel mit Riesenstaatsorden auf der Schärpe, ein Halbsätze sabbernder Zombie, hin- und hergerissen zwischen Migräne und Verstopfung.

Copi schrieb sein Stück 1971 im Exil in Paris. Es ist eine Abrechnung mit dem Peronismus * und dem Bild der Ikone Evita. Kramar macht mit seiner Inszenierung mit dem 3raum unterwegs diesmal im Ateliertheater Reloaded Station. Ein Stück Pulp Fiction, beste Schundliteratur auf der nach oben offenen politischen Entlarvungsskala, hat er aus Copi gemacht. Aus Verspottung wird Verhöhnung, das Extrem bis zum Exzess entstellt, die Darstellung ist ein Zerrbild, eine Fratze. Believe the Unbelievable! Das Bühnenbild: eine exquisite Altkleidersammlung rund um eine Chaiselongue. Evita, die Giftspritze, die den Inhalt ihrer Morphiuminjektion heimlich mit Wasser tauscht, braucht für ihre beinharten Psychospielchen mit ihrer Mutter schließlich ein Ruhekissen. Die „alte Schabracke“, die Schreckschraube, wartet nämlich dringlichst auf den Sensenmann. Die Tochter hat Safes in der Schweiz. Die Mutter braucht die Nummern, um ihr Luxusleben an der Côte d’Azur weiterleben zu können. Den Krebs ihrer Tochter, dieser Schlampe, hält sie nur für ein weiteres politisches Druckmittel. Und so unrecht hat sie damit nicht. Man bespitzelt sich also gegenseitig. Lilly Prohaska legt die Mutter zwischen ängstlich und aufbegehrend an. Herrlich, wie sie den ungefähr doppelt so großen Hubsi Kramar wie eine Schlange umwindet, um an ihr Ziel zu kommen. Geld! Dass in dieser lieben Familie gewürgt und geprügelt wird, wen wundert’s.

Und dann sind da noch Ibiza, der Adjutant, der Lover (?), Bernhard Mrak, ein stattliches Mannsbild in Uniform. Der einzig geistig Stabile. So unterworfen wie undurchsichtig. Und Evitas Krankenschwester, das Synonym fürs devote, sich jede Narretei gefallen lassende Volk. Julia Karnel in Schreckstarre ob Evitas Übermacht. Eine Schreckstarre, die sich in eine Leichenstarre wandeln wird. Denn – Achtung: Spoileralarm – die Krankenschwester wird fest in eiserne Ränke eingeschmiedet. Wird für einen „Ball“ mit Abendkleid und Perücke fein gemacht und um die Ecke gebracht. Evita kann nun dem ihr unerträglich gewordenen Argentien Adieu sagen. Mit Schmuckschatulle, Safekombination und Ibiza. Und über alles andere fällt der Totenschleier des Vergessens.

Nur noch zu sehen bis 25. Oktober! Karten sichern!

* Der Peronismus bezeichnet eine politische und gesellschaftliche Bewegung in Argentinien, die seit den 1940er Jahren besteht. Benannt ist sie nach ihrem Anführer Juan Perón, der 1946 erstmals die Regierung übernahm. Der Peronismus stellt sich als vielgestaltige populistische Bewegung dar, die sich im Verlauf ihrer Geschichte ideologisch, organisatorisch und personell wesentlich veränderte. Sie integrierte eine Vielzahl politischer Ziele (etwa auch die Unterstützung auf der Flucht befindlicher Nazis) und Anschauungen, denen einzig die Berufung auf das Volk und auf Perón als Führer gemein war.  Bis heute ist der Peronismus die prägende politische Kraft Argentiniens. Organisiert ist die peronistische Bewegung durch die „Gerechtigkeitspartei“ und die angeschlossenen Gewerkschaften, die unter dem Dachverband „Confederación General del Trabajo de la República Argentina“ (CGT) zu Zeiten Peróns gleichgeschaltet wurden. Die Gefolgschaft Peróns setzte sich anfangs aus Arbeitern und Gewerkschaftsführern sowie später verschiedenen konservativen, nationalistischen und katholischen Gruppen zusammen. Immer wieder gab es Kämpfe zwischen rechten und linken Peronisten. Perón wurde zwei Mal zum Präsidenten gewählt. Er regierte von 1946 bis 1955 und von 1973 bis zu seim Tod 1974. Sein autoritärer Führungsstil und sein demagogischer Populismus zum Militär wurde von seinen Gegnern stets angeprangert. Nach seinem Tod übernahm seine dritte Frau Isabel Martínez de Perón, die bereits als Vizepräsidentin vereidigt war, nahtlos die Macht. 1976 wurde ihre Regierung durch einen Militärputsch Jorge Rafael Videlas  – ein noch gewaltigerer Menschenschlächter als die Peróns – gestürzt. Perón und Evita (gestorben 1952) genießen bis heute eine große Popularität in Argentinien.

