Kosmos Theater: Geister sind auch nur Menschen

Mai 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit

Noch nicht weg, aber auch nicht mehr richtig da: Tobias M. Draeger, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Barbara Gassner im Pflegeheim. Bild: Bettina Frenzel

Dieser Allgemeinplatz vom Lachen, das den Zuschauern im Hals stecken geblieben ist, darf zur gestrigen Premiere im Kosmos Theater ohne Scham bemüht werden. Regisseurin Barbara Falter brachte dort „Geister sind auch nur Menschen“ der Schweizer Autorin Katja Brunner zur Österreichischen Erstaufführung, die beiden bereits ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, Brunners heiß aufkochende Textkaskaden in szenischer Form zu bändigen.

Und so geben sie nun auch einem Wiener Publikum kalt-warm. Brunners Geister-Menschen heißen die, die nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht wirklich weg sind, die Alten, die von den Kindern der Leistungsgesellschaft Ausgestoßenen, die unrentabel Gewordenen, die Ausrangierten. Also werden diese in Scheibchen Sterbenden „im Heim“ verstaut, von wo aus Brunner sie die Scherben und verpassten Chancen eines gewesenen Lebens bejammern lässt. Ein Klagelied, eine „Pflegeoper“ hat die Dramatikerin da verfasst, einen grotesken, boshaften, morbiden Text, eine Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit, denn die Notdurft wird im Wortsinn als immer wiederkehrendes Druckmittel verwandt, die unvermittelt in poetische Sprachbilder kippen kann.

Die gestrenge Heimleitung: Karola Niederhuber mit Barbara Gassner, Isabella Jeschke und den Beinen von Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Das langsame Ende in langen Unterhosen: Barbara Gassner, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Die Schauspielerinnen Barbara Gassner, Isabella Jeschke und Karola Niederhuber gestalten, in der Körperarbeit unterstützt von Choreograf Tobias M. Draeger, sowohl Pflegepersonal als auch Patienten. Im Ping-Pong wechseln sie die Seiten, brechen als Betreuer in nichtssagenden, weil desinteressierten Bla-Gesang aus. Dann wiederum, gekleidet in Steppstoff, die Gesichter clownesk auf moribund geschminkt, winden sie sich durch ihren Danse macabre, die Bühne von Carl und Carla dazu eine Art dusterer Aufbahrungsort, in der Mitte ein in den Boden eingelassener Sarg, so lässt zumindest die gerüschte Bestattungswäsche vermuten, in den Darstellerinnen und Darsteller regelmäßig abgleiten.

Damit das Alter nicht zur spöttischen Parodie unserer früheren Existenz werde, brauche es Sinn im Sprechen und Handeln, formulierte Simone de Beauvoir einmal, doch, so Brunner, was nützt das, wenn man nicht gehört wird. „Wir denken oft, wir verstehen meistens“, lässt sie ihre Protagonistinnen sagen, nur: wen interessiert’s noch? Derart eignet sich Barbara Gassner die Figur der von einem Schlaganfall niedergestreckten Frau Heisinger an, führt in deren Innenleben, führt in einer wunderbaren Wutrede deren Verbitterung darüber vor, sich für „Töchtersöhne“ aufgeopfert zu haben, die jetzt bereits zu ihren Nochlebzeiten ihr Hab und Gut verscherbeln, oder wünscht Karola Niederhuber als Pflegekraft, mit der Betonung des Begriffs Kraft als Macht und Autorität, der jaulenden Frau Simplon, „dass der Herrgott sie bald mitnehmen soll“.

Was nützt die Stimme, wenn einen niemand mehr hören mag? Barbara Gassner, Karola Niederhuber und Isabella Jeschke. Bild: Bettina Frenzel

Dass dieser Bettlägrigenreigen nicht zur Tristesse pur wird, ist Katja Brunners speziellem Witz und ihrer Beobachtung, den von ihr beschriebenen Nichtort zwischen Vergessen und Verwirrung auch als Hort von Sticheleien, Sekkierereien und postsexuellen Anwandlungen zu begreifen, zu danken. Aufbegehrt wird gegen’s Rauch- und Alkoholverbot, „als ob es jetzt noch darauf ankäme“, ein lieb gemeinter Popograpscher ruft allerdings die gestrenge Heimleitung auf den Plan.

