Nicht ganz koscher

August 5, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Nahost-Buddy-Komödie mit brüderlicher Botschaft

Durch die Wüste: Ben (Luzer Twersky) und Adel (Haitham Omari). Bild: © enigma Film

Als Adel Ben etwas von seinem Dosenfleisch anbietet, lehnt der höflich ab. „Weil es nicht koscher ist?“, fragt der Beduine. „Nein, sondern weil die Konserve aus dem Jahr 1987 ist“, antwortet der orthodoxe Jude. Darauf Adel: „Warum? Das war ein gutes Jahr, der Beginn der ersten Intifada!“ Dies ist so ziemlich der Humor der Buddy-Komödie „Nicht ganz koscher“, die heute in den heimischen Kinos anläuft, ein seelenvolles Roadmovie rund um den Sinai, ein eigenwilliges, launiges

Plädoyer für die Verständigung zwischen Juden und Arabern, und gleichzeitig ein ironisches Spiel mit allen nur denklichen Klischees und Vorurteilen. Es sind die Filmemacher Stefan Sarazin und Peter Keller, die ihre Protagonisten statt durch ein Nahostkonflikt-Politdrama mit einer brüderlichen Botschaft auf Reisen schicken. Das Ganze beginnt im ägyptischen Alexandria, wo ein ehrenwertes Mitglied der jüdischen Gemeinde gestorben ist. Doch fürs bevorstehende Pessach-Fest braucht es zehn Männer, und außerdem gibt es zwischen Gemeindevorsteher Gaon und dem Präfekten einen Uralt-Vertrag, dass, sollten für den Minjan, mit dem an den Auszug der Juden aus Ägypten erinnert wird, nicht genügend Männer vorhanden sein, aller jüdischen Besitz an den ägyptischen Staat geht. „Das ist kein Exodus, sondern ein Exitus“, jammert Gaon.

Da kommt’s allen Seiten gerade recht, dass der orthodoxe Neffe Ben von der Familie aus Williamsburg, Brooklyn, nach Jerusalem befohlen wurde, um auf Brautschau zu gehen. Nunmehr auf der Flucht vor dem Heiratsvermittler, denn Ben hat heimlich sein Herz an die „moderne“ Toybe aus Mo’s Bagel Shop verloren, bietet er sich an, die große Mizwe zu erfüllen und die einst größte jüdische Gemeinde in der Diaspora zu retten. „Aber du hast noch gar nichts gegessen“, entsetzt sich die Tante – und bis das getan ist, bis Rogelach und Babke und Falshe Fish für die Verwandtschaft verpackt sind, hat Ben seinen Flug verpasst – und weltfremd und naiv, wie ein New Yorker im „Feindesland“ nur sein kann, beschließt er den Landweg einzuschlagen.

Adel (Haitham Omari) ertappt Ben (Luzer Twersky) beim Pick-up-Klau. Bild: © Holger Jungnickel / enigma Film

Doch die Rostlaube gibt ohnedies bald den Geist auf. Bild: © Ludwig Sibbel / enigma Film

Lernen am Lagerfeuer: Koscher ist nicht gleich halal und Beduinen-Brot braucht Jerusalem-Würze. Bild: © enigma Film

Kamel Adelbaran wird zum Lebensretter für die verunfallten Ben und Adel. Bild: © enigma Film

Dies eine dieser Szenenfolgen, die die Culture-Clash-Komödie bemerkenswert machen: Ben landet in einem von einem vor sich hin räsonierenden Palästinenser gelenkten Taxi an einem sichtlich nie frequentierten Grenzübergang. Aus dem Radio hört man Meldungen von Raketeneinschlägen; die ägyptischen Beamten trauen angesichts von Peyes, Fedora und Zizijot ihren Augen nicht; im Linienbus nach Kairo entspinnt sich eine ins Handgreifliche kippende Diskussion: Den Juden mitnehmen oder nicht? Mittels Abakus wird über dessen Schicksal entschieden. „Das ist ein demokratisches Land“, sagt der Busfahrer demonstrativ bedauernd, weil die muslimische Mehrheit der Fahrgäste für Bens Rauswurf gestimmt hat.

