Landestheater Niederösterreich: Ernst ist das Leben

Oktober 12, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fabian Krüger hat St. Pölten bunburysiert

Pascal Lalo, Fabian Krüger Bild: Christian Husar

Pascal Lalo, Fabian Krüger
Bild: Christian Husar

Es ist alles sehr schräg, das Leben eine Rutschpartie, während der man auf dem glatten Parkett der Gesellschaft schnell in eine schiefe Lage kommen kann. Am Landestheater Niederösterreich hatte die bereits in der Sommerarena Baden gezeigte Produktion „Ernst ist das Leben (Bunbury)“ von Oscar Wilde Premiere. Die Inszenierung der niederländischen Regisseurin Maaike van Langen ist auf ihrem Weg in den Herbst etwas kürzer und damit noch kompakter geworden. Der Abend ist tatsächlich very british. Subtil und sehr amüsant. Was heißt, dass das Ensemble die Irrungen, Wirrungen, Wortwitze und Intrigen mit geschmeidigem Understatement präsentiert.

Der Ton ist wohltuend wohltemperiert. Die bissigen Bonmots von Wilde-Übersetzerin Elfriede Jelinek gleiten so geschliffen runter wie ein Messer durch die Butter. Bühnenbildner Moritz Müller erfand als Spiel-Platz einen multifunktionalen Raum, eine Bretterhügellandschaft, die alle Stückln spielt, aber nicht von dem Spitzbubenstück ablenkt, dass sich Jack Worthing und sein Freund Algernon im Verlauf der Handlung leisten werden. Van Langen legt den Fokus auf die Darsteller. Eine gute Entscheidung, denn die sind durch die Bank brillant.

Allen voran die beiden Gäste: Burg-Publikumsliebling Fabian Krüger und der französische Schauspieler Pascal Lalo. Krüger verkörpert den Dandy par excellence, erlaubt sich den Scherz seinen Algernon bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei van Langen generell ein doppeltes Spiel -, bleibt süffisant, auch wenn er sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. Krüger ist, man braucht es nicht zu erwahnen, der geborene Komödiant. Ein Poser in bester Wilde’scher Manie, ein Zyniker, der Fleisch gewordene Ennui, der personifizierte Un-Ernst. Wie er lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihm die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt. Krüger hat St. Pölten bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der hiesigen Upperclass ist er Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke aufs Ver-Sprechen. Lalo ist ihm ein ebenbürtiger Partner, sein verschmitzt verlegenes Dauerlächeln weist einen aus, der wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen.

Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Marion Reiser und Lisa Weidenmüller. Weidenmüller gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Weidenmüller ist fabelhaft; es macht von Produktion zu Produktion mehr Freude, sie zu sehen. Schön, dass Landestheater-Intendantin Bettina Hering sie auch diese Saison mit etlichen Aufgaben betraut hat. Reisers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern. Reisers Interpretation vor Augen fängt der Kopf unwillkürlich an Henry Higgins‘ „Lass‘ ein Weib an dich heran“ zu summen: … und du bist schutzlos ohne Schild …

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Cornelia Köndgen als Gouvernante Miss Prism und Babett Arens als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Michael Scherffs Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s denn doch noch zu Tortenschlacht und Slapstick, zur ländlichen Orgie in deren Verlauf sich Butler Pascal Gross gendert und zu Algernons Entzücken nun als bärtige Blondine in Highheels und Hot Pants auftritt. Der, nun im Abendkleid auf dem Höhepunkt der Décadence, macht dieser Neuentdeckung keine geringeren Avancen als der ihm nun doch schon seit Stunden sattsam bekannten Cecily. Zu einer glücklichen Ehe gehören schließlich meist mehr als zwei Personen …

www.landestheater.net

Wien, 12. 10. 2015

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Das Käthchen von Heilbronn

Juli 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mach‘ mir den Hengst, Liebster!