All das ist so verzweifelt komisch, so fröhlich überzogen, verschwimmend zwischen real und surreal, dass nicht auszumachen ist, was Wach- und was -koma ist. Über Magensonde und Dauerkatheter kalauert Isabella Jeschke „Der Schlauch tut’s auch“, dann wieder meint sie zu ihrem „Ich möchte bitte gegangen sein dürfen“ – „Genug geschuftet, jetzt wird verduftet“. Der Schrecken wird sprachverspielt, die entmündigende Tatsache, dass der persönliche Name gegen eine Patientennummer ausgewechselt wurde, oder, dass zu den blauen Flecken auf der Seele jene am Körper kommen, weil die Behandlung eben nicht immer sanft ist.

Was Barbara Falter und ihr sich bis an die Grenzen verausgabendes Ensemble mit ihrer Pflegestufen-Party erschaffen haben, ist Überwältigungstheater. Da nie voyeuristisch, nie mitleidskitischig, zieht es einen umso mehr in Bann. Dass einen dieses Endspiel auf Fragen nach der eigenen Existenz zurückwirft, muss man, wie auf der Bühne zu sehen, mit Galgenhumor nehmen. „Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu“, Cicero, 106 – 43 v. Chr.

Video: www.youtube.com/watch?v=fTNgWKeBLSY

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  1. 5. 2019

Kosmos Theater: Sprengkörperballade

April 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mädchen und ihre Männlichkeitsrituale

Mutter-Tochter-Spiel über den weggegangenen Vater: Alice Peterhans hinterm Luftballonkopf und Alexandra Sommerfeld. Bild: Bettina Frenzel

Ein Wild-West-Shootout, eine Mantel-und-Degenfechterei, ein Draufdreschen mit imaginären Morgensternen. Blut spritzt, Körper fallen, schließlich wird eine Tennissocke zur weißen Fahne. Mit dieser pantomimischen Parodie einverleiben sich die Schauspielerinnen Veronika Glatzner, Alice Peterhans und Alexandra Sommerfeld das, was gemeinhin für Männlichkeit, deren Rituale, Muster und Milieus steht. Später wird sich das Kräftemessen vom Physischen aufs Psychische verlegen.

In einer Eskimo-Polarforscher-Szene, in der eine die andere in die Eiswasserwanne zwingt. Und mit einem VALIE-EXPORT-Moment, das Tapp und Tastkino diesmal unfreiwillig, widerwillig dargestellt. Im Kosmos Theater hat Regisseurin Claudia Bossard die „Sprengkörperballade“ der Wiener Autorin Magdalena Schrefel zur österreichischen Erstaufführung gebracht. Schrefel ist, in Deutschland längst passiert, hierzulande eine Entdeckung. Ihre Texte, mit ihrem aktuellsten „Ein Berg, viele“ ist sie wieder einmal zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen, sind poetisch und sperrig und haben wenig Lust, sich zu erklären. In jeder Figur steckt sowohl die Möglichkeit zur sofortigen Explosion als auch Implosion, die Charaktere changieren zwischen Verletzt-Sein und Verletzen-Wollen, Aussichtslosigkeit und Aufbegehren. Diese Zwischentöne auszuloten, ist das einzige, das Schrefel beim inszenatorischen Zugriff auf ihre Arbeit verlangt. Und Claudia Bossard gelingt das perfekt.

Kerl zündet Mädchen eine Kippe an: Veronika Glatzner und Alice Peterhans. Bild: Bettina Frenzel

Unfreiwilliger VALIE-EXPORT-Moment: Veronika Glatzner und Alexandra Sommerfeld. Bild: Bettina Frenzel

„Sprengkörperballade“ behandelt prinzipiell drei Frauenkonstellationen. Djana, die mit ihrer jüngeren Tochter Gina wieder und wieder das Weggehen des Vater nachstellt, während die ältere Tochter Zabina mit ihrer Freundin Bine durch die Stadt streunt und Leute anschnorrt, schließlich die beiden Schwestern Cookie und Fuzzi, die sich in beinah Thomas-Bernhardisch endlosen Rollenspielen quälen. Bossard hat diese Anordnung mit ihren drei Darstellerinnen aufgelöst. Sie lässt die Handlungsstränge sich begegnen, sich überschneiden und immer wieder auch zusammenlaufen.

