KosmosTheater: Muttersprache Mameloschn

Dezember 6, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine jiddische Familiengeschichte

Suse Lichtenberger, Michèle Rohrbach, Martina Rösler und Jelena Popržan. Bild: Bettina Frenzel

Mameloschn, so nennt sich das Jiddische selbst, „Muttersprache“, und „Muttersprache Mameloschn“ heißt der Theatertext von Sasha Marianna Salzmann, der Dienstagabend im KosmosTheater Premiere hatte. Die Hausautorin am Berliner Maxim Gorki Theater erzählt in dieser Koproduktion des KosmosTheater mit dem Künstlerinnenkollektiv makemake produktionen eine Familiengeschichte am Schicksal dreier jüdischer Frauen.

Und erzählt davon, wie unmöglich es oft ist, trotz „Muttersprache“ mit der eigenen zu kommunizieren. Das mit virtuosem Sprachwitz aufgeladene Stück zieht einen hinein in drei Biografien. Da ist zunächst die Großmutter, die Holocaustüberlebende Lin, die nach dem Krieg voll der Hoffnung in das antifaschistische Deutschland mit ihrer Tochter in die DDR ging. Diese, Clara, sieht die Verklärungen der Mutter abgeklärt, sieht auch die Schattenseiten eines Regimes, in das man sich freiwillig begeben hat und als dessen Gefangene sie sich bis zum Mauerfall fühlte. Doch während hier ein Mutter-Tochter-Gespann versucht, sich von der Vergangenheit nicht bewältigen zu lassen, gibt es noch ein zweites: mit der Enkelin Rahel, die in die USA aufbrechen wird, um endlich ihre eigene Identität zu suchen und zu finden.

Regisseurin Sara Ostertag hat aus dem Schauspiel gleichsam ein Bewegungs- und Tanztheater gemacht, Jelena Popržan dazu wunderbare Lieder komponiert, jiddisch anmutende und welche wie kommunistische Arbeiterlieder, Widerstandslieder auch. Wenn das Ensemble singt „Wie lange sollen wir noch wandern, wie lange wird unsere Freiheit noch stören?“, dann klingt das fast schon nach Wolf Biermann. Die Inszenierung verwebt die im Stück festgeschriebenen Verweise und Zitate zu Musik mit Sprechchorpassagen und mehrstimmigem Gesang.

Die Wäsche der Vergangenheit waschen, kann eine blutige Sache sein. Bild: Bettina Frenzel

Das Ensemble spielt, singt und tanzt nicht nur, es gibt auch beinah artistische Momente. Bild: Bettina Frenzel

Mit drei Spielerinnen, Suse Lichtenberger, Martina Rösler und Michèle Rohrbach, teilt sich die Live-Musikerin an Bratsche, Geige und Schlagwerk außerdem die drei Rollen. Die Darstellerinnen schlüpfen von einer in die nächste, eine Spitzenbluse oder eine Bomberjacke machen klar, wer gerade wer ist. Dazu in Leuchtlettern vor einem „valfish“ mit Barten-Vorhang das Wort „Mutter“, die Buchstaben abgewandelt zu einem „Mut“, einem „Mute“ – sprachlos oder „Me“. Agiert wird mit hoher physischer Präsenz, nicht nur gespielt, gesungen, getanzt, sondern mitunter beinah artistisch. Familiäre Konflikte werden auch handgreiflich ausgetragen. Denn alle haben hier recht und gleichzeitig so unrecht, verstehen und verstehen nicht, begreifen und gehen verloren.

In einer eindrücklichen Szene wird blutige Wäsche gewaschen. 17. Juni und 1953 steht auf zwei der Wäschestücke. Der Arbeiteraufstand, den die DDR von den Sowjets niederschlagen ließ. So verknüpft Autorin Salzmann das Private mit dem Politischen, knüpft ihre bissigen Dialoge an immer noch nicht überkommene Klischees, wie die Schauspielerinnen den Faden im von der Decke abgehängten Stickrahmen.