So steht der nun schwerbepackt und denkbar ungünstig gekleidet mitten im Nirgendwo von 60.000 km2 Wüste, die Landschaftsbilder von Holger Jungnickel sind atemberaubend, als ein rostiger Pick-up neben ihm hält, am Steuer ein mürrischer Mann, der kurz und knapp erklärt: „Ich fahr dich, aber erst muss ich mein Kamel finden.“ Warum er das tut, wo ihm die Aufgabe doch offenkundig so zuwider ist? „Beduinen-Gesetz: Ich muss dich beschützen“, so Adel noch nicht ahnend, dass er in weiterer Folge etliche der 613 Gebote der Thora kennenlernen wird …

Ihre beiden Hauptdarsteller hätten die Regisseure und Drehbuchautoren Sarazin und Keller nicht besser casten können. „Ben“ Luzer Twersky wurde 1985 in eine ultraorthodoxe Gemeinde in Brooklyn geboren. Um sich seinen Lebenstraum erfüllen zu können und Schauspieler werden, musste der chassidische Jude erst seine religiöse Gemeinschaft verlassen. In der bewegenden Netflix-Dokumentation „One of Us“ ist er einer der drei portraitierten jungen Menschen, die aus der rigiden Gemeinde der chassidischen Juden in New York ausbrechen, wofür sie einen radikalen Bruch mit ihrer Vergangenheit und ihrer Familie in Kauf nehmen müssen. Die Rolle des Ben weist nicht nur stark autobiografische Züge auf, Twersky war am Set auch ein wichtiger Berater der Filmemacher in allen jüdisch-religiösen Detailfragen.

Luzer Twersky als in der Wüste. Bild: © enigma Film

Adel (Haitham Omari) als Ben. Bild: © enigma Film

Gaon begrüßt „Ben“ beim Pessahmahl. Bild: © enigma Film

Der Präfekt: Yussuf Abu-Warda. Bild: © enigma Film

„Adel“ Haitham Omari, ein muslimischer Palästinenser aus Ostjerusalem, wurde einem internationalen Publikum 2014 mit einer der Hauptrollen im Sundance-Gewinner „Sand Storm“ bekannt. Er spielte unter anderem in dem preisgekrönten Drama „Bethlehem“ on Yval Adler, Dror Zahavis „Crescendo – #Make Music, Not War“ mit Peter Simonischek (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41854) und „Gaza mon Amour“. Die beiden Größen des palästinensisch-jüdischen Kinos, Makram Khoury und Yussuf Abu-Warda, ersterer zu sehen in Julian Schnabels „Miral“, Fatih Akins „The Cut“, der TV-Serie „Homeland“, gerade abgedreht ist Terrence Malicks „The Way of the Wind”, zweiterer auch ein viel verehrter Grand-Seigneur des palästinensisch-jüdischen Theaters, liefern sich als Gaon und Präfekt manch wilde Schlacht – wenn der Präfekt da nur nicht zu früh sein Siegestänzchen tanzt.

Derweil müssen zwischen Felsen und Dünen der in seine Gebräuche versponnene Großstädter und sein Survival Guide mit dem Palästinenser-Tuch zwecks Überlebensstrategie zueinander finden. Ben ahnt nicht, dass seine ausgedehnten Waschzeremonien hier den Tod durch Verdursten bedeuten können, und zumindest der Pick-up gibt wegen zu wenig Kühlflüssigkeit alsbald den Geist auf. Schlafen unter freiem Himmel ist auch nicht wirklich Bens Sache, und, naja, koscher ist eben doch nicht halal. „Dein Gott mag mein Brot nicht?“, beginnt Adel sich darüber zu ärgern, mit welcher Chuzpe Ben das Chubz mit Original-Jerusalem-Gewürz dem Ewigen näherbringt.

Bis es aus ihm herausbricht: „Du kommt in Muslimland, du läufst rum wie Moses, jedes Auto ist für dich ein Taxi, jedes Wasser für wash-wash – und du machst mein Brot koscher!“ Schüchterne Antwort Bens: „Ja, aber Moishe hatte 40 Jahre, ich habe nur vier Tage, und er ging in die andere Richtung.“ Beim Anblick einer weißen Taube nennt Ben sie ein Friedenssymbol. Darauf Adel: „Ihr teilt kein Essen, ihr teilt kein Land. Welcher Frieden?“ Nur beim Einhalten beider Gebetszeiten, sind die zwei ein Team. Und beim Backen eines Versöhnungs-Kugel.

