Volkstheater online: Die Recherche-Show

Februar 13, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine trashige Talkshow verleiht sich Flüüügel

Red-Bull-Song: Thomas Pfeffer und Martina Zinner. Bild: © Nikolaus Ostermann

Nach dreißig Sekunden sind alle Stimmen abgegeben und die Auszählung ergibt: 75 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer trinken nie Red Bull. Später wird im Chat jemand fragen: „Antwortet ihr ehrlich?“, und Ja! – man kann sie nicht einmal riechen, die picksüßen Dosen. „Ein Geschmack, der im Körpergedächtnis bleibt“, sagt Schauspielerin Martina Zinner. Und in derart deftigen, Dosen nämlich, beginnt die „Recherche-Show“.

Dieser Mix aus investigativer Journalismus meets trashige Talkshowparodie meets Publikumsinteraktion, freundlich vielleicht Forum-, sicher aber dokumentarisches Theater zu nennen, ist des neuen Direktors Kay Voges erster Streich. Das heißt: eigentlich der von Calle Fuhr, dem das V°T//Bezirke seit Jänner ja überantwortet ist – doch ging man, da die übliche Tour Corona-bedingt nicht möglich ist, via Zoom-Meeting mit dem Projekt online.

Das war zunächst eines des Recherche-Magazins Dossier, dessen Redaktion monatelang über den Weltkonzern, den reichsten Mann Österreichs aka Dietrich Mateschitz und seine schöne neue Medienwelt forschte. Kein leichtes Unterfangen, da der Selfmademilliardär his story am liebsten gar nicht, wenn aber, dann mit €€€€ an Eigenmarketing erzählt, und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Schweigegelübde ernster nehmen als die Chartreuse-Mönche.

Man kennt das aus eigener Erfahrung, Servus TV ist selbst dann keine Silbe zu entlocken, wenn man über eine seiner Sendungen positiv berichten will. Die bitteren Wahrheiten übers Zuckerwasser haben nun Regisseur Ed. Hauswirth und Kreation Kollektiv in der neuen Spielstätte Dunkelkammer ans Licht gezerrt.

In Form einer Satirediskussionsrunde, die Pia Hierzegger moderiert, während „ihre Gäste“ Rupert Lehofer, Julia Franz Richter und Martina Zinner Geheimnisse wie Dosen knacken, und Live-Musiker Thomas Pfeffer Synthesizerklänge zum Besten gibt. Die Bühnen- ist eine Sitzlandschaft, eine Aerosole abschmetternde Riesencouch, rundum glitzert’s und funkelt’s, wenn die Vorhänge nicht gerade für die Feldarbeit freigeben werden.

Die dabei entstandenen kurzen Filmclips werden es auch sein, die einem von diesem Abend im Gedächtnis bleiben. Der Vater von Mich Kemeter, der schon die Mateschitz-Mama, „die Frau Lehrerin“, in Hymnen preist. Frau Gerti, die an Servus TV-Intendant Ferdinand Wegscheider lobt, dass er sagt, was man heute nicht sagen darf. Zum Beispiel über den ganzen Corona-Schmäh. Es wird ja sofort die Nazikeule geschwungen, dabei ist man nur Patriot! Zwischendurch befragt Hierzegger den Dossier-Journalisten Georg Eckelsberger.

Er, der daheim vorm Laptop sitzende, sachliche Ruhepol in all der Skurrilität, die er doch selbst mitverantwortet. Denn was zum Teil enthüllt wird, ist zu gut, um ausgedacht zu sein. Die Red Bull Favela Challenge, Downhill-Biken in den Slums von Rio de Janeiro … Rupert Lehofer wollt’s grad erfinden, und kriegt einen halben Nervenzusammenbruch, als er erfährt, dass nichts zu blöde ist, um nicht banal zu sein. Rupert, der die Rolle des Verstehers und Verteidigers dieses blausilbrigen Lebensgefühls innehatte – nun vom Glauben abgefallen.

Rupert Lehofer stellt sich der Red Bull Favela Challenge und wird schwer enttäuscht. Bild: © Nikolaus Ostermann

Das Lächeln trügt: Pia Hierzegger ist eine strenge Moderatorin der Recherche-Show. Bild: © Nikolaus Ostermann

An ihren Händen klebt „Trakehnerblut“: Julia Franz Richter mit Pia Hierzegger und Martina Zinner. Bild: © Nikolaus Ostermann

Erst die „Gummibärlis“ machten Red Bull zum Erfolg: Hierzegger, Zinner und Richter. Bild: © Nikolaus Osterman

