Jacqueline Kornmüller & Peter Wolf: Museum der Träume

Mai 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ihr Ganymed-Projekt geht auf Schloss Ambras weiter

Pàl Szepesi tanzt in der Sammlung Gotischer Skulpturen. Bild: © KHM-Museumsverband

Pàl Szepesi tanzt in der Sammlung Gotischer Skulpturen. Bild: © KHM-Museumsverband

Nach dem großen Publikumserfolg der preisgekrönten Ganymed-Serie im Kunsthistorischen Museum Wien und in der Kulturhauptstadt 2016 Breslau entwickeln Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf von „wenn es soweit ist“ auf Schloss Ambras Innsbruck ein performatives Spiel durch Zeit und Raum: das Museum der Träume Ambras. Ab 21. Mai trifft zeitgenössische Performance auf die Kunst der Renaissance und eröffnet neue Sichtweisen auf die hauseigenen Sammlungen. An acht Abenden erwecken Schauspieler, Musiker und Tänzer das Schloss zum Leben.

So setzt sich Sabine Gruber lustvoll mit dem Portrait des Humanisten Giovanni Boccaccio auseinander. Der weißrussische Autor Viktor Martinowitsch, dessen Roman „Paranoia“ in seiner Heimat verboten wurde, sucht in der Rüstkammer Erzherzog Ferdinands II. die Nachklänge der Grausamkeit des Krieges. Simon Zöchbauer, Julia Lacherstorfer und das Musikduo „Ramsch & Rosen“ verheiraten sich und andere in der St. Nikolauskapelle.
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Thomas Glavinic bespielt mit seinem Text „Nackt!“ das Bad der Philippine Welser. Komponistin Johanna Doderer komponiert die Klagen des gotischen Schmerzensmanns. Franz Schuh macht sich in der Habsburger Porträtgalerie auf die Suche nach dem Lächeln. Bei Milena Michiko Flašar geht das riesige Ambraser Schwein zu Herzen. Und Esther Balfe und Emmanuel Obeya erforschen mit ihrer Choreographie neue Galaxien unter dem Ambraser Sternenhimmel. Es spielen unter anderem Günther Lieder, Vivien Löschner, David Oberkogler, Harald Pröckl, Katharina Stemberger und Peter Wolf.
Peter Wolf spielt in der Zweiten Rüstkammer einen Text von Viktor Martinovich. Bild: © KHM-Museumsverband

Peter Wolf spielt in der Zweiten Rüstkammer einen Text von Viktor Martinovich. Bild: © KHM-Museumsverband

Katharina Stemberger spielt in der Habsburger Porträtgalerie einen Text von Franz Schuh. Bild: © KHM-Museumsverband

Katharina Stemberger spielt in der Habsburger Porträtgalerie einen Text von Franz Schuh. Bild: © KHM-Museumsverband

Das Museum der Träume startet am Toreingang des Ambraser Unterschlosses. Dort werden die Eintrittskarten in farbige Einlassscheine umgetauscht. Die verschiedenen Farben teilen das Publikum auf die verschiedenen wundersamen Ort im Schloss auf, an denen jeweils die erste Performance beginnt. Von dort aus wird dann das Schloss eigenständig erkundet, um die weiteren Szenen zu erleben. Jede Szene wird gleichzeitig und mehrmals hintereinander gespielt. Dadurch haben alle Zuschauer die Möglichkeit, alle Szenen zu sehen. Zusätzlich gibt es eine Videoinstallation von Helmut Wimmer in der Bacchusgrotte und eine Soundinstallation des Songs „Smile“ von Charlie Chaplin. Ihn singen unter anderem Michael Bublé und Rod Stewart.

Ab Innsbruck fährt ein Gratis-Shuttlebus zum Schloss.

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14766

www.schlossambras-innsbruck.at/museumdertraeume

www.wennessoweitist.com

Wien, 9. 5. 2016

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf im Gespräch

September 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ganymed Dreaming“ im Kunsthistorischen Museum

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf Bild: wennessoweitist

Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf
Bild: wennessoweitist

Mit „Ganymed Dreaming“ startet das Theaterkollektiv wennessoweitist ab 23. September das nächste große Projekt im Kunsthistorischen Museum. Regisseurin Jacqueline Kornmüller und Lebens- wie Bühnenpartner Peter Wolf setzen diesmal den besonderen Schwerpunkt auf Musik. Sieben musikalische Kompositionen und sechs literarische Texte, inspiriert von Meisterwerken der Gemäldegalerie, werden direkt vor den Gemälden aufgeführt und eröffnen so neue Sichtweisen auf Alte Meister. Schauspieler, Musiker und Tänzer erwecken die Bilder zum Leben. Mit dabei: Star-Sopranistin Angelika Kirchschlager, Burgtheaterschauspielerin Sylvie Rohrer, Pianist Marino Formenti und Die Strottern. Ein Gespräch mit Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf über „Ganymed“, Flüchtlinge und Theater, das politischer Widerstand ist:

MM: Nach „Ganymed Boarding“ und „Ganymed goes Europe“ ist „Ganymed Dreaming“ das dritte Projekt der Reihe. Entwickelt sich „Ganymed“ zur Marke?