 

Möge Gott, Hashem, Allah uns allen Geduld mit uns allen geben. Das Trennende ist stets auch das Verbindende, und jedes Missverständnis kann, wenn man’s zulässt, zu mehr Verständnis führen. „Sehr gutes Restaurant, hier müssen wir öfter essen“, feixt Adel beim Verzehr des überm Lagerfeuer zubereiteten traditionell-jüdischen Nudelauflaufs. Mit diesem Satz wird es eine Schlusspointe haben, heißt der Film doch im Englischen, in das sich die Doppeldeutigkeit von „Nicht ganz koscher“ nicht übersetzen lässt, „No Name Restaurant“.

„Nicht ganz koscher“ ist ein wundersames „Was Menschen einander näherbringt“-Märchen, das keinen Zynismus zum Glauben gestattet. Um das bis ins Letzte zu bezeugen, soll hier gespoilert werden, denn auch die dritte abrahamitische Religion kommt noch ins Spiel – in Gestalt der Mönche aus dem Kloster „Zum Brennenden Dornbusch“. Kurz: Adel und Ben haben einen Unfall, der sich zum Überlebenskampf ausweitet. Die beiden werden zwar vom plötzlich wie aus dem Nichts erscheinenden Kamel Adelbaran gerettet, doch Ben ist fiebrig, hustet, hat wohl eine Lungenentzündung.

Die christlich-orthodoxen Mönche nehmen die beiden auf, pflegen Ben – doch was wird aus Pessach? Während dem delirierenden Ben ein Krankenlager gerichtet wird, verbringt Adel die Nacht grübelnd auf dem heiligen Berg. Bei Sonnenaufgang hat er dann die vielleicht rettende Idee: Mit der Kleidung und den abgeschnittenen Schläfenlocken des bewusstlosen Ben sowie einem Begleitschreiben des Popen im Gepäck, macht er sich im Dienstwagen des Klosters eiligst auf den Weg nach Alexandria. Wo ihn Gaon mit den Worten empfängt: „Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich weiß der Himmel schickt Sie.“

 

Während der Präfekt, dem die Wahrheit natürlich nicht verborgen bleibt, ein Adel denunzierendes Schreiben mit seinem Zigarrenanzünder verbrennt, will er doch seinen lebenslangen Schachgegner Gaon nicht verlieren. Und als nun Adel an der feierlichen Sedertafel der jüdischen Gemeinde bravourös versucht, seine völlige Unkenntnis der rituellen Gepflogenheiten zu verbergen, nimmt Ben im Kloster all seinen Mut zusammen und greift zum Telefon. Zaghaft beginnt er zum ersten Mal ein Gespräch mit seiner angebeten Toybe, seiner Taube.

Alle Menschen sind schon Brüder – und Schwestern. Dass Stefan Sarazin und Peter Keller ihre Ode an die Freu(n)de mit einem charmanten Lächeln erzählen, ist per se das Statement, sich von Politik, Religion und Machtgehabe nicht in eine Ecke drängen zu lassen. Denn unter der zauberhaften Oberfläche verbirgt sich ein reeller Kern. Im Interview erzählen die Regisseure, dass sie bei ihren Recherchen immer wieder festgestellt haben, im Alltag ist das Zusammenleben gar nicht so konfliktbeladen – etwa in Haifa, wo Juden, Muslime und Christen weitgehend entspannte Nachbarn sind.

Es seien die politischen Eliten, deren jeweilige Interessen ein Aufeinander-Zugehen verhindern, sind die Filmemacher überzeugt. Da braucht es eben ein komödiantisches Paar wie Ben und Adel, um die Hintergründe immer gleicher Nachrichten zu beleuchten. Zum Ende der Utopie sitzen Juden, Christen und Muslime im tatsächlichen Symbol des gemeinsamen Bootes. Im „No Name Restaurant“, denn Gott hat nicht einen, sondern viele Namen, gibt es beides: „Adel‘s gegrilte Fish“ und „Ben‘s gefilte Fish“.

 www.nichtganzkoscher-film.de

 