Unter der Oberfläche „wie koscher geht“, geht es in „Muttersprache Mameloschn“ um Manipulation und Schuldgefühle, um die Instrumentalisierung von Menschen im Großen wie im Kleinen. Es geht um latenten Antisemitismus und die Frage, ob ein „guter Jude“ mit der israelischen Politik konform gehen muss. Es geht, sagt Salzmann selbst, „um die Wut und die Denkfehler, die von Generation zu Generation weitergegeben werden“, und die endlich entlarvt werden müssen. Es geht nicht darum, Geschichte zu verstehen und sie damit ad acta zu legen, sondern um einen alternativen Versuch, der Geschichte näher zu kommen und sie so in die Gegenwart zu katapultieren. Dass dabei sowohl heitere als auch düstere Ecken ausgeleuchtet werden, zeigt die hohe Qualität der Aufführung. Eine Empfehlung!

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  1. 12. 2017

KosmosTheater: Barbara Klein im Gespräch

Oktober 28, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Intendantin nimmt Abschied vom „Frauenraum“

Barbara Klein, Intendantin des KosmosTheater. Bild: Bettina Frenzel

Mit März verabschiedet sich Gründungsintendantin Barbara Klein vom KosmosTheater. Künstlerisch hat sie’s mit ihrer fulminanten Inszenierung von Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ schon getan (heute Abend: letzte Vorstellung!). Denn bereits kommenden Montag, am 30. Oktober, werden ihre beiden Nachfolgerinnen vorgestellt. Barbara Klein im Gespräch über Vergangenheit und Zukunft:

MM: „Good Morning, Boys and Girls“ ist Ihre Abschiedsinszenierung am KosmosTheater. Was werden Sie nun tun?

Barbara Klein: Bis Ende März Abschied feiern, dann reisen, lesen, was ich möchte, nicht was ich muss, und die Freiheit genießen. Und vielleicht inszenieren, wenn mich wer fragt. Ich werde sicher nichts „Freies“ auf die Beine stellen, nachdem ich nun 18 Jahre lang die Freiheit hatte, mir am eigenen Haus ab und an Inszenierungen zu gönnen. Aber es ist eine Erleichterung, dass ich die Verantwortung für ein Theater nicht mehr trage, in dieser politischen Situation bin ich darüber ganz froh.

MM: Sie sind im KosmosTheater seit der Hausbesetzung, Sie sind die Gründerin. Welche Entwicklung hat das Haus in den beinah zwei Jahrzehnten unter Ihnen genommen?

Klein: Ich war am Anfang sehr unsicher, wie sich Feminismus und Kunst in der Praxis ausgehen können, es gibt ja in ganz Europa kein Vorbild. Die Fragen waren, wie kann man arbeiten, ohne zu dick aufzutragen, so dass von der Kunst nur noch die Botschaft bleibt? Aber auch, brauche ich Feministinnen, die das Haus betreuen, oder brauche ich Theaterprofis. Das wusste ich alles noch nicht, und habe natürlich viele Fehler gemacht, aber letztlich, glaube ich, hat es sich genau dahin entwickelt, wie ich es erahnt habe: Besucherinnen und Besucher, die wissen, es handelt sich um Gendertheater, fokussieren das auch und denken darüber nach, und wenn sie’s nicht wissen, sind sie einfach auf die Themen konzentriert, wie in jedem anderen Theater auch.

MM: Und wie ging die Frage Feministinnen oder Theaterprofis aus?

Klein: Zuerst haben hier Frauen gewirkt, die damals das Haus auch besetzt haben, die ehrenamtliche Arbeit für den Verein gemacht haben. Das war eine Fehlentscheidung, da wären wir nach zweieinhalb Jahren fast in Konkurs gegangen. Das waren gutmeinende, engagierte Frauen, aber  keine Theaterprofis. Andererseits hatten wir wunderbare feministische Künstlerinnen im künstlerischen Leitungsgremium. Da sind wir dann auf unsere Themen gekommen, „Das Gelächter der Geschlechter“ oder damals schon Queer-Fragen, ganz zentrierte Felder, die von wissenschaftlicher und künstlerischer Seite bearbeitet worden sind. Dazu hatten wir eine schöne Zeitschrift, die wir leider nicht fortführen konnten, weil sie nicht gefördert worden ist.