Viel mehr Neues ist über mutmaßlich nicht gefundene Leichen im Fuschlsee nicht zu erfahren, zum undurch- sichtigen Steuerverhalten verlangen in einer weiteren Umfrage immerhin 32 Prozent ein hartes Durchgreifen, das Ende der Recherche-Plattform Addendum, die Kündigung aller Servus TV-Mitarbeiter in einem Aufwaschen als Strafe für Betriebsratsgelüste … eine Weltkarte wird mit Stieren zugepflastert, Dididampf in allen Gassen, Hierzegger serviert Sankt Mareiner Stierhoden auf – Achtung! – Blattsalat, Felix „Spaceballs“ Baumgartner darf nicht fehlen, samt einem Baumgartner-Höhe-Wortspiel. Nun werden „Gummibärlis“/Wodka-Red-Bull gemixt.

Es wird ein Lied aus den 3600 von Mateschitz markenrechtlich geschützten Wörtern gesungen, Zinner, die Poetin der Runde, trägt Gedichte vor. Eines erinnert an den verstorbenen Cory Terry. Julia Franz Richter muss sich aufziehen lassen, weil sie die Hauptrolle in „Trakehnerblut“ hatte. Die seriösen Stellen sind Männerbündlern und ihrer Kreislaufwirtschaft gewidmet – Richters feministischer Lieblingsfokus. Überzeugt davon, dass die Red-Bull-AnwältInnen zuschauen –  ja, Pia Hierzegger, deren grantig-grimmiger Humor den Klang des Abends ausmacht, kann das Binnen-I sogar sprechen -, gibt es kurz Tonausfall. Ein Anschlag auf das Studio – jahaha! Auge!

Den authentischsten Moment hat das Ganze aber ausgerechnet bei der Abrechnung mit dem Pferde-Soap-Star. Wie Julia Franz Richter ihr TV-Gestütserbin-Dasein runterspielt, mit vor Peinlichkeit fast versinkender Stimme: Stimmt, es waren 50 Drehtage! Wie sie ein schrilles „Wenn mein Freund mir alle Rollen schreiben würde, dann würd‘ ich auch nicht in solchen Serien mitspielen“ Richtung Josef-Hader-Gefährtin Hierzegger schleudert, und Martina Zinner als „Schärdingermagd“ anprangert, solch Selbstreflexion übers „Wie man lebt“ hätte die Aufführung an mehr Stellen vertragen – wird sie via Umfragen doch auch von unsereins verlangt. Doch Hierzegger regiert mit Schweigt-stille-Blick und Nur-Ruhe-Pose.

Zum Schluss gab es für die „Recherche-Show“, die deutlich weniger aufklärerisch als schräg ist, virtuellen Applaus mittels Hand-Emojis. „Jedem Mensch‘ wachsn zwa Flüüügerl“ wird noch intoniert, und schade ist nur, dass der hochspannende Chat des Publikums – von wegen interaktiv – in keiner Weise in den Abend eingeflossen ist. Auch hätte man sich mit Ensemble und Eckelsberger eine gemeinsame Nachbetrachtung im Nesterval-Stil gewünscht – bei „Goodbye Kreisky“ wurde bis eine Stunde nach Ende der Aufführung miteinander diskutiert. Hier sieht man Kay Voges und die Seinen Sekt süffeln. Auch schön. Und verdient.

www.volkstheater.at           www.dossier.at

  1. 2. 2021

Theater Drachengasse: Die Wolfsfrau

Mai 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Skelett steht auf Peter Cornelius

Ein gruseliger Gast: Wiebke Alphei als Fischerin und Friederike Hellmann als Weltenlenkerin mit der Skelettfrau. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Los braust die Ouvertüre, und mit ihr alle Elemente, womit nicht nur Wind und Wasser gemeint sind, sondern auch die, die „Die Wolfsfrau“ zu einem der berückendsten Bühnenzauber machen, den man seit längerem gesehen hat. Ein Motion Comic erzählt die Inuit-Sage von der Frau, die von einem Felsvorsprung ins Eismeer gestoßen worden war, wegen eines angeblichen Gesetzesbruchs, an den sich allerdings keiner mehr erinnern kann. Da sitzt sie im nassen Grab, erst nackt und mit blutendem Herzen.

Bald von den Fischen bis aufs Gerippe abgenagt, und sie singt. Licht fällt auf die gläserne Hütte einer Fischerin. Sie wird von der betörenden Melodie seit Tagen bis auf die Knochen durchdrungen. Also fährt sie im tobenden Sturm hinaus, ihr Boot kentert, diesmal ist nicht sie es, die etwas aus den Fluten zieht, sondern etwas in ihnen zieht an ihr – und da sieht sie die Skelettfrau, die sich ihrer bemächtigt hat … Ihre kühne Verquickung von Schau- und Puppenspiel, mobilen Bühnenobjekten, Beatboxing und animierten Illustrationen machen Lilian Matzke und Joris Löschburg mit dem Kollektiv Rolling Floyd nun zum Theaterereignis in der Drachengasse. Inspiration der Stückentwicklung ist die Mythen- und Märchensammlung „Die Wolfsfrau“ der US-Autorin Clarissa Pinkola Estés.

