TAG: Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume

Februar 3, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Arturas Valudskis verzaubert Anton Tschechow

Einmal packt auch die Ranjewskaja zu: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas als Trofimow, hinten: Georg Schubert und Jens Claßen. Bild: Georg Mayer

Sommergäste! Schnaubt die illustre Gesellschaft und findet den Gedanken so abwegig, dass sie darüber nur in Gelächter ausbrechen kann. Derart fein gearbeitet ist der Witz, mit dem Arturas Valudskis seinen „Kirschgarten“ im TAG gestaltet. Denn „Sommergäste“ ist gleich Gorki, und der wiederum war mit Tschechow zwar befreundet, doch teilte der ältere die politisch-revolutionären Ansichten des jüngeren nicht.

In einem Brief hielt Tschechow sogar fest, er misstraue der gesamten Intelligenzija, da heuchlerisch und hysterisch und einen Stillstand beklagend, der aus ihrem eigenen Schoß krieche. Womit das Personal seiner Obstplantagenkomödie versammelt wäre. Valudskis‘ Zugriff auf den Stoff ist ein radikaler. Aus dem Vergleichen verschiedener Textversionen ist sein Destillat entstanden, 90 Minuten bis „Baum fällt!“, und wie stets setzt der aus Litauen stammende Regisseur für sein schwarzes Theater, für sein – im Grotowski’schen Sinne – Armes Theater neben einer genauen Sprache auf die Körperpräsenz seiner Schauspieler. Die diesmal fast zur Gänze aus dem TAG-Ensemble sind. Michaela Kaspar spielt die aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja als elegant-elegische Erscheinung, nur einmal packt sie zu, aber da richtig, Georg Schubert deren Bruder Gajew als vom Billard besessenen Gemütsmenschen.

Gutsbesitzers sind pleite: Michaela Kaspar und Georg Schubert als Gajew. Bild: Georg Mayer

Raphael Nicholas als Firs, hinten: Georg Schubert, Jens Claßen und Michaela Kaspar. Bild: Georg Mayer

Lisa Schrammel ist sowohl als romantisch veranlagte Tochter Anja wie als patente Pflegetochter Warja zu sehen, TAG-Gast Karola Niederhuber kommen als Gouvernante Charlotta die clownesken Szenen zu, und auch Raphael Nicholas teilt sich in zwei Charaktere auf – ein von ihm wunderbar gezeichneter Kontrast als ewiger Student Trofimow und als gichtfingriger Tattergreis Firs. Jens Claßen schließlich gibt als Lopachin eine Glanzleistung. Von diesem kommt der verspottete Vorschlag, das Grundstück für Ferienhäuser zu parzellieren. Denn die Herrschaften sind bekanntlich pleite.

Der ehemalige Leibeigene, nun Kaufmann, ist der einzige, der über Vermögen verfügt. Der Rest hofft auf Gott oder Kredit oder Hilfe von Großtantchen. Valudskis erschafft poetische Bilder. Er verzaubert Tschechow. Ein Telegramm aus Paris landet als Papierflieger auf der Bühne und wird dort, weil unliebsamen Inhalts, zum Schnipselregen. Steine von der Seele fallen tatsächlich, und was sich hinter einer Türattrappe an Gerangel und Getrampel zuträgt, vermag man nicht einmal zu erahnen. Immer wieder trägt Charlotta im Hintergrund den im Fluss ertrunkenen kleinen Sohn der Ranjewskaja vorbei.

Eine Erinnerung ans Verlorenhaben. Das sind die Momente, in denen Valudskis die Situationskomik und den Wortwitz innehalten und die Tschechow’sche Melancholie zu ihrem Recht kommen lässt. Behutsam, beinah nur im Unterbewusstsein, platziert Valudskis diese Botschaften. Da steht das in seinen Ritualen festgefahrene Faktotum Firs für die gesamte änderungsunfähige Clique, die Lopachin wie eine lästige Fliege wegwedelt, weil nicht neu sein kann, was nicht sein darf. Da reden sich Kapitalist Lopachin und Sozialist Trofimow über die Definition des „stolzen Menschen“ die Köpfe heiß, der Proletariatsphilosoph und der wahrhaftige Mann aus der Arbeiterklasse, und als zweiterer von Warja schlussendlich den Schlüsselbund für Haus und Hof ausgehändigt bekommt, wirkt der darüber gar nicht glücklich, sondern – zornig, irgendwie.