Bild: Bettina Frenzel

Good Morning, Boys and Girls. Bild: Bettina Frenzel

MM: Sind Sie in 18 Jahren KosmosTheater milder oder vehementer geworden? Sie haben irgendwann das Wort „Frauenraum“ aus dem Titel gestrichen. Damit ging die Einladung mehr auch an Männer zu kommen und zu schauen und zu staunen?

Klein: Das war eine ganz pragmatische Entscheidung. Die Männerwelt war immer angesprochen, aber der Begriff „Frauenraum“ hat zu Missverständnissen geführt. Manche dachten, wir machen nur Kultur von Frauen für Frauen – tatsächlich gab es damals oft exklusive Frauenräume. Mir war’s das Missverständnis nicht wert, auf knapp unter 50 Prozent des Publikums zu verzichten. Sehr stolz war ich auf meine Idee mit den unterschiedlichen Eintrittspreisen, wobei Frauen um das Drittel, das sie weniger verdient haben, weniger bezahlt haben. Das hat unheimlich Furore gemacht, das ist ohne Erklärung verstanden worden und war sehr lustig. An der Kassa, am Telefon hat’s tolle Diskussionen gegeben. Bis der Falter und der Augustin zeitgleich schrieben: Männer zahlen mehr. Und auf einmal war der Neidkomplex da.

MM: Weil Sie sagten, früher hätte es mehr Frauenräume gegeben: Sind die Feministinnen schon wieder auf dem Rückzug? Es hat sich doch für Frauen wenig geändert?

Klein: Es hat sich gar nichts geändert. Der Backlash wird immer größer. Doch die Feministinnen sind noch da. Es gibt ganz junge Frauen, die das von ganz anderer Seite anpacken. Nur – die Stefanie Sargnagel und die Barbara Ungepflegt machen’s halt nicht aus, das sind super Performances, großartige Künstlerinnen, aber das ist zu wenig. Wir am Theater können mit Podiumsdiskussionen und anderen Informationsveranstaltungen, Publikumsabenden etc. auch viel explizierter sein, als die Kunst und die Literatur, die oft aufpassen muss, dass die Botschaft  nicht zu dicke kommt, weil wir zum Dialog einladen können. Was aber total fehlt, ist der Feminismus der Männer, die immer noch nicht kapiert haben, dass man keine dunkle Hautfarbe haben muss, um gegen Rassismus zu sein. Das stehen wir total an, bei Männern, die sich für unsere Anliegen einsetzen würden.

MM: Stella Kadmon, Emmy Werner und Sie waren so ziemlich die ersten Intendantinnen. Nun gibt’s am Burgtheater und am Volkstheater Direktorinnen. Haben es Frauen im Kulturbetrieb heute leichter, in Führungspositionen zu kommen?

Klein: Nein! Die Bergmann wird nicht durch eine Frau nachbesetzt, Sabine Haag im KHM auch nicht, die Tage von Anna Badora, denke ich, sind abzählbar. In der kommenden politischen Situation wird nichts besser werden, der Backlash wird noch größer werden, also ich sehe keine rosigen Zeiten auf die Frauen zukommen.

MM: Was müsste geschehen?

Klein: Wir müssen wieder auf die Straße gehen. Wir müssen raus aus dem virtuellen Raum. Der bringt’s nicht, das sind kleine Strohfeuer, die aufflackern, die aber nichts bewirken. Präsenz ist das Wesentliche. Wir hätten das KosmosTheater nie durchgesetzt, ohne die Kraft der körperlichen Präsenz. Wir sind mit Jausensackerl im Vorzimmer des Kunstministers gesessen, und haben gesagt: Nein, wir haben keinen Termin, wir warten auf ihn, auch drei Tage. Das muss wiederkommen. Man muss den Leuten in die Augen schauen können. Wobei es seit 9/11 natürlich schwieriger ist. Die Mächtigen und Wichtigen haben den Terrorismus genutzt um sich total abzuschotten. Die sitzen alle hinter Gittern, zu ihnen durchzudringen und der Politik nahe zu rücken ist kaum noch möglich. Diese Männer in ihren „Männerbünden“, die wissen gar nicht, welche Anliegen wir haben, welche Probleme es gibt. Die leben auf einem anderen Stern …

Bild: Bettina Frenzel

MM: Nun geben Sie das KosmosTheater in neue Hände, in die von zwei Frauen. Wie wurden die ausgewählt?

