Akademietheater: Kampf des Negers und der Hunde

Oktober 3, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?

Ernest Allan Hausmann als Alboury, Philipp Hauß als Horn und Stefanie Dvorak als Léone. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Noch bevor die Inszenierung los geht, inszeniert sich eine Protestaktion gegen das N-Wort. Junge Menschen werfen Flugzettel vom Balkon des Akademietheaters, sie skandieren ihre auswendig gelernten Sprüche. Ernest Allan Hausmann, bereits aufgetreten, sagt, man habe ein Recht dies Stück zu spielen. Spätestens am Schluss, wenn sich alle auf der Bühne verbeugen, weiß man, es war ein ausgemachtes Spiel. Das Burgtheater brachte die Sache vorab schon PR-geschickt auf Schiene, indem es den Begriff, wie online und im Programmheft vermerkt, „grafisch absetzte“. Neger. Politisch korrekt und doch ein Bis-hierher-und-nicht-Weiter, man sei schließlich dem Autor verpflichtet.

Alles ein einziges Missverständnis. Für Bernard-Marie Koltès, Dramatiker, Enfant terrible, Reisender, Suchender, Schwuler, Aids-Toter, stand bereits 1983 fest: „Afrika ist überall“. Er verwehrte sich dagegen, seinen Text zu verorten, sah ihn lieber als Metapher interpretiert, er, der geniale Erfinder seiner eigenen, eigenartigen Mythologie, sein Theater immer auch autobiografisch, seine Sprache ausgestattet mit scharfer Schneide, sein Ton an der Schnittstelle von Patzigkeit, Poesie und Pathos.

Dass sein „Kampf des Negers und der Hunde“ dieser Tage allerorts wieder gern gespielt wird, liegt allerdings an dessen Auslegung als Aussage über die Angst der „Weißen“ vor Fremden, Flüchtlingen, Verbrecher allesamt … Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann? – Niemand! – Und wenn er aber kommt?

Drei in die Fremde geworfene Figuren sind also gezwungen, sich mit ihrem diffusen Gefühl der Bangigkeit auseinanderzusetzen. Auf einer Baustelle in Westafrika haben sich deren Leiter Horn, die von ihm mitgebrachte Frau Léone und der Ingenieur Cal gegen alle Bedrohungen von außen eingebunkert. Und dann ist das Unheil doch da. In Form des Einheimischen Alboury, der die Herausgabe des Leichnams seines auf dem Gelände verstorbenen „Bruders“ verlangt. Bald weiß man, es war kein Unfall, Cal griff zum Gewehr. Das Thema ist Macht und ihre Strukturen. Chef gegen Mitarbeiter, Mann gegen Frau, Bewaffneter gegen Unbewaffneten, Weiße gegen Schwarze. Die Hunde im Titel sind die Ersteren.

Am Akademietheater zerspragelt sich Regisseur Miloš Lolić am Spagat, Koltès gerecht zu werden und eine selbstständige Sichtweise auf die Sache zu fabrizieren. Dies gelingt nur ansatzweise. Lolić versucht’s weder atmosphärisch-ideologisch noch globalisierungskritisch-brisant noch als absurde Farce, um nur drei Deutungsmöglichkeiten zu nennen, er bleibt seltsam unentschlossen. Und: Er hat – dies die größte Sünde – dem Autor die dichterische Eindringlichkeit, die lyrische Ergriffenheit runtergeräumt, Lolić entzaubert Koltès bis zum Uninteressant-Werden – wenn ihm gar nichts mehr einfällt, und das ist nach dem beim Publikum ins Nichts verpuffenden Anfangsskandälchen wenig, lässt er stetig größer werdende Drohnen steigen.

