Volkstheater/Bezirke: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

November 30, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die 114 Suren als Symbol für Sein Lenkrad

Fahrstunde mit dem Koran als Lenkrad: Dominik Warta, Bagher Ahmadi und Michael Abendroth. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Am Ende, das heißt: am neuen Anfang, wenn Momo die geerbte Schatulle öffnet, wird ein warmes Strahlen auf sein Gesicht fallen. Im hölzernen Kästchen nämlich befindet sich eine Ausgabe des Heiligen Buchs des Islam, und der Lichtvers aus dessen 24. Sure – „Gott führt zu Seinem Licht, wen Er will, und Gott führt den Menschen die Gleichnisse an“, steht darin geschrieben – ist nicht nur die Inspirationsquelle des Sufismus, sondern gleichsam auch der Leitsatz von Éric-Emmanuel Schmitts „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Vom elsässischen Bestsellerautor erst als einer von drei Bühnenmonologen über die Weltreligionen verfasst, arbeitete Schmitt seinen Text später zur Erzählung um, bis die Story schließlich mit Omar Sharif in der Titelrolle zum Kino-Blockbuster wurde. Für die Bezirke-Tour des Volkstheaters haben Regisseur Jan Gehler und Dramaturg Michael Isenberg den tragikomischen Roadtrip für drei Schauspieler aufbereitet, Michael Abendroth, Bagher Ahmadi und Dominik Warta, und es ist vor allem der aus Afghanistan stammende Schauspielstudent an der Wiener MUK, der mit seinem Feuer und seinem Charme die Herzen des Premieren- publikums entflammt.

Die Inszenierung ist, wie die Franzosen formulieren würden, super sympa, und neben der liebenswerten Behandlung von Schmitts Pariser Rue-Bleue-Charakteren, ist Gehler auch die intensive Beschäftigung mit der jüngsten der Abrahamsreligionen hoch anzurechnen. Wie Schmitt in seinem literarischen Viertel Faubourg-Montmartre an jedem Detail feilte, so auch Gehler, bis zum Symbol der Rose, deren zwei getrocknete und gepresste Momo im Buch findet, und deren Beschaffenheit die Stationen in der Entwicklung des Derwischs darstellen – die Dornen die Schari’a, das islamische Gesetz, der Stängel Tariqa, den mystischen Weg, die Blüte Haqīqa, die Wahrheit, die als Duft Ma’rifa, die Erkenntnis, in sich trägt.

Überhaupt versteht sich die Aufführung auf Zeichen, und dies am schönsten, wenn das Koran-Kästchen bei der bevorstehenden Autofahrt emblematisch zu Seinem Lenkrad wird. Die Spielfläche bleibt bis auf die Vordersitze leer. Die Darsteller gestalten mit Kreidezeichnungen den Raum – Eiffelturm, Sacré-Cœur und Moulin Rouge werden an eine schwarze Tafel gekritzelt, ein Baguette, eine Flasche Beaujolais, in Emmareh- oder Einweihungsblau ein sich drehender Derwisch. Denn Monsieur Ibrahim, der einzige „Araber“ in der jüdischen Straße, ist gerade das nicht, dafür alles andere: alteingesessener Citoyen in der Stadt der Liebe, ursprünglich vom Goldenen Halbmond, Kolonialwarenhändler und Sufi.

Moses erfährt vom Selbstmord seines Vaters: Ahmadi und Warta. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die erste Lektion des Monsieur Ibrahim lautet „Lächeln!“: Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Monsieur Ibrahim nimmt Moses als Sohn an: Abendroth und Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Michael Abendroth stattet die Figur mit einer stoischen Verschmitztheit aus, die sowohl Monsieur Ibrahims spirituellen Habitus als auch seinen Hang zur Schlitzohrigkeit glaubhaft macht. Dieser Mann weiß, dass in der Ruhe zwar die Kraft, im Lächeln aber das Glücklichsein liegt, und dies ist lediglich eine der Lehren, die er Momo auf die Reise Richtung Levante und durchs Leben mitgibt, als der meint, die Mundwinkel nach oben zu ziehen, sei nur was für reiche Leute. Momo, eigentlich Moses, ist ein elfjähriger jüdischer Junge, der bei seinem Vater, einem Rechtsanwalt ohne Fälle, wohnt. Die Mutter hat vor dem unerträglichen Misanthropen bald nach Momos Geburt die Flucht ergriffen. Weshalb der nun den Sohn zum Haushaltssklaven degradiert.

