Wiener Festwochen: Trojan Women

Juni 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Helena als schöner junger Mann

Kim Kum-mi als Hekuba mit dem Chor: Lee Youn-joo, Kim Mi-jin, Heo Ae-sun, Seo Jung-kum, Min Eun-kyung, Na Yoon-young, Jung Mi-jung und Cho Yu-ah. Bild: National Theater of Korea

Mit einem fulminanten Schlusspunkt beenden die Wiener Festwochen ihre diesjährige Saison: Die National Changgeuk Company of Korea zeigt in der Regie von Ong Keng Sen „Trojan Women“ am Theater an der Wien. Die kühne Produktion erzählt Euripides‘ Drama mit den Mitteln des Pansori – eine traditionelle koreanische Kunstform, bei der ein epischer Gesang von einem Trommler begleitet wird – und mit musicalhaftem K-Pop.

Orientiert haben sich Texter Bae Sam-sik und die Komponisten Jung Jae-il sowie die legendäre Pansori-Sängerin Ahn Sook-sun, die in ihrer Heimat als „lebendiger nationaler Schatz“ gilt, an Sartres Interpretation des Troerinnen-Stoffs. Der französische Existenzialist verfasste sein Werk 1965 als heftige Anklage des Indochinakriegs, seine Landsleute als kolonialisierende, kriegstreibende Griechen, die Vietnamesen aus überfallene Troer, und so ist es nicht schwer, dies als Parabel auf den Imjin-Krieg zu lesen und auf die von den Japanern als „Trostfrauen“ verschleppten Koreanerinnen. Derlei Deutungen lässt Ong Keng Sens Inszenierung zu ohne mit dem Finger darauf zu verweisen, bleiben Bühnenbild und Kostüme doch, wiewohl an Altüberliefertes erinnernd, zeitlos – eine Art Tempel wird mit Videobildern von Meereswellen bis Wolkenhimmel bespielt. Die Musik und die Optik entwickeln jedenfalls einen gemeinsamen Sog, dem es unmöglich ist, sich zu entziehen. Zu Recht wurde die Aufführung am Ende mit Standing Ovations bedacht.

Guttural und ungewohnt heiser klingt das Singen der 15 Darstellerinnen und Darsteller. Allen voran überzeugen Kim Kum-mi als Hekabe, Kim Ji-sook als Andromache und Yi So-yeon als Kassandra. Komponist Jung Jae-il hat sich außerdem für den Chor eine Besonderheit einfallen lassen: Er fungiert neben dem aristokratischen Dreiergespann als deren Sklavinnen, die ihr Schicksal weit weniger beweinen als ihre Herrinnen, ändert sich doch für sie an der Hölle der Knechtschaft nichts.

Kim Kum-mi als Hekuba und Yi So-yeon als Kassandra. Bild: National Theater of Korea

Kim Ji-sook als Andromache und Lee Kwang-bok als Talthybios. Bild: National Theater of Korea

Nur drei Männer sind im Ensemble: Choi Ho-sung als Menelaos, Lee Kwang-bok als Talthybios – und Kim Jun-soo als nur von einem Klavier begleiteter Helena. Der koreanische Popstar, der in Seoul auch schon die Titelrolle im Vereinigte-Bühnen-Musical „Mozart!“ spielte, soll als androgynes Wesen die Fremdheit dieser schönsten Frau verkörpern, eine Übung, die dem jungen Singer/Songwriter makellos gelingt.

Herzstück der Aufführung ist somit auch die Auseinandersetzung Hekabe – Menelaos – Helena, in dem die gefangene Königin von Troja vom Spartaner-König verlangt, seine untreue Frau zu töten. Der aber, von ihrem Aussehen und ihrem Flehen um Gnade erneut betört, lässt sie unangetastet auf ein Schiff bringen. Für weitere starke Momente sorgt die Anrufung Apolls durch Kassandra, die ihr und aller anderen Sterben bereits voraussieht, und die stolze Trauer der Andromache, deren Säugling Astyanax von den Griechen ermordet wird, damit er nicht dereinst den Tod seines Vaters Hektor räche.

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

MAK: Tadashi Kawamata gestaltet die Asien-Sammlung

Mai 4, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein neuer Blick auf die fernöstlichen Schönheiten

Fragmente eines Frieses, Prozession von 87 himmlischen Wesen, Wandmalerei, China, Yuan-Dynastie (1260–1368). Bild: © MAK/Georg Mayer

Fragmente eines Frieses, Prozession von 87 himmlischen Wesen, Wandmalerei, China, Yuan-Dynastie (1260–1368). Bild: © MAK/Georg Mayer

Kawamoto Masukichi (1831–1907), Zierplatte Der Fuji, Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872. Bild: © MAK

Kawamoto Masukichi (1831–1907), Zierplatte Der Fuji, Japan, Seto, Meiji-Periode (1868–1912), um 1872. Bild: © MAK

Globus, China, Qing-Dynastie (1644–1911), um 1800. Bild: © MAK/Georg Mayer

Globus, China, Qing-Dynastie (1644–1911), um 1800. Bild: © MAK/Georg Mayer

„Ich glaube nicht an das Permanente, an das Ewige, daran, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Eine Ausstellung muss ‚beweglich‘ bleiben, man muss die Objekte immer wieder austauschen“, das ist die Überzeugung von Tadashi Kawamata, der 2014 mit der künstlerischen Neukonzeption der MAK-Schausammlung „Asien. China – Japan – Korea“ betraut wurde. Das Ergebnis einer Arbeit ist ab 11. Mai im MAK zu sehen.