Klein: Wir haben vor zwei Jahren begonnen, an dem Ausschreibungsprozess zu arbeiten. Wir haben erst der Stadt angeboten, dass sie das macht oder teilnimmt bei uns, aber es wurde abgewunken. So viel zur Transparenz! Wir haben dann einmal um Subventionen gekämpft, die sind seit sechs Jahren gleich, 600.000 € von der Stadt und 110.000 € vom Bund, denn ohne Zusage können wir  nicht ausschreiben. Danach haben wir ein Auswahlgremium gebildet, mit mir nur als beratender Stimme, und aus den Bewerbungen haben wir eine künstlerische und eine kaufmännische Leiterin gewählt. Die beiden werden am 30. Oktober präsentiert.

MM: Was geben Sie mit auf den Weg?

Klein: Ich werde in den nächsten fünf Monaten meine Erfahrung und mein Wissen mitgeben, so sie darauf rekurrieren. Sie kommen natürlich auch nicht unbeleckt, und wir werden schön langsam und gemeinsam die Übergabe organisieren. Danach können sie umstrukturieren, planen, ganz wie sie wollen.

MM: Welche Entwicklung wünschen Sie sich für das Haus?

Klein: Ich wünsche mir vor allem von der Politik die Beendigung der Ignoranz, denn das KosmosTheater wird ja nicht schlechtgemacht, sondern einfach ignoriert. Wir sind nicht einmal das Feigenblatt, dass eh was für Frauen gemacht wird. Wenn es eine Rede von Mailath-Pokorny über die Szene gibt, wir werden nie vorkommen. Wenn er nicht direkt drauf angesprochen wird, tut er nichts, um das Haus zu präsentieren, dabei könnte er auf diese Alleinstellung wahnsinnig stolz sein.

MM: Kommt er denn ins Haus, um überhaupt zu sehen, was geboten wird?

Klein: Der Kulturstadtrat hat die letzte Vorstellung 2002 besucht.

MM: Lassen Sie uns noch über die Bundespolitik sprechen und über einen Wahlkampf ohne Frauenthemen außer dem Burkaverbot.

Klein: Ja, Zuschreibungen das funktioniert. Da können sich die Herren austoben. Auf dem Körper der Frau kann man immer noch seine Macht spielen lassen. Es ist unglaublich. Kultur war ja auch kein Thema. Dabei: Wofür ist Österreich bekannt in der Welt …?

MM: Was erwarten Sie diesbezüglich?

Klein: Ich glaube, ich werde die Augen zu machen und durch. Und viel reisen. Ich hatte das alles ja schon. Uns hat Schwarz-Blau erwischt mitten im Umbau vom Kino zum Theater, und was war? Ein sofortiger Geldstopp und eine finanzielle Überprüfung. Dabei war das alles doppelt und dreifach abgeklärt, mit dem Frauenministerium und dem Kulturministerium, mit Frauenstadträtin und Kulturstadtrat – das muss man erst einmal zusammenbringen. Es steht zu befürchten,  dass es fürs Haus wieder schlechter wird. Das KosmosTheater hat aber jetzt auch die Chance, der Raum zu werden für subversive Treffen und für Gegenreaktion.

MM: Wird es ein Fest zu Ihrem Abschied geben?

Klein: Im März. Aber ich habe keine Ahnung, was passieren wird, ich lasse mich wie alle, die kommen wollen, überraschen.