Nicht nur das Publikum, auch eine Windmaschine sorgt für Sturm: Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Unter Wasser lauert das Grauen: Friederike Hellmann und Wiebke Alphei. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Ein Sachbuch, das Frauen dazu anleitet, sich auf ihre ungezähmten Urinstinkte zurückzubesinnen. „Die Skelettfrau“ ist daraus eine Geschichte von zwanzig, die sie, sagt Regisseurin Lilian Matzke im Gespräch, wegen der starken Bildsprache anziehend fand – und weil sie stets selbst auf der Suche nach ihrer „Wildnatur“ sei. Heißt: Intuition, Instinkt, innere Stimme neu zu ermächtigen, und sich so ein neues, ein richtiges Sehen und Hören anzueignen. Was, interpretiert Matzke, auch der Fischerin in der Begegnung mit der Ahnin gelingt. Weitere Deutungen von Wahnsinn einer Einsamen bis Sinneserlebnis einer Ertrinkenden lächelt sie weg, sie will dem Publikum so viel Gedankenfreiraum wie möglich geben.

Dies wird denn auch von „Weltenlenkerin“ Friederike Hellmann freundlich um Unterstützung gebeten, damit der Orkan so richtig wüten kann. Der Skelettpuppenspielerin und Performerin, Matzke nennt sie den Licht- und Soundninja des Teams, weil ihr die Handhabung der gesamten Technik von Overheadprojektoren bis Loop-Station obliegt, steht Wiebke Alphei als Fischerin gegenüber, und verausgabt sich die eine, erschöpft sich die andere. Multikünstlerin Alphei, die für sich nichts weniger als die Berufsbezeichnung „Schauspielerin“ will, bewältigt den körperlichen Kraftakt, ihr tatsächlich papierenes Origamischiffchen per Paddel und Rollwagen über die Spielfläche zu „rudern“ oder lässt sich am Seil ihrer Korbreusen in die Tiefe hinab.

Im Origamiboot durch den Arktischen Ozean: Wiebke Alphei beim Trockenrudern. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gedanken und Wellengang als Motion Comic: Wiebke Alphei und Friederike Hellmann. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Gegen die von Windmaschine und Zuschauern produzierten Naturgewalten kann sie sich nur pantomimisch stemmen, denn Worte sind der Fischerin nicht gegeben, die Inszenierung verwendet das Bühnenmaterial als Sprache. Die Geräuschkulisse bilden etwa ein tropfender Eisblock, das schlagende Herz, gegen ihr Erschlagen-Werden aufbegehrende Klarsichtfolien-Fische, auf ihnen aber auch vermerkt die Begriffe Bierflasche, Plastikmüll, Menschenrechte oder Trümmer Europas, als kippe gleich dem Innenleben der menschlichen Protagonistin auch die sie umgebende Welt.

Aus ihrer Schwimmweste entweichende Luft klingt nach einem befreiten Ausatmen, denn im Untergehen löst sich die Fischerin von ihren Alltagsritualen. Die Aufführung ist mit so viel überbordender Fantasie ausgestattet, man weiß schier nicht, was zuerst aufnehmen und wirken lassen. Schließlich nimmt die Fischerin die Skelettfrau mit in ihre Behausung, und einige Zeit kann man sich einer apokalyptischen Endzeitstimmung nicht erwehren, wenn die beiden wie ein Memento Mori nebeneinander sitzen. Aber, ein Glück!, der Theaterabend hat mehr Witz als das Buch. In die Totenfrau kommt Leben, was Wiebke Alpheis Fischerin zwischen Angst und Anziehung und vor allem hochkomisch und zutiefst gegruselt zur Kenntnis nimmt.

Gefütterte Fische fallen zur Verwunderung beider durch das Bauchloch im Gebein, aber dann entdeckt die Puppe das Radio – und entpuppt sich als Fan von Peter Cornelius‘ „Du entschuldige i kenn di“. Was bleibt der Fischerin da anderes übrig, als: Schwofen mit dem Skelett. Sonnenuntergang und endlich stille See und zum Schluss die Frage, ob zweitere nicht doch noch ein Opfer verlangt … „Die Wolfsfrau“ im Theater Drachengasse ist eine Staunen machende Sensation, die man gesehen haben sollte.

www.drachengasse.at

  1. 5. 2019