Anna Unterberger und Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Anna Unterberger und Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Das erste von einigen Komplimenten, die man Regisseurin Maria Happel und ihren Schauspielern machen muss, ist, wie sie die Sprachgewalt Kleists wortmächtig und dennoch ungekünstelt umgesetzt haben. Chapeau! bei einem Text, wo’s beispielsweise heißt: Und wo der Zeisig sich das Nest gebaut, der zwitschernde, in dem Hollunderstrauch, soll sich ein Sommersitz dir auferbaun … Da verlangt Natur nach Natürlichkeit. Die Sommerspiele Perchtoldsdorf haben sich für das erste Jahr der Intendanz Michael Sturminger was „Leichtes“ ausgesucht: Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“. Und unter Happel wird dieses Schauermärchen, die Ritterromanze tatsächlich leicht. Wie dem darin auftretenden Cherub wachsen dem Abend in der Dämmerung Flügel. Happel inszeniert nicht unkomisch, trotzdem ohne an Kleist Verrat zu begehen. Der hat nämlich sein ganzes Sein in diesen Stoff verwoben. Den steten Kampf von Instinkt gegen Intellekt. Seinen verlorenen gegen die Depression. Kleist ist hier Teil all seiner Figuren.

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem heimlichen Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste entführt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht im Femegericht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, mit seinem Vater nachhause zurückzukehren. Seine Zuneigung zu dem nicht adeligen Käthchen unterdrückt er. Kurz darauf befreit der Graf in einer einsamen Hütte die gefesselte Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum zu Silvester angekündigt wurde und verlobt sich mit ihr. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten mit dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun Schlag auf Schlag in Erfüllung geht. Käthchen entpuppt sich als die verheißene Kaisertochter und somit steht einem Happy End nichts mehr im Wege.

Vor der Perchtoldsdorfer Burg spielt sich das Geschehen in terrassenförmigen, halb durchsichtigen, steilen Spielfächen aus schwarzem Plexiglas ab (Bühne: Andreas Donhauser, Sebastian Eckl, Paul Sturminger). Die Darsteller agieren sozusagen immer am Abgrund, immer absturzgefährdet. Die Kostüme (Renate Martin, Marie Sturminger) sind angedacht historisch. An Special effects wurde nicht gespart: Die Burg brennt tatsächlich! Einen Wasserfall gibt es auch. Ansonsten kommt Happel weitestgehend ohne Requisiten aus. Keine Schwerter (außer in der Schlussszene), keine Briefe, Dokumente, Depeschen, nicht Pfeil und Bogen noch Pferde. Alles muss man sich imaginieren. Wobei Imagination klarerweise eines der Schlagwörter des Kleist’schen Werks ist. Aber das Publikum bringt’s schon zum Lachen, wenn die edlen Herren wiehernd und schnaubend über die Bühne traben. Die Ritter ohne Kokosnuss. Mach‘ mir den Hengst, Liebster! Selten hat Kleist so viel Spaß gemacht – ein Umstand, an dem sich in den Pausengesprächen die Geister scheiden …

Das Ensemble wird exzellent angeführt von Dirk Nocker als Theobald Friedeborn, Käthchens Vater. Er spielt alle Facetten seines Könnens aus, vom Berserker zum Besorgten zum Betroffenen, der erkennen muss, dass sein Kind des Kaisers (Seine Majestät Wolfgang Hübsch) ist, weil die Gattin sich einst seitenspringend in den Garten verführte, äh, verfügte. Eigentlich die darstellerische Leistung des Abends. Doch stehen die anderen nicht nach. Anna Unterberger gibt das Käthchen mit der Hingabe eines Groupies, so flehendlich selbstlos, dass man dem Grafen zurufen möchte: Jetzt nimm’s endlich! Hollunderblütentrunken ist sie – Baum ist entsprechend aufgestellt. Und bis fast 23 Uhr muss sie warten, bis ihr Graf auch den „Joint des Mittelalters“ inhaliert hat. Im damaligen Volksglauben wurde ein Kranker schon dadurch geheilt, dass er unter einem Hollunder ein Schläfchen machte. Und Heilung braucht der von Nikolaus Barton gespielte Friedrich Wetter Graf vom Strahl dringend. Edel ist er, doch gerade erst von einer unerklärlichen Schwermut geheilt (?), ein Zer- und Vergrübler. Allerdings viel weniger Elegiebürscherl als der „Prinz von Homburg“ in der einen oder anderen Regiearbeit. Bleibt als weitere Hauptrolle Kunigunde von Thurneck, von Veronika Glatzner einwandfrei großartig als berechnendes Kunstgeschöpf verkörpert – wenn man da noch von Körper reden kann. Ein Geist, der, würde man heute sagen, über eine Schönheits-OP-Katastrophe regiert. Kleist wollte Kunigunde ursprünglich als Nixe haben. Happel nimmt in einer Badeszene, in der die äußere Hülle wieder Form annehmen soll, Bezug darauf. Ein Moment für Connaisseurs. Dennoch, und damit ist die Nadel im Heuhaufen gefunden, wäre in der Kunigunde mehr drin gewesen. Mehr Buhu, mehr Spuk, mehr Argh!

