Schauspielhaus Wien: Café Bravo

November 4, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Petting, Pickelcreme und David Bowie

Steffen Link, Vassilissa Reznikoff und Sophia Löffler. Bild: © Susanne Einzenberger

Wenn als Intro The Fools „Psycho Chicken“ singen, dann ist man sicher im richtigen Jahrzehnt. Obwohl, man selber hat’s ja nie gelesen, weil: nicht cool. Stattdessen Pop/Rocky und natürlich den Rennbahn Express. Wer will schon von etwas Sexualberatung, von dem einem die eigene Mutter erzählt, sie und die Schwester hätten Streits ausgetragen, ob Peter Kraus oder Ted Herold als Starschnitt die Wand behübschen dürfen?

Die Bravo. Die Jugendzeitschrift gewesene Legende. 1956 „mit dem jungen Herzen“ geboren, war sie vor Social Media die Austauschzentrale für Teenager. Ein Seismograph für Sensationen, der sich kein Boulevard-Blatt vor den Mund nahm, von Petting über Pickelcreme bis zur Frage, ob David Bowie ein Außerirdischer ist, nie um Antworten verlegen – und auch nicht um Heilsversprechen. Ganze Generationen erfuhren dank Dr. Sommer, dass Selbstbefriedigung nicht blind macht, und dass es punkto Pimmelchen kein zu klein gibt. Man mag’s ja kaum glauben, aber derlei Artikel wurden bis spät in die 1990er-Jahre hinein indiziert …

Am Schauspielhaus Wien hat Regisseur und Autor Felix Krakau mit „Café Bravo“ nun eine humorig-kritische Hommage an die Bravo inszeniert. Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff, Steffen Link und Musiker Michael René Sell machen auf berufsjugendlich, sind wahlweise Mark Spitz, das Schwimmass mit dem schnittigen Schnauzbart, oder paddeln als Wencke Myhre im knallroten Gummiboot. Der erste Jahrgang nach Nachkriegsverklemmtheit ließ es im Jahrzehnt von Heintje und Jimi Hendrix ordentlich krachen, als Beweis werden Kondome wie Luftballons aufgeblasen, und wenn Dieter Thomas Heck die Hitparade anmoderiert, findet man’s nur schade, dass Peter Rapp und seine Kultsendung Spotlight kein Plätzchen in Krakaus knallbunter Schlagzeilen-Show gefunden haben.

Michael René Sell, Sophia Löffler und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Susanne Einzenberger

Sophia Löffler, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Susanne Einzenberger

Kommt vielleicht noch. Die Zeitreise soll die ganze Spielzeit über weitergehen, bis man so ziemlich beim Jetzt angelangt ist. Noch aber dreht sich alles um Abtreibungsverbot, Vietnamkrieg, das Attentat in München und Margaret Thatcher, die Europa übernimmt, ja, die Bravo konnte auch politisch, das darf über Foto Love Story und Beziehungsbuttons nicht vergessen werden. Krakau wiederum kann wunderbar spötteln, etwa, wenn sich Steffen Link mit irrem Augenrollen als Christian Anders outet, „der böse junge Mann des Schlagers“, heute unterwegs als Verschwörungstheoretiker, der davon überzeugt ist, die WHO hätte Aids künstlich erschaffen. Bemerkenswert, wie viel harte Recherchearbeit (von Judith Weißenborn) hinter diesen so leicht hingesagten „Fun Facts“ steckt.

Was zwischen diesen steckt, ist eine gute Portion Skepsis. Schließlich hatte die Bravo als Massenphänomen auch Agitprop-Potenzial, bediente ganz gern Stereotype, und bestimmte nicht nur im Musikbusiness, wer in und wer out ist, sondern auch wer zu wählen und was zu kaufen. Tatsächlich rügte der Deutsche Presserat schon wegen mehrerer Schleichwerbeverstöße. So ist „Café Bravo“ bei all dem Spaß auch ein nachdenklicher Blick auf den papierenen Evergreen, mit minus 90 Prozent Auflage seit 1998 ohnedies nur noch ein mickriges Pflänzchen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=pZSk75-4f4s

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Wiener Festwochen: Koncert życzeń / Wunschkonzert

Juni 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Danuta Stenkas Nähe fährt direkt unter die Haut

Bild: Klaudyna Schubert

Voll funktionsfähige Versuchsanordnung: Danuta Stenka als Frau Rasch mit Zimmer, Küche, Klo und Laptop. Bild: Klaudyna Schubert

Dass es hier anders abläuft, als sonst, wird bereits beim Einlass klar. Yana Ross, die lettische Regisseurin, begrüßt das Publikum im brut auch noch bei der vierten Vorstellung. Sie hat die Schuhe ausgezogen und gibt damit schon die beste Möglichkeit vor, den Abend durchzu-stehen, denn Sitzplätze sind bei ihrer Arbeit über Franz Xaver Kroetz‘ „Wunschkonzert“, einer Koproduktion der Teatr Łaźnia Nowa, Krakau, und TR Warszawa, Warschau, nicht vorgesehen.