Verwandtschaft verwandelt sich derart in Freundschaft und zurück, was dem ähnlichen Klang der Namen doppelten Sinn gibt, die Positionen Dominanz und Devotheit werden ständig und blitzschnell gewechselt. Wobei das alles bestimmende Wort des Abends Spiel ist. Spiel-im-Spiel, Machtspiel, Selbstermächtigung durch Sprache, durch das Erzählen einer Geschichte. Um deren wahrheitsgemäße Wiedergabe durchaus gestritten wird. Glatzner, mit privat mitgebrachtem, beruflich eingesetztem Babybauch, Peterhans und Sommerfeld stehlen einander die Sätze, krönen sich mit Deutungshoheit.

„So war’s gar nicht“, heißt es immer wieder, und „So könnte es gewesen sein“. Das alles kommt nicht tonnenschwer daher, sondern leichtfüßig, sogar comic-haft. Bossard unterfüttert die Sehnsuchtsdramolette mit Situationskomik, den innerfamiliären Lügen und Verschwiegenheiten schiebt sie einen nuancierten Witz unter, dem man sich nicht entziehen kann. In völliger Abwesenheit von Männern, bis auf einen überdimensionalen Ballonkopf, und eine Schelmin, die dabei an heiße Luft denkt, übernehmen die Frauen auch diesen Part, Machos und Möchtegerns, One-Night-Stands und große Lieben, und es ist großartig, ihnen dabei zuzusehen, wie sie Geschlechterklischees aufs Korn nehmen und Rollenvorgaben persiflieren.

Alexandra Sommerfeld gibt als Djana eine Mater Dolorosa, die andere bis aufs Blut zu reizen zur Kunst erhoben hat, Alice Peterhans‘ Gina, die ihr den Infusionsständer-Vater vorgaukeln muss, ist dem Treiben hilflos ausgeliefert. Dann wieder sind Peterhans und Veronika Glatzner als Zabina und Bine zwei veritable Teenager-Rötzlöffel, kampfbereit, Kippe rauchend, Bier kippend, die das Publikum nicht nur mit Blicken herausfordern, sondern bei ihren Betteltouren direkt attackieren.

All By Herself: Alexandra Sommerfeld singt sich die Seele aus dem Leib, hinten: Alice Peterhans und Veronika Glatzner. Bild: Bettina Frenzel

Alexandra Sommerfeld singt – mit Mikrophon lauter als die anderen – „All By Myself“, Alice Peterhans macht mit „Gracias A La Vida“ auf Gitarrera, Veronika Glatzner zieht sich Vaters Trenchcoat an und verschwindet im Wintersturm. Die drei wetteifern um das böseste Lächeln, den sarkastischsten Blick, das Schaffen der giftigsten Atmosphäre, der schönsten Schadenfreude. Bossard führt das Trio darin mit höchster Präzision und der Sensibilität des Themas gerecht werdend.

Leise weht vorüber, dass sie aus einem Land geflüchtet sind, nachdem dort der Große Genosse gestorben war, mutmaßlich Ex-Jugoslawien, anklingt, dass Gina rund um die Tschernobyl-Katastrophe geboren wurde, dass da nun Migrantinnen sind, die in Wien Heimat, auch Identität suchen. Eine Polit-Perspektive in einem Stück, das sich dem Plot konsequent verweigert. Der Rest bleibt im Nebel, der von der Seite hereinwabert. Weshalb dies das beste Rezept für den Genuss der „Sprengkörperballade“ ist: Reinziehen und wirken lassen.

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  1. 4. 2019

Kosmos Theater: SHE HE ME

März 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein verpixeltes Gesicht bedeutet Gefahr

Platons Kugelmenschen, bevor Gott Zeus sie in zwei Hälften schnitt: Josef Mohamed, Alev Irmak und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri beginnt bei den Kugelmenschen. Der Philosoph Platon legte den Mythos in seinem Dialog „Symposion“ einst dem Komödiendichter Aristophanes in den Mund, die Geschichte von den glücklichen drei Geschlechtern, männlich, weiblich, androgyn – deren Stärke Zeus zu fürchten begann, weshalb er sie in zwei Hälften zerschnitt. Seither, sagt die antike Legende, irren die Erdenkinder auf ebendieser herum, auf der Suche nach ihrer verlorenen Ganzheit …