Im Papierschnipselregen: Karola Niederhuber als clowneske Gouvernante Charlotta und Jens Claßen als Lopachin. Bild: Georg Mayer

Die Intensität, mit der das alles abläuft, ist hoch. Und weil das Beste zum Schluss kommt, hat sich Valudskis dafür ein besonderes da capo al fine ausgedacht. Während nämlich Lopachin an einer Stelle versucht, das Alte rauszuwerfen, heben, tragen, schleppen Gutsbesitzers ihre Habe an anderer wieder herein. Ein „Sesselkreis“, der klar macht, dass es gar nicht so einfach ist, das Gestern loszuwerden. Wofür Russland durchaus ein passendes Beispiel ist …

Trailer: vimeo.com/314104883

dastag.at

  1. 2. 2019

Volkstheater: Komödie im Dunkeln

April 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lachen, bis der Elektriker kommt

An Stunts wird nicht gespart: Steffi Krautz, Thomas Frank, Nadine Quittner, Sebastian Pass und Sebastian Klein. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Mit der „Komödie im Dunkeln“ kann das Volkstheater einen garantierten Publikumserfolg einfahren. Regisseur Christian Brey hat Peter Shaffers Erfolgsstück auf den Punkt inszeniert, und schon bei der Premiere am Mittwoch jubelten die Zuschauer darüber lang und ausgiebig. Die fulminant komischen Darsteller wurden beinah länger beklatscht, als diese vorhatten, noch einmal auf die Bühne zu kommen. Licht wurd’s schon im Saal. Bis zum Schluss galt es also zu lachen, bis der Elektriker kommt.

Wobei der hier auch noch ein Kabinettstückchen zu bietet hat … Entstanden ist die „Komödie im Dunkeln“ Mitte der 1960er-Jahre, und Brey und seine Bühnen- und Kostümbildnerin Anette Hachmann belassen sie optisch in ihrer Zeit. Im Zentrum der Turbulenzen befindet sich der noch erfolglose Bildhauer Brindsley Miller, der am Abend den russischen Kunstsammler Godunow zum Kauf eines seiner Werke überreden will. Dazu hat er sich nicht nur unerlaubter Weise die – besseren als die eigenen – Möbel seines begüterten Nachbarn Harold ausgeborgt, sondern auch seine Verlobte Carol vergattert.

Die wiederum hat ihren gestrengen Vater im Schlepptau, doch noch bevor die beiden Gäste eintreffen, gibt es einen Kurzschluss und damit Stromausfall. Man tappt durch die Finsternis. Als unerwartet Harold in der Tür steht, eine Nachbarin durch Alkohol hochprozentig indisponiert ihren Scharfblick verliert und die noch keineswegs ausrangierte Exfreundin von Brindsley auf den Plan tritt, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Zu guter (?) Letzt kommt auch noch der Mann vom E-Werk, Schupanski, ein russischer Emigrant. Klar, für wen er gehalten wird …

Bei vollem Licht kann’s ganz schön finster sein: Thomas Frank und Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Exfreundin Clea neigt zu Handgreiflichkeiten: Thomas Frank, Birgit Stöger und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater wird sich in all diesen Irrungen und Wirrungen nicht geschont. Da wird gegen Wände gelaufen und über Stühle gestolpert, aneinander vorbeigehastet und -geredet. Shaffers Komik entsteht, weil man selber bei Licht sieht, wo die Schauspieler vorgeben ebendieses nicht zu tun. So entsteht Slapstick vom Feinsten. Tempo und Timing stimmen. Allen voran hat Thomas Frank als Brindsley den Turbomotor angeworfen, spielt sich außer Atem und legt regelrechte Stunts hin, sogar einen Sturz über die Treppe. Auch das übrige Ensemble agiert entfesselt, so überdreht die Handlung, so auch dessen Mimik und Gestik.