Rezension „Good Morning, Boys and Girls“: www.mottingers-meinung.at/?p=26842

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28. 10. 2017

KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

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  1. 10. 2017

KosmosTheater: Töchter des Jihad

April 26, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Löwe sucht Rehauge zwecks Ehe im Kalifat

Bild: © Mark Mosman

Bild: © Mark Mosman

Im KosmosTheater ist am 4. Mai, nach höchst erfolgreichen Vorstellungen im „Alten Hallenbad“ Feldkirch, die Wien-Premiere der „Töchter des Jihad“ von dieheroldfliri.at. Barbara Herold, Autorin und Regisseurin des Abends, fächert darin die Faszination des IS auf Europäerinnen auf. Jihad, Hijra oder Niqab, im Glauben an eine politische und religiöse Utopie verlassen junge Frauen das sichere Europa, um im Kriegsgebiet des Islamischen Staats als Frau eines Kämpfers ein gottesfürchtiges Leben zu führen.

Welches sind die Motive, sich von Familie und Gesellschaft ab- und extremistischen Ideologien zuzuwenden? Warum suchen minderjährige Mädchen inmitten entfesselter Gewalt das Paradies und verzichten auf die Freiheiten des Westens? Und was hat das mit dem Islam zu tun, wenn es denn mit dem Islam zu tun hat? Den szenisch-dokumentarischer Bilderbogen über Kinder, Küche, Kalaschnikoff und das Leben im IS gestalten Peter Bocek, Maria Fliri und Diana Kashlan.

Als szenische Grundlage für die Produktion dient dokumentarisches Material; Auszüge aus Blogs, Ratgebern und Facebook-Einträgen von jungen Jihadistinnen werden gegengeschnitten mit Texten aus der Elternperspektive, journalistischen Sequenzen und Erläuterungen zur islamischen Religion. Mehrere tausend junge Menschen aus Europa haben bereits den Weg nach Syrien angetreten. Etwa fünfzehn Prozent davon sind weiblich. Frauen und Mädchen zwischen 13 und 27 Jahren haben sich zur Hijra entschlossen, der Auswanderung vom Gebiet der Ungläubigen in den Herrschaftsbereich des Islam, um ein neues reines Leben zu führen. Viele der jungen Frauen haben ihre Hochzeit im Vorfeld arrangiert, der Heiratsmarkt im Internet boomt: „Mutiger Löwe mit Kampferfahrung sucht rehäugige Schönheit, rein und unberührt, für ein gottesfürchtiges Leben im Kalifat“, lauten solche Online-Anzeigen beispielsweise. Und später bloggte eine Braut beglückt: „Manchmal vergisst man fast, dass man im Jahr 2000 lebt. Man fühlt sich wie in einem Kapitel des Alten Testaments.“

Bild: © Mark Mosman

Bild: © Mark Mosman

Dass sich Frauen den Terroristen anschließen, ist ein großer Propagandaerfolg des IS, denn für den Bevölkerungsaufbau müssen Familien gegründet werden. Die Mädchen stellen dabei ihren Körper in den Dienst „der höheren Sache“. Bei den jungen Menschen, die sich dem IS anschließen, handelt sich oft um solche, die Abwertung und Ausgrenzung wegen ihrer Herkunft oder Religion erfahren haben. Sie sind leichte Opfer der sektiererischen Indoktrination durch neosalafistische Anwerber, die mit ihrem simplifizierten Weltbild einfache Lösungen für Probleme aller Art bieten. Sich einem Islamismus zu verschreiben bedeutet für junge Frauen die größtmögliche Provokation gegenüber Familie und Gesellschaft.

Wie das Leben und der Alltag von Frauen im IS tatsächlich aussieht, darüber gibt das Manifest „Frauen im Islamischen Staat“ Aufschluss, herausgegeben von der Al-Khansaa-Frauenbrigade im Februar des Vorjahres: Dort ist zu lesen, dass es die „natürliche Bestimmung“ der Frau sei, dem Ehemann zu dienen. Bildung sei nur in rudimentärem Ausmaß sinnvoll, denn sie gilt als gefährlich und für die vom Schöpfer vorgesehene Aufgabe der Frau überflüssig. „Töchter des Jihad“ ist dementsprechend ein spannender, streckenweise nicht unkomischer Theaterabend, der aufklären, sensibilisieren und warnen will. Vor falschen Propheten und deren Pseudo-Utopien von einer besseren Zukunft. Ein theatraler Versuch, die Gesellschaft zusammenzubringen, nicht auseinanderzudividieren. Eine Empfehlung.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1FzBv1QRro8