„SHE HE ME“ heißt dieser Text, den Amahl Khouri, ein*e jordanische*r Autor*in und Theatermacher*in, schon als szenische Lesung an den Münchner Kammerspielen präsentierte; nun hat Regisseur Paul Spittler im Kosmos Theater kongenial die Uraufführung inszeniert. Über Jahre hinweg hat Khouri Gespräche mit Trans-, Inter- und Homosexuellen im arabischen Raum geführt, das Destillat daraus sind drei Figuren, Trans*mann, Trans*frau und eine non-binäre Person, Randa, Rok und Omar, dargestellt von Alev Irmak, Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Und siehe, was in dieser erklärenden Einleitung nach bierernstem Proseminar in Sachen Genderproblematik klingt, entpuppt sich auf der Spielfläche als das genaue Gegenteil.

Rok erzählt der Mutter, dass sie als Mann leben möchte: Sandra Selimovic und Alev Irmak. Bild: a.c.schiffleitner

Omar wurde wieder einmal gedemütigt und geschlagen: Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri hat mit diesem semidokumentarischen Stück eines geschrieben, das erschüttern und erheitern kann, die Sogwirkung des sprachmächtigen Skripts noch verstärkt durch das grandios intensive Schauspiel, das Komik und Tragik wunderbar in der Waage zu halten weiß. Khouris Kunst zwischen Witz und Wahnwitz der Situationen zu wechseln, verstehen der auch fürs Bühnenbild verantwortliche Paul Spittler und Modemacher Mael Blau optisch gekonnt umzusetzen. Mit Plüschtierberg und archaisch anmutenden Kostümen, diese allerdings in metallischen Pastellfarben. Derart changiert die Aufführung zwischen Körperperformance, Choreografie: Jasmin Avissar, Schattenspiel und den Videosequenzen von Oliver Stotz, zwischen Mutters theatralischen Brustschlägen, kuschelig-rosa Barbapapa und von Josef Mohamed frech verwendeten „Gay-Gesten“.

Zwischen Codes und Konnotationen und unverschämten Fragen zum Geschlecht – häufigst gestellte die, was man denn jetzt „da unten“ tatsächlich hätte. Denn während eine*r die Geschichte eines Charakters erzählt, schlüpfen die anderen beiden in die Rollen von Eltern, Brüdern, Polizisten, Imamen. Alev Irmak ist die algerisch-stämmige Randa, die vom Mann zur Frau werden will. Randa muss Hals über Kopf fliehen, Frau und Sohn zurücklassen, landet in einem libanesischen Männergefängnis, wird daraus befreit, kommt nach Wien, wo sie erstmals ganz als Frau in die Öffentlichkeit geht, und lebt nun in Schweden als politische Aktivistin – die erste Transsexuelle in einem dortigen Stadtrat. Was ihren Sohn betrifft, hofft sie, ihn vielleicht als „Witwe des verstorbenen Vaters“ eines Tages wiederzusehen.

Als Randa beschreibt Alev Irmak die beklemmende Begebenheit, wie sie es in der Inhaftierung, ständig sexuell bedrängt von den Mitinsassen, ohne Kopfbedeckung nicht wagt zu beten – bis ihr ausgerechnet Schwestern vom Orden der Mutter Teresa ein Tuch bringen. Als Roks Mutter wiederum liefert sie Stoff für die humorvollsten Szenen des Abends. Sandra Selimovic spielt den aus dem Libanon kommenden Rok, der seiner Familie zu versichern versucht, dass er sich als Mann fühlt. Ein Schritt, der erst gelingt, nachdem Rok zum Vater nach New Jersey auswandert. Als er die Mutter nachholt, gibt sie sein Geschlecht auf und sich Netflix hin.

Während Rok es ablehnt, sich zu verhüllen …: Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

… ist Randa erleichtert, als sie im Gefängnis endlich ein Kopftuch erhält: Alev Irmak mit Josef Mohamed und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Neben Diskriminierungen und Drohungen, Schmach und Schande, befasst sich „SHE HE ME“ unter anderem auch mit dem schwulen Sexismus, mit der permanenten Selbstdisziplin Betroffener, mit dem Normierungsdruck. Das Bühnen-Trio wirft sich gleich übermütigen Kindern ins Teddybär-Gewimmel und rennt verzweifelt gegen die Wände an. Doch mehr Frei-Raum gibt es für sie nicht. Josef Mohamed sagt als schwuler Omar, sein Bruder würde ihn an der mentalen Hundeleine Gassi führen. Als jordanischer Ministersohn ist Mohamed entzückend.