„Gehen sie herum, eignen sie sich den Raum an“, empfiehlt sie – und die Zuschauer werden dieser Aufforderung folgen, werden die 360°-Bühne wieder und wieder umrunden, Küche, Wohnzimmer, Bad, um nichts zu verpassen von der grandiosen Performance der polnischen Starschauspielerin Danuta Stenka. Starr wie eine Schaufensterpuppe steht sie da in dieser von Bühnenbildnerin Simona Biekšaitė entworfenen, mit Strom und Wasser voll funktionsfähigen Versuchsanordnung über das Wesen der Verzweiflung. Das Publikum kaum auf Armlänge entfernt, beginnt dann plötzlich ihre Choreografie eines Heimkommens nach einem langen Arbeitstag. Einkäufe wegräumen, Wäsche in die Maschine stopfen, einen Pickel verarzten, Post durchsehen, Paradeiser und Käse auf ein paar Knäckebroten verteilen. Handgriffe, die man selber täglich macht, und mitten in diesem angegrauten Stück übers hochmoderne Singledasein fällt einem ein, in wie vielen Wiener Haushalten es wohl in gerade dieser Minute genauso zugeht.

Denn dank Ross‘ einfühlsamer Inszenierung hat das lautlose Regieanweisungsdrama aus den 1970er-Jahren, dieses Solo über die Einsamkeit nichts an Aktualität eingebüßt. Mit viel Feingefühl holt Ross Kroetz ganz dicht heran. Aus dem miefigen Untermietzimmer ist ein IKEA-chices Appartement geworden, die Handarbeit wurde beiseite gelegt, wer strickt heute noch?, statt dessen läuft die Reality-Soap der Kardashians über den Fernsehschirm. Die Simulation, mit der die neue Frau Rasch sich Leben vorspielt, hat sich verdreifacht. Danuta Stenka sucht bei „Die Sims“ nach einer virtuell letzten Möglichkeit auf ein perfektes Familienidyll.

Wie Ross nicht überinszeniert, überagiert Stenka nicht. Ihr steinernes Gesicht ist alles andere als eine Leidensmiene, hochkonzentriert und präzise führt sie ihren Part aus, während die Zuschauer diese Figur nach Gefühlen abtasten. Wie wird ihr Freitod am Ende zu erklären sein, wo zeichnet er sich ab, was geht dieser Frau da in der Mitte durch den Kopf? Danuta Stenkas darstellerische Nähe fährt einem direkt unter die Haut, wie leicht wäre in dieser Aufführung Voyeurismus möglich, doch die Schauspielerin hält ihn mit abwesendem, die Anwesenden ignorierenden Blick auf Distanz. Nur einmal läuft unvermittelt ein Zucken über Frau Raschs Schultern, ein kaum wahrnehmbares Schluchzen.

Das „Wunschkonzert“ nämlich gestaltet in Wien Radiostimme Ernst Grissemann. Er ist der Spielpartner, der Hertz-Welle gewordene Dialog. Frau Rasch wiegt sich zur Musik, die er auflegt, Bob Marley, Leonard Cohen, ihre Songs schreiben die Geschichte ihres Lebens, sie bestimmen Stimmungen, und während sie von den verlorenen Lieben singen, erzählt Grissemann von den vielen gefundenen, von Menschen, die sich einander erklärt haben und nun bei ihm ihr Lied bestellen. Falcos „Out of the Dark“ kommt dran, und der Moderator sagt: „Auch, wenn du allein bist, musst du dich zusammen reißen.“ Wie lange Frau Rasch ihren ultimativen Gedanken wohl schon hat?

Bild: Klaudyna Schubert

Zuerst kommt das kärgliche Single-Abendessen auf den Tisch, Bild: Klaudyna Schubert

Bild: Klaudyna Schubert

… dann gibt’s ein einsames Tänzchen mit Ernst Grissemann. Bild: Klaudyna Schubert

Die Emotionen, die Stenka nicht erkennen lässt, liest man als die Betroffenheit des Publikums. Erst, wenn die Schlaftabletten mit dem Prosecco runtergespült sind, der Esstisch geputzt, das Bett neu gemacht ist, wird Frau Rasch die Zuschauer anschauen. Einen nach dem anderen. Blick um Blick. Zweifelnd, fragend, ob es das schon war. Dann abgehen, und die Maske ihrer Selbstdisziplin fallen, ihre kleine Welt hinter sich und die Zuschauer sich selbst überlassen. Die sich nun mit perplexem Seelenschmerz Aug‘ in Aug‘ gegenüberstehen, kurz peinlich berührt, weil gestrippt bis auf die eigene Existenz. Bis der Applaus losbricht. Eine Weile danach noch bleiben sie sitzen, betrachten noch die Versatzstücke auf der Bühne, streichen vorsichtig über das eine und andere, als könnte niemand nun einfach so gehen.

„Wunschkonzert“, diese kleine, feine Produktion, ist einer der Höhepunkte der diesjährigen Festwochen. Yana Ross hat einen spannenden Theaterabend mit Sichtwechseln gestaltet, den Danuta Stenka auf einzigartige Weise ausführt. So tieftraurig, dass es einen glücklich macht.

Video: www.youtube.com/watch?v=jKMNfFl56kc

www.festwochen.at

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Wien, 12. 6. 2016