Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

migrationshintergrund.am.arsch: Zucker – Büstenhalter

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine irrwitzige Satire auf Polen und den Rest der Welt

Die Geschenke der UdSSR an das polnische Volk werden immer noch angebetet: Suse Lichtenberger und Claudia Kottal. Bild: Alek Kawka

Nach der fabelhaften „Familie Tót“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17141) zeigt migrations-hintergrund. am.arsch (MAA*) nun im Off-Theater „Zucker – Büstenhalter“ von der polnischen Autorin Zyta Rudzka. Und auch diesmal haben Claudia Kottal, Anna Kramer und ihre Theatertruppe eine hierzulande so gut wie unbekannte, irrwitzige Satire auf das Leben in Osteuropa ausgesucht.

MAA* hat sich die Pflege von Dramatikerinnen und Dramatikern aus den Nachbarländern gleichsam zur Pflicht gemacht. Mit großem Erfolg, wie auch diesmal wieder zu sehen war. „Zucker – Büstenhalter“ erzählt vordergründig die Geschichte der Geschwister Zucker, David (Constanze Passin) und Mira (Suse Lichtenberger), deren Wäschegeschäft für Damen mehr und mehr den Bach hinuntergeht. Dies ausgerechnet zur 100-Jahr-Feier des Familienbetriebs, und schuld daran sind die Chinesen, deren Billigprodukte seit der Öffnung des Marktes die Supermärkte überfluten. 800 Millionen China-Büstenhalter warten in den Häfen der Niederlande!

David schickt Mira auf Sabotagetour, mit einer Schere bewaffnet schneidet sie flugs bis zu 100 BH-Träger täglich durch. Ist ja nichts wert, das Importzeugs. Gegen die heimische Qualitätsware, die früher Schauspielerinnen, Sportlerinnen und Sängerinnen – „in meinem BH eroberte sie die Scala“ – kleidete! Natürlich fliegen diese Machenschaften auf.

Suse Lichtenberger, Anna Kramer, Claudia Kottal, Julia Schanz, Katarzyna Radochońska und Constanze Passin … Bild: Alek Kawka

… können nicht nur spielen, sondern auch singen: „Boobies, Baby!“ Bild: Alek Kawka

Die Kapofurie (Anna Kramer als Sicherheitsbeauftragte im Einkaufscenter) hat Mira bald auf dem Radar. Und dann sind da noch Streuner (Claudia Kottal), ein vom Markt ausgespiener Arbeitsloser, der für seinen Lebensunterhalt Dosen sammelt (Motto: „Jeden Scheiß kann man wiederverwerten“, wie sich am Schluss zeigen wird), und die Blinde (Julia Schranz), die sich gegen Geld anmieten lässt, damit andere als „Begleitperson“ in den Genuss von Ermäßigungen kommen. Lauter Dinge also, die den chinesischen Flüchtling (Katarzyna Radochońska) an der neuen Heimat durchaus erstaunen …

Mit großer Leichtigkeit und viel Humor zeichnet Zyta Rudzka in ihrer Tragikomödie eine Gesellschaft, die vom Ultraliberalismus unter dessen politischen Befürwortern aus der Kurve getragen wurde, eingekeilt zwischen Postkommunismus, Katholizismus und den Kaczyński-Brüdern. Man konnte mit dem rasanten Systemwechsel einfach nicht Schritt halten, glaubt sich nun am Ende der Fahnenstange, jedenfalls von der EU stiefmütterlich behandelt, und sucht Zuflucht in der „guten, alten Zeit“ als die Völker der UdSSR Polen noch unkaputtbare Staubsauger namens Leika zum Geschenk machten.

Toilettenpapier allerdings Mangelware war. Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki trägt mit seiner skurril-spöttischen Inszenierung Rudzkas Tonfall Rechnung. Das Ensemble agiert vom Feinsten, und versteht sich auf Wortwitz und Situationskomik. Immer wieder lässt Lichtenberger Bozoki die Darstellerinnen auch aus der Rolle fallen, dann philosophieren sie über Polen, Geld, das dort nicht in die Kultur, sondern in die Kirche fließt, eine mit Füßen getretene Verfassung und das Staatsfernsehen, über Österreich, wo auch schon Marktschreier die Angst vor allem irgend „anderen“ schüren – und über das Frauenbild in beiden Ländern.