So schön, wie der ägyptische Gesangsstar Oum Kulthoum will er sein, vor Klassenkameraden führt er exaltierte Fashionshows auf – und wird deshalb verprügelt. Nicht nur unter den Angehörigen stößt er auf Ablehnung bis hin zur Morddrohung, auch die Flucht in die homosexuelle Szene ermöglicht ihm kein Ausleben seines Selbstbildes, weil dort ebenfalls Erwartungen punkto Geschlechterrollen an ihn herangetragen werden. Was „SHE HE ME“ in diesen Momenten deutlich macht, ist, dass das Wesen eines Menschen ohnedies nur außerhalb seiner Biologie erfahrbar ist.

Am Ende folgt eine utopische Geburt, die Frage an die/den Doktor*in: „Was ist es denn?“ und die Antwort: „Da müssen wir warten, bis es sprechen und es uns mitteilen kann.“ Am Ende sieht man auf den Leinwänden die wirklichen Randa, Rok und Omar – eine Frau mit rotgetöntem Bob im Auto, einen Mann mit feschem Drei-Tage-Bart und fester Freundin, ein Gesicht verpixelt. Das macht unsagbar betroffen, weil man nachvollziehen kann, was das für Omars Leben bedeutet. Nämlich: Gefahr.

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  1. 3. 2019

Kosmos Theater: Jetzt müssen wir auf morgen warten

Januar 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sch(m)erzhaft satirische Selbstbetrachtungen

Claudia Kottal, Constanze Passin und Anna Kramer. Bild: Bettina Frenzel

Die akustisch besten Jahre? Das sind nämlich jene, von denen man ständig gesagt bekommt, man befände sich in ihnen, obwohl man sich gar nicht danach fühlt. Diese Feststellung ist nur eine der unzähligen treffenden aus Amina Gusners Text „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, der gestern im Kosmos Theater Wien uraufgeführt wurde, in Koproduktion mit dem von Claudia Kottal und Anna Kramer ins Leben gerufenen Kulturverein XYZ.

Der die Autorin nicht nur mit diesem Recherchestück beauftragte, sondern Gusner auch die Regie übertrug. Entstanden ist so ein Abend der sch(m)erzhaft satirischen Selbstbetrachtungen. Für den das in Klammern gefasste M bedeutet, dass hier zwar viel Vergnügtheit verbreitet wird, ist doch, wenn Schadenfreude einen selbst betrifft, das Lachen stets am schönsten, die Sätze aber genau aus diesem Grund auch tief ins Fleisch schneiden. Weil man etliches des Gesagten wie aus dem eigenen Leben gegriffen empfindet und daher als traurig, aber wahr bezeugen kann.

Claudia Kottal, ab Freitag auch in der Kinokomödie „Love Machine“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31598) zu sehen, Anna Kramer und Constanze Passin zeigen drei Schwestern, ob wirklich oder im Geiste ist schwer auszumachen, wird doch immer wieder von Scheidungstrauma, daraus entstandenem Mutterkomplex und einem nun zu versorgenden, weil alleinstehenden Vater gesprochen, im Ringen um ihre Existenzberechtigung und in der Erwartung, dass die kleinen Glücksversprechungen zum Dasein endlich eingelöst werden. Die Moral von der Geschichte lässt sich leicht vorwegnehmen und lautet, das Leben fängt erst an, wenn man anfängt zu leben.

Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Constanze Passin. Bild: Bettina Frenzel

Doch bis diese Erkenntnis keimt, spielen die Schauspielerinnen, live unterstützt von Singer-Songwriterin Clara Luzia, ein schwarzhumoriges Spiel mit Klischees und stereotypen Rollenbildern, allesamt landläufig bekannte Schablonen, in die Frauen gedrängt werden – oder in die sie sich ganz von allein zwängen. Und so werden zwischen hingehauchten Luftküsschen und sekkanter Launenhaftigkeit Themen wie Dauerdiät, Hyaluron-Spritzen und Kaufrausch abgehandelt, ist einem das Erscheinungsbild doch eigentlich nie gut genug, – und natürlich der K(r)ampf unter den Geschlechtern.

