Burgtheater: Mephisto

September 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer bergauf auf dem Beförderband

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen, Sylvie Rohrer als Dora Martin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Lady Gaga gibt den Ton an. Im Wortsinn. Ihr Song „Applause“, von Sylvie Rohrer als Dora Martin auf vier Mal unterschiedlichste Weise interpretiert, ist der musikalische Leitfaden durch Bastian Krafts Bühnenfassung von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Eine fulminante Aufführung ist das geworden, mit einem überragenden Ensemble, allen voran Nicholas Ofczarek in der Rolle des Hendrik Höfgen. Alias Gustaf Gründgens. Einer, der der Macht verfällt, und dabei so brutal wie buckelnd agiert.

In einen Rahmen hat Kraft sein durchchoreografiertes Spiel vom Glanz und Elend des eitlen Mimen gespannt. Ein schlanker Mann im weißen Anzug tritt aus dem Dunkel und an die Schreibmaschine, er, der Schriftsteller, als Gegenpart zum bulligen Schauspieler, den er erdacht und doch nicht erdacht hat, Sebastian Bruckner, Klaus Manns Alter Ego. Fabian Krüger gestaltet die Figur feinnervig und nobel, er ist Erzähler, Kommentator, aber auch Souffleur und sogar Requisiteur. Bruckner/Mann ist da schon im Exil, in Paris, später Südfrankreich, drischt er auf die Tasten und damit auf das NS-Regime ein.

Sabine Haupt als Nicoletta von Niebuhr, Fabian Krüger als Sebastian Bruckner, Nicholas Ofczarek und Dörte Lyssewski als Barbara Bruckner. Bild. Reinhard Werner/Burgtheater

Simon Jensen als Julien. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Vischer, Simon Jensen, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bruckners Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Schwager Höfgen, Krüger vs Ofczarek, wird zum gewitzten Disput darüber, wie Mensch sich angesichts von Totalitarismus und Staatsterror positionieren soll. Ofczarek gibt den Höfgen mit gewaltiger Intensität, gibt mal den teuflischen Verführer, mal den in tiefste Abgründe Gelockten, gibt sich im Zweikampf mit dem gewesenen Freund mal sanft säuselnd, mal metallisch donnernd. „Seine Falschheit ist seine Echtheit“, charakterisiert Bruckner den faustischen Höfgen.

Und der Karrierist und Opportunist sucht gutes Gewissen darin, dass er einen Juden, Hans Dieter Knebel als Garderober Böck, und seinen schwulen Liebhaber, Simon Jensen als Julien – die originale Homoerotik von Kraft anstelle der erfundenen Juliette Martens eingesetzt, vor der Gestapo gerettet hat. Beim kommunistischen Kollegen Otto Ulrichs/Hans Otto, ihn stellt Peter Knaack dar, hat er es immerhin versucht, den Parade-Nazi Miklas, Martin Vischer, hat er ohne viel Federlesen aus dem Ensemble entfernen lassen.

Ge- und befördert vom „Ministerpräsidenten“ und seiner Ehefrau, Martin Reinke und Petra Morzé liefern als Göring und dessen überspannte Gattin eine gekonnte Farce auf Hinterlist und Heimtücke, arrangiert sich Höfgen mit den neuen Herrschenden. Peter Baurs phänomenales Bühnenbild stellt den steilen Aufstieg mittels stetig emporgeschraubtem Laufband dar, darauf Ofczarek mit ausholendem Schritt, die Arme zackig mitgeschwungen, eine Hanswurstiade mit schwarzweiß-gestreifter Hofnarrenkappe, wiewohl’s immer schwerer wird, die nächste Klippe zu erklimmen.

Den fabelhaften Cast runden ab: Dörte Lyssewski und Sabine Haupt als Frau Höfgen eins und zwei, Barbara Bruckner und Nicoletta von Niebuhr, sarkastisch-scharf die eine, klug-berechnend die andere, und Bernd Birkhahn, der unter anderem als „der Professor“/Max Reinhardt wesentlich zu Höfgens Aufstieg beiträgt.