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Wien, 20. 10. 2014

Lucy McEvil im Gespräch

Oktober 3, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar macht seine Femme fatale zu „Evita“

Lucy McEvil als Evita Bild: Mario Lang

Lucy McEvil als Evita
Bild: Mario Lang

Sie ist nicht nur eine der schönsten Frauen des Landes, eine der besten Charakterdarstellerinnen, eine begnadete Diseuse, DJane … sie ist einfach bezaubernd. La Diva. Lucy McEvil. Nun hat Hubsi Kramar, der Godfather der heimischen Off-Szene, die Grande Dame wieder zu einem gemeinsamen Projekt überredet. Und, wie es sich für eine Femme fatale gehört, auch die passendste Rolle für sie ausgesucht: „Evita“. Allerdings ohne Andrew Lloyd Webber. Premiere hat die Produktion des 3raum on tour am 15. Oktober im Ateliertheater. Mit Lucy McEvil spielen Lilly Prohaska, Bernhard Mrak und Julia Karnel. Den Perón gibt Regisseur Hubsi Kramar selbst.

Ein Gespräch mit Lucy McEvil über die Unheiligkeit von Argentiniens großer „Heiliger“.

MM: Ihre „Evita“ wird nicht Andrew Lloyd Webber, sondern?

Lucy McEvil: Ein Stück von Copi, das ist der Künstlername des argentinischen Comiczeichners Raúl Damonte Botana, eine bitterböse Satire über die letzten Tage von Evita im Führerbunker. Draußen sind schon die trauernden Massen und sie ist mit ihrem völlig dementen Mann Perón – so wird er von Hubsi angelegt -, einer zwielichtigen Figur, die anscheinend ihr Liebhaber, aber auch Minister ist, einer Krankenschwester und ihrer Mutter eingekesselt. Mein erster Satz, mein Auftritt, beginnt mit: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Und von da an geht’s eineinhalb Stunden bergab. Sie tyrannisiert alle bis aufs Blut. Copi hat hier mit dem Perónismus abgerechnet, mit seiner Diktatur, mit dem Kult um die Ikone Evita; er und ich sehen sie berechnend, grausam, egoistisch, skrupellos. Ich habe mich da auch eingelesen, recherchiert. Maria Eva Duarte war ja ein ziemliches Früchtchen, ist zeitweise sogar auf den Strich gegangen, und ging so nach Buenos Aires, um es an die Spitze zu schaffen. Dass es gleich die Staatsspitze war, na ja gut … Sie hat alle umbringen lassen, die das Vorleben von Santa Evita kannten. Bei Copi jedenfalls bringt sie am Ende die Krankenschwester um, richtet sie als Evita her und lässt sie einbalsamieren. Ihr Krebs war nur ein Fake, sie geht mit ihren Millionen in die Schweiz, um ein neues Leben anzufangen.

MM: Irre!

McEvil: Nicht irre genug. Es gab tatsächlich zwei Tourneen mit dem einbalsamierten Leichnam, die tote Evita reiste durch Argentinien. Bei der zweiten soll ihr Körper verschwunden, geklaut worden sein. Die Sache ist bis heute nicht geklärt. Keine Ahnung, ob und wer in ihrem Grab liegt.

MM: Wie seid ihr auf Copi gekommen?

McEvil: Hubsi hat ihn schon in den 60er-Jahren kennengelernt. Er war eine total schillernde Figur, ein Nachtvogel. War nach Paris emigriert, um dort als Schriftsteller, Dramatiker und Zeichner zu arbeiten. Er hat für Le Nouvel Observateur oder Libération gearbeitet, hat aber auch sehr viele Theaterstücke geschrieben. Nur hat seine Witwe nur dieses eine zur Aufführung freigegeben. Das Stück ist ein Todesstakkato. Ohne Musik! Wenn man Sinn für schwarzen Humor hat, kann man sich bestens unterhalten.

MM: Von Diva zu Diva: Haben Sie Ähnlichkeiten zu Evita entdeckt?