BUCHTIPP

Hoffmann und Campe Verlag, Goldie Goldbloom: „Eine ganze Welt“, Rezension www.mottingers-meinung.at/?p=45739: Surie Eckstein ist die Protagonistin in Goldie Goldblooms Roman „Eine ganze Welt“, „eine Frau, von der die anderen Leute glaubten, sie wüssten alles über sie – Ausländerin [denn zu dieser macht sie sich freiwillig im eigenen Land], religiöse Fanatikerin, ein anachronistischer Witz, eine ungebildete Mutter“, die kaum englisch, sondern jiddisch spricht, die unter der obligaten Perücke kahlgeschoren ist und den Körper verhüllende Kleidung trägt.

Surie lebt in Williamsburg, New York, als wertgeschätztes Mitglied der chassidischen Gemeinde, ihr Mann Yidel ist der Sofer des Tempels. Dass ausgerechnet die Rebezn Eckstein im „biblischen“ Alter von 57 Jahren noch einmal schwanger wird, ist ein Skandal. Ein Sex-Skandal, würde die Geburt doch bekanntmachen, dass Yidel sie „über das normale Alter hinaus“ begehrenswert findet …

FILMTIPP

Der Netflix-Zweiteiler „Unorthodox“ von Regisseurin Maria Schrader erzählt von der 19-jährigen Chassidin Esty, die vor einer arrangierten Ehe aus Williamsburg nach Berlin flieht, und dort ungeahnte Freiheiten kennenlernt. Während sie an der Barenboim-Said-Akademie Musik zu studieren beginnt, reisen ihr Ehemann Yakov und dessen Cousin Moische an, um sie gegebenenfalls mit Gewalt zurückzuholen … www.netflix.com   Trailer: www.youtube.com/watch?v=t5mzqg-d_tU

  1. 8. 2022

Hauptsache Koscher!

Juni 14, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine großartige Hommage an den jüdischen Humor

Aus dem Repertoire einer vertriebenen Revue- und Kabarettkultur: Bruno Salomon, Tania Golden, Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

„Hauptsache Koscher, oder auch nicht“, ein Streifzug durch den jüdischen Humor mit Szenen und Chansons aus dem Repertoire einer lange vertriebenen Revue- und Kabarettkultur – so sollte das Programm heißen, und am 14. März in der ArenaBar seine Uraufführung haben.

Dann kam #Corona. Doch das darbietende Quartett, Tania Golden, Shlomit Butbul, Bruno Salomon und Wolfgang Schmidt ließ sich vom Lockdown nur kurzzeitig aus der Kurve tragen und schmiedete geänderte Pläne.

Gemeinsam mit Videofilmer André Wanne, Sohn der 92-jährigen Theaterprinzipalin Helene Wanne, und Susanne Höhne, die ihre Textcollage in ein Drehbuch verwandelte, beschloss man den Abend mit der Kamera festzuhalten. Entstanden ist so eine großartige Hommage, jüdisches Kabarett einmal anders, nämlich modern, schräg, schrill, die Geschlechterklischees negierend oder nonchalant infrage stellend – und zu sehen ab 17. Juni, 19 Uhr, bei 4GAMECHANGERS Roomservice.

Butbul, Golden, Salomon und Schmidt holen die philosophisch-witzige und zum Großteil vergessene Literatur spielend und singend ins 21. Jahrhundert. Sie interpretieren Friedrich Holländer, Fritz Grünbaum, Karl Farkas, Roda Roda, Ralph Benatzky, Louis Taufstein, Robert Neumann und Elfriede Gerstl auf ihre eigene, ganz besondere Art. Einige der Couplets wurden dafür von Wolfgang Schmidt neu vertont, etwa Armin Bergs „Ja, man wird ja so bescheiden“ mit Mundschutz, da die vier in schönster Quarantäne-Klaustrophobie.