Die übrigen teilen ihre Talente auf mehrere Rollen auf. So ist Maria Happel, wie so gern gesehen, das komische Element – von der Köhlersfrau bis zu Kunigundes Tante. Die Frau schont sich wirklich nicht, wenn es darum geht, sich in hautenge Catsuits zu zwängen. Wunderbar (tragi-)komisch ist auch Sebastian Edtbauer als Gottschalk, des Grafen ergebener, ständig Äpfel essender Knecht. Cornelia Köndgen überzeugt sowohl als des Grafen herrische Mutter wie als schrullige Haushälterin im Schloss. Michael Masula verleiht Grafen, Rittern, Nachtwächtern und einem Erzbischof Würde. Paula Nocker wechselt von Köhlerjunge zur Nichte der Gräfin, und Annemarie Nocker hat die überhaupt wichtigste Rolle: den Cherub, der alles zum Guten wendet.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/maria-happel-und-michael-sturminger-im-gespraech/

Maria Happel und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sommerspiele Perchtoldsdorf:

Das Käthchen von Heilbronn

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Die Sommerspiele Perchtoldsdorf stehen 2014 unter der neuen Intendanz von Schauspiel-, Musiktheater- und Filmregisseur Michael Sturminger. Mit dem „Käthchen von Heilbronn“ (ab 3. Juli), Heinrich von Kleists erfolgreichstem und geheimnisvollstem Stück, will Sturminger die Sommerspiele klar positionieren und bringt als Eröffnungspremiere einen großen Klassiker auf die Bühne. Regisseurin und Schauspielerin Maria Happel sucht mit ihrem jungen Ensemble in der Kulisse der Burg Perchtoldsdorf die Spuren des Stückes zu ergründen: Was ist Traum, was Wirklichkeit? Wo finden wir Wahrhaftigkeit? Und wem sollen wir folgen, dem Verstand oder dem Gefühl?

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste an sich gefesselt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, zu seinem Vater zurückzukehren. Seine Zuneigung zu der schönen Bürgerstochter aus Heilbronn zeigt er nicht. Kurz darauf befreit der Graf die in einer einsamen Hütte festgehaltene Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum als Ehefrau angekündigt worden war. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten zu dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen, samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun  in Erfüllung geht. Und somit steht einem Happy End nichts  im Wege.

Es spielen Anna Unterberger (Käthchen), Nikolaus Barton (Graf Wetter vom Strahl), Wolfgang Hübsch (Der Kaiser),Veronika Glatzner (Kunigunde), Dirk Nocker, Maria Happel, Cornelia Köndgen, Michael Masula, Helmut Bohatsch, Alexander Tschernek, Helene Stupnicki, Sebastian Edtbauer, Thomas Kahry, Aaron Friesz, Paula Nocker (Eleonore/Köhlerbub), Annemarie Nocker (Cherub).

Michael Sturminger und Maria Happel im Gespräch:

MM: Herr Sturminger, warum wollten Sie Intendant der Sommerspiele Perchtoldsdorf werden? Ihnen ist doch auch ohne diese Aufgabe nicht fad.

Michael Sturminger: (Er lacht.) Das ist eine sehr gute Frage – im Augenblick. Ich finde gerade heraus, wie sehr meine Hauptarbeit ist, Geld aufzustellen, und wie schwer das ist. Aber ich wollt’s gerne werden, weil ich wissen wollte, ob ich so eine „kleine, überschaubare“ Aufgabe auf diesem Sektor bewältigen kann. Und merke jetzt, dass sie weniger klein und überschaubar ist, als angenommen. Gleichzeitig ist es ein fantastische Möglichkeit, weil ich kann mir das „Käthchen von Heilbronn“ und Maria Happel als Regisseurin wünschen. Was ist das für ein Privileg!

MM: Warum haben Sie sich für Kleists „Käthchen“ entschieden?

