Theater zum Fürchten: Höllenangst

Januar 11, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeitlebens im Joch der Lohnarbeit

Dies großartige Vater-Sohn-Gespann landet auf dem Weg nach Rom natürlich im nächsten Wirtshaus: Philipp Stix und Bernie Feit als Wendelin und Schuster Pfrim. Bild: Bettina Frenzel

In der verpflichtend vorgeschriebenen Zeitstrophe geht es diesmal allerdings darum, was die an Anspielungen alles nicht beinhalten muss, Rattenlyrik, Liederbuch, Ibiza, andere Einzelfälle, damit ein Theater „Haltung“ beweist. Und dann lässt Bruno Max kurz vor Schluss Peter Fuchs als Staatssekretär auftreten. Ein Publikumslachkrampf, gleicht der Schauspieler doch konstitutionstypisch, von Augenglas bis arrogantem Grinsen, jenem Ex-

Innenminister und Polizeipferdefreund, der erst gestern wieder im Nationalrat eine seiner Attacken ritt, – und ordnet auch noch eine diskrete Hausdurchsuchung beim Oberrichter an. Gestern also ging’s nicht nur in der Politik um Metternich, totale Macht und faule Kompromissler, das Theater zum Fürchten zeigte zum 25-Jahr-Jubiläum seines Bespielens der Scala die Wien-Premiere von „Höllenangst“. Der Prinzipal höchstselbst hat die Nestroy-Posse inszeniert und gemeinsam mit Marcus Ganser den Raum geschaffen, in dem das bewährte TzF-Ensemble nun agiert. Klar, kann’s bei Bruno Max beim höllischen Spaß nicht bleiben. Er macht die Komödie zur First Class Farce über Proletariat, Prekariat, Neopauperismus, dies wohl ganz im Sinne des Autors.

Jedoch versteht er es auch, dessen Charakteren etwas Karikaturhaftes anzuhaften. Anno 2020 und angesichts der verschwurbelten Handlung ist die Persiflage ein überaus legitimer Ansatz, das von den Zeitgenossen wegen zu viel Spiegelvorhaltung verhasste Nachmärz-Stück, das nach 100-jährigem Dornröschenschlaf 1948 in der Scala Wien – anderer Ort, ähnliche Progressivität – von Karl Paryla zu neuem Leben erweckt wurde, dem Bruno Max nun zwischen tragikomischer Schicksalsergebenheit und vollmundigem „Meuterei!“-Geschrei einen aktuellen Rock anlegt. Im Sinne von modern, aber nicht modisch zeigt er, wie die Freiheit ein paar Freiheiterln geopfert wird, das Volk längst nicht mehr in der Verfassung, die Einhaltung derselben zu fordern.

Johanna Rehm und Philipp Stix. Bild: Bettina Frenzel

Matthias Tuzar und Magdalena Hammer. Bild: Bettina Frenzel

Peter Fuchs und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Dort, wo bei Nestroy ein vermeintlicher Satanspakt die gesellschaftlichen Ketten bricht, ist beim TzF ein rahmendes Bild zu sehen. Am Anfang wie Ende stecken die Menschen tief im schwarzen Loch der Fabrik, erst Arbeitssklaven der ausbeuterischen „Strombergs gute Schuhe“-Firma, schließlich vom nunmehr Kapitalisten Reichthal – mit zwar amikalem Schulterklopfen – zurück ins Fließband-Joch der Lohnarbeit gedrückt. Mehr Brechtisches braucht Bruno Max nicht, die Verhältnisse, sie sind schon so, die grundschlechten Leut‘ schikanieren die armen Teufel und armen Narren – zwei davon Vater und Sohn Pfrim, Bernie Feit als permanent ang’flaschelter Flickschuster und Philipp Stix als mit seinen Dämonen ringender, von sich selbst gestellten Wünschen und Forderungen getriebener Wendelin.

Die beiden Darsteller in dieser supersympathischen, sehr amüsanten Aufführung die komödiantischen primi inter pares, vor allem Feit macht aus der Rolle ein versoffen-philosophisches Kabinettstück, das muss erst einmal einer bringen, wieder und wieder durch die Tür zu torkeln, und immer noch ist es lustig. Die TzF-„Höllenangst“ fährt ein ebensolches Tempo, gespielt wird zwischen Sarkasmus, Stunt und Slapstick, Bernie Feit die Pointenschleuder, der seine Umgebung statt mit dem Schusterhammer mit seinen Wuchtln weichklopft, Philipp Stix mit einer Umverteilungsansprache seinen Wendelin als sozialistischen Revolutionär deklarierend. Das Motto heißt: „The Floss“ tanzen und Outrieren bis der Arzt kommt, alle balancieren hier ständig am Rande des Nervenkasperls, aber ehrlich, wie sonst sollte die gegenwärtige Politburleske auf einer Bühne zu toppen sein?