McEvil: Ja, meine Besetzung macht ja Sinn. Wenn Faye Dunaway in „Mommie Dearest“ Joan Crawford spielt macht das Sinn. Katja Riemann als Marlene Dietrich macht keinen. Das heißt: Die eigene Künstlichkeit, die Attitüde, die „Abgehobenheit“ muss mit der Rolle zusammenstimmen, sonst passt’s nicht. Evita ist larger than life. So wie ich. Sie hat sich auch äußerlich einer völlig Verwandlung, einer Maskerade, unterworfen, sich inszeniert, um Frau Perón zu sein. Auch da treffen wir einander. Ich sehe auch um sieben Uhr Früh in der Küche nicht aus, wie jetzt. Charakterliche Parallelen gibt es nicht. Kurosawa sagte, man spielt am besten, was man hasst oder liebt. Und ich liebe Evita nicht. Sie ist mir als Diktatorengattin absolut verhasst – deswegen kann ich sie auch gut darstellen. Auf der Bühne böse sein, macht wahnsinnig Spaß. Privat bin ich ja eine ganz Liebe. Dass ich die zierliche, liebenswerte Lilly Prohaska, die Evitas Mutter spielt, würgen muss, halte ich fast nicht aus. Ich mag Spitzzüngigkeit, aber keine bitteren Menschen.

MM: Sie sind Autodidaktin?

McEvil: Mit dem Begriff ist es so eine Sache. Ich habe nie an einer Schauspielschule „Romeo, warum bist du Romeo?“ vorgesprochen, aber ich habe im Zuge meiner Karriere bei ein paar ganz Großen gelernt, habe mir in der Praxis mein schauspielerisches Instrumentarium erarbeitet. Man geht nicht von Null auf Hundert. Mein Weg war halt learning by doing. Außerdem bin ich sehr fleißig, knie mich sehr rein, wenn ich etwas erreichen will. Ich hatte ein einziges Mal eine Audition. Frage nicht! Ich sage nur: Ich war ein Hingucker. Ich BIN ein Hingucker.

MM: Erfahrungen mit der Besetzungscouch?

McEvil: Ich kriege Rollen nur, wenn ich nicht mit dem Produzenten schlafe. Ich habe die Zersetzungscouch.

MM: Bei dem Sexappeal?

McEvil: Danke erstmal. Ich arbeite auch hart daran. Ich wollte immer Sexappeal haben, keine Karikatur sein. Ich arbeite mit allen Mitteln, wie ich’s aber genau mache, könnte ich gar nicht sagen. Ich bin, was das betrifft, offenbar ein Naturtalent. In den 80er-Jahren ist es am Theater für Frauen unmodern geworden, mit Sexappeal zu spielen. Und dieser Tendenz musste ich unbedingt etwas entgegenhalten. Dieser Naturalismus hat sich bis heute gehalten, deshalb ist die Rolle der Femme fatale auch schwer zu besetzen. Ich kenne Kolleginnen, die bis 40 Mädchenrollen spielen und dann nahtlos ins Omafach wechseln. Die reife, erotisch gefährliche Frau ist fast nicht zu finden. Deswegen habe ich auch so gerne die Mrs. Cheveley in Oscar Wildes „Der ideale Gatte“ gespielt.

MM: Lassen Sie uns auf sieben Uhr Früh in der Küche zurückkommen. Sie haben ein paar geheime Leidenschaften, die gar nicht zum Image passen. Und damit meine ich nicht den Gin Tonic.

McEvil: Was für die Queen Mum gut war, kann auch für diese Queen nur bestens sein. Aber ich weiß, worauf Sie anspielen: Meine häuslichen Qualitäten, die ich in meiner Villa Valium auslebe. Ich habe eine Vorratshaltung wie eine Nachkriegshausfrau. Mein Keller ist voll mit Senf, Gemüse, Likör, Marmelade. Ich koche auch irrsinnig gern, das ist der Ausgleich zu meinem doch mitunter sehr hysterischem Berufsleben. Ich stricke auf der Probe und beim Drehen, wenn ich nicht dran bin. Da bin ich mit dem Hirn beim Text und die Hände arbeiten selbstständig. Ich habe mir bei den Oscar-Wilde-Proben ein ganzes Kleid gestrickt. Es ist eine Fehlannahme, dass Gestricktes bachen ausschauen muss.

MM: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten für ihr Berufsleben. Was wäre das? Fernsehkommissarin?

McEvil: Darüber denke ich nicht nach. Ich habe das Glück, dass mir immer Sachen passieren. Ich kümmere mich nie aktiv um etwas. Ich will nichts unbedingt spielen, sollen doch die anderen sagen, worin sie mich sehen wollen. Ich will nur, dass das, was ich mache, nachhaltig ist. Und nicht völlig verpufft.