Die Geschwister Zucker bereiten die 100-Jahr-Feier vor: Suse Lichtenberger und Constanze Passin. Bild: Alek Kawka

Fazit: Der Vergleich ist kein Vergleich, weil alles gleich ist, siehe „Häuslichkeit“ und „Brutpflegetrieb“ (O-Ton FPÖ). Rot-weiß trennt nur ein roter Stoffstreifen von Rot-weiß-rot. Die Intermezzi, die politischen Ansagen, hat MAA* selbst entwickelt. Radochońska erklärt mitunter auf Polnisch, von Kottal übersetzt, samt einem Segenswunsch für einen milden Winter, falls es die Menschen hierzulande so wie das polnische Volk auf die Straße treibt.

Auf einer Batterie von Monitoren (Bühne/Video von Alek Kawka und Martin Nussbaum) laufen die entsprechenden Bilder. Am Ende wird man vom Ende profitieren. Die Westler sind ja ganz verrückt auf Ostblock-Devotionalien und Überbleibsel des realen Sozialismus, daraus lässt sich ein Geschäft machen. Also gibt es für das Publikum, wie es die polnische Gastfreundschaft gebietet, Wodka und Brot. Und in der Firma Zucker viel selbstkomponierte und -getextete Musik zum großen Fest: „Boobies, Baby!“

www.maa.co.at

  1. 11. 2017

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 23. 2. 2017

migrationshintergrund.am.arsch: Familie Tót

Januar 27, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

István Örkénys Politfarce als fabelhafte erste Produktion

Julia Schranz, Constanze Passin, Claudia Kottal, Anna Kramer und Rina Kaçinari Bild: Stefan Smidt

Julia Schranz, Constanze Passin, Claudia Kottal, Anna Kramer und Rina Kaçinari
Bild: Stefan Smidt

Heute klingt es fast wie ein Witz, dass István Örkény, der ungarisch-jüdische Autor, in der polnischen Botschaft in Budapest einen Asylantrag stellte. Da hatte er das Arbeitsbataillon an der Front schon hinter sich, Ungarn war ab 1941 Verbündeter Nazi-Deutschlands, auch die russische Kriegs- gefangenschaft und den Aufstand gegen die Sowjets. „Wir haben auf jeder Wellenlänge gelogen“, war später sein Statement nicht nur zum ungarischen Radio. Es folgte Schreibverbot.

Und dann entstand 1967 die Tragikomödie „Familie Tót“.

Der von Claudia Kottal und Anna Kramer neu gegründete Kulturverein „migrationshintergrund.am.arsch“ (MAA*) hat das Stück für seine Auftaktproduktion nicht nur erstmals nach Österreich, sondern auch nah an die Gegenwart geholt. Und weil Kultur auch Bildung sein muss, findet das Ganze in einer VHS statt, das heißt: in ihrer Dependance im Off Theater. Ungarischkurs ist, den kann jeder brauchen, sei’s für die Putzfrau oder den Zahnarzt oder um die donaumonarchistischen Wurzeln behandeln zu lassen. In Wien ist jeder Postmigrant. Kein Stammbaum ohne Ziagelbehm oder Zwiefelkrawótt. Darum geht’s auch. Und um Victor und wie er die Welt sieht. Man muss nur oft genug links abbiegen, um wieder rechts zu landen.