Peter Wolf: „Ganymed“ hat eine bestimmte Bekanntheit erreicht, ja. Aber es ist keine Marke, denn Coca Cola schmeckt seit 40 Jahren gleich. Wir versuchen immer etwas Neues zu entwickeln, es soll sich immer weiter streuen. In alle Richtungen. Entstanden ist die Idee in Hamburg. Wir haben ein Buch des Dichters Mark Strand in die Hand bekommen, der über die Gemälde von Edward Hopper geschrieben hat. Wir haben damit herumexperimentiert – und sind so auf die Idee gekommen: Wenn man über Bilder assoziiert, erschließt sich das Gemälde neu. Wir haben dann ein Museum gesucht, das mit uns arbeiten würde. Es war in Wien das Kunsthistorische Museum. Sabine Haag hat es ermöglicht – nun schon zum dritten Mal. Die Ausformulierung erfolgt diesmal mit Musik, Tanz und Schauspiel. Es gibt 13 Stationen.

MM: Diesmal geht es um die Schönheit und Gewalt der Träume. Es ist mehr Musiktheater als bisher. Inwieweit haben die Künstler Mitsprache- und Auswahlrecht?

Wolf: Das Thema Träume ist inspiriert von einem Film Akira Kurosawas, „Yume“, der die ganze Bandbreite an Träumen zeigt. Die Tänzerin Maria Teresa Tanzarella führt seit drei Monaten Traumtagebuch und wird danach ihren Beitrag gestalten, erzählen und tanzen. Der Künstler hat volle Verantwortung für seine Station. Beispielsweise Angelika Kirchschlager geht mit Jacqueline Kornmüller durch die Gemäldegalerie, schaut sich mal grundsätzlich die Bilder an, sieht ein Frauenporträt und sagt: Die sieht ja aus, wie Putin. Das nimmt Jacqueline Kornmüller auf, fragt Martin Pollak, ob er eine Art Rede für Putin schreiben könnte. Johanna Doderer vertont das Ganze. Und weil Angelika Kirchschlager einmal Schlagwerk studiert hat, hängen wir ihr einen großen chinesischen Gong dazu. Um das einmal zu beschreiben: So entwickelt sich eine Station.

MM: Sie selbst machen „Der beste Ort auf Erden“, ein Text von Viktor Martinowitsch vor „Alter Mann am Fenster“ von Hoogstraten.

Wolf: Martin Pollak hat uns bekannt gemacht. Martinowitsch ist ein außergewöhnlicher Mensch, eine große Begabung in der europäischen Literatur. Er hat eine sehr schwierige Situation ist Weißrussland, wo ihm das veröffentlichen verboten ist. Er hat das fantastische, überbordende Buch „Paranoia“ geschrieben, das ich in einem Atemzug mit Houellebecqs „Unterwerfung“ nennen möchte. Wir haben ihn gefragt, ob er für „Ganymed“ einen Text beisteuern möchte. Es ist eine wahnsinnig schöne Geschichte geworden, in der er seine Lebenssituation, seine Ängste umlegt auf ein Glücksthema. So eine schöne Arbeit habe ich seit Längerem nicht gemacht.

MM: Dann gibt es die „Lampedusa“-Station von Esther Balfe und Emmanuel Obeya zum „Traum des Hl. Josef“ von Daniele Crespi …

Wolf: Jacqueline hat sich diese Station ausgedacht. Es geht um Flucht. Das Thema verfolgt uns künstlerisch seit fünf, sechs Jahren. Aber es wird sehr anders, als man sich es vielleicht denken möchte.

Jacqueline Kornmüller: Es war mir ganz wichtig, dass das Thema Flucht hier vorkommt. Von sich aus ist keiner der Künstler auf das Thema zugegangen, so habe ich den heiligen Josef ausgesucht und Emanuel Obeya kennen gelernt. Er ist ein fantastischer Tänzer und Leadsänger der Sofa Surfers. Er hat ein Lied geschrieben über das Gefühl der Scham eines Flüchtlings, ein Gefühl, das ganz schwer abzuschütteln ist. Es geht um die Frage, wann hört ein Flüchtling auf, Flüchtling zu sein und wird Einwanderer und wird sogar Mitbürger. Wann darf er den Flüchtlingsstatus abschütteln? Seine Frau tanzt daneben in einem goldenen Kleid – sie ist der Blick des Westens auf das, was da auf uns zurollt.

MM: „Das was da auf uns zurollt“ haben Sie in anderen Projekten wie „Die Reise“ (www.mottingers-meinung.at/?p=1313) und „fly ganymed“ (www.mottingers-meinung.at/?p=860) schon vorweggenommen. Haben Sie prophetische Eingebungen?