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Wien, 3. 10. 2014

Hubsi Kramar gibt aufs Neue den Hitler

August 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Winnie & Adi – Wir sind wieder da

Bild: Bernhard Mrak

Bild: Bernhard Mrak

„Was der eine zu lang ist, ist der andere zu schlank“, feixt der Sitznachbar. Als Versuch, aus der Beklemmung dieses Abends auszubrechen. Denn was Hubsi Kramar und C. C. Weinberger im TAG von sich geben, ist ungeheuerlich. Unerhört, leider nicht ungehört. Adolf Hitler und Winston Churchill. Der 1931 in New York geborene, nun in Wien lebende NBC-Journalist und Autor Ludwig Peter Ochs arbeitete viele Jahre daran, Originalzitate, Originaldokumente der beiden Kontrahenten zusammenzutragen. Aus dieser Textcollage entstand in Kramars Regie ein Theater der Wirklichkeit. Das heißt: Eigentlich sind es zwei Parallelmonologe, die von zwei Schreibtischen beziehungsweise zwei Fauteuils auf die Zuschauer niederhageln. Ochs ging es wohl darum, das Trennende im Ähnlichen zu finden. Und umgekehrt. Jedenfalls ist der Schlagabtausch Braunau vs Rule, Britannia! so, dass nicht den Bühnengegnern, sondern dem Publikum die Schädeldecke wegfliegt.

Da stehen sie, die beiden. Der eine, der Prügel an Eliteschulen bezog, der andere, den der Vater züchtigte. Beide an der Front im Ersten Weltkrieg, kriegsbegeistert. Beide, der Demokrat und der spätere Diktatur, von der Krankheit Großmannssucht befallen. Da redet der Asket gegen den Genussmenschen an, der Kleinbürger gegen den Aristokraten, der rassistische Revolutionär gegen einen imperialen Machtpolitiker. Der eine, 1953 für seine politischen und historischen Werke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, gegen den Kunstmaler, der im TAG  seine Lyrik vorträgt.

Ihr habt‘s um uns verdient, Daß wir Euch dort bestatten, Wo deutsche Eichen Euer Grab beschatten. Sie, das Symbol für Freiheit, Kraft und Leben Sein als der schönste Schmuck Um Euer Grab gegeben. Im deutschen Wald, wo wohnt der deutsche Geist, Dem stillen Hain, in dem ihr friedlich ruht, Ihn werden Tausende in tausend Jahren ehren, Gehen wir hinein in tiefe Waldesgründ‘, Komm[n] wir dahin, wo Eure Gräber sind, Dann hemmen wir den Schritt, Denn Ihr sprecht zu uns allen, So lebt Ihr ewig fort, wenn längst der Leib verfallen.

Dichtete Hilter. Churchill sagte weniger pathetisch: „Krieg ist ein Spiel, das man mit einem Lächeln spielt.“ Und während der eine Heldentatenbriefe nach München schickte, gab der andere bei seiner Frau Darling Clementine Proviantbestellungen auf. Hochprozentiges und eine Wildpastete. Ständig wird man zwischen Lachen und Fassungslosigkeit hin- und hergeworfen. Eine Reihe weiter vorne flüstert eine Frau: „Was soll da lustig sein?“ Die sarkastische Selbstentlarvung, Ochs zerstört die Fassaden nicht mit der Abrissbirne, sondern mit dem gebotenen Zynismus. Wenn etwa Hitler bereits Pläne für seine Pension in Linz macht. Gemütlich mit Fräulein Braun und einem Hund natürlich. Und gleichzeitig damit hadert, dass er vergessen werden wird, weil alle seinem politischen Nachfolger nachlaufen … Wenn Churchill wie ein Rumpelstilzchen seine Schadenfreude über die Stalingrad-Niederlage tanzt …

Hubsi Kramar ist als Adi in Sprache und Gestik perfekt; er hat’s ja lang genug geübt. Er legt seine Figur zwischen dämonischer Demagoge und Wanderprediger an. C. C. Weinberger gibt mit dicker Zigarre und in die Taschenuhrenkette eingehakten Daumen den pseudophilosophischen Denker. Lässig bemerkt er zu einer Rede des „Führers“: „Darauf antworte ich nicht. Denn ich spreche nicht mit Hitler.“ Da ist es schon 1940 und beide sind überzeugt, von der Macht des Schicksals beauftragt zu sein, Geschichte zu machen. „Großartig“ eine Rede Hitlers, in der er ankündigt, siegreiche Tee trinkende Briten würden dem Rest der Welt den Kaffeegenuss verbieten. Er persönlich möge ja gar keinen, aberrr das teutsche Volk habe ein Anrrrecht … Hat der sich jemals selbst zugehört? Warum haben die, die zuhörten oder zuhören mussten, den mit Pomp und Trara getarnten Irrsinn nicht erkannt?

Es endet mit dem Schuss am 30. April 1945. Und Riesenapplaus. Der vor allem der Leistung des anwesenden Ludwig Peter Ochs gilt, der zwei bemerkenswerte Geschichtsstunden bühnenfertig machte. Man verneigt sich vor diesem – ja, fast muss man es sagen – Lebenswerk.

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Wien, 26. 8. 2014