Dieser für Frauen als ewiges Wechselbad zwischen Selbstzweifel, Selbstaufgabe und Selbstachtung dargestellt. Eine Tatsache, die die Geschiedene, die Beziehungsgeschädigte und die Langzeitehefrau vom Lebensziel „einen Mann kriegen“ übers Warten auf den einen Ring und der Angst „übrigzublieben“ bis zur gesellschaftlichen Wertigkeit und dem schwindenden Selbstwertgefühl bei Kinderlosigkeit abhandeln. Kommunikationsprobleme werden mit Rücksicht auf das Geschlecht, das beim Angenörgeltwerden in sich zusammen schrumpft, und mittels Hätscheln von dessen Selbstbewusstsein gelöst, wobei’s kein Ding sein darf, selber den Orgasmus vorzutäuschen.

Kottal, Kramer und Passin agieren mit vollem Einsatz, erschaffen spielerisch Übergänge von der Persiflage zu bitterer Ernsthaftigkeit und wechseln gekonnt die Tempi vom Stakkato-Sprechen zur raumgreifenden Stille. Sie tanzen, singen (unter anderem „Ich find‘ dich scheiße“ von Tic Tac Toe), wüten und schluchzen über Trennungsgespräche und Familienkonflikte und, ja, die mangelnde Frauensolidarität ist echt zum Schmunzeln, wenn der einen vorgeworfen wird, sie solle ihrem Partner gegenüber endlich „niedlich und anhimmelnd sein, statt ständig kritisierend“. Oder wenn, apropos Partner-in, darüber diskutiert wird, man müsse eine neue für den Vater finden, damit man selber nicht mehr für ihn waschen, kochen und putzen müsse.

Anna Kramer, Constanze Passin und Claudia Kottal. Bild: Bettina Frenzel

Amina Gusner hat – im Bühnenbild und mit den Kostümen ihrer Schwester Inken Gusner – keine Facette von Frau-Sein ausgelassen, ihre Figuren wollen weiblicher, am weiblichsten werden, und wenn zu deren selbstauferlegter Aufgabe, mitgegebene Muster ungefragt zu übernehmen, Sätze wie der von der Verantwortung fallen, die ungleich schwieriger sei, wenn man versuche man selber zu sein, und nicht das, was die anderen wollen, dann tut das schon weh.

Derart ist „Jetzt müssen wir auf morgen warten“, von Gusner auf der Grundlage von Gesprächen mit verschiedensten Frauen entwickelt, in Wortsinn aus dem Alltag gegriffen. Situationen zum Lachen, zum Weinen, zum Ärgern folgen Schlag auf Schlag, ein Puzzle an Begegnungen, die am Ende ein Ganzes ergeben, und immer geht es um ein persönliches Sich-Behaupten, ein Brücken bauen und Grenzen einreißen. Dies ja gleichsam das Vereinsmotto von XYZ: die Vielfalt von Lebensformen jenseits von Chromosomen-Normen sichtbar und spürbar zu machen. So sagen Claudia Kottal und Anna Kramer: „Empathie ist in diesen Zeiten ein vom Aussterben bedrohtes Gut und Theater einer der wenigen Orte, wo man sie nähren kann.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=_0mfElTOYtk

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  1. 1. 2019

aktionstheater ensemble: „6 Frauen 6 Männer“ im Kosmos Theater Wien

Januar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Satirische Suche nach Selbstbildern

Anti-Helden im Feinripp: Andreas Jähnert, Benjamin Vanyek, Sascha Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Peter Pertusini. Bild: Gerhard Breitwieser

Nicht, dass es nicht klar gewesen wäre, aber einmal mehr zeigte sich gestern Abend, dass es so viel besser ist, eine Frau zu sein. Weil als solche trinkt man Sekt gleich flaschenweise, während die Männer sich mit Sprudelwasser begnügen müssen. Überhaupt ist’s, als träfen wilde Bacchantinnen auf ein Therapiegrüppchen, hie Ekstase, da Krampf, die Frauen grölen anstößige Lieder, die Männer geben einander Tipps zum Massieren von Rosen. Damit die sich öffnen.