Tania Golden singt Karl Farkas‘ „Abschied von New York“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Bruno Salomon als Servierfräulein im Sketch „Zechprellen“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Shlomit Butbul und Wolfgang Schmidt mit Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“. Bild: Screenshot „Hauptsache Koscher!“

Die Damen diesmal besonders herrlich handgreiflich: Shlomit Butbul und Tania Golden. Bild: Susanne Höhne

Golden und Butbul sind auch hinreißende Herren, erstere als Stammgast Schöberl im ein wenig derangierten Etablissement, in gewisser Weise Conférencier und eine qualtingereske Wirtshausfigur, die sich – so viel zum Titel: Hauptsache, das Essen ist koscher und billig  – im „In der Suppe“-Witz von Salcia Lanzmann mit „Servierfräulein“ Bruno Salomon in die nicht vorhandenen Haare kriegt, bevor sie sich in Karl Farkas‘ „Zechprellen“ mit Shlomit Butbul um die Meisterschaft im Schnorren matcht.

Was das goldene Wienerherz ausmacht, ist die jüdische Seele, das zeigen die Verwandlungskünstler hier vom Feinsten, ein zerdeptschter Hut, eine zerschlissene Spitzenbluse reichen, schnell ist man Schmähtandler, Abzocker, Amtsirrläufer, Schmock, der Einedrahrer mit die besten Ezes, der Machatschek mitm größten Mazel, der Einseifer mit da größtn Chuzpe. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt können’s in allen Jargons der Stadt. Gruselig und komisch zugleich, denn ja, es ist schon wieder so weit, wie Butbul Roda Rodas „Darwinismus“ vorträgt, die Geschichte von den einst so stolzen Löwen, die nur überleben können, wenn sie sich an die Mehrheit Menschheit anpassen. Integrieren, assimilieren.

Zum Schmunzeln, wie Salomon in saloppem Gigerl-Slang Taufsteins & Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ männeremanzipiert umdeutet. Wer das Raunzen erfunden hat, „die Antisemiten oder die Israeliten?“, man kann’s nach dieser Aufführung nicht eindeutig sagen, wiewohl eine reiche Auswahl an Sudern und Räsonieren bis Sich-Aufpudeln und Pahöll-Machen geboten wird. Wunderbar, wie André Wanne die ArenaBar als AltWiener Beisl, Jukebox-Café oder Nachtclub zu nutzen weiß.

Ein großartiger Streifzug durch den jüdischen Humor: Bruno Salomon, Shlomit Butbul, Wolfgang Schmidt, Tania Golden. Bild: André Wanne

In letzterer Atmosphäre singt Shlomit Butbul angetan mit Lockenwicklern und Kittelschürze das Highlight des Abends, Ralf Benatzkys „Das Rätsel des Lebens“, Madame Lizzys Kampf mit der Waage in dramatischstem Arienton, während der Golden das Gesicht entgleist. Die später, angelehnt an den Musikautomaten, über den „Abschied von New York“ sinniert.

„Hauptsache Koscher!“ ist eine Reise von den flirrenden, verrückten 1920er-Jahren, als die Welt gerade aufhörte, in Ordnung zu sein, in ihre Nachkriegszeit, der am Nationalsozialismus erkrankte noch immer nicht und bis heute nicht genesene Kontinent Europa.

Der es Heimkehrern mit seiner hiesigen „Mir wern kann Richter brauchen“- Mentalität schwer macht. „Sind Volksgenossen jetzt schon wieder Spezi?“, ist die gestellte Frage, die dem heutigen Publikum Gänsehaut bereitet. Butbul, Golden, Salomon und Schmidt verstehen sich nicht nur auf Schmonzes, sondern auch auf Tacheles reden. Robert Neumanns „Teuto“ aus seinem Parodien-Band „Mit fremden Federn“ ist das Paradebeispiel dafür. Und wenn Bruno Salomon das wiedergibt, beim Abschminken in der Künstlergarderobe, diese bitterböse Persiflage aufs rechtsgesinnte Heldengedicht, dann bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Am Ende die vier vor symbolisch leerer Bühne. Ein Glück, dass sie sie wieder mit Leben gefüllt haben. „Hauptsache Koscher!“ ist die Empfehlung für Connaisseurs und zum Kennenlernen des jüdischen Humors. Oder wie einer dessen legendärsten Könner simpl sagte: „Schau’n Sie sich das an!“ Der Film wird ab 17. Juni, 19 Uhr, von 4GAMECHANGERS gestreamt. Tickets: 5 Euro – der gesamte Erlös geht an die Künstler.

Trailer: player.vimeo.com/video/426174565

Ticketcode: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations#koscher1

14. 6. 2020