Sturminger: Nicht zuletzt wegen der schönen Burg, die das Zentrum der Sommerspiele bilden soll. In Perchtoldsdorf gab’s eine große Tradition für Klassiker und ich dachte mir, wenn wir schon neu beginnen, dann legen wir den Fokus auf die Klassiker, die ich liebe. Kleist stand an oberster Stelle, weil seine Stücke zu den interessantesten gehören, die ich an Theatertexten kenne. Ich glaube, dass das „Käthchen“ für uns ein gefundenes Fressen ist, denn Kleist traut sich alles, der scheut gar nichts. Das kann man an seinem Werkkatalog sehen. Wenn er schreibt, ist alles möglich – und wir leben in so wahnsinnig ängstlichen Zeiten, wo alles abgewogen und reproduziert wird, was das letzte Mal erfolgreich war; man will sich hauptsächlich versichern. Käthchen folgt einem Traum, einem inneren Auftrag, einer Berufung, keiner Marktanalyse. Um eine Intendanz zu beginnen, muss man wohl auch ein wenig so sein. Ich folge auch meiner inneren Stimme. Und jetzt gebe ich das Wort weiter an Maria.

MM: Gut. Ich will nur wissen, ob die Burg brennen wird.

Maria Happel: Das ist auch die Frage, die mich momentan am meisten beschäftigt. Ich will die Burg brennen sehen. Die Jungs, die jetzt dabei sind, die Bühne zu bauen, haben schon die eine oder andere Idee.

MM: Die ernsthafte Frage, die ich stellen wollte, war: Was hat Sie bewogen, die Inszenierung zu übernehmen?

Happel: Es ist schon auch eines meines Lieblingsstücke. Ich habe mich in den vergangenen Jahren über den „Zerbrochenen Krug“ mehr mit Kleist beschäftigt und diese Sprache ist eine der vollkommensten, eine, die einem Schauspieler wahnsinnig viel Futter bietet. Also macht es Spaß, da einzusteigen, auf die Suche zu gehen, Türen zu öffnen. Bei Kleist ist Sprache wie ein teures Parfum, das bei jedem Darsteller ein wenig anders duftet. Das macht die Schauspieler gerade sehr glücklich. Ein Traum. Der unter einem Hollunderbaum stattfindet.

MM: Wie bitte?

Happel: Ja, man war damals der Auffassung, dass Hollunderblüten Halluzinationen hervorrufen. Was vieles an der Handlung erklären würde. Kleist hat sich mit allerlei beschäftigt, zum Beispiel mit dem Zusammenwirken der linken und rechten Gehirnhälfte, die eine, die emotionale wird nicht mehr aktiv benutzt, sagen Forscher heute. Würden wir das tun, würden wir andere Dinge wahrnehmen. Den Cherub etwa. Das Theater als magischer Ort macht das alles möglich. In der großen Weltliteratur eben sind mehr Dinge verankert, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Käthchen kämpft mit der Pubertät, läuft einem Ideal, einem Idol hinterher. Heute wäre das vielleicht Justin Bieber. Graf Wetter von Strahl hatte eine „seltsame Schwermut“, heute würde man vielleicht sagen eine manische Depression – alles Dinge, die mit dem Verborgenen im Gehirn zusammenhängen.

MM: Nikolaus Barton spielt den Graf, Anna Unterberger das Käthchen. Wie sind Sie auf die beiden gekommen?

Sturminger: DerNick kommt aus einer Wiener Theaterdynastie und hat uns gleich beim ersten Vorsprechen überzeugt. Anna ist eine Südtirolerin, die gerade eine große Kinokarriere startet. Sie hat die Klarheit und Fähigkeit hochintelligent „naiv“ zu sein.

Happel: Sie ist klar, pur, unverstellt. Käthchen hat ein Ziel, eine Sehnsucht nach dem Gegenüber, das einem fehlt. Das verkörpert sie ganz wunderbar.

MM: Ich freue mich schon sehr auf Veronika Glatzner als Kunigunde. Primär, weil ich sie als Schauspielerin schätze. Aber wie wird das werden? Frankensteins Tochter? Kleist gibt vor: die Zähne aus München, die Haare aus Frankreich, das Korsett, das sie aufrecht hält aus Ungarn …

Happel: Ja, heute wären vielleicht die Zähne aus Ungarn (sie lacht). Wir denken gerade in verschiedenste Richtungen. Von Lady Gaga bis zur schönheitsoperierten Cher. Darauf würde ich’s aber nicht beschränken. Kunigunde hat viel mehr mit Kleist selbst zu tun, der auch da ein Suchender war. Es ist sicher ein Geschlechterproblem, es hat mit dem Unterleib zu tun, denn ursprünglich wollte Kleist Kunigunde als Nixe. Auch etwas Unerreichbares. Sie setzt sich aus allen drei Reichen der Natur zusammen: Pflanze, Mensch, Wasser. Aber sie ist sicher nicht Frankensteins Tochter. An dieser Figur arbeiten wir noch sehr.