Nadine Quittner gibt eine naive Carol, Stefan Suske ihren militärisch zackigen Vater Colonel Melkett. Brillant auch Steffi Krautz als Nachbarin Miss Furnival und Sebastian Pass als mehr oder minder geheimer Brindsley-Liebhaber Harold. Mit Birgit Stöger als durchgeknallter Exfreundin Clea nimmt der Komödienkarren noch einmal mehr Fahrt auf, nun wird sich nicht nur gezankt, sondern auch gerauft, bis Sebastian Klein endlich als unerwartet kunstsinniger Schupanski auftritt. Den Cast komplettiert Mario Schober als Godunow. Unter den vielen witzigen Einfällen von Christian Brey ist der mit dem Hula Hoop Reifen besonders gelungen. Was es damit auf sich hat? Hingehen, anschauen!

www.volkstheater.at

  1. 4. 2018

Volkstheater: Zwei zusätzliche Produktionen

Januar 17, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Zeitplan zur Generalsanierung macht’s möglich

Anja Herden spielt Milo Raus Theatertext „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“: Bild: © Götz Schrage / Volkstheater

Zwei zusätzliche Neuproduktionen ergänzen das Repertoire im Volkstheater: Am 8. März hat die Österreichische Erstaufführung von Milo Raus Theatertext „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ im Volx/Margareten Premiere. Anja Herden verkörpert beide Rollen des Doppel-Monologs: die der Frau mit schwarzer und die mit weißer Hautfarbe.

Der Schweizer Theatermacher, Autor und Aktivist Milo Rau schrieb das Stück auf der Grundlage von Interviews mit NGO-Mitarbeitern, Geistlichen und Kriegsopfern in Afrika und Europa. Regie führt der diesjährige Max-Reinhardt-Seminar-Absolvent Alexandru Weinberger-Bara. Im Haupthaus bereichert eine Komödie den Spielplan: Am 11. April findet die Premiere von Peter Shaffers „Komödie im Dunkeln“ statt. Thomas Frank spielt in der rasanten Verwicklungskomödie die Rolle des jungen Bildhauers Brindlsey Miller, der zu einem Trick greift, um Karriere und Liebesbeziehung zugleich auf die Sprünge zu helfen.

Um Eindruck bei seiner Einladung eines reichen russischen Kunstmäzens und seinem Schwiegervater in spe zu schinden, will er kurzerhand einige stilvolle Möbelstücke aus der Wohnung seines Nachbarn entwenden. Doch dann taucht ein Stromausfall das komplette Haus ins Dunkle und das Chaos nimmt seinen Lauf … Regie führt Christian Brey, der bereits an großen deutschsprachigen Häusern inszenierte und von 2009 bis 2011 zum Team der Late-Night-Show von Harald Schmidt gehörte.

„Da wir aufgrund des neuen Zeitplans der Generalsanierung das Haupthaus doch bis Ende der Spielzeit zu Verfügung haben, ist die ,Komödie‘ eine sinnvolle Ergänzung im Spielplan“, kommentiert Volkstheater-Intendantin Anna Badora. „Unser Ensemble freut sich schon auf dieses rasante Stück. Und mit ,Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs‘ verfolgen wir unsere traditionsreiche Kooperation mit dem Max Reinhardt Seminar weiter.“

www.volkstheater.at

17. 1. 2018

Armes Theater Wien: „Die Kunst der Komödie“

August 8, 2013 in Tipps

Zaubertheater ohne Kulissenzauber

 Ensemble Bild: © Vondru


Ensemble
Bild: © Vondru

Ab 14. August spielt das Arme Theater Wien Eduardo de Filippos „Kunst der Komödie“ im Wiener Volksliedwerk („Bockkeller“, 1160 Wien, Gallitzinstraße 1). Die Kunst der Komödie ist eine der schwierigsten. Aber es gibt Experten, die diese Kunst beherrschen. Der neapolitanische Dramatiker Eduardo de Filippo war so einer. Er schrieb über Seitensprünge, Heucheleien, Missverständnisse, das ganz normale Leben also, poetisch, leicht und intelligent. Und auch über das Theater selbst: In „Die Kunst der Komödie“ behauptet ein unvorsichtiger Politiker, die Wirklichkeit komme im Theater nicht mehr vor. Darauf schickt der Theaterchef seine Schauspieler. Sie mischen sich unter die Bittsteller, und sehr schnell kann der Politiker die Realität vom Spiel nicht mehr unterscheiden. Die Wirklichkeit ist oft absurder als alles, was man sich ausdenkt. Eduardo de Filippo stellt sich mit dieser Farce, in der das Theater sich selbst thematisiert, in die Tradition von Pirandellos Komödien: Schauspielkunst vermag die Gewissheit, was Realität ist, gründlich zu verunsichern.