Kornmüller: Mir erschien die Situation eben damals schon sehr brisant. Heute ist es viel schlimmer, heute würde ich ein Stück machen über die Menschen, die auf der Flucht sterben, eine verschärfte Form, die von den Toten erzählt. Denn viele lassen wir im Stich. Natürlich kommen auch viele zu uns durch – und da finde ich es fantastisch, wie ihnen geholfen wird. Es gibt das andere Europa, ganz viele Menschen, die ihre Türen öffnen, die dringend Notwendiges zum Westbahnhof tragen …

Wolf: Ich bin überzeugt davon, dass „Die Reise“ einen Teil der Stimmung in der Stadt verändert hat. Aber der künstlerische Weg läuft nicht gleich mit politischen Entwicklungen. Manchmal sieht man etwas voraus, manchmal bewegt man sich auch fernab der politischen Diskussion, weil einem das die Intuition sagt.

MM: Sind die Menschen den Politikern im Kopf voraus?

Kornmüller: Empathisch auf jeden Fall. Die Grenzen dicht machen, das sind für mich hilflose Schritte. Man muss nach vorne losgehen, man muss seine Fantasie anstrengen, überlegen, was man jetzt machen kann. Ich glaube, da gibt es ganz viele Lösungen, auf die man gemeinsam kommen kann. Das Letzte, was man machen sollte, ist sich abschotten. Das geht nach hinten los. Das wird uns auch auf Dauer nichts bringen. Nein, wir müssen uns öffnen. Juncker muss sich durchsetzen und Europa überzeugen, Flüchtlinge in viel größerem Maße aufzunehmen, als es bisher passiert. Ich glaube, er schafft das.

MM: Ihr Engagement entstand auch durch die Begegnung mit Ute Bock.

Wolf: Wir haben direkt im Haus daneben gewohnt, haben täglich die Traube von Menschen gesehen, die in ihr Büro wollten, haben uns gewundert was das ist – und sind reingegangen. Ute Bock ist ja sehr erzählfreudig und hat uns alles genau erklärt. Das hat sich uns ein Thema, das uns bis dato nicht so sehr nahe gegangen ist, erschlossen. Wir haben drei Jahre bei ihr Postdienst gemacht und erkannt, wie wichtig die Arbeit ist und wie weit sie geht. So ging das los.

MM: Sie haben so Menschen, die in Österreich Zuflucht gesucht haben, kennengelernt. Was kann unsere Gesellschaft von ihnen annehmen, was können sie uns geben?

Kornmüller: Ich habe mit Menschen aus Somalia und Syrien in drei Werkstätten gearbeitet: Fahrrad, Tischlerei, Nähen. Da kam ein unglaublicher Reichtum, Ideen, auf die wir nie gekommen wären. Die Menschen sind liebevoll, bringen neue Geschichten mit zu uns – und sie können Partys feiern. Ich bin am Ende des Tages immer glücklich nach Hause gegangen. Flüchtlinge sind nicht so „unglaublich fremd“. Sie haben die gleichen Sorgen wie wir, sie wollen ihre Familien ernähren und ein gesellschaftliches Leben führen. Sie müssen sich in Österreich immer wieder gegen eine Form von Rassismus wehren, aber momentan habe ich ein gutes Gefühl. Es ist alles auf einem guten Weg. Die Politiker, die auf diese Angstschiene setzen, deren Wahlkampf wird als Schuss nach hinten losgehen. Diese Politiker stemmen sich gegen etwas, das derzeit in der Bevölkerung passiert – Solidarität.

Wolf: Das ist ein Projekt, dass Jacqueline in der VinziRast von Cecily Corti entwickelt hat, es nennt sich VinziChance. Die Arbeit hatte Pole. Es war auch emotional sehr aufwühlend. Es wurde uns da so klar, wie das attische Ideal von Theater ist. Die Theater, die wir haben, sind, bei aller großer Qualität der Aufführungen, Amüsierbuden für Großbürgerliche. Das Theater meint aber auch etwas anderes, es ist auch eine pädagogische Lehranstalt, ein Ort, wo Gesellschaft sich bespricht. Theater ist die große Chance der Gesellschaft, sich zu bewegen. Wir haben in Lunz gearbeitet, das Projekt „Die Wahl“ gemacht. Fünf Jahre war es ein Hin- und Herziehen, die Lunzer waren sehr zögerlich, aber dann haben alle mitgemacht, sich besprochen, ob ein Asylwerber sich eine Wohnung nehmen darf oder nicht. Tatsache ist, dass nun, fünf Wochen nach dem Projekt, die erste syrische Familie eine Bleibe gefunden hat. Das ist das Wesentliche: Theater ist der Besprechungsort des Volkes.

MM: Theater als Ort der gesellschaftspolitischen Veränderung?