Ein fabelhafter Fürst der Finsternis aka Oberrichter von Thurming ist Matthias Tuzar, virtuos in der Körpersprache, wenn er bei seinem Böser-Geist-Spiel schamlos übertreibt, was dem in Furcht und Schrecken versetzten Wendelin als einzigem nicht zu denken gibt, oder er als fickriger Verliebter die juridische Respektsperson sofort ablegt, sobald sein frisch angetrautes Eheweib ihre Rechte anmeldet. Tuzar turnt mit Bravour durch die wilde Jagd, auf die Bruno Max ihn schickt, TzF-Debütantin Magdalena Hammer ist seine heißblütige Baronesse Adele, die sich nach renitenten Kräften gegen das ihr vom garstigen Vormund bestimmte Novizinnen-Los wehrt.

Ein Jedermann’scher Herzgriff des vermeintlichen Teufels: Matthias Tuzar und Philipp Stix. Bild: Bettina Frenzel

Die vor Angst um ihr Leben bibbernden Pfrims: Sibylle Kos, Philipp Stix und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Der flüchtige Freiherr von Reichthal bei den Pfrims: Sibylle Kos, Georg Kusztrich und Bernie Feit. Bild: Betina Frenzel

Fürs Schuhfabrikvolk bleibt sich’s unter jedem Regime gleich: Kusztrich, Rehm, Feit, Sibylle und Stix. Bild: Bettina Frenzel

Diesen Freiherr und Schuhfabrikanten von Stromberg gestaltet Leopold Selinger als sleeken, teflonbeschichteten Machthaber, sein Gehabe so gegelt wie sein Haar, und wie er da so im Führerbunker neben Peter Fuchs steht, ist jede Ähnlichkeit mit real existierenden Volksverdrehern, äh, -vertretern freilich rein zufällig. Mit Georg Kusztrich als flüchtigem Freiherr von Reichthal hat Selinger einen starken Widerpart. Sibylle Kos ist grandios als Pfrim-Ehefrau Eva, die dem Leibhaftigen im Herrgottswinkel zu entfliehen versucht. Johanna Rehm ist als Baronessen-Zofe Rosalie – in einem der wunderbaren Kostüme von Anna Pollack – ein hinreißend-sexy Kammerkätzchen, das in Windeseile vom Schnurren zum Krallen-Ausfahren wechseln kann.

Michael Werner, Leonhard Srajer, Philipp Schmidsberger und Valentin Ivanov runden als Fabriksmalocher, Gendarmen, Erscheinungen den Cast ab. Tuzars Thurming treibt Stixs Wendelin mit einem Jedermann’schen Herzgriff zum Äußersten, gemeinsam mit Feit-Pfrim begibt er sich auf Pilgerreise nach Rom, die mit dem was Wein betrifft pragmatischen Vater in der nächsten Wirtsstube endet. Alldieweil decken nicht Smartphone-Chats, sondern gute alte Briefe die Intrige Strombergs auf – Happy End einer tumultösen Geschichte! Den Teufel, der im Detail steckt, hat das Theater zum Fürchten mit dieser Arbeit spielfreudig bezwungen. Diese „Höllenangst“ ist mit ihrem gekonnten Mix aus Sozialkritik, Politsatire und Komödie ein Spektakel der Extraklasse.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2020

Theater Scala: Raoul bleibt zum Essen

April 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und die Bratpfanne

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Zugegeben. Die Komödie ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Der HI-Virus war noch kein Thema, dafür wurde in den Sixties geswingt, was das Ding hergab. „Schlüsselpartys“ nannte man den Hauptspaß – jede Frau zog aus einem Gefäß den Autoaufsperrer eines (fremden) Mannes und mit dem zog sie dann ab. In diesem Geiste schrieb Paul Bartel seinen Kultfilm „Eating Raoul“, das wohl berühmteste Machwerk, des Andy-Warhol-Woody-Allen-Ed-Wood-B-Horrormovieisten. Ja, es war eine Ära, in der Deep Throat noch nicht der Informant von Bob Woodward und Carl Bernstein, sondern eine Technik von Linda Lovelace war. Und sich alle Welt fragte, ob Long Dong Silver (die Legende spricht von 45 Zentimetern, aber auch von Latex) in bewussten Situationen nicht wegen Blutleere im Gehirn in Ohnmacht fiel. Children of the Sexrevolution.