MM: Ist es zu weit hergeholt, wenn ich sage, da hat sich Kleist an seinem Frauenbild abgearbeitet?

Happel: Ich glaube, er hat sich an sich selber abgearbeitet.

Sturminger: An diesem Nirgends-ganz-Dazugehören.

Happel: An diesem Sich-verstellen-müssen, nicht der Norm zu entsprechen.

Sturminger: Käthchen ist das Bild, das wir uns erträumen, Kunigunde ist, was wir wirklich sind. Kunigunde scheitert, weil sie sich verbiegt, Käthchen kann nicht scheitern, weil sie nichts will, außer ihrer Bestimmung zu folgen.

Happel: Kunigunde ist eine Kunstfigur. Sie ist Vernunft, Käthchen das Gefühl.

MM: Aber ein bisschen leid tut mir der Graf schon zwischen diesen beiden irren Weibern.

Happel: Ja, und die Mutter nicht zu vergessen. Da ist die Schwermut kein Wunder.

MM: Apropos, Mutter: Dirk Nocker spielt mit und Ihre beiden Töchter Paula und Annemarie. In einer „Zirkusfamilie“ muss wohl jeder einmal rauf aufs Trapez?

Happel: So früh wie möglich. Paula ist 17 und hat schon einiges an Film- und Fernseherfahrung. Annemarie ist 12. Mein Mann und ich sagen, sie sollen den Beruf mit allen positiven und negativen Seiten kennen lernen. Am liebsten wäre mir, sie würden auch Karten abreißen. Wer weiß, vielleicht machen sie dann ganz was anderes, vielleicht fangen sie Feuer, aber sie wissen, was auf sie zukommt. Paula beispielsweise interessiert sich im Moment sehr für Psychologie. Aber jetzt ist es mal toll für uns, dass wir im Sommer als Familie auf der Bühne Zeit miteinander verbringen.

Sturminger: Und das mit dem Familienunternehmen geht noch viel weiter: Mein Sohn Paul baut am Bühnenbild mit, meine Frau Renate und meine Tochter Marie machen die Kostüme. Meine Kinder werden sehr streng abgeklopft, aber sie müssen auf den Weg. Sie müssen zeigen, was sie können, da kann man als Eltern nicht helfen, egal ob Schauspieler, Bühnen- oder Kostümbildern.

MM: Sie haben beide schon Sommertheater/Freilufttheater gemacht. Flirrt da die Luft anders?

Sturminger: Im Freien gibt’s immer das große Zittern, ob überhaupt gespielt wird. Das ist grauenvoll und großartig. In Perchtoldsdorf haben wir ja einen schönen unterirdischen Theatersaal. Da sitzen wir also in jedem Fall auf dem Trockenen.

Happel: Die Zuschauer kommen zu uns freiwillig, die haben ja kein Abo geerbt. Natürlich nehmen’s viele als Ausflug, waren vorher schön essen, genießen die schöne Region. Aber die Konstellation auf der Bühne ist das Wichtige, das hat man das ganze Jahr über an keinem Theater: Kräfte aus jedem Haus. Das genießt das Publikum – und die Kollegen, die einander bei solchen Gelegenheiten oft erst kennen lernen. Das macht es aus, glaube ich.

Sturminger: Man kann im Sommer den Leuten nichts Schlechteres vorsetzen als im Rest des Jahres. Natürlich gibt es Vieles in verschiedenster Qualität. Wir wollen auf einer Linie sein mit Reichenau, Salzburg und Bregenz. Wir wollen bestmöglichstes Theater machen. Und wir behaupten, wir können das, weil’s uns nur unter der Prämisse, erstklassig zu sein, Freude macht.

MM: Apropos, Bregenz: Auch da haben Sie Pläne.