Eduardo de Filippo ist nicht nur einer der berühmtesten Altmeister des italienischen Theaters, sondern auch der Begründer des italienischen Neorealismus. Filmregisseure wie Fellini oder Visconti haben von seinem kargen Theater gelernt. Wie in der Tradition der alten Commedia dell`arte braucht das Arme Theater Wien für seine Aufführungen nur ein Minimum an äußerem Aufwand, um sich höchst wirkungsvoll zu entfalten. Zaubertheater ohne Kulissenzauber.
Mit Klaus Fischer, Manfred Jaksch, Krista Pauer, Markus Pol, Jörg Stelling und Daniel Tejeda. Regie: Erhard Pauer.

www.armestheaterwien.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Vw_rczL5vZk

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 8. 2013

ZDF-Posse mit Uwe Ochsenknecht und Sigi Zimmerschied

Mai 16, 2013 in Film

„Mein Vater, seine Freunde und das ganz schnelle Geld“

Heinrich (Sigi Zimmerschied, m.) und Elfie Atzberger (Christiane Blumhoff) drohen ihrer Geisel Pauly (Uwe Ochsenknecht, r.). Sie fordern das Geld zurück. Bild: ZDF/Christian Hartmann

Heinrich (Sigi Zimmerschied, m.) und Elfie Atzberger (Christiane Blumhoff) drohen ihrer Geisel Pauly (Uwe Ochsenknecht, r.). Sie fordern das Geld zurück.
Bild: ZDF/Christian Hartmann

Profitgier, plötzlicher Finanzverlust, eine Entführung und renitente Renter als Geiselnehmer: In der ZDF-Komödie „Mein Vater, seine Freunde und das ganz schnelle Geld“ am 16. Mai, 20.15 Uhr, spielt Uwe Ochsenknecht einen Schweizer Bankberater, Sigi Zimmerschied und Gabriel Raab ein Vater-Sohn-Gespann, das sich an ihm rächt. Max Färberböck inszenierte die burleske Geschichte nach seinem eigenen Drehbuch, das er gemeinsam mit Produzent Ulrich Limmer schrieb. In weiteren Rollen sind Christiane Blumhoff, Ulla Geiger, Hans-Jürgen Silbermann, Steffen Groth und viele andere zu sehen. Gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar beschließen die Eltern des jungen Bankangestellten Bernie Atzberger (Gabriel Raab), ihr Geld bei dem erfolgreichen Investment-Banker Reto Pauly (Uwe Ochsenknecht) zu investieren. Die höchst erfreuliche Rendite sorgt erst einmal für gute Laune bei den vier Rentnern. Doch aufgrund internationaler Börsenturbulenzen scheinen die Ersparnisse bald verloren. Bernies Vater Heinrich (Sigi Zimmerschied) fühlt sich hintergangen. Er zwingt seinen Sohn, mit ihm nach Zürich zu fahren, um Pauly zur Rede zu stellen. Als der aber die beiden Überraschungsbesucher abwimmeln möchte, platzt dem alten Atzberger der Kragen: Er schlägt den Banker spontan nieder, und ehe sich Vater und Sohn versehen, haben sie den ohnmächtigen Schweizer im Kofferraum nach Bayern entführt. Daheim im lauschigen Eberding versuchen der zum Jähzorn neigende Heinrich und die drei anderen Betrogenen mit unkonventionellen Mitteln, ihr Geld von Pauly zurückzubekommen. Der anständige Bernie dagegen will sich nichts zu Schulden kommen lassen: Er sucht fieberhaft nach einem Ausweg aus der kriminellen Situation und hat kurz darauf einen riskanten Plan.

www.zdf.de

www.mottingers-meinung.at/sigi-zimmerschied-ist-wieder-in-wien/

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013