Bruno Max und sein Theater zum Fürchten (derzeit wieder in der Scala) haben die rabenschwarze Groteske als „Raoul bleibt zum Essen“ nun für sich entdeckt. Und nichts könnte abgefahrener sein für diese abgefahrene Truppe. Allein das Programmheft ist lesenswert: Von „The Lonely Hearts Killers“ bis zu „The Love Slave Killers“ werden US-Pärchen aufgezählt, die ihre Liebesobjekte auf die eine oder andere unschöne Weise um die Ecke brachten. Und teilweise immer noch in amerikanischen Todestrakten sitzen. Na, wenn das keine Gute-Nacht-Lektüre ist.

Da sitzen also Paul und Mary Bland – kleinbürgerlich, hausbacken, bieder – in ihrem Apartment in Los Angeles und in den Wohnungen rundherum geht, dem Lärm (einer kommt als John Travolta: Saturday Night Fever) nach zu urteilen, die Post ab. Paul und Mary haben einen Traum: ein Landgasthaus, für das ihnen das Geld fehlt. Der Bankberater wird schon ungeduldig. Und dann passiert der Albtraum. Ein Sexmaniac irrt sich in der Türnummer, irrt sich in Mary und rumms zieht ihm Paul eine mit der Bratpfanne über. Und dem Toten 600 Dollar aus der Tasche. Eine Einnahmequelle ist gefunden. Bernie Feit und Selina Ströbele sind als die Blands die Idealbesetzung. Nicht nur, weil die hochgewachsene, dunkelhaarige Schönheit Mary Woronov, bekannt für ihren provokanten Sadomaso-„Peitschentanz“, auch im Original gut eineinhalb Köpfe größer als der halbglatzige Paul Bartel war. Nein, ihre Wandlung ist fantastisch. Da war man ein Leben lang gutmütig bis gutgläubig und „diese Schweine führen ein sorgloses Leben, während anständige Leute wie wir nie auf einen grünen Zweig kommen.“

Man beschließt also die Sexspielchen mitzuspielen. Holt sich Rat bei einer Domina (großartig: Claudia Marold als strenge Herrin am Telefon, in der Wohnung zwischen Bügeleisen und Gehschule), dreht ein Filmchen für den Sexkanal: Ruf-mich-an. Fabelhaft, wie Ströbele wie 180-Grad-Drehung vollzieht, im Wortsinn schlagfertiger wird, mehr Biss kriegt, sich emanzipiert, und Spaß an Krankenschwestern-Feuerwehrfrauen-Nazis-Babys-Minnie-Mouse-Verwandlungen, wie sie in die Rollen wächst. Dass Bernie Feit ein begnadeter Exkomödiant ist, ist bekannt. Wie ein begossener Pudel steht er daneben, zaghafter, zögernder, wunderbar deplaziert im Sexshop, aber knapp vorm Ende immer pfannenfertig. Man will ja das Eheweib schützen. Und der Dollar rollt. Und dann kommt Raoul. Eigentlich vom Schlüsseldienst, eigentlich Einbrecher. Nur entdeckt er statt Wertsachen Leichensäcke. Für den Latin-Macho-Lover kein Problem. Er beteiligt sich am Geschäft. Hundefutter. Sehr schön gibt Philipp Stix den pomadig-schmierigen Selbstverliebten mit mexikanischem Akzent. Als Raoul aber Mary zu nahe tritt, heißt’s Mann gegen Mann. Raoul bleibt zum Essen. Der Bankberater kommt, das Geschäft wird abgeschlossen. Es gibt Hausmannskost.

In diversen Swingerrollen scheuen Robert Notsch, Sybille Kos, Christoph Prückner und Michael Reiter vor keinen noch so peinlichen Dessous zurück. Besondere Anerkennung gilt Marcus Ganser für die genial raschen Bühnenumbauten und Alexandra Fitzinger und Margit Sanders für die Sixities-Kostüme, inklusive der hässlichsten Perücken von überhaupt, vor allem die Vokuhilas.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 2. 4. 2014