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Wien, 26. 4. 2016

KosmosTheater: Ronald Kuste in „Wunsch und Wunder“

März 2, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine groteske Fortpflanzungskomödie von Felicia Zeller

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Ronald Kuste spielt Dr. Flause. Bild: Bettina Frenzel

Eine aktuelle Umfrage in Deutschland kommt zu dem Schluss, etwa 64 Prozent der 18- bis 30-Jährigen stehen dem sogenannten. „Social Freezing“ aufgeschlossen gegenüber oder haben diese Methode sogar schon genutzt. In Österreich kann die Familienplanung durch das Einfrieren von Eizellen bis zu zehn Jahre nach hinten verschoben werden und steht der Karriereplanung damit nicht im Weg.

Großkonzerne wie Google, Apple und Facebook unterstützen ihre Mitarbeiterinnen dabei sogar finanziell. Aber auch kinderlose Paare können die Erfolgschancen einer Schwangerschaft mit Hilfe der Reproduktionsmedizin erhöhen, sofern sie bereit sind, die damit verbundenen physischen wie auch psychischen Strapazen auf sich zu nehmen, welche die notwendige Hormontherapie mit sich bringt.

In ihrem Stück „Wunsch und Wunder“ beschäftigt sich Felicia Zeller mit den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und dadurch real gewordenen Schöpfungsfantasien. Während sich diverse Kliniken hauptsächlich auf Paare mit unerfülltem Kinderwunsch konzentrieren, stellt Zeller nicht das persönliche Leid in den Fokus, sondern schreibt eine groteske Komödie rund um das Team der erfolgreichen Kinderwunschpraxis „Praxiswunsch“. Der Text, 2015 für den Mühlheimer Dramatikerpreis nominiert, hat am 10. März im KosmosTheater Premiere. Regisseurin der österreichischen Erstaufführung ist Susanne Draxler.

Ihre skurrilen Figuren stehen, so Zeller in einem Interview,  stellvertretend für verschiedenste Haltungen und Lebensläufe, sind zugleich „Handelnde als auch Zubehandelnde“: Dr. Flause, Pionier der Reproduktionsmedizin und Gründer der Kinderwunschpraxis wird von der ständigen Angst geplagt, von einem der zahlreichen – mit eigenen Samenspenden – gezeugten Wunschkind entlarvt zu werden. Während seine Praxiskollegin Dr. Betty Bauer verzweifelt versucht, ein Kind zu bekommen, ist die Sprechstundenhilfe schon wieder ungewollt schwanger. Eine Karenzvertretung muss her und noch ahnt niemand, dass es sich dabei ausgerechnet um eines der gezeugten Wunschkinder handelt, auf der Suche nach dem biologischen Vater…

Zeller nähert sich dem Thema auch sprachlich an und lässt Sätze ineinander verschmelzen, wie es sich eben ergibt: unregelmäßig, absurd und ungeplant. Die Rolle des Zufalls ist für Felicia Zeller wesentlich, er ist nicht nur in der Natur ein entscheidender Faktor, sondern bleibt es auch im sterilen Reagenzglas – eine Schwangerschaft kann schlussendlich auch mit medizinischer Hilfe und hoher emotionaler und monetärer Investition nicht garantiert werden. Wunsch und Medizin konkurrieren in Zellers Text, die Realität wird dem Märchen gegenüber gestellt und die „Machbarkeit“ dem Zufall.

Für „Wunsch und Wunder“ wurde ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt. Ronald Kuste, bis 2015 Schauspieler am Volkstheater, spielt den Dr. Flause. Mit ihm stehen Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Nikolaus Firmkranz und Katharina Haudum auf der Bühne.

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Wien, 2. 3. 2016