Moses holt sich die Liebe, die er in der kalt-geheimniskrämerischen Atmosphäre seines Zuhauses nicht kriegt, bei den käuflichen Damen im Arrondissement, den darob entstehenden Geldverlust kompensiert er, indem er „beim Orientalen“ Konserven stiehlt – was Monsieur Ibrahim freilich längst bemerkt hat. Es ist ein Kunst- wie Glücksgriff Gehlers diesen diebischen Moses von Bagher Ahmadi verkörpern zu lassen, und im Sinne selbiger Liberté, Égalité, Fraternité den Muslim vom gebürtigen Hamburger mit Hauptwohnsitz Wien Abendroth. Nicht nur passt die Chemie der beiden, nicht nur können’s die zwei wunderbar zwischenmenscheln lassen, Ahmadi erweist sich auch als temperamentvoller, starker Sprecher, der seine Sätze mitunter, statt auf Hebräisch, in Farsi spricht.

Derart mäandern die 80 Minuten von Bonhomie zu melancholischem Humor, bis Moses‘ Vater, der seine binären Codes nach der Gleichung Jude sein ist gleich depressiv sein wie den Teufel an die Wand malt, Selbstmord begeht. Dem großartigen Dominik Warta kommt die Aufgabe zu, von Szene zu Szene zu sie alle zu sein: der finstere Vater, der nicht aus seinem Schneckenhaus kann, der unsensible Polizist, der die Todesnachricht überbringt, die überraschend auftauchende, von der Situation aber überforderte Mutter … Zwei Kabinettstücke liefert das Darstellertrio ab:

Das strahlende Licht aus der Schatulle macht aus Moses Mohammed: Bagher Ahmadi. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Im Adoptionsamt, denn Ibrahim will Moses an Kindes statt annehmen, mit Warta als bärbeißigem, aufs Prozedere pochenden Beamten, und in der Fahrschule mit Warta als Karntnarisch parlierendem Fahrlehrer. Und auch als bezaubernde Brigitte Bardot entpuppt sich Warta als Idealbesetzung. Mit der Weisheit des Koran und seinem unerschütterlichen Optimismus im Gepäck nimmt Monsieur Ibrahim Momo nun mit auf eine Expedition in neue Erfahrungswelten, und er lädt ihn ein zum Tanz zum Gedeih der Seele.

Der Schluss ist bekannt: Momo wird das Heilige Buch und die Greißlerei bekommen, zu Mohammed und zum neuen „Araber“ im Laden um die Ecke werden. Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ für die Volkstheater-Bezirke-Tour ist eine hinreißend gefühlvolle Produktion, die eine Coming-of-Age-Geschichte mit einer übers Aufeinander-Zugehen statt Voneinander-Abschotten verbindet, und von Regisseur Gehler bei aller Reduktion der Mittel mit genau dem Maß an Kitsch versehen, den das Ganze braucht. Nächste Termine: ab 4. Dezember.

www.volkstheater.at

www.bagher-ahmadi.com

  1. 11. 2019

Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali: Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran

Juni 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie aus Isaak der Ismail des Koran wurde

Bis hin zu Leonard Cohen, dem die „Story of Isaac“ einen Welthit wert war, ist die Geschichte bekannt: Ein Vater beugt sich über seinen wehrlosen Sohn, ein Messer blitzt in seiner Hand, da wird ihm im letzten Moment befohlen, statt des Kindes einen Widder zu opfern. Abraham, Stammvater aller drei nach ihm benannten abrahamitischen Religionen, ist eine von neun Figuren, die die sprachmächtige Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff und der irakisch-deutsche Autor Najem Wali ausgewählt haben, um deren Bedeutung in Bibel und Koran zu vergleichen.