Auf vier Videotürme lassen Kraft und Baur Ofczareks Gesicht mit einer Live-Kamera projizieren. Da ist dessen Hendrik Höfgen längst zum Gruselclown mutiert. Die charakteristisch steilen schwarzen Augenbrauen, der blutrote Mund verschmiert. Wen immer er damit küsst, der ist besudelt. Eines von vielen starken Bildern. Am Ende eine Spiegelung des Publikums, vom Burgtheater 2018 ins Preußische Staatstheater 1936. Etliche der gefallenen Sätze sind so, wie man sie gerade wieder hört.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Belvedere 21: Alexander Kluge. Pluriversum

Juni 5, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die poetische Kraft der Theorie

Alexander Kluge, Blick in den Abgrund der Sterne, 2017. Filmstill, Bild: © Kairos Film

Passend zum Jahresmotto „Spirit of ’68“ widmet das Belvedere 21 dem deutschen Autor, Filmemacher und ehemaligen Adorno-Vertrauten Alexander Kluge ab 6. Juni eine Werkschau, die den Kern seiner multimedialen Arbeit sichtbar macht – und in engem Dialog mit ihm entwickelt wurde.

„Aufklärung über die Verhältnisse, Selbstbestimmung und Emanzipation sind zentrale Motive in Kluges Œuvre, in dem das Hoffnungspotential von 1968 immer wieder aufs Neue durchgearbeitet wird. Sein multimediales Werk will das Denken und Fühlen des Einzelnen in Bewegung setzen und gegen den Glauben an die Fatalität von individuellem Lebenslauf und allgemeiner Geschichte in Stellung bringen“, so Generaldirektorin Stella Rollig bei der Pressekonferenz am Dienstag Vormittag.

Als engagierter Poet, vielstimmiger Chronist und Seismograf der Gegenwart ist Alexander Kluge seit Langem berühmt. Der gelernte Jurist kann als einer der letzten Universalgelehrten bezeichnet werden und ist zweifellos einer der produktivsten Poeten im deutschsprachigen Raum. Kluge versteht sich selbst als Autor und Filmemacher und umkreist mit seinem Werk die großen Themen der Moderne. Als aufmerksamer Beobachter der gesellschaftlichen Wirklichkeit spürt er Fragen und Themen auf und verhandelt in seinen Texten, Filmen und Interviews die komplexe Gegenwart. Für sein umfassendes, genreübergreifendes Werk wurde Kluge vielfach international ausgezeichnet; 2017 erhielt er für sein literarisches Lebenswerk den Jean-Paul-Preis.

Die Ausstellung „Pluriversum. Die poetische Kraft der Theorie“ erzählt von Themen, Methoden und der Ästhetik Alexander Kluges. Aus Bildern, Filmen, Texten und Objekten bildet der Autor immer neue Konstellationen, deren Sinn maßgeblich durch das Prinzip der Montage entsteht. Historische Ereignisse, kosmische Gegebenheiten, wissenschaftliche Ergebnisse, individuelle Erlebnisse, Bilder, Kunstwerke oder eigene literarische Texte bilden das Ausgangsmaterial. Durch das Zusammenfügen und durch das Kluge-spezifische „Cross Mapping“, also das Übereinanderlegen von heterogenem Material und die Kombination der unterschiedlichen Künste, werden neue Sinnzusammenhänge erzeugt und erzählt.

Die Schau im Untergeschoss des Belvedere 21 überträgt diese Zusammenhang generierenden Verfahren in den dreidimensionalen Raum. Neben Alexander Kluges sogenannten „Minutenfilmen“ werden eigens für die Ausstellung entstandene filmische Arbeiten präsentiert. Zudem wird erstmals Einblick in Kluges Arbeitsprozesse, sein umfangreiches Archiv und sein „Pluriversum der Bilder“ gewährt. Die „Sternenkarte der Begriffe“ zeigt Schlüsselbegriffe und zentrale Themen im Text- und Bilderkosmos von Kluge auf.

Alexander Kluge, Filmstill aus „Lebenszeit als Währung“, 2017. Bild: Courtesy Alexander Kluge

Alexander Kluge, Schwarze Augen, 2016. Filmstill, Bild: © Kairos Film

„In enger Zusammenarbeit mit Alexander Kluge haben wir seine erste große Museumsausstellung, die bis Anfang 2018 im Museum Folkwang zu sehen war, für Wien adaptiert und weiterentwickelt. Kluges Arbeiten suchen die Öffentlichkeit und die Verbindung zum Publikum, indem sie die Rezipienten intellektuell und emotional aktivieren. Im Wechsel zwischen den etwa 55 gezeigten Filmen, den Texten und Objekten bestimmt jeder Besucher und jede Besucherin eine individuelle Betrachtungszeit, eine Laufrichtung und generiert damit neue Sinnzusammenhänge“, erläutert Kurator Axel Köhne.