Und ja, es wäre zu schön, um wahr zu sein, hätten sie das doppeldeutig gemeint. Also … Zum 30-Jahr-Jubiläum des aktionstheater ensembles hat dessen Mastermind Martin Gruber die aktuelle Produktion „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“ und die 2015 für den Nestroy-Preis nominiert gewesene „Pension Europa“ zum Abend „6 Frauen 6 Männer“ verknüpft, derzeit zu sehen im Kosmos Theater Wien. Wie stets beweist Gruber damit Gespür für die Themen der unmittelbaren Gegenwart – von Genderfragen und Rollenklischees bis zu Grenzziehungen und gesellschaftlichen Exklusionen. Entstanden aus Recherche und Selbstbefragung, für die aktuellen Termine textlich und inszenatorisch neu bearbeitet und musikalisch neu interpretiert, hebt Gruber doch zwischen Teil eins und zwei die Ähnlichkeiten in den Unterschieden hervor.

Sie reichen von Sexproblemen bis Körperunzufriedenheit, von der Suche nach einem Selbst- bis zum unangenehmen Fremdbild, Wurzel allen Übels das gegenseitige Missverstehen der Geschlechter – solcherart präsentieren die Performerinnen und Performer ihre unerbittliche Bestandsaufnahme, die Streitpunkte und die Schnittmengen, machen mit beißendem Witz das Politische zum Privaten und das Private zum Politischen, immer hart an der Kante von Selbsterkenntnis und Rollenspiel, und wie immer als theatrale Verdichtung von Sprache, Musik und Choreografie zu einem großen Ganzen.

Den Anfang machen die Männer, Andreas und Sascha Jähnert, Thomas Kolle, Peter Pertusini, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek, begleitet von Musikerin und Sängerin Nadine Abado mit ihrem Projekt PH LION. In weißer Feinrippwäsche und mit einer beständigen „Wohin mit den Händen?“-Bewegung beginnt das Abklopfen von Männlichkeitsstereotypen, wobei nicht nur der ewig untote Machismo, sondern auch „der neue Mann“ satirisch aufs Korn genommen wird. Eine so grandiose wie gnadenlose Nabelschau ist das geworden, Alltagsbeobachtungen als Essenz kredenzt, ein Auflisten von Versagensängsten und erotischen Albträumen, von ödipalen Komplexen und unheilbarer Hypochondrie.

Kirstin Schwab, Alev Irmak und Michaela Bilgeri, die im Kosmos Theater mit Gipsbein spielt. Bild: Felix Dietlinger

Will die Frau in sich erspüren: Thomas Kolle mit Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

Die Darstellung der diversen Identitätskrisen ist Hochleistungssport, bald haben sich die sechs schweißnass gearbeitet, wenn sie übers Anforderungsprofil Held auf weißem Hengst, handwerkliches Universalgenie, perfekter Hausmann, Liebhaber sowieso sinnieren. Von Baumarktgesprächen geht’s zum Reproduktionsurinstinkt, mag nicht einfach sein, sich mit einem Körperteil mit Eigenleben, oder im schlimmsten Fall keinem mehr, zu arrangieren, zum Quotenlosertum. Nicht umsonst, konstatiert der Schnelle-Fick-Typ Fabian, sei Versager ein männliches Wort. Wozu es allerdings zu sagen gilt, dass sich im Synonymlexikon dieser Tage unter „Frau“ nach wie vor die Begriffe Dienstmagd, Bettgenossin, Flittchen, unter „Mann“ hingegen die Vergleiche Herr der Schöpfung, das starke Geschlecht, Mannsbild finden.

„Ich weiß ja nicht einmal, wie ich eine Frau in der Nacht auf dem Gehsteig überholen soll, so dass sie keine Angst vor mir hat …“, fragt sich der sensible Sascha, während Peter im Furor sein Mann-Sein zwischen die Beine klemmt, um „die Frau in mir“ zu erspüren. All diese Verstörungen werden zwar höchst empathisch dargeboten, aber weil Buben von klein auf Konkurrenz getrimmt werden, kommt’s zu Aggression, Schlägerei und Rudelringkampf. Benjamin, der einzige Widerpart, der einzige Schwule, und auch das ein Klischee, resümiert immer öfter: „Und warum erzählst du das jetzt?“, sein Tonfall genervt, seine Haltung ein klares Mit-denen-nichts-zu-tun-haben-Wollen. Doch die Videoprojektionen von Claudia Virginia aka Dornwittchen changieren schon zwischen bissigem Rottweiler und blutigem Schmetterling, so wie sich der Chauvinismus in einen Tanz mit Cheerleader-Pompons verwandelt.