Sturminger: Ich mache „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als Oper, eine Uraufführung HK Gruber, Libretto von mir und ich weine bei jedem Horváth-Satz, der aus Zeit- oder anderen Gründen nicht bleiben kann. Premiere ist am 23. Juli. Angelika Kirchschlager singt die Valerie, Anja Silja die Großmutter … Kommt im Frühjahr ans Theater an der Wien.

MM: Und nun die unvermeidliche John-Malkovichs-Frage. „The Giacomo Variations“ – der Film ist fertig. Mit Malkovich als Casanova.

Sturminger: Kommt im Herbst bei einem internationalen Festival heraus. Und so wie’s ausschaut, gibt’s einen großen Kinostart im Dezember inWien. Es ist ein großes Gemisch von Genres, ein Pseusodokumentarfilm über eine Opernaufführung, die zugleich ein historischer Spielfilm ist. Das geht immer mehr ineinander über. Es spielen Veronica Ferres, Fanny Ardant, Jonas Kaufmann, Anna Prochaska und und und

MM: Ich habe John Malkovichs zwei Mal bei Pressekonferenzen erlebt, da war er eher grummelig. Aber Sie scheinen sein Herz erobert zu haben.

Sturminger: Johnny ist der netteste Mensch der Welt – außer zu Journalisten. Er mag zwei Dinge nicht: Immer die gleichen Fragen gestellt zu bekommen – „Und wie haben Sie sich als Serienkiller gefühlt, hat das mit Ihnen persönlich zu tun?“ Und er antwortet: „Yes, I want to kill you.“ – und wenn man ihm Fragen stellt, die seine Antwort implizieren. Beides machen Journalisten leider oft – und habe ihn auf Pressekonferenzen rund um die Welt begleitet. Da kann man schon einmal grummelig sein. Im Ensemble ist er ein Übervater, bringt der Maskenbildnerin Erkältungstee, scherzt mit Hotelangestellten, spürt, wenn’s jemandem nicht gut geht, kümmert sich. Johnny ist ein ganz Lieber und Liebenswerter.

TIPP: Matinée/Stückeinführung, Sonntag 22. 6.,  11 Uhr, Burg Perchtoldsdorf. Eintritt frei!
Das Sommerspiele Team um Maria Happel und Michael Sturminger lädt am 22. Juni,  11 Uhr, zur Matinée und Stückeinführung mit Musik, Lesung und Diskussion zum „Käthchen von Heilbronn“ auf die Burg Perchtoldsdorf ein. Mit dabei: Dramaturgin Angelika Messner und u. a. die SchauspielerInnen Anna Unterberger, Nikolaus Barton, Dirk Nocker und Wolfgang Hübsch.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

KosmosTheater: Die Liste der letzten Dinge

April 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein beachtlicher Haufen alter Schachteln

mke Büchel, Cornelia Köndgen Bild: © Bettina Frenzel

Imke Büchel, Cornelia Köndgen
Bild: © Bettina Frenzel

Der Plan ist perfekt. Besser als der von Wladimir und Estragon. Die warten ja nur darauf, dass einer kommt, der ihnen sagt, wo Godot wohnt und wie er heißt. Pia und Helen hingegen sind fest entschlossen, die Welt von sich zu erlösen. Was bekanntlich nicht einmal der Erlöser selbst geschafft hat. Sie warten also nur auf den Mann mit dem Feuerzeug, den Inquisitor, die beiden alten Schachteln zwischen ihren Scheiterhaufen aus alten Schachteln. Der von der in bäuerliche Tracht gekleideten Pia ist billigversandhausbraun, Helens natürlich entsprechend ihrer mondänen Erscheinung konditoreiverpackungsrosa. Aber wie das Grundgesetz von Existenzialismus-Endspielen schon so ist: Der, auf den man wartet, kommt nicht und kommt nicht …

Das KosmosTheater zeigt Theresia Walsers „Die Liste der letzten Dinge“ in der Regie von Dora Schneider als österreichische Erstaufführung. Selten hat jemand so sinnvoll Nonsense niedergeschrieben. Komik so sehr in ernsthafte Verletzungen verwandelt. Härte und Fanatismus so leicht in Ironie, in Clownerie verdreht. Walser lässt ihre selbsterkannten Lebensüberdrüssigen nur scheinbar eine Alltagssprache sprechen, tatsächlich sind die Dialoge hochartifiziell, hochmusikalisch, erschließen sich dem Zuhörer nicht immer leicht. Oder doch. Denn die beiden hervorragenden Schauspielerinnen Imke Büchel (Pia) und Cornelia Köndgen (Helen) holen sich jede Pointe ab. Letztere verdient noch dazu einen Preis für den gewaltigsten Kostümwechsel der Kosmosgeschichte. Köndgen hat kein – rosa – Kleid länger als drei Minuten an. Und bei keinem kriegt sie den Reißverschluss zu.