„Ohne von anderen Gestirnen beleuchtet zu werden, leuchtet mein Mond nicht“, beteuert Alexander Kluge. Die Idee des Austauschs und der Zusammenarbeit ist für seine Arbeit elementar. Den Subtext der Ausstellung bildet die Zusammenarbeit und das Zusammendenken mit Künstlern, Wissenschaftlern, mit Mitarbeitern und Freunden.

So setzt die Schau etwa Werke von Kerstin Brätsch, Thomas Demand, Anselm Kiefer und Thomas Thiede in Beziehung zu Kluges filmischer Praxis. Alexander Kluge transformiert den Ausstellungsraum in eine multimediale Denkwerkstatt, die um eine Audioinstallation im Tiefhof, ein Filmprogramm im Blickle Kino und den virtuellen Raum auf den Mobiltelefonen der Besucherinnen und Besucher erweitert wird.

www.belvedere.at

5. 6. 2018

Belvedere: Die Kraft des Alters

November 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Bilder voller Lebenslust und -weisheit

Joyce Tenneson, Christine Lee, 2002. Bild: © Joyce Tenneson

Ab 17. November widmet sich das Belvedere in der Ausstellung „Die Kraft des Alters“ diesem gesellschaftlich hochaktuellen Thema. Es ist die erste umfassende museale Schau, die historische und aktuelle künstlerische Positionen zu diesem Thema gegenüberstellt. Der Blick wird dabei auf die Geschlechterrollen, auf die gesellschaftlichen Rollenzuweisungen und auf die Solidarität zwischen den Generationen gelenkt.

Der Alterungsprozess wird in der öffentlichen Wahrnehmung heute in erster Linie als Defizit angesehen. Begriffe wie „Anti-Aging“ vermitteln den Eindruck, Altern sei etwas Pathologisches. Der vorherrschende Jugendlichkeitskult bemüht sich, die Spuren des Alterungsprozesses auszublenden. Jenseits der negativen Stereotype bedeutet Alter aber auch Macht, Erfahrung, Lebensweisheit, Kontemplation, Lebenslust und Triumph über gesellschaftliche Konventionen. Alter ist nicht nur ein biologischer Prozess, sondern immer auch eine kulturelle Konstruktion, deren Untersuchung sich junge Wissenschaften wie die Kulturgerontologie widmen.
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Kuratorin Sabine Fellner zeigt in der Ausstellung, wie es Künstlerinnen und Künstlern gelingt, Chancen und Grenzen des Alterns jenseits von Alters verklärung und Pessimismus differenziert wahrzunehmen. In den präsentierten Arbeiten veranschaulichen Kunstschaffende, wie das Alter mit all seinen Facetten auf wertschätzende Weise in unser Leben integriert werden kann. Neben zahlreichen Werken aus der Sammlung des Belvedere zeigt die Schau hochkarätigeLeihgaben aus nationalen und internationalen Museen.
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Barbara Klemm: Simone de Beauvoir, Paris 1980. Sammlung Klöcker, Bad Homburg v. d. Höhe © Barbara Klemm, Bild: Martin Url

Herlinde Koelbl, Louise Bourgeois, 2001. Courtesy of the artist, Bild: ©Herlinde Koelbl

Aleah Chapin, The Last Droplets Of The Day, 2015. Bild: Martin Url. © Aleah Chapin, Courtesy of Flowers Gallery London and New York, Sammlung Klöcker, Bad Homburg v. d. Höhe.

Eric Fischl: Frailty is a Moment of Self Reflection, 1996. © Eric Fischl, Bild: © Dorothy Zeidman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Werken von Gustinus Ambrosi, Tina Barney, Pina Bausch, Renate Bertlmann, Herbert Boeckl, Aleah Chapin, Heinz Cibulka, John Coplans, Edgar Degas, Carola Dertnig, Ines Doujak, Lucian Freud, Adolf Frohner, Friedl vom Gröller, George Grosz, Johannes Grützke, Ernst Haas, Barbara Klemm, Heidi Harsieber, Edgar Honetschläger, Alfred Hrdlicka, Bernadette Huber, Konstantin Jatropulus, Birgit Jürgenssen, Alex Katz, Barbara Klemm, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Anton Kolig, Käthe Kollwitz, Nikolaus Korab, Brigitte Kowanz, Maria Lassnig, Annie Leibovitz, Inge Morath, Shirin Neshat, Max Oppenhei mer, Martin Parr, Pablo Picasso, Margot Pilz, Arnulf Rainer, Egon Schiele, Elfie Semotan, Daniel Spoerri, Evelin Stermitz, Juergen Teller, Henri de Toulouse-Lautrec, Jeff Wall, Harry Weber, Max Weiler, Todd Weinstein, Wojciech Stanislaw Weiss, Nives Widauer und Martha Wilson.