Sechs Männer, sechs Sichtweisen, da ist logisch, dass kein Konsens gefunden wird. Es mag einem ein wenig die Stringenz des Gezeigten abgehen, aber wenn Nadine Abado die vorgeführte Selbstdekonstruktion in ihren fantastischen Livegesang übersetzt, so geht das tief unter die Haut. Nicht weniger irrwitzig, ebenso poetisch und um einiges schamloser zeigen sich Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Alev Irmak, Isabella Jeschke und Kirstin Schwab danach in „Pension Europa“, erste mit Gipsbein und von ihren Mitstreiterinnen im Rolli geschoben. Aisah Eisa singt zum Spiel ihre selbstverfassten Songs über die Suche nach dem Paradies. In nudefarbenen Dessous, die Brandt trägt darunter selbstironisch Shapewear, werden nun weibliche wahre Bekenntnisse und erdichtete Geständnisse offenbart.

Und wie bei den Männern sind diese haarscharf an der Peinlichkeit und knapp vorbei an der Plattitüde, was vor wie nach der Pause beim Publikum für höchstes Amüsement sorgt. Wie’s seine Art ist, schafft es Gruber tiefsinnig durch Untiefen, liefert er Humor mit Hintersinn und ins Absurde verpackt eine messerscharfe Analyse. Auf ebenfalls fast leerer Bühne, rechts ein Kleiderständer mit Brautmode, an der Rückwand wächst und gedeiht Felix Dietlingers Video-Blume, gestalten die Schauspielerinnen ausdrucksstarke Körperbilder, eine Selbstverteidigungschoreografie, Aktionismus mit „Stacheldraht“ à la Pjotr Pawlenski, was Kirstin Schwab gründlich missrät, weil ihr, meint sie, zum einen die asketische Christus-Attitüde des russischen Konzeptkünstlers abgeht, und zum anderen in Österreich für eine gelungene Performance zu wenig gelitten wird.

Selbstverteidigungschoreografie: Susanne Brandt, Aisah Eisa, Michaela Bilgeri, hier noch ohne Rolli, Isabella Jeschke, Kirstin Schwab und Alev Irmak. Bild: Felix Dietlinger

Dem ist angesichts des Dargebrachten deutlich zu widersprechen. Wieder drehen sich Gespräche um die Unlust des Äußeren, was Männern die vergleichende Penis-Vermessung ist, sind den Frauen Cellulite und Wabelarme – und ein Muttermal an den Schamlippen. Susanne Brandt erzählt von einem ägyptischen Urlaubsflirt, der ihr nun nach Europa nachflüchten will, was ihr gar nicht passt, und, dass sie mit den osteuropäischen Bettlern in der U-Bahn nicht umgehen kann.

Alev Irmak, dass in der Wahl zwischen der Türkei und Österreich Heimat für sie dort sei, „wo ich am besten scheißen kann“, was derzeit hierzulande ist. Derart werden persönlichste Begebenheiten zu gleichsam europäischen, die Frauen wechseln von deftig zu hart zu zart, und sie haben’s definitiv lustiger. „6 Frauen 6 Männer“ besticht mit seiner hohen Authentizität; den Mitwirkenden ist für ihren Mut und ihr performatives Potenzial sehr zu danken. Was das aktionstheater ensemble hier auf eindrückliche Weise veranschaulicht, ist, dass Veränderungen im vermeintlich Kleinen wie im Großen nur stattfinden werden, wenn man endlich damit anfängt. Freiheit soll man sowohl sich selbst, als auch den anderen gewähren, scheint Martin Gruber zu sagen. Welch ein versöhnlicher Gedanke, der diese beiden großartigen Aufführungen abrundet.

Martin Gruber im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30322

Trailer „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“: vimeo.com/279821837

Trailer „Pension Europa“: vimeo.com/97548144

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  1. 1. 2019