Und so reden sie und so reden sie. Was soll man schon tun, während man auf die Flammen warten? Zündeln. Man kennt einander lange genug, um zu wissen, wo die Wunden brennen. Von den Wasserbeinen bis zu den Bandscheibenvorfällen. Von Pias liebeskummerlosem Leben, die nur Brief“verkehr“ mit Lebenslänglichen hatte, von Helens Luxusweibchendasein an der Seite ihres Mannes. „Dein Kleid ist vorne offen wie ein Zelt“, sagt Pia zu Helen. „Als ob da noch einer reinkäme.“ Büchel und Köndgen beherrschen den Spagat zwischen hirnrissig, herrisch und hasswütig sein. Mit großem Mut schmeißen sich die Damen in die Darstellung dieser kontroversen Figuren. Sympathisch sind die nicht. Eher besorgt, sie könnten, falls das Fernsehen Interesse an ihrem Märtyrerinnentum zeigt, auf dem Bildschirm nicht gut ausschauen, „wenn ich deine Asche in den Augen habe.“

Es kommt tatsächlich jemand. Karin Yoko Jochum  als die geheimnisvolle Georgina. Sprachlos, nur „Nein“ kann sie in 10.000 Tonarten sagen. War sie Helens Nebenbuhlerin, ist sie Nachahmungstäterin, die Supermarktkassierin oder gar Journalistin? Das Stück hätte ohne diese undurchsichtige Figur nichts an seiner Undurchsichtigkeit eingebüßt. Ganz ehrlich. Was aber – bitte nicht missverstehen – nichts mit Jochums schauspielerischen Leistung zu tun hat! Jetzt ist sie nun einmal  da und muss büßen. Die absurde Poesie der Situation schlägt um. Pia und Helen sind gefährliche Verrückte. Aus Selbstmörderinnen werden Mörderinnen. Aber mit Stil. So schön muss einem einmal der Atem genommen werden.

Büchel und Köndgen kosten ihre Rollen raffiniert aus. Keine Frage: Die beiden haben Feuer!

www.kosmostheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=cP6BJMeq_wE

Wien, 10. 4. 2014

Die Josefstadt kam nur langsam auf „Speed“

März 22, 2013 in Bühne

Tod durch Weichspüler

Ein wenig mehr Tempo hätte ein Stück namens „Speed“ schon vertragen – auch, wenn mit dem Titel – eh klar – die Modedroge gemeint ist. Lag’s am sich ständig drehenden und daher von den Darstellern ständig zu umrundenden, mit Plastikplanen verhängten Wohnzimmer-Würfel von Annie und Jack (Bühne: Miriam Busch). Lag’s am durchaus stimmigen, passenden Sound von Wolfgang Schlögl, der den Fortgang der Handlung aber natürlich auch bremste … Stephanie Mohrs Überinszenierung von Zach Helms „Speed“ in deutschsprachiger Erstaufführung brauchte einige Zeit, bis sie Fahrt aufnahm. Zweidreiviertel Stunden für ein nicht einmal hundert Seiten Manuskript, das einen so packte, dass man es in nur einer Stunde gelesen hatte …  In wenigen Szenen – ein Streit zwischen „Schriftsteller“ Jack und seinem Verleger Charlie, währenddessen sie von Bühnenhintergrund zu Bühnenrand hin- und hersprinten – vermittelt sich die Stimmung, die der Abend durchwegs gebraucht hätte.