www.belvedere.at

7. 11. 2017

Akademietheater: Ludwig II.

Oktober 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Meyer brilliert als Bayernkönig

Das Ende im Starnberger See: Markus Meyer ist als Ludwig II. ganz großartig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und immer noch großes Kino ist „Ludwig II.“ am Akademietheater. Fast ein Jahr nach der Uraufführung hat die Inszenierung nichts an Kraft eingebüßt. Kraft, Bastian, der Regisseur des Abends, hat den Monumentalfilm von Luchino Visconti in einer reduzierten, komplexen Fassung auf die Bühne gebracht. In der Titelrolle überragend ist Markus Meyer. Das Dreamteam, das schon mit „Dorian Gray“ glänzte, macht aus einer ausgeklügelten Multimediaversion des Historiendramas eine beklemmende Psychostudie des Bayernkönigs und gleichzeitig ein Porträt seiner Zeit und Zeitgenossen.

Neben Meyer agieren Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner ganz großartig. Allesamt sind sie Majestäten in weißen Roben mit langen weißen Schleppen. Den 1973 erst von den Produzenten von vier auf drei Stunden gekürzten, dann von der Zensur verstümmelten Film über den „Märchenkönig“ fürs Theater zu adaptieren, ist an sich eine unlösbare Herausforderung. Kraft gelingt die Übung in weniger als zwei Stunden  – und wie.

Weder verzichtet er auf Viscontis Opulenz, wenn auch in anderer, heutiger Ästhetik, die Protagonisten und ihre Dekadenz in gleißendes Licht getaucht, während rund um sie Finsternis ist (Bühne: Peter Baur), noch auf die etwa zwei Dutzend Schauspieler, die der italienische Filmtitan für sein Opus Magnum bemühte. Auf der Bühne braucht er nur drei Darsteller, um Krönung, Wahnsinn und Fall Ludwigs zu illustrieren, auf der Leinwand aber ist Meyer als sein gesamter Hofstaat, Mutter, Bruder, Beichtvater … zu sehen. In wunderbaren Masken entwirft er das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die ihrem Herrscher nicht nur Gutes wollte.

Unter einem schräg über der Spielfläche hängenden, riesigen Spiegel tritt Markus Meyer als der soeben gekrönte König auf. Ganz in weiß gewandet besteigt er ein weißes Podest und ergibt sich gerade einmal 18-jährig seiner neuen Aufgabe: „Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt“. Diesen so wahren, wie resignativ gesprochenen Satz wird Kraft am Ende noch einmal unterstreichen, indem er in Sekunden-Geschwindigkeit alle möglichen Szenarien, Vorstellungen und Vorurteile, die „mediale Spiegelung“, die Abbildung einer ganzen Epoche stellvertretend auf den Körper des Königs projiziert. Da war dieser schon nackt und auf dem Weg in den Starnberger See, wie schnell könnte alles gesagt sein, doch davor gilt es das Psychogramm eines sensiblen, an Politik wenig interessierten Monarchen zu erkunden, der ein von Verfolgungswahn geplagter, von seiner Regierung in die Enge getriebener und schließlich zum Selbstmord bereiter Wahnsinniger wird.

Markus Meyer mit Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In ihrer Exzentrik einer des anderen Spiegelbild: Regina Fritsch als Elisabeth, Markus Meyer als Ludwig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zu Meyers exzeptioneller Performance gibt Regina Fritsch eine kühle, verhärmte, bisweilen intrigante Kaiserin Elisabeth, die im jungen König dennoch zarte Gefühle entfacht, einer des anderen Spiegelbild in ihrer Exzentrik, und Johann Adam Oest einen durchtriebenen, geckenhaften Richard Wagner, der seinen ergebenen Gönner um viel Geld und Verstand bringt. „Das Leiden an der Welt gehört zu Ihnen“, sagt er an einer Stelle und fordert sein Opernhaus. Bayreuth.