Markus Meyer als Cal mit Philipp Hauß und Ernest Allan Hausmann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Stefanie Dvorak, Philipp Hauß und Markus Meyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schön wär’s zu sagen, der Abend hielte zum Text zumindest ironische Distanz, tatsächlich wird der die meiste Zeit nur hergesagt. Mitunter unverständlich schnell. Selbst Albourys Parabel über die menschliche Kälte, die nur durch gegenseitiges Wärmen vertrieben werden könne, verliert so an Wirkung.  Das in der Werkeinführung als spannend gepriesene Bühnenbild von Evi Bauer entpuppt sich als obligat-nackte Fläche bis zur Feuermauer, die Kostüme von Jelena Miletić sind ein transparent-nudes „Overdress“ und befleckte Khakikleidung, darunter durchsichtiges Ganzkörperplastik.

In diesem szenischen Leerlauf bemühen sich die Darsteller Philipp Hauß, Markus Meyer, Stefanie Dvorak und Ernst Allan Hausmann aus Rollen Charaktere zu gestalten. Zwischen Hauß‘ Horn und Meyers Cal entsteht bald ein Einverständnis zum latenten Rassismus, beiden gelingt es sogar, subtil unterschwellige Aggression aufblitzen zu lassen. Während Hauß mehr und mehr den Machtmenschen erkennen lässt, dominiert Meyer mit seiner Darstellung latenter Bösartigkeit das Bühnengeschehen. Stefanie Dvorak gibt ein von ihr schon bekanntes aufgescheucht-flirrendes Wesen, das mit seinem Naivchen-Bild vom „edlen Wilden“ alle Gewalt aufhalten will.

Ernst Allan Hausmann schließlich legt den Alboury sehr zurückhaltend an. Immerhin darf er mit einer Fußrassel Gefährlichkeit markieren, als Figur aber bleibt dieser Alboury wenig greifbar. Zum Ende trägt Léone eine Cornrows-Perücke, Horn einen traditionellen Zeremonienmantel aus Ziegenhaar. Geschossen wie bei Koltès wird nicht.

www.burgtheater.at

  1. 10. 2018

Die Garage X zeigt Bernard-Marie Koltès

April 25, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nacht kurz vor den Wäldern

Heiko Raulin Bild: © Fabian Hammerl

Heiko Raulin
Bild: © Fabian Hammerl

Nur mal so, wegen dieser sinnlosen Jean Genets „Die Neger“-Diskussion im Vorfeld der Wiener Festwochen: Wie hätte Bernard-Marie Koltès seinen „Kampf des Negers und der Hunde“ (Combat de nègre et de chiens: Auf der Baustelle einer französischen Firma in einem westafrikanischen Land wird ein schwarzer Arbeiter von einem weißen Ingenieur getötet. Offiziell natürlich ein Unfall. Sein Bruder fordert wie eine moderne Antigone die Herausgabe des Leichnams … uraufgeführt übrigens von Ellen Stewart im La MaMa …) wohl umbenennen sollen? Erst anschauen, dann Meinung haben.

Anschauen kann man sich einen Koltès derzeit in der Garage X. Ali M. Abdullah und Harald Posch haben es einmal mehr geschafft, ein hervorragendes Gastspiel nach Wien zu holen. Zum ersten Mal ist in Österreich „Die Nacht kurz vor den Wäldern“ zu sehen, eine Produktion des Hamburger Thalia Theaters. Inszenierung: Matthias Jochmann; Darsteller: Heiko Raulin. Mit diesem Monolog hatte Koltès seinen Durchbruch als Dramatiker. 1977 beim Festival d’Avignon. Wie sein Mentor Patrice Chéreau gern erzählte, hasste es der Schreiber, seine Figuren als Ausgestoßene verstanden zu wissen. Das ist in den meisten Fällen auch schwer. Denn es gibt keine „Dazugehörenden“. Auch diesmal richtet ein Mann seine Worte an einen Fremden, der, nicht zu hören, nicht zu sehen, vielleicht gar nicht da ist. Es regnet. Pausenlos. Was gut passte, weil man selbst schon patschnass in der Garage X ankam. Die Bühne finster, von einer flackernden Neonröhre mehr irritiert als beleuchtet. Eine Blutlache, die sich noch erklären wird. Eine Großstadtgeräuschkulisse, die mitunter die Ohren bluten lässt. So eröffnet der Namenlose, der offenbar ohne Arbeit, Geld, Behausung ist, seine Suada an das Publikum. Öffnet ihm den Blick auf die verstörenden Begegnungen, die ihm in dieser Nacht passiert sind.