Kornmüller: Das ist ganz wichtig und es wird mir immer wichtiger. Meine Inszenierungen waren nie unpolitisch, aber je älter ich werde, desto wichtiger wird mir Theater als Ort, an dem es um politische Statements geht. Ich finde, es ist wichtig, dass Künstler politisch Stellung beziehen. Es gibt so viele Angsthasen unter den Künstlern und das nervt mich eigentlich. Da verschanzt man sich hinter einem Stück und hinter einem Text und sagt, die Interpretation allein muss uns schon genügen, und im Publikum weiß keiner, was gemeint ist. Das ist mir nicht deutlich genug. Kultur muss konkret werden, unsere Welt braucht konkrete Lösungsansätze. Beim Film schafft man das schon lange, beim Theater ist es höchste Eisenbahn. Beim „Weltdorf“ beim Forum Alpbach hatte ich wieder einmal das Gefühl, wir sind am Kern. Wir haben die Teilnehmer körperlich, als prozentuale Masse, erfahren zu lassen, wie ungleich Geld auf dieser Welt verteilt ist, was es heißt, Analphabet zu sein. Das haben wir mit ihnen gespielt.

Wolf: Das war eine schöne Anregung, man könnte auch sagen: Provokation. Wir wollen Leute anpieksen. Immer mehr. Das Spielen ist schön, ich habe in Deutschland viele große Rollen gespielt, aber Leben bedeutet, dass man Einfluss nimmt. Ob ich jetzt Schauspieler, Musiker oder Gärtner bin, man muss es versuchen. Das ist auf jeden Fall wichtiger, als den 500. Hamlet zu spielen.

MM: Hauptberuflich Denkanstoßgeber?

Kornmüller: Naja, das machen viele. Wir versuchen es halt auch.

MM: Wie weit ist „Ganymed Dreaming“ die Möglichkeit, in hochkulturellem Rahmen mit den hochkulturellen Mitteln klassischer Musik und Tanz die Themen zu transportieren, die Ihnen wichtig sind?

Kornmüller: Die sind in den Bildern eingeschrieben: Lynchjustiz, Mord, Totschlag. Das ist in fast jedem Bild drin. Und die familiären Themen, die Liebe. Die Künstler nähern sich den Bildern schon auf radikale Weise. Nicht jedem ist das Recht. Manche sagen, das Kunsthistorische Museum ist eine Kirche, hier sollte so etwas nicht passieren. Unser Ansatz ist, dass durch das Projekt eine Lebendigkeit, eine Forschheit, eine Inhaltstiefe reinkommt, die dem Raum eigentlich gut tut. Wir haben gemerkt, dass das Projekt sich sehr verändern kann. Das ist toll. Wir bauen mit den Strottern eine Szene, die mit Musik beginnt und fast clownesk endet. Mit einem Sprung ins Nichts. Klemens Lendl und David Müller machen das eins zu eins auf sich bezogen und sind doch ganz beim Bild „Opfertod des Marcus Curtius“ von Veronese. Da ergeben sich sehr schöne Konstellationen. Das Bläserensemble Federspiel hat sich die „Hirschjagd“ von Lucas Cranach vorgenommen, die treiben die Zuschauer durch den Saal und schlachten musikalisch einen Hirsch. Was wir diesmal präsentieren können, eröffnet dem Publikum ganz neue Sichtweisen auf die Bilder.

MM: Haben Sie Berührungsängste?

Wolf: Nein, das gesellschaftliche Leben, das wir haben, ist auch das, das wir verdienen. Wie Cecily Corti sagt, ich kann sehr wohl als einzelner einwirken, dann wird sich auch was ändern. Bis dahin ist das, was an Gesellschaft vorhanden ist auch das, womit ich leben muss.

Kornmüller: Ich habe keine Berührungsängste. Ein Mensch ist ein Mensch. Wir haben ein sehr unterschiedliches Publikum. Zu uns kommen Leute aus den unterschiedlichsten Ecken, Studenten, Kinder, viele, die einen Pass von „Hunger auf Kunst und Kultur“ haben, viele, die Stammbesucher des Kunsthistorischen Museums sind. Das ist eine gute Mischung. Die Leute haben viel Freude miteinander und aneinander. Die Leute kommen gerne in unsere Projekte, weil sie da auf andere treffen, mit denen sie sonst keinen Abend teilen. Es sind die kleinen Schritte, die kleinen Gesten, die uns zusammenführen. Ich finde es gut, wenn Bundespräsident Heinz Fischer nach Traiskirchen fährt, traurig nur, dass es dazu eines Amnesty-International-Berichts bedurft hat. Da wundert man sich schon, warum von sich aus keiner nachschauen geht. In Traiskirchen ist eine private Sicherheitsfirma schwer überfordert. Die scheinen’s nicht zu packen. Man müsste sie von ihrer Verantwortung entbinden. Wäre das bei Siemens oder am Burgtheater, dass jemand einen schlechten Job macht, dann wird er rausgeschmissen. In Traiskirchen müssen neue Lösungsansätze her, so wie es ist, kann’s nicht bleiben.

MM: Ist die Würde des Menschen antastbar?

Wolf: Das ist eine der Fragen, über die jeder einmal nachdenken sollte. Grundsätzlich, ja. Aber ich bin immer für das positive Bild. Und daher sehr dankbar für die derzeit so positive Stimmung der Menschen. Ich wusste gar nicht, dass es so viele vernünftige Menschen in Österreich gibt. Da hört man plötzlich im Fernsehen einen Polizeihauptmann, der „normale“ Sätze sagt! Ich finde, das straft alle anderen Lügen. Das wird sich auch schnell wieder ändern, fürchte ich. Wenn es so bliebe, könnten wir vielleicht aufhören, Theater zu machen.

MM: Bis es soweit ist 😉 : Wo wollen Sie sich als nächstes einmischen?

Kornmüller: Da geht uns einiges im Kopf um. Auch darüber, wie wir uns als Kollektiv verändern müssen. Für mich ist wichtig, dass wir nicht festfahren, dass wir nicht wieder in die konventionelle Schiene reinkommen. So gerne ich manchmal an einem festen Theater arbeiten würde, so sehr muss ich mir dann immer wieder sagen, lass’ es bleiben, bleib’ auf diesem freien Feld, auch wenn es schwer ist, dafür Finanzierungen aufzustellen. Was Themen betrifft, gehen sie uns nicht aus. Ganz vorne natürlich, dass Europa Einwanderungsland wird. Die Begegnung mit der Angst wäre für mich auch ein großes Thema.

Wolf: Wenn wir theatrale Kunst machen, dann soll es immer mehr Richtung politischer Widerstand gehen. Es ist nicht in Ordnung, wie wir uns in Europa verhalten. Wir haben Möglichkeiten und man muss daran arbeiten, dass diese Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Das ist der Motor aus dem heraus wir Theater machen. Wir versuchen immer wieder Formen zu finden – und „Ganymed“ ist dafür eben ein wunderbar bewegliches Tool.

MM: Wie würden Sie dem Publikum empfehlen, „Ganymed Dreaming“ anzugehen?

Wolf: Wir haben diesmal sehr darauf geachtet, dass man alle 13 Stationen an einem Abend sehen kann. Meine Empfehlung ist, sich für den Eindruck Zeit zu nehmen.

MM: Sie waren mit „Ganymed“ auch in Ungarn, haben sogar einen Kritikerpreis bekommen.

Wolf: Ich bin sehr froh, dass wir dort waren, weil ich nun weiß, dass es auch das andere Ungarn gibt. Nicht nur das des Herrn Orbán. Es gibt ein wundervolles, reiches Ungarn, das voll innerer Schönheit ist. Jetzt hätte es keinen Sinn, ein Projekt wie unseres zu machen. Die Sache hat sich zu verroht. Wir haben viele Freunde in Ungarn, die darüber sehr unglücklich sind.

www.khm.at/ganymed-dreaming/

www.wennessoweitist.com/

Wien, 16. 9. 2015

wennessoweitist: Ganymed goes Europe

Februar 27, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Rückkehr ins Kunsthistorische Museum

Péter Esterházy Bild: khm

Péter Esterházy
Bild: khm

Mit ihren Produktionen „Die Reise“ (über Migranten-) und „Das Kind“ (über Kinderschicksale) am Volkstheater haben Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf alias „wennessoweitist“ berührt. Ebenso mit dem Kinderschlepperdrama „fly ganymed“. Der größte bisherige Erfolg des Theaterpaares war aber „Ganymed Boarding“ im Kunsthistorischen Museum. Nun wird das Projekt ab 12. März mit Kornmüllers neuer Inszenierung „Ganymed goes Europe“ fortgesetzt. 14 AutorInnen – darunter Péter Esterházy, Maja Haderlap und Josef Winkler – wurden eingeladen, Texte über Meisterwerke der Gemäldegalerie zu schreiben, um neue Sichtweisen auf Alte Meister zu eröffnen. Ein Ensemble aus 23 SchauspielerInnen, TänzerInnen und Musikern erweckt Bild und Betrachtung zu neuem Leben. Die BesucherInnen werden beim Rundgang durch das Museum in ein theatrales Zwischenreich gezogen und entscheiden selbst, wie lang sie wo verweilen. An jedem der Abende werden alle Stücke zeitgleich und mehrmals hintereinander aufgeführt. Partnerländer der Produktion sind Polen und Ungarn.

Die AutorInnen: Lajos Parti-Nagy, Milena Michiko Flasar, Klemens Lendl, Anna Kim, Maja Haderlap, Peter Esterhazy, Doron Rabinovici, Martin Pollack, Josef Winkler, Johanna von Doderer und Franz Schuh.

Die SchauspielerInnen, MusikerInnen, TänzerInnen: Mercedes Echerer, Nicole Heesters, Judith Aguilar, Frieda Lovisa Hamann, Hans Dieter Knebel, Katharina Stemberger, Janos Kulka, Bert Oberdorfer, Peter Wolf, Nicola Djoric, David Oberkogler, Die Strottern, Nicola Djoric, Yury Revich und Pál Szepesi.

www.wennessoweitist.com

www.khm.at/ganymed/

„Die Reise“: www.mottingers-meinung.at/kein-theater-die-wirklichkeit/

Interview mit Jacqueline Kornmüller: www.mottingers-meinung.at/urauffuhrung-von-das-kind-am-wiener-volkstheater/

„Das Kind“: www.mottingers-meinung.at/das-kind-am-volkstheater/

„fly ganymed“: www.mottingers-meinung.at/bedruckendes-stuck-uber-kinderschlepperbanden/

Wien, 27. 2. 2014

Seelischer Kraftakt: „Das Kind“ am Volkstheater

April 20, 2013 in Bühne

In Wahrheit ist man allein

Das Bühnenbild: ein weißes Haus. So wie’s Kinder zeichnen. Ein Dreieck, das auf zwei Strichen aufgesetzt ist. Polsterschlachten, Schulbänke und -uniformen, wilde Fangerl-Spiele. Eine Nackte unter der Dusche. Betten, um darin geboren zu werden. Und zu sterben. Das Künstlerpaar Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf, besser bekannt als Theaterduo „wennessoweitist“, sie zuständig für Regie und Ausstattung, er für die Produktion und die Dramaturgie, brachten am Wiener Volkstheater ihre neueste Arbeit „Das Kind“ zur Uraufführung. Nach „Die Reise“, den ergreifenden Berichten von Migranten, Flüchtlingen und Asylwerbern, ist dies die zweite Koproduktion des Projektteams mit dem Haus. Dreißig Menschen (dabei die beiden Volkstheater-Schauspielerinnen Martina Stilp und Annette Isabella Holzmann) wurden von den beiden diesmal ausgewählt, um ihre Geschichte zu erzählen: Über’s Kindsein, aber auch übers Mutter-und-Vatersein. Über Deformation durch Erziehung, Elternliebe, das Spielballdasein von Scheidungskindern, Prügel, Missbrauch. Vieles tragisch, manches zum Schmunzeln, einiges so Alltäglich, dass es banal klingt, zwei, drei Auftritte zu langatmig. Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend. Sagte Mark Twain. Von der Dichte der „Reise“ ist dieser Abend allerdings ein Klassenzimmer weit entfernt.

Peter Wolf und Ensemble Bild. © Helmut Wimmer

Peter Wolf und Ensemble
Bild. © Helmut Wimmer

Doch immer wieder ist wunderbar anzuschauen, welche Darstellungskraft Kornmüller aus ihren nicht hauptberuflichen Schauspielern hervorbringt. Welch Kraftakt muss es für die Dreißig sein, sich vor ein Publikum zu stellen, und über das Intimste zu reden, das es gibt. Über sich selber. Die Familie. Berührend schildert Helmut, ein Krisenpflegevater, wie es ist, Gewalt, Sex und Verwahrlosung entrissenen Kinder bei sich aufzunehmen. Er übt mit allen seinen „Grundsound zum Einschlaferln“ dieser Traumatisierten. Sch-sch-sch.Witzig ist Nikolai, den die Mutter ins Ballett schickte – weil: „GELL, du willst das EH!“ -, während er seinen Freunden was von Sport vorlog. Ratlos bleibt Ibrahim auf die immer wieder gestellte Frage: „Warum kriegt ihr Afrikaner eigentlich so viele Kinder?“

Das sind die Gefühlsbäder, die den Abend ausmachen. Wenn Laura von ihren Großeltern erzählt – die Tochter aus besserem Hause ließ sich mit dem Mopedfahrenden Briefträger ein. Ergo Schwangerschaft und eine Hochzeit in Schwarz, weil in der Franco-Zeit die Braut so ihre „Schande“, ihre „Sünde“ öffentlich machen musste. Als die Oma krank wurde, lernte Opa mit 80 noch kochen. Eine Liebe fürs Leben. Wenn Veronica, die schon bei der „Reise“ dabei war, deren Familie 1938 von Wien nach Argentinien emigrierte, vom sadistischen Vater und den Sadisten im Internat spricht. Wenn die Holzmann, zweifache Mutter, über die „Eifersucht des Ausgeschlossenseins“ des Kindervaters, wenn sie stillt, lachen muss. Wenn Günter, ein ehemaliges Heimkind, übers „Spielen“ mit seinem Erzieher sagt, dass er, also gar nicht weiß, „wie ich das sagen soll – dass also ich das Fohlen bin und er das erwachsene Pferd, und halt dass sein Penis wie ein Euter ist, und ja …“

Eine der Darstellerinnen wirft ein schwarzes Tuch über sich: „In Wahrheit ist man allein.“

Zum Schluss: Peter Wolf. Auch er schont sich nicht beim kollektiven Seelenauswinden. Sein Vater/Chefarzt starb am Strand von Griechenland. Gerade noch war Urlaub, Sandburgenbauen mit dem Sohn. Dann er hilflos, allein, bis Hilfe kam. Und bis heute die Ungewissheit: Hätte ich was tun können, um den Vater zu retten? Sich Gedanken über „Das Kind“ zu machen, ist schwerer auszuhalten, als man meint.

www.volkstheater.at

www.wennessoweitist.com

Interviews zur Produktion: www.mottingers-meinung.at/urauffuhrung-von-das-kind-am-wiener-volkstheater

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 4. 2013

Uraufführung von „Das Kind“ am Wiener Volkstheater

April 15, 2013 in Bühne

Ein Interview mit Jacqueline Kornmüller und ihrem Team

Das Kind/Ensemble Bild: © Helmut Wimmer/Volkstheater

Das Kind/Ensemble
Bild: © Helmut Wimmer/Volkstheater

2011 zeigten Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf am Volkstheater ihre aufrütteltende und ausgezeichnete Produktion „Die Reise“: 30 Migrantinnen und Migranten, Flüchtlinge aus ihren Heimatländern, Aslywerber, erzählten auf der Bühne ihre Lebensgeschichte. Mit „Das Kind“ führt das Künstlerpaar von „wennessoweitist“ diese Arbeit wieder in Koproduktion mit dem Volkstheater fort. Nur geht es dieses Mal um das Thema Kindsein, Erziehung … Schonungslos und mit beeindruckender Offenheit erzählen die Protagonisten ihre Geschichten. Das ist aufregend, bestürzend, erhellend und auch beglückend. Erstmals sind mit Martina Stilp und Annette Isabella Holzmann auch zwei Mitglieder des Ensemble im Team. Ein Gespräch, das aus einem Probenbesuch entstand.

Premiere von „Das Kind“ ist am 19. April im Volkstheater.

MM: Ich hatte das Gefühl, Sie haben diesmal länger nach einem Titel für Ihr Projekt gesucht. „Wiegenlied“ stand mal im Raum – nach dem Western „Das Wiegenlied vom Totschlag“. Nun heißt die Produktion schlicht „Das Kind“. Wie kam’s zu der Entscheidung? Und warum war es diesmal so schwierig, einen Titel zu wählen?

Jacqueline Kornmüller: Mit „Die Reise“, der ersten Produktion, die wir am Volkstheater gemacht haben, sind wir zwei Jahre lang schwanger gegangen. Als es dann an die Umsetzung ging, stand der Titel schon fest. Diesmal hatten wir nur ein Jahr Vorbereitung. Das war zeitlich eng, aber spannend. Das eigentliche Thema erfindet sich immer erst in der Castingphase, und fairer Weise kann man dem Stück dann erst einen Titel geben.

Peter Wolf: Wir haben uns ein Thema gesetzt – die Erziehung. Bei unserer Form der Produktion befragt man im nächsten Schritt also Menschen, was ihnen dazu einfällt. Und das Schöne ist, dass man eigentlich nicht wirklich weiß, wie’s ausgeht. Das Stück hat sich längst über den Schwerpunkt Erziehung hinaus entwickelt. Es geht nun um „Das Kind“.

MM: Etwas, das wir alle kennen. Im Gegensatz zur „Reise“, wo über Krieg und Flucht und Vertreibung berichtet wurden, Erfahrungen, die wir zum Glück nicht alle machen mussten, war jeder von uns Kind, wurde erzogen, verzogen, gebildet, verbildet … Kindsein ist ein Universalthema, mit dem man die Leute packen kann.

Kornmüller: Ich hoffe. Erzogen worden ist jeder, jeder erzieht. Man ist, ob man will oder nicht, in dem Kreislauf drinnen.

Martina Stilp: Mensch ist jeder. Mich hat „Die Reise“ nicht weniger gepackt, nur weil mir diese Erfahrungen erspart geblieben sind. Meine einzige Flucht war die vor meinen Eltern in der Pubertät. Aber was da über den Bühnenrand geschwappt ist an Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, das hat mich als Nichtmigrantin angesteckt.

MM: Wie viele Leute haben sich diesmal fürs Casting beworben?

Kornmüller: 360, von denen wir 30 ausgewählt haben. Zehn von der „Reise“ sind wieder mit dabei. Da wächst wieder eine tolle Truppe zusammen. Man ist gespannt aufeinander, will wissen, welche Geschichte der andere hat. Das ist auch nötig für solche Projekte, sondern beginnen die nicht zu leben. Da entstehen tatsächlich Freundschaften fürs Leben.

Wolf: Jaqueline hat ja diese Produktionsform am Hamburger Schauspielhaus erfunden. Da kam ein Ensemble aus Menschen ab 65 zusammen, die treffen sich nach wie vor. Und das ist jetzt acht Jahre her. Wir machen auch Workshops mit den „Reise“-Leuten …

Kornmüller: Wir haben ein Riesenprojekt mit dem Kunsthistorischen Museum für Schulklassen, das heißt „In achtzig Tagen um die Welt“, da spielen die Mitwirkenden der „Reise“ nach dem Ganymed-Boarding-Prinzip: Jeder hat ein Gemälde und schildert davor, was er oder sie erlebt hat.

Wolf: Wir hoffen, wenn sich herausstellt, dass Erziehung ein nachhaltiges Thema ist, dass wir mit dem „Kind“ auch noch viele Dinge machen können.

MM: Sie, Herr Wolf, haben die Erzählungen wieder in eine theatertaugliche Form gegossen?

Wolf: Wir alle zusammen. Man kommt da schnell an Tabus. Es ist ein extrem intimes Thema, und es ist wirklich großartig, wie diese Dreißig die Schwierigkeit meistern, von sich und seiner Familie öffentlich zu erzählen. Das ist schon ein Punkt. Ich erzähle auch eine Geschichte auf der Bühne. Von meinem Vater. Ich habe gestern mit meinem Bruder telefoniert, und ihm gesagt: Du weißt, ich erzähle eine Geschichte vom Papa. Das berührt letztlich auch ihn. Er musste auch über einen Schatten springen bei unserem Vorhaben.

MM: Frau Stilp, Frau Holzmann, Sie sind Ensemblemitglieder des Volkstheaters. Was hat Sie bewogen, bei „Das Kind“ mitzuwirken?

Stilp: Seit ich „Die Reise“ gesehen und mit „Wahnsinn!“ gedacht habe, wollte ich mit Jaqueline und Peter arbeiten. Bei „Das Kind“ hieß es nun, dass sich auch Volkstheater-Leute bewerben können. Das habe ich getan. Und es ist mir ein Herzensprojekt. Das ich da mitmachen kann, ist super.

Annette Isabella Holzmann: Das ging mir genauso. Ich dachte, wow, das wäre cool mit den beiden mal zusammenzuarbeiten. Und ging wie jeder andere zum Casting.

Kornmüller: Es ist ja nicht so, dass wir diesmal „Schauspieler“ dabei haben wollten. Schauspieler sind auch nur Menschen. Zwölf vom Volkstheater haben sich beworben, und Martina und Annette haben uns so gut gefallen, dass wir sie dabei haben wollten. Beide haben ganz unterschiedliche Aufgaben an dem Abend, eine unterschiedliche Herangehensweise. Martina erzählt die Geschichte einer Frau, die mir beim Casting begegnet ist …

Stilp: Das ist eine Heilpädagogin, die mit Sozialphobikern zusammenarbeitet. Ich habe sie persönlich getroffen, um mich mit ihr abzusprechen, wenn ich schon sozusagen ihren Part übernehme. Sie betreut Kinder, die über Monate, über Jahre nicht mehr in die Schule gehen. Die Krankheit nennt man Schulphobie, was aber nichts mit Schulangst zu tun hat, sondern mit der Unfähigkeit zum Umgang mit den Mitschülern. Das sind oft Kinder, die sehr introvertiert und zurückgezogen sind. Wenn die dann in eine 30-köpfige Kindergarten- oder Volksschulgruppe kommen, sind sie emotional überfordert, voller Angst und ziehen sich sofort zurück. So hat sie’s zumindest erklärt. Ich muss gestehen, ich war fassungslos, dass es so etwas gibt.

MM: Frau Holzmann, Sie dagegen machen den Seelenstriptease.

Holzmann: Ja. (Sie lacht.) Ich erzähle übers Stillen. Als wir mit dem Projekt begonnen haben, war ich gerade mit meinem ersten Kind dabei, jetzt mitten in den Proben, bin ich beim zweiten Kind dran. Ich bin also wieder mit dem Stillen-Problem beschäftigt. Einerseits ist das eines der ersten großen Mutterglücksmomente, andererseits darf man dem Kindsvater nicht ein Gefühl des Überflüssigseins vermitteln, wenn man die „Ernährerin“ ist.

Kornmüller: Ja, den darf man nicht an den Rand drängen. Stillen macht etwas mit einer Familie, das löst neue soziale Prozesse aus. Und Annette erzählt das auf eine sehr humorvolle Weise. Das hat mir als Text sehr gut gefallen. Wir haben für das Stück nämlich so eine Art Dramaturgie erfunden: Man sieht „Das Kind“ groß werden, , aber gebrochen durch Schicksale. Vom Auf-die-Welt-Kommen übers Ins-Kinderzimmer-Einziehen bis zur Pubertät, bis zum Erleben des Todes der Eltern.

Holzmann: Ich möchte ans vorher Gesagte noch was anschließen: Für mich ist es eine einzigartige Erfahrung, meinen ersten selbstverfassten Text auf der Bühne zu sprechen, statt dem fertigen Konstrukt eines Dramatikers. Ich habe das Gefühl, dass mich das nicht nur menschlich, sondern auch künstlerisch auf eine neue Ebene bringt.

 MM: Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit Erziehung? Positive oder negative Erinnerungen?

Wolf: Ich bin als Kind immer wieder mal geschlagen worden. Und ich sehe, dass die „gesunde“ Tracht Prügel immer noch existiert. Ich sehe also ein dringendes, gesellschaftliches Bedürfnis, sich darüber zu unterhalten, wie wir mit unseren Kindern umgehen. Ich hoffe, dass unser Theaterabend dazu mehr als nur Denkanstöße liefern wird.

www.volkstheater.at/home/premieren/1226/Das+Kind

www.wennessoweitist.com

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 4. 2013