Die wahre Leistung der Inszenierung ist die Ausführung des restlichen Personals: Hier liefern Markus Meyer und Kostümbildnerin Dagmar Bald gemeinsam mit dem für die Videozuspielungen zuständigen Jonas Link ein veritables Wunder ab: Meyer in nicht weniger als einem Dutzend Rollen – von Wagners späterer Frau Cosima über Ludwigs Kurzzeit-Verlobter Sophie bis hin zu Graf Dürckheim oder Josef Kainz (diese Szene, für die sich Meyer unter die Zuschauer begibt, besonders eindrücklich, der Burgstar in Bedrängnis, der schizophrene König, der einen „Romeo“ und keinen Menschen erleben will) -, die wahlweise auf den riesigen Spiegel oder die weißen Schleppen der Schauspieler projiziert werden und somit als bedrohliche Über-Ichs die Handlung vorantreiben. Ein Kniff, der staunen macht und sich über den gesamten Abend nicht abnützt.

Auf Film als Ludwigs gesamter Hofstaat – Beichtvater, Minister, Mutter, Bruder: Markus Meyer (Hintergrund) mit Regina Fritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aus Viscontis Vorlage übernommen hat Kraft hingegen die Vernehmungsszenen von Ludwigs Umfeld, die im Film wie auf dem Theater dessen geistigen Verfall zu Protokoll geben. Die Spielfilmhandlung wird nämlich mehrfach durch Momente unterbrochen, in denen Darsteller vor einem schwarzen Hintergrund direkt in die Kamera blicken und über König Ludwig und sein Verhalten wie bei einer Zeugenaussage sprechen.

Hierzu hat Kraft eine Metaebene eingebaut, die mit wenigen Worten auch die komplizierte Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Films miteinbezieht. „Ich habe diesen Film wieder und wieder gesehen“, heißt es da, oder „Der Film hat zwölf Millionen Deutsche Mark verschlungen“ – in den 1970er-Jahren noch eine Unsumme.

Am Ende bleibt Ludwig in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen ein Geheimnis. Man sieht ihn in Großaufnahme beim Abschminken. Die Höflinge, Verwandten und Diener – alles nur Fassade. Unter all den Masken war ein blasser, scheuer, unglücklicher Mensch verborgen. Entblößt umarmt, besteigt er eine überlebensgroße, weiße Ludwig-Statue, hängt ihr den inzwischen von der Tinte seiner irren Dekrete und wahnwitzigen Entwürfe befleckten Mantel um, um dann im See – einem winzigen Viereck – unterzugehen, langsam, im Spiegel zu sehen, bis schließlich auch der Haarschopf verschwindet. Ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raubt.

www.burgtheater.at

30.10.2017

KHM Wien: Rubens. Kraft der Verwandlung

Oktober 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie der Malerstar einen Kentaur zu Christus machte

Peter Paul Rubens: Ecce Homo, nicht später als 1612. Bild: St. Petersburg, Staatliche Eremitage, Inv. GE 3778. © The State Hermitage Museum, St. Petersburg 2017

Peter Paul Rubens war seinerzeit ein Star – und ist es bis heute. Sein Name steht für die Malerei einer ganzen Epoche, die Zeit des Barock. Doch wirken seine originellen Bilderfindungen bis in die Gegenwart und prägen mitunter zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler. Ab 17. Oktober widmet ihm das Kunsthistorische Museum Wien eine umfassende Schau. Die Ausstellung thematisiert einen bisher wenig beachteten Aspekt in Rubens’ Schaffensprozess.

Sie zeigt, wie tief er in den Dialog mit Kunstwerken berühmter Vorgänger und Zeitgenossen eintrat und wie dies sein etwa fünfzigjähriges Schaffen prägte. Seine Bezugnahme auf Werke von Künstlern unterschiedlicher Epochen ist häufig erst auf den zweiten Blick erkennbar – im KHM kann der Besucher die zuweilen überraschenden Korrelationen durch den direkten Vergleich nun im Detail nachvollziehen. Die Gattungsgrenzen überschreitende Ausstellung vereint Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Skulptur und Werke der angewandten Kunst.