Koltès, der seine Schreibfeder mit scharfer Klinge zur Waffe zuspitzte, gilt als der geniale Erfinder einer völlig neuartigen Mythologie. Ihre Kunstsprache bleibt seinen Figuren ihrer Herkunft nach fremd. So sind sie’s im doppelten Sinn: Nicht nur in der Welt, sondern auch im Wort. Vieles ist mystisch, irreal, paradox, bleibt ohne Erklärung. Auch hier. Ein von den Menschen abgesondert, sonderlicher Bellerophon trifft eine andere Einsamwandelnde – doch ist sie eine Hure, betrügt sie ihn? Jedenfalls ist sie plötzlich weg. In der Metro wird er zusammengeschlagen und ausgeraubt. Er faselt von seiner Idee einer internationalen Gewerkschaft „für alle, die immer nur in den Arsch getreten werden.“ Raulin, der ihn korrekt gekleidet, mit Krawatte und Brille, spielt, taucht immer wieder ins Dunkel der Bühne ab. Ist er ein Wichtiger oder ein Wahnsinniger? Mittelschwer irre oder leicht paranoid? Alle anderen seien schon auf der anderen Seite, sagt er. Und: „Im Hinterkopf ist es immer traurig.“ Der Aggressionspegel steigt. Heiko Raulin agiert fabelhaft. Flüstert, singsangt, tremoliert, tänzelt, wütet. Die smarte Erscheinung verliert Schritt für Schritt die Fasson. Und obwohl sich die Figur in ihrer Verzweiflung verliert, schafft es Raulin genau die Distanz zu seiner Rolle zu bewahren, jenen Zwischenraum, der ihr ihre Unberechenbarkeit lässt. Eine Stunde lang wird man durch den Albtraum einer Nacht verführt; mit dem Morgen kommt die Ruhe. Der Verstand dämmert noch nicht. Aber der Mann kann sagen: Er spürt sich nicht mehr.

Eine großartige Aufführung! Ein Versäumnis, sie nicht gesehen zu haben!

TIPP:

Am 30. April hat „Sweet Lies“ von toxic dreams in der Garage X Premiere. Eine musikalische Politrevue. „Sweet Lies“ ist eine Art Google/Wikipedia-Musical zum politischen Klima unserer Zeit. Es bildet den Abschluss des mehrjährigen Arbeitszyklus über Politik und Theater von toxic dreams. Nach dem „Zufallsprinzip“ Web-basierter Redaktionspraktiken puzzeln sie aus dem babylonischen Turm von Links, Meinungen, Ereignissen und halbgewalkten Fakten, für deren Positionierung an der Spitze der Liste bezahlt wurde, ein politisches Sittenbild. Themen treten durch ein gemeinsames Wort, ein Bild, eine Idee, einen Irrtum oder eine fehlerhafte Suche miteinander in Verbindung. Verhandelt werden süße und gebrochene politische Versprechen, Obamas „Yes we can“ und DSKs „I always can“, nette Nachbarn ohne Leichen im Keller, politisch bewusste vielfliegende Künstler, die griechische Tragödie, Techniken zur Emissionsreduktion, der ökonomische Kollaps, Occupy und NSA und mehr. Ein Newscaster, fünf SängerInnen und eine Band führen durch den Zustand unserer Welt.

www.garage-x.at

Wien, 25. 4. 2014