Die Damen vom Sprachkurs jedenfalls zeigen am Tag der offenen Tür das anrührende Schicksal der Tóts. Imre Lichtenberger Bozoki hat die Farce vom Feinsten inszeniert. Es ist tiefste Provinz im Zweiten Weltkrieg, und die Familie des ehrenwerten Feuerwehrhauptmanns Lájos Tót nimmt den Major des Sohns zur Sommerfrische auf. Man will dem Buben an der Front zu besseren Bedingungen verhelfen, aber die Land- wird zur Psychopartie, leidet der gestresste Militär doch an einer posttraumatischen Belastungsstörung, die er auf den Schultern der armen Tóts abarbeitet. Man macht gute Miene zum garstigen Spiel, bis … 

Das ist alles so tod- wie unernst gemeint. Zwischen hausgemachtem Vogelgezwitscher und Senkgrubendiskussionen wird die Lage von Nation und Union diskutiert. Die braune Suppe schwappt ja bald über. Der Major vergattert zum planwirtschaftlichen nächtlichen Schachtelfalten. Und weil schon Schnapsidee gibt’s in der Pause Pálinka. „Es genügt zu wissen, dass man einen Teil dieser Welt immer im Rücken hat“, sagt der Kriegsdienstversehrte. Da hört man sie, die orbanisierte Paranoia. Alle Terroristen sind letztlich Migranten. Aber, Paradoxon, seit Fidesz die Regierung formt haben eine halbe Million Ungarn ihre Heimat verlassen. Das Ensemble geht mit viel Spielfreude an Örkénys alte, neue Totalitarismusparabel heran.

Claudia Kottal und Constanze Passin sind die Eheleute, er verzweifelt wegen der Schlaflosigkeit, sie wegen neu gewonnener Kilos, der Gast will schließlich gut bekocht sein. Die Tochter, Anna Kramer, wächst dem schnittigen Soldaten, Suse Lichtenberger, immer mehr an die Brust. Die Jugend ist halt noch leicht zu formen, da kann man den Samen für Denunziantentum und innerfamiliäres Spitzelwesen säen. Weil, war der Herr Vater nicht immer schon ein seltsamer Mann? Quasi gegen die Parteinorm? Kottal spielt mit herrlich trotziger Verzweiflung den „subversiven Systemschädling“, ihr basses Erstaunen über den Thrill mit Drill spricht Bände. „Man kann nicht verhindern, dass einem etwas in den Sinn kommt“, sagt sie einmal. Kramer und Passin sind hinreißend als Fremdenverkehrsvenusfliegenfallen, während Lichtenberger sich über die Landeier blasiert großstädtisch langweilt. Der Major ist bald mittelschwer ang’rührt ob der vorgestrigen Verhältnisse. Fortschritt! Ungarn ist doch unaufhaltsam. Bis PiS ist es bereits gekommen, um „Recht und Gerechtigkeit“ kümmert man sich schon. Gähnen hat der Offizier übrigens streng untersagt. Für den müden Tót, dessen Motto Würde + träge = Würdenträger lautet, eine lebensbedrohliche Herausforderung …

Die MAA*-Truppe zeigt sich nicht nur als großartige Komödiantinnen, sondern mit Rina Kaçinari und ihrem Cello auch als Musikerinnen, als Geräuschkulisse von Käuzchen bis Katze, HipHop-Tänzerinnen und Akrobatinnen, also in jeder Hinsicht kulturell multitasking. Bianca Fladerer hat dazu eine Welt in Rot-Weiß-Grün erdacht, gestört nur durchs überdimensionale Tarnzelt, in der Lichtenberger Bozoki den Slapstick Achterbahn fahren lässt. Diese Produktion ist wirklich zum Lachen.

Und dann Julia Schranz. Sie gibt in der Persiflage die Politsatirikerin; „verkleidet“ als Senkgrubenräumer und Pfarrer und Briefträger grimassiert sie sich durch die mitteleuropäisch-magyarische Befindlichkeit. Der Briefträger, dieser Vitéz-László-Verwandte, ist der Spielmacher. Er hat sich selbst ermächtigt und verteilt die Post nach Gutdünken. Das wichtigste Telegramm isst er auf. Mit der Vernichtung der darin enthalten gewesenen Information beraubt er die Tóts ihrer Freiheit. Am Ende wird über ein zahmes Eichhörnchen des Sohnes philosophiert, das aus seinem Käfig in eben diese flüchtete. Obwohl doch in so guter Obhut! Man muss dem Volk nur lang genug das Gefühl geben, es sei an seinem Unglück selber schuld, dann funktioniert das mit der Obrigkeitsgläubigkeit schon. Die Schranz bespielt die ganze Bandbreite ihrer mannigfaltigen Möglichkeiten.