 

Sandra Cervik, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Sandra Cervik, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Denn Zach Helm hat ein abgrundtief gutes Stück geschrieben: Jack mausert sich durch seinen Erstlingsroman zum Shootingstar der Literaturszene. Der Kritiker der New York Times schwebt im Wichser-Himmel. Jacks Verleger Charlie, eigentlich Experte für Softpornoheftchen, wird vom Big Boss der Szene angerufen – er wolle nun Jack verlegen. Schließlich geht’s im Buch auch um – huch – Analsex. Das verkauft sich von selbst. Zwei Millionen Dollar Vorschuss fürs nächste Schockerwerk sollen auf einer Dinnerparty vereinbart werden. Doch da ist Jacks Frau Annie. Die Speed einwirft, wie ein anderer eine Hand voll Zuckerl. Gib’ dem High sein einen Sinn … Und ihr High sein hat einen. Er soll an künftiges Publikum nicht verraten sein. Denn Jack und Annie teilen ein bitteres Geheimnis. Die Handlung dreht sich, und dreht sich noch einmal. Durch Annies Schuld wird die Dinnerparty zum Eklat – sie beflegelt vom Kritiker bis zum Oberverleger alle. Der Big Boss, der den Roman so dringend haben will, hat ihn nicht einmal gelesen. Aber: Seine Vorzimmerdame sei schon bei Kapitel vier und gaaaaanz begeistert. Der Kritiker hält das weibliche Geschlecht für prinzipiell literaturunfähig … Helms Abrechnung mit dem Literatur-, dem Kulturbetrieb. Es folgt: der Rauswurf. Und das große Opfer: Einer der beiden nimmt sich das Leben und gibt so (vermeintlich?) dem anderen seines zurück. Allerdings erfolgt der Selbstmord durch eine Ladung Putzmittel und ein Klebeband, das deren Auskotzen verhindern soll.

Also, Zach!

(Nicht nur) Sandra Cervik als Annie und Raphael von Bargen als Jack legen auf der Bühne eine Glanzleistung hin. Sie stellen das Liebes- und Abhängigkeitsverhältnis der beiden Figuren dar, dass es zum Weinen schön ist. Pain is so close to Pleasure. „Du kannst die Zeit anhalten“, sagt die Amphetamin-Süchtige Anorektikerin (EAT steht in großen Lettern über dem Wohnzimmer-Würfel). Und tatsächlich sieht Jack seinen Lebenssinn genau darin.

Cervik spielt hart, unbarmherzig zu sich und anderen, ein Geschöpf, das nicht in diese Konsumiert-du-meins-konsumier-ich-deins-Verlogenheitswelt passt. Sie umschifft alle Momente, die sich für hysterische Anfälle super geeignet hätten, sie lässt alle Drogenklischees links liegen. Durch die Plastikplanen wird ihr Spiel gespenstisch, fast surrealistisch. Sandra Cervik steigert sich derzeit von Rolle zu Rolle. Im gelben Kleidung auf der Dinnerparty – der Originaltitel des Stück lautet „Good Canary“: der schöne Vogel, der singt, und doch immer im Käfig eingesperrt bleiben wird. Tapfer führt sie mit Big-Boss-Gattin Cornelia Köndgen „Frauengespräche“, während die Männer sich ihrer Männlichkeit versichern. Bis ihr die Sicherungen durchbrennen. Raphael von Bargen lässt seinen Jack zwischen selbstlos und selbstgerecht wanken; die neue Aufmerksamkeit hat schon was. Und zwei Millionen Dollar? Aber wessen tatsächliche Lebensgeschichte „sein“ Buch wiedergibt, das verraten? Er ist besorgt um Annie und geil auf sie, hat das Rettersyndrom und will doch auch Erlösung für sich selbst. Dann kommt bei ihm die Wut durch. Eine starke Leistung.

Wie die von Peter Scholz als Charlie, der endlich seine Stunde (und die Kohle) kommen und wieder schwinden sieht. Und die von Dominic Oley als arrogantem, selbstgefälligem Kritiker Mulholland, der schließlich alle seine Urteile und Vorurteile über Bord werfen muss, und vom Journalisten doch noch zum Menschen wird. Christian Futterknecht gibt Big Boss Stuart.

Die dramaturgisch stärkste Szene ist ein Vierertelefonat: Jack telefoniert mit Charlie wegen der zwei Millionen, Annie mit Jeff (Ljubisa Lupo Grujcic) wegen neuem Stoff. Dabei fallen die gleichen Sätze: Ich kann jetzt nicht weg. Überlege es dir noch mal. Nein, es geht nicht.

Literatur im Hexenkessel, in der Josefstadt wie in einer Walpurgisnacht umgesetzt.

Bravo.

www.josefstadt.org

http://youtu.be/6wr-bV4h0E8

www.mottingers-meinung.at/interview-mit-sandra-cervik-und-raphael-von-bargeb/

Von Michaela Mottinger

Wien, 22. 3. 2013