Im überaus lesenswerten Sachbuch erfährt man nicht nur, warum im Christentum manche glauben, ein teuflischer Demiurg hätte Abraham zur Bluttat verführen wollen, sondern auch, warum im Islam der Vater der Propheten, der „Gesandte mit festem Willen“, seinen Erstgeborenen Ismail ­– zumindest wird er von den meisten muslimischen Kommentatoren als solcher identifiziert – hingeben sollte. Die beiden Autoren gehen aus ihrer je eigenen Sicht den Quellen nach, temperamentvoll, engagiert, auch augenzwinkernd.

Mit dem geplagten Hiob fragen sie nach der göttlichen Gerechtigkeit, mit Jona, dem ängstlichen Wal-Reisenden, nach Mut und Toleranz, so berühren sie mit ihrem Dialog zwischen zwei Weltreligionen die Krisenthemen zur Zeit. Dass im Koran Hiobs/Ayyūbs Frau Gott um Heilung des Gatten bat, und von diesem deshalb mit 100 Peitschenhieben bestraft werden sollte, ist nur eine der neuen Erkenntnisse, die man gewinnt. Gott wandelt die Strafe in einen Schlag mit einer Handvoll Gräser um: „Damit ist dein Schwur erfüllt, und du hast deiner Frau, die geduldig mit dir ausharrt und nur das Beste verdient hat, kein Leid zugefügt.“ – „Seltsam nur, dass es in einem streng islamischen Land wie Saudi-Arabien bei politischen Oppositionellen wie dem Aktivisten Raif Badawi keine Schonung vor Peitschenhieben gibt“, kommentiert Najem Wali.

Zu lesen ist, dass Maria/Maryam die komplette Sure 19 gewidmet ist, oder, dass im Koran Adam die Schuld an der Vertreibung aus dem Paradies hat; nur die Volksmeinung übernimmt die Geschichte mit der Schlange und dem Apfel. In der westlichen Welt wiederum wird Eva, die Einschleuserin des Bösen, mit aufkommendem Feminismus zur Heldin der Erhebung aus Gottes Obhut.

Unter all das mischt Lewitscharoff Populärwissenschaftliches. Etwa über Joseph L. Mankiewiczs Film „All About Eve“: „Ein Mann namens Jacob Dean Stockton sah den Film und lebte fortan mit der fixen Idee, Bette Davis sei leibhaftig die wiederauferstandene Eva … Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen … Stockton nahm sich in der Anstalt das Leben. Er erhängte sich mit einem Betttuch, auf das in roter Malkreide geschrieben stand: ,Evil Eve‘.“ Oder über Sören Kierkegaard, dem im Winter 1841, als er „Furcht und Zittern“ schrieb, Gott persönlich erschien: „Er! Allerdings nicht in einem brennenden Kaminfeuer mit Donnerstimme, sondern mit dem zartfeinen Stimmchen einer Maus.“ Mit der der Philosoph dann ausführlich über Abrahams Verhalten diskutierte.

In einem Buch über Glaubensfragen gilt es selbstverständlich auch, die Figur des Teufels/Schaitan zu behandeln. Lewitscharoff und Wali erläutern, wie aus dem „Morgenstern“, dem schönen Erzengel, der Klumpfuß – und heute der schmierige Verführer – werden konnte. Was die beiden allerdings nicht klären können, ist, warum Gott dem Bösen so viel Macht verliehen hat …

Über die Autoren: Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für „Pong“ erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Roman „Apostoloff“ wurde 2009 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. „Blumenberg“ (2011) stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Band „Vom Guten, Wahren und Schönen“, der die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen versammelt. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste.

Najem Wali, geboren 1956 im irakischen Basra, flüchtete 1980, nach dem Ausbruch des Iran-Irak-Krieges, nach Deutschland. An der Universität Hamburg studierte er Germanistik, in Madrid spanische Literatur. Heute lebt er als Autor und Journalist in Berlin. Er war lange Zeit Korrespondent der arabischen Tageszeitung Al Hayat und schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den Spiegel und Die Zeit.

Suhrkamp Verlag, Sibylle Lewitscharoff, Najem Wali: „Abraham trifft Ibrahîm. Streifzüge durch Bibel und Koran “, Sachbuch, 309 Seiten. Die von Najem Wali verfassten Kapitel wurden von Christine Battermann aus dem Arabischen übersetzt.

www.suhrkamp.de

12. 6. 2018