Dazwischen erzählt sie. Über Flüchtlinge und das Jahr 1956. Über Balog Zoltán, den calvinistischen Politikprediger, und seinen Geldtopf. Über Schlagersänger Kovács Ákos, und wie sein Streit mit der Telekom die ganze Staatsmacht rebellisch machte. Und warum Orbans Plumpsklo mit Blick auf ein Fußballstadion aufgestellt wurde. Die Senkgrubenräumerin hat den Stopfstecken fürs Hirn stets zur Hand. Weil, bei der Anbiederung an rechts ist die Obergrenze längst erreicht. Der MAA* überzeugt bei dieser ersten Mut-Probe seines Könnens auf der ganzen Linie. Dieses Theater hat uns gerade noch gefehlt. Bravo!

NEU: Es gibt bereits März-Termine von 9. bis 12. 3.!

www.maa.co.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=NzH8DufNPBM

Ab 9. Februar ist Claudia Kottal außerdem wieder im KosmosTheater in ihrem fulminanten Solo „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ zu sehen, dazu ein Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=15898

Wien, 27. 1. 2016

Claudia Kottal hat eine Theatertruppe gegründet

Januar 8, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

migrationshintergrund.am.arsch spielt „Familie Tót“

Familie Tót Bild: M.A.A.* Kulturverein

Familie Tót
Bild: M.A.A.* Kulturverein

Im Gespräch mit mottingers-meinung.at hatte Claudia Kottal angekündigt, eine neue Theatertruppe gründen zu wollen. Der Name, „migrationshintergrund .am.arsch“ (M.A.A.*), ist von Kottal und Mitgründerin Anna Kramer mit Ironie gewählt, weil „der Begriff eine Art Modeerscheinung ist und man es sich im Kulturbereich zur Aufgabe gemacht hat, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei beinhaltet die vermeintlich politisch korrekte Bezeichnung an sich bereits eine Ausgrenzung“.

M.A.A.* zeigt nun ab 14. Jänner im OFF Theater seine erste Produktion: „Familie Tót“, eine Tragikomödie, eines der wenigen Theaterstücke des ungarischen Autors István Örkény. „Es ist in Ungarn sehr bekannt, der Stoff ist auch ein Filmklassiker, nur in Österreich wurde es noch nie gespielt. Ich kenne so viele tolle Stücke aus Osteuropa und will noch mehr entdecken“, sagt Kottal. „Das ist eben das, was wir tun wollen: hierzulande unbekanntes Theater, vor allem aus dem Balkan, zeigen.“ Und gegebenenfalls auch selbst übersetzen.

Inhalt von „Familie Tót“:  Die Familie des ehrenwerten Feuerwehrhauptmanns Lájos Tót erwartet sehnsüchtig die Rückkehr des geliebten Sohnes von der Front. Doch stattdessen besucht sie sein Vorgesetzter – der Major – zur Erholung von den psychischen Strapazen der gnadenlosen Kriegshandlungen. Die Tóts stimmen zu, den Major für zwei Wochen bei sich in ländlicher Idylle aufzunehmen, für ihn zu sorgen, ihn zu pflegen und ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Denn die Hoffnung, er würde danach den Sohn aus Dankbarkeit von der Front in eine sichere Schreibstube versetzen, beflügelt die Familie zu untertänigsten Diensten. Es sind ja „nur“ zwei Wochen, aber der Major will und will sich nicht zufrieden zeigen…

Regie führt Imre Bozoki Lichtenberger, die Musik macht Cellistin Rina Kaçinari. Es spielen – ausschließlich Frauen – Claudia Kottal, Suse Lichtenberger, Anna Kramer, Constanze Passin und Julia Schranz.

www.maa.co.at

karten@maa.co.at

Claudia Kottal im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15898 Ihre Erfolgsproduktion „Die Blonde, die Brünette und die Rache der Rothaarigen“ wird am 9. Februar im KosmosTheater wiederaufgenommen.

Wien, 8. 1. 2016