An exemplarischen Werkgruppen werden Rubens’ Methoden der Inszenierung bekannter wie neuer Bildthemen aufgezeigt. Dabei öffnet sich ein faszinierender Einblick in geistreiche Bildgenesen und überraschende Motivverwandlungen, aber auch in das intensive Ringen um das richtige Format und die rechte Form. In Rubens’ umfangreichem Œuvre spiegeln sich die Einflüsse antiker Skulptur ebenso wider wie die der späteren Kunst aus Italien und nördlich der Alpen, von den Meistern des späten 15. Jahrhunderts bis zu seinen Zeitgenossen. Anhand von ausgewählten Beispielen wird den Besuchern vor Augen geführt, welch unglaublich kreative Arbeit hinter den Rubens’schen Bildschöpfungen steht und welche Reaktionsketten diese wiederum im künstlerischen Dialog mit seinen Zeitgenossen ausgelöst haben.

Peter Paul Rubens: Helena Fourment (Das Pelzchen), 1636/38. Bild: Wien, KHM, Gemäldegalerie, Inv. 688. © KHM-Museumsverband

Peter Paul Rubens, Frans Snyders (Adler): Prometheus, 1611/12–1618. Bild: Philadelphia, Philadelphia Museum of Art, purchased with the W. P. Wilstach Fund, 1950, Acc. No. W1950-3-1. © Credit: Foto Courtesy of Philadelphia Museum of Art

Neben Originalskulpturen aus Marmor und Bronze von der Antike bis zur Renaissance werden auch Gemälde und Grafiken von Rubens’ Vorläufern und Zeitgenossen in der Ausstellung zu sehen sein, darunter Schlüsselwerke von Tizian und Tintoretto, von Goltzius, Rottenhammer und Elsheimer sowie von Giambologna, Van Tetrode und Van der Schardt. In Wien werden insgesamt etwa 120 Werke, darunter 48 Gemälde und 33 Zeichnungen von Rubens, ausgestellt. Zahlreiche der hier gezeigten Kunstwerke sind auch in ihren jeweiligen Heimatsammlungen prominente Anziehungspunkte für Besucher. Zu den international renommierten Leihgebern zählen unter anderem das Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Israel Museum in Jerusalem, die National Gallery in London, das J. Paul Getty Museum in Los Angeles, der Prado und das Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid, der Louvre, das Metropolitan Museum of Art, die Staatliche Eremitage in St. Petersburg die Vatikanische Museen und die National Gallery of Art in Washington.

Peter Paul Rubens: Die vier Paradiesflüsse (Detail), um 1615. Bild: Wien, Kunsthistorisches Museum, Gemäldegalerie, Inv. GG 526. © KHM-Museumsverband

Die Besucher treffen auf bekannte mythologische Sujets wie Venus und Adonis, das Parisurteil, oder den an den Felsen geschmiedeten Prometheus, aber auch auf zentrale Themen des Alten oder Neuen Testaments wie die Enthauptung des Holofernes oder die Grablegung Christi. Beispielhaft wird Rubens’ kreativer Arbeitsprozess an seiner Darstellung Christi vor dem Volk aus der Staatlichen Eremitage in St. Petersburg: Die Ausstellung kann hier mit drei Exponaten Rubens’ metamorphotische Anverwandlung der antiken Skulptur eines Kentauren zeigen.

Von dieser Antike fertigte Rubens zunächst eine Zeichnung an, die er anschließend zu seiner außergewöhnlichen Darstellung Christi weiterentwickelte. In einer vollständigen ikonografischen Neubestimmung verwandelte er so aus dem antiken Vorbild des ungezügelten, animalischen Kentauren eine Darstellung des leidenden, vom Betrachter Mitleid einfordernden Christus. Mit Rückgriff auf die Antike wird der Leib Christi so auf höchst überraschende Weise inszeniert und mit seinem athletisch gebildeten Oberkörper regelrecht zur Schau gestellt.

Wie in diesem Fall unterzog der Maler die eigenen Kompositionen häufig immer neuen Wandlungen. Gerade den bewussten Rückgriffen auf identifizierbare Vorbilder, die er dabei zu übertrumpfen versuchte, verdanken Rubens’ Werke häufig ihre modern anmutende, dynamische Erscheinung. Am Ende dieses Verwandlungsprozesses stehen Werke, die damals wie heute den Betrachter unmittelbar ansprechen. So kann es nicht überraschen, dass Rubens bis heute als Inbegriff barocker Malerei gilt.

Video: www.youtube.com/watch?v=e8RkChQKhwc

www.khm.at

16. 10. 2017