Der renommierte japanische Künstler „befreite“ die Kunstwerke aus der Vitrine und eröffnet so einen völlig neuen Blick auf die Objekte. Unmittelbar beim Eintritt in den Schausaal wird der Blick nun auf vier Malereien aus dem 13. bis 14. Jahrhundert gelenkt, die gemeinsam mit Keramiken und Lackarbeiten von der Tang- bis zur Yuan- Zeit präsentiert werden. Das dichte Arrangement zeigt auf, wie die Tradition der „Drei Farben/sancai“ disziplinenübergreifend bis ins 14. Jahrhundert hineinwirkte.

Der chinesische Begriff „sancai“ bezeichnet mehrfarbige Glasuren, wobei die Farben Grün, Braun-Orange und Beige vorherrschen. Oft kommt Kobaltblau als vierte Farbe dazu. Diese einfache farbige Gestaltung von Keramiken wurde während der Tang-Zeit entwickelt, die Bleiglasuren machen die Tonstücke haltbarer und wasserundurchlässig. „Sancai“-Keramiken wurden schon in der Tang-Zeit nach Zentral- und Westasien exportiert und beeinflussten Technik und Gestaltung der Keramiken in islamischen Ländern und in der Folge auch die spätmittelalterliche Keramik in Europa.

Im Zentrum des Raumes richtet sich die Aufmerksamkeit auf chinesische Objekte aus der Ming- und Qing-Periode, die neben einer großformatigen Seidenmalerei im tibetischen Stil präsentiert werden. Die Malerei entstand für die Gast-Residenz des 6. Panchen Lama Lozang Palden Yeshe in Chengde, der kaiserlichen Sommerresidenz. Der Qianlong-Kaiser lud den Panchen Lama zu seinem 70. Geburtstag in die Residenzstadt ein und beauftragte aus diesem Anlass die Hofwerkstätten mit der Anfertigung großformatiger Gemälde. Wie auch in den kunstgewerblichen Objekten dieser Zeit ist in den Malereien ein Stilmix aus chinesischen und europäischen Elementen erkennbar.

Im Fokus der dritten Objektgruppe stehen Arbeiten, die zu den „Gründungsobjekten“ der 25 000 Werke umfassenden Asien-Sammlung des MAK gehören. Gezeigt werden die Objekte, mit denen Japan an der Wiener Weltausstellung 1873 teilnahm. Sie gingen im Anschluss daran in die MAK-Sammlung über und haben aus westlicher Sicht das künstlerische und ästhetische Bild von Ostasien nachhaltig geprägt. Ein großformatiges Stillleben von Watanabe Kai zeigt den Scheideweg in der Kunst Japans nach dem Ende des Feudalstaates des Tokugawa-Shogunats. Die Entscheidung zwischen Tradition und Hinwendung zur westlichen Kunst war noch offen, in diesem Bild „schweben“ räumlich gemalte Früchte vor neutral goldenem Hintergrund.

Eine Gegenüberstellung von Porzellanen aus Japan und Europa wird mit dem Sichtfenster geschaffen, das die Räumlichkeiten der Schausammlung Asien und der 1993 von Donald Judd gestalteten Schausammlung Barock-Rokoko-Klassizismus verbindet. Es dient als Vitrine für japanische Porzellane im Kakiemon-Stil aus dem 17. und 18. Jahrhundert und aus der Wiener Porzellanmanufaktur und gibt den Blick auf das Dubsky-Zimmer frei.

Zum Künstler:

Tadashi Kawamata, geboren 1953 in Mikasa, Japan, er lebt und arbeitet in Tokio und Paris, erweckte bereits mit 28 Jahren im Zuge seiner Teilnahme an der 55. Biennale di Venezia Aufmerksamkeit, als er den japanischen Pavillon mithilfe einer Holzkonstruktion in die Giardini erweiterte. Er ist regelmäßig bei internationalen Ausstellungen vertreten, wie etwa 1987 und 1992 bei der documenta in Kassel. Kawamata war künstlerischer Leiter der Yokohama Triennale 2005, der größten zeitgenössischen Kunstausstellung Japans. Seit 2005 lehrt er an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris.

www.mak.at

